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Full text of "Handbuch der Urkundenlehre für Deutschland und Italien"

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HANDBUCH 

DER 



URKUNDENLEHRE 



FÜR 



DEUTSCHLAND UND ITALIEN 



VON 



HARRY BRESSLAÜ 



ZWEITEE, BAND 



ERSTE ABTEILUNG 



ZWEITE AUFLAGE 





LEIPZIG 

VERLAG VON VEIT & COMP. 
1915 







N0V2 5 1968 






Druck von Metzger &. Wittig in Leipzig. 



Vorwort 



Verfasser imd Verleger dieses Werkes haben es mit Rücksicht 
auf den Umfang, den der zweite Band einnehmen wird, für rätlich 
erachtet, ihn in drei Abteilungen zu zerlegen. Die erste Abteilung, 
die wir jetzt bieten, war schon im Juli dieses Jahres im Manuskript 
ganz abgeschlossen und fast vollständig gesetzt; die Vollendung des 
Druckes aber hat sich infolge der inzwischen eingetretenen welt- 
erschüttemden Ereignisse bis jetzt verzögert. Die zweite Abteilung 
soll das Werk in sechs Kapiteln zu Ende führen (Kap. 16: Fassung 
und Formeln der Königs- und der Papsturkunden, 17: Datierung, 
18: Schreibstoffe der Urkunden, 19: Urkundenschrift, 20: Zierschrift 
und Schriftzeicheu der Königs- und der Papsturkunden, 21: Besiege- 
lung); wir hoffen, den Druck dieser Abteilung beginnen zu können, 
sobald der Friede hergestellt sein wird. Einer dritten Abteilung sind 
die Nachträge und Berichtigungen und die Register vorbehalten. 

Wie das große Schicksal der Welt, so wird auch das kleine 
dieses Werkes von dem Ausgange des gewaltigen Kampfes abhängen, 
der unserm Volke aufgezwungen worden ist und den es, wie wir mit 
fester Zuversicht vertrauen, siegreich und ruhmvoll bestehen wird. 

Straßburg, 12. Oktober 1914. 

H. Bresslau 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

Zehntes Kapitel. Die Entstehung der Urkunden. 1. Petitionen und 
Vorverhandlungen i— 61 

Sebrit'tliclie Petitionen bei den römischen Kaisern 1 f. Schriftliche 
Petitionen bei den Päpsten 2 ff. (in Ungarn 3 X. 1). Vorschriften über 
das Petitionswesen in Rom 3 f. Einzelsuppliken und Supplikenrotuli 
5 ff. Formubvrbuch für Suppliken des (lUala Bichieri 5. Fassung der 
Einzelsuppliken 6 f. Suppliken um Motu-proprio-Urkunden 7. IJer- 
stelUmg der Supplikenrotuli 8. Einlieferung der Suppliken in der 
Data communis 9. Bearbeitung der Petitionen in Gnadensachen 10 ff. 
Notare und Referendare 10. Erhaltene Originalsuppliken 11. Suppliken- 
register 11 ff. Einführung der Registrierung der Suppliken durch Bene- 
dikt XII. 12 f. Erhaltene Supplikenregister 14 f. Inhalt der Suppliken- 
register l.öff. Abgelehnte Suppliken nicht registriert 15. Vom Vize- 
kanzler signierte Suppliken erst später registriert 16. Verteilung der 
registrierten Suppliken au die Abbreviatoren 17. Verbindung der Sup- 
pliken und der Konzepte 18. Suppliken in Justizsacheu 18ff. Erhal- 
tene Originalsuppliken in Justizsachen 19. Fassung der Justizsup- 
pliken 19f. Justizsuppliken nicht registriert 21. Unterschied der Be- 
handlung der Justizsuppliken je nach der Bestellung von Richtern an 
oder außerhalb der Kurie 21. Verbleib der Suppliken nach ihrer Er- 
ledigung S. 22 f. Suppliken in Gnadensachen als Ersatz der Urkunden 
23 ff. Petitionen an weltliche Fürsten 25 ff., am Hofe Friedrichs IL 26 f. 
Vorlage älterer Urkunden bei der Petition 27 ff. Verlesung und Prüfung 
der eingereichten Urkunden 28 ff. Geschäftspraxis Friedrichs II. bei Vor- 
lage älterer Urkunden 30. Geschäftsgebarung an der päpstlichen Kurie 
30 f. Berücksichtigung der Rechte dritter Personen 31 f. Gelegenheit 
zum Widerspruch an der päpstlichen Kurie 31 , am Hofe Fried- 
richs IL 31 f. Konsens 32ff. Konsens bei königlichen Klosterprivi- 
legien 33, bei anderen vom König geregelten kirchlichen Angelegen- 
heiten 33 ff., bei Einforstungen 34 ff. Konsens und Beirat bei anderen 
Urkunden 37 f. Konsens der Fürsten bei Vergebvmg von Reichs- 
klöstern durch Urteilsspruch des Hofgerichts 38 ff. Konsens bei Ver- 
äußerung von Reichsgut überhaupt 42 ff. Anerkennung des Konsens- 
rechtes der Kurfürsten bei Veräußerung von Reichsgut durch Rudolf 
von Habsburg 44. Konsens der Vassalien, Ministerialen, Klöster und 
Stifter in den Territorien 45 ff. Erwähnung des Konsenses im Text der 
Urkunden 46 f. Unterzeichnung der Urkunden durch die Konsentie- 
renden 47. Mitbesiegelung durch die Konsentierenden 47 f. Eigene 
Konsensurkunden 48. Mitbesiegelung und Willebriefe in der Praxis 
der königlichen Kanzlei 48 ff. Rat und Konsens des königlichen Hof- 
rates 50. Konsens am päpstlichen Hofe 50 ff. Konsens berechtigter 
dritter Personen 51. Konsens bei Verfügungen über Kirchengut 52, 
in päpstlichen Gerichtsurkunden 52, in Synodalurkunden 52 ff. Kon- 
sens der Kaiser bei Synodalbeschlüssen 53. Unterschriften von Bischöfen 
und anderen Geistlichen, besonders Kardinälen in Papsturkunden 54 f. 
Bedeutung solcher Unterschriften 55. Die Formel fratrum nostrorum 
consilio 56ft". Bedeutung der Ausdrücke consilium und consensus 56 ff. 



VI Inhaltsverzeichnis 



Seite 
Aushildung eines Konsensrechtes der Kardinäle 57 ff. Wahlkapitula- 
tionfu M). Die Walilkai)itul:ition Eugens IV. 60 f. 

Elftes Kapitel. Die Entstelumg der Urkunden. 2. Handlung und Be- 
urkundung. Stufen der Beurkundung 62—193 

Uutci'sclüfti der Urkunden, je nachdem ihre Entstehung von dem 
Willen einer oder von der Willensübereinstinimung melirerer Personen 
abhängt 62 f. Handlung und Beurkundung 63 tf. Keine von der Be- 
urkundung verschieden« Handlung bei Mandaten 64. Handlung bei 
>('otitien 64. Handlung bei Köuigsurkundeu 65fF, bei Freilasaungs- 
urkunden, Mundbriefen, Gerichtsurkunden, Tauschurkunden 65, bei 
Beiehnungeu 66, bei Kechtsverleihungen 67, auch bei Verleihungen 
von Grundbesitz 68 ff. und bei Bestätigungsurkunden 73 ff. Bedeutung 
der dispositiveu Fassung der Urkuu(ien ungeachtet vorangegangener 
Handlung 76 ff. Häufiger Wegfall der Handlung im späteren Mittel- 
alter 78ff. (Vom Kröuungstag datierte Urkunden 78 N. 1.) Zumeist 
keine der Beurkundung vorangehende Handlung bei Papsturkunden SO. 
Handlung bei Privaturkunden 81 ff. Traditio per eartam in Italien 82 ff. 
(Die Kontroverse Freundt wider Bkunner 82 ff.) und in Deutschland 
85 ff". Levatio cartae 86 f. Wegfall der Traditio per eartam in Deutsch- 



land 88. Handlung und Beurkundung bei nichtköniglichen Urkunden 
Deutschlands im späteren Mittelalter 89. Stufen der Beurkundung 90 ff". 
Beurkundungsauftrag (Beurkundungsbefehl) 90 ff. Seine Erwähnung 
in spätrömischen Urkunden 97 f., in langobardischen Königsurkunden 
91 f., in merovingischen Königsurkunden 92ff., in karolingischen und 
späteren Königsurkunden durch tironische Noten 94 ff. (ambasciare 
94 f.) und im Kontext 96. Notizen über die Erteilung des Beurkun- 
dungsbefehls 97 N. 1. Der Beurkundungsbefehl im Register Fried- 
richs II. 97 f. Notizen über den Beurkundungsbefehl unter Heinrich (VII.) 
und Heinrich VII. dem Lützelburger. Unterfertigungsvermerke seit 
dem 14. Jahrhundert 99 ff. (Nachweis ihrer Beziehung auf den Be- 
urkundungsbefehl 101 N. 2 ) Der Beurkundungsbefehl in der Kanzlei- 
orduung Maximilians I. 100. Beurkundungsbefehl durch Vertreter 
oder Bevollmächtigte des Königs 102 ff'. Schriftlicher Beurkundungs- 
befehl unter Friedrich III. 103. Beurkundungsbefehl in der päpst- 
lichen Kanzlei durch Signierung der Suppliken 104 ff". Signierung durch 
den Papst 104tt". Signaturbuchstaben I05f. Signierung durch den Vize- 
kanzler 106Ö"., bei Justizurkunden 106 f. und bei Gnadenurkunden 107f, 
Gegenzeichnung durch Eeferendare 108. Signierung durch Vertreter seit 
Eugen I\'. 109 f. Datierung der signierten Suppliken 1 10 ff. Wichtigkeit 
der Datierung 110 f. Datierung durch den Vizekanzler 111. Datierung 
durch einen besonderen Beamten 111 ff'. Vorgeschichte 112f. und Ge- 
schichte 113 ff. des Amtes der Datare. Erwähnung des Beurkundungs- 
befehls in Privaturkunden 115. Konzepte 116 ff". Dorsual- und Marginal 
konzepte in Alamannien (St. Gallen) 116 f. in Metz 117. Andere erhaltene 
Konzepte für deutsche Privaturkunden 117 f. Dorsual- und Marginal- 
konzepte in Italien 119ff. Verbreitung des Brauches 120f. Form 
und Umfang solcher Konzepte 121 ff. Konzepte der Kurialen von 
Neapel 124 f., der römischen und romagnolischen Notare 125ff. Im- 
breviaturen 128 ff"., Mangel erhaltener Konzepte für ältere Königs- 
urkunden 131 ff. Spuren von Dorsual- oder Marginalkonzepten in der 
königlichen Kanzlei 133 f. Untersuchung über das einstige Vorhanden- 
sein von Konzepten für ältere Königsurkunden 134 ff. Wieweit wai-en 
Verfasser und Schreiber dieser Urkunden identisch 135 ff. Unmittel- 
bare Angaben darüber 135. Vergleichung von Schrift und Stil 136. 
Allgemeine Erwägungen 136. Regelmäßige Anwendung von Voll- 
konzepten bis zur Älitte des 9. Jahrhunderts unwahrscheinlich 136. In 
den nächsten 175 Jahren Verfasser und Schreiber bei der Mehrzahl 



Inhaltsverzeichnis vii 



der Diplome identisch 136 ff. Bei diesen Diplomen Abfertigung von 
Konzepten unwahrscheinlich 139 f. Konzepte also nur anzunehmen, 
wo Schreiber und Diktator verschieden 140. Beschaffenheit solcher 
Konzepte 14üff. Aus Nachträgen au unpassender Stelle der Reinschriften 
ist kein sicherer Schhiß auf den Umfang der Konzepte möglich 140 f. 
Andere Hilfsmittel zur Bestimmung des Umfangs der Konzepte 142 f. 
Schwierigkeit solcher Untersuchung für die staulische Zeit 148. Schlüsse 
auf Identität von Diktatoren und Ingrossisteu aus der Kanzleiordnung 
Friedrich II. 143 f. Erhaltene Konzepte seit dem 14. Jahrhundert 145. 
In den späteren Jahrhunderten des Mittelalters immer häufigere, am 
Schluß des Mittelalters regelmäßige Anfertigung von Konzepten 146 f. 
Beschaffenheit dieser Konzepte 147 f. Konzepte, die außerhalb der 
Kanzlei entstanden sind 148 ff. Konzepte für Verträge 148 f. Her- 
stellung von Konzepten zu Königsurkunden durch die Parteien 
(Empfängerkonzepte) 149 f. Regelmäßige Anfertigung von Konzepten 
in der päpstlichen Kanzlei 150. Verfasser der Konzepte 151 f. Der 
Papst selbst als Verfasser von Konzepten 151 f. Originale oder 
Abschriften von Urkunden als Konzepte für Bestätigungsurkunden 
verwandt 152 f. (Beispiele dafür aus der Reichskanzlei 153 N. 3), (Ver- 
fahren bei der Rescribierung 153 N. 4), Erhaltene Konzepte für Papst- 
urkunden aus dem 12. und 13. Jahrhundert 154ff'., aus dem H.Jahr- 
hundert 156 ff. Konzepte für Sekret- und Kurialbriefe im Vatikani- 
schen Archiv 156 f. Erhaltene Konzepte für Gnaden- und Justizbriefe 
157 ff. (Brevenkonzepte des 15. Jahrhunderts 159 N. 5.) Weitere Be- 
handlung, Revision und Korrektur der Konzepte 159. Ein Pertigungs- 
befehl des Ausstellers nach Kenntnisnahme des Konzeptes ist bei 
Königs- und Papsturkunden nicht allgemein, sondern nur in besonders 
gearteten Fällen anzunehmen 160 f. Anders bei nicht königlichen Ur- 
kunden des früheren Mittelalters 161 ff. Vollziehuugsbefehl des Aus- 
stellers 163 ff. Erwähnung des Vollziehungsbefehls in der Korrobora- 
tionsformel der Königsurkundeu 163 f. Vermerke in tironischen Noten 
über die Besiegelung 164 f. Zusammenhang zwischen Unterschrift und 
Vollziehungsbefehl 165. Gestaltung der Verhältnisse im 13. Jahrhun- 
dert l6Hf., im 14. Jahrhundert 167f., im 15. Jahrhundert 168 (Sekre- 
tation durch Friedrich II l. 168), unter Maximilian I. 169. VoUziehiings- 
befehl am päpstlichen Hofe 170 f. Eigenhändige Unterschrift und Signie- 
rung der Reinschriften durch den Papst 170f. Unterscheidung von litterae 
legendae und litterae simplices oder communes ITl. Die litterae legendae 
wurden in der Reinschrift, nicht im Konzept, vor dem Papste verlesen 
172tt". Dispensation von der Verlesung vor dem Papst durch Spezial- 
befehl („sine alia lectione") auf der Supplik 174 f. Vollziehungsbefeld 
bei anderen Urkunden 175 ff., bei älteren deutschen Privaturkunden 
175f., bei italienischen cartae 176ff. Unterschrift oder signum des Aus- 
stellers bei diesen Urkunden 177 f., bei süditalienischen Urkunden 178, 
bei italienischen notitiae 178f., bei gerichtlichen notitiae 179f., bei Hof- 
geriehtsurkunden in Italien 180ff.. Wegfall der eigenhändigen Unter- 
schrift bei gerichtlichen notitiae seit dem 12. Jahrhundert 183 f. Voll- 
ziehungsbefehl und Unterschrift oder Signum bei den Urkunden geist- 
licher und weltlicher Fürsten 184 ff. Unterschriften mit legimus in 
ßavenna 184. Gestaltung dieses Verhältnisses in den Urkunden der 
Markgrafen von Canossa 185 f., der Markgrafen von Turin I^6, der 
Herzöge von Benevent und Spoleto 186, der Fürsten von Capua, 
Benevent und Salerno 186 ff'., der Herzöge von Gaeta, Neapel, Amalfi 
188, der normannischen Fürsten in Unteritalien 188f., der Könige von 
Sizilien 189f, geistlicher und weltlicher Fürsten in Deutschland 190 ff. 
Die Aushändigung der Urkunden 192 f., insbesondere in Sizilieu und 
in Rom 192, in der deutschen Reichskanzlei 192f. 



Seite 



Yiii Inlialtsvcrxeichnis 



Seite 

Zwölftes Kapitel. Die Entstehung der Urkunden. 3. Fürbitter und 

Zeugen 193—225 

Erwiihnung von Füvbittorn (Intorvcnionten) in den Urkunden 
fränkisclior Kiinij:;!' 194. geistlicher und wcltliclior Fürsten 194. Selten- 
heit der Erwähnung von Fürbittern in älteren Papsturkunden 194 f., 
allmähliches Aufkommen solcher Erwähnung 195. Schlüsse aus der 
Erwähnung von Fürbittern 195 f. Zwei Kategorien von Fürbittern: 
den Empfängern und den Ausstellern nahestehende Personen 196 f. 
Vorkommen beider Kategorien in Papsturkunden 196 f., in Künigsurkun- 
den 197 f. Steigende Zahl der Intervenienten in den Urkunden Ludwigs 
d<',s Kindes 198 f. Intervention und Beirat; die Intervention als Ausdruck 
der Einwirkung der Großen auf die Regierung des Reiches 199. Inter- 
vention während der Minderjährigkeit Ottos lil. und Heinrichs IV. 199 f. 
Intervention, Rat und Konsens seit der Volljährigkeit Heinrichs IV. 200. 
Erwähnung bloßer Gegenwart von Fürsten in den Urkunden 201. 
Übergang von der Intervention zum Zeugnis 201. Zeugen in Königs- 
lU'kunden vor der Zeit Heinrichs IV. nur in Ausnahmefällen 202 f. 
Dagegen regelmäßige Erwähnung von Zeugen in Privaturknnden 203 f. 
Zahl der Zeugen in Privaturkuuden 205. Ihre Tätigkeit bei der Be- 
urkundung 205 f. Form der Zeugenunterschriften 206 ff. Eigenhändige 
Unterschrift und Signum 206 f. Fiktive Bedeutung der Signumformel 
in Deutschland 208 und in Italien 208 ff. Einfache Aufzählung der 
Namen der Zeugen 209 f. Stellung der Zeugenunterschriften 2 11 f. 
Beziehung der Intervention auf die Handlung 2 12 f. Mißgriffe in der 
Deutung der Intervention 263 f. Beziehung des Zeugnisses auf die 
Handlung in älteren Privaturkunden 214 f. Möglichkeit der Beziehung 
des Zeugnisses auf die Beurkundung in Privaturkunden etwa seit dem 
Ausgang des 10. Jahrhunderts 21 5 f. Handlungszeugen anfangs auch 
in den Königsurkunden 216 f. Beurkundungszeugen in König.surkunden 
21 7 f. Mittel zur Unterscheidung zwischen Handlungs- und Beurkun- 
dungszeugen 21 9 ff. Anhaltspunkte in den Ausdrücken der Urkunden 
219f. Zeugen der Handlung und der Beurkundung 220 Andere An- 
haltspunkte für die Ermittelung der Beziehung des Zeugnisses auf 
Handlung oder Beurkundung 221 f. Bestimmung des Stadiums der- 
Beurkundung, auf w^elches das Zeugnis der Beurkundungszeugen zu 
bezichen ist 222 ff'. Nachtragung der Zeugenliste oder eines Teiles 
von ihr 223f. Beziehung der Unterschriften in den Papsturkunden 225. 

Dreizehntes Kapitel. Die Entstehung der Urkunden. 4. Die Vorlagen 
der Urkundenschreiber. Formulare. Vorurkunden. Akte . . 225—297 

Vorlagen der Urkundeuschreiber 225. Formulare 226 ff. (Die Aus- 
drücke Formel und Formular 226 N. 1.) P^ormulare in altrömischer 
Zeit 227 ff. Formulare bei den Germanen 229. Formulae Marculfi 
229 ff. Benutzung und Umarbeitung der Formulae Marculfi 232. 
Formulae imperiales aus der Zeit Ludwigs des Frommen 232 f. Be- 
nutzung von Formularen in späterer Zeit 233 ff. Formulare aus der 
Kanzlei Ludwigs des Deutscheu 233. Anlegung kleiner Formular- 
sammlungeu durch einzelne Notare 234. Sonstige ältere Formular- 
sammlungen 235ff'. Fränkische und burgundische 235 ff., alamannische 
238f., bayrische 239f. Italienische Formularsanunlungen 241 ff. Cassi- 
odors Variae 241. Der Liber dim*nus der päpstlichen Kanzlei 241 ff. 
Handschriften 242. Zusammensetzung des Liber diurnus 243 ff. Be- 
nutzung des Liber diurnu.s in der päpstlichen Kanzlei 245 f. Um- 
gej^taltung der Formulare in der päpstlichen Kanzlei 246 f. Keine 
ältere Formular-sammlung zum Gebrauch italienischer Notare 247. 
Italienische Briefsteller und Formularbücher (Artes dictandi) seit dem 
11. Jahrhundert 247 ff. Albericus von Monte Cassino 248f. Spätere 



Inhaltsverzeichnis TS. 



Seite 
Sammlungen 249 fF. Aginulf 250. Albertus von Samai'ia 250 f. Hugo 
von Bologna 251 f. Aurea gcmma Wilhelmi 252. Deutsche Arbeiten 
ähnlicher Art 252 ff. Udalrich von Bamberg 252 f. Die Sammlung 
von Reinhardsbrunn 253. Die Sammlungen von Tegernsee und 
Hildesheim 254. Französische artes dictandi 254 fF. Beriiardus Sil- 
vester und Bernhard von Meung 254. Rudolf von Tours (Ars dictandi 
Aurelianensis) 255. Formularbücher für italienische Notare 256 ff. 
Irnerius 256. Rainer von Perugia 256 f. Salathiel 257. Rolandinus 
Passagerii 257 f. Zacharias und Johannes von Bologna 258. Italieni- 
sche Artes dictandi des 13. Jahrhunderts 258 ff'. Buoncompagno von 
Florenz 259. Bene 259. Guido Faba 260. Laurentius von Cividale 
26üf. Deutsche Artes dictandi des 13. Jahrhunderts 261 ff. Säch- 
sische Summa prosarum dictaminis 261 f. Ludolf von Hildesheim 

262. Das Baumgartenberger Formularbuch 262 f. Konrad von Mure 

263. Artes dictandi und Formularbücher in der päpstlichen Kanzlei 
264 ff. Albertus de Morra. Transmundus. Thomas von Capua 264. 
Marinus von Ebulo 264 f. Riccardus von Pofi 265 ff. Berardus von 
Neapel 267. Die Formularsammlungen des Liber cancellariae 268 f. 
Die Verordnung Nikolaus III. 268. Das Formularbuch der Audientia 
litterarum contradictarum 269 f. Andere Formularsammlungen für 
Papsturkunden 270 f. Formularbücher im Zusammenhang mit der 
Reichskanzlei 270ft'. Petrus a Vinea 271 f. Formularbuch aus der 
Kanzlei Wilhelms von Holland 272. Formularbücher aus der Kanzlei 
Rudolfs von Habsburg 273 ff. Andreas von Rode 273 f. Gottfried 275. 
Konrad von Diessenhofen 275. Formulare aus der Kanzlei Hein- 
richs VII. und Ludwigs des Bayern 275 f. Formularbücher aus der 
Kanzlei Karls IV. 276 ff. Johann von Gelnhausen 276 f., Johann von 
Neumarkt 27 7 ff". Formularbücher späterer Zeit aus der Reichskanzlei 
279 ff. Formularbücher im Zusammenhang mit anderen deutschen 
Kanzleien 281 f. Vorurkunden 283ff. Ihre Benutzung bei Bestäti- 
gungen 284. Bestätigung auf der Vorurkunde selbst durch Unter- 
schrift und Siegel 284 f. Vergleichung der Vorurkunden mit den Nach- 
urkunden 286 f. Benutzung von Vorurkunden anderen Rechtsinhalts 
und für andere Empfänger 287 ff. Benutzung von Vorurkunden in der 
päpstlichen Kauzlei 291 f. Abänderung der Vorurkunden 292. Akte 
293ff. Erhaltene Akte 294. Akte für Verträge und Urteilssprüche 295 ff. 

Vierzehntes Kapitel. Die Entstehung der Urkunden. 5. Das Verhältnis 

der Nachbildungen zu den Vorlagen 297—325 

Einwirkung der Vorlagen auf den Konte.xt der Nachurkunden 297. 
Einwirkung der Vorurkunden auf das Protokoll der Nachurkunden 297 ff. 
Invocatio und Intitulatio 298 f. Inscriptio 299., Schlußprotokoll 299 f. 
Insertion 301 ff. Aufkommen des Brauches in italienisclien Gerichts- 
urkunden 301. Erste Beispiele in deutschen Königsurkunden 302 ff. 
Unvollständige Insertion seit Heinrich IV. 303 ff'. Vollständige Inser- 
tion seit Friedrich II. 305 ff. Insertion in nicht königlichen deutschen 
Urkunden 305 N. 3. Insertion in der päpstlichen Kanzlei 307 f. Neu- 
ausfertigung 308 ff. Neuausfertigung in der Reichskanzlei durch den 
Aussteller der Vorurkunde 308 ff. Neuausfertigung aus Registerbüchern 
311. Neuausfertigung durch einen Nachfolger des ersten Ausstellers 
in der Reichskanzlei nicht sicher nachweisbar 312. Auch nicht in der 
päpstlichen Kanzlei 312. Hier aber Ausfertigung noch nicht ausgehän- 
digter Urkunden eines verstorbenen Papstes durch dessen Nachfolger 
313. Neuausfertigung in Deutschland außerhalb der königlichen 
Kanzlei 313ff. Vorsicht bei ihrer Beurteilung und Schwierigkeit ihrer 
, Unterscheidung von Fälschungen 3 14 ff. Mißgriffe bei der Benutzung 
der Vorlagen 318 ff. Mechanisches Abschreiben 31 8 f. "Wiederholung 



X Inhaltsverzeichnis 



Seite 
von Scliii ibfehlcrn und niclit mehr j)assenden Angaben der Voriirkundon 
.'HO f. WifdorliDlung von Namen der Voriirkiindon 320ft". AVieder- 
hohing nicht mihr passender F'ormeln der Vorurkiiuden 323. Nach- 
alunung von änßcren Merkmalen der Vorurknnden (Naclizeichuung) 324 f. 

Fünfzehntes Kapitel. Die Urkundensprache 325—392 

Vulgärlatein 32äft". Spraelic der altröniischen Urkunden 326. Vul- 
gärlatein in italienischen Urkunden bis zum 8. Jahrhundert 327 ff". Ur- 
kunde Oiiovakars 327. Cassiodor 327. Ravennafische Papyri 328. 
Langobardisohe Kiinigsurkunden 329. Urkunden langobardischer No- 
tare 329. Papsturkunden 329 f. Vulgäi-latein im Frankenreiche 330. 
Die Urkunden bieten Komprouiißtexte zwischen Sehriftlatein und Vul- 
gärlatein 331. Sogenannte umgekehrte Schreibung 331. Lokale Ver- 
schiedenheiten de.s Vulgärlateins 332 8". Ihre Ursachen 332 f. Ihr Er- 
scheinen in der Lautlehre 333 f., in der Nominalflexion 334 0"., in der 
A'erbaltlexion 335ff., in der Anwendung der Präpositionen 337 f. Kor- 
ruptionen des Schriftlateins in lateinischen Urkunden auf deutschem 
Sprachgebiet 33tif. Hebung der sprachlichen Kenntnisse in karolingi- 
scher Zeit 839£F. Die Bestrebungen Karls des Großen 3400^. Einwii-- 
kung davon auf die Sprache der fränkischen Urkunden 342 ff". Ur- 
knndensprache in Italien bis zum 11. Jahrhundert 344 ft". Papsturkunden 
34bi'. Urkunden der italienischen Könige 346. Italienische Notare 
347 f. Von Italienern geschriebene Urkunden der deutschen Könige 
348. Besserung der italienischen Urkundenspraehe seit dem 11. Jahr- 
hundert 348f. Charakteristik der lateinischen Urkundensprache des 
späteren Mittelalters 349 ft". Erkennbarkeit der Herkunft deutscher und 
italienischer Urkundenschreiber an ihrer Sprache 3.51. Unterscheidung 
ober- und niederdeutscher Urkundenschreiber durch ihre Sprache 352 ff". 
Einwirkung von Vorlagen auf die Schreibung der Namensformen 352. 
Offizielle Schreibung gewisser Namensformen in der Reichskanzlei 
353 f. Stilvergleichung 3550". Ihre Methode 356 ff". Beobachtimg sti- 
listischer Eigentüuilichkeiten 359. Redefiguren (colores rhetoricij 359. 
Abweichungen einzelner Notare vom üblichen Kanzleibrauch 360. Er- 
gebnis der Stilvergleichung 360 f. Cursus 361 ff". Rhythmik der Satz- 
schlüsse in älterer Zeit 3fi2ff". Beobachtung der rhytlnnischen Gesetze 
in den Urkunden 363 f. Cursus in den Papsturkunden seit Urban II. 
3fi4ff^. Theorie und Gesetze des Cursus 365 ff". Cursus velox, planus, 
tardus 368. Praktische Durchführung des Cursus in den Urkunden 
der päpstlichen Kauzlei 368. Verbreitung des Cursus 369. Cursus 
in Königsurkunden 369ff^. Reimprosa 371 ff. Bedeutung des Begriffes 
372. Reimprosa in Königsurkunden 373 f., in anderen Urkunden 374. 
377. Gereimte Verse in französischen und italienischen Urkunden 375 f. 
Griechische Urkunden 377 ff". , im römischen Reiche 378 f., in Unter- 
italien 379 f., griechische Urkunden Friedrichs II. 380f. Charakteristik 
der griechischen Urkundenspraehe Unteritaliens 381. Vulgär.^praclie 
in den Urkunden 381 ff". Italienisch 381 ff. Sardisch 381 f. Italieni- 
sche unbeglaubigte Aufzeichnungen über Rechtsgeschäfte 382. Be- 
schränkter Gebrauch des Italienischen in den Urkunden 383. Fran- 
zösisch 383. Älteste französische Urkunden in den Grenzgebieten 383. 
Französische Urkunden Heinrichs VII. und Karls IV. 384. Deutseh 
384 ff. Deutsche Rechtsaufzeichnungen 385. Der Mainzer Landfriede 
385 f. Alteste deutsche Königsurkunde 386 f. Ausbreitung der deut- 
schen Sjjrache in den Urkunden 387 f. Anwendung der deutschen 
Sprache in Königsurkunden seit Rudolf von Habsburg 388 f. Mundart 
der deutschen Urkunden 389. Ausbildung einer festen Kauzlei- und 
Schriftsprache 390 ff. 



Zehntes Kapitel. 

Die Entstehung der Urkunden. 

1. Petitionen und Vorverhandlungen. 

Von jeher war es im römischen Reiche ühlich gewesen, daß Kor- 
porationen oder Privatpersonen, die von dem Kaiser eine Entscheidung 
in Streitsachen oder eine Gunstbezeugung irgendwelcher Art erwirken 
wollten, ihre Bitten schriftlich vortrugen.^ Die Bearbeitung dieser 
Bittschriften (preces, Uhelli, petitiones, supplieationes) erfolgte in den 
Bureaus der kaiserlichen Kanzlei,- und eine große Anzahl kaiserlicher 
Erlasse traf eingehende Bestimmungen über die Personen, denen das 
Recht Bittschriften einzureichen zustand, über die Fälle, in denen es 
gestattet oder verboten war, zu supplizieren, und über die Folgen, 
welche lügenhafte oder entstellte Darstellung des Sachverhaltes in den 
Suppliken für den Bittsteller nach sich zog.^ Bestimmungen der 
letzteren Art waren um so nötiger, als eine Prüfung des der Bitt- 
schrift zugrunde liegenden Tatbestandes in der kaiserlichen Kanzlei in 
der Regel nicht stattfand, sondern die Entscheidung des Kaisers lediglich 
auf Grund der Darstellung des Bittstellers, aber mit dem Vorbehalt 
erfolgte, daß diese der Wahrheit entspräche.* Ob dies der Fall sei, 
hatten demnach die kaiserlichen Beamten oder Behörden, an welche 



* Auch die Eiugaben uud Anträge der Beamten an den Kaiser wurden in 
der Regel schriftlich eingereicht. Der technische Ausdruck dafür ist stiggestio, 
relatio, consultalio. 

* Vgl. über die Kompetenz der scrinia, deren Abgrenzung im einzelnen 
uns doch nur ungefähr bekannt ist, Bd. 1, 185 f. Die technischen Ausdrücke 
für die Einreichung und die Bearbeitung der Bittschriften sind preces o/ferre, 
preces instruere. Die Bearbeitung endet günstigenfalls damit, daß die Gewäh- 
rung der Bitte vorgeschlagen wird. Das heißt preces admittere. 

^ Vgl. insbesondere Cod. lustin. 1, 19: de precibus imperaiori offerendis et 
de quibus rebus supplicare liceat vel non, ferner 1, 20 — 23 u. a. m. 

* Das bedeutet die Klausel: si preces reritate nitunfiir, die den kaiser- 
lichen Reskripten häufig hinzugefügt wird, aber auch da, wo sie fehlt, überall 
vorausgesetzt werden muß; vgl. Cod. lust. 1, 22, 2—4; 1, 23, 7. Kaiser Zeno 
hat 477 die Auslassung dieser Klausel bei schwerer Strafe verboten. 

Breßl.iii, Urkundenlehre. 2- Aufl. II. 1 



tSchrifllichc Petitionen an römische Kaiser und Päpste 



die Erlasse gericlitet oder denen sie von dem Adressaten zur Ausfüh- 
rung vorgelegt wurden, von Amts wegen zu untersuchen; und um sie 
dazu in den Stand zu setzen, fügten wenigstens dann, wenn darauf 
etwas ankam, die kaiserlichen Kanzleibehörden den Reskripten Ab- 
schriften der Petitionen, auf die hin sie ergangen waren, bei.' Die 
Originale der Bittschriften blieben also in den kaiserlichen Bureaus: 
ob sie dort aufbewahrt und wie sie behandelt wurden, darüber haben 
wir keine Nachrichten. 

Auch in den Urkunden der Päpste, deren Kanzlei ja so viele 
Einrichtungen der römischen Staatsbehörden übernommen hat, wird 
schon in sehr früher Zeit häufig die Einreichung von Bittschriften er- 
wähnt, auf Grund deren die Entscheidung des Oberhauptes der Kirche 
ergangen ist.^ \\'ird daneben, häufiger allerdings erst seit dem 9. Jahr- 
hundert, in den Urkunden berichtet, daß Bittsteller sich persönlich an 
den Hof des Papstes begeben haben, so mag es nicht selten vor- 
gekommen sein, daß sie dem Papste ihre Gesuche mündlich vorgetragen 
haben ;^ doch ist es keineswegs ausgeschlossen, ja bei der konsequenten 
Entwickelung des Geschäftsganges an der römischen Kurie sehr wahr- 
scheinlich, daß auch in solchen Fällen neben den mündlich vor- 
gebrachten Gesuchen die Einreichung von Bittschriften erfolgte. Jeden- 
falls war dies im späteren Mittelalter durchaus die Regel; als im 
13. Jahrhundert König Bela IV. von Ungarn den Geschäftsgang in 
seiner Kanzlei nach dem Muster der päpstlichen regelte, gehörte es 
geradezu zu den Beschwerdepunkten der ungarischen Großen, daß sie 
durch diese Maßregel von dem persönlichen Verkehr mit dem König 



' Vou dem Reskript des Kaisers Theodosius IT. (und Valentinians III ), dem 
ältesten Original einer römischen Kaisernrkunde, das wir besitzen, ist uns die 
Kopie der griechischen Supplik mit der Überschrift rxpinplum precum er- 
halten, vgl. zuletzt Faass, AfU. 1, 191 ff. Vgl. auch daselbst 1, 225. 227 N. 7. 
228 N. 1. In der oben S. 1 N. 4 angeführten Konstitution Zenos vom Jahre 
477 (Cod. lust. 1, 23, 7) wird auch für die sog. Sanctioiies pragniaticne di'.' 
Klausel Si preces veritate »itmitur vorgeschrieben, also muß wenigstens damals 
auch bei ihnen die Beifügung der preces üblich gewesen sein. Dagegen sagt 
in dem Donatistcnverhör von 411 der kaiserliclie Komuiissar, als die Verlesnn- 
der Bittschrift beantragt wird, auf die hin der Kaiser die Untersuchung an 
geordnet hatte: peritiam sanctilatis vestrae arbitror non latfre, pray)natici< 
rescriptis preces inseri non, solpre, Mansi 4, 18«, vgl. Augustinus, Breviculius 
collationi.s cum Donatistis, Corp. SS. eccles. Latinor. Vindobonense 53, 51. 

* Vgl. z. B. LöwKNFELD, Epp. poutif. Rom. u. 2, 3. 4. 7. 20. 23. 29. Bei- 
spiele späterer Zeit anzuführen, ist unnötig. 

^ Vgl. z. B. Löwesfeld a. a. 0. u. 70. 117 151. 177; v. Pfluok-Harttdng, 
Acta 2, n. 78. 84. Ich habe nur einige Fälle ausgewählt, bei denen dermüml- 
liehe Vortrag der Bitte bestimmt bezeugt ist. 



Petitionen an Päpste 



ausgeschlossen imd des Eecbtes, ihm von Angesicht, zu Angesicht ihre 
Bitten vorzutragen, beraubt worden seien. ^ Um diese Zeit war das 
Petitiouswesen bei der Kurie bereits durch eine Eeihe von Vorschriften ^ 
ganz genau geordnet.^ Um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts 
hatte es noch als Regel gegolten, daß die Petenten persönlich in Rom 
erscheinen und die Stadt gleich nach zufriedenstellender Erledigung 
ihrer Angelegenheit wieder verlassen sollten;* nur Personen von Rang 
und hoher Stellung^ war es gestattet, sich durch Boten vertreten zu 
lassen." Sehr bald nachher aber müssen diese strengen Vorschriften 



' Rogerius, Super destructionc regni Hungariae c. 6 (MG. SS. 29, h5l): item 
sepius conqicerebanhir, quod rex contra regni consuetudinem . . . ordinatit, 
quod quaiiscumque cmiuentie fuerint nobiles, in sua curia i/egociion movere aut 
sibi oreteniis loqui nequirent, nisi supplicaiio/ies canceUariis porriyerent. Daß 
diese Eim-iehtung ad instar Romane eurie getroffen sei, sagt der Verfasser 
zur Rechtfertigung des Königs in cap. 11. 

- Vgl. die. Verordnung Tangl, KO. S. 54 ff. Tangl hat bereits in der 
Einleitung S. XXVI bemerkt, daß der Text nieht einheitlich ist, sondern daß die 
>;;? 11 — 17 eine Fortsetzung darstellen, die auf einem Erlaß eines späteren 
Papstes beruht. Aber auch die §§ 1 — 10 gehören nicht zusammen; vielmehr 
sind die §§ 3 — 6 ein späterer Einsehub, der mit § 7. 8 nicht zu vereinbaren 
ist, sondern sie zu ersetzen bestimmt war. Denn während in § 7, der sich ur- 
sprünglich unmittelbar an den gleichfalls mit item beginnenden § 2 angeschlossen 
haben mag. ausdrücklich verboten wird, daß jemand, der nicht zw 6.\in sublimes 
gehört, sich bei der Einreichung von Petitionen durch andere vertreten läßt 
wird dies in J^ 4ff. ebenso ausdrücklich gestattet. Die beiden Bestimmungen 
können nicht gleichzeitig entstanden sein. Die Entstehung des älteren Teils 
(also nach meiner Auffassung ^>5 1. 2. 7 — 10) weist Tangl in die Zeit Coele- 
stins III.; und später als unter Innocenz III. können diese Sätze keinesfalls 
formuliert sein. Die i;«^ 3 — 6 sind dann bald nachher, jedenfalls vor 1236, die 
übrigen Paragraphen wohl noch etwas später, aber wahrscheinlich noch vor 
der Mitte des Jahrhunderts hinzugekommen. 

' Mnncberlei Angaben darüber verdanken wir auch dem Bd. 1, 27 1 N. 1 
erwähnten Gedicht, das jetzt von Gralert als Werk des Magisters Heinrich, 
des Poeten in Würzburg, nachgewiesen und in den Abhandlungen der 
Münchener Akademie, Phil, und Hist. Klasse XXVII, mit sehr eingehendem 
Kommentar herausgegeben ist, zu dem R. v. Heckel eine Erläuterung der auf 
das päpstliche Kanzleiwesen bezüglichen Verse beigesteuert hat (a. a.O S. 206 ff.). 

^ Tangl a. a. ü. § 7. 9. 

^ Personae sublimes, d. h. nach einem späteren Zusatz (§3) Könige, Herzoge, 
Markgi-afen, Grafen, Barone, Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte. Dekane, Archidiakone. 

" Mit diesen Bestimmungen steht der Erlaß Innocenz" III., Pottiiast n. 202, 
im besten Einklang, demzufolge niemand päpstliche Bullen von jemand anderem 
als vom Papste selbst oder dem von ihm dazu bevollmächtigten (nach Poith. 36.5 
dem BuUaror) in Empfang nehmen und nur Personen von höherer Stellung 
\persona Pintae atictoritatis , ut deceat eum per nuncium litteras nostras reci- 
pere\ sich dabei vertreten lassen dürfen. 



Petitionen an Päpste. Prokuratoren 



außer Übung gekummeu und es scheint die Einreicbung und Ver- 
tretung von Petitionen für andere allgemein gestattet worden zu sein/ 
wobei nur daran festgehalten wurde, dal3 Bittschriften höher ge- 
stellter Personen nur von solchen Vertretern eingegeben werden 
durften, die sich durch eine besiegelte Vollmacht des Petenten legi- 
timieren konnten,^ während bei anderen {Immilcs et miserabiles per- 
sonae) von einer solchen Bevollmächtigung abgesehen wurde. So 
bildete sich noch im Laufe des 13. Jahrhunderts ein mehr oder weniger 
geschlossener Kreis von Männern, .ja sogar von Familien, die es sich 
zum ständigen Beruf machten, Prukurationen bei der Kurie zu über- 
nehmen.^ Danehen blieb natürlich die Entsendung besonderer Geschäfts- 
träger aus der Heimat der Bittsteller immer vorbehalten und kam 
sehr häufig vor; aber auch diese pflegten sich in den meisten Fällen 
bei der Betreibung ihrer Angelegenheiten am päpstlichen Hofe des 
Beirates und der Hilfe eines oder unter Umständen auch mehrerer 
Männer aus dem Kreise der ständigen und geschäftserfahrenen Pro- 
kuratoren zu bedienen.* 

Die Petitionen,'^ welche dem Papst eingereicht wurden, zerfielen 

1 Tangl a. a. 0. § 3. 4; vgl. v. Heckel a. a. 0. S. 212flF., 487. 

- Beispiel einer solchen Vollmacht (schon aus dem 12. Jahrh.) besiegelt 
von Abt und Konvent des Klosters Deutz bei PFLroK-HARTTüNG, Acta 1, 365 
n. 425. Formulare für die Vollmacht aus dem 13. Jahrhundert AfU. 1, 509 n. 31 ; 
QF. 9, 279 n. 13; Teige, Beitr. zur Gesch. der Audientia litt, coutradict. S. 32ff. 

' Seit Innocenz III. wurden die Namen der Prokuratoren in dorso der 
Urkunden vermerkt; vgl. Diekämp, MlÜG. 3, 603 f., 4, 525 ff. Bei Urkunden, 
welche die Audientia litter. cmitradicfarwn passierten, geschah dies in der 
Audientia, und Johanns XXII. Konstitution „Qui exaeti temporis^^, Tangl, KO. 
S. 111., trifft nähere Bestimmungen darüber, sowie über die Rechte und Pflichten 
der Prokui'atoren im allgemeinen, über die später noch mehrfach andere, hier 
nicht im einzelnen zu verfolgende Vorschriften, erlassen sind. 

■* Vgl. z. ß. SrnRADEH, Die Rechnungsbücher der hamburg. Gesandten in 
Avignon 1338 — 1355 (Hamburg 1907) S. 54 ff. — Daher werden die Prokura- 
toren auch gerSidezn petieiotmrii genannt; Tangl, KO. S. 61, 10. 

* Vgl. für das folgende : Mdnch-Löwenfeld, S. 70ff.; Werunskv, MIÖG. 6, 
149ff.; Kehk, MIÖG. 8, 91 ff.; Erler, H ist. Jahrbuch 8, 487ft'.; Schmidt und 
Kehr, Päpstl. Urkunden und Regesten aus den Jahren 1295 — 1351 (Geschichts- 
quellen der Prov. Sachsen Bd. 21) S. 417ff., vgl. S. VIII; Berliere, Analecta 
Vaticano-Belgica 1, Suppliques de Clement VI. (Rom 1906) S. Xff.; 95, Sup- 
pliques d'Innocent VI. (daselbst 1911) S. Vllff.; derselbe, Revue Benddictine 
25, 31ff. ; Nov.^K, Monumenta Vaticana res gestas Bohemicas illustrantia 2 
(Prag 1906), Vllff.; Repertorium Germanicum 1, XVff.; Lex, Die Besetzung der 
Benefizien in der Breslauer Diözese durch die Päpste von Avignon (Brcslauer 
Habilitationsschrift 1906) S. 14ff.; Cernik, Das Supplikenwesen an der römischen 
Kurie und Suppliken im Archiv des Stiftes Klosterneuburg (Wien 1912; aus 
Jahrbuch des Stiftes Klosterncuburg Bd. 4). 



Einxelsuppliken und Suppliken- Rotuli 



schon im 13. Jahrhundert ihrer Form nach in zwei verschiedene 
Gruppen. Es handelte sich entweder um Suppliken, die eine einzelne 
Bitte einer einzelnen Person oder Körperschaft enthielten, oder um 
Supplikenrollen [roUdi), in denen mehrere Petitionen — unter Um- 
ständen bis zu hundert und darüber^ — einer und derselben oder 
mehrerer Personen zusammengefaßt waren. 

Die Einzelsuppliken, die uns aus dem früheren Mittelalter bis zum 
13. Jahrhundert bekannt sind, sind durchweg vollständige, subjektiv 
gefaßte, mit Intitulafio und Adresse versehene, meist auch datierte Briefe, 
in denen der Petent sein Gesuch vortrug und häufig auch begrün- 
dete.- Auch im späteren Mittelalter sind solche Briefe üblich ge- 
blieben, doch haben wohl immer nur höher gestellte Personen, insbe- 
sondere Kaiser, Könige, Fürsten, dann, wenn auch seltener, Erzbischöfe, 
Bischöfe, Äbte, Kapitel, Konvente, Städte von dieser Form der Bitte 
Gebrauch gemacht. 

Sehr viel häufiger wurde aber, wenigstens im späteren Mittelalter,-^ 
eine zweite Art der Einzelsupplik angewandt, für die schon 1226 oder 
1227 von dem Kardinal Guala Bichieri ein von dem Papste appro- 
biertes Formularbuch — Lihellus de formis peticionum secundum cursum 
Romane oiirie — verfaßt und veröffentlicht wurde.* Die Petitionen 

* Nach Reg. canc. Clem. (VII.) 98 (Ottenthal S. 112) soll ein SuppUken- 
rotulus mindestens sechs Suppliken umfassen: fünf oder weniger Suppliken 
sollen nicht als Rotulus gelten; vgl. Reg. canc. Bened. XIII. 35 (Ottenthal, 
S. 129). In Reg. canc. Bened. XIII. 138 (Ottenthal, S. 147) werden die beiden 
Supplikt'narten als siipplicationes particulares und rotulares unterschieden. 

* Aus dem 12. Jahrhundert finden sich solche Petitionen zahlreich in den 
Briefsammlungen der Zeit, z. B. denen des Abtes Thomas von S. Genovefa, des 
Abtes Petrus von Celles u. a. m. Hier sei nur noch beispielsweise auf die 
Suppliken des Abtes von Garst, des Markgrafen Otakar von Steier, der Erz- 
bischöfe von Salzburg und Mainz, um Bestätigung von Urkunden des Klcsters 
Garst, ÜB. des Landes ob der Enns 1, 115 — 117 n. Iflf., 2, 340 n. 233, hin- 
gewiesen. 

* Ob diese zweite Form der Einzelsuppliken schon in sehr viel ältere 
Zeit zurückreicht, ist noch zu untersuchen. Bemerkenswert erscheint, daß 
schon im 6. Jahrhundert die Kirche von Arles dem Papste eine Bittschrift vor- 
legte, die in ihrer objektiven Fassung an den späteren Gebrauch anklingt, 

. MG. Epp. 3 (Merov. et Karol. 1), 42. Ein anderer, fast gleichzeitiger Libdlus 
petitorius des Bisehofs Caesarius von Arles (ebenda 40) ist dagegen suV)jekti\- 
formuliert. Vgl. auch die Supplik der Mönche von Nonantola an Cölestin III. (?), 
TiRABOscHi, Nouantula 1, 126; sie beginnt: Supplicant B. V. abbas ei convenhis 
monasterii Nonititulani quatenus . . . digneynini. 

* Auf dies Formelbuch hat zuerst L. Auvray in den Melauges d'arche- 
ölogie et d'histoire 10, 115flE'., 251 f, aufmerksam gemacht. Herausgegeben ist 
es nach zwei Handschriften in Tours und Paris von v. Heckel, AfU. 1, 500 fl. 



Formulierung der Suppliken 



dieser Art, deren Stil im Laufe des Mittelalters sehr stereotyp blieb, 
wurden gleich vun den Bittstellern, bzw. iliren Prokuratoren, oder von 
päpstlichen Kanzleibeamten, die vun den Prokuratoren darum ersucht 
waren, ^ in die objektive Fassung gebracht. Sie beginnen mit den 
Worten: SuppUcat S(anciilati) V[estraß) oder Fetit a S. v. N. N. (z. B. 
humilis crealura veslra F. archiepiscopus Favetme oder devoti vesiri N. N. 
oder auch bloß F. decanns de Atrehato), qualenus . . . dignemini usw. 
Statt dessen lindet sich auch die Fassung: Sigmficat oder Exponit oder 
Insiviiat oder Conquerilur S. V. Ä\ N.] darauf folgt die Darlegung des 
Tatbestandes, auf den sich die Bitte stützt, woran sich zuletzt diese 
selbst, eingeleitet durch 7inde [quare oder ähnlich) supplicat oder ])etit, 
quatenus usw. anschließt. Diese letztere Form.ulierung war besonders 
bei Petitionen in Justizsachen üblich, doch kommen wenigstens die 
drei ersten Verba auch bei Bittschriften in Gnadensachen gelegent- 
lich vor. Seltener begegnet als Eingang der Petition: Digneiw S. V. 
oder Flaceal S. V.; in den Formularen des Kardinals Guala ist diese 
Formulierung noch nicht berücksichtigt; und ebensowenig findet sich 
hier die Anrede: Beatissime paler, die in den uns bekannten Einzel- 
suppliken bisweilen dem Eingangsverbum, welches es auch sei, voran- 
gestellt wird. Die Suppliken selbst, die im 14. Jahrhundert, wie wir 
aus den uns erhaltenen Originalen- ersehen, durchweg auf Papier ge- 



Andere Formulare der Art bat Bonaguida von Arezzo, der unter Innoeeuz IV'. 
Advokat au der Kurie war, zusammengestellt; sie sind von Teige, MlÜG. 17, 
•tlOflf. aus einem Codex des Vatikans veröffentlicht. Vgl. auch Göller, Zeitschr. 
der Savignystiftung für Rechtsgesch. Kanon. 1, 386. Aus dem 14. und 15. Jahr- 
hundert sind uns noch zahlreiche weitere Formulare für Petitionen erhalten. 

* Daß dies schon im 12. Jahrhundert vorkam, macht die Zeugenaussage 
von c. 1190 wahrscheinlich, die Davidsohn, NA. 16, 639, mitgeteilt hat. — Die 
Stadtrechnung von Brügge zum Jahre 1294 enthält eine Zahlung von 4 grossi 
Tut. pro mag. lohanne de Sublacu, qui fecit quasdam jictitioncs pro villa Bru- 
gensi, Berlikre a.a.O. 1, XIII. — Im Jahre 1331 redet Johann XXII. von den Äb- 
breviatores qui formant petHiones seu notas Ulterarum iusticie (Fakol, KO. S. 94 
§ 13). Gebühren hat er aber nur für die Abfassung der notae, nicht auch, wie 
V. IIeckel, AfU. 1, 498 sagt, für die Redigierung der Petitionen festgesetzt: 
die Entlohnung für die Abfassung von Petitionen, die ja nicht obligatorisch 
war, blieb gewiß der Vereinbarung vorbehalten. In den Kostenrechnungen 
des 15. Jahrhunderts, die wir kennen, werden Zahlungen dafür oft erwähnt. 
So läßt, Ulli nur ein Beispiel anzuführen, ein Prokurator die Supplik für eine 
venezianisciic Kongregation ab utw, qui est valeiitior abbreviator, qui sit in 
m cwr/a anfertigen (Cornelius, Eccl. Venetae 7, 70); aus seiner Kostenrechnung 
von 1405 erfahren wir, daß der mag. Theodoricus Fabri gemeint ist, und daß 
dieser einen Gulden dafür erhalten hat. 

'■' S. unten S. 11. 



Suppliken um Moiu-proprio- Urkunden ' 



schrieben wurden, sind in allen diesen Fällen möglichst knapp und 
präzis gefaßt und mußten es sein, weil auf Grund ihrer die Urkunden 
konzipiert werden sollten; hochgestellte Personen fügten nicht selten 
ihrer in der hergebrachten Form aufgesetzten Supplik eine Begründung 
imd Erläuterung in einem als Brief gefaßten und datierten Begleit- 
schreiben hinzu. ^ 

Auch den päpstlichen Gnadenerweisen, die formell als motu pro- 
prio beschlossen bezeichnet werden, ging wenigstens im späteren 
Mittelalter in der Regel eine Bitte des Empfängers voran: während 
sie ursprünglich ohne förmliche Bitte, ja wohl auch ohne einen Antrag 
päpstlicher Verwaltungsbehörden aus eigener Initiative des Papstes be- 
willigt wurden,^ ist die Form der Motu-proprio-Resolution später auch 
da augewandt worden, wo eine Bitte vorlag.^ Das galt als eine be- 
sondere Vergünstigung, deren etwa Kardinäle, Xepoten, Günstlinge und 
höhere Beamte des Papstes oder anderer großer Herren teilhaftig 
wurden. In manchen Suppliken wurde ausdrücklich darum gebeten; 
es hieß dann: Dignclur sanctiias vestra oder Placeat sanditati vestre 
motu proprio providere {confirmare, reservare usw.);' in anderen Fällen 
wurde schon die Supi)lik in die Form der päpstlichen Resolution ge- 
bracht und begann also mit den Worten: Motu proprio providemus 
[oonfirmamus. reservamus usw.).^ 



' Eine interessante, von der üblichen Form ganz abweichende Supplik 
iiat Kehe, QFIA. 7, 11 mitgeteilt. Die Bitte ist auf die Rückseite eines Üri- 
ginalprivilegs Cölestins III. geschrieben und beginnt: Asaiictitate testra petunt 
heremite Camaldidoises renovationem harum littcrarum. Das folgende ist leider 
ausradiert; die Bitte aber ist von Innocenz III. genehmigt. 

' Der Sache nach kannte schon die Kanzlei der römischen Kaiser den 
Unterschied zwischen solchen und anderen Erlassen. Vgl. Cod. lust. 1, 14, 3 
(von 426): Ifiges itt generales ab oninibus . . . obserieufur, quae vel nu'ssae ad 
venerabilem coetum oratione conduntur vel inserto edicti voeabulo )iu/ieupanttir, 
sive eas nobis spo>ita)ieus motus ingesserit, sive precatio sive relatio rel 
lis mota legis occasio)iem postulaverit. 

* Daß das schon unter Johann XXII. vorgekommen ist, zeigt das For- 
mularbuch Heinrich Bucglants, ed. Schwalm, S. 14 f. n. 26. 27. 

* Vgl. Bekliere Analecta Vaticauo-Belgica 1, XVI. 

'" Vgl. z. B. Revue Benedictine 24, 459ff. n. 6— 11; Mon. Vaticana res 
gestas Bohemicas illustrantia 1, 693 n. 1315 (ein Rotulus des Patriarchen 
von Aquileja mit gewöhnlichen und Motu-proprio-Suppliken); ebenda 2, 37.5 
n. 947 (zwei Suppliken eines Familiären des Kaisers, die eine für einen dritten 
in gewöhnlicher Form, die andere für ihn selbst als Motu-proprio-Resolution). 
Dann mußte aber in der Genehraigungsklausel des Papstes, von der wir später 
zu reden haben, ausdrücklich verfügt werden, daß die Ausfertigung der Ur- 
kunde motu proprio erfolgen solle; in einem der oben erwähnten Fälle hatte 
der Papst die Bitte des Patriarchen von Aquileja nur mit Fiat und nicht mit 



Ö Suppliken- Rotuli 



Von den Einzelsuppliken der zweiten Art unterscheiden sich die 
Supplikeu-Rotuli nicht durch ihre Fassung, sondern durch ihren Um- 
fang. Schon im 13. Jahrhundert war es vorgeschrieben, daß alle von 
einem Manne gleichzeitig eingereichten Suppliken auf einem Blatte 
oder auf mehreren zu einem Rotulus vereinigten Blättern nieder- 
geschrieheu werden sollten;^ diese Kotuli wurden also von den Bitt- 
stellern oder ihren Prokuratoren hergestellt.^ So haben denn auch 
Könige tür ihre Untertanen. Erzbischöfe oder Bischöfe für ihre Diö- 
zesanen oder Günstlinge, Universitäten für ihre Angehörigen usw. 
Suppliken-Rotuli eingereicht. In anderen Fällen erfolgte dagegen die 
Zusammenstellung der Rotuli erst in einem päpstlichen Bureau oder 
durch einen vom Papste beauftragten Kommissar; besonders in An- 
gelegenheiten von geringerer Bedeutung wurde auf diese Weise eine 
Anzahl gleichartiger Petitionen, namentlich von Angehörigen eines 
und desselben Landes zu einem Rotulus vereinigt, der die gleich- 
lautende Bitte nur einmal zu enthalten brauchte und im übrigen nur 
die Xamen und die besonderen Verhältnisse der einzelnen Bittsteller 
verzeichnete. Solche Rotuli stellten also nur Auszüge aus den Ori- 
ginalsuppliken dar, während sonst immer diese selbst dem Papste oder 
seinem Vertreter vorgelegt wurden.^ 



Fiat Viotu proprio unterzeichnet, und daher erfolgte die Ausfertigung der Ur- 
kunden (a. a. 0. 1, 698 n. 1327 und 1, 714 n. 1366) in gewöhnlicher und nicht 
in Motu-proprio-Form. Beide Urkunden haben auch Daten, die von dem der 
Supplik abweichen. Sehr lehrreich ist ein anderer Fall, den Bermere a.a.O. 1,XV1I 
bespricht. Armand von Yillemur, Kardinal von Pamiers, hatte erfahren, daß 
durch die p<äpätliche Ernennung eines Bischofs von Konstanz eine einträgliche 
Pfründe frei geworden sei. Davon setzte er einen Kollegen, wohl den Vize- 
kanzler, in Kenntnis und schrieb ihm: si domitius »oster reitet michi propidere, 
faceret opus pietalis. Dies ganz formlose Billet ist als Supplik behandelt und 
vom Papste signiert worden; die Signatur lautet: Fiat motu proprio et cum 
dispensatioite. R. Sine lectione. R.; sie ist datiert Dat. Äriniojie VII. id. iul. 
anno XI. Am Rande steht, wohl von der Hand des Kardinals: At[tende] 
dioc{esim]. Card. Appaniiarum. Ein ähnliches Billet des Bischofs von Aii-e 
an den Vizekanzler, das gleichfalls als Supplik behandelt, von Innocenz VI. 
mit Fiat G. signiert und darauf datiert worden ist, hat Bekliere, Suppliques 
d'Innocent VI. (Analecta Vaticano-Belgica 5) S. 17 mitgeteilt. 

^ In una cnrta vel etiani in diversis consutis, Tanol, KO. S. 54 § 5, vgl. 
S. 55 § 14. Übrigens ist diese Vorschrift vielleicht nicht immer beachtet 
worden. Unter den uns erhaltenen Originalsuppliken des Erzbischofs Pileus 
von Ravenna (s. unten S. 11 N. 2) befinden sich mehrere, die auf der Rückseite 
den Vermerk .,sola" haben, also wohl einzeln eingereicht werden sollten. 

'- Vgl. Kehr, MIÜG. 8, 92. 

' Vgl. Kehr a.a.O. 92 gegen Mükcu-Löwenfeld S. 73 und andere. Besonders 
eingehend handelt über diese Rotuli Lex. Besetzung der Benefizien (oben S. 4 
N. 5) S. 21 ff. 



Einreichung der Suppliken bei der Data communis 



Die Petitionen wurden an einer feststehenden- Einlieferungsstelle 
eingereicht, die im 13. Jahrhundert Data communis genannt wird.' 
Dann wurden sie den Notaren zugestellt, um durch sie dem Papst an 
bestimmten Tagen vorgelesen zu werden, insofern sie nicht nach stän- 
digen Grundsätzen, auf die wir an anderer Stelle zurückkommen 
werden,^ ohne besondere Anordnung des Papstes vom Vizekanzler er- 
ledigt werden konnten. Petitionen, die nicht in der Data communis 
eingereicht waren, durfte kein Notar entgegennehmen, wenn sie ihm 
nicht von dem Papste selbst^ oder von einem Kardinal^ oder, auf 

^ Vgl. Bd. 1, 275. Tangl, KO. S. 54 § 1: nullus omninonotarius petitiu7ies 
reeipiat, nisi qiic fuerint in conimitni data recepte vel quas dominum pupa tradi- 
derit aut aliquis cardinaiium, capellanus quoque vel camerarius, sed neu/er sine 
mandato doniini pape\ ebenda § 3: nullus petitiones suhliniiuni personaruni . . . 
exhibeat in data communi, nisi litteras eorum . . . sigillatas ostendat. Vgl. die 
Eidesformel der Xotarabbreviatoren : non recipient petitiones sinipliccs preler eas, 
que sibi de communi data proeenient, nisi de mandato vieecaneellarii seu notarii. 
In der Bestimmung S. 54 § 10: «e quis aufein ex ignorantia ocrasiunem aeci- 
piat in peccatis, semper in communi (data) legatur hoc scriptum et sint presentes 
notarii, seriptores et bullatores fehlt das Wort data in der ältesten Handschrift, 
dem Liber censuum des Cencius, und dürfte in der Bologneser Handsciirift 
(Bd. 1, 346) aus S 1. 3 interpoliert sein; die Bestimmung soll wohl nur be- 
deuten, daß die Vorschriften in gemeinsamer Versammlung der Kanzleibeamten 
verlesen werden sollen. Was Gelier, Les dataires du XV. siede et les ori- 
gines de la daterie apostolique (Paris 1910; Bibl. des ecoles fran(;ai3es d'Athenes 
et de Rome fasc. 103) S. 74 f., über die Data com^nunis vorträgt, entlxhrt der 
genügenden Präzision. — Nach den Zeugenaussagen von c. 1190, die David- 
sohn, NA. 16, 639 mitteilt, scheint die Einlieferungsstelle der Bittschriften sich 
damals im Lateranpalast befunden zu haben; wenigstens wurden hier in in- 
troitu primi hostii quod custodit Fortunatus gewisse, dem Papst einzureichende 
Petitionen geschrieben. 

- S. unten Kap. XI. 

* Daß der Papst ihm selbst eingereichte Petitionen den Notaren zustellen 
ließ, zeigt der in Wilhelini Chron. Andr., MG. SS. 24, 738, erzählte Fall. 
Innocenz III. schickt eine ihm übergebene Petition durch einen Oätiariu-s an den 
Notar Reinald {magistro Reinaldo notario de ferenda dieque suo ea legenda precepit). 
Im 14. Jahrhundert hat Clemens VI. gegen den Mißbrauch, dem Papste wäh- 
rend einf^r Konsistorialsitzung Bittschriften zu überreichen oder sie ihm, wenn 
€r ausreitet, zuzuwerfen, eine scharfe Verfügung erhissen, Bliss, Cah-ndar of 
entries in the papal registers. Petitions 1, VII. 

* Petitionen von Kardinälen brauchten im 13. Jahrhundert nicht von den 
Notaren verlesen zu werden. Vielmehr schickte der Kardinal, der eine Gnade 
erwirkt hatte, die genehmigte Supplik unter seinem Siegel dem Notar, der 
dann die Ausfertigung des Konzeptes besorgte oder veranlaßte. Am Rande 
{in margine grosse mittende ad cancellariayn; grossa kann hi<'r nicht die Rein- 
schrift der Urkunde bedeuten, denn damit hat der Notar nichts zu tun und 
die Reinschrift soll ja erst in der Kanzlei hergestellt werden. Ich möchte 



10 llrarbeiiung der Suppliken in Qnadensachen. Notare. Ueferendare 



Befehl des Papstes, vou dem Kapellan oder dem Kämmerer übergeben 
waren; die unmittelbare Einbau digung der Petitionen an einen Notar 
seitens der Parteien war also verboten. 

Um die Wende des 13. und 14. Jahrhunderts wurde die Be- 
arbeitung der Petitionen in Gnaden Sachen und der Vortrag darüber 
l)eim Papste den Notaren ^ abgenommen und auf die neugeschafl'ene 
Beamten kategorie der Referendare übertragen.^ Im 15. Jahrhundert 
war auch der Datarius,^ der Inhaber eines anderen, damals neu er- 
richteU'ii Amtes, dabei beteiligt. Über die Formen, in denen die 
Entscheidung des Papstes, oder in gewissen Fällen des Vizekanzlers 
oder anderer vom Papst dazu ermächtigter Personen, über die Suppliken 
erfolgte, wird noch in anderem Zusammenliange zu handeln sein.* 
An dieser Stelle ist nur noch zu berichten, was mit den Suppliken 
selbst geschah, nachdem sie genehmigt worden waren. 

Eingehendere Kenntnis davon haben wir freilich erst für die Zeit 
seit Clemens VI. durch die gleich zu besprechenden Supplikenregister- 



(jratie lesen und an einen Fehler in der gemeinsamen Quelle unserer Über- 
lieferung denken) vermerkte der Notar in diesem Falle: non legi, sed dominus 
talis ccirdinalis »landaritj Tangl, KO. 8, 66 § 3. 

' Über deren Wii'ksamkeit bei dorn Vortrag der Petitionen vgl. jetzt auch 
V. Heckel (oben S. 3 N. 3) S. 216. 220 ff. In dem Gedicht des Heinrich von Würzburg 
wird der Notar, der Petitionen dem Papste vorliest, danach lector genannt; 
ein offizieller Titel war das aber nicht. Nach v. 419 ff. dieses Gedichtes soll 
es bisweilen vorgekommen sein, dab ein Notar Petitionen kassierte, ohne über- 
haupt Vortrag darüber zu halten. Das war aber, wenn die Angabe überhaupt 
zutrifft, jedenfalls nur dann möglich, wenn die Petition den vorgeschriebenen 
Formen des Kanzleibrauches nicht entsprach. 

^ Zur Zeit de'- Verfügungen Nikolaus' 111. von 12T8(Tangl, KO. S. 72ff".) waren 
die Notare noch bei der Ausfertigung von Gnadenbriefen beteiligt und es wird 
ihnen also wohl auch die Bearbeitung der Gratialsuppliken noch obgelegen 
haben. Der erste Referendar, den ich nachweisen kann (vf;l. jetzt auch 
v. Heckel a. a. 0. S. 216), mag. P. de Hispauia, kommt seit 1301 vor, Fixke, 
Acta Aragonensia 1, 102; Gesta abbat, mon S. Albani, ed. Riley, 2, 57; Gottlou, 
Die Servitientaxe des 13. Jahrhunderts S. 175. In der Zwischenzeit wird also 
die Veränderung in der Ge^chäftsverteilung erfolgt sein. — Über die Organi- 
sation des Amtes der Referendare haben wir wenig genauere Kunde. Am Ende 
des Mittelalters unterscheidet man bestimmt refcrendarii de graiia und referen 
darü de iusfifia oder ref er endarii coiirmissionum; wahrscheinlich ist aber diese 
Scheidung schon viel älter. Ein Statut Alexanders VF. für die Referendai-e 
beider Kategorien aus dem Jahre 1197/98 hat Hai.leu, QFIA. 2, 38ff., mitgeteilt; 
es geht zurück auf den Reformentwurf aus der Zeit Sixtus IV., Tanol, KO. 
S. 380. 

' Über die Entstehung des Amtes und seine Funktionen ist später aus- 
führlicher zu handeln. 

* S. unten Kap. XI. 



Erhaltene Originalsuppliken. Supplikenregisler 11 

Die zwei ältesteu, dem Papste vorgelegten uud ^uu ihm siguierten 
Originalsuppliken, die bisher aufgefunden worden sind, stammen aus 
der Zeit Bonifaz" YIII. und befinden sieh jetzt im Archiv der Krone 
von Aragonien zu Barcelona.^ Aus der Zeit Urbans V., Gregors XI. und 
Clemens' TU. sind uns sodann in einer Reimser und einer Pariser 
Handschrift- eine größere Anzahl von genehmigten Originalsuppliken 
erhalten.^ Endlich geben auch die Kanzleiordnungen und Kanzlei- 
regeln des 14. und 15. Jahrhunderts manchen erwünschten Aufschluß. 
Die Petitionen in Gnadensachen, die vom Papste selbst genehmigt 
waren, wurden seit dem Pontifikat Benedikts XII., nachdem sie datiert 
waren,^ von dem datierenden Beamten an ein eigenes Bureau, die 
regislratura mppUcationnm, übersandt, das sich im päpstlichen Paläste^ 
befand.*^ Es stand im 14. Jahrhundert und wohl auch noch im An- 
fang des 15. unter der Oberleitung des Vizekanzlers; in den letzten 
Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts aber war es dem Datarius unter- 



' Ich verdanke ihre Kenntnis einer gütigen Mitteilung von H. Finkk. 

- Ich habe beide Handschriften selbst untersucht und werde an anderer 
Stelle ausführlichere Mitteilung darüber machen. Einstweilen vgl. über die 
Reimser Handschrift Berlikke, Kevue Benedictiue 24, 4ö6ft'.; 25, 190".; über 
die Pariser Handschrift, die aus Carpentras dahin gekommen ist, Liabastre, 
Decouverte ä Carpentras de pieces manuscrites du XIV. siede provenaut de 
larcheveche d'Embrun (Annales de la See. d'ttudes Proveu^ales 1, 168 ff.). 

^ Was sonst an Suppliken des 14. Jahrhunderts außerhalb der Register 
auf uns gekommen ist, entbehrt der päpstlichen Signatur; es sind Suppliken, 
die zur Einreichung bestimmt waren, aber nicht eingereicht worden sind, oder 
Abschriften eingereichter Suppliken, die der Petent zurückbehalten hat. Dahin 
gehören die im erzbischöflichen Archiv zu Ravenna beruhenden Suppliken des 
Erzbischofs Pileus etwa von 1.371, die Tahi-azzi 2, 318ff. herausgegeben hat. 
Ein nicht signierter Supplikenrotulus auf Pergament aus der Zeit Clemens' VII. 
ist als letztes Blatt in die Reimser Handschrift n. 831 eingeheftet. Ferner 
sind Abschriften von Suppliken mit und ohne Signatur von Prokuratoren ge- 
sammelt und so auf uns gekommen, vgl. Berlieue, Analecta Vaticano-Belgica 

1, XIII und ScHWALM, Das Formelbuch des Heinrich Bucglant (Hamburg 1910). 
Aus dem \b. Jahrhundert ist dann eine größere Anzahl von Originalsuppliken 
erhalten und schon lauge bekannt. 

*■ Über die Datierung der Suppliken s. unter Kap. XI. 
'= So nach der fünften Vita Benedikts XII. (s. unten S. 13 N. 3) und der 
Practica cancellariae von 1494, ed. Scumitz-Kallesberü S. 20, vgl. auch QFIA. 

2, 19. Dazwischen soll es 1466 in der Kirche S. Maria in Via Lata gewesen 
sein, vgl. Gtottlob, Aus der Camera apostolica S. 142 N. 2. 

® Eine eigene Amtsordnung für das Supplikenregisler hat Innocenz VIII. 
im Jahre 1480 durch die Bulle „Eisi de cunctis^' (Tangl, KO. S. 425) erlassen. 
Gewisse Verordnungen dafür hatte aber schon Sixtus IV. 1472 getroffen. 
Tangl, KO. S. 193. 



1 2 Supplikenregister 



stellt.^ Hier wurden die Nameu der Bittsteller in ein Yerzeichnis 
eingetragen, das im 15. Jalirliundert als Über de vacaniihus bezeichnet 
wird. 2 Nachdem der Petent oder sein Prokiirator aus diesem Ver- 
zeichnis die Genehmigung seiner Bitte festgestellt hatte, lag es ihm 
ob, die Registrierung der Supplik zu beantragen, die einer der Schreiber 
des Bureaus (clerici oder scribeutcs regislri suppUcationum) bewirkte.^ 
Sobald dann die Registerabschrift von einem der Bureauchefs, die im 

14. Jahrhundert den Amtstitel regisfraiores suppUcationum* führten, im 

15. aber gewöhnlich magistri supplimlionnm genannt wurden, mit der 
Originalsupplik kollationiert war, wurde die letztere dem Vizekanzler 
übersandt; Benedikt XIL hat für diese Übersendung mit der ein ver- 
eidigter Kleriker beauftragt wurde, besondere Vorsichtsmaßregeln vor- 
geschrieben. 

Daß Benedikt XIL auch den Brauch der Registrierung der 
Suppliken eingeführt hat, berichtet kurz die zweite, ausführlicher die 

' Vgl. Celieb, Les dataires S. 83ft. 

"^ Im 15. Jahrhundert wurden die Suppliken demnächst an einer Schnur I 
aufgereiht, wahrscheinlich in der Reihenfolge, in der sie im Bureau des i 
SupiJikenregisters eintrafen; vgl. Practica cancellariae ed Scumitz-Kali.enberg 
S. 20: et sunt omnes supplicaciones ligate ad rubeam cordam et signaie, quo \ 
die vener iint et in quo latere reperiantur. Das ist, wie schon Schmitz-Kallen- 
BERG a. a. 0. N. 3 bemerkt hat, die fdsa oder ßltia von der bei Tanql, KO. 
S. 389 i; 2, S. 405 § 6, die Rede ist. Abgesehen von der Eintragung in den 
über de vacantibus wurde ein Verzeichnis der an einem Tage genehmigten 
Suppliken auf einem Blatt an der Wand des Registerbureaus ausgehängt und j 
blieb hier bis zum nächsten Tage, an dem der Papst Petitionen signierte, 
hängen; vgl Tanol, KO. S. 394. 413, und dazu Scumitz-Kallenberg a.a.O. , 
N. 4. Ob diese Bräuche auch schon im 14. Jahrhundert bestanden, ist nicht I 
zu sagen. Die Löcher und Fadenreste, die man an den uns erhaltenen Ori- 
ginalsuppliken des 14. Jahrhunderts sieht und von denen Beuliere, Revue 
Benedictine 25, 35, redet, haben nichts damit zu tun, sondern sind anders zu 
erklären (s. unten S. 18). 

» Nach der Verordnung Innocenz' VIII. (oben S. U N. 6) sollte das binnen 
drei Tagen nach der Zuweisung (Distribution) der Supplik durch den Bureau- 
chef an den Schreiber geschehen. 

* Vgl. Berlieke, Revue Benedictine 24, 462 n. 13. 14, und öfter. Über das 
Gehalt der registratores suppUcationum palatii um die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts vgl. QFIA. 1, 88. Zuerst scheint es nur einen Registrator gegeben 
zu haben; im späteren 14. Jahrhundert waren ihrer zwei, und von zweien 
spricht auch noch die Practica cancellariae a.a.O. S. 21; dagegen setzt der 
Reformentwurf Sixtus IV., Tangl, KO. S. 385 § 39, vier voraus, und auch nach 
der Konstitution Innocenz' VIII. (oben S. 11 N. 6) sind sicher mehr als zwei 
anzunehmen (vgl. auch ScHMrrz-KALLENBERO S. 67 N. 4). Ihr zufolge scheinen 
sie wochenweise im Dienst abgewechselt zu haben; der diensttuende wird 
als magisler ebdomadarius bezeichnet. 



Supplikenregisier \ 3 



fünfte Biographie dieses Papstes,' und man braucht an diesen Au- 
i^'aben nicht zu zweifeln.^ Erhalten aber ist uns von seinen Suppliken- 

* Balcze, Vitae paparum Aveuionensium 1, 214. 2;-!J. Die fünfte Vitii 
fügt hinzu, daß vorher ipsae supplicationes praesentabaittur per camerarios 
hnnini papuc auf per alios . . ., uud" frequenter qnacslus illicitos ab eis fieri 
iiitingebat. Außer durch diesen Mißbrauch mag die Anordnung Benedikts XII. 
lureh die von ihm im Jahre 1335 entdeckte Fälschung der päpstliclien Signatur 
bewirkt sein, von der Heinrich von Diessenhoven (Böhmek, Fontes 4, 24) be- 
richtet: papa intelle.rit, quod quidain de suis familiaribus iam clericis quam 
laicis peticiones signabanf, ut p'^ipa, et eas sie signafas cum aliis per papatu 
signatis niisciterunt, et sie cancellariam transibant cum veris peticionibus, qtias 
pipa ipse inandarit Linuse predicto arca festum sancte crucis exaltacioiiis. 

- Wenn in einem Katalog des Palastarchives zu Avignon von 1594 
Denifle, Die Universitäten des Mittelalters 1, S. XX) ein Fragment eines 
^ipplikeuregisters aus dem ersten Jahre Clemens' V. angeführt wird, so mag 
lias auf Verwechslung mit Clemens VI. beruhen, vgl. Bekliere, Analecta Vati- 
cauo-Belgica 1, X; und was Mcnch-Löwenfeld S. 70 als Supplikenauszug aus 
■ lir Zeit Johanns XXII. anführt, ist nur die Kopie eines schwedischen Suppliken- 
tulus, wie ScHWALM, Formelbuch des Heinrich Bucglaut S. XXXVHI, mit 
ia'cht bemerkt; es steht dem oben S. 11 X. 3 erwähnten Supplikenrotulus der 
Keiraser Handschrift n. 831 gleich. An der Glaubwürdigkeit der beiden Viten 
Hinedikts XII. ist um so weniger zu zweifeln, als die Angabe der fünften 
\'ita über die Vorsichtsmaßregeln bei der Übersendung in die Kanzlei jetzt 
durch die Kanzleiregel, die Teige, MIOGr. 17, 431 n. 9, herausgegeben hat, 
ilurchaus bestätigt wird. Wenn Baumgaeten, Von der apostolischen Kanzlei 
S. 18, aus einer Supplik von 1343 (ebenda S. 22) gefolgert hat, daß das Re- 
^risteramt der Suppliken schon vor Clemens VI. bestanden haben müsse, so 
lit-ruht das auf einem Mißverständnis, das Berliere, Analecta Vaticano-Belgica 
"1, S. VIII, ausreichend besprochen hat. Einer eingehenden Erörterung bedarf 
nur die von Schwalm a. a. 0. S. 30 n. 52 veröffentlichte und S. XXXVI ff. 
vgl. auch Bekliere, Analecta 5 S. Xff.) besprochene Supplik, in der ein unge- 
nannter Dekan, der eine vom Papst signierte Supplik verloren hat, diesen um 
ilie Erneuerung der Gratie bittet, über deren Bewilligung der Pap.st sich per 
rrrjistrum domini B. Stephani informieren könne. Wenn diese Supplik in 
'lie Zeit Johanns XXII. gehörte, wie Schwalm wohl deswegen annimmt, weil 
-r den hier genannten B. Stephani mit dem hinlänglich bekannten Notar dieses 
Namens identifiziert (vgl. über ihn Schwalm S. 137 ff.), so müßte wohl an 
^upplikenregister schon vor Benedikt XII. gedacht werden. Denn Schwalm s 
luklärung, daß es sich um eine Art von Privatregister des Notars handele, 
halte ich für unannehmbar. Als Notar hätte B. Stephani, wenn er nicht zu- 
j^leich Referendar war, mit Suppliken in Gnadensachen im 14. Jahrhundert 
ntlich nichts mehr zu tun gehabt (die von Schwalm, NA, 25, 741, mitgeteilten 
- lireiben an ihn sind keine Suppliken), und von solchen Privatregistern einzelner 
ipstlicher Kanzleibeamten, wie Schwalm sie annimmt, wissen wir gar nichts. 
. inz irrig ist nämlich, was Güller, Rom. Quartalschrift 18, 102, über ein Re- 
ster des Auditors Hugo Geraldi, das aus der Audientia lilterarum conira- 
•l'ctarum stammen soll, bemerkt, worin Schwalm S. XXXVII einen ganz 
parallelen Fall erblickt; Hugo Geraldi war überhaupt nicht Auditor litierarum 



1 4 Supplikenregister 



registern nichts; vielmehr beginnt die uns überbhebene Reihe dieser 
Bücher erst mit Clemens VI., und sie umfaßt aus der Zeit dieses 
Papstes und seiner Naclifolger Innocenz' YL, ürbans V., Clemens' VII. 
11 ml Benedikts XIII. 99 Bände/ die nach der Piückkehr der Papste 
nach Kom lauge Zeit in Avignon geblieben Avaren und erst spät mit 



(onlradictariivi, sondern Auditor sacri palaiii, und der von Göller besprochene 
Codex hat nichts mit der Audientia Utleraruvi coidradieiaruin zu tun, in der 
man überhaupt eigentliche Register niemals geführt hat; dagegen ist es hin- 
läitglich bekannt, daß die Auditores sacri pakiiii über jede ihnen zugewiesene 
causa durch ihren Notar ein eigenes Aktenstück, das auch registrutn genannt 
wird (Tangl, KO. S. 88 § 25», anzulegen hatten; damit hängen die von Gölleu 
besprochenen Aktenstücke zusammen. Auch die Examinatoren der pauperes cle- 
riei, die nach einer von Ottenthai., MIUG. 34, 366, vgl. Behliere, Analecta 5, XII, 
angeführten Stelle, Analecta 4, 151 n. 344, eigene Register führten, sind keine 
Kanzleibeamte, und es scheint mir nicht zulässig, aus ihren Registern auf 
Register der Notare einen Schluß zu ziehen. Ebensowenig aber kann endlich 
in den Imbreviaturen der Kammornotare Heinrich VII., auf die Schwalm sich 
bezieht, irgend eine Parallele zu dem, was er zur Erklärung jener Supplik ver- 
mutet, erblickt werden: Imbreviaturen und Registerabschriften sind völlig ver- 
schiedene Dinge. Überhaupt aber ist die ganze Erklärung, die Schwalm für 
die von ihm besprochene Supplik versucht, an sich unnötig; denn wir sind 
weder gezwungen, sie in die Zeit Johanns XXII. zu versetzen, noch den darin 
genannten B. Stephan! mit dem bekannten Notar dieses Papstes zu identi- 
fizieren. Denn wenn die von Schwalm als n. 49. 51 gedruckten Suppliken von 
ihm S. 137 in die erste Zeit Benedikts XII. gesetzt werden, so kann auch n. 52 
sehr wohl in die Zeit dieses Papstes fallen; der in der Supplik erwähnte Biscrhof 
Johann, der nach dem sechsten Pontifikatsjahr des Papstes (26. Dezember 
1339 bis 25. Dezember 1340) verstorben war, könnte Johann von Utrecht (gest. 
I.Juni 1341) oder Johann von Lausanne (gest. 15. Februar 1341) sein. Natür- 
lich ist dann weiter auch der in der Supplik genannte B. Stephani nicht als 
der gleichnamige Notar, sondern vielmehr als ein Supplikenregistrator Bene- 
dikts XII. anzusehen; der Name ist so wenig selten, daß gegen solche An- 
nahme nichts einzuwenden ist. Ein Supplikenregistrator B. Stephani begegnet 
unter Gregor XI. 1371 — 1375 (Beri.ikre, Revue Benedictinc 25, 43), wird aber 
mit dem unsrigen nicht identisch sein; dagegen hindert nichts in dem letzteren 
den Mann zu erblicken, der in einer Urkunde Clemens' VI. von 1345 in dem 
Vermerk auf dem Bug: jiro B. Stephani iiiflrmn A. de Fractis genannt wird 
(Rikzler, Vatikanische Akten S. 805 n. 2227) und also damals Skriptor war. 
Eine noch andere Erklärung, die auf ein Prokuratorcnregistor hinweisen würde, 
hat Göller, Zeitschr. der Savignystiftung für Rechtsgesch. Kanon. 1, 388, vor- 
geschlagen; aber ich glaube nicht, daß an ein solches, dem keine Beweiskraft 
zukam, überhaupt zu denken ist. 

' So nach der Zählung Kehrs, MIÜG. 8. 87 f., von der die Angaben 
Drnifles und Palmieris abweichen, während die Bi'.rlieres damit überein- 
stimmt. Außerdem befand sicli ein Band des Siipplikenregisters Clemens' VI. 
in der Biblioteca Barberini, die jetzt in den Vatikan gekommen ist, vgl. Kehr 
a. a. O. S. 102 N. 3. 



Supplikenregister 1 5 



anderen Archivalien nach Rom überführt worden 'sind. Suiipliken- 
register anderer Päpste des 14. Jahrhunderts sind noch nicht wieder 
aufgefunden worden/ mit Ausnahme eines Bandes aus der Zeit Boni- 
faz* IX., der durch ein wunderbares, bisher nicht aufgeklärtes Geschick 
auf deutschen Boden, in die königliche Bibliothek zu Eichstätt, ver- 
schlagen ist.2 Dann beginnt die Serie der früher im Archiv der 
Dataria aufbewahrten, 1892 in das Vatikanische Archiv gebrachten 
Supplikenregister wiederum mit Martin V.; sie ist mit jenen 99 Bänden 
des 14. Jahrhunderts zu einer eigenen Archivabteilung vereinigt, die 
im ganzen für die Periode von Clemens VI. bis Pius VII. nicht 
weniger als 7011 Bände umfaßt, davon 1121 aus dem 15. Jahrhundert 
und aus den drei ersten Jahren des folgenden.^ Die Suppliken sind 
in diesen Registern ihrem vollen Wortlaut nach, einschließlich der 
päpstlichen Entscheidung und der unter dieser eingetragenen Datierung, 
kopiert;^ gewisse Randvermerke erleichterten die Übersicht, und die 
Genauigkeit der Abschriften, an denen spätere Korrekturen nur mit 
höherer Erlaubnis vorgenommen werden durften, scheint sorgfältig 
überwacht worden zu sein.^ 

Die Supplikenregister der ersten avignonesischen Zeit enthalten, 
soviel aus den bis jetzt darüber vorliegenden Untersuchungen zu ent- 
nehmen ist, nur solche Bittschriften, die vom Papste selbst genehmigt 
waren. Xicht genehmigte Petitionen wurden in der Regel vernichtet: 
nur wenn auf einem Blatte oder Rotulus neben genehmigten auch 
nicht genehmigte Suppliken enthalten waren, wurden diese ganz oder 
zum Teil mit kopiert, dann aber fast immer durch eine hinzugefügte 
Bemerkung'^ als abgelehnt kenntlich gemacht. Sonst konnte es nur 



^ Daß das Supplikenregister lunocenz' VII. schon 1412 verloren war, er- 
gibt sich aus einer Urkunde Gregors XII., Bau.mo.\rten, Von der apostolischen 
Kanzlei 8. 51 f. 

* Vgl. Erler, Hist. Jahrbuch 8, 487 ff. 

3 Vgl. Denifle, Archiv für Literatur- und Kirchengesch. 2, 350; Eui.eu, 
Hist. Jahrbuch 8, 487. 

* Ein kaum begreiflicher Irrtum ist es, wenn Rieder, Rom. Quellen zur 
Konstanzer Bistumsgesch. S. XXV, annimmt, daß erst die Supplik.nregistra- 
toren die Bittschriften „in eine einheitliche Form" gebracht hätten, „die mit der 
Kürze des Ausdrucks den Inhalt des wesentlichen verband". — Ein Faksimile 
aus dem Supplikenregister Clemens' VI. gibt Müncii, Opslysninger (dänische 
Ausgabe) S. 73; ein Faksimile aus dem Supplikenregister lunocenz' VI. ist dem 
oft zitierten Aufsatze Kehrs beigegeben. 

5 Eine Ausnahme machen die Supplikenregister des Papstes Innocenz VI. 
oder wenigstens Tom. 28 dieser Register, vgl. Lux, Besetzung der Benefizien 
(oben S. 11 N. 5) S. 17 f. 

^ Z. B. ad istani papa non rcspondet. oder ista non signofa pst. 



1 6 SupplikenregisUr 



I 



durch ein Versehen geschehen, daü abgelehnte Petitionen ins Register 
aufgenuninien wurden, und wenn ein solches Versehen vorgekommen 
war, so wurde das regelmäßig durch eine Kaudbemerkung ^ kon- 
statiert. 4 

Auch die Suppliken, die der Vizekanzler ohne Vortrag an den 
Pai)st von Amts wegen zu genehmigen ermächtigt war (er bediente sich 
dabei der Formel conccssum, während der Papst mit fiat unter- 
zeichnete), ^ sind, soviel ich sehen kann, anfangs in der Regel nicht 
registriert worden. Auf den uns erhaltenen Originalsuppliken aus der 
Zeit Url)ans V. und Gregors XL, auf dertn Rückseite die vollzogene 
Registrierung regelmäßig durch ein R, oft unter Hinzufügung des Buches 
und des Blattes, auf dem die Registerkopie eingetragen war, verzeichnet 
wurde, fehlen diese Vermerke ausnahmslos, wenn die Suppliken nicht vom 
Papste, sondern von dem Vizekanzler signiert waren. Auch in dem 
Berichte der Vita Benedict! XII. über die Einführung des Brauches 
der Registrierung ist nur von den durch den Papst selbst geneh- 
migten Suppliken die Rede. Und endlich ist in einem Bande der 
Supplikenregister Innocenz' VI. eine von dem Vizekanzler mit con- 
cessum signierte Sup])lik, die dort auf dessen Befehl eingetragen war, 
nachträglich kassiert und mit dem Vermerk versehen worden: ca7i- 
cellata de mandato domini cardinalis, quia non dcbiiil registrari.^ Schon 
vor dem Ende des 14. Jahrhunderts aber ist wahrscheinlich die Re- 
gistrierung auch solcher Suppliken angeordnet worden, doch wurden 
wenigstens im 15. Jahrhundert die vom Vizekanzler, später auch die 
von anderen Bevollmächtigten des Papstes genehmigten Suppliken in 
andere Bände eingetragen, als die vom Papste selbst signierten, so 



* Z. B. Non debuit registrari, quin non erat signata oder Nola quod isla 
non erat signata et registrata est ex inadrertencia. 

^ Näheres darüber g, in Kap. XI. 

' Vgl. Kehu, MIÜG. 8, 101. Ein zweiter Concessuni-Einh*ag in den Sup- 
plikenrcgistern Innocenz' VI. (Kehr a. a 0.) bezieht sich nicht auf das durcli 
Fiat vom Papste selbst erledigte Gesuch, sondern auf eine nachträglich ver 
fügte Veränderung seiner Datierung. Solche nachträgliche Änderungen (re- 
fonnaiiones) einer vom Papste gewährten Gratie werden häufig vom Vize- 
kanzler selbst angeordnet; die Supplik, in der darum gebeten wurde, wurde mif 
der zu reformierenden zusammengeheftet (s. das Faksimile bei Berliere, llevuf 
lienedictine 25, Tafel 2) und mit ihr zusammen registriert. So erklären sicli 
auch die meisten der von Berliere, Analecta Vaticano-Bclgica 1, S. XXIV, 
angeführten, mit Concessiini signierten Suppliken in den Registern Clemens' VI.; 
wahrscheinlich (wegen der Randbemerkung: correcta in sujijilicatione per domi- 
num vicecancellarium] auch der Fall von 1343 n. 448. Bei Rieder n. 93 findet 
sich die Conces.sum-Signatur b<'i einer einzelnen Position eines umfangreichen 
Rotulus, so dalj ihre Registrierung leicht erklärlich ist. 



Weitere Beluxndluny der Suppliken in Unaderi sacken 17 



daß uun also zwei Serien von Supplikeuregistern nebeneinander her- 
liefen.^ 

Xachdem die registrierten Suppliken an die Kanzlei wieder ab- 
geliefert waren, wurden sie an die Abbreviaturen verteilt, die danach 
die Konzepte der Urkunden anzufertigen hatten. Wie wir früher aus- 
geführt haben, erfolgte die Verteilung im 14. Jalirhuudert und in den 
ersten Jahrzehnten des 15. durch den Vizekanzler oder seinen Stell- 
vertreter, seit der Organisation der Kanzleiabbreviatoren zu einem 
festen Kollegium, die Pius II, einführte, durch den Distributur dieses 
Kollegiums, nach dessen Aufhebung wieder durch den Vizekanzler und 
seit Sixtus IV. je nach dem Ermessen des Vizekanzlers durch ihn 
selbst oder durch einen damit besonders beauftragten Abbreviator.^ 
Der Kanzleichef (oder der Distributor; bewirkte die Verteilung, indem 
er einen eigenhändigen Vermerk unter den Text der Supplik setzte.^ 



* Über die Sapplikenregister aus dem Ende des 14. und dem Anfang des 
15. Jahrhiinderts haben wir bisher nur wenig eingehende Aufklärung erhalten; 
das beste bringt über die Register Eugens IV. das Rcpertorium Girmanicum 1, 
S. XVff. Von den 10 Bänden aus seinem ersten Pontifikatsjahr enthalten acht 
vom Papste mit Fiai^ 2 vom Kanzleichef mit ConceKsitni signierte Suppliken. 
Doch sind die vom Kanzleichef in Gegenwart des Papstes signierten Stücke 
(s. unten Kap. XI) behandelt, wie wenn der Papst selbst sie genehmigt hätte. 
Zwei Serien von Supplikenregistern sind jedoch nach Denifi.e, Die Universi- 
täten des Mittelalters 1, S. XX X. 44, schon unter Urban V., Clemens VI 1. und 
Benedict XIIT. zu unterscheiden. Worin der Unterschied besteht, sagt er 
weder hier, noch in seiner Ausgabe des Chartularium Universitatis Parisiensis 
oder in seinem Buche La desolation des eglises de France, wo er mehrfach 
von den Supplikenregistern redet. Wenn es derselbe ist, den das Repertor. Germ, 
für Eugen IV. feststellt, wären jedenfalls seit dem 4. Jahre Urbans V. auch die 
Concessum-Suppliken registriert worden. Und von einem Bande des Suppliken- 
registers Clemens' VII. konstatiert auch Kehr, MIÜG. 8, 102 N. 2, daß in ihm 
(Jie mit Concessum signierten Suppliken in den Vordergrund treten und nur 
ausnahmsweise Gewährungen mit Fiat vorkommen. 

"- S. Bd. 1, 300. Über den Modus der Verteilung im LS. Jahrhundert, als 
es noch keine Kanzleiabbreviatoren gab und die Suppliken noch nicht registriert 
wurden, vgl. Bd. 1, 275. Über den Brauch am Ende des 15. Jahrhunderts vgl. 
die Practica cancellariae ed. Schmitz-Kallenbero S. 22, 

^ In den uns erhaltenen Originalsuppliken Urbans V.. Gregors XI. und 
Clemens' VII. aus der Zeit des Vizekanzlers Petrus de Monteruco, des Kardi 
nals von Pampelona, ist der Distributionsvermerk immer von der gleichen 
Hand wie die Concessum-Signatur, also von dem Vizekanzler selbst geschrieben. 
Er lautet R[ecipe\ 0. Baroins (das ist der Name des Abbreviators) P[etrns:] Pam- 
piTionensis]. Berlikre, Revue Benedictine 25, 41, hatte diesen V'ermerk falsch 
gelesen und seine Bedeutung mißverstanden; auch Kirsch, Hist. Jahrb. 14,588, 
hatte entsprechende Vermerke im Register des Prokurators Sapiti auf Suppliken 
aus der Zeit des Vizekanzlers Petrus von Palestrina in gleicher Weise iirig 
Breßlfiu, ürkundenlehre. 2. Aufl. II. 2 



18 



Weitere Behandlung der Suppliken in Gnadensachen 



Bisweilen wurde den Abbreviatoreu nicht die Originalsupplik, sondern 
eine im Bureau des Supplikenregisters hergestellte und von den Ober- 
beamten dieses Bureaus beglaubigte Abschrift aus dem Suppliken- 
register zugewiesen*/ solche Abschriften wurden dann ganz wie die 
Originalsuppliken behandelt. Sie wurden den Parteien übergeben, 
wenn die Originalsupi)lik verloren war; doch durfte das nach einer 
Kanzleiregel Clemens' VII. nur mit Genehmigung des Vizekanzlers 
geschehen. 

Die auf Grund der Suppliken angefertigten Konzepte wurden im 
14. Jahrhundert an die Suppliken angenäht. An einer Originalsupplik 
ist uns noch ein Stück des daran befestigten Konzeptes erhalten; an 
vielen anderen befinden sich noch die Fäden, mit denen die Befesti- 
gung erfolgt war oder es sind wenigstens die Löcher sichtbar, durch 
die einst die Fäden gezogen waren, Reste solcher Fäden befinden 
sich auch noch an einigen uns erhaltenen Originalkonzepten des 
14. Jahrhunderts, von denen noch die Rede sein Mird. Am linken 
Rande der genehmigten Suppliken, oder, wenn in einer Supplik meh- 
rere Bitten enthalten waren, des genehmigten Teiles der Suppliken 
steht oft der Buchstabe E (in uncialer Form). Ich vermute, daß dies 
Zeichen von dem Abbreviator nach Anfertigung des Konzeptes hinzu- 
gefügt wurde und daß es expedita bedeutet.^ 

Suppliken in reinen Justizsachen wurden der Regel nach nicht 



gedeutet. Doch ist der Irrtum schon von Baumqartex und Göller bemerkt 
und jetzt auch von Bekliere, Analecta Vaticano-Bclgica 5, S. XV, richtig ge- 
stellt worden. — In dem einzigen uns erhaltenen Bande des Supplikenregisters 
Bonifaz' IX. (s. oben) stehen über und oft auch unter den Abschriften der 
einzelnen Suppliken Namen am Eande, die Erler, Hist. Jahrb. 8, 492. für die 
Namen der mit der Abfassung der Konzepte beauftragten Beamten, d. h. also 
der Abbreviatoreu oder der Sekretäre, gehalten hat. Wenn das richtig wäre, 
so müßte also die Distribution der Suppliken an die Konzipienten schon vor 
der Registrierung erfolgt und auf den Originalsuppliken vermerkt sein. Diese 
Annahme aber würde gegen alles verstoßen, was wir über die Geschäfts- 
behandlung der Suppliken noch am Ausgang des 15. Jahrhunderts wissen. 
Sicher sind demnach die rechts oben am Rande stehenden Namen nicht auf 
Abbreviatoreu, sondern auf Referendare zu beziehen, die bei der Bescheidung 
der Petition mitgewirkt haben. 

' Stimptum de regisUa, vgl. Reg. canc. Greg. XI. 59; Clem. VII. 126; 
Bened. XIII. 104; Martin V. 70; Ottenthal, Kanzleiregeln S. 35. 118. 139. 201. 
In der oben erwähnten Reimser Handschrift sind mehrere solcher Transsumpte 
erhalten. 

- Ähnliches scheint auch Bürli^re, Revue Benedictine 25, 43 f., anzu- 
nehmen. 



Suppliken in Justix^achen 19 



iu die Supplikenregister eingetrageu.^ Wir kannten sie bisher nur aus 
den Formularen und einer Anzahl vun Abschriften, die uns in Prozeß- 
akten erhalten waren und aus denen auch über ihre geschättliche Be- 
handlung Aufschluß zu erhalten war;- doch ist in den neueren x\r- 
beiten über die Suppliken der Päpste von ihnen nur wenig die Kede 
irewesen. Um so willkummeuer ist es, daß in der früher erwähnten 
Eeimser Handschrift sich sechs signierte Originalsuppliken in Justiz- 
sachen erhalten haben, ^ die uns über ihre Erledigung doch noch 
manches lehren, was aus dem bisher bekannten Material nicht zu ent- 
nehmen war. 

Die Bitte war in den Justizsuppliken in der weitaus über- 
wiegenden Mehrzahl der Fälle auf die Bestellung eines päpstlichen 
delegierten Richters gestellt, der einen Prozeß, sei es in erster, sei es 
in der Appellationsinstanz, entscheiden oder bei einer nachgewiesenen 



^ Verl, schon Schmitz-Källenberg, Practica cancellariae S. XIX N. 2. So 
sagtauch die Practica cancellariae von 1549 S. 8: Kota, qiiod Utterae de iustitia 
nee nune nee olim fuerunt registratae. Doch konnte es vorkommen, daß auf eine 
als Gratialsupplik gefaßte Eingabe der Papst die Anfertigung eines Justiz- 
briefes anordnete: wenn es sich nämlich um eine Bitte handelte, deren Be- 
rechtigung der Papst durch ein Prozeßverfahren festgestellt wissen wollte. Ein 
Beispiel dafür aus der Zeit Clemens" VI. bei Buss a. a. 0., Petitious 1, 81: der 
Prior von Wenloch erbat gleichzeitig mit anderen Gnaden auch eine Verfügung des 
Papstes, daß der Bischof von Hereford und andere Visitatoren des Klosters 
sich mit einer Prokuration hegnügen sollten, während sie zwei beansprucht<-n: 
darauf entschied der Papst: Fiant littcre insticie in canceUaria. Diese Supplik 
ist dann als eine Gnadensache behandelt und deshalb natürlich registriert 
worden. Nicht so einfach ist die Registrierung der Supplik des Klosters Salem 
an Urban V., Rieder, Rom. Quellen S. 79 n. 358, zu erklären. Die Signatur 
hat wohl nicht der Papst, sondern der Vizekanzler gegeben, da der Signatur- 
buchstabe fehlt; wahrsch<'iulich ist aber dem Papst besonderer Vortrag gehalten 
worden, und so mag die Supplik unter die gleichzeitig signierten Gratial- 
supphken gekommen und mit ihnen ins Supplikenregister gesandt sein. Auch 
ihre Datierung mit einleitendem Datum (s. unten Kap. XI) spricht dafür. 
Übrigens war die Registrierung der Justizsuppliken im Supplikenregister 
schon deshalb nicht erforderlich, weil sie in das Register aufgenommen wurden, 
das die beauftragten Richter über die Prozesse anzulegen hatten (s. oben 
S. 13f. N. 4). 

'- Vgl. z.B. Mecklenburg. ÜB. 10, 445 n. 7143; 18, 504. 507 n. 106r,6. 
■ Im Hamburger Staatsarchiv habe ich eine Anzahl von Prozeßregistern mit 
Abschriftf-n von Justizsuppliken kennen gelernt. 

3 Eine siebente ist zu Anfang und zu Ende so verstümmelt, daß mit ihr 
nichts anzufangen ist. Aber auch die anderen sechs sind von Berlieke so un- 
vollständig und zum Teil so inkon-ekt herausgegeben, daß ich auf meine dem- 
nächstige Edition verweisen muß. 



I 



20 Suppliken in Jusiizsachen 



oder nachweisbaren Rechtswidrigkeit Abhilfe schaffen sollte.^ Außer- 
dem konnte noch, wenn ein Richter bereits delegiert war, um die Er- 
teilung bestimmter Vollmachten oder bestimmter Aufträge an ihn, 
z. B. um die Erteilung des Auftrages zur Vollstreckung eines Urteils 
oder zu seiner Verschärfung, gebeten werden. Die Bitte um Delegation 
von Richtern, der regelmäßig eine Darlegung des Tatbestandes seitens 
der klagenden oder appellierenden Partei voranging, wird in dem 
Formularbuch des Kardinals Guala- durch den kurzen Satz: nnde petit 
luflici: wiedergegeben, und ähnlich heißt es in den Formularen des 
Bonaguida von Aiezzo:^ n?ide pelit causain commiäi tali etc.\ wahr- 
scheinlich aber hat die volle Formel so gelautet, wie sie schon 
Buoncompagno von Florenz^ wiedergibt: petit a S. ]\. quatinus . . . 
causam . , . conmittere digneyniyii. Im 14. Jahrhundert ist sie viel aus- 
führlicher; es heißt etwa: K. supplicat (oder pro parte X. svpplicatur) 
S. V., quaienus causam et causas, que vertiiur. vertuntur et verti spe- 
rantur inter N. ex una parte et N. ex altera (oder: quam et quas mo- 
vere intendit contra N.) alicui . . . cojnmitlere dignemini audiendas, 
decidendas et fine debito terminandas cum emergentibus , incidentilms, 
dependentibus et connexis, woran sich dann noch die weitere Bitte um 
Erteilung besonderer Vollmachten und die Erwähnung der erbetenen 
Xon-obstante-Klausfln anschließen konnten.^ 

Die Bescheidung der Justizsuppliken, die wir kennen, erfolgte wohl 
schon im späteren 13., jedenfalls im 14. Jahrhundert in der Regel 
durch den Vizekanzler,^ und zwar je nach Lage der Sache, worauf wir 
zurückkommen, mit oder ohne Einholung der päpstlichen Willens- 
meinung, Daß der Papst selbst darüber entschied, war natürlich nicht 
ausgeschlossen; dann scheint aber die Beauftragung eines Richters 



* Vgl. unten Kap. XI über die an der Kurie geltende Anschauung in 
Ijezng auf ihre Kompetenz. — Auf die Fragen des materiellen Prozeßrechtes 
(Voraussetzungen für die Bestellung zum delogierten Richter u. a. m.) ist hier 
natürlich nicht einzugehen; sie gehören der Urkundenlehre nicht an. 

* S. oben S. 5. 

=> MIÖG. n, 411. 

* QE. 9, 151. 

* Daß die Formulierung der Bitte auch im l.ö. Jahrhundert noch wesent- 
lich die gleiche war, zeigt z. B. eiue Supplik an Sixtus IV., Chmel, Mon. Habs- 
burgica 1, 366 n. 129. Nur ist hier, was mir in Suppliken des 14. Jahrhunderts 
noch nicht begegnet ist, der von dem Aussteller gewünschte Kommissar schon 
in der Supplik selbst bezeichnet. 

' Später traten auch hier, wie bei den Gnadensachen (s. unten Kap. XI) 
Referendare, die zur Signatur besonders ermächtigt waren, ein, vgl. Tangl, 
KO. S. 20.3. 



Suppliken in Jusiixuachen 21 



regelmäßig nicht schriftlich, sondern mündlich {vive vocis orcuntlo) 
erfolgt zu sein.^ Wurden Richter delegiert, die außerhalb der Kurie 
amtieren sollten (die Genehmigungsformel lautete dann: concessum 
quod committatur in partihus), so wurde die Supplik älinlich l)e- 
handelt, wie das bei Gnadensachen üblich war; nur die Registrierung 
fiel fort. Der Vizekanzler überwies sie also nach ihrer Genehmigung 
und Datierung einem Abbreviatur zur Anfertigung des Konzeptes, und 
sie wurde nach Erledigung dieses Auftrages mit dem oben erwähnten 
' Expeditionsvermerke (unzialem E) versehen.^ Sollte aber der Prozeß 
an der Kurie selbst, in der Äudientia causarum {Audientia sacri 
palatii, Rota) verhandelt werden, so wies der Kanzler die Supplik 
unmittelbar einem der Auditoren zu; der von ihm unter die Supplik 
1 gesetzte Bescheid lautet dann: audiat magister N. et iustitiam faciat, 
: woran sich unter Umständen, ebenso wie bei einer commissio in parti- 
hus, noch weitere Vollmachten anschließen konnten. Datiert wurden 
solche Audiat-Bescheide nicht; ^ auch erfolgte keine Überweisung 
der Supplik an einen Abbreviator und ein Expeditionsvermerk findet 
sich nicht darauf.'* In diesen Eällen wurde also eine eigentliche 



1 Vgl. z. B. Mecklenburg. ÜB. 18, 252 n. 10411. 

- Es ist also nicht ganz zutreffend, wenn ScHMrrz-KALLEXBERO, Practica 
cancellariae S. XIX N. 2 meint, bei Suppliken in Justizsachen habe in der 
Regel die Signatur genügt. Das gilt nur, wie oben im Te.xte ausgeführt ist, 
von Kommissionen an die Auditores sacri palatii, aber nicht bei Kommis- 
sionen in pariibus. Auch sind ja solche Kommissionsurkunden in großer 
Zahl bekannt. Erst im 15. Jahrhundert, zuuml gegen dessen Ende, kommt es 
ausnahmsweise vor, daß der Papst statt einer solchen Kommission die signierte 
Supplik in einem Breve dem Kommissar übersendet und ihre Ausführung be- 
fiehlt; vgl. das Breve vom 8. Juli 1475 an den Bischof von Laibach bei Chmel, 
Mon. Habsburg. 1, 366 n. 129. Um einen ähnlichen Fall handelt es sich bei 
der von SixtusIV. signierten Supplik, die Steffens, Lat. Palaeographie Taf. 117 
abbildet. Das Stift S. Giorgio in Alga bittet um Aufhebung einer von 
Paul II. erteilten Kommission. An die genehmigte Hauptbitte schließt sich die 
weitere: et quod expediatur in forma brevis cum insertione presentis suppli- 
cationis, die ebenfalls genehmigt wird. Ebenso ist der Supplik an Sixtus IV. 
um Kassation eines Prozeßverfahrens, die Lichatschew Taf. 15 abbildet, die 
weitere Bitte: et per breve S. V. hinzugefügt, die gleichfalls genehmigt ist: 
und die Dorsualnotiz (Taf. 16): introduso al breve di Sisto IV. sped. sotto di 
28. settembre 1475 bezieht sich eben hierauf. Der Grund der Bitte, die auch 
im Falle von 1475 von dem Impetranten gestellt war, wird Kostenersparnis 
gewesen sein. 

' Über einen Ausnahmefall s. oben S. 19 N. 1 . 

* Auf zwei solchen uns erhalteneu Originalsuppliken stehen unten links 
später gestrichene Vermerke, einmal impetra ad duas dietas, finmal conce- 
dehda. Sie werden von einem Referendar herrühren, der die Entscheidung 
des Vizekanzlers vorbereitete. 



22 Späterer Verbleib der Suppliken 



Koinmissiunsurkuiule auf Grund der Supplik überhaupt nicht aus- 
gefertigt; vielmehr wurde, wie wir aus den üben erwähnten Prozeß- 
akten wissen und wie auch aus den Dursualnutizen der uns erhaltenen 
Stücke deutlich hervorgeht, die mit dem Audiat- Vermerk versehene 
Suitplik selbst durch einen päpstlichen cursor dem vom Vizekanzler 
bestimmten Auditor im Amtslokal der Rota oder in seiner eigenen 
Wohnung zugestellt, und das genügte zur Einleitung des Prozesses.^ 
Der Auditor ließ die Supplik dann durch einen Notar in dem Spezial- 
register, das er über jeden ihm überwiesenen Prozeß anzulegen hatte, 
kopieren. 2 

Aus dem IJmstaud, daß genehmigte Originalsupphken des 14. Jahr- 
hunderts in Gnaden- oder Justizsachen bisher in Phnpfängerarchiven 
noch nicht haben nachgewiesen werden können, während eine große 
Anzahl davon, die offenbar aus der päpstlichen Kauzlei oder aus dem 
Nachlaß päpstlicher Beamten stammen, uns in den beiden oben er- 
wähnten Handschriften erhalten sind, darf gefolgert werden, daß es 
damals noch nicht üblich war, die genehmigten Suppliken nach der 
Ausfertigung der Urkunden deren Empfängern zu überlassen, sondern 
daß sie bei der Kurie verblieben. Nach Erledigung der Angelegenheit, 
auf die sie sich bezogen, scheinen sie dann als wertlose Papiere be- 
handelt zu sein.^ 

Im 15. Jahrhundert dagegen gelangten die signierten Suppliken 
während der verschiedenen Stadien, die sie bis zur endgültigen Ausfertigung 
einer Gratialurkunde zu durchlaufen hatten, zu wiederholten Malen in 
die Hände der Impetranten oder ihrer Prokuratoren; und diese konnten 
sie, wenn schließlich die Reinschrift an das Siegelamt zur BuUierung 
abgeliefert oder zur Ablieferung fertig war, von dem Kustos der Kauzlei 



' Die uns in großer Zahl erhaltenen päpstlichen Erlasse au die Auditoren 
sind, wenn ich nichts übersehen habe, keine Kommissionen, sondern enthalten 
Verfügungen in einer bereits vor dem betreffenden Auditor anhängigen 
Prozeßsache; es sind durchweg Gratialverfügungen. — In der Kanzleiregel 
Nikolaus' V. n. 29 (Ottenthal S. 258) bezieht sich der Relativsatz: super 
tjuihtis apostoUee litiere confccte non fuerint, nicht, wie Ottenthal im Register 
8. 282 s. V. coiiimissiones angenommen zu haben scheint, auf comnitssioues, 
sondern auf gratiarum. 

* Einmal steht auf der Rückseite einer Originalsupplik in Justizsachen 
ein Registraturvermerk, der von dem Notar des Auditors herrühren wird. 

^ Die Annahme Erler s, Hist. Jahrb. 8, 491, daß zur Zeit Bonifaz' IX. die 
Originalsuppliken in der Kanzlei zu förmlichen Bänden vereinigt und so auf- 
bewahrt worden seien, widerstreitet allem, was wir für die vorangehende und 
die spätere Zeit wissen, und muß auf einem Mißverständnis beruhen. 



Signierte Suppliken als Ersatz der Urkunden 28 

LiVEren eine geringe GeMhr einlösen, um sie zu behalten.^ Daher kummt 
es, daß sich aus dem 15. und 16. Jahrhundert eine gaiize Anzahl signierter 
Originalsuppliken in den Archiven der Empfänger erhalten haben.- 

Da die päpstliche Bewilligung durch die Genehmigung der Supplik 
Rechtskraft erhielt, wenn sie auch noch nicht unmittelbar vollstreckbar 
war, und da das Datum der Supplik, wie wir noch hören werden, für 
das Datum der daraufhin auszustellenden Urkunde maßgebend war, 
gleichviel, wann diese geschrieben wurde, so konnte es den Parteien 
unter Umständen erwünscht sein, nachdem sie die Signierung ihrer 
Petition erwirkt hatten, die Expedition der Urkunde selbst hinauszu- 
schieben.^ Das muß bereits im 14. Jahrhundert mehrfach vorgekommen 
sein; denn schon 1365 hat Urban V., um solchen Verzögerungen ent- 
gegenzutreten, verfügt, daß von ihm bewilligte Gratien als annulliert 
gelten sollten, wenn nicht binnen einer Frist von zwei Monaten nach 
der Signierung die Urkunden darüber erwirkt wären.* Gregor XI. hat 
diese Frist auf vier Monate verlängert,^ und 1418 ist sie von Martin V. 
auf sechs Monate ausgedehnt worden.^ Um diese Zeit muß aber auch 
schon vielfach der Versuch gemacht worden sein, auf Grund einer ge- 
nehmigten Supplik allein, also unter Ersparung der Kosten, welche 
•die Ausfertigung der Urkunden veraulaßte,'' den Besitz von Benefizien 
zu erlangen und sogar Prozesse um dieses Besitzes willen einzuleiten. 
Denn solchen Bestrebungen sind die Päpste seit Martin V. entschieden 
entgegengetreten, und immer aufs neue wurde durch Kanzleiregeln 
verboten, auf Grund solcher Suppliken Benefizien in Besitz zu nehmen 
oder sie zur Einleitung von Prozessen zu benutzen;^ alle prozessuali- 



^ Practica cancellariae ed. Schmitz-Kallenbero S. 31, vgl. Vesteius, In 
Ixornanae aulae actiouem et iudiciorum mores introductio ed. 1574 S. IIa. 

'■' Vgl. z. B. die Faksimiles bei Arndt-Tangl, Schrifttafeln 3, 107 ; Steffens, 
Lat. Palaeogi-aphie Taf. 117; Recueil de facsimiles de l'ecole des chartes 
Taf. 67; Schmitz-Kallenberg a. a. O. Taf. 1. Vgl. ferner das „Suppliken- 
kompendium" aus Montoliveto bei SiExa, Lichatsciiew S. 126. 

' Vgl. für das folgende Schmitz-Kallenberg, Practica S. XlXft". 

* Ottenthal, Kanzleiregeln S. 21 n. 32. 

5 Ebenda S. 29 n. 31 ; Benedikt XIII. (ebenda S. 129 n. .'r2) läßt die Ex- 
pedition auch nach vier Monaten auf Spezialbcfehl des Vizekanzlers zu. 

^ Ebenda 8. 204 n. 86; vgl. S. 214 n. 116. 

^ Daß es sich darum handelt, zeigt u. a. der Brief des Kardinals Bessa- 
rion, den Cernik, Jahrbuch des Stiftes Klostemeuburg 4, 329, mitteilt: cum 
ea clausula, quod sola sigttatura suffieiat, ad evitandum magnas expensas in 
Uttcrarum expedicioae suheundas. 

» Vgl. die Verfügungen Martins V., Ottenthal S. 204 n. 86; 214 n. 117; 
Nikolaus' V., ebenda S. 257 n. 25; 260 n. 39; Sixtus' IV. und Innocenz' VIIT.. 
Schmitz-ELallenberg, a. a. 0. S. XXF N. 2. 



24 Signierte Suppliken als Ersatz der Urkunden 



srhfu llaudhmgeu, die auf Grund von Gnadeubewilligungen vur- 
geuüinmen würden, über die keine Urkunden ausgestellt seien, hat 
Nikolaus V. für null und nichtig erklärt' 

Da also, wo Rechte dritter in Frage kommen konnten, hat man 
an dem Grundsatz, daß nicht die genehmigte Supplik, sondern nur 
die ausgefertigte Urkunde vollstreckbar sei, festgehalten, wenngleich 
Mißbräuche nicht immer verhütet sein werden. Dagegen kam es im 
15. Jahrhundert^ nicht selten vor, daß bei der Bewilligung solcher 
Gratieu, die nur die Bittsteller allein angingen, also bei Indulgenzen. 
Dispt.iiSen und persr»nlicheu Vergünstigungen jeder Art, von der Aus- 
fertigung der eigentlichen Urkunden Abstand genommen wurde. Zu 
diesem Behuf wurde am Schlüsse der Supplik eine Bitte gestellt, die 
ungefähr so lautete: et quod preseniis supjMcationis sola sigtiaiura 
sufficiat absque aliarum litlerarum desuper confectione;'^ diese Bitte 
mußte dann besonders genehmigt werden.-* Da also diese Suppliken 
die Stelle der Bullen selbst vertreten sollten, wurden sie in der 
Regel nicht auf Papier, sondern auf Pergament geschrieben^ und 
nicht selten prächtig ausgestattet, indem insbesondere die Worte 
Beatissime patcr, mit denen sie zu beginnen pflegen, mit buntem 
Schmucke versehen wurden; ihre Herstellung erfolgte wohl regelmäßig 
in Rom selbst.^ Weil auf Grund solcher Suppliken ebenso wie auf 



' Ottenthal, Kauzleiregeln S. 258 n. '29. 

"^ Die ersten mir bis jetzt bekannten Fälle gehören in die Zeit Eugens IN'.. 
vgl. z. B. Repertor. Germanicum 1, 384 n. 2385; Cernik, Jahrbuch des Stiftes 
Ivlosterneuburg 4, 334 mit Faksimile auf Taf. IV.-, ferner das Faksimile bei 
LiCHATSCHEW S. 126 Und unten N. 6. 

^ Natürlich kommen kleine Varianten der Formel vor. 

* Das geschah entweder durch den Papst mit fiat oder durch einen 
Vertreter mit eoneessuni. 

^ Doch kommt auch Papier vor; vgl. die Supplik an Alexander VI. bei 
LiCHATSCHEW, Taf. 13 und dazu Sai.omon, NA. 32, 471 N. 1. 

^ Zu den ältesten solcher Pruuksuppliken gehören die des Klosters 
St. Lambert zu Altenburg (Fontes rer. Austriacarum 21, 92 n. 83), die von Kloster 
S. Margarita zu Bologna (Lichatschew Taf. 22) und die von Klosterneuburg 
(oben N. 2) an Eugen IV. Vgl. ferner die Abbildungen solcher Prunksuppliken 
des Kurfürsten Albrecht Achilles von Brandenburg an Sixtus IV. und des 
Herzogs von Jülich an Innocenz VIII., die Schmitz-Kallenbekg (HohenzoUern- 
Jahrbuch 9, 207 ff. und Practica caucelhiriae Taf. 6) herausgegeben und erläutert 
hat. Beschreibungen anderer Prachtsuppliken geben u. a. Luschin, Mitteilungen 
der k. k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmäler 
17 (18721, XLIV (Kloster Goß an Innocenz VIII.); Lehner, NA. 19, 468ff. 
(Kloster luzigkofen bei Sigmaringen an Alexander VI.); Schmitz-Kali-enberg, 
HohenzoUern-Jahrbuch 9, 209 N. 2 (Karl von Geldern an Leo X.). Schmucklos 



BUischriflen an weltliche Fürsten 25 



Grund der früher erwcähnten Kommissionen an Auditoren der liota 
eigentliche Urlcunden nicht ausgefertigt wurden, so Wurden sie ebenso 
wie jene anfangs weder datiert noch registriert;^ doch verfügte Inno- 
cenz Vni. im Jahre 1488, daß die Gonfessionalia in forma Jieatissime 
pater^^ {sie gehören zu den signierten Suppliken, von denen wir reden) 
fortan gleichfalls vom Datar mit einem Datum versehen werden sollten.* 
Im übrigen scheint es üblich gewesen zu sein, daß die Impetranten 
solcher Suppliken bald nach ihrem Empfange beglaubigte Abschriften 
davon herstellen ließen, die natürlich datiert waren.^ 

Auch an den Höfen weltlicher Fürsten des Mittelalters ist die 
Einreichung von Bittschriften früh üblich gewesen. Bereits seit dem 
8. Jahrhundert enthalten die Formularbücher und Briefsteller Muster- 
beispiele für die Abfassung solcher Petitionen,^ und in den Lehrbüchern 
der Ars dictandi des späteren Mittelalters findet man mehr oder weniger 
eingehende Anleitungen dazu.^ Nicht selten wird auch in den Ur- 
kunden der Könige selbst die Einsendung von Bittschriften, auf Grund 



sind z. B. die Suppliken des Klosters S. Dorothea zu Wien an Sixtus IV. 
(Cebnik a. a. 0. S. 335 mit Faksimile auf Taf. 5) und des Klosters Asbeck an 
denselben (Schmitz-Kallenberg, Practica S. XX N. 8; XXII N. 1. 2). 

^ Eine Ausnahme macht die in der vorigen Note erwähnte Supplik des 
KLlosters S. Dorothea zu Wien von 1472, die datiert ist. Das erklärt sich aus 
dem Briefe des Kardinals Bessarion, der ihre Signierung erwirkt hat, Cernik 
S. 329. Der Kardinal hat außer der ims erhaltenen Pcrgamentsupplik noch 
eine zweite gleichlautende, auf Papier geschriebene signieren und diese regi- 
strieren lassen, damit das Kloster, wenn es doch noch eine Urkunde wünsche, 
sich diese ausstellen lassen könne ; damit die Supplik registriert werden konnte, 
mußte sie datiert werden, und diese Datierung ist auf beiden Exemplaren der 
Supplik eingetragen. 

- Vgl. Schmitz-Kallenberg, Practica S. XXII N. 4. 

^ Nur aus solchen Abschriften kennen wir die Suppliken Kaiser Fried- 
richs III. und Maximilians I. an Sixtus IV., Chmel, Mon. Habsburg. 1 , 324 
n. 107; 359 n. 124; 364 n. 128. In einer dieser Abschriften sagt der trans- 
sumierende Propst Thomas von Cilli, daß er die signierte Origlnalsupijlik vom 
Papste selbst erhalten habe. Auch solche Transsumpte wurden bisweilen als 
Prunkausfertigungen mit reichem Schmucke hergestellt, vgl. die Abbildung der 
Abschrift einer Supplik an Julius IL, (,'ernik a. a. 0. Taf VI. 

* Die ältesten sind Form. Murbacens. 4. 5 aus der Zeit Karls des Großen 
und vor 800; vgl. auch Form. Bitur. 14. 

'" Vgl. Buoncompagni, Noiula qua dodrina datier quomodo jjelitiones im- 
peratoribus ei reyibu.^ porriguntur (QE. 9, 154); den Abschnitt de litteris peti- 
toriis in der sächsischen Summa prosarum dictam,inis (ebenda 9, 230 f.) und in 
der Summa dictaminiim des Magisters Ludolf (ebenda 9, 389 f.) oder im Baum- 
gartenberger Formularbuch (ed. Bärwald S. 35 ff.) usw. 



26 Bittschriften an weltliche Fürsten 

(leren sie erlassen sind, erwähnt,^ und einzelne derartige Suppliken 
sind uns aus fast allen Jahrhunderten des Mittelalters erhalten ge- 
blieben.- Aber die Fälle, in denen man sich so auf schriftUchem Wege 
au den König wandte, sind in Deutschland, wenigstens in älterer Zeit, 
doch immer nur Ausnahmen geblieben, und wie das der Natur der 
hier bestehenden Beziehungen zwischen dem Herrscher und seineu 
Untertanen entsprach, so blieb es auf deutschem Boden immer die 
Regel, der zahllose Urkunden aller Zeiten Ausdruck geben, daß wer 
immer etwas von dem Herrscher zu erbitten hatte, dies ihm in eigener 
Person vortrug oder allenfalls, wenn er behindert war, durch Boten, zumeist 
aber in mündlichem Berichte, vortragen ließ. Daher ist es denn auch 
in Deutschland niemals zu bestimmter Regelung des Petitionswesens 
gekommen, wie wir sie am päpstlichen Hofe kennen gelernt haben: 
und nur die siziliauischen Kanzleiordnungen Friedrichs IL und seiner 
Xachfolger enthalten eine Reihe von Bestimmungen über die Behand- 
lung der eingehenden Bittschriften, die nach den Anordnungen jenes 
Kaisers^ täglich früh am Morgen und wiederum zur Abendzeit vor 



» Vgl. Z. B. DM. 4. 9 ; Mühlbacher, Eeg.* n. 73. 913. 1.531. 1532; St. 2360. 3964. 

* Vgl. Bittschrift des Venerius von Grado au Ludwig d. Fr. MG. Epp. 5 
(Kar. 3), 314 n. 11. Auszug aus einer Bittschrift an Otto I. in DO. I. 410. 
Bittschrift der Herzogin Hualderada an die Kaiserin Adelheid, Fxcker, Jt. 
Forsch. 4, 39. Bittschriften des Abtes Erluin von Gembloux aus der Zeit von 
962—986 (oder 987), NA.23, 384ff. Bittschrift des Abtes Hugo von Farfa an Kou- 
rad II., SS. 11, 543; des Bischofs Burchard II. von Halberstadt an Heinrieh I\'., 
ÜB. Bistum Halberstadt 1, 69 n. 98. Petitionen an Friedrich II., Winkelmäxn, 
Acta 1, 600. 601; an Konrad IV. n. 672; an Richard, Hameler ÜB. 1, 37 n. 51. 
Petitionen an Heinrich VII., MG. Const. 4, 653 n. 687, 956 n. 924, 958 n. 925, 
1088 n. 104!) (in der Fassung ganz nach dem Mustor der Suppliken an den 
Fapstj; FicKER, SB. der Wiener Akademie 14, 242 n. 86, ferner Auszüge aus 
anderen Petitionen mit den darauf gefaßten Beschlüssen in dem Libcr proposi- 
tonim et expeditorum in consilio bei Dönniges, Acta 1, 51 ff. und Const. 4, 
999 ff. n. 958 ff. Auszug aus einer Petition der Stadt Gmünd au Sigmund mit 
daraufgeschriebenem Beurkundungsbefehl, Lindner, Urkunden wesen S. 139 usw. 

^ WiNKELJiANN, Acta 1, 736. — In einer späteren sizilianischen Kanzloi- 
ordnung, ebenda 1, 739, wird der zur Empfangnahme der Bittschriften be- 
stimmte Beamte peticionarius genannt. Der Bescheid wurde nach diesei*. wie 
nach der Kanzleiordnung Friedrichs II. in teryo der Petition vermerkt. Nach 
der Kanzleiordnung Karls I. von 1268 (ebenda 1, 743) nahm der Protonotar 
die Bittschriften in Empfang. Ein Auszug derjenigen . welche Gnadensachen 
betrafen, wurde in französischer Sprache auf einen Eotulus geschrieben und 
dem Könige vorgelegt. In tergo der Petitionen wurde vermerkt, von welchem 
Bureau sie zu bearbeiten seien. Nach der Kanzleiordnung von 1272 (ebenda 
1, 745) empfing nicht mehr der Protonotar, sondern ein vom König bestimmter 
Beamter die Bittschriften und sandte sie entweder direkt oder nach einem 
Vortrage vor dem Könige an den Protonotar. 



Vorlage älterer Urkunden '11 

dem Hanse der Kanzlei in Empfang genommen, demnächst an drei 
Wochentagen in der Kauzlei verlesen und sodann' der weiteren Ge- 
schäftsbehandluug zugeführt werden sollten. 

Auf diese Geschäftsbeliandlung, die wenigstens im späteren Mittel- 
alter wie an der päpstlichen Kurie so auch im sizilianischen Reich, 
je nach der Xatur der Angelegenheit, um die es sich handelte, in ver- 
schiedenen Bureaus und nach bestimmten, uus zum Teil erhaltenen 
Instruktionen erfolgte, kann hier im allgemeinen nicht weiter ein- 
jiLiangen werden; nähere Ausführungen darüber würden zu Ausein- 
andersetzungen über die Geschichte der mittelalterlichen Verwaltungs- 
orgauisatiouen führen, die außerhalb des Rahmens dieses Werkes liegen. 
Xur einige der dabei in Betracht kommenden Fragen sind doch auch 
für die ürkundenlehre von so erheblichem Interesse, daß ihre Erörte- 
rung nicht umgangen werden kann. 

Wie im langobardischen,^ so war es auch im fränkischen Reiche 
von jeher üblich, daß alle, die den König um Bestätigung oder An- 
erkennung eines Rechtes ersuchten, das sie durch Urkunden, sei es 
seiner Vorgänger für sie selbst oder ihre Vorgänger, sei es anderer 
Personen, erworben hatten, diese Urkunden selbst vorlegten. Schon 
die ältesten uns erhaltenen Meroviugerdiplome bieten Belege für diesen 
Brauch. So legte 625 der Abt Dodo von St. Denis Chlothar IL eine 
Schenkungsurkunde vor, deren Bestätigung er wünschte ;2 so kon- 
tirmierte Childerich IL dem Kloster Stablo Schenkungsurkunden seines 
Vorgängers Sigibert IL, die ihm vorgelegt waren ;^ so produzierte 687 
der h. Bertinus dem Könige Theuderich IIL alle Schenkungsurkunden 
für das von ihm begründete und nach seinem Xamen benannte 
Kloster, um eine Bestätigung seiner gesamten Besitzungen zu erlangen;* 
so der Bischof Papolenus 692 dem König Chlodwig III. einen Tausch- 
vertrag, den sein Vorgänger Remaclus mit König Childerich ge- 
schlossen hatte. ^ Ebenso setzen schon die ältesten merovingischen 



' Vgl. Chrodst, Untersuchungeu über die langob. Königs- und Herzogs- 
urkunden S. 68 f. 

- DM. 10. K. Peutz' Regest dieser Urkunde ist verkehrt; von einer vor- 
hergehenden Anerkennung der Schenkung durch König Dagobert ist in dem 
Diplom nicht die Rede; vielmehr ist der darin erwähnte inluster vir Daoberc- 
thus der Sohn Baddos und der Aussteller der vorgelegten Donationsurkunde; 
vgl. SiCKEL, Monumenta Germaniae historica. Diplomatum Tomus I besprochen 
S. 38flf., und die Restitution des im Original arg verstümmelten Textes bei Havet, 
Oeuvres 1, 227 N. 6. 

=> DM. 27. 29. 

* DM. 56. 

5 DM. 62. 



28 Verlesung und Prüfung der vorgelegten Urkunden 

Formulare für Bestätigungsurkiinden über Iminimitätsverleihungen, 
Schfiikun^uMi usw. die Vorlegung der Urkunden, die bestätigt werden 
sollten, voraus.^ Und daß der gleiche Brauch bis ins späteste Mittel- 
alter galt, lehren nicht bloß zahllose Beispiele, die jede größere Ur- 
kundensanmilung bietet, ^ sondern auch ausführliche Nachrichten dar- 
über liegen vor."^ So ließ sich König Sigmund* im Jahre 1418, als 
die Stadt Frankfurt die Bestätigung eines ihr von Karl IV. verliehenen 
Privilegs erbat, zunächst eine beglaubigte Abschrift davon aushändigen 
und diese genau prüfen, begnügte sich dann aber nicht damit, obwohl 
in jener Zeit authentischen Kopien zumeist voller Glaube geschenkt 
zu werden pflegt, sondern verlangte sogar das Original jener Urkunde 
zu sehen, dessen Vorlegung dann freilich der Rat der Unsicherheit der 
Straßen wegen verweigerte und an dessen Stelle er noch ein zweites 
Transsumpt einsandte. 

Die so eingereichten Urkunden wurden vom König eingesehen 
und vor ihm verlesen;^ eine Förmlichkeit, die sich bisweilen sehr in 
die Länge gezogen haben muß, da es sich häufig um eine größere 
Zahl von Dokumenten handelte,'' und der sich doch selbst Herrscher, 
die der lateinischen Sprache nicht mächtig waren, wie Konrad IL. 
nicht entzogen.^ Nur selten erfahren wir, abgesehen von den in 



' Form. Marc. 1, 4. IG. 17. 31. 

- Das gilt nicht bloß von königlichen, sondern nicht minder auch von 
den Urkunden anderer Aussteller, namentlich geistlicher und weltlicher Fürsten. 
Belege dafür aus dem östlichen Deutschland s. bei Posse, Privaturkunden S. 81 
X. 3. Aus Mainz Nass. ÜB. 1, (J4 n. 123 (vgl. Ficker, BzU. 1, 273); 1,. 6ö 
n. 127; 1, 78 n. 138; 1, 96 n. 166; 1, 167 n. 229; 1, 285 n. 417 usw. Aus Trier 
Beyer 1, 428 n. 371; 1, 558 n. 504; 1, 571 n. 515; 1, 642 n. 584; 1, 698 
u. 639 usw. Aus Bayern (Herzogtum) QE. 5, 74 n. 34. Aus Schwaben (Pfalzgraf 
von TübiDgen) Wirttcmb. ÜB. 2, 202 n. 418; (Bischof von Konstanz) ebenda 
2, 265 n. 468. Die Beispiele lassen sich beliebig vermelu'en. 

^ Von den im Nachlaß Heinrichs VII. erhaltenen Abschriften von Ur- 
kuuden, die dem Könige zur Bestätigung vorgelegt wurden, ist schon Bd. I 
S. 174 die Rede gewesen. Besonders interessant ist der Rotulus des Bischofs 
von Genf, auf dessen Rückseite seine Petition geschrieben ist, MG. Const. 4, 
653 n. 687 mit N. 1. 

* Vgl. die Korrespondenz Heinrichs von Gelnhausen mit dem Frankfurter 
Rat bei Janssen 1, n. 564. 567. 568. 

* Merovingische Beispiele: DM. 10: inspecta donatione; 12: inspecta pac- 
tione; 56: inspecta ipsa instrumenta. — Verlesung: Form. Marc. 1, 4. 17. 31. 
DM. 27. 45. 55. 58. 62 usw. — In späterer Zeit wii"d die Besichtigung durch 
die Formel: obtutibus nostris obtulit oder ähnlich au;-gedrückt. 

* DM. 58 drei, DM. 61 vier, DM. 85 mindestens sechs Präzepte. 

' Vgl. Chron. Casauriense ad a. 1027, Muratori, SS. 2'', 844: imperator 
privilegia et chnrtas coram se le'ji fecit. Auch Otto I. wird das nach DO. I. 



Verlesung und Prüfung der vorgelegten Urkunden 29 

diesem Zusammenhang niclit weiter zu erörteruden .Fällen, in denen 
die Urlamden in einem formellen liotgerichtlichen Prozeßverfahren 
produziert wurden, etwas Näheres darüber, wie man sicli Gewißheit 
über die Echtheit der vorgelegten Dokumente zu viTscliaffen suchte. 
Handelte es sich um Königsurkunden, so wissen wir schon, daß in 
älterer Zeit auf die Unterschrift des Königs besonderes Gewicht gelegt 
wurde ;^ in einer Anzahl der oben angeführten Formulare und Diplome 
aus der Merovingerzeit wird bemerkt, daß sie von der Hand des aus- 
stellenden Herrschers unterschrieben seien; später wird wohl in gleicher 
Weise das „bekannte Siegel" des Ausstellers betont.^ Gewiß ist aber, 
daß in zahlreichen Fällen die Prüfung eingereichter Dokumente nur 
sehr oberflächlich gewesen sein kann; das beweisen die zahlreichen 
Falsifikate, die als echt anerkannt und bestätigt worden sind. Und es 
ändert daran nichts, daß nicht selten über die Frage, ob eine Bestäti- 
gung erteilt werden sollte, ein Rechtsspruch der um den König ver- 
sammelten Großen eingeholt worden ist;^ die Urteiler waren zu einer 
sachkundigen Kritik zumeist gewiß noch weniger befähigt, als etwa 
der König selbst oder die Beamten seiner Kanzlei, wenn ihnen über- 
haupt die Frage der Echtheit der vorgelegten Urkunden und nicht 
bloß die andere, ob das dadurch begründete Recht anzuerkennen sei, 
vorgelegt worden ist. In der Regel scheint man mit der Vertrauens- 
seligkeit, die dem Mittelalter überhaupt eigen war, derartigen Doku- 
menten, wofern nicht ihre Echtheit von einer Gegenpartei ausdrück- 
lich bestritten und dadurch eine kontradiktorische Verhandlung not- 
wendig gemacht wurde, ohne irgend eine eingehende Prüfung Glauben 
geschenkt zu haben.* Und nur vereinzelt und verhältnismäßig spät 

86, vgl. auch DD. 0. I. 169. 367, vor ihm zu Frankfurt verlesene Privileg Lud- 
wigs des Frommen kaum völlig verstanden haben. Daß aber auch später 
noch der Brauch der Verlosung gilt, beweist (eins von vielen Beispielen) die 
Urk. Rudolfs von Habsburg für Fulda von 1289 (Dronke n. 843), in der acht 
Privilegien karolingischer und ottonischer Zeit als coram nostra maiestate per- 
specta, lecta et intellecta bestätigt werden. Bisweilen mögen dabei die Ur- 
kunden ins Deutsche übersetzt worden sein, wofür exponere der technische 
Ausdruck ist; vgl. St. 2961 von Heiurich IV. {leciis et expositis in audieticia 
eunctomm ommbus testamenlis signntis a Fippini regis tempore), St. 3624 von 
Friedrich I. {recüari et exponi iussimus). — Beispiele für Verlesung aus dem 
Sizilianischen Reiche bei K. A. Kehk S. 120 N. 3. 

» Vgl. Bd. I, 688. 

2 Bd. I, 691 f. 

^ S. darüber im folgenden Kapitel. 

* Doch ist z. B. nach DO. I. 163 trotz vorgelegter Urkunden noch Zeugen- 
beweis erhoben worden, ehe auf Grund davon Bestätigung und Restitution 
verfügt wurde. 



30 Verlesung und Prüfung der vorgelegten Urkunden 



begegnen Zeugnisse, die auf ein gewisses, freilich "bisweilen ebenso 
kritikloses Mißtrauen schließen lassen. Wenn es z. B. nach einem 
Diplom Friedriolis IL vor. 1222.* dem die Leute von Capo d'Istria 
eine Urkunde Konrads IL zur Bestätigung vorgelegt hatten, in dessen 
Kanzlei ungebräuchlich war, so alte Privilegien überhaupt zu konlir- 
mieren,^ so mag der Grund davon der gewesen sein, daß die Prüfung 
der Echtheit um so schwieriger wurde, je älter das zu prüfende Doku- 
ment war (»der zu sein vorgab. Sonst aber kommen h<)chstens ver- 
einzelte Fälle der Art vor, und eine allgemeine Geschäftspraxis, wie 
sie nach jenem Zeugnis am Hofe Friedrichs IL bestanden haben soll. 
ist für die Kanzleien anderer Könige nicht zu erweisen. 

Auch in dieser Beziehung übertraf die Geschäftsgebarung bei 
der päpstlichen Kurie an Ordnung und Bestimmtheit diejenige der 
weltlichen Kanzleien des Mittelalters. Daß auch bei ihr die Ein- 
reichung der Dokumente, um deren Bestätigung gebeten wurde, 
mochten es nun Urkunden früherer Päpste oder anderer Personen 
sein, seit den ältesten Zeiten hergebracht vrar, ist zweifellos,^ wenn- 
gleich der Kontext der Papsturknnden nicht so häuüg wie der der 
königlichen diese Vorlegung ausdrücklich erwähnt* AVenigstens in 
den Fällen nun, in denen es sich um die Bestätigung älterer Papst- 
privilegien handelte, besaß die Kurie in ihren Registerbüchern ein , 
Mittel zur Kontrolle, wie es der königlichen Kanzlei fehlte; und wenn 
Grund zurii Mißtrauen vorhanden war, wird man gewiß nicht unter- 



' Winkelmann, Acta 1, 218 n. 23G. 

* Licet apud nos et in curia nostra inusitatum sit, huiusmodi antiqua 
privilegia renovare. vobis tarnen et de solita benigvitatis nostre gratia duximus 
confirniandiom. — Streng durchgeführt ist der Grundsatz übrigens auch unter 
Friedrich II. nicht, wennglpich unter ilim seltener als unter anderen Herrschern 
Bestätigungen ganz alter Urkunden vorkommen. Aber, utn nur eiu Beispiel 
für das Gegenteil anzuführen: 1230 konfirmiert und inseriert Friedrich dem 
Bischof von Triest eine Urkunde Lothars vou Italien von 948, Winkelmank, 
Acta 1, 279. 

* Das ergibt schon der auch hier häufig vorkommende, wörtliche An- 
schluß der Nachbildungen an die Vorurkunden; vgl. aber auch unten Kap. XI 
über die Verwendung der Vorurkunden als Kouxepte für Bestätigungen. 

■• Aus dem 13. Jahrliundert sind interessant die Erwähnungen älterer ein- 
gereichter Privilegien durch Iiinocenz I\'., Mahini S. 9, und Gregor IX, vgl. 
Krabbo, MiÜG. 2b, 2T5flF,; Makin[ S. 32 usw. Marini S. .50. 52 sind Fälle, in 
denen, da die Originale nicht nach Rom gesandt werden konnten, anderweite 
Uutfrsuchung derselben angeordnet wird. In einer der oben S. 1 1 N. 3 er- 
wähnten ravennatischen Suppliken des 14 Jaiirhunderts bittet der Erz- 
bischof um wörtliche Insertion der Privilegien que in canceUaria vestra diixerit 
exhibenda. 



i 



Verlesung und Prüfung der mrgchgten Urkunden 31 



lassen haben, sich dieses Mittels zu bedienen.^ Waren die Register- 
bücher der Päpste, welche die zu koulirmierenden Privilegien aus- 
gestellt hatten, nicht mehr erhalten, so versagte allerdings dies Mittel, 
und die päpstliche Kanzlei war dann in derselben Lage, in der sich 
in derartigen Fällen die königliche befand. Aber statt des hier wenig- 
stens unter Friedrich IL eingeschlagenen Weges, die Bestätigung ganz 
alter Privilegien überhaupt auszuschließen, bediente sie sich eines 
anderen; sie beschränkte seit dem 13. Jahrhundert derartige Konfir- 
mationen vielfach ausdrücklich auf eine einfache Transsumierung der 
vorgelegten Urkunden und fügte eine Klausel hinzu, die verhindern 
sollte, daß die Transsumierung einer etwaigen Anfechtung der vor- 
gelegten Urkunden entgegengehalten werden künne.^ 

In zahlreichen Fällen konnte die vor den König oder den Papst 
gebrachte Bitte, mochte sie nun durch die Vorlegung älterer Urkunden 
unterstützt sein oder nicht, von ihnen ohne weiteres und ganz nach 
eigenem Ermessen erfüllt oder abgelehnt werden. Aber das war nicht < 
immer der Fall, und insbesondere, wenn die Erfüllung der Bitte die 
Rechte dritter Personen berührte, pflegte man deren Hinzuziehung 
nicht zu umgehen. Bei der päpstlichen Kurie bestand, wie wir schon 
wissen, zu diesem Zwecke seit dem 13. Jahrhundert ein eigenes Bureau 
— die Audientia liUerarum contradiclarum^ — , in dem Gelegenheit zum 
Einspruch gegen die Aushändigung der ausgefertigten Urkunden an 
die nachsuchende Partei gegeben war. Etwas Ähnliches sieht die 
Kanzleiordnung Friedrichs IL vor, indem sie bestimmt, daß alle in 
Angelegenheiten von Privatpersonen ausgefertigten Urkunden an drei 
Wochentagen öffentlich in der Kanzlei verlesen werden sollen und 
daß hier zum Einspruch dagegen Gelegenheit gegeben werden soll* 
Daß aber auch unter den Vorgängern und Nachfolgern Friedrichs IL 
Einrichtungen dieser Art bestanden hätten, ist nicht überliefert. In 
Deutschland wie in Italien wird dagegen sehr häufig und in Urkunden 



' Beispiele von Fällen, in denen auf die Register rcknmert worden ist, 
gibt Delisle, Mem. sur les actes d'Innocent III., BEC. 19 (1858), 15. 

^ Nur diesen Sinn kann die Klausel: Nolumus tarnen per hoc ms aliquod 
novum aequiri monasterio memorato, sedantiqimm sibi tantummodo eonserran 
haben (vgl. z. B. Marini S. 57); auf den Rechtsinhalt der konfirmierten Ur- 
kunde kann sie nicht gehen, da die Konfirmation ohnehin nur eine wörtliche 
Wiederholung davon gibt. 

3 Vgl. Bd. 1, 281 fi". 

* WiNKELMÄNN, Acta 1, 736: Ldttere super negociis prüatorum impetrute 
legentur singulis diebus Mnrtis, lovis et sabbati in hora vespertina publice in 
cancellaria, et si apparuerit contradictor, eoniradictionis eidem copia non negetur. 



32 Konsens 



aller Zi'iti'ii. wi'iiigstens uach der merovingischen Periode, auf ein vor- 
hergocraugeues gerichtliches Verfahren Bezug geuoninien,^ in dem üher 
Kechtsfragen, die hei den Yeriiandluiigen üher die Ausstellung einer 
Urkunde in Frage kommen konnten, entschieden worden ist.^ 

Wichtiger jedoch als die untereinander sehr verschiedenartigen 
Fälle, in denen die mangelnde Zustimmung einer Person oder Partei, in 
deren Rechtssphäre die Verfügung des Königs eingriff, durch richter- 
lichen Sprucli ergänzt oder ersetzt wurde, sind diejenigen, in denen 
ein solcher Konsens^ freiwillig erteilt und, daß dies geschehen, im 
Kontext der l rkunde erwähnt wurde. Insbesondere bei gewissen Arten 
von Rechtsgescliäften ist eine solche Erwähnung so regelmäßig, daß 
sie geradezu als ein Merkmal der darüber ausgestellten Urkunden be- 
zeichnet werden kann.'* 

Hierhin gehören zuerst die Urkunden, durch die der König in 
kirchliche Angelegenheiten eingriff, insbesondere und zunächst die — 
im engeren .Sinne so genannten — Privilegien, durch welche die Be- 
ziehungen zwischen Klöstern und Bischöfen geregelt oder, genauer 

* In der Merovingerzeit pflegte man in solchen Fällen meist eine eigent- 
liche Gerichtsurkunde auszustellen, ohne daß noch ein weiteres Diplom erteilt 
wurde. 

- Beispiele aus dem 9. Jahrhundert Sickel, Acta 1, 65; aus dem 10. Jahr- 
hundert DO. I. 367. 392 (Echtheit von I>K( hnek bestritten, doch wohl aufrecht 
zu erhalten). 419; aus dem 11. Jahrhundert DD. H. II. 302. 364. DK, II. 
100. St. 2882; aus dem 12. Jahrhundert St. 3963\ Die Zahl dieser Belege wäre 
leicht zu vermehren. 

' Zur Lehre vom Konsens vgl. jetzt besonders Ficker, Vom Reichf- 
fürstenstande 2, 68 ff. 

^ Einzelfälle, in denen der Konsens eines Beteiligten erwähnt wird, wie 
z. B. DK. I. 2, DK. II. 101, St. 2182, kommen natüilich in verschiedenster 
Weise zu allen Zeiten vor, können aber hier nicht weiter berücksichtigt werden. 
Zu ihnen gehört auch der Konsens des Papstes in DO. I. 410, der wohl nur, 
da dieser gerade mit dem Kaiser zusammen war, aus einer Art von Höflich- 
keit eingeholt wurde. — Ebenso kann nur hier in der Anmerkung an den auf 
rein privatrechtlichen Grundsätzen beruhenden Konsens der Erben zu Ver- 
äußerungen von Immobilien durch den Erblasser erinnert werden; vgl. Heüsi.ek. 
Institutionen des deutschen Privatrechts 2, 54 ff.; Gierke, Deutsches Privat- 
recht 2, 785 ff., und die dort zitierte Literatur. In Privaturkunden wird dieser 
,,Erbcnlaub" sehr oft erwähnt; in Königsurkunden nur ver(>inzelt und erst seit 
der Zeit, da man bestimmter das llausgut des König.s, dessen Veräußerung 
unter Umständen eines solchen Konsenses bedurfte, von dem Reichsgut zu 
uuterscheiden begann. Das erste mir bekannte, sichere Beispiel ist DK. II. 199 
vom Jahre 1033; Konrad II. und seine Gemahlin schenken ein Erbgut der letz- 
teren mit Zu.-<timinung ihrer Söhne, des Königs Hiinrich III. und des Herzogs 
Hermann von Schwaben, an Würzburg. Vielleicht aber gehört schon in DH. I. 
■_'<• der Konsens Ottos hierher. 



Konsens bei Klosterprivilegien 33 

ciusgedrückt, die Episkopalgewalt zugunsten der Klöster eingeschränkt 
wurde. ^ In der Merovingerzeit ist die älteste derartige Künigs- 
urkunde, das Privileg Dagoberts I. für Kesbach von 635, vor der ent- 
sprechenden bischöflichen Urkunde erlassen, der Konsens des Bischofs 
also erst nachträglich eingeholt worden.^ Aber schon die zweite, das 
Privileg Chlodwigs IL für St. Denis von 653, stellt sich selbst nur als 
eine Kontirmation der bischöflichen Urkunde dar und ist außer von 
dem Diözesanbischof selbst noch von einer großen Anzahl anderer 
geistlichen und weltlichen Großen, die sich zum Teil ausdrücklich als 
Konsentienteu bezeichnen, unterschrieben worden.'^ Wie dieser Brauch 
sich in der Karolingerzeit erhalten hat und der Konsens des unmittel- 
bar beteiligten Diözesanbischofs und seiner geistlichen Amtsgenossen 
sowie anderer Großen in derartigen Privilegien häufig erwähnt und 
bisweilen auch durch Unterzeichnung seitens der Zustimmenden zum 
Ausdruck gebracht wird,* so kommen einzelne derartige Fälle noch 
bis ins 12. Jahrhundert hinein vor. So ist die Privilegierung des 
Nonnenklosters Drübeck 980 von Otto IL mit Zustimmung des Diö- 
zesanbischofs Hildward von Halberstadt, des Markgrafen Dietrich, eines 
Grafen Wicher und anderer Beteiligter verfügt und seine Exemption 
1004 von Heinrich IL mit Zustimmung des Bischofs Arnold bestätigt 
worden.^ Oder so hat Heinrich IV. 1089, als er der neugegründeten 
Kirche von Weihen-St, Peter gewisse Freiheiten verbriefte, sich dafür 
zuvor der Einwilligung des Bischofs von Regensburg und der bei 
der Angelegenheit gleichfalls beteiligten Äbtissin von Obermünster 
versichert.^ 

Damit aber hängt es nun zusammen, daß überhaupt bei der 
Regelung geistlicher Angelegenheiten durch den König, insbesondere 
auch bei den auf Stiftung und Dotierung sowie auf Verlegung von 
Bistümern und Klöstern bezüglichen Anordnungen die Zustimmung 



* Vgl. SiCKEL, BzD. 4; Acta 1, 65f,; Lönino, Kirchenrecht 2, 364 tf. 381 fF. 
« Vgl. DM. 15 (dazu Kkcsch, NA. 25, 134 N. 1); Pardessüs n. 275 (dazu, 

gegen Levillain, Kuüsch, NA. 31, 363 ff.). 

^ DM. 19. — Indem einzelne Satze späterer Immunitäten für St. Denis 
einer Privilegienkonfirmation nachgeschrieben sind, ist in erstere auch die Er- 
wähnung des Konsenses mit übernommen worden, die aber, wie Sickel, Acta 1, 
66, mit Recht bemerkt, sachlich bedeutungslos ist. 

* Beispiele bei Sickel a. a. 0., vgl. unten Kap. XI f. 
' DO. II. 225; DU. II. 82. 

« St. 2894: talem liberfatem a praedicto episcopo 0. et ab ahbati.<i^a 
Haxecha eis acqaisici. — Ein Beispiel aus dem 1 2. Jahrhundert ist St. 3381, 
Ejemption von Kloster Komburg: consentienfe per oninia et astipulante nobts 
in hac causa dilecto nostro Embrichone Wirxeburgensi episcopo. 
Ureßlau, Drkundenlehre. 2. Aufl. II. ^ 



84 Konsens bei Königsurkunden in kircJdichen Angelegenheiten 

geistlicher und weltlicher Großen eingeholt und in den betreffenden 
Urkunden erwähnt zu werden pflegte. Wie die Stiftung des Klosters 
Corvey mit Zustimmung der Getreuen Ludwigs des Frommen erfolgt 
ist,^ so erwähnt Otto I. bei der Fundation von St. Moritz zu Magde- 
burg den Beirat der um ihn versammelten Bischöfe des Reichs,^ und 
bei einer Zehutenschenkung für dasselbe Kloster gedenkt er der Zu- 
stimmung des Halberstädter Klerus und des Erzbischofs Friedrich von 
Mainz, sowie des Rates anderer Getreuen.^ Mit besonders ausführ- 
lichen Wendungen wird diese Zustimmung in den zahlreichen ür- 
kumlcn Heinrichs IL, welche die Gründung und Dotation des Bistums 
Bamberg betreffen, zum Ausdru(^k gebracht,* und noch die Bestätigung 
dieser Gründung durch Konrad IL ist nicht ohne Konsens der Großen 
erfolgt.^ Derselbe Kaiser holte die Genehmigung aller am Hofe an- 
wesenden Getreuen ein, als er die Gründung des Klosters St. Martin 
zu Minden bestätigte^ und über die unter ihm vollzogene A'erlegung 
des Bistums Zeitz nach Naumburg ist eine eigene Zustimmungs- 
urkunde des Papstes nachgesucht worden, aus der sich zugleich die Mit- 
wirkung des Erzbischofs von Magdeburg bei dieser Angelegenheit er- 



* Mühlbacher, Reg.^ n. 923. 924: cum consensii fideliuvi nostrorum. 

* DO. I. 14: consiliantibus nohis episcopis, qui in praesenti erant (folgon 
zehn Namen). Consilium ist in diesem Falle und sonst mehrfach gleich con- 
sensus, während es in anderen Fällen gebraucht wird, um die unten zu be- 
sprechende Intervention auszudrücken. Vgl. auch die Stiftungsurkunden für 
Brandenburg und Havelberg DO. I. 76 (interpoliert, aber an der hier in Be- 
tracht kommenden Stelle echt), 105 und DO. L 366 über die Errichtung des 
Erzbistums Magdeburg. 

» DO. L 79. 

* St. DH. IL 144 ff.: Romana auetoritate atque venerahilis Heinrici Wirci- 
burgensis episcopi consensii ac pari communique omniuni nostri fidelium tarn 
archiepiscoporuni quam episcoporuni ablaiumque nee non durum et comitum con- 
sultu decretoque. Vgl. auch DU. II. 98 (betreffend die Gründung der Stifter 
St. Nicolaus und St. Adalbert zu Aachen und ihr Verhältnis zum Marienstift): 
cotisilio et consensu principum ducum videlicct episcoporuni et comitum. Das 
Fehlen eines derartigen Konsenses des Bischofs von Halberstadt bei der 
Gründung von Merseburg durch Otto I. wird 981 als Grund für die Kassierung 
der Maßregel benutzt, vgl. Jaffä-L. 3808 und das Synodalprotokoll, Uß. Bis- 
tum Halberstadt 1, 31 n. 47, dazu Uiilirz, Gesch. d. Erzbistums Magdeburg 
S. 54. es ff.; Jahrb. Ottos II. S. 160 N. 27. 

" DK. II. 206: consensu cunctorum fidelium nostrorum. 

® DK. II. 192: cum consensu omnium nostrorum fidelium, qui tunc temporis 
ibi affuerunt. — Vgl. noch St. 2882 vom J. 1086 über die Vereinigung des 
Olmützer Bistums mit dem Prasor. 



Konsens bei Einforstungsurkunden 35 



gibt.i Und ebenso hat Heinrich IIL 1040 und .1043 bei der Be- 
stätigung der Stiftungen des Klosters Überwasser zu Münster und des 
Stiftes St. Moritz zu Minden den Konsens der um ilm versammelten 
Großen er\yirkt.2 YjS wird nicht nötig sein, die Beispiele für den so 
nachgewiesenen Brauch zu häufen, und solche aus der Zeit nach 
Heinrich III. anzuführen, erscheint untunlich, weil seit der zweiten 
Hälfte des 11. Jahrhunderts der hier besprochene Konsens sich vielfach 
schwer von einem anderen, allgemeineren Zustimmungsrecht der Fürsten 
unterscheiden läßt/'* 

Unter den vor dieser Zeit ausgestellten Urkunden der Könige 
über weltliche Angelegenheiten, die einen Konsens erwähnen, tritt be- 
sonders eine Gruppe in den Vordergrund:^ die schon früher^ bespro- 
\ ebenen Diplome, durch welche einzelnen Personen oder Kirchen der 
Wildbanu, d. h. das durch den königlichen Bann geschützte, aus- 
schließliche Jagdrecht nicht nur auf ihrem eigenen Grund und Boden, 
sondern auch auf fremdem Grundbesitz oder in der gemeinen Mark, 
in der dies Recht bisher den Markgenossen gemeinsam zugestanden hatte, 
o-ewährt wird. Solche Urkunden, durch die also Waldgebiete zu Forsten*^ 
gemacht wurden, erwähnen seit der Zeit Ottos IL' fast durchweg die 



^ Jaff6-L. 4087: inclinati precibus . . confratris nosfri H. Magdeburgensis 
archiepiscopi. — Vgl. noch DO. II. 114, Verlegung des Klosters Tlianknuirsfelde 
nach Nienburg mit Zustimmung von zwei Erzbischöfen und sechs IJisehöfen, 
darunter dem von Magdeburg. 

* Für St. Moritz vgl. St. 2238: cum eonsenm ccterorum fidelium nostro- 
rimi, qui tunc temporis affuerunt. Das Diplom für Überwasser ist nicht er- 
halten, aber eine Aufzeichnung des 11. Jahrhunderts (Wilmans-Piui.ippi 2, 
250) bezeugt, daß die Bestätigung erfolgt sei: consentiente et colluudante regni 
principatu. 

* Docb gehören einzelne Fälle späterer Zeit noch bestimmt hierher, so 
z. B. St. 34.18, betreffend die Kirche zu Hagenau: ex consensu Bmrbardi 
Argentinensis cpiscopi, in cuius diocesi prcnomhiatum castellicm Hagenoue 
situm est; St. 4123 betreffend Kloster Herbrechtingen mit Zustimmung des 
Bischofs von Augsburg usw. 

* Vgl. für das folgende Waitz, VG. 4, 129ff. 8, 268ff; Schködek, Rechts- 
geschichte^ S. 547 ff.; W.Sickel, Zur Geschichte des Bannes (Marburgtr Rektorats- 
programm 1886) S. 41 ff.; TuiMME, AfU. 2, 101 ft^ 

5 Bd. I, 58 f. 

« Über die Entwicklung der Bedeutung des Wortes forestis, auf die hier 
nicht näher einzugehen ist, vgl. Thimme a. a. 0. und Uulirz, Deutsche Lite- 
raturzeitung 1909 n. 13. 

' Vorher kommt das nicht vor. In dem D. Kar. 273, einer d.-r bekannten 
Osnabrücker Fälschungen, ist der Zusatz bei der Wildbannvcrleihung coUau- 
dQtione illius regionis potentum , der in den Vorurkunden der Fälschung von 
Otto I., Heinrich II. und Konrad II. fehlt, geradezu eines der Zeichen ihrer 

3* 



36 Konsens bei Einforstungsurkunden 

Zustimmuug der bisher zur Ausübung der Jagd berechtigten; bisweilen 
heißt es lediglich, daß die vicini, die in circuüu Juibitantes, die com- 
provincialci usw. ihren Konsens gegeben hätten, in anderen Fällen 
werden ihre Namen mehr oder minder vollständig aufgeführt;' einige 
Male wird die nachträgliche Einholung des Konsenses dem, zu dessen 
Gunsten die Einforstung erfolgt, auferlegt und von ihr sein aus- 
schließliches Recht ausdrücklich abhängig gemacht.- Außerordentlich 
selten nur fehlt in den nächsten hundert Jahren in solchen Wildbann- 
verleihungen, bei denen wir an Ausdehnung des Rechtes auf fremden 
Grundbesitz zu denken Anlaß haben, die Erwähnung des Konsenses 
der Berechtigten: 3 zuletzt kommt sie unter Heinrich IV. im Jahre 
10G5 vor;* im 12. Jahrhundert mag an die Stelle der Zustimmung 
der Markgenossen ihr Zeugnis bei der königlichen Verleihung des 
Wildbanns getreten sein.^ 



Entstehung im 11. Jahrhundert, vgl. Tangl, AfU. 2. 269 f. — Ob in der Zeit 
vor Otto II. solche Verleihungen des ausschlirßlichen Jagdrechts auf fremdem 
Grundbesitz überhaupt vorgekommen sind, bedarf noch weiterer Untersuchung. 
TiiiMME S. 129 ff. stellt es in Abrede; aber das DO. I. 131 bereitet seiner An- 
nahme Schwierigkeiten; ich sehe keinen Grund zu bezweifeln, daß die cwes, 
die früher eine communis venatio in dem zu Echzell gehörigen forestum hatten, 
eben die Bewohner dieses Dorfes waren. Freilich folgt aus dem Fehlen der 
Erwähnung des Konsenses noch nicht, daß er nicht erteilt ist. Der an Osna- 
brück von Otto I. verliehene Forst (DO. I. 302) war, wie schon Tanol a. a. 0. 
2, 270 N. 1 bemerkt hat, viel zu groß, als daß man an Verleihung auf eigenem 
Besitz des Bischofs denken könnte. Doch braucht es sich deshalb noch nicht 
um fremde Rechte zu handeln: der Forst kann königlich gewesen sein. 

* Vgl. das Verzeichnis bei Thimme S. 153 f. Hinzuzufügen sind noch /las 
schon von W. Öickel besprochene DO. III. 73 für Minden, wo in sehr bezeich- 
nender Weise zunächst zwei foresti nosfri, also königliche Forsten, ohne Er- 
wähnung eines Konsenses verliehen werden und dann insuper ein Teil des 
Süntelwäldes ob interventuni et comprobationein fideliuni nostrorum (drei ge- 
nannte) alionmique comprocincialium suoritm, und das DH. III. für Chur St. 2387 
mit consensii . . . eompronncialiwn , das ebenfalls Sickel schon angcfülirt hat. 

' Vgl. DH. II. 54, DK. II. 132. 

^ Die von Thimme S. 133 f. aufgezählten Urkunden betreffen Verleihungen 
auf königlichem Grundbesitz oder auf solchem der Empfänger. Aber einige 
der von Sickel S. 47 angeführten Diplome sind schwer so zu erklären. So 
die Verleihung der Hirschjagd im ganzen Gau Sturmi an Verden (DO. III. 23) 
und die Verleihung des Wildbanns im ganzen Wihmodigau an Bremen (St. 2622),. 
wenn er nicht etwas, was möglich wäre, schon vor der Erwerbung des Hofes 
Lesum durch Konrad II. mit diesem Gut verbunden war, vgl. Bresslau, Jahrb. 
Konrads II. 2, 363. 

* St 2673. — Bei den späteren Wildbannverleihungen Heinrichs IV. wird 
der Konsens nicht erwähnt. 

* Vgl. St. 4134. 



Konsens hei Urkunden verschiedenen Inhalts 37 

Wesentlich verschieden von dieser nur zu einer bestimmten Kate- 
gorie von Amtshandlungen des Königs, zu diesen aber auch wälirend 
eines gewissen Zeitraums fast regelmäßig erteilten Zustimmung un- 
mittelbar oder mittelbar beteiligter dritter Personen ist es nun, wenn 
seit der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts gelegentlich zu den 
verschiedenartigsten Greschäfteu seitens des Herrschers der Beirat oder 
die Zustimmung^ der gerade um ihn versammelten Großen seines 
Hofes eingeholt wird. Handelt es sich bei den bisher besprochenen 
Fällen des Konsenses geradezu um ein Recht derer, die ihn erteilen, 
so kann bei den jetzt zu erörternden davon, wenigstens zu Anfang der 
Entwickelung, nicht die Rede sein; sie zeugen vielmehr von einem 
mehr tatsächlichen, als auf formalem Recht begründeten, unter ge- 
wissen Herrschern mehr, unter andern weniger hervortretenden, im 
Laufe der Zeit aber immer wachsenden Einfluß der Großen auf die 
Regierung und Verwaltung des Reichs; und es charakterisiert die Art 
dieser Mitwirkung der Großen am besten die Tatsache, daß sie unter 
einem und demselben Herrscher bei Geschäften ganz gleicher Art bald 
vorkommt und bald nicht. Unter den ersten Karolingern ist von der- 
artiger Zustimmung noch wenig die Rede;^ häufiger kommt sie zuerst 
während der schwachen Regierung Ludwigs des Kindes zum Ausdruck.^ 
Während dann unter Konrad L, den Königen aus dem sächsischen 
Hause und den beiden ersten Saliern derartige Fälle wieder seltener 
sind,^ werden die Beispiele unter Heinrich IV. und Heinrich V. zahl- 



^ Consensus, assensus oder consilium, consultus, Ausdrücke, zwischen 
deren Bedeutung in den meisten Fällen ein Unterschied nicht gemacht worden 
zu sein scheint; vgl. darüber zuletzt Pcxtschart bei Ficker, Reiehsfürstenstand 
2, 69 N. 2. Bestimmt davon zu scheiden sind indessen die Ausdrücke ex sen- 
tentia, ex iudieio oder ähnliche, die auf ein förmliches Urteil des Hofgerichts 
hinweisen. 

* Vgl. SiCKEL, Acta 1, 66; Waitz, VG. 3^, 594 f. und über einen be- 
stimmten Fall MÖHLBACHER, Reg.* n. 579. Alle Urkunden des ersten Bandes 
der Karolingerdiplome, in denen von consilium und consensus die Rede ist, 
sind unecht, mit alleiniger Ausnahme von D. Kar. 25, einem Privileg für St. Denis 
von der oben S. 32 f. bezeichneten Art, aus dessen Arenga der Ausdruck dann in 
die späteren Immunitäten des Klosters übergegangen ist. Vereinzelte Beispiele 
aus der Zeit Karls III. Mühlbacher, SB. der Wiener Akademie 92, 423 N. 2, an.s 
der Zeit Arnulfs War'z, VG. 6-, 398 N. 3; vgl. noch Wilmans 1, 261 n. hb (petiti- 
onlbus et salubri consulhii), und zu dem ersten Beispiel von Waitz Dronke n. 633. 
sowie Wilmans 1, 226 n. 48, woraus sich ergibt, daß admonitio nur gleich 
interventus ist. 

ä Beispiele bei Waitz, VG. 6^ 398 N. 2. 

* Unter Konrad I. DK. I. 11: inito consilio nostrorum ßdelium (fünf 
Namen) ceterorumquc nobiliuyn virorum nobis assistentium, vielleicht auch 



38 Konsens bei Vergahutig von lleicJisldöstern 

reicher,' sind aber in der Folge kaum mehr von denjenigen be- 
stimmter zu unterscheiden, in denen, worauf unten zurückzukommen 
ist, der Konsens nicht mehr im Kontext der Urkunde zum Ausdruck 
gelaugt, sondern durch die Aufzählung der zustimmenden Großen als 
Zeugen der königlichen Verfügung ersetzt wird. 

Dies Verhältnis hat sich nun auch unter Lothar und den ersten 
staulischen Königen nicht wesentlich geändert. Der Konsens oder der 
Beirat von Fürsten wird im Kontext der Urkunden nicht eben häufiger 
erwähnt, als unter den beiden letzten Saliern geschehen war, und noch 
immer linden wir neben Urkunden, in denen seiner gedacht wird, 
anderr ganz gleichartige, in denen das nicht der Fall ist. Nur eine 
eng begrenzte Kategorie von Urkunden seheint eine Ausnahme zu 
machen, diejenigen, durch welche über Reichsklöster zugunsten anderer 
Personen, insbesondere zugunsten von Bischöfen verfügt wird. In 
solchen Fällen scheint man im zwölften Jahrhundert nicht nur die 
Zustimmung der Fürsten für erforderlicli gehalten zu haben,- sondern 
es scheint sogar die Rechtsgültigkeit einer derartigen Anordnung davon 



DK. I. 3, das allerdings interpoliert ist. Unter Heinrich I. DDH. I. 2. 9. 20. 
25; dazu noch 15eyek 1, 234. Unter Otto I. außer den schon oben erwähnten 
DD. 0. 1. 14. 76. 79. 10.5. 366 noch DD. 0. I. 31. 34 (aus verlorener Vorurkunde). 
55 (aus Vorurkunde). 85. 120. 123. 140. 179 (wenn echt). 198. 199. 209. 293.316; 
es mag dabei hervorgehoben werden, daß von den Diplomen Ottos I., deren keines 
Italien betritft, mehrere kirchliche Privilegien verleihen und vielleicht der oben 
S. 32 ff. besprochenen Kategorie von Urkunden angehören. Unter Otto II. und 
Otto III. (nach den durch das Wortregister des zweiten Diplomatabandes gegebenen 
Anhaltspunkten und einigen Ergänzungen, die ich hinzufüge) die DD. 0. II. 
76. 112, 122^ 134. 218. 280 und die DI). 0. III. 30. 32. 52. 62. 111. 118. 119. 
130. 155. 157. 168. 197. 208, wobei zu bemerken ist, daß unter diesen beiden 
Herrschern meist nur von consilium oder consultus und nur in den beiden zu- 
letzt angeführten Diplomen von conserisus die Rede ist, und daß auch hier 
mehrere Stücke in die oben erwähnte Kategorie eingereiht werden können. 
Unter Heinrich II. außer den schon besprochenen Diplomen noch DD. H. II. 
10 (aus Vorurkunde). 34 (kirchliche Verfügung). 99. 139. 209 (aus Vorurkunde). 
238 (kirchlich). 277 (desgleichen). 340 (aus Vorurkunde). 403 (kirchlich) 501. 
507. UutcrKourad II. DD. K. II. 6. 106 (Vergleich über kirchlichen Zehuten- 
streit). 157. 166 (aus Vorurkunde"). 171. 223; dazu die schon oben besproche- 
nen DD. K. II. 192. 206. Über Heinrich III. muß ich jetzt noch auf die An- 
gaben bei "Waitz, VG. 6^*, 402 verweisen. 

* Vgl. Waitz a. a. 0. S. 403. 

'^ Diese wird dabei auch früher schon mehrfach erwähnt, vgl. z. B. 
DD. H. II. 34. 277. 871 (wo der interventus von 16 Fürsten ihre Zustiuimung 
bedeutet). 403. Aber feste Regel ist das noch im 11. Jahrhundert keineswegs: 
so \»t in DD. H. II. 5" (allerdings nur iScheukung auf Lebenszeit) 331. 424 von 
einem Konsens der Fürsten keine Rede, ebensowenig in DK. II. 180. 



Konsens bei Vergabung von lieichsklöstern 39 



abhängig gewesen zu sein, daß diese Zustimmung in der Form eines 
Urteils, einer sententia curiae imperialis gegeben wurde. Diese An- 
schauung scheint erst allmählich aufgekommen zu' sein und ist unter 
Heinrich V. und Lothar IlL offenbar noch nicht anerkannt worden. 
Der erstere Kaiser schenkt noch 1116 Kloster Benediktbeuren an Augs- 
burg, ohne irgendwie einer Zustimmung oder Mitwirkung der Fürsten 
zu gedenken, von denen indessen einige als Zeugen genannt werden. 
Das wird dann 1125 von Lothar bestätigt und dabei die Zustimmung 
des Erzbischofs von Salzburg und sieben anderer Bischöfe erwähnt; 
aber da weltliche Fürsten dabei nicht genannt werden, so ist dieser 
assensus wohl nicht in der Form eines Urteils gegeben worden.^ Ob 
es hierauf zurückgeht, daß 1133 die Schenkung als incompeienter voll- 
zogen auf Urteilsspruch der Fürsten widerrufen wurde (was 1136 und 
1143 bestätigt wurde), muß ich dahingestellt lassen ;2 Lothar erwähnt 
auch 1131 bei der Vertauschung von Kloster Aisleben an Magdeburg 
und 1133 bei der Verleihung von Mönchsmünster an Bamberg Kon- 
sens oder Urteil der Fürsten nicht."'^ Anders aber steht die Sache 
unter den staufischen Herrschern. Konrad IIL verleiht 1 1 39 St. Maximin 
an Trier ex nidicio curiae nostrae. was Friedrich I. 1157 bestätigt, und 
1147 Kemuade und I'ischbeck an Corvey ex iudioio principum.* Sehr 
ausführlich gedenkt sodann derselbe König der Mitwirkung der Fürsten 
in der Urkunde, durch die 1150 das heruntergekommene Kloster 
Kingelheim an Hildesheim geschenkt wird.^ Es heißt zuerst, die 
Schenkung sei erfolgt consilio et petitione principum Saxoniae, wobei 
acht Fürsten mit Namen aufgeführt werden. Dann verbietet der 
König seinen Nachfolgern ihre Kassation, weil sie iudicio et consilio 
principum necnon assensu et collaudatione familiae ad praedictam eccle- 
siam pertinentis legitime vollzogen sei. Endlich wird noch hinzugefügt, 
daß der Graf Hermann von Winzenburg das Urteil gefunden habe, 
und daß es iudicio principum celerorumque nobilium bestätigt sei. Die 
Mitwirkung der familia des verschenkten Stifts wird hier zum ersten 
Male erwähnt und kehrt auch in den nächsten Fällen so nicht wieder. 
Friedrich I. vergabt 1152 auf einem Hoftage zu Regensburg Niederal- 

' St. 3125. 3229. 

- St. 3284. 3313. 8455. 

' St. 3255. 3286. 

* St. 3392. 3761. Wilmans-Philippi 2, 295 n. 222. 

^ St. 3571. Wenn Bernhardi, Konrad III. 2, 842, die Schenkun;^ „auf 
Wunsch des Grafen Hermann von Winzenburg" vor sich gehen läßt, so hat er 
das sententia requi^ita et data der Urkunde (um das Urteil wurde der Graf 
gefragt und von ihm wurde es gefunden) völlig mißverstanden. 



40 Konsens bei Vergabung von Reiohsklöstern 



taich consilio et consensu principum an Bamberg, läßt demnächst die 
Vergabung, als Einspruch dagegen erhoben worden ist, durch ein von 
Heinrich von Ilegensburg gefälltes Urteil consenlientibus qui aderant 
rcgni principibus bestätigen und setzt darauf in formeller Weise den 
Bischof in Besitz.^ 1161 übergibt Friedrich die Abtei Niederburg dem 
Bischof von Passau principum inlerventu et consilio; doch ist die Ver- 
leihung nicht perfekt geworden und noch 1193 von Heinrich VI. 
wiederholt worden.- Dann wird 1166 bei der Vertauscliung von Kloster 
Nienburg an Magdeburg nicht nur gesagt, daß sie ex consilio et sen- 
tcntia principum erfolgt sei, sondern der Kaiser hat einige Monate 
später über dies Tauschgeschäft noch eine zweite Urkunde ausfertigen 
lassen, in der er genau angibt, wer das Urteil gesprochen habe und 
daß es Omnibus principibus qui aderant unaniniiter consentientibus ver- 
kündet sei.^ Nicht näher unterrichtet sind wir über die Formalitäten, 
mit denen Friedrich die Abteien Herford und Vreden an Erzbischof 
Philipp von Köln vertauscht hat; der Tausch wird 1198 auf Bitten 
des Erzbischofs von Otto IV. rückgängig gemacht, ohne daß dabei von 
seiner Ungültigkeit die Rede wäre.^ Dagegen wissen wir, daß 1191 
bei der in Italien durch Heinrich VI. vollzogenen Schenkung von Kloster 
Erstein an das Bistum Straßburg zwar eine Anzahl von Fürsten, zum 
Teil Italiener, zugegen waren, aber von einer formellen Konsensertei- 
lung durch sie ist nach dem Wortlaut der Urkunde offenbar ab- 
gesehen worden; und diese Schenkung mußte dann 1192 durch den 
Kaiser rückgängig gemacht werden.^ Bei dieser Gelegenheit ward fest- 

^ St. BG81; vgl. die abermalige Hestätigung von 1160 St. 3889. — Über 
die Modalitäten, unter denen der Kaiser 1156 die Investitur der Bischöfe von 
Genf, Lausanne und Sitten mit den Regalien dem Herzog von Zähringen über- 
trug, sind wir nicht unterrichtet; die Verleihung wurde 1162 für Genf und 
1174 für Lausanne durch Hofgerichtsurteil für unrechtmäßig erklärt und ist auch 
für Sitten nicht in Kraft getreten, vgl. Ficker, Reiehsfürsteustand 1, 292ff. 297. 

^ St. 3901. 3905. 4801. 

^ St 4('66. 4075. Vgl. FicKER, Reichsfürstenstand 2, 88. Später hat der 
Abt von Nienburg bei Alexander HI. eine Beschwerde gegen die Verfügung 
des Kaisers eingereicht, vgl. Winter, FDG. 13, 125ff., und der Papst verlangte 
1180, daß sie rückgängig gemacht werde, Jaff£-L. 13611 — 13613, aber nach 
dem Tode Alexanders ward sie von Lucius III. bestätigt, Jaff£-L. 14663. — 
Von St. 4065 sehe ich hier ab, da ich die Urkunde trotz der Verteidigung 
FiCKEKs, BzU. 1, 165f, nicht für echt halten kann. 

* BF. 200. 

' St. 4696. 4739. In den Bemerkungen von Scholz, Beiträge zur Geschichte 
der Hoheitsrechte der deutsehen Könige S. 70, über diese Urkunden wie über- 
haupt in seinen Ausführungen über die hier behandelte Frage ist der deutlich 
hervortretende Unterschied zwischen den Verfügungen des Königs über Reichs- 
klöster und über anderes Reichsgut nicht genügend beachtet. 



i 



Konsens bei Vergabung von lieichsklöstern 41 



gestellt, daß es uieht erlaubt sei res ad imperiuni spectantes alienare 
absqiie imperii provcntu et iitilitaie, und es wird gestattet sein, daraus 
in Verbindung mit den vorerwähnten Zeugnissen zu schließen, daß 
eben über die Frage, ob eine derartige Veräußerung im Interesse des 
Keichs liege, der Urteilsspruch der Fürsten eingeholt wurde. Dessen 
ungeachtet hat Heinrich VI. bald nachher im Jahre 1192 noch einmal 
den Versuch gemacht,^ zwar auf den Bat der Fürsten {de consilio prin- 
eipum et fidelium nostrorum), aber ohne ein Urteil des Hofgerichts das 
Kloster Echternach an das Erzbistum Trier zu vertauschen; er befahl 
dem Abt, sich von dem Erzbischof investieren zu lassen. Allein dieser 
beschloß mit seinen Getreuen unter Berufung auf die älteren Privi- 
legien des Klosters ein Urteü der Fürsten über die Rechtmäßigkeit 
der kaiserlichen Verfügung zu provozieren, und in der Tat gelang es, 
den Kaiser zu bewegen, die Vollziehung der von ihm angeordneten 
Maßregel bis zu einem Gerichtsspruch zu verschieben. Später ist diese 
dann, ohne daß es zu einem Hofgerichtsurteil kam, durch Aufhebung 
des zwischen Heinrich und dem Erzbischof geschlossenen Vertrages 
widerrufen worden; daß aber ohne ein Urteil des Fürstengerichts eine 
solche Verfügung des Kaisers nicht als unanfechtbar galt, tritt gerade 
in diesem Falle deutlich genug hervor. Xoch einige Jahrzehnte später 
dürfte dann freilich auch ein solches Urteil nicht mehr in allen Fällen 
genügt haben.- 1215 hat Friedrich IL die Klöster Ober- und Nieder- 
münster zu Regensburg an den dortigen Bischof vertauscht; er betont 
in der darüber ausgestellten Urkunde, daß dabei das Interesse des 
Reichs in Erwägung gezogen worden sei,^ und daß der Tausch auf 
Rat der Fürsten und des Hofes {consilio principum qui presenles erant 
et curie nostre) vollzogen sei. Als Zeugen werden nur zwei Fürsten 

^ Vgl. die freilich einseitige, aber auf Urkunden gestützte Darstellung 
dieses Vorgangs in dem Libellus de libertale Epternacensi propugnatu , SO. 23, 
64 flF. Über die zeitliche Anordnung der in den Bericht eingefügten Urkunden 
s. St. 4744. 4754. 4758. 4765. Vgl. hierzu Ficker, Reiehsfürstenstand 2, 79 ff. 

* In der Zwischenzeit — wann wissen wir nicht — ist durch Verfügung 
Ottos IV. Kloster >\ivelle dem Herzog von Brabant verliehen worden, was 
1204 von Philipp anerkannt wurde, aber 1209 von Otto auf Kechtsspruch der 
Fürsten widerrufen wurde, nachdem die Äbtissin dagegen, als wider Recht und 
Freiheit des Reichs geschehen, protestiert hatte (BF. 284); die Formalitäten bei 
der Verleihung und der formale Grund des Widerrufs bleiben uns unbekannt. 
— In der Schenkung von Chiemsee und Seeon durch Philipp von Schwaben an 
Eberhard II. von Salzburg BF. 59 wird Konsens nicht erwähnt; aber in den 
Urkunden Eberhards für beide Klöster, v. Meiller, Reg. archiep. Sali.sburg. 
S. 176 n. 33, S. 177 n. 34, heißt es, daß die Schenkung erfolgt sei acccdente 
consilio et assensu multorum principum eo tempore secum commorantium. 

^ BF. 840: considerato praecipue commodo imperii, cui tcnemur intendere. 



4'J Konsens bei Veräußerung von Iieichs/jitt 

ffenannt, mindestens zwei andere haben nachträglich durch eigene Ur- 
kunden ihre Zustimmung erklärt. Danach kann kaum bezweifelt 
M-erdeu, daß der Tausch, wenn jener Rat in der Form eines Urteils 
erteilt ist, was wir freilich nicht sicher wissen, nach den Anschauungen 
des 12. Jahrhunderts reclitsgültig gewesen wäre. Wenn er nichts- 
destoweniger im nächsten Jahre auf die Klage der Äbtissinnen und 
den Urteilsspruch der Fürsten kassiert wird, so geschieht das aus 
einem anderen Rechtsgnmdsatz, der hier zum ersten Male ausdrück- 
lich anerkannt ist und im 12. Jahrhundert, nach allem was wir wissen, 
noch nicht gegolten haben kann: dem Satz nämlich, daß Fürsten- 
tümer unter keinen Umständen ohne Zustimmung der betreffenden 
Fürsten und ihrer Ministerialen vom Reich entfremdet werden dürfen.^ 
Während es begreiflich ist, daß nacü der Anerkennung dieses 
Satzes eme Veräußerung von Reichsabteien, wenigstens fürstlichen, 
überhaupt kaum mehr vorkommen konnte,- zeigt uns der 1191 auf- 
gestellte G-rundsatz, der ganz allgemein auf alles Reichsgut bezogen 
werden muß, daß man schon begann, das Yerfügungsrecht des Königs 
auch über andere Reichsgüter als Klöster zu beschränken. Und in 
der Tat läßt sich erkennen, daß seit dem Ausgang des 12. Jahr- 
hunderts Rat und Zustimmung der Fürsten, bisweilen, aber nur selten, 
auch anclerei Großen, fast bei allen wichtigen Regierungsmaßregeln 
der Könige, wenn dadurch die Veräußerung größerer, reichslehubarer 
Besitztümer verfügt wurde, eingeholt zu werden pflegte, daß bisweilen, 
aber nur in der Minderzahl der Fälle, diese Zustimmun? oder dieser 
Beirat auch bei ganz unbedeutenden derartigen Vergabungen erttili 
ward.^ Aber schon die Tatsache, daß unbedeutendere Vergabungen 

' BF. S63: nulluni principatum posse vel debere nomine concanbii cil 
ciiiusrunque alicnacionis ad aliam personam transferri ab inperio, nisi de mer ' 
voluntate et assensu principis presidentis et ministerialium eiusdem principatu^. 
Dieser Rechtssatz geht auch weiter als die von den Echternachern 1192 ver- 
tretene Auffassang, die nur für ihr Kloster auf Grand ihrer besonderen Privi- 
legien die Unveräußerliehkeit vom Reich beanspruchten. 

- Doch ist noch 1232 cum consilio et deliberatione principum Lorsch an 
Mainz gegeben, BF. 195"; vielleicht ist man um jenen Rechtssatz dadurch 
herumgekommen, daß man die Abtei als besonderes Fürstentum bestehen ließ, 
vgl. FicKER, Reichsfürstenstand 1, 341. Über die Urkunde Heinrichs VII. von 
1310, betreffend Kloster Remiremont (MG. Const. 4, 383 n. 442), vgl. Ficker 
a. a. O. S. 356. 

' Vgl. die Zusammenstellungen bei Lamprecht, FDG. 23, 101 ft. Nicht 
juristisch scharf genug sind die bezüglichen Ausführuugen A-on Frey, Die 
Schicksale des königlichen Gutes unter den letzten Staufen S. 165 ff. Vgl. 
auch Redlich, Regesten Rudolfs I. S. 6; Niese, die Verwaltung des Reichsguts 
im 13. Jahrhundert S. 5: Scholz a. a. 0. S. 72 ff. 



\ 



1. 



Konsens bei Veräußerung von lieickigut 43 



derart zumeist ohne Mitwirkung der Fürsten erfolgen, während <luch 
eine präzise und bestimmte Grenze zwischen dern, was bedeutend und 
was unbedeutend war. weder zu jener Zeit gezogen worden ist, noch 
sich überhaupt ziehen läßt, zeigt, daß es zu einer bestimmten und 
scharfen Rechtsbildung über die Notwendigkeit der fürstlichen Mit- 
wirkung in der stauiischeu Zeit im allgemeinen noch niclit gekommen 
war; es ist wahrscheinlich, daß die Könige sie in der Melirzahl der 
Fälle nachsuchten, nicht weil sie dazu verpflichtet waren, sondern um 
einen nachträglichen Einspruch gegen ilire Maßregeln, der durch eine 
Klage vor dem Reichsgericht, wie wir sahen, oft genug zu deren 
Kassierung führen konnte, von vornherein abzuschneiden oder wenig- 
stens zu erschweren.^ Eine rechtliche Nötigung zu vorheriger Ein- 
holung des Konsenses, wie sie im 12, Jahrhundert nach unseren obigen 
Ausführungen für die Veräußerung von Reichsklöstern bestand, hat 
sich unter Friedrich IL nur in bezug auf die Anlage oder Verlegung 
von Zöllen, oder die Errichtung von Münzen und Märkten Geltung 
verschafft; 2 wenigstens in fürstlichen Territorien konnte der König 
fortan Verfügungen über diese Verkehrsregalien nur unter Zustimmung 
der Territorialherren treffen. König Wilhelm aber hat wenigstens in 
einem Falle das Zustimmungsrecht der Fürsten zu Verfügungen über 
Reichsgut ausdrücklich anerkannt, als er 1255 einen A^ergleicli, den 



' Vgl. FicKEii, Reich?fürstenstaiid 2, 77 ff. 84 f.; derselbe, MIÖG. 3, 7 ff. 
Eine rechtliche Verpflichtung des Königs, Reichsgut nur commwiicato princi- 
pum consilio zu veräußern, behauptet allerdings schon Gerhoh, De aedificio dei 
cap. 21 (MG. Libelli de Ute 3, 152), aber er begründet sie nur theoretisch, und 
in der Praxis ist sie gewiß nicht allgemein anerkannt worden. Von Interesse 
dafür ist ein, in der uns vorliegenden Gestalt freilich unechtes D. Friedrichs I. 
vom Mai 1182, St. 4845. Dadurch belehnt der Kaiser den Grafen von Geldern 
de consensu prhicijmm imperii mit der Reichsburg Nimwegen und Einkünften 
vom dortigen Zoll. Es heißt in der Urkunde, daß Heinrich JII. diesen Zoll 
sine conscientia (so muß sicher gelesen werden) et consensu prineipum impei-ii 
gegen eine jährliche Abgabe dem Grafen von Kleve verliehen habe und 
Friedrich kassiert nun diese Verleihung nach Urteilsf^prucb des Hofgerichts, 
aber nicht wegen der mangelnden Zustimmung der Fürsten zu der V^erfügung 
Heinrichs IH., sondern weil der Graf von Kleve die Jahresabgabe trotz mehr- 
maliger Aufforderung nicht gezahlt habe. Vgl. Wetzel, Das Zollrecht der 
deutschen Könige (Breslau 1893) S. 33. 

^ Vgl. Lami-he« iiT a. a. 0. 8. 111, der indes nicht genügend hervor- 
gehoben hat, daß hier nicht das allgemeine Konsensrecht der Fürsten, sondern 
der spezielle Konsens der unmittelbar beteiligten Landesherren in Frage kam. 
Nach der Konstitution von 1220 verzichtet der König nur auf die Anlage 
von ZöHen und Münzen in fürstlichen Territorien; seinem Recht in bczug 
auf das unmittelbare Reichsgut konnte diese Konstitution nicht entgegen- 
gehalten werden. 



4-1 Konsens hei Veräußerung von Beichsgnt 

Friedrich TT. mit dem Bistum Straßburg abgeschlossen hatte, be- 
stätigte: er tat das nur unter dem Vorbehalt, daß wenn die Fürsten 
gegen die Überlassung von Reichsgut an das Bistum zufolge jenes 
Vergleiches Einspruch erheben und ihre Kassierung anstreben sollten, 
er — der König — keinerlei Verantwortung zu übernehmen ver- 
ptlichtet sein solle. ^ Und sein Nachfolger llichard hat einige Jahre 
später eine Veräußerung von Reichseiukünften durch Wilhelm zu- 
gunsten des Grafen von I^^atzenellenbogen bestätigt, aber nur für so 
lauge Zeit, bis durch Urteil der Fürsten über ihre Rechtsgültigkeit 
entschieden sei.- Das sind Einzelfälle; allgemeinere Bestimmungen 
sind über erst unter Rudolf von Habsburg getroöen, unter dem es 
aus Gründen der praktischen Politik zu einer genaueren Regelung 
des Konsensrechtes kam.^ Schon im Jahre 1273 — wahrsclieinlich 
noch vor seiner Wahl — verpflichtete sich Rudolf, in Zukunft keine 
Veräußerung von Reichsgütern aus eigener Machtvollkommenheit vor- 
zunehmen, und wenigstens seit 1281 galt es als Grundsatz des Reichs- 
rechts, daß derartige Veräußerungen zu ihrer Rechtsgültigkeit der 
vorherigen oder nachträglichen Zustimmung der Ivurfürsten oder der 
Mehrzahl von ihnen bedurften.* Aus dem gewohnheitsmäßigen, aber 
rechtlich unsicheren Ivonsensrecht aller Fürsten war nun für diese Art 
königlicher Verfügungen ein zweifellos anerkanntes Konsensrecht der 
Ivurfürsten geworden.-^ Übertretungen der so unter Rudolf getroffenen 
Bestimmungen sind freilich auch in späterer Zeit oft genug vorgekommen, 
aber rechtlich aufgehoben sind sie nicht; und wenn nicht selten auch 
noch später die Herrscher Verfügungen ohne kurfürstliche Zustim- 
mung trafen, für welche sie hätte eingeholt werden müssen, so haben 
doch bei wirklich wichtigen Angelegenheiten bis gegen das Ende des 
Mittelalters die Kurfürsten ihr Konsensrecht zu Avahren verstanden 
und die Könige es für angemessen gehalten, darauf Rücksicht .zu 
nehmen. 



' Zeitschr. für Geschichte des Oberrheins, >;F. 27, 346. 

* BF. 5384. 

^ Vgl. darüber Huyn, De Rudolfo rege sive de litteris quae Willebriefe 
dicimtur (Diss. Bonn 1865); Lamprecht, FDG. 21, 3fiP.; Redlich, MIÖG. 10, 
347 ff.; Rudolf von Habsburg S. 165ff. 

* MG. Const. 3, 290 n. 284; vgl. Krämmer in der Einleitung zu der 
Determinatio competidiosa de iurisdietione imperii S. XIII. 

'" Auf die von Ficker angeregte, mehr verfassungsgeschichtlich als diplo- 
matisch wichtige Frage, ob die Anfänge dieser Bevorzugung der Kurfürsten 
in bezug auf den Konsens nicht schon in die Zeit vor Rudolf zurückgehen, 
ist hier nicht näher einzugehen. 



Konsens bei Urkunden geistlicher und icelilicher Fiirsien 45 



Wie im Reich die Fürsten, so haben in den einzelnen Territorien 
die Personenkreise, aus denen im späteren Mittelalter die Landstäude 
hervorgehen, in den Bistümern insbesondere die Domkapitel und die 
Vorsteher der dem Bischof untergebenen Klöster und Kollegiatstifter, 
in den reichsunmittelbaren Klöstern die Konvente, überall die Vassalleu 
und Ministerialen sehr früh versucht, einen Einfluß auf die Kegieruug 
und Verwaltung des Territoriums zu gewinnen und ein Konseusrecht 
zu erlangen,* das dann auch in den Urkunden der Landesherren 
zum Ausdruck kommen mußte. Am frühesten und vollständigsten 
gelungen ist das in den geistlichen Territorien,- in denen die allgemeine, 
auf deutschrechtlicheu Anschauungen beruhende Tendenz dieser Ent- 
wickelung durch besondere Bestimmungen des kanonischen Rechts ge- 
fördert und befestigt wurde ;^ bis in den Anfang des 10., ja vereinzelt 



* Vgl. Waitz, VG. 7, 309 ff.; Hinschids, Kirchenrecht 2, 59ff. : Lamprecht, 
Deutsches Wirtschsiftsleben 1, 1243ff.; v. Below, Die Entstehung des aus- 
sc'hließlic'hea Wahlrechts der Domkapitel (Leipzig 1883) S. 17ff. ; derselbe, Tcn-i- 
turium und Stadt (München 1900) S. 168ft.; Schneider, Die bischöflichen Dom- 
kapitel (Mainz 1892) S. 147 ff. — Eingehender sind diese Verhältnisse in den 
zahlreichen Arbeiten für einzelne Territorien behandelt, die neuerdings er- 
schienen sind. Vgl. davon namentlich Lf.uze, Das Augsburger Domkapitel im 
Mittelalter (Zeitschr. des hist. Vereins für Schwaben 35) S. 101 ff". ; Spangenbbrg, 
Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im Mittelalter (Leipzig 
1903) S. 2ö'. ; A. Müller, Das Bremische Domkapitel im Mittelalter (Diss. 
Greifswald 1908) S. 74ft'.; Dannenberg, Entwicklungsgesch. des. . . Domkapitels 
von Brandenburg (Diss. Greifswald 1912) S. 88ff.; Pottel, Das Domkapitel von 
Ermland im Mittelalter (Diss. Königsberg 1911) S. 81 ff.; Bkackmann, Urkundl. 
Gesch. des Halberstädter Domkapitels im Mittelalter (Diss. Göttingen 1898) 
S. 116ff. ; V. Below, Gesch. der landständischen Verfassung in Jülich und Berg 
1, 6ff. ; 64ff.; Wohlwill, Die Anfänge der landständischen Verfassung im Bist. 
Lüttich (Leipzig 1867) S. 50 ff.; Schüm in Historische Aufsätze zum Andenken 
an G. Waitz S. 407 ff. (für Magdeburg); Weber, Das Domkapitel zu Magdeburg 
(Diss. Halle 1912) S. 101 ff". : Hein, Die Kanzlei und das Urkundenwesen der 
Erzbischöfe von Mainz (Diss. Berlin 1909) S. 31 ff'.; Range, Die Entwicklung 
des Merseburger Domkapitels . . . (Diss. Greifswald 1911) S. 118ft'.; Spanqen- 
BERG, Beiträge zur älteren Verfaasungs- und Verwaltungsgesch. des Fürstentums 
Osnabrück (Osnabrück 1900) S. 2 ff.; Hagemann, Das Osnabrücker Domkapitel 
(Diss. Greifswald 1910) S. 115ff.; Ohlberger, Gesch. des Paderborner Dom- 
kapitels im Mittelalter (Diss. Münster 1911) S. 85ff.; Bastgen, Die Gesch. des 
Trierer Domkapitels im Mittelalter (Paderborn 1910) S. 245ff.; Bückmann. Das 
Domkapitel zu Verden im Mittelalter (Diss. Münster 1912) S. 65 ff. 

- In den weltlichen Territorien ist das Recht der Landesherren durch 
gelegentliche Versuche, sie an einen Konsens zu binden, doch nur hier und da 
oder nur vorübergehend eingeschränkt worden; vgl. Spanoenbero, Vom Lehens- 
staat zum Ständestaat S, 84 f. 

^ Vgl. über diese Bestimmungen des kanonischen Rechts HiNsciiirs, Kirchen- 
recht 2, 153 f.; ScHUM a. a. 0. S. 418 f. 



4Ü Konsens bei Urkunden geistlicher und ivelUicher Fürsten 



bis ins 9. Jahrhundert reichen hier die Urkunden zurück,^ in denen 
in ganz ähnlichen Ausdrücken, wie wir sie oben aus den königlichen 
Diplomen kennen gelernt haben, erzählt wird, daB eine Verfügung des 
Fürsten mit Beirat oder Zustimmung jener dazu berechtigten Personen 
erfolgt sei. Und noch früher als im Reich hat sich in diesen geist- 
lichen Territorien die Anschauung durchgesetzt, daß die Rechtsgültig- 
keit dauernder Veräußerungen von Kirchengut durch den zeitigen In- 
haber von einer solchen Zustimmung abhängig sei. Als im Anfanu 
des 11. Jahrhunderts der Bischof von Eichstätt ohne den Konsens von 
Klerus und Ritterscliaft, aber auf den Wunsch des Königs, einen Teil 
seiner Diözese an Bamberg abtritt, wird das als eine Rechtsverletzung 
und als eine Gewaltmaßregei empfunden; ^ als 1028 der Bischof von 
Hildesheim einen Teil seiner Rechte auf das Kloster Gandersheim auf- 
geben soll, behält er den Konsens von Klertis und Ritterschaft vor, 
und der Vergleich scheitert, als dieser nicht erteilt wird.^ Und im 
Jahre 1225 ist der Satz, daß Veräußerungen bischöflicher Güter ohne 
Zustimmung des Reiches und des Domkapitels nicht bindend seien 
und widerrufen werden können, durch Urteil des Reichsgerichts aus- 
drücklich anerkannt worden.* 

Auch in diesen geistlichen Fürstentümern hat man sich zunächst 
damit begnügt, den Konsens der Berechtigten im Kontext der Ur- 
kunden zu erwähnen, was freilich, da solche Erwähnung nur vom Aus- 
steller der Urkunde abhing, dem Empfänger keine Siclierheit dafür 
gab, daß er in rechtsgültiger Weise erteilt war, und insbesondere die 
Konsentierenden nicht band. In Minden hat sich im 13. Jahrhundert 
das Domkapitel einmal ausdrücklich gegen die Berufung auf seinen 
Konsens zu einer Urkunde des Bischofs verwahrt;^ und Bischof Eber- 

' Der älteste Fall, den Waitz anführt, ist von 882 und gehört nach Kon- 
stanz und St. Gallen (Wartmann 2, 230 n. 621); der zweite Fall, den v. Below 
und ScHDM erwähnen, ist von 893 (Beyer 1, 141 n. 134), gehört aber nicht nach 
Trier, sondern nach Metz; aus Trier datieren die ersten mir bekannten Bei- 
spiele von c. 920 und 929, Beyer 1, 221 n. 158; 1, 235 n. 171. Ungefähr 
ebenso alt sind die ältesten von Hinschiüs 2, 60 angeführten Fälle aus Köln 
und Salzbm-g. Über die Form, in welcher der Konsens erteilt ist, haben wir 
nur selten genauere Nachricht(!n ; daß ein Urteil gefragt und gefunden ist, wird 
einmal ausdrücklieh gesagt in einer Urkunde Konrads IT. von Salzburg von 
1166, v. Meiller, Reg. archiep. Salisburg. S. 111 n. 25. 

- Anon. Haserensis cap. 25: clerus vero et militia in contradictione perstite- 
runt, ita ut abhominabile concambium polenter potius quam voluntarie sit factum. 

•' Vita Godehardi prior cap. 35; vgl. Bresslaü, Jahrb. Konrads 11. 1, 258. 

* BK. 3907; MG. Coust. 2, 404 n. 289. 

* Vgl. Wecken, Untersuchungen über das Urkundenwesen der Bischöfe 
von Minden im 13. Jahrhundert S. 85. 



Mitbesiegelung AI 



hard IL von Bamberg, der im Jahre 1154 die Vertauschung eines 
von seiner Kirche zu Lehen gehenden Gutes an das Kloster Reichers- 
berg genehmigt und in der darüber ausgestellten Urkunde ausdrück- 
lich gesagt hatte, daß die Genehmigung ex cousensii ecclesie nustrc lam 
ex clero quam ex rrwiistericdibiis fidcliam erteilt sei, hat elf Jahre später 
diese Klausel nicht als ausreichend betrachtet; er bestritt die Rechts- 
gültigkeit der Urkunde, weil sie nicht von den Kanonikern unter- 
schrieben und weil in der Zeugenliste keine Ministerialen der Kirche 
aufgeführt seien. ^ 

Beide Formalitäten, auf die da Gewicht gelegt wurde, Erwähnung 
der Kousentiereuden in der Zeugeuliste und Unterzeichnung der Ur- 
kunde durch die Mitglieder des Domkapitels, kommen denn auch in 
der Tat oft genug vor; die Unterzeichnung ist namentlich in Italien 
sehr beliebt gewesen, findet sich aber auch in Deutschland, insbeson- 
dere häufig im Süden und Südosten des Reiches. Daneben ging man 
aber im 12. Jahrhundert dazu über, die erteilte Zustimmung durch 
noch andere Mittel zum Ausdruck zu bringen, die jeden Zweifel dar- 
über noch sicherer auszuschließen geeignet waren. 

Eines dieser Mittel war die Mitbesiegelung der Urkunde durch 
die Konsensberechtigten oder eine Anzahl von ihnen, die übrigens 
aus rein äußerlichen Gründen erst dann üblich werden konnte, als 
man von dem Brauch, die Siegel aufzudrücken, zu dem sie anzuhängen 
übergegangen war. Zwar konnte die Mitbesiegelung an sich auch 
anderen Zwecken als dem der Erteilung des Konsenses dienen ;2 aber 
häufig wird es ausdrücklich hervorgehoben, daß gerade die Zustimmung 
durch sie bekundet werden sollte.^ 



• ÜB. des Landes ob derEnns 1, 309 n. 67 und 2, 344 n. 123; vgl. auch 
den Brief Gerhohs von Reichersberg, ebenda S. 312 n. 69. 

- Insbesondere dem der Beglaubigung s. Bd. 1, 721 N. 3. Ganz vorfehlt 
ist es aber, wenn Heimen, Beiträge zur Diplomatik Erzbischof Engelberts des 
Heiligen von Köln (Diss. Münster 1903) S. 46, die Mitbesiegelung für etwas 
„Formelhaftes und Nebensächliches'" erklärt. Das daj-f aus dem einen von 
ihm angeführten Falle durchaus nicht gefolgert werden. 

^ Ich gebe nur einige Beispiele. Lepsius, Naumburg S. 300, Verkaufs- 
urkunde des Bischofs von Naumburg von 1258; Mitbesiegelung des Kapitels 
ad exprimendum co7isensum nostrunt super premissis. Wecken a. a. 0. S. 93, 
zwei Urkunden aus Minden: sigillum capituli nostri in idem consent ientis 
fecimus apponi: prepositus . . . et capitulum . . . contractum . . . cfratum habenfes 
et ratum ipsum scriptum appensione sigilli nostri capituli firmavernnt. ÜB. Bis- 
tum Halberstadt 1, 286; der Bischof urkundet 1 187 unter seinem und des Kapitels 
Siegel; die Mitglieder des Kapitels unterzeichnen mit consentio et subscribo. 
Boos 1, 132 n. 186, Urkunde des Bischofs Landolf von Worms von 1237: in 



48 Miibesiegelung und Willehriefe 

In zahlreichen Urkunden wird die Mithesiegelung in der Korro- 
borationsformel so erwähnt, als ob sie lediglich vun den Ausstellern der 
Urkunde angeordnet worden wäre. Nicht selten ist es aber auch seit 
dem 13. Jahrhundert vorgekommen, daß sie in einem eigenen, dem 
Kontext angehängten Satz, der auf den Namen des oder der Konsen- 
tieuten gestellt und — von ihnen ausgehend — subjektiv gefaßt ist, 
angekündigt wird. So ist z. B. eine Urkunde des Bischofs Friedrich 
von Haiherstadt von 1226 mit seinem, des Kapitels und des Großvogts 
Siegel versehen; sie schließt mit dem Satz: ego Tiderieus dictus maior 
adcocaUis de Halbentat huius pagine continentiam ratam habeo et hoc 
per appensionem sigilli mei fideliier recognosco} 

Nur einen Schritt weiter bedeutet es sodann, wenn der Konsens 
in einer eigenen, von den Konsentierenden ausgestellten und besiegelten 
Urkunde erteilt wird, die sicli als eine accessorische oder Neben- 
urkunde zu derjenigen verhält, in der das konsensbedürftige Geschäft 
bekundet ist, und die dem Empfänger der letzteren mit ausgehändigt 
wird. Zu dieser Kategorie von Konsensurkunden, die man später 
Willebriefe nennt, gehört schon ein Dokument des Halberstädter Ka- 
pitels über ein vom Bischof vollzogenes Rechtsgeschäft vom Jahre 
11 95; 2 demnächst liegen Fälle für Würzburg aus dem Jahre 1212, 
für Magdeburg aus dem Jahre 1214, für Worms aus dem Jahre 1220, 
für Metz aus dem Jahre 1227 vor;^ in der Folge mehren sich die 
Beispiele schnell. 

Alle hier erwähnten Formen sind nun auch in die Praxis der 
königlichen Kanzlei übergegangen. Fälle einfacher Mithesiegelung 
königlicher Urkunden durch Fürsten kommen seit dem Anfang des 
13. Jahrhunderts nicht selten vor; besonders häufig sind sie unter 

Iniius noütre donacionis et capitidi nosiri consensus robur et memoriam pre- 
senteni litieram nostro et eapituli Wormaciensis sigillo jHaeuit consignari. 
Thurgauisches ÜB. 2, 354 n. 103, Urkunde des Bischofs Kourad von Konstanz 
von 1219: confratres nostri, quia consensus eorum huic facto sicut debuit aderat, 
sigillum sunm etiam appoJii mandarunf. 

^ ÜB. Bist. Halbcrstadt 1, 522 n. 584. — Andere Beispiele aus Halber- 
stadt, ebenda 1, 561 n. 629; 2, 91 n. 793. Aus Naumburg Lepsius S. 300. 307. 
Aus Köln Lacomblet 2, 152. 181. Aus Straßburg ÜB. Straßburg 1, 307 n. 407; 
312 n. 414; 328 n. 435. Aus Trier Beyer 3, 750 n. 1002; 1026 n. 1414. Aus 
Verden Hodenbero, Verdener Geschiclitsqu. 2, 151 n. 99. Aus Augsburg MB. 
33», 332 n. 271. 

2 ÜB. Bist. Halberstadt 1, 323 n. 362. Dieser Fall ist also etwas älter 
als der erste von Ficker erwähnte. 

'' Vgl. FicKEn, MIÜG. 3, 23 und für Worms außer dem von ihm an- 
geführten Willebrief des Kapitels von 1220 auch den der Stadt vom gleichen 
Jahre, Boos 1, 94 n. 123, sowie für Magdeburg Schüm a. a. 0. S. 417. 



Mitbesiegelung und Willebriefe 49 

König Wilhelm von Holland;^ unter diesem König zuerst finden wir 
dann auch jene Klausel der Mitsiegelnden am Schluß der Urkunden, 
durch welche die Mitbesiegelung ausdrücklich angekündigt wurde. - 

Allerdings wird in den Königsurkunden vor Rudolf von Habsburg 
nicht ausdrücklich gesagt, daß die Mitbesiegelung die Zustimmung der 
besiegelnden Fürsten ausdrücken sollte; doch wird nach der ganzen 
Entwickelung kaum zu bezweifeln sein, daß sie in vielen Fällen auch 
diesen Sinn hatte ;'^ und in der Zeit nach lludolf wird mehrmals ganz 
bestimmt gesagt, daß die Erteilung des Konsenses ihr Zweck war.* 
Die Mitbesiegelung ist dabei auch später nicht bloß ein Vorrecht der 
Kurfürsten gewesen, sondern auch von anderen Fürsten vorgenommen 
worden. Weiter aber ist man auch hier zu Willebriefen übergegangen. 
Zuerst im Verkehr des Kaisers mit der Kurie; schon 1177 haben eine 
Anzahl von Großen ihre Zustimmung zum Frieden von Venedig durch 
eine besondere Urkunde verbrieft,'' und noch 1279 haben nicht weniger 
als 28 deutsche Fürsten zu den damals von Rudolf dem römischen 
Stuhle ausgestellten Urkunden Willebriefe erteilt.*^ Abgeselien davon 
kommen fürstliche Willebriefe in der Zeit vor Rudolf nur ganz ver- 
einzelt vor;' seit der Zeit dieses Königs ist aber für die Erteilung des jetzt 
für eine bestimmte Kategorie von königlichen Verfügungen gesetzlich 
erforderlichen Konsenses der Kurfürsten die Form der Willebriefe 
zwar nicht die ausschließlich gebrauchte, aber doch die vorherrschende 
geworden. Diese Willebriefe ^ sind in der Regel im ganzen und großen 
gleichlautend, und es ist klar, daß sie nach in der Reichskanzlei ent- 
worfenen und den einzelnen Kurfürsten zugestellten Konzepten von 
den letzteren ausgefertigt worden sind. Die Erwähnung des Konsenses 
in der Haupturkuude war daneben natürlich nicht ausgeschlossen und 

1 FicKER, Reichsfürstenstund 2, 120 ff.; derselbe, MlÖG. 3, 35 ff. Ältere 
Fälle der Mitbesiegelung, wie in 8t. 4127. 4157, haben eine andere Bedeutung. 

2 FicKEK, Reichsfürstenstand 2, 127 ft'.; MIÖG. 3, 43 ff. 

ä Daran halte ich mit Ficker auch nach den Erörterungen Lamprechts^ 
FDG. 23, 81 ff., fest; vgl. auch Redlich, MIÖG. 10, 348. 

* Vgl. Ficker, MIÖG. 3, 36. 48 ff".; Püntschart bei Ficker, Reichs- 
fürstenstand 2, 128 N. 10. 

'" MG. Const. 1, 372 n. 271; vgl. Ficker und Puntsciiart a. a. 0. 2, 102. 

6 Vgl. Kai-tenbkunner, MIÖG. Erg. 1, 376 ff. mit Faksimile eines Gesamt- 
willebriefes der Kurfürsten. 

' Mindestens gehören hierin die von Lampkecht, FDG. 23, 79 f., be- 
sprochenen Urkunden, wenn auch in denen von 1223 nicht von ronscnsu.^, 
sondern von consillmn die Rede ist; zwischen beiden Begriffen hat Lamprecht 
hier wohl schärfer geschieden, als es nach dem Sprachgebrauch der Urkunden 
des 13. Jahrhunderts geboten erscheint. 

8 Vgl. über sie Herzbero-Fränkel, KUiA. Text S. 259 ff. 
' Breßl au, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. 



5ü Konsefis des königlichen Rates. Konsens in Papsturkunden 

fand, wenn zur Zeit ihrer Ausstellung die Willebriefe bereits vorhanden 
waren, regelmäßig statt. 

Von dem Hat und der Zustimmung der Fürsten, die wir eben 
behandelt haben, ist es zu unterscheiden, wenn in Urkunden des 
1 3. Jahrliuuderts, insbesondere unter Heinrich (VII.) und Konrad lY. 
häufig gesagt wird, daß der König eine Verfügung mit Zustimmung 
oder nach der Fürsicht seines Rates treffe oder getroffen habe.^ 
Damit ist in den Urkunden dieser Könige der Reichshofrat gemeint, 
der als ständige Institution von Friedrich IL geschaffen ward, als 
dieser seinen Söhnen die Regierung Deutschlands übertrug, und der 
währ-^nd der Minderjälirigkeit dieser Söhne, unter Leitung der Reichs- 
regenten, die eigentlichen Regierungsgeschäfte führte.- Auch noch 
unter Wilhelm von Holland wird die Zuziehung dieses Hofrates zu 
den Geschäften in den Urkunden häufig erwähnt, während eine solche 
Erwähnung, obwohl die Institution selbst bestehen blieb und weiter 
ausgebildet wurde, später wenigstens im Kontext der Urkunden nur 
noch selten vorkommt.^ 

Wesentlich anders als am königlichen gestalteten sich die soeben 
betrachteten Verhältnisse am päpstlichen Hofe. Bei der immer 
mehr zu monarchischer Konzentration aller Regierungs- und Gesetz- 
gebungsgewalt in den Händen des römischen Bischofs hinneigenden 
Entwicklung der Kirchenverfassung ist eine anerkannte Pflicht des 
Papstes, amtliche Handlungen unter Beirat oder mit Zustimmung 



i 



• De consensu, de Providentia {prudentia), de oder ex plenitudine consilii 
nostri. 

' Vgl. IsAACSOHN, De consilio regio a Friderico II. in Germania instit'uto 
(Berol. 1874) S. I2ff.: Lamprecht, FDG. 23, 96ff.; Fickek, Reiehsfüvstenstand 
2, 43fF. (wo S. 43 N. 1 auch weitere Litteraturangaben); Winkelmann, Kaiser 
Friedrich II. 1, 352 N. 2; Samanek, Kronrat und Reichsherrschaft im 18. und 
14. Jahrhundert (Breslau 1910) S. 44fF. 

* Im 14. und 15. Jahrhundert wird vielfach die Erwähnung des Hofrats 
in den Kanzleivermerk {de niandato d. regis in consilio) aufgenommen, wenn 
der Beurkundungsbefehl in einer Ratssitzung erteilt wird. Wir kommen darauf 
später zurück. Nur sei gleich hier bemerkt, daß im späteren Mittelalter auch 
in den fürstlichen Urkunden entsprechende Vermerke über die Beteiligung des 
Rates an den Regierungsgeschäften vorkommen, vgl. für Bi-andenburg öpanoen- 
BERO, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg S. 20ff., woselbst 
S. 31 f. auch Nachweisungen über das Aufkommen des Rates in anderen Terri- 
torien mit Litteraturangaben zu finden sind. Hinzuzufügen ist für Österreich: 
V. Wretschko, Das österreichische Marschallamt S. 149ff. ; für Holland: 
VAN RiEMSDMK, De tresorie en kanselarij van de graven van Holland en Zee- 
land (Haag 1908) S. 32 ff. 108 ff. 130 ff. und öfter. Auch auf die in Bd. 1, 615 
N. 1 angeführte Litteratur sei hier noch einmal hingewiesen. 



Konsens in Papsturkunden 51 



anderer Personen vorzunehmen, in den Urkunden nur sehr selten 
zum Ausdruck gekommen. Er ist bezeichnend dafür, daß von den 
Formularen des Liber diurnus keines von consiliiim oder consensu,^- 
redet, sondern der Papst durchweg als lediglich aus eigener Willens- 
entschließung handelnd erscheint: sowohl in den Stücken, die sich auf 
geistliche, wie in denen, die sich auf weltliche Angelegenheiten, ins- 
besondere die Verwaltung der römischen Patrimonialgüter beziehen. 

Ganz fehlt es nun allerdings nicht an Zeugnissen dafür, daß auch 
das päpstliche Verfügungsrecht gewissen Einschränkungen unterlag. 
Das war, wie schon erwähnt wurde, der Fall, wenn durch eine vom 
Papste zu treffende Anordnung Rechte dritter berührt wurden;^ 
rechthch war dann ihre Zustimmung nicht zu umgehen;- ob sie tat- 
sächlich immer eingeholt wurde, läßt sich freilich nicht bestimmt aus- 
machen. Aber wenigstens grundsätzlich wurde es noch im 13. Jahr- 
hundert auch in der päpstlichen Kanzlei ausdrücklich anerkannt, daß, 
wenn zum Erlaß einer Verfügung der Wille des Verfügenden allein 
nicht ausreicht, sondern der Konsens eines dritten erforderlich sei, 
dieser Konsens auch in der Verfügungsurkunde erwähnt werden müsse.^ 

» Vgl. oben S. 3t. 

2 Ein interessanter Fall aus dem Jahre 1002 mag als Beispiel dienen, vgl. 
Jaff6^ 1, 499 (Kehr, Italia pontificia 4, 67 u. 4). In synodaler Verhandlung vor 
Papst Silvester II. besti-itt Bischof Cono von Perugia die Gültigkeit gewisser, 
von früheren Päpsten dem Kloster S. Pietro di Perugia erteilter Privilegien, 
weil seine Vorgänger ihre Zustimmung dazu nicht gegeben hätten, und ließ 
diesen Widerspruch erst fallen, als ihm nachgewiesen wurde, daß der Konsens 
in der Tat erteilt sei. Bemerkenswert ist auch eine Urkunde Paschais IL, 
Jaffö-L. 594G (das Regest ist auch bei Schneider, Reg. Volaterranum n. 138, 
nicht glücklich gefaßt), die den Leuten von San Gimignano das Privileg gibt, 
daß ihr Bischof sie nicht veräußern dürfe; es heißt darin: noveritis fratrem 
nostrum Rogerium . . . nobis in huius constilutionis capitttlo consensisse, und 
Bischof Roger von Voiterra unterschreibt mit der Formel: ficri rofjavi et tpsr 
sub.seripsi. Ferner gehört es hierher, wenn Halinard von Lyon den Synodal - 
erlaß Leos IX. über den Primat von Trier Jaffe-L. 4158 (abschriftlich über- 
liefert, aber echt) mit dem Vorbehalt salva jiriscarum constilutiomim firtnitatc 
et Ltigdunensis ecclesie auctorUatr, hoc decretiim laudavi unterzeichnet. 

* Vgl. den Traktat De eonßrtnationibus des Vizekanzlers Marinus von 
Ebulo bei Teige, Beiträge zur Gesch. der Audientia litt, contradict. S. XXI : 
cum voluntas concedentis non suf fielt , sed aliorum consensiis est necessarnw/ 
exhiberi, de ipso ad hoc aecedente in conßrmationis litter is exprimatur. Nach 
verschiedenen Beispielen empfiehlt er in die Bestätigungsurkuuden, wenn die 
Frage des Konsenses seitens der dazu berechtigten nicht klar liegt, die Klausel 
aufzunehmen: quod in alterius praeiudicium non redundat. Freilich denkt er 
dabei zunächst nur an Bestätigung der Handlungen anderer durch den Papst, 
nicht an Handlungen des Papstes selbst, aber das Prinzip mußte doch aucli 
für diese gelten. 



52 Konsens in Fapslurkunden 



Ferner ist wenigstens in einzelnen Fällen schon seit dem 10. Jahr- 
iiundert von einer Zustimmung der Kardinäle^ oder der Kurie zu 
})äi)stlicben Anordnungen, durch die über Kirchengut verfügt wird, die 
Hede; maji erkennt die Ai.alügie zu dem, was in anderen geistlichen 
Stiftern Re<-htens war.^ Weiter sind hier die Urkunden zu erwähnen, 
in (hmen der Papst als Richter auftritt. Sind sie, wie im früheren 
Mittelalter liäutig der Fall ist, in der Form von Gerichtsurkunden ab- 
gefaßt. SU wird in ihnen wie in anderen Judikaten fast regelmäßig der 
Mitwirkung von Beisitzern gedacht, iiisweilen auch von ihrem Beirat 
oder ihrer Zustimmung im Kontext ausdrücklich gesprochen, und 
mei-tens treten dann die Unterschriften der Beisitzer der des Papstes 
hinzu.' Haben sie aber die Form gewöhnlicher Privilegien, so ist es 
üblich, im Kontext zum Ausdruck zu bringen, daß die Entscheidung 
auf den Rat der Kardinäle [communieato fratrum nostrorum consilio oder 
de nostrorum fratrum consilio) gefällt ist.* Endlich gehören hierher die 



* Vgl. für das Folgende Lulväs, Die Machtbestrebungen des Kardinalats, 
QFIA. 13, 73flP. 

* Vgl. Jaff6-L. 3802, eine Schenkung nmi consensu et auetoritatc cardi- 
naliiim (drei Kardinäle unterschrieben); Jaff1?;-L. 4413, eine Schenkung des 
Zeluiten von drei päpstlichen Kastellen consilio et intervenlu fidelium nostrorum 
(es unterschreiben außer Petrus von Ostia der Kardinal Humbert und Hilde- 
brand mit der Formel eonsensi)\ Jaffe-L. 8465 eine Lokation cum consensu 
et roluntate episcoporum et cardinalium ac totius relique curie. Alle drei 
Stücke sind außerhalb der Kanzlei geschrieben, und man darf danach ver- 
muten, daß der Konsens in solchen Fällen häufiger eingeholt ist, als es avxs 
den nach den Formularen der Kanzlei geschriebenen Urkunden ersichtlich ist. 
Doch fehlt es auch hier nicht an Erwähnungen : so heißt es z. B. bei der Ver- 
gabung des vierten Teiles der Oblationen in der Peterskirche in Jaff1;-L. 9714 
(und den Bestätigungen Jaff^-L. 9984. 13060. 16 267): ex consensu fratrum 
nostroriwi epicojiorum et cardinalium. In Jaffe-L. 6643 (Erlaubnis zur An- 
lage einer Wasserleitung in Beneveut mit Benutzung päpstlichen Grundbesitzes) 
wird der Konsens nicht im Texte erwähnt, aber drei Kardinäle unterschreiben 
mit den Formeln eonsensi, consensi libera voluntate ac arbitrio, consensum et 
voluntatem meam tradidi. Andere Beispiele bei Sägmüi-i.er, Die Tätigkeit und 
Stellung der Kardinäle bis Papst BonifazVIII. (Freibui-g 1896) S. 74 N. 6. 8. 

* Vgl. z.B. Pasqui, CD. Arctin. 1, 50 n. 37; Regest. Sublacense S. 225 
n. 185; Regest. Farfense 3, 199 n. 492 und 4, 300 n. 1060; Zaccaria, Badia di 
Leno S. 104 n. 18; Mittarelli, Ann. Camaldulens. 2, 251; GGX. 1898 S. 66 
n. 7 usw. — Über die Organisation der päpstlichen Gerichte vgl. jetzt Hirsch- 
feld, AfU. 4, 444 ff. 

* Vgl. z. B. Jaff^-L. A^lO-r consilio supra dictorum fratrum nostrorum 
(sechs Bischöfe, darunter ein Kardinal, ferner Hildebrand und Friedrich von 
Montecassino sind vorher genannt) et omniuni laudatione circum asfantium; 
.Iaff(^.-L. 4635: omnibus supra diclis coram astantibus, episcoporum iudicio et 
laudatione Longobardornm et Nortmannorum qui intererant (es folgen vier 



Konsens in Papsiurkunden 53 

Syuodalerlasie, bei denen auoli dk' Mitwirkimg weltlicher Machthaber 
in Betracht kommt.^ Bis ins 1 1. Jahrhundert hinein wird bei Be- 
schlüssen von Synoden öfter die Zustimmung der Kaiser erwähnt,^ 
und es wird in mehreren Fällen ausdrücklich gesagt, daß sie auf Ver- 
anlassung des Kaisers zusammengetreten und mit seiner Erlaubnis 
oder unter seiner Leitung abgehalten worden seien.^ Aber schun in 
der ersten Hälfte jenes Jahrhunderts versuchte die Kurie in dieser 
Hinsicht eine andere Auffas.-ung geltend zu machen. Die Synode, die 
im Jahre 1027 in Gegenwart Kaiser Konrads IL in Kom stattgefunden 
hat, scheint nach dem Zeugnis eines Diploms dieses Kaisers auf seine 
Anordnung einberufen zu sein, und in den Synodalakteii erscheinen 
Papst und Kaiser als Vorsitzende; aber in einer späteren päpstlichen 
Urkunde, die sich auf ihre Beschlüsse bezieht, wird nicht von einer 
solchen Anordnung oder Erlaubnis des Kaisers, sondern nur davon 
geredet, daß auf seine Bitte {interventu et peiitione) die Berufung der 
Versammlung erfolgt sei.* Und wenn auch die tatsächlichen Verhält- 
nisse es mit sich brachten, daß noch in viel späterer Zeit unter Um- 
ständen über die Abhaltung von Synoden Verhandlungen zwischen 
Päpsten und weltlichen Herrschern stattfanden, so ist doch ein Zu- 
stimmungsrecht der letzteren seit dem ErstarA'en der kirchlichen Re- 
formbestrebungen unter Leo IX. und seit ihrem endgültigen Siege unter 



Kardiualsunterscbriften, zwei mit me adfuisse testificans subseripsi, zwei bloß 
mit subseripsi); Jaffe-L. 7158: communicaio igitur fratrum noslrorum epis- 
coporum, cardinalium et nohilium Romanorum cunsilio usw. Bemerkenswert 
ist noch Jaffe-L. 7147 in Privilegienform, wo im Text gesagt ist, daß die Ent- 
scheidung Calixtä IL gefällt sei ex comtmmi fratrum noslrorum episcoporinn et 
cardinalium deliberatione atque iudieio, dann aber die meisten der übrigen 
Kardinalsunterschriften, wie wenn es sich um ein Placitum handelt, mit der 
Formel interfui et consensi abgegeben sind. Vgl. Jaffe-L. 5635: Entscheidung 
in eonspectu nostro archiepiscoporum abbatumque iudieio, am Schluß: Signum 
ürbani papae, dann eine große Zahl anderer Signa, darunter die mehrerer 
Kardinäle. Zahlreiche weitere Belege bei Sägmüller a. a. 0. S. 92 N. 5, 94 X. 4. 
Daher wird es in der sächsischen Summa prosaium dictaminis (QE. 9, 234) 
als Regel aufgestellt, daß bei päpstlichen Urteilen (sentenliae) über wichtigere 
Dinge {si arduum sit negotium) die Formel de fratrum nostrorum consilio ge- 
braucht werde. 

1 Vgl. HiNscHiüs, Kirchenrecht 3, 350. 510. 517. 539 ff. 565 ff. 

2 So z. B. in Jaffe-L. 3715: favente et consentiente invictissimo predicto 
imperatore. Oder Papst und Kaiser erscheinen als gemeinsam handelnd, wie 
in den Akten der Synode von Ravenna 967, Uhlirz, Gesch. des Erzbistums 
Magdeburg S. 133. 

» Vgl. HisscHius 3, 565 N. 2. 

* Vgl. DK. IL 205; MG. Coust. 1, 83 n. 38; JaffIi-L. 4085. 



54 Bedeutung der Kardinalunterschriften 



Gregor VII. nicht mehr anerkannt worden.^ Dagegen versteht es sich 
von selbst, daß die Beschlüsse der Synoden jeder Zeit der Zustim- 
mung ihrer Mitglieder bedurften; und die Synodalprotokolle oder die 
auf synodalen Verhandlungen beruhenden päpstlichen Erlasse tun dem- 
gemäß von der ältesten Zeit an bis in das späteste Mittelalter hinein 
in der einen oder der anderen Form dieser bald mehr als Rat, bald 
mehr als Konsens aufgefaßten Mitwirkung der Konzilsraitglieder Er- 
wähnung, die denn auch in ihren Unterschriften unter jenen Proto- 
kollen und Erlassen zum Ausdruck gelangt.^ 

Ähnliche Unterschriften von Bischöfen und anderen Geistlichen, 
insbesondere von Kardinälen, finden sich nun aber seit dem 10. und 
n. Jahrhundert noch in manchen anderen Urkunden der Päpste, ohne 
daß man, wenigstens anfangs, eine bestimmte Regel in bezug auf ihre 
Hinzufügung oder ihr Fehlen erkennen könnte. Auch die Formeln 
der Unt-erschriften schwanken: ist das einfache suhscripsi immer die 
gewöhnlichste,^ so fehlen doch auch solche Fälle nicht, in denen die 
Unterschreibenden ihre Zustimmung ausdrücklich hervorheben.* Erst 

* So hat bekanntlich Alexandei" III. das von Friedrich I. für den Fall 
einer schismatischen Wahl in Anspruch genommene Recht, eine Synode ein- 
zuberufen, nicht anerkannt. Und der Kaiser selbst gebraucht nicht den Aus- 
druck Synode, sondern spricht nur von generalis curia et conventus, die er ein- 
berufe, während die Versammlung selbst sich als concilimn bezeichnet und 
nachher auch der Kaiser sie so nennt; vgl. MG. Const. 1, 255 n. 184: 263 
n. 189. 

- Vgl. Bd. 1, 75. — Es kommt auch vor, daß eine Papsturkunde nachträglich 
auf einem Konzil vorgelegt und durch Unterschrift bestätigt wird. So ist z. B. 
Jaffe-L. 5540 vom 18. Februar 1095 einige Wochen später in Piacenza vor- 
gelegt worden; auf die Datierung folgen die Worte: relecta vero et confirmata 
in concilio, quod idem papa Placentiae celebravit, dann eine Anzahl von Unter- 
schriften und schließlich der Satz : iati et omnes archiepiscopi, episcopi et ab- 
bates in Piacentina syno'Io residentes hanc dimissionis cartam praecepto doitiini 
papae laudaverunt et conßrmaverunt. 

8 Vgl. JAFFfi-L. 4425. 4426. 4429. 4433. 4569. 4630. 5709; wahrscheinlich 
auch 3864. 4432. In Jaff^-L. 3971 haben die Empfänger, Abt Rudolf von 
Nonantola, der Prior des Klosters und vier seiner Mönche auf päpstlichen 
Befehl unterzeichnet. 

* So z. B. Jaff6-L. 3703 (Echtheit von Kehr bestritten), wo den Unter- 
sclmften die Worte hec laudanms vorangehen; jAFFi-L. 4016 (Errichtung 
eines neuen Bistums), wo der Bischof von Sutri mit der Formel liis ounibus 
consensit et subseripsit unterfertigt; Jaff^-L. 4367, wo vier Kardinäle cognovi 
et propria manu suhscripsi sagen; Jaff£ L. 4368, wo Humbert, der die Ur- 
kunde geschrieben hat, mit Cognition relcgit et subseripsit, Hildebrand mit 
dando consensit et s?^/;s^r^jo.<t^Y unterzeichnet hat; Jaffe-L. 4468, wo zwei Kardi- 
näle und zwei Bischöfe confirmari und suhscripsi s&gen-^ Jaffe-L. 4494 (echt), 
wo Hildebraud mit consensi et suhscripsi unterschreibt; Jaffü-L 5403 (echt), 



Bedeutung der Karditmlu^itersohnflen 55 

im 12. Jahrhundert iiud vollends seit lunocenz IL, unter dem die 
Kardinalunterschriften ein regelmäßiger Bestandteil der feierlichen 
Privilegien werden, kommen Uuterschrifts-Formeln, die ausdrücklich 
auf eine Bestätigung oder einen Konsens hinweisen, nur noch in 
seltenen Ausnahmefällen^ vor, und seit Eugen III. verschwinden sie 
ganz, so daß die Kardinalsunterschriften nur noch mit einfachem suh- 
scripsi endigen. 

Über die Bedeutung dieser Unterschriften, soweit nicht ihre 
Formulierung bestimmt auf Konsens hinweist, ist ein sicher begrün- 
detes Urteil nicht leicht auszusprechen. Daß die einfachen Unter- 
schriften nur ein Zeugnis bedeuten sollen, wird man aus der im 
11. Jahrhundert und bis zur Zeit Coelestins IL gelegentlicli, wenn 
auch nur selten begegnenden Formel interfui et subscripsi'^ allein noch 
nicht schließen können. Andererseits aber ist auch nicht anzunehmen, 
daß im 12. Jahrhundert die Ausstellung der feierlichen Privilegien, 
die ja oft genug nur eine Bestätigung längst anerkannter Hechte und 
Besitzungen enthielten, noch von einer sachlichen Beratung im Konsi- 
storium oder einer förmlichen Zustimmung der Kardinäle abhängig 
gemacht worden wäre; die Unterschriften sind wenigstens bei diesen 
Urkunden in den meisten Fällen gewiß zu einer bloßen Formalität 
ohne eigentliche Bedeutung^ geworden. 

wo der Bischof Bruno von Segni die Formel gebraucht: assensum per hunc 
triangulwn (folgt das Zeichen) prebui; Arch. della Soc. Romana 23, 282 (Wibert- 
Clemens III. 1099 für S. Cii'iaco zu Rom) mit einer ganzen Anzahl von ver- 
schieden gefaßten, Konsens oder Bestätigung ausdrückenden Unterschriften. — 
In Jaffe-L. 4369 dagegen, das leider nur in später Abschrift erhalten ist, ge- 
hören die Unterschi-iften, die einen Konsens oder eine Bestätigung ausdrücken 
sollen, nicht eigentlich zu der Urkunde des Papstes, sondern zu dem darin 
aufgenommenen Wahlprotokoll des Erzbischofs Winiman von Embrun. In 
Jaffe-L. 4709 (handschriftliehe Überlieferung fehlt) sind die Unterschriften erst 
nachträglich auf Bitten des Bischofs Roclenus eingetragen. 

' So z. B. in Jaffe-L. 6861. 7064 unter Calixt II. 

* Das älteste Beispiel, das ich notiert habe, ist Jaff^-L. 4428; am 
häufigsten kommt die Formel in Gerichtsurkunden vor, sie ist aber nicht auf 
solche beschränkt. Bestimmt wird auf Zeugnis hingewiesen in der Urkunde 
Wibert-Clemens III., GGrN. 1900 S. 148 n. 7, wo am Ende der Datierung hin- 
zugefügt ist: si(b presentia Lateranensis archidiaeoni et Älherti .-f. Rufinae epis- 
copi et cardinalium sancti Petri videlicel Anastasii et Warini. Ebenso werden 
im Kontext von Jaffe-L. 5788 Zeugen angeführt mit der Formel: praesentihu!^ 
fratribus nostris quorum infra scripta sunt noniina. Vgl. auch Jaffa- L. .^620. 

' Wenn Paschal II. auf dem Laterankonzil von 1112, auf dem das In- 
vestiturprivileg für Heinrich V. kassiert wurde, betont, daß er es sine fralrum 
consilio aut subscriptionibus ausgestellt habe (Lib. poutific. ed. Duchesne 2, 370), 
so ist dabei wohl mehr auf das eonsilium als auf die subscriptiones Gew cht 



5G Kousetis der Kardinäle 



Anders ist indessen die schon erwähnte Formel de fralrum nosiro- 
rum consilio [communicato fratrum nostrorum consilio) zu beurteilen, die 
nun immer häutiger bei wichtigen Angelegenheiten der verschiedensten 
Art in den Urkunden der Päpste begegnet.^ Daß man im 11. und 
12. Jahrhundert zwischen consüium und consensus auch am päpst- 
lichen Hufe einen bestimmten Unterschied wenigstens nicht immer 
gemacht hat, ist gewiß. Wenn eine Urkunde Benedikts YIII.^ über 
die Erlaubnis zur Errichtung eines neuen Bistums in Spanien von 
einem Bischof mit der Formel consensit et subscripsit unterzeichnet ist, 
während zufolge einer Urkunde Johanns XIX.^ die Verlegung des 
Bistums Zeitz nach Naumburg consilio omnium episcoporum el cleri- 
corum nostrorum vom Papste genehmigt worden ist, so war die Art 
der Mitwirkung der Kardinäle in beiden Fällen wohl sicherlich die 
gleiche, obwohl sie einmal als consensus und einmal als consilium be- 
zeichnet wird. Ebenso erkennen wir die Gleichsetzung beider Aus- 
drücke, wenn Eugen IV., der zufolge eines Erlasses vom 13. Juli 1151 
den Kanonikern der Petruskirche den vierten Teil der am Altar des 
h. Petrus dargebrachten Oblationen ex ccmmuni consilio fratrum 
nostrorum überwiesen hatte,^ in einer anderen Urkunde vom 10. April 
1153, wodurch diese Überweisung verbrieft, bestätigt und vielleicht 
noch etwas erweitert wird, aussagt, daß dies ex consensu fratrum 
nostrorum episcoporum et cardinalium geschehen sei.^ Wenn ferner 
Hadrian IV. im Jahre 1156 und Alexander IIL im Jahre 1163 eine 
Verfügung Anastasius' IV. zugunsten der Kirche von Compostella 



zu legen. Freilicli wird auch noch bei dem Präliminarvertrage von Anagni 
1176 dem Kaiser Friedrich I. von Alexander III. versprochen, daß er ihm über 
den definitiven Frieden ein Privilegium cum siibscriptione omnium cardinalium 
ausstellen werde (MG. Const. 1, 352 §24), und diese Bestimmung istinVenedigllTT 
wiederholt worden (ebenda 1, 364 § 24); aber daß man die subscriptiones car- 
dinalium allein nicht als genügend betrachtete, ergibt sich daraus, daß aus- 
bedungen wurde, die Kardinäle sollten durch eine eigene, von ihnen auszu- 
stellende und zu besiegelnde Urkunde eine Bestätigung der Abmachungen 
aussprechen. Erhalten ist uns eine solche Urkunde nicht, doch ist wahrschein- 
lich ihre Ausstellung erfolgt; vgl. Giesebrecht, Kaiserzeit 5, 857. 

' Indem ich hier in die Erörterung einer Frage eintrete, die mehr kirchen- 
rechtlichor als diplomatischer Natur ist, beschränke ich mich auf das, was für 
die Zwecke dieses Buches wesentlich in Betracht kommt. Vgl. hierzu Lülves, 
QFIA. 1.3, 79. 

* jAFFfi-L. 4016, s. oben S. 54 N. 4. 
» JaffA-L. 4087. 

* SciiiAPARELLi, Arch. dclla Societä Romana 25, 288 u. 43 (nicht bei 

jAPFi). 

* jAPpfi-L. 9714, s. oben S. 52 N. 2. 



Konsens der Kardinäle 57 



(es handelt sicli um eine uns nicht erhaltene, wahrscheinlich ge- 
fälschte Urkunde des Papstes) kassierten, weil sie. nicht auf den Kat 
der Kardinäle [neque de communi neque de sanioris partis consiliü fra 
trum) gegeben worden sei,^ so ist es klar, daß unter dem consiliinn 
auch hier nicht bloß ein unmaßgeblicher Rat, sondern ein rechtlich 
relevanter Konsens zu verstehen ist. Eben dasselbe ergibt sich, wenn 
bei den Verhandlungen Friedrichs IL m.it Innocenz IV. im Jahre 1244 
ausgemacht wird, daß vier mit der Ausführung einer Vertragsbestim- 
muug beauftragte Kardinäle tun sollen, was der Papst de consüio 
fratrum vorschreibe ;2 es ist deutlich, daß hier die Vorschrift des 
Papstes an die Zustimmung, nicht bloß an den Rat der Kardinäle 
gebunden sein sollte. Und diese Ansicht hat offenbar im Anfang seiner 
Regierung auch noch Bonifaz VIIL gehabt, als er alle von Coelestin V. 
sine cansiiio fratrum ernannten Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte von 
ihren Ämtern suspendierte.'^ 

Dem gegenüber wurde nun einerseits in der kanonistischen Litte- 
ratur seit dem 13. Jahrhundert — allerdings zunächst nicht in bezug 
auf das Verhältnis der Kardinäle zum Papst, sondern in bezug auf 
das der Domkapitel zu ihren Bischöfen — der Unterschied zwischen 
consensus und consilium, den man früher vielfach vernachlässigt hatte, 
immer schärfer herausgearbeitet,* andererseits die Lehre von der pleni- 
tudo potestatis des Papstes, d. h. seiner absoluten, monarchischen Ge- 
walt in der Kirche und über die Kirche in der Zeit von Gregor VII. 
bis Bonifaz VIIL immer bestimmter und konsequenter entwickelt.^ Es 
ist vollkommen begreiflich, daß unter diesen Umständen die Kardinäle 
den Wunsch haben mußten, zu einer bestimmten, ihren Ansprüchen 
möglichst günstigen Abgrenzung ihres Rechts zu gelangen und dafür 
die ausdrückliche Anerkennung des Papstes zu erwirken: auch in der 
kirchlichen Verfassungsgeschichte strebte, wie zu gleicher Zeit in der 



* Jäffe-L. 10141. 10905; vgl. Sägmüller a. a. 0. S. 59. 

■ MG. Const. 2, 335 f. § 5; vgl. dazu Rodenberg in Festgabe für Gerold 
Meyer von Kxonaü (Zürich 1913) Ö. 191. 

» MG. SS. 27, 471. 513, vgl. Sägmöllee S. 67; Finke, Aua den Tagen 
Bonifaz' VIII. S. 86 f. 

* Vgl. HiNSCHius, Kirchenrecht 2, 153 ff.; Sägmüller a. a. 0. S. 221 

N. 2. 222 if. 

■^ Für Gregor VII. genügt es, auf den Dictaius j)aj)ae zu verweisen, in 
dem von den Kardinälen bei der Bestimmung der päpstlichen Eechto gar kein.- 
Rede ist, sondern immer nur vom Papste „allein" (solus) gesprochen wird.^ Im 
13. Jahrhundert bilden die Regierungen Innocenz' III. und Innocenz' IV. 
weitere Etappen auf dem Wege zur Vollgewalt. Über das Verhältnis Boni- 
faz' VIIL zu seinen Kardinälen vgl. Finke a. a. 0. S. 84 ff.; LuLvfes a.a.O. S. 80. 



58 Konsens der Kardinäle 



weltlichen, die Tendenz der ständischen Einschränkung der monarchi- 
schen Herrschaft danach, sich durchzusetzen und ihren Einfluß zu 
legalisieren. Da war es denn ein erster großer Erfolg, daß Gregor IX. 
durch eine Konstitution vom Jahre 1 234 bestimmte, daß Veräußerungen 
von päpstlichem Patrimonialbesitz fortan nur auf einstimmigen Be- 
schluß des Kardinalkollegiums erfolgen, daß alle ohne solche Zustim- 
mung verfügten Veräußerungen ungültig sein und vom Nachfolger des 
verfügenden Papstes zurückgenommen werden sollten.^ Damit waren 
die Kardinäle, was die Wahrung der Integrität des Kirchengutes an- 
geht, in die Stellung eingetreten, welche die deutschen Kurfürsten in 
bezug auf das Reichsgut im 13. Jahrhundert anstrebten und unter 
Rudolf von Habsburg rechtlich erlangten.^ Aber wie jene vierzig 
Jahre früher eine solche Stellung erlangten, so waren sie in deren 
Besitz auch dadurch mehr gesichert, daß sie noch im 13. Jahrhundert einen 
Anteil an den Einkünften aus dem Kirchengute erwarben, so daß nun 
auch der oben bereits erwähnte, von der Kirche allgemein anerkannte 
Grundsatz, daß wohlerworbene, vermögensrechtliche Ansprüche ohne 
den Konsens der Berechtigten durch päpstliche Verfügung nicht be- 
einträchtigt werden dürften, auf das Verhältnis der Kardinäle zu dem 
Kirchengut und den Einkünften der Kirche angewandt werden mußte. 
Bekanntlich ist es Nikolaus IV. gewesen, der durch eine Konstitution 
vom Jahre 1289 den Kardinälen die Hälfte aller Einkünfte der römi- 
schön Kirche aus den Zinszahlungen der Königreiche Sizilien und 
England, sowie der Inseln Sardinien und Korsika und aller Erträgnisse 
der Grafschaft Venaissin und des Kirchenstaates selbst für alle Zeiten 
zugestand.^ Diese Konstitution hat indessen nicht durchweg neues 
Recht geschaffen,-* Auf die Hälfte des Zinses von England haben die- 
Kardinäle schon zur Zeit Gregors IX. und des englischen Königs 
Heinrich III. einen Anspruch erhoben, der doch schwerlich ganz aus der 



' Theiner, Cod. dominii teinporalis 1, 102 n. 174 (Potthast n. 9368): san- 
cinius, iit de palrimonialibus sine co7nmuni fratrum consiUo et assensu alie- 
naiio nidla fiat, sitque uni facultas, quod ex causa legitima obstaeulum libere 
contradictionis opponat. Alle Veränderungen, die gegen dies Dekret erfolgen, 
soll der Nachfolger revozieren, de alienatitis vita , consentient tum numeru et 
sollempnitatc scripture nulluni aiuminiculum tali suscipientc contractu. Der Auf- 
fassung dieser Maßregel bei Lülv^s a. a. 0. S. 90 kann ich mich nicht an- 
schließen. 

"^ S. oben S. 44. Durch das Erfordernis der Einstimmigkeit ist sogar 
die Einschränkung des Papstes noch stärker als die des Kaisers. 

* Theixeh, 1, 304 n. 468 (Potthast n. 23010). 

* So auch LüLviis a. a. 0. S. 87. 



Konsens der Kardinäle 59 



Luft gegriffen gewesen sein kanu.^ Die Hälfte des Zinses von Sizilien 
hat ihnen schon Gregor X. im Jahre 1272 gleich nach seiner Wahl 
zugestanden, und wenngleich er durch einen seiner Kammerkleriker 
Protest erheben ließ, daß den Kardinälen ein rechtlicher Anspruch 
darauf nicht zustehe und daß durch seine Konzession seinen Nach- 
folgern eine Präjudiz nicht erwachsen solle,- so ist es doch höchst 
wahrscheinlich, daß das Kollegium die Zahlung seit 1272 regelmäßig 
erhalten hat.^ Von den als servitium commune bezeichneten Zahlungen 
der Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten an die Kurie haben die Kardi- 
näle gleichfalls schon vor dem Erlaß Nikolaus' IV. ein Halbteil be- 
zogen.* Und daß sie auch nach den Einkünften des Kirchenstaats 
schon vor Nikolaus IV. die Hand ausgestreckt haben, wird man eben- 
falls kaum in bestimmte Abrede stellen können.^ Aber wie dem auch 
sei, einen sicheren Rechtstitel für ihre finanziellen Ansprüche** er- 



' Vgl. Sägmüller a. a. 0. S. 190; Gottlob, Die Öervitientaxe im 13. Jahr- 
hundert (Stuttgart 1903) S. 64 N. 1. 

- Vgl. Le Liber censuum ed. Fabre 1, 27. — Es ist nicht richtig, wenn 
Kirsch, Die Finanzverwaltuug des KardinalkoUegiums S. 4, Sägmüller S. 190 
u. a. die Erklärung des Kammerklcrikers als einen Protest, gleichsam gegen 
den Papst gerichtet, auffassen. Der Kleriker protestiert domini pape et suc- 
cessorum suorum nomine, und also gewiß im Auftrage des Papstes, nur da- 
gegen, daß den Kardinälen aus dem tatsächlichen Zugeständnis Gregors X. 
ein auch die Nachfolger bindendes Recht erwachse, und diesen Protest moti- 
viert er, gewiß wiederum im Auftrage Gregors, damit, daß der eben erwählte 
Papst über die rechtliche Grundlage des von den Kardinälen erhobenen An- 
spruchs noch nicht genügend informiert sei. Danach kann ich mich auch den 
Erörterungen Sternfelds, Der Kardinal Johann Gaetan Orsini S. 195fF. 321 ft"., 
nur zum Teil anschließen: die Erklärung des Vorgangs scheint mir gar keine 
Schwierigkeiten zu machen. Vgl. jetzt auch LulvAs a. a. 0. S. 87 und die fol- 
gende Note, sowie den ganz ähnlichen Protest Benedikts XII. in der unten 
N. 6 zu erwähnenden Urkunde von 1334. 

' Vgl. Baumgartex, Untersuchungen und Urkunden über die Camera 
coUegii cardiualium S. CXXVIIIif. Daß die Kardinäle den Zins von 1269 bis 
1271 sede vacante bezogen haben, beweisen die Urkunden bei Posse, Analecta 
Vaticana n. 654 ff. 

* Gottlob, Die Servitientaxe S. 70 if., führt die Einrichtung mit großer 
Wahrscheinlichkeit auf Alexander IV. zurück. 

'= Mündliche Versicherungen der Päpste im Konklave in Anerkennung 
dieser Bestrebungen, woran mehrere neuere Forscher gedacht haben, sind in 
manchen Fällen möglich, in anderen aber, wie z. B. bei der Wahl Gregors X.. 
ganz ausgeschlossen und nirgends erweislich. Vgl. hierzu Büschbell, Die pro- 
fessiones fidei der Päpste (Rom 1896) S. 58. 

ß Diese sind dann von Benedikt XII. 1324 abennals anerkannt und auch 
auf den Peterspfennig ausgedehnt worden, vgl. Kirsch a.a.O. S. 71; Le Liber 
censuum ed. Fabre 1, 27 N. 1. Auch auf diesen hatten die Kardinäle schon 



^f 



00 Konsens der Kardinäle 



hiiif^ten die Kardinäle doch erst im Jahre 1289, und die ihnen in 
der Konstitution Niicolaus' IV, zugestandene Mitwirlvung bei der Er- 
nennuncr der Rektoren in den Provinzen des Kirchenstaates und der 
Kollektoren päpstlicher Zinsc bedeutet eine neue und erhebliche Er- 
weiterung ihres Konsensrechtes. 

Wie die Kardinäle dann seit der zweiten Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts^ bestrebt gewesen sind, ihr Wahlrecht zu benutzen, um die 
Päpste bei wichtigeren Regierungshandlungen rechtlich, nicht bloß 
tatsächlich, an die Zustimmung ilires Kollegiums zu binden, soll hier 
im einzelnen nicht weiter verfolgt werden und wird erst vollkommen 
übersehen werden können, wenn eine neue, schon seit längerer Zeit 
vorbereitete,- vollständige Edition der ihnen abgedrungenen Wahl- 
kapitulationen vorliegen wird. Hier mag es genügen, au eine der uns 
bekannten Kapitulationen, die Eugens IV. vom Jahre 1431, zu er- 
innern, in der nicht nur die Bindung des Papstes an consilium et con- 
scnsus der Kardinäle oder der Mehrzahl von ihnen in weitestgehen- 
dem Maße augeordnet, sondern auch eine gerade für das Urkunden- 
wesen wichtige Bestimmung getroffen wird:^ in allen Urkunden über 
Geschäfte, zu deren Erledigung Rat und Konsens (die hier offenbar- 
gleichgesetzt werden) der Kardinäle erforderlich sind, und in denen 
daher die Formel de consüio venerabüium fratrum nostrorum gebraucht 
wird, mit alleiniger Ausnahme der Bullen über die Ernennung von 
Prälaten, sollen die Namen der Kardinäle, die Rat und Konsens ge- 
geben haben, wie das bis auf Bonifaz VIII. üblich gewesen sei, ver- 
zeichnet werden, wobei für die Richtigkeit der Angabe der Namen 
die eigenhändige Unterschrift wenigstens der Prioren der drei Or- 
dines des Kardinalkollegiums oder in ihrer Abwesenheit eines alten 
Kardinals für jeden Ordo bürgen soll,* während bei besonders wich- 



vorlier Anspruch erhoben, wie die Urkunden bei Bacmgarten a. a. 0. S. 166 ff. 
zeigen. Dagegen haben die Kardinäle nie einen Anteil an den Kanzleigebührcn 
gehabt; Sägmüllers Zweifel in dieser Hinsicht (S. 191) sind unnötig. 

* Nicht schon im 13. Jahrhundert. Denn daß Bonifaz VIII. keine Wahl- 
kapitulation ausgestellt hat, bedarf jetzt keiner Erörterung mehr. Über die 
auf seinen Namen gefälschte profcfsio fidei mit dem Versprechen nach consi- 
liiDU und consensus der Kardinäle zu regiei'en, vgl. zuletzt Lülväs, MIÜG. 
31, 873ff. 

* Von Jean Lulves, Vgl. einstweilen dessen Aufsatz in QFIA. 12, Iff, 
3 Rainald 1431 § 7. 

* So verstehe ich den Satz: scribi faciet nomina cardinalium consilimn 
et consensum praebentium, videlicet ubi dicihir de eonsüio venerabüium fratrum 
nostrorum, videlicet talis et talis etc., sicut fieri solebat ante Bonifacium Vlll. 



Konsens der Kardinäle 61 



tigen Angelegenheiten der Papst und die Kardinäle — offenbar sind 
alle Kardinäle gemeint — ihre Unterschrift abgeben sollen.' 

Während Innoceuz VI. seine Wahlkapitulation vom Jahre 1852, 
die erste uns bekannte, nach mehr als einem halben Jahre durch die 
Bulle „SoUicitudo^^ förmlich aufgehoben hat, weil sie wider das 
göttliche Recht die plenitudo potestatis des Papstes einschränke, hat 
Eugen IV. die seinige durch die Bulle „In qualihet monarchia^' V(»m 
12. März 1431 ausdrücklich bestätigt, wozu er sich ja in der Kapitu- 
lation selbst eidlich verpflichtet hatte. Dauernd beobachtet aber hat 
auch dieser Papst die Verspreclmngen, die er in der Kapitulation ge- 
geben hatte, ebensowenig wie seine Nachfolger. Und wie der Ver- 
such, die absolute Monarchie der Kirche in eine ständisch-konstitutio- 
nelle zu verwandeln, im ganzen gescheitert ist, so ist auch die uns 
hier näher angehende Bestimmung, durch die das Konsensrecht 
der Kardinäle in den Papsturkunden zu deutlicherem Ausdruck ge- 
bracht werden sollte, auf die Dauer nicht ausgeführt wordtn.- 



. . . de quorum nominibus constat saltem j}er subscriptionem trium jyrtoruni vel 
in eorum absentia trium antiquorum cardinalium , unius scilicet pro quolibet 
ordine, qui actui interfuerint. 

* A.a.O.: In arduis vero requiratur papae ei cardinalium subscripfio. 

^ Doch finden sich in der ersten Zeit Eugens deutliche Spuren der Aus- 
führung. So nennt die Bulle vom 12. November 1431 über die Verlegung des 
Konzils von Basel (Rainald 1431 § 2n die Kardinäle, auf deren Rat der Be- 
schluß gefaßt ist (de ipsorum fratrum — folgen die Namen — consilio), Unter- 
schriften aber hat sie nicht. Dagegen fehlt die Nennung schon in der Auf- 
lösungsbulle vom 18. Dezember 1431 (Rainald 1431 § 25), obwohl sie de no- 
strorum fratrum consilio et assensu gegeben sein will. Ebenso fehlt sie in der 
Bulle vom 15. Dezember 1432 (Rainald 1432 § 19; Vollmacht für die päpst- 
lichen Legaten in Basel), die de fratrum consilio erlassen ist, aber diese ist 
nun gemäß den Bestimmungen der Kapitulation von je einem Kardinalbischof, 
Kardinalpriester und Kardinaldiakon unterschrieben. Es würde von Interesse 
sein, nach den Registerbüehern Eugens IV. im einzelnen genau festzustellen, 
wo und wie lange solche Spuren der wenigstens z. T. durchgeführten Beob- 
achtung dieser Kapitulationsbestimmung nachzuweisen sind. 



62 Handlung und Beurkundung 



Elftes Kapitel. 

Die Entstehung der Urkunden. 

2. Handlung und Beurkundung. Stufen der Beurkundung. 

Es ist die Eigenschaft aller Schriftstücke, die wir nach der im 
Eingang dieses Werkes gegebenen Definition als Urkunden bezeichnen, 
daß sie dazAi bestimmt sind. Tatsachen von rechtlicher Erheblichkeit 
zu bezeugen. Einen wesentlichen Unterschied aber macht es aus, ob 
das Zustandekommen dieser Tatsachen im Einzelfalle lediglich auf der 
Willenserklärung einer einzelnen Person beruht, oder ob es durch das 
Zusammenwirken oder durch die ausdrücklich erklärte oder still- 
schweigend vorausgesetzte Willensübereinstimmung mindestens zweier 
Personen bedingt ist. Das erstere ist der Fall bei allen Urkunden, 
durch die ein Herrscher seinen Beamten oder Untertanen, ein Vor- 
gesetzter seinen Untergebenen Aufträge erteilt oder Befehle gibt. 
Auch diese Urkunden bezeugen rechtlich erhebliche Tatsachen; sie ver- 
pflichten die Adressaten zur Ausführung der befohlenen Handlungen 
und bedingen ihre Verantwortlichkeit und eventuell ihre Straffälligkeit 
für den Fall des Ungehorsams.^ Die rechtlich erhebliche Tatsache hängt 
aber nur von dem Willen des Befehlenden ab und ist von dem des 
Adressaten unabhängig: dieser muß den Befehl ausführen, er mag 
damit einverstanden sein oder nicht. Mit dem Empfang der Urkunde 
erwächst dem Adressaten im Verhältnis zu ihrem Aussteller nur eine 
Pflicht, kein Recht ; wenn der Aussteller seinen Willen ändert, ehe er 
ausgeführt ist, und den Befehl zurücknimmt oder modifiziert, so steht 
dem Adressaten kein Recht des Einspruches dagegen zu. WesentUeh 
anders verhält es sich mit allen Urkunden, die über Verträge aus- 
gestellt sind, mögen sie Schenkungen und Verleihungen oder Bestäti- 
gungen von Gnaden und Rechten und dergl., oder mögen sie Kauf. 
Tausch, Darlehen oder ähnliche zweiseitige Rechtsgeschäfte betreffen. 
Auch die Urkunde über eine Schenkung, eine Freilassung, eine Schutz- 
oder Immunitätsverleihung beruht nicht bloß auf dem einseitigen 
Willen dessen, der die Schenkung gegeben, die Freilassung vorgenom- 



' Um diese Verantwortlichkeit zu sichern, hat man im späteren Mittel- 
alter nicht selten angeordnet, daß der Beauftragte die Urkunde zum Zeichen 
der Kenntnisnahme mit seinem Siegel zu versehen und weiter- oder zurück- 
zugeben habe. Es entspricht das der heute üblichen Unterschrift von Zirku- 
laren durch Personen, denen sie vorgelegt werden. 



Handlung und Beurkundung 63 



men, den Schutz oder die Immimität verliehen hat, sondern sie ver- 
langt, um rechtlich wirksam zu sein, eine Annahme durch eine zweite 
Person. Diese Annahme braucht freilich nicht ausdrücklich aus- 
gesprochen zu werden; liat z. B. ein Untertan den König um eine 
Gunst gebeten, so liegt schon in der Bitte seine Annahmeerklärung 
enthalten, aber vorhanden ist sie eben darum auch in diesem Falle. 
Und es liegt in der Xatur der Sache, daß die rechtliche Wirksamkeit 
einer solchen Urkunde, wenn sie einmal ausgestellt ist, nicht durch 
den einseitigen Willen des Schenkenden, Freilassenden usw. wieder 
aufgehoben werden kann, insofern nicht unter bestimmten Voraus- 
setzungen das Gesetz einen Widerruf gestattet oder dieser in der Ur- 
kunde ausdrücklich vorbehalten ist. Die Urkunde dient in allen 
solchen Fällen ihrem Empfänger als Zeugnis für ein erworbenes Recht, 
dessen er ohne seine Zustimmung oder sein Verschulden nicht wieder 
verlustig gehen kann. 

Mit dem Unterschiede zwischen Urkunden, deren Eechtswirkung 
nur vom Willen einer einzelnen Person abhängig ist, und solchen, 
bei denen sie auf der Willensübereinstimmung mehrerer Personen beruht, 
hängt ein anderer zusammen, der für die diplomatische Betrachtung 
besonders wichtig ist. Wenn wir als den Beginn der Beurkundung 
den Zeitpunkt ansehen, in dem der Aussteller oder jemand, den er dazu 
bevollmächtigt hat, den Auftrag zur Herstellung einer Urkunde er- 
teilt, so geht diesem Beurkundungsauftrage ^ bei der zuerst er- 
wähnten Kategorie von Urkunden nichts voran, das für die durch die 
Urkunde zu bezeugende Tatsache in bezug auf ihren Adressaten recht- 
lich relevant wäre. Es können allerdings auch über die Befehle, die 
ein Herrscher seinen Beamten erteilt, vorher Beratungen gepflogen 
sein, auf Grund deren der Beurkundungsauftrag erteilt wird; aber 
was den Adressaten einer solchen Urkunde zum Gehorsam verbindet, 
was das Rechtsverhältnis, welches durch die Urkunde bezeugt wird, 
schafft, sind nicht jene Beratungen, sondern nur der durch den Be- 
urkundungsbefehl ausgesprochene Wille des Herrschers kommt dafür 
in Betracht. Und wenn etwa eine dritte Person unter Gewährung 



1 Der Beurknndungsauftrag wird im Mittelalter als IJeurkundungsbefehl 
(iussio) bezeichnet, wenn die mit der Herstellung der Urkunde beauftragte 
Person in einem Subordinationsverhältnis zu dem Aussteller steht; er heiBt 
Beurkundungsbitte {rogatio), wenn das nicht der Fall ist. Nicht immer, aber 
sehr häufig wird der Unterschied zwischen iussio und rugalio in den Formeln 
der Urkunden beachtet. Der Beurkundungsauftrag fällt nur in den seltenen 
Fällen ganz fort, in denen der Aussteller einer Urkunde diese selbst verfaßt 
und gesehrieben hat. 



I>4 Handlung und Beurkundung 



einer Gegenleistung oder ohne solche den Herrscher um den Erlaß 
einer derartigen Urkunde gebeten, und dieser die Bitte zu erfüllen 
versprochen hat, so kann dadurch zwar ein rechtlich wirksames Ver- 
tragsverhältnis zwischen ilun und jener dritten Person begründet 
werden: aber für den Adressaten der Urkunde ist dies Verhältnis 
ohne rechtliche Bedeutung; seine Tätigkeit wird nicht durch diesen 
Vertrag, sondern erst durch den Befehl des Herrschers gehemmt oder 
in Bewegung gesetzt; und für ihn macht es keinen Unterschied, ob 
der Befehl aus dessen alleiniger Initiative entsprungen oder auf den 
Rat eines anderen oder auf Grund einer vertragsmäßigen Verpfliclitung 
erteilt worden ist. Mit anderen Worten: wenn wir die für den Em- 
pfänger einer Urkunde rechtlich erhebliche Tatsache, welche durch 
die Urkunde bezeugt wird, Handlung nennen, so gibt es bei dieser 
Kategorie von Urkunden keine dem ßeurkundungsauftrag voran- 
gehende Handlung; Handlung und Beurkundung fallen bei ihr zu- 
sammen.^ 

Anders steht das bei der Mehrzahl der Urkunden, die nicht unter 
die eben besprochene Kategorie der einseitigen Befehle und Erlasse 
fallen. Es versteht sich nach unseren frühereu Erörterungen von 
selbst, daß bei allen notitiae, wo und von wem sie auch ausgestellt 
sind, eine der Beurkundung vorangehende Handlung anzunehmen ist; 
die notitia, insofern sie schlichte Beweisurkunde ist, schafi't ja niemals 
eine rechtlich erhebliche Tatsache, sondern berichtet und bezeugt nur, 
daß eine solche stattgefunden hat. Zu untersuchen bleibt nur, wie sich 



^ Auf den UnteMchied zwischen Handlung und Beurkundung ist schon 
früher mehrfach geachtet worden , vgl. z. B. Mabillon, De re diplom. S. 1 92, 
der zwischen der Zeit der res transacta und des mstrunientum confectum einen 
Unterschied macht; Sickel, Acta 1, 23ßff.; Bresslau, Kanzlei S. 69f. Und 
schon das Baumgartenbergcr Formularbuch (QE. 9, 778) macht darauf auf- 
merksam, indem es die actio agitata und das tempus conscripte litere unter- 
scheidet, wenn auch seine weiteren Ausführungen darüber nur zum Teil zu- 
treffen. Sehr bestimmt unterscheidet z. B. auch eine Urkunde des Bischofs 
Adelog von Hildesheim von 1175, Asseburger ÜB. 1, 16 n. 20, die actio (Hand- 
lung) von der eoiiscriptio (Beurkundung). Eingehend aber hat erst Ficker, BzU. 
1, 62 ff. das Verhältnis zwischen Handlung und Beurkundung erörtert; er hat auch 
anscheinend ohne jene Stelle des Baumgartenborger Formelbuchs zu kennen, den 
Ausdruck Handlung in den diplomatischen Sprachgebrauch eingeführt. Er be- 
legt ihn mit Remling, UB. 1, 13: acta est huius traditionis actio: andere Belege 
sind leicht beizubringen, vgl. z. B. noch UB. des Hochstifts Halberstadt 1, 131: 
ad testimonium huius actionis; 1, 176: Jiec ergo nostre dmuitionis actio ; 1,267: 
hcc ciusdcm actionis formula scripta commendaia ; CD. Anhalt. 1,472: acti- 
onem hanc conseribi fecimus; 1, 475: aetionem hnnc scripto commendare cura- 
vinms; Trocili.at 1, 208: in actione et confirmatione huius eoncambii. 



Handlung und Beurkundung. Ältere Königsurkunden 65 



die in der Form der cartae ausgestellten Urkimdeu in dieser Hinsicht 
^'erhalten. 

Was zunächst die fränkischen und deutschen Königsurkunden ^ 
betrifft, so liegt es hei gewissen Arten davon in der Xatur der Sache, 
daß der Beurkundung immer eine in mehr oder minder feierlicher 
Form vollzogene Handlung vorangegangen ist. So ist eine carta 
denarialis stets erst geschrieben worden, nachdem die solenne Form 
der Freilassung per excussionem dmarii von dem Könige vollzogen 
worden war; die Vollziehung der Handlung wird in den Urkunden 
selbst regelmäßig als vorangegangen erwähnt. Durchweg dasselbe 
werden wir mindestens seit dem Ende der merovingischen Zeit für die 
reinen Mundbriefe anzunehmen haben. Die Verleihung des Königs- 
sehutzes war die Folge der Tradition oder Kommendation eines Stiftes 
oder einer Person an den König; indem der König die Kommendation 
annahm, trat der Königsschutz ein; die Urkunde diente nur dazu, ihn 
zu verkünden und zu sichern; die rechtsverbindliche Handlung aber 
ging der Beurkundung voran.^ Selbstverständlich haben wür ferner 
bei allen auf Grund eines Urteilsspruches des Hofgerichts ausgestellten 
Gerichtsurkunden und Diplomen zwischen Handlung und Beurkundung 
zu scheiden: die Rechtswirkung des Urteils trat schon mit seiner Ver- 
kündigung in der Gerichtssitzung und nicht erst mit seiner urkund- 
lichen Verbriefung ein. Daß bei Tauschgeschäften, die der König ab- 
schloß, der rechtsgültige Formalakt ^ vor der Ausstellung der Urkunde 
stattfand, kann nicht bezweifelt w^erden; er bestand in einer gegen- 
seitigen feierlichen und svmbolischen Tradition von Hand zu Hand; 
wie der König wohl ausdrücklich sagt, daß er das ihm zugefallene 



» Vgl. für das folgende Ficker, BzU. 1, 108ff.; Rei.lk ii, MIÜG. Erg. 
6, llfF. Über die sizilianischen Königsurkundeu vgl. K. A. Kehr S. 121 ff.; 
sie werden im folgenden nur nebenbei berücksichtigt, da die Unterscheidung 
von Handlung und Beurkundung bei ihnen geringere Bedeutung hat. 

- Sehr deutlich ist das ausgedrückt in der Urkunde Pippins für Duban von 
Honau, D. Ai-n. n. 20: Dubanus abba . . . ad nos vcnii et ad nos se iina cum 
omni re monasterii sui comviendavit ; et nos ipsum Dubanum . . . sub nostruni 
mundeburde plmum recipimus. — Propterea Utteras . . . eidon dcdiinus, per 
quas . . . rogamus atque praecipimus usw. Vgl. Sickel, BzD. 3, 39. 70. 9.5 tt.; 
Waitz, VG. 2,3 1, 830 flF.; Brünner, RG. 2, 51f.; Eiirenbero, Kommendation und 
Huldigung (Weimar 1877). 

3 Er ist es, der z. B. in DO. I. 276 als concambiwn leijitimc traiisiuuta- 
tionis, in St. 3773 als concambii solempnitas bezeichnet wird. Daher werden 
Handlung und Beurkundung beim Tausch ausdrücklich unterschieden, z. B. 
in DH. II. 55: concambii firmiiaiem fecivms et litteris ob mcmoriam mandari 
itissim,us. 

Breßlau, Urkundenlehre. 2. Aufl. 11. ^ 



66 Handlung und Beurkundung. Ältere Königsurkunden 



Tauschubjekt aus den Händen seines Mitkontrahenten oder dessen 
A'ogtes^ empfangen habe, so hat er ohne Frage auch seine Gegen- 
leistung in ähnliclier Weise bewirkt.^ Bekannt ist ferner, daß Beleh- 
nungen regelmiiBig durch eine symbolische Investitur bewirkt sind, mag 
das in der darüber nachher ausgestellten Urkunde zum Ausdruck ge- 
langen, wie in dem Lehnsbriefe Friedrichs I. über das Herzogtum 
Westfalen,^ oder mag es verschwiegen sein, wie in dem Lehnsbriefe 
desselben Kaisers für Osterreich;* wissen wir docli in dem letzteren 
Fall durch den Bericht Ottos von Freising ganz genau, daß in Wirk- 
lichkeit eine Investitur mit zwei Falmlanzen stattgefunden hat.^ Es 
ist eine Ausnahme, welche die Regel bestätigt, wenn z. B. König 
Richard 1261 von London aus den Erzbischof Engelbert von Köln 
wegen seiner Abwesenheit aus dem Reich per liUeras investiert hat; 
sagt doch die darüber ausgestellte Urkunde, im Anschluß an die Be- 
stimmungen des Wormser Konkordats von 1122, ausdrücklich, daß 
dies ungewöhnlich sei, und daß eine Belehnung geistlicher Fürsten nicht 
erfolgen könne, nisi recipiens per persone sue presentiam concedentis impera- 
toris vel regis aspectui se presentet et a manu eiusdem actualiter insignita 
cum sceptro solempniter investituram reeijnat.^ Eine ähnliche formale 
Investitur fand aber auch bei den meisten anderen Verleihungen von 
Rechten durch den König statt. Daß bei der Erteilung von Markt- 
rechten irgend eine symbolische Handlung vollzogen wurde, wird in 



^ Vgl. z. B. DO. I. 109: econtra vero pari rafione ah eodem abbate . . . 
per manus advoeatorum eins recepimus-^ xg\. aucb DDO. II. 191. 227 usw. 

* Ausdrücklich bezeugt ist z. B. die traditio per manus advoeatorum nostri 
scilicet et praedicti archiepiscopi sollcmpniter facta in DO. I. 322 und noch, 
deutlicher in DO. III. 106: eeontra autem . . . dedimus . . . afque . . . per 
tnanum advoeati nostri . . . donavimus tradidirnus. 

3 St. 4301. 

* St. 3753. 

* AYie unumgänglich eine solche körperliche Investitur noch im 12. Jahr- 
hundert war, zeigt die Urkunde Friedrichs I. St. 3963 (MG. Const. 1, 305 
n. 216), in der dem Grafen von Baux, der auf Grund eines Privilegs Kon- 
rads III. die Provence beansprucht, entgegengehalten wird, quod regem Con- 
radinn . . . mmquam oculis suis vidit nee corporalem investituram alieuius 
terre ab co unquam suscepit. 

® Winkelmann, Acta 1, 457 n. 570. Solche Ausnahmen sind übrigens im 
späteren Mittelalter nicht ganz selten, wenn auch in einem Formular aus der 
Zeit Rudolfs (Baumgartenberger Formelb. ed. Bärwäld S. 233 n. 23) die Be- 
lehnung eines Abwesenden mit den Regalien als eine specialis gratia . . . 
hactemis inaudita bezeichnet wird. Vgl. BüiiMEu-REDMcn, Reg. 386. 387. 1489. 
1492; MG. Const. 3, 544 n. 583 und die Bestimmungen der Goldenen Bulle ed. 
Zedmeb S. 46 f. 



Handlung und Beurkundung. Ältere Königsurkunden 67 

den darüber ausgestellten Urkunden freilich fast niemals erwähnt. Aber 
in einem Diplom Lothars III. für St. Georg zu Bamberg heißt es, daß 
der König den Markt zu Staflfelstein im Rednitzgau per manum Gomilis 
Reginhodonis an den Altar des heiligen Georg geschenkt habe; hier 
muß also durch den Bevollmächtigten eine symbolische Tradition voll- 
zogen sein.^ Worin sie bestanden hat, erfahren wir aus einer Ur- 
kunde, durch die 1165 Friedrich I. einen ■ über dies Marktrecht aus- 
gebrochenen Streit entschied; er erwähnt, daß Lothar es nach ge- 
wohnter Sitte vermittelst eines Handschuhes durch öffentliche 
Schenkung und durch Privileg verliehen habe.- Und daß, was hier 
geschehen ist, wirklich allgemeinem Brauch entspracli, wird zum Über- 
fluß noch durch einen Rechtsspruch des Reichsgerichts aus dem Jahre 
1218 bestätigt, der die Investitur mit dem Handschuh bei jeder Ver- 
leihung eines Jahr- oder Wochenmarkts an irgend welchem Orte des 
Reiches als selbstverständlich voraussetzt.^ Unter so beschaffenen Um- 
ständen gewinnen nun gewisse aus Italien vorliegende Zeugnisse über 
ähnliche Formalakte bei anderen Rechtsverleihungen einen erhöhten 
Wert. Wir entnehmen sie zumeist Notariatsinstrumenten, die über 
den Hergang der Investitur selbst aufgenommen sind; die Diplome 
schweigen in der Regel ebenso davon, wie sie die Investitur mit dem 
Handschuh bei der Marktverleihung unerwähnt zu lassen pflegen; 
doch finden sich vereinzelte Andeutungen auch in ihnen vor. So er- 
folgte die Ernennung zum kaiserlichen Xotar durch eine Investitur mit 
dem Stabe oder, was in späterer Zeit häufig vorkommt, mit Tintenfaß 
und Feder;* so wurde bei einer Legitimation die begnadigte Person mit 
einem goldenen Ringe investiert;^ so bestätigte Heinrich VI. einer 
ritterbürtigen Familie aus Toskana Zollrechte, die ihr von Alters her 
zustanden, indem er sie mit einem Hute investierte;^ so findet sicli 
endlich mehrfach, daß selbst die Verleihungen und Bestätigungen von 
Stadtrechten und städtischen Gewohnheiten mittels eines an den Ver- 



» St. 3249. 

* St. 4043: mercatum . . . quod . . . Lolharius imperator tradiderat more 
solito per guantonem (so ist mit Ficker, BzU. 1, 116 zu lesen) publica dona- 
tione et privilegü sui confirmatione. 

^ Const. 2, 74 n. 61. 

* Älteste Zeugnisse für die Investitur aus der Zeit Heinrichs VI. von 1186 
und 1191, Savioli 2, 146; MIÜG. 5, 314. Investitur durch Friedrich II. 1249 
per baculum quem in propria manu tenebat, Winkelmann, Acta 1, n. 417; rnm 
penna et calamario, Ficker, It. Forsch. 4, n. 466. 501. 525 und öfter, vgl. auch 
das Formular Const. 3, 294 n. 292. 

ä 1191 durch Heinrich VI., MIÜG. 5, 314: vgl. Ficker, It. Forsch. 4, 502. 
ö Vgl. Schneider, Toskanische Studien 3, 45 ff. (= QFIA. 12, 87 ff.). 

5* 



68 Handlung und Beurkundung. Ältere Kvnigsurkunden 

tretern der Stadt vorgenommenen Investituraktes vorgenommen wurden.^ 
Handelt es sirh bei den Fällen, die wir durch positives Zeugnis be- 
legen können, durchweg um Vorgänge in Italien, so werden wir für 
Deutschland sicher ein analoges Vorgehen annehmen künnen; denn es 
ist gewiß, daß wenn irgendwo , dann gerade in Italien am frühesten 
die bli'ße urkundliche Verbriefung als Ersatz auch für die Handlung 
angesehen wurde. 

Für unsere Betrachtung aber ist es vor allem wichtig, festzustellen, 
üb auch für Verleihungen von unbeweglichen Gütern eine Handlung 
neben der Beurkundung anzunehmen ist. Daß dies für die spätere 
Zeit, in der solche Verleihungen vorzugsweise nach Lehenrecht er- 
folgten, der Fall ist, steht nach dem, was oben über die lehenrecht- 
liche Investitur bemerkt wurde, außer Zweifel. Wie aber stand es mit 
den Schenkungen der älteren Zeit, die einen so erheblichen Teil aller 
uns erhaltenen Urkunden bilden? Es ist neuerdings vielfach angenom- 
men worden, daß die feierliche Übergabe der Königsurkunde die Be- 
deutung eines Investituraktes selbst gehabt hatte ;^ ist diese Ansicht 
zutreffend, so war wenigstens bei allen feierlich tradierten Urkunden 
eine weitere Handlung unnötig. Und insofern wir die Übergabe einer 
Urkunde als den letzten Akt der Beurkundung aufzufassen haben, 
wären danach auch bei den so tradierten Diplomen Handlung und 
Beurkundung zusammengefallen; bei ihnen wäre die Handlung die 
letzte, wie bei den Mandaten die erste Stufe der Beurkundung. Nun 
ergibt sich in der Tat aus einer Eeihe von Zeugnissen,^ daß die Voll- 

* Belege bei Ficker, BzU. 1, 117. 

- So uoch von SoHsr, Zur Geschichte der Auflassung (Festgabe für Thöl, 
Straßbui-g 1879) S. 103; vgl. auch Zeitschr. für Rechtsgesch. 43 (Germ. 30),' 
108 ff. SoHM betrachtet die investitura per eartam als ein Vorrecht des Königs, 
der dabei an das gemeine ßecht nicht gebunden gewesen sei ; er leugnet aber, 
worauf wir zurückkommen, gegen Brunneb die Möglichkeit Aqv investitura per 
cariam bei Privaturkunden. Mir scheint für die juristische Frage, auf die hier 
näher einzugehen nicht erforderlich ist, von Wichtigkeit zu sein, daß zwischen 
der feierlichen Übergabe eines königlichen Präzepts und der Tradition einer 
Privaturkunde ein wesentlicher Unterschied besteht. Die Königsurkunde wurde 
vollzogen und besiegelt, die Privaturkuude stets uuvollzogen tradiert, wenn 
nicht bloß das unbeschriebene Pergament übergeben wurde; die Übergabe 
einer Königsurkunde erfolgte also stets nach, die einer Privaturkunde gleich- 
zeitig mit dem Beurkundungsauftrag. Vgl. Eedmch, MlÜG. Erg. 6, 4 ff . 

' Vgl. die Zeugnisse bei Ficker, BzU. 1, Ulf. Vgl. auch die Vor- 
bemerkung zu DK. II. 216 und für Sizilien K. A. Kehr S. 123. — Angeführt 
mag dafür noch werden, daß in mit Bildern versehenen Kopialbüchern mit 
Vorliebe gerade dieser Akt der feierlichen Urkunden-Tradition dargestellt 
wurde; so z. B. im Chron. Vulturnense und im Chron. S. Sophiae Beneventan., 
vgl. NA. 2, 347. 3, 117; BuUettino dell' Istit. stör. Italiano 30, 75ff. 88. 



Handlung und Beurkundung. Ältere Königsurkunden 69 



Ziehung und Übergabe einer Urkunde durch deu König häutig in 
feierlichen Formen erfolgte, etwa in einer Versammlung der am Hofe 
anwesenden Großen, deren Anwesenheit bei diesem Akt gelegentlich 
ausdrücklich erwähnt wird. Welche juristische Bedeutung aber diesem 
Formalakte zukam, ist nicht recht klar ersichtlich. Von einer eigent- 
lichen Investitur, als deren Symbol in gleicher Weise wie sonst Stab, 
Szepter oder Ring die Urkunde selbst, das Privilegium factum et fini- 
tiim et sigillatum sigillo domini imperaloris, diente, ist, soviel mir be- 
kannt ist, nur ein einziges Mal, in der Regierungszeit Heinrichs VI., 
bestimmt und unzweideutig die Rede.^ Wenn sehr oft ausdrücklich 
gesagt wird, daß der König per hoc praeceptum, per lianc cartam usw. 
schenke oder tradiere,^ so scheint das allerdings auf Investitur mit 
der Urkunde hinzudeuten; aber dieser Deutung solcher Worte kann 
man entgegenhalten, daß in anderen zahlreichen Fällen ebenso be- 
stimmt die Ausstellung der Urkunde als ein nach vollzogener Tradi- 
tion hauptsächlich zum Zweck größerer Sicherung vorgenommener Akt 
bezeichnet zu sein scheint.^ 

Läßt sich demnach aus den Urkundeuformeln allein die Frage 
nicht entscheiden, so ist es nun von besonderer Bedeutung, daß in 
einer verhältnismäßig großen Anzahl von Fällen ganz bestimmt eine 
von der Beurkundung verschiedene, zeitlich von ihr getrennte Tradi- 
tions- oder Investiturhandlung nachgewiesen werden kann. Bisweilen 



* Böhmer, Acta S. 172; vgl. FiCKEB, BzU. 1, 110. Der von Ficker gleich- 
falls angeführte Satz einer Pancarta Rudolfs von Italien von 922 (DR. 3, das 
übrigens auf ein Diplom Berengars I., D. Ber. I. 134, zurückgeht), hat wahr- 
scheinlich eine andere Bedeutung; er soll wohl nur ausdrücken, daß die Pan- 
carta an Stelle der verbrannten Urkunden als Beweis der Gewere zu dienen habe. 

- Oft mit dem Zusatz, daß diese Tradition sollempni viore erfolge und 
daß der Empfänger ah hodierno die et deinceps besitzen solle. Beispiele bei 
FicKER a. a. 0. S. 110, andere aus der Zeit Karls III. bei Mühlbacher, SB. der 
Wiener Akademie 92, 459 ff. 

* Das ist doch zweifellos der Fall, wenn, wie im 10. und 11. Jahrhundert 
so oft geschieht, erst die vollzogene Tradition in der Narratio erwähnt wini 
{donavimus, confirinaviniu.?, cmicessimus, tradidimus) und es dann weiter heißt, 
etwa wie in DH. I. 24: iussimus quoque hoc praeceptum inde conscribi, per 
quod volumus firmiterqnc iubemus, qiiatenus, praefatae res . . .ad monachoruni 
. . . victufn et vestitum 2^crpetualiter consistant. >sichts anderes bedeutet es, 
wenn z. B. der Kanzleibeamte Heinrichs IV., den ich Adalbero C genannt 
habe, so oft die Formel gebraucht: cuius traditionis testem hanc paginam 
scribi iussimus usw. (Gcndlach, Ein Diktator S. 62); und es ist doch schwer- 
lich anzunehmen, daß gerade dieser Diktator immer solche Urkunden geschrieben 
habe, mit denen nicht investiert, sondern deren Ausfertigung erst nach voll- 
zogener Tradition angeoi'dnet wurde. 



7ü Handlung und Beurkundung. Ältere Königsurkunden 



folgt die Investitur auf die Beurkundung; sie ist dann in der Kegel 
auf Grund des königlichen Präzepts von besonders beauftragten Königs- 
boten vollzogen worden. Fälle der Art kommen vorzugsweise auf 
italienischem, vereinzelt aber auch auf deutschem Boden vor;^ für die 
diplomatische Betrachtung sind sie die minder wichtigen. In anderen 
Fällen, die sich von der karolingisclieu Zeit an nachweisen hissen, ist da- 
gegen die Traditionshandlung der Beurkundung vorangegangen; bis- 
weilen ist der Zeitunterschied zwischen der einen und der anderen nur 
klein, manchmal aber auch recht bedeutend. So hat Karl der Große 
am 1. September 774 dem Kloster Lorsch eine Schenkung gemacht, 
die erst am folgenden Tage beurkundet wurde. ^ Ludwig der Fromme 



' Vgl. z. B. für Italien die Investiturnotiz von 879 bei Fickeu, lt. Forsch. 
4, 20 mit dem Diplom Müiilbachee Reg.* 1546; femer das breve de invesiitione 
von 967 hinter DO. I. 353; für Deutschland die fuldische notitia von 932 bei 
Dronke n. 679 mit dem Diplom DH. I. 34; für Frankreich Mühusacher, Reg.* 
n. 970 mit D. Kar. 188. Hierhin gehört nun auch zufolge den Ausführungen 
Tanqls (Arxdt-Tangl, Schrifttafeln 3, 37 zu Taf. 73) die früher von mir nach 
dem Vorgange Müulbaciiers, MIOG. 3, 308 anders beurteilte Hammelburger 
Investitur und Grenzweisung (Abbildung bei Taxgl a. a 0. und bei Chkoust, 
Mon. palaeographica Lief. 5 Taf. 7), die zum 8. Oktober 777 (nicht 776) anzu- 
setzen ist, also dem Schenkungsdiplom vom 7. Jan. 777 (D. Kar. 116, vgl. den 
Nachtrag DD. Kar. 1, 564) nicht, wie früher angenoinnaen wurde, um vier Mo- 
nate vorangeht, sondern neun Monate nach ihm erfolgt ist. Die Frage nach 
dem Alter der uns davon erhaltenen Aufzeichnung kann unter diesen Um- 
ständen hier ganz unberücksichtigt bleiben; vgl. darüber zuletzt Stengel, Uß. 
des Klosters Fulda 1, 151 n. 83. 

'" D. Kar. 82. — Die Mehrzahl der im folgenden angeführten Beispiele 
sind schon von Sickel, Acta 1, 236f. und Ficker, BzU. 1, 113flF. berücksichtigt'. 
Hier mag noch hinzugefügt werden, daß auch in der Merovingerzeit, die 
Ficker nicht berücksichtigt hat, die Verhältnisse nicht anders zu liegen scheinen. 
Schon daß die Schenkungsurkunden häufig an die königlichen Beamten adressiert 
sind, die doch nicht die Empfänger der Schenkung sind (vgl. DM. 14. 23. 
44 usw.), läßt es als durchaus unwahrscheinlich erscheinen, daß die Schenkung 
lediglich durch diese Urkunden erfolgt sei, und daß der Beurkundung keine 
Handlung voranging. Die Investitur 21er cartam ist mit der Adressierung der 
eartu an dritte Personen kaum vereinbar. Daher wird denn auch von der 
Handlung im Präteritum gesprochen (^;m fuimiis concessisse; cognoscat igitur 
restra maguitudo . . . nos concessisse usw.), und der Befehl des Kaisers geht 
darauf hinaus, den Beschenkten in seinem Besitz zu schützen; Marculf 1, 14. 15. 
\'gl. auch die mit der hier entwickelten Ansicht übereinstimmenden Ausfüh- 
rungen von Krusch, FDG. 26, 173 f. Daß auch die Langobardenkönige un- 
liewegliches Gut nicht immer urkundlich vergaben, beweist die Urkunde Liut- 
prands (XA. 3, 262 n. 139), in der es heißt: quae tibi iam antea coucessimus ei 
mininie jiostrun/ emissimus praeceptuiii ; vgl. Chroist S. lü5fF. Über ent- 
sprechende Fälle aus dem normannischen Sizilien vgl. K. A. Kehr S. 122 f. 



Handlung und Beurkundung. Ältere Königsurkunden 71 



vergabt am 11. Januar 815 den Ort Michelstadt im Odenwald an 
seinen Getreuen Einliart; in der Urkunde heißt es per hanc donationis 
nostrae auctoritatem concessimus.^ Als aber 819 Eiuhart den Ort an 
Lorsch schenkt, wird gesagt, daß er ihm vom Kaiser sollemni dona- 
tione übertragen ac praecepti sui auctoi'üate bestätigt worden sei;- 
Handlung und nachträgliche Beurkundung sind hier so deutlich als 
möüflich geschieden. Daß der Kaiser dem Abt Conwoion von Redon 
im Juli 834 zu Diedenhofen Güter in der Bretagne geschenkt hat, 
erfahren wir aus der Biographie des Abtes; die Schenkungsurkunde 
ist erst am 27. November desselben Jahres in Attigny ausgestellt.^ 
Lothar L hat 841 dem Kloster St. Maur des Fosses an der Marne 
einen Besuch abgestattet und ihm bei dieser Gelegenheit gewisse ab- 
handen gekommene Güter restituiert; die Urkunde, aus der wir dies 
erfahren, ist erst einige Tage später in Bonneuil ausgestellt.^ Ludwig 
der Deutsclie verleiht am 26. Mai 836 einem Getreuen Werner Güter 
im Eheingau, die er ab hodiemo die et tempore frei besitzen soU;^ als 
zehn Jahre später Werner diese Güter an Lorsch schenkt, sagt er in 
der darüber ausgestellten Urkunde, der König habe sie de iure stio 
in ins meiini sollemni donatione übertragen ae irraecepti sui avctoritate 
in proprietatem geschenkt.^ In einer Urkunde vom 20. November 860 
schenkt derselbe König dem Erzbistum Salzburg zwei Ortschaften, in 
deren Besitz es der Graf und Königsbote Odolrich bereits eingewiesen 
hatte, nachdem die Grenzen von ihm umgangen waren.' Aus der 
Zeit Karls III. haben wir eine Urkunde, die in Etrepy am 21. Juni 
885 ausgestellt ist; nach den eigenen Angaben dieser Urkunde ist die 
Handlung etwa acht Tage früher in Toul vollzogen worden.^ Kaiser 
Lambert sagt in einer Urkunde vom Januar 895, daß er nach seiner 
Inthronisierung in Pavia gebeten worden sei, einem Getreuen Amal- 
gisus Güter in der Grafschaft Piacenza zu verleihen und diese Bitte 
mit Zustimmung des Grafen Siegfried von Piacenza qui tunc ipsum 



* Mühlbacher, Reg.* 569. 

* MG. SS. 21, 360. 

3 MüHLBACHEK, Eeg.^ 930^ 933. 

* Mühlbacher, Reg.* lOSS-^. 1090. Zwei andere Fälle aus der Zeit 
Lothars I. bei Fickkr, BzU. 1, 131. 

= Mühlbacher, Reg.* n. 1359. 

ö MG. SS. 21, 365. 

' Mühlbacher, Reg.* 1444. Auf diesen Fall hat Tanql in der Festschrift 
für Brdnnkr (Weimar 1910) S. 763 zuerst aufmerksam gemacht. 

8 Mühlbacher, SB. der Wiener Akademie 92, 385 f. — Eine zweite Ur- 
kunde gleichen Datums — Handlung in Gondreville — bezieht sich nicht auf 
eine Schenkung. 



72 Handlung und Beurkundung. Ältere Königsurkunden 

comiiatum regere videbatiir erfüllt habe. Die Urkunde selbst ist in 
A'iinercate unweit Monza wohl erst nacb einiger Zeit ausgestellt.^ 
Besonders häufig sind auch in der F(dge die Fälle, in denen aus dem 
"Wortlaut der Urkunden selbst sich ergibt, daß zwischen Handlung und 
Beurkundung zu unterscheiden ist. Zumeist steht das im Kontext;'' 
der König hat gewöhnlich bei einem Besuch des Klosters oder der 
Kirche die Tradition persönlich vollzogen, in der Begel an dem Altar 
des Schutzpatrons, die Urkunde ist dann auf seiner Weiterreise Tage, 
Wochen oder selbst Monate später ausgestellt worden. Seltener wird 
der solenne Formalakt, der bei der Übertragung stattgefunden hat, 
ausführlicher erwähnt. So in sehr interessanter Weise 1029. Kou- 
rad IL hat dem Kloster Obermünster in Begensburg einen Hof ge- 
schenkt. Die Urkunde bedient sich jener Formeln, die gewöhnlich für 
investitura per cartam geltend gemacht werden;-* am Schluß aber be- 
sagt sie, daß die Investitur vom Kaiser baeulo nostro vollzogen sei, 
und daß der Kaiser diesen Stab zu ewigem Gedächtnis im Kloster 
selbst zurückgelassen habe. Nichts liegt vor, was diesen Vorgang an 
sich als einen besonders gearteten anzusehen 'veranlassen könnte; nur 
daß der symbolischen Investitur Erwähnung geschieht, macht ihn zu 
einem Ausnahmefall, und daß sie erwähnt wird, beruht sicherlich nur 
auf der ungewöhnhchen Bitte der Nonnen, den Kaiserstab behalten zu 
dürfen, die von Konrad gewährt wurde. Andere Beispiele der Art* 
sind bis ins 12. Jahrhundert hinein nachweisbar. Bisweilen endlich 
haben wir bei Schenkungsurkunden eine doppelte Datierung, welche 
Handlung und Beurkundung unterscheidet.^ 



1 D. Lamb. 1. 

* Beispiele: 922 DH. I. 4, Schenkung in Kloster Fulda, Beurkundung in 
Wallhausen; 993, DO. III. 118, Handlung 16. April, Beurkundung 17. April; 
1024/2.Ö, DK. II. 4. Tradition ad Spirensis episcopn altare, Beurkundung in Ingel- 
heim; DK. II. 26, Handlung Minden, Beurkundung Regensburg; 1157, St. 3773, 
Handlung I.Juli, Beurkundung 4. Juli; 1186, St. 4469, Handlung Eusserthal, 
Beurkundung Hassloch; 1193, St. 4798, Handlung Salem, Beurkundung Mosbach. 

^ DK. II. 139: per haiic nostram imperialem kartam p)refato moiiastcrio 
tradendo confirmavimus ac corroboravimus et de nostro iure atqiie domiiiio in 
illius ius ac dominium omnino transfudimus. 

* Zusammengestellt bei Fickeb, BzU. 1, 114. 2, 485. Vgl. außerdem noch 
DK. II. 216, eine Schenkung an Klo.ster Limburg, vollzogen durch Tradition 
Konrads IL und seiner Gcmalilin {ego Citnradus uita cum Gisela impera- 
Irice coniufje nostra . . . tradidimus), also sicher nicht bloß durch Präzept 
des ersteren. 

* St. 2934: factum est in Ilalia Verone in monasterio S. Zeuonis; anno 
1096 data est Patavii. BF. 4361: acta sunt hec in campo apiid Ballemburg 
a. 1234; datum ajmd Ecrbipolim 15 kal. dec. ind. 8. 



Handlung und Beurkundung. Königlicfie Bestätigungsurkunden 73 



Fassen wir das Gesagte zusammen, so werden wir es als minde- 
stens zweifelhaft bezeichnen müssen, ob eine Investitur nur mit der 
vollzogenen Urkunde überhaupt so häutig vorgekommen ist, wie man 
neuerdings angenommen hat. Sicher ist, daß in zahlreichen Fällen 
eine vor der Beurkundung einer königlichen Schenkung erfolgte Tra- 
dition sich bestimmt erweisen läßt. Und wenn wir erwägen, daß die 
Yerhältuisse besonders günstig liegen müssen, damit wir von einer 
solchen überhaupt erfahren, so wird man gut tun, die Möglichkeit 
einer der Beurkundung vorangehenden Handlung immer im Auge zu 
behalten. 

Am wenigsten sollte man au sich eine von der Beurkundung ver- 
schiedene Handlung bei Bestätigungsurkunden voraussetzen. Wenn 
der König einen Tauschvertrag bestätigt, so geht zwar in der Regel 
die eigentliche Tauschhandlung der Beurkundung voran.^ Aber mit 
dieser Handlung hat der König in den meisten Fällen nichts zu tun.'^ 
Seine Tätigkeit tritt erst nach ihrer Vollziehung ein, indem er um 
Bestätigung des Tausches gebeten wird; und daß er diese in einem 
feierlichen Formalakt oder mit rechtskräftig wirkenden Worten erteilt 
habe, wird in den Urkunden nicht gesagt; diese enthalten vielmehr 
in der Eegel nur eine Bitte der Kontrahenten oder eines von ihnen 
um Genehmigung des Geschäftes durch Präzept, die dann durch den 
Befehl des Königs, es auszufertigen, erteilt wird; Handlung und Be- 
urkundungsbefehl scheinen also zusammenzufallen.^ Ganz ebenso 
scheint die Sache zu liegen, wenn der König um Bestätigung von 
Handlungen seiner Vorgänger ersucht wird, möge es sich dabei um 
Besitzstand, Immunität oder was sonst immer handeln. Die typische 
Form dieser Konfirmationsurkunden ist die, daß die Bitte um Be- 
stätigung referiert wird, die in den meisten Fällen unter Vorlegung 
der zu bestätigenden Urkunden vorgebraclit wurde, und daß dann die 



' Eine vorherige Einholung der königlichen Genehmigung zu einem erst 
abzuschließenden Tauschgeschäft kommt viel seltener vor. 

2 Nur selten tritt der König wie in Mühlbächer, Reg.* 1866 oder DH. I. 8 
auch bei solchem Tausch persönlich handelnd auf. 

3 Ein Beispiel von vielen. DO. I. 225 : Bischof Hartbert berichtet Otto I. 
einen mit Kloster Schwarzach abgeschlossenen Tausch noslnnn eftliujitans 
dominationem eiusdem commutationis factum nostrae auctoritatis scripto robo- 
randum. Quod quia commodum uirisque sanctis locis verad relatione nostrae 
serenitati innoiuit, ipsnis praefati episcopi pditionibus oftgensmn praebmies, iit 
eadem . . . commutatio . . . firnia ac incotnndsa . . . pcninnieat, tussimus inde 
hoc praesois praeceptum conscribi. — Ähnlich sind die Ausdrücke bei Bestäti- 
gungen andersartiger Rechtsgeschäfte zwischen Privaten. 



74 Handlung und Beurkundung. Königliche Bestätigung surkunden 

Gewährung iler Bitte durcli WiederlKjluug des dispositiven Teils der 
Vorurkimden oder auch in der Form des Beurkundungsbefehls aus- 
gesprochen wird. Eine davon verschiedene Handlung deutet der Wort- 
laut der Urkunden durchweg nicht an.^ Dennoch erfahren wir wieder- 
um in einzelnen Fällen, daß eine solche stattgefunden hat. Bisweilen 
hören wir auch hier von einem formellen symbolischen Akte, so wenn 
998 Otto III. dem Kloster S. Ambrogio zu Mailand alle seine Be- 
sitzungen durch invcstiiura per haculum bestätigt,^ oder wenn Fried- 
rich IL, als er von der Kirche von Casale um Bestätigung einer Ur- 
kunde seines Großvaters gebeten wird, dem Vertreter der Kirche die 
Investitur mit eben dieser Urkunde [per praedictum jjrivilegium am sui, 
quod in suis manibus tenebat) erteilt; in letzterem Falle wird ausdrück- 
lich gesagt, daß der Beurkundungsbefehl erst am folgenden Tage er- 
lassen ist.^ Etwas ähnliches wird in einem FaUe von 1026 anzu- 
nehmen sein; eine Urkunde Konrads IL für die Kanoniker von S. Vin- 
cenzo zu Bergamo, die im April oder Mai in Vescovera ausgestellt ist,* | 
bestätigt diesen ihre Besitzungen; die Bestätigung erfolgt ganz mit der 
üblichen Formel j9er hanc nostri praecepti paginam coyiß.rmamus et corro- 
horamus. Aus dem Eingang der L^rkunde aber erfahren wir, daß die 
Bitte in der Kathedrale von Bergamo, wo Konrad nur im März ge- 
wesen sein kann, vorgetragen worden ist; man kann doch füglich 
nicht bezweifeln, daß schon damals ihre Genehmigung und dement- 
sprechend irgend ein rechtlich wirksamer Formalakt erfolgt ist, wenn 
auch die Beurkundung sich um mehrere Wochen verzögerte. Nicht selten 
scheint ferner der Erteilung von Bestätigungsurkunden ein gericht- 
liches Verfahren vorangegangen zu sein. Daß ein solches stattfand, 



^ In mevovingisclier Zeit freilich reden die Urkunden bisweilen deutlicher. 
Man sehe z. B. DM. 11, wodurch Chlothar II. gewisse, dem Kloster St. Denis 
gemachte Schenkungen bestätigt. Das an Chrodcgarius adressierte Prazept 
berichtet die Konfirmationsbitte und verkündet, daß der König die Bitte er- 
füllt habe; allerdings wird dann mehrfach von Konfirmation durch das Präzept 
selbst gesprochen, aber es scheint doch, daß eine Handlung, worin sie aucli 
bestanden haben mag, der Beurkundung voraugegaugon ist. Sehr klar ist 
femer in dem Formular Marc. 1, 12 ausgesprochen, daß der König bei der 
Handlung, die er bestätigt, beteiligt war. 

* DO. III. 265. Die Urkunde ist außerhalb der Kanzlei geschrieben und 
vielleicht nicht einmal ordnungsmäßig vollzogen; aber die Tatsache ist gewiß 
richtig, und es ist charakteristisch, daß ein nicht der Kanzlei angehörender 
Schreiber sie erwähnt, während Kanzleinotare etwas derartiges nicht zu er- 
wähnen pflegen. 

'■" BüiiMEK, Acta S. 247; vgl. Ficker, Bzü. 1, 120f. 

♦ DK. II. 61. 



Handlung und Beurkundung. Königliche Bestätigung sur künden 75 



wo es sich uiu die Auerkennung- und Bestätigimg bestrittener Rechts- 
ansprüche liimdelt, liegt in der Xatur der Sache; gerade in solchen 
Fällen haben wir denn oft auch ausdrückliche Kenntnis davon, daß 
die Beurkundung erst auf die Handlung, d. h. die rechtskräftige Ent- 
scheidung des Streites folgte.^ Aber aucli in Fällen, wo wir von 
einem eigentlichen Kechtsstreit nichts vt^issen, ist bisweilen ein recht- 
liches Scheinverfahreu eingeleitet M^orden. Besonders ausführlich er- 
zählt wird das in einem Falle von 947.- In einer öfleiitlichen Sitzunt: 
des Reichshofgerichts zu Frankfurt unter dem Vorsitz Ottos I. er- 
scheint Erzbischof Rodbert von Trier, legt eine Inimuuitätsurkunde 
Ludwigs des Frommen vor und beantragt ihre Bestätigung. Nachdem 
die Urkunde verlesen ist, ergeht ein Rechtsspruch hoc ratum ac insu- 
luhile permanere; es kann kein Zweifel sein, daß damit eine nötigen- 
falls durch Gerichtszeugnis zu beweisende rechtskräftige Entscheidung 
erfolgt war. Erst später wenden sich die anwesenden Großen mit dem 
Erzbischof an den König und bitten um Beurkundung, die darauf ver- 
fügt wird. Ähnlich ist 950 dem Kloster Pfävers Wahlrecht und Im- 
munität auf Grund einer vorgelegten Urkunde Lothars nach Urteil 
und Rat der Fürsten ^ bestätigt worden; aus dem Diplom ist nicht zu 
ersehen, daß der Anspruch damals noch bestritten worden sei. Kon- 
rad m. hat es 1145 sogar geradezu als seineu Grundsatz aus- 
gesprochen, Bestätigungen alter Privilegien niemals ohne vorher- 
gegangenes Urteil des Hofgerichts zu erteilen;* er wird damit schwer- 
lich eine Neuerung eingeführt haben. Und ich halte es für sehr 
wahrscheinlich, daß mindestens da, wo in einer Privilegienbestätigung 
der Konsens der anwesenden Fürsten erwähnt wird,^ zumal wenn er 



1 Vgl. z. B. St. 3037. 3204. 3445. 3762. 

2 DO. I. 86. 

* DO. I. 120: Omnibus regni nostri 2)>'incipibus episeopts ahbatibiis coiul- 
tibus diiudicantihus atque nostre fidelitati consiiiuntibus. — Auch in dem Falle 
DO. I. 111 möchte ich doch ein untei- Otto I. wiederholtes gerichtliches Ver- 
fahren für keineswegs unwahrscheinlich halten. 

* St. 3503; der Bischof von Utrecht legt inslrutncnta prinlryioruii/ Hein- 
richs IV. und Heinrichs V. vor und bittet um ihre Bestätigung. Kt quuniaui 
benevolentia regalis nulli in iustitia sua deesse dcbet et nos sine iudiciario ordine 
nichil huiusmodi facere consuevimus, perlectis privilegüs, quid super fiac re 
nobis esset faciendum, iudicio principiDn a coinite Heinrico de Oeire scnicnlium 
exquisitimus. llle vero communicato tarn principwii quam aliorum pluri- 
morum nobilium consilio iudicavit, quod nos iure possemus et debereinus anii- 
qua privilcijia rcnovare et pristinas imperatorum donaliones iiostro privilefjio 
corroborare. 

* Vgl. z.B. DK. I. 3: communi consensu fiddium nostrurum ad placitum 
nostrum Ulmae habiium ex diversis muudi partibus colleclorum; DH. I. 9: 



70 Handlung und Beurkundung. Dispositive Fassung der Königsurkunden 

auf einem Reiclishoftage erteilt wurde, zumeist ein gerichtliches Schein- 
verfalirt'u stattfand; ist doch die Form des Gericlitsverfahrens wenig- 
stens in älterer Zeit fast die einzige, in der die Verhandlungen der 
Reichshoftage vor sich gehen. ^ 

Endlich ist noch zu erwähnen, daß in nianclien Fällen eine Be- 
stätigungshandlung von dem König durch in feierlicher Form erfolgte 
Verhängung des Bannes üher die Zuwiderhandelnden vollzogen wurden 
ist Allerdings ist ein derartiges Verfahren bisher nur für das 11. und 
12. Jahrhundert nachweisbar gewesen. - 

Als Ergebnis dieser Zusammenstellungen wird festzuhalten sein, 
daß !)ei keiner Gattung von Königsurkuuden der älteren Zeit, die Man- 
date allein ausgenommen, eine der Beurkundung vorangehende Hand- 
lung ausgeschlossen ist und daß eine solche bei vielen Arten von Diplomen 
mit Sicherheit oder mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden 
kann. Dennoch ist es keine bloße Form, wenn die Fassung der Di- 
plome sie durchaus als dispositive Urkunden^ erscheinen läßt. Ganz 
abgesehen nämlich davon, daß die höhere Beweiskraft der Königs- 
urkunde die Bedeutung der Handlung hinter dem Werte, den die Be- 
urkundung für den Empfänger hatte, zurücktreten ließ,* ist der Erlaß 
einer Köuigsurkunde selbst in vielen Fällen gleichsam als eine Wieder- 
holung der ersten Handlung aufzufassen.^ Das wird bisweilen aus- 
drücklich ausgesprochen. Konrad IL hatte vor seiner Wahl der Kirche 



quod et complacuit nohis simulque omnium fidelium nostrorum eonsulhii; DO. 
I. 316; DK." II. 206. 

' Vgl. GuBA. Der deutsehe ßeichstag in den Jahren 911 — 1125 S. 63ff.; 
Wacker, Der Reichstag unter den Hoheustaufen S. 50 ff.; Ehrenberg, Dei- 
deutsche Reichstag in den Jahren 1273 — 1358 S. 57ff. 

* Vgl. FiCKER, BzU. 1, 122 f. und über den Zusainmenhang zwischen Bann 
und Besiegelung in Bischofsurkunden Bd. 1, 711 f. — Ähnlich wie am Königs- 
hofe werden Bestätigungsurkunden auch an Bischofshöfeu behandelt. Vgl. ?.. B, 
ÜB. Straßburg 1, 78 n. 97; das Thomasstift in Straßburg erwirkt 1145 von 
dem Bischof die Bestätigung der Urkunde eines seiner Vorgänger: predicti 
fratres Privilegium traditionis istius in universali nostra synodo producentcs 
recitaverunt, et ab omnihus iudicatum est ... nostra qnoque auctoritate et banno 
debere roborari. Ego igitur Biirchardus . . . episcopus usw. — Von Interesse für 
diesen Punkt ist auch St. 3761. Friedrich I, bestätigt dem Erzbischof von 
Trier das Kloster St. Maximin: per advocatum nostrum S. comitem de Sare- 
bruggcn^ quem ad hocfaciendum elegimus, confirniamus . . . et super a IIa re beati 
Petri p07iimus. Daß die Konfirmation in einem Formalakt bestand, ist hier 
zweifellos. 

^ Vgl. Bd. 1, 52 ff. 

" Vgl. Redlich, MIÜG. 6, 12. 

* Vgl. Redlich a. a. 0. 



Handlung und Beurkundung. Disposifire Fassung der Kiviigsurkunden 77 



von Speier die Schenkimg eines Gutes gelobt.^ Nach der Wahl tra- 
dierte er zugleich mit seiner Gemahlin das Gut am Altar des Speierer 
Domes und ließ dann darüber eine Urkunde ausstellen, in der es heißt : 
una cum manu . . . Gisele videlicct regine . . . nostri iuris pj'edium . . . ad 
Spirensis episcopii altare tradidimus atque in perkennem fratrum ihidctii 
deo servientinm alimoniam itermn ex novo iransfundimus et per huius 
. . . precepti liUeras . . . denuo siabilimus et conßrmamvs. Die Tradi- 
tion am Altare und die Wiederholung der Schenkung durch die Ur- 
kunde werden hier sehr deutlich auseinander gehalten.^ Ein anderes 
{Beispiel ist das folgende. Am 1. Juli 1157 hat Friedrich I. dem 
Bistum Passau eine Besitzung auf Grund eines gerichtlichen Urteils 
zurückgegeben. In der am 4. Juli, ausgestellten Urkunde^ darüber 
wird gesagt: nc vcro huius rei in posterum aliqua fiat dubietas vel con- 
trariandi facultas, nos . . . villam 31. . . . ei et aecclcsiae suae restitucndo 
confirmamus decernentes usw. In anderen sehr zahlreichen Fällen er- 
hält das Diplom, auch wenn eine Handlung der Beurkundung voran- 
gegangen ist, insofern eine dispositive Bedeutung, als es eine Ver- 
letzung der königlichen Verfügung verbietet und dadurch, mag nun 
eine Strafandrohung ausdrücklich hinzugefügt sein oder nicht, unter 
Strafe stellt. Endlich aber enthält jede Königsurkunde, wie schon die 
Korroborationsformeln besagen, nicht bloß eine Bezeugung, sondern 
auch eine Bestätigung der vorangehenden Handlung und ist auch in- 
sofern dispositiver Natur."* Dessen ungeachtet ist es für uns von Be- 
deutung, daß, wie wir festgestellt haben, bei allen Königsurkunden 
mit der Möglichkeit einer der Beurkundung vorangegangenen Hand- 



i DK. II. 4. 

2 Daß solche Wiederholung einer Rechtshandlung auch sonst sehr häufig 
vorkommt, ist bekannt. Ich führe von den zahlreichen, die sich beibringen 
ließen, nur ein besonderes charakteristisches Beispiel an. Im Jahre 1151 be- 
urkundet Bischof Ulrich von Halberstadt einen von ihm vollzogenen Tausch. 
In der Urkunde (ÜB. Bistum Halberstadt 1, 202 n. 236) sagt er: hanc autem 
commutationem, ut nulla molestia seqtieretur, iure poli et iure fori sepe Heran, 
sepe flrmari fecimus. Und nun folgen Angaben über fünf Wiederholungs- 
und Bcstätigungshandlungen , drei, wie es scheint, im Grafengericht an ver- 
schiedenen Orten, zwei in der bischöflichen Synode. Bei der zweiten heißt 
es: eadevi actio iterata et eonfirmata est; bei der dritten: eandcm aetionem 
renovantes confirmaverunt. 

3 St. 3773. 

* Zu beachten ist auch, was Beünnek, Rechtsgesch. V, 566 N. 12, mit 
Recht geltend macht, daß gewisse rechtliche Dispositionen, wie der Freiheit.s- 
bann im praeceptian denariale oder der Friedensbann und die Reklamations- 
klausel, erst in den Urkunden an die früher vollzogene Handlung, den Schatz- 
wurf oder die Kommendation, angeknüpft werden. 

■ 



78 Handlung und Beurkundung. SpätmiltelaUerliche König surkunden 

hing gerechnet werden muß. Denn daraus folgt, daß wir nicht ohne 
weiteres berechtigt sind, die in einer Urkunde begegnenden Zeit- und 
Ortsangaben der Datierung auf die Beurkundung zu beziehen, sondern 
daß es einer besonderen Erwägung und Feststellung bedarf, ob sie 
auf die Handlung oder auf die Beurkundung zu beziehen sind. Wir 
werden darauf in einem späteren Abschnitt zurückzukommen haben. 
Hier aber haben wir noch hervorzuheben, daß es mit den be- 
sprochenen Verliältnissen im späteren Mittelalter doch wesentlich anders 
steht. Bei gewissen Arten von Kechtsgeschäften zwar bleibt das Er- 
fordernis eines Formalaktes immer bestehen; insbesondere hat man bei 
Belf^bnungen jeder Art an der körperlichen und persönlichen In- 
vestitur als Regel festgehalten. Ebenso wird bei Verträgen zumeist 
irgend eine Handlung die Herstellung der für den Abschluß erforder- 
lichen Willensübereinstimmung der Kontrahenten bezeichnet haben. 
Ferner kann es nicht bezweifelt werden, daß auch noch im späteren 
Mittelalter eine im Gericht getroffene Entscheidung des Königs ohne 
weiteres Kecht schuf, also als eine von der Beurkundung zu trennende 
Handlung anzusehen ist. Endlich will ich nicht in Abrede stellen, 
daß auch sonst noch bei gewissen besonderen Gelegenheiten, etwa 
während der Krönungsfeierlichkeiten eines Königs, Geschäfte durch eine 
solenne Handlung vollzogen wurden, die man unter gewöhnlichen 
Verhältnissen ohne eine solche zu erledigen pflegte.^ Aber der un- 



* Auf die zahlreichen vom Krönungstage datierten Urkunden des späteren 
Mittelalters hat Ficker an verschiedenen Stellen seines Werkes (BzU. § 108. 
110. 112. 448) nachdrücklich aufmerksam gemacht. Gewiß hat er darin Recht, 
daß so zahlreiche Urkunden unmöglich an demselben Tage ausgefertigt sein 
können; er neigt zu der Annahme, daß hier am Krönungstage selbst vollzogene, 
aber erst später beurkundete Handlungen vorlägen. Und angesichts der Tat- 
sache, daß in mehreren Privilegien Karls IV. für Nürnberg, Hüber 2025. 2027 ft', 
ausdrücklich gesagt wird, der Kaiser habe in der Peterskirche während der 
Krönungsmesse die Gnade gewährt oder die Bestätigung vollzogen, ist die 
Möglichkeit, daß gelegentlich so verfahren sei, nicht in Abrede zu stellen. 
Aber bedenklich muß schcm das machen, daß die Zahl der vom Krönungstage 
datierten Urkunden oft so gi-oß ist, daß es schwer fällt, auch nur so viele 
Handinngen des Königs oder Kaisers an diesem Tage anzunehmen. Und über- 
wiegend scheint mir ein anderes Verhältnis vorzidiegen. Bis auf die Zeit 
Karls IV. sind die zahlreichen von dem neuen König vorgenommenen Bestäti- 
gungs- und Verleihungsurkunden in der Mehrzahl nicht vom Krönungstage, 
sondern erst von den nächsten Tagen ihrer wirklichen Beurkundung datiert. 
Da es nun in keiner Weise befremden kann, daß gerade in den ersten Tagen 
einer neuen Regierung zahlreiche Gesuche um Privilegienbestätigung und Ver- 
leihungen vorgetragen und erfüllt wurden, so sehe ich keine Veranlassung, 
<labei an Handlungen gerade des Krönungstages zu denken. Wenn aber 



Handlung und Beurkundung. SpütmiUelalierliclie Königsurkunden 79 

geheuren Masse von Königsurkunden gegenüber, die uns aus den 
beiden letzten Jalirhunderten des Mittelalters erhalten sind, bilden die, 
welche unter einen der zuletzt erwähnten Gesichtspunkte fallen, doch 
nur eine verhältnismäßig kleine Minderzahl: in der überwiegend großen 
Mehrzahl der Fälle haben wir keine Veranlassung, eine dem Be- 
urkuudungsbefehl vorangehende formale Handlung des Königs anzu- 
jiehmen.^ Und das wenige, was wir von dem Geschäftsgang in der 
Kanzlei während dieser Periode wissen, läßt für eine solche Handlung 
kaum einen Platz. In den sizilianischen Kanzleiordnungen Friedrichs IL 
von 1244- ist nirgends von einer solchen die Rede. Die Urkunden 
<les 14. Jahrhunderts berichten wohl den Beurkuudungsbefehl, geben 
auch in ihren Fertigungsformeln Aufschlüsse über die ihm voran- 
gegangenen Verhandlungen, aber eine Handlung in dem früher be- 
sprochenen Sinne erwähnen sie so wenig in diesen Formeln, wie sie 
€iner solchen, von den oben aufgezählten besonderen Urkundenarten 
abgesehen, im Text gedenken. Und auch die oft recht ausführlichen 
Nachrichten, die wir in der Korrespondenz städtischer Botschafter oder 
in den Städtechroniken über die der Erlangung einer Urkunde vorau- 



soit Karl W. Datierung vom Krönungstage selbst üblich wird, so kann ich 
dies nur als willkürliche Rückdatierung betrachten. In gewisser Beziehung 
war eine solche geradezu erforderlich. Wenn die Goldene Bulle (ed. Zeumer 
S. 16) vorschreibt, daß der HeiTScher nach seiner Wahl vor Erledigung irgend 
eines anderen Geschäfts den Kurfürsten ihre Privilegien urkundlich bestätigen 
und dies nach der Kaiserkrönung wiederholen müsse, so war diese Bestim- 
mung gar nicht anders zu erfüllen, als indem man die bezüglichen Urkunden, 
bis zu deren Fertigstellung unmöglich alle Geschäfte ruhen konnten, vom 
Krönungstage datierte. Und es erscheint mir ebenso glaublich, daß Karl IV., 
der diese Bestimmung erließ, schon bei seiner Königskrönung vor dem Erlaß 
der Goldenen Bulle dementsprechend verfahren ist, wie es begi*eiflich ist, 
daß die Kanzlei, was so den Kurfürsten gegenüber geschah, auch auf andere 
Verleihungen der ersten Regierungstage ausdehnte. 

* Wenn Ficker, Huber, Lindner und andere auch in dieser Zeit noch 
Handlung und Beurkundung unterscheiden, so geschieht das vorzugsweise, 
um gewisse kleine Verschiebungen des Itinerars zu erklären. Aber da es sich 
hier meist um ganz geringfügige Differenzen handelt, reicht für diese Erklä- 
rung die Berücksichtigung der verschiedenen Stufen des Beurkundungs- 
geschäfts, das von dem Befehl des Königs bis zur Aushändigung an den Em- 
pfänger jetzt zweifellos durchweg mehrere Tage in Anspruch nahm, vollkommen 
aus. Gröbere Widersprüche der Zeit- und Ortsangaben aber können auch 
anderweit, durch Ausstellung seitens eines Vertreters des Herrschers, durcli 
willkürliche Vor- oder Rückdatierung usw., worauf wir noch zurückkommen, 
erklärt werden, 

» Vgl. Bd. 1, 579. 



80 Handlung utid Beurkundung. Fapsiurkunden 

«rehenden Verhandlungen hesitzen, lassen nirgends, soviel ich sehe, 
auf die Vollziehung einer formalen Handlung durch den König 
schließen.^ Und so wird denn die diplomatische Kritik von der Rück- 
sichtnahme auf eine solclie für diese späteren Jahrhunderte in der 
Kegel abzusehen haben. 

Zweifellos dasselbe gilt in bezug auf die meisten Urkunden der 
Päpste, hier aber auch schon für das frühere Mittelalter. Regel- 
mäßig freilich werden wir bei den aus der päpstlichen Kanzlei her- 
vorgegangenen Schriftstücken, die sich auf Urteilssprüche infolge ge- 
richtlicher Verhandhingen oder auf die Beschlüsse synodaler Ver- 
sannnlungen beziehen ^ und sie publizieren, sowie bei den Verträgen 
und bei privatrechtlichen Verfügungen der Päpste über Kirchengut, 
endlich auch bei Ernennungen von päi^stlichen Beamten von einer 
Handlung vor der Beurkundung reden dürfen. Und bei solchen Ver- 
fügungen und Erneunungen sowie wenn die Päpste Streitfragen über die 
Unterordnung einer Kirche unter eine andere oder über die Zugehörig- 
keit bestimmter Gebietsteile zu einer oder zu einer anderen Diözese 
entschieden, haben sie auch wohl eine förmliche, symbolische Investitur- 
handlung vorgenommen.^ Aber abgesehen davon ist dem Beurkuu- 
dungsbefehl des Papstes eine rechtsförmliche Handlung in der Regel 
gewiß nicht vorangegangen; vielmehr wurde regelmäßig erst durch 
diesen Befehl und die darauf folgende Ausstellung der Urkunde das 
Recht geschaffen, das in ihr verbrieft ist. Und es entspricht diesem 
Verhältnis durchaus, daß wir, von den eben erwähnten Urkunden- 
arten abgesehen, in den Privilegien und Briefen, in den Bullen und 



* Vgl. z. B. Janssen, Frankfurts ReichskoiTCspondenz 1, n. 725. 727. 

- Diesen reihen sich die Urkunden über die in feierlicher Form ver- 
hängte Exkommunikationen an, die freilich fast durchweg auf synodalen Ver- 
sammlungen erfolgt sind. — Aus späterer Zeit bietet ein interessantes Bei- 
spiel analoger Art die Widernifsurkunde der Verfügungen Coelestins V. durch 
Bonifaz VIII., Reg. de Bonif. VIII. n. 770. Der Papst hatte den Widerruf 
mündlich bereits am 27. Dez. 1294 in Neapel ausgesprochen, beurkundet ihn 
dann in Rom am 8. April 1295 und gibt dieser Urkunde rückwirkende Kraft 
bis zum 27. Dez. des \'orjahres. 

^ So hat z. B. ein Bischof von Siena ex apostolica manu Nikolaus' II. die 
Investitur mit gewissen zwischen ihm und dem Bischof von Arezzo strittigen 
Kirchen erhalten, und ebenso hat Calixt II. einen anderen Bischof von Siena 
mit denselben Kirchen per camhuttavi »ostram investiert, Pasqui, CD. Aretino 
1, 265 n. 186; 432 n. 318. Ebenso erfolgt bei der Unterordnung der bretoni- 
schen Bischöfe unter den Erzbischof von Tours durch Lucius II. im Jahre 
1144 eine Investitur per haculum, Jaff^-L. 8609, A'gl. Nouveau traite de diplo- 
matique 4, 470 und dazu Tangl, Festschrift für Brünner S. 767. 



Handlung und Beurkundung. Privaturkunden 81 



Breven der Päpste wohl der Formel scriptum und datum, aber nicht 
der Formel actum begegnen.^ 

Wenden wir uns endlich der großen Masse der niclit königlichen 
oder päpstlichen Urkunden (den Privaturkunden) zu, welche die 
Form der cartae haben,- so haben wir hier zwischen Italien und 
Deutschland zu unterscheiden. In beiden Ländern scheiden aber von 
der hier anzustellenden Betrachtung die Urkunden geistlicher Würden- 
träger, soweit sie lediglich auf Grund ihrer kirchlichen Jurisdiktions- 
gewalt ausgestellt sind und Fragen des weltlichen Rechts nicht be- 
treffen, aus. Sie verhalten sich den Papsturkunden durchaus analog 
und kennen eine von der Beurkundung getrennte Handlung in der 
Regel ebensowenig wie diese. Des ferneren nehmen in Italien die 
Urkunden der langobardischen Herzoge von Spoleto und Benevent, 
sowie der späteren Fürsten von Benevent, Capua, Salernu usw. eine 
besondere Stellung ein, die derjenigen der langobardischen Königs- 
urkunden auch in bezug auf die uns eben beschäftigende Frage ent- 
spricht. Dagegen haben sich im oberen und mittleren Italien beson- 
dere Formen für fürstliche Urkunden erst sehr spät herausgebildet; 
auch die Markgrafen und Grafen, sowie die Erzbischöfe und Bischöfe 
dieser Gegenden bedienen sich bis ins 14. Jahrhundert zumeist der 
gewöhnhchen Notariatsurkunden.^ 

Über die rechtliche Funktion dieser von italienischen Notaren 
ausgestellten cartae ist neuerdings in Italien wie in Deutschland leb- 
haft diskutiert worden, und Ansichten, die fast allgemein angenommeu 
und zur herrschenden Lehre geworden waren, sind dabei bestritten 
oder in Zweifel gezogen worden.* Für die Urkundenlehre ist es nicht 



^ Daß in Jaffe-L. 3731 die Forrnel actum per mamwi Stephani scrini- 
urii et bibliothecarii (die Ficker, BzU. 1, 65, als sehr ins Gewicht fallend 
bezeichnet) ganz verderbt ist, hat schon Lüwenfeld mit Recht bemerkt. Es 
kann daran gar kein Zweifel sein, da Stephan nicht bibllothecarius war; iiiid 
unter diesen Umständen hat auch das einleitende Wort keine Gewähr. 

2 Über nntitiae s. oben S. 64. Ihnen stehen nach dem Abkommen der 
Urkundeutradition im Zeitalter der Imbreviatur (s. unten) auch die Instrumente 
gleich, die noch die Form der carta behalten. 

^ Doch kommen Ausnahmen vor. So haben im 11. Jahrhundert die Mark- 
grafen von Tuscien aus dem Hause Canossa bisweilen in Formen geurkundet, 
die denen der königlichen Kanzlei nachgebildet sind. Ähnliches findet sicli 
auch bei den Markgrafen von Turin aus dem Hause Savoyen, und das gleiche 
gilt von den Urkunden der Reichsbeamten , die in staufischer Zeit in Italien 
fungierten. Doch haben solche Ausnahmen, auf die wir noch zurückkommen, 
die allgemeine Entwicklung der italienischen Privaturkunden nicht beeinflußt. 

* Die herrschende Lehre geht zurück auf die Ausführungen von Brunneu, 
ZK. S. 90 ff.; 94 ff.; 305 ff. Die neuerdings dagegen laut gewordene Opposition 
Breßlau, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. 6 



M llaudlung und Beurkundung. Italienische Notariatsurkunden 



erforderlich, auf alle jnrisiischen Fragen, die in diesen Diskussionen zur 
Sprache gebracht worden sind, einzugehen;^ für sie kommt es, zumal 
iu dem Zusammenhange unserer jetzigen Erörterungen, nur darauf an, 
festzustellen, ob die carta nur ein Beweismittel über eine vorher voll- 



v«in juristischer Seite ist ausgegangen von der Frage nach der Bedeutung der 
in mittelalterlichen Urkunden begegnenden Inhaberklauseln; in Italien ist ihr 
Ilauptvertreter Brandileone, der sich zunächst in einer Reihe von Aufsätzen 
über dictfo Klauseln selbst ausgesprochen und dann in einer Abhandlung: 
(>rigine c significato della traditio chartae (Atti dell'Accademia di Torino 42, 
339 fif.) das Fundament der Lehre Brunners angegriffen hat. Seine Ausfüh- 
rangcn sind eingehend untersucht und abgebhnt von Arias, II valore della 
traditio chartae nei documenti inedievali italiani (Rivista italiana per le scienze 
giuridiche 44, 293 0".). Von anderem Gesichtspunkt aus hat Gaudenzi (Atti del 
congresso storico internazionale di Roma 9 (1904), 4l9ff. und Arch. stör. Italiano 
Ser. 5, Bd. 41, 257ff.) einen Teil der Lehre Buunners bekämpft; vgl. gegen ihn 
meine Bemerkung XA. 35, 311 n. 140; Brunner, RG. 1*, 571 N. 30, und Kern, 
Dorsualkonzcpt und Imbreviatur (Stuttgart 1906) S. 30ff. An Gaudenzi hat 
sich in wesentlichen Beziehungen Pitzorno in den Bd. 1, 92 N. 3 erwähnten 
Abhandlungen angeschlossen; vgl. gegen diesen die schlagende Widerlegung 
ScHUPFERS (Rivista italiana per k scieuze giuridiche 48, Iff.); auch Schüpfers 
Aufsätze gegen Besta und Braxdileone, ebenda 42, 81 ff. und 42, 175 ff. ver- 
dienen Beachtung. — Im wesentlichen auf dem Standpunkte Brunners, doch 
mit gewissen Modifikationen, die zum Teil mit den oben in meinem Text ge- 
gebenen Ausführungen übereinstimmen, steht die schöne Abhandlung von 
G. Ferrari, I documenti greei medioevali (Byzantinisches Archiv 4, Leipzig 
1910), neben der die Aufsätze desselben Verfassers in den Atti del R. Istituto 
Veneto 69 (1910), 743ff. 1195ff. anzuführen sind. Zu der ersteren Abhandlung 
vgl. man die Besprechungen von Wenoer, Bjzantin. Zeitschr. 20, 242 ff. und von 
Rabel, Zeitschr. für Rechtsgesch. 44 (Rom. 31), 472 ff. — In Deutschland ist als 
Brunners Hauptgegner C. Freündt in dem Bd. 1, 739 f. erwähnten Werk 
aufgetreten: vgl. dazu die eingehende, größtenteils ablehnende Besprechung 
von Ferrari, Byzantin. Zeitschr. 20, 532 ff". Etwas entgegenkommender verhält 
sich zu ihm die Anzeige von F. Philippi, GGA. 1912 S. 138ff. — Beachtenswert 
für die in Freündt s Untersuchungen eine bedeutende Rolle spielende Frage 
nach dem Zusammenhange der ravennatischen Urkunden mit den graeco- 
ägyptischen sind die an Brunners Anschauungen anknüpfenden Erörterungen 
von KiRCiiER, Zeitschr. für Rechtsgesch. 45 (Rom. 32), lOOff. 

' So ist es z. B. juristisch gewiß von Interesse, für die Urkundcnlehre 
aber völlig iiTclevant, ob, wie Freündt 1, 156 ff. ausführt, zum Übergang des 
Eigentums an einem durch carta veräußerten Grundstück nach der Tradition 
der Urkunde noch ein lediglich vom Empfänger zu vollziehender Akt der 
wirklichen Besitzergreifung notwendig war, oder nicht. Denn dabei handelt 
es sich nicht mehr um eine Handlung des Ausstellers der Urkunde: dieser hat 
alles, was ihm zu tun oblag, mit der traditio cartae, in der er ausdrücklich 
oder stillschweigend die Ermächtigung zu einer solchen Besitzergreifung gab, 
und mit der darauf folgenden Firmierung der Reinschrift (s. unten S. 84 N. 2) 
getan. 



Handlung und Beurkundung. Italienische Notar iatsurkunden 83 



zogene Rechtsliaudlung war, oder ob durch ihre Begehimg seihst die 
reehtsföimliche Handlung vollzogen wurde, für die sie später als Be- 
weismittel dienen sollte. 

Bei der Ausstellung der italienischen Xotariats-Carta (mochte sie 
die Veräußerung von Grundeigentum oder ein anderes Rechtsgeschäft 
betreffen) war nun der Hergang dieser. Der Aussteller der Urkunde 
übergab in Gegenwart von dazu geladenen Zeugen das Urkunden- 
pergament dem Empfänger und gleichzeitig dem Notar, dem er dabei 
den Auftrag erteilte, die Urkunde, deren Inhalt vorher vereinbart oder 
festgestellt war, zu schreiben. Dieser Auftrag mag allerdings häufig 
nur fiktiv gewesen sein, insofern als der Notar die nach den Angaben 
des Ausstellers abgefiißte Urkunde schon vorher bis auf das Eschato- 
koll fertig gestellt hatte, so daß sich an ihre Übergabe sofort nicht 
nur die Firmierung durch die Zeugen, sondern auch die Vollziehung 
durch den Notar anschließen konnte.^ In jedem Falle aber war die 
entscheidende Rechtshandlung die Übergabe der Urkunde [traditio 
cartae). Und zwar, was besonders zu betonen ist, die doppelte Über- 
gabe: zugleich an den Empfänger der Urkunde und an den Notar.^ 
Denn auch die Übergabe an den Notar war eine rechtsförmliche 
Handlung und hatte rechtliche Wirkungen.-"^ Durch den damit er- 
teilten Urkundungsauftrag erhielt der Empfänger der Urkunde einen 
für den Aussteller unwiderruflichen und für den Notar bindenden 



* Daß dies aber nicht immer der Fall war, gibt Bronner, RG. 1'-, 572 
N. 32, im Anschluß an eine Bemerkung in der ersten Auflage dieses Werkes 
zu. Anderer Meinung ist Kern a. a. O. S. 38 N. 1. 

* Man sieht, daß meine Auffassung hier von der Hrcxners, ZR. S. 99, 
abweicht, der nur die Tradition der carta an den Empfänger als die das 
Rechtsgeschäft perfizierende Handlung ansieht und allem, was auf diese Tradi- 
tion folgt, nur den Zweck beimißt, aus dem Perfektionsmittel zugleich ein Be- 
weismittel des Vertrages zu machen. Dagegen bin ich der Ansicht, daß zur 
Perfektion des Vertrages auch der bindende JJeurkundungsauftrag an den Notar 
erforderlich ist. Denn erst dadurch erhält der Empfänger die Sicherheit, daß 
das ihm übergebene Pergamentblatt wirklich eine carta wird und daß also 
die im Cartularium Langobardicum (MG. LL. 4, 595) an die Spitze gestellte 
Formel trade per hane pergaritenam cartam den Tatsachen entspricht. 

* Sonst würde sie nicht in die Formel des Cartularium Langobardicum 
ganz in derselben "Weise wie die Tradition an den Empfänger aufgenommen 
sein: trade ei ad proprium et huie notario ad scribendum. Auch der Umstand, 
daß bei der levatio cartae das Tintenfaß auf das Pergament gesetzt wird und 
zugleich damit bei der Veräußerung eines Grundstückes noch andere Gegen- 
stände (Messer, Festuca, Handschuh usw., s. unten), die dem Erwerber gelten, 
wie das Tintenfaß dem Notar, zeigt, daß beide Traditionen als Handlungen 
aufgefaßt werden, durch die der Handelnde mit rechtlicher Wirkung ge- 
bunden wird; vgl. auch Philippi, GGA. 1912 S. 138 f. 

6* 



.s4 IhnullHwj und Pntrkimdung. Italienische Notariatsurkunden 



Kechtsimspnich darauf, daß ihm der letztere eine Urkunde des vorher 
festgestellten und von den Zeugen sowie von dem Aussteller aner- 
kannten Inhalts ausliefern mußte. ^ Einer anderen rechtsförmlichen 
Handlung des Ausstellers der Urkunde als dieser doppelten Begebung 
der Carla bedurfte es für die Perfektion des Rechtsgeschäftes nicht,^ 
und es liegt deshalb kein Anlaß vor, bei der von einem italienischen 
Notar ausgestellten carta zwischen Handlung und Beurkundung einen 
zeitlichen Unterschied anzunehmen.^ 



* Vgl. Cap. Loth. 102(MG. LL. 4, 558): de notariis, qui cartulas recipiunt 
ad scribendu7n, si eas non scripserint aut si eas perdiderint, restaurent ipsas res, 
ciii tpsae cartulae esse debent. Et si negaverinty quod ipsae cartae eis iraditae 
non fuissent, iurent cum suis sacrameiitaUbia^. 

- Daher darf deim auch aus dem Umstand, daß bei der traditio cartae 
nicht die fertige, sondern eine noch unvoUzogene, also nicht rechtskräftige Ur- 
kunde oder sogar ein unbeschriebenes Pergamentblatt übergeben wurde, die 
Niederschrift oder Vollziehung aber erst später erfolgte, nicht gefolgert werden, 
die carta sei trotz ihrer dispositiven Fassung nichts weiter als eine IJeweis- 
urkunde über die vorher vollzogene rechtskräftige Handlung. Denn die Hand- 
lung und der Anfang der Beurkundung (der Beurkundungsauftrag) fielen zu- 
sammen; und der Inhalt der Urkunde stand, schon ehe sie geschrieben war, 
in einer den Aussteller bindenden und dem Empfänger sein Recht aus der Ur- 
kunde sichei'uden Weise fest. Allerdings wurde in Italien in älterer Zeit die 
Reinschrift der Urkunde dem Aussteller noch einmal vorgelegt oder vorgelesen, 
worauf er sie unterzeichnete oder durch Ilandaufleguug firmierte (s. unten). 
Dadurch hatte er die Möglichkeit einer Prüfung, ob die Reinschrift dem Beur- 
kundungsauftrag entsprach. Aber zur Perfektion des Rechtsgeschäftes war diese 
Formalität nicht erforderlich, sondern nur zur Perfektion der Urkunde, inso- 
fern sie zugleich Beweismittel war. Und sie ist denn auch allmählich bedeu- 
tungslos geworden, zuletzt aber ganz fortgefallen. 

' Nach diesen Auseinandersetzungen ist es vom Standpunkt der Urkunden- 
lehre aus nicht erforderlich, auf alle von Freüxdt aufgeworfenen Fragen aus- 
führlicher einzugehen, und nur einige Punkte mögen noch kurz besprochen 
werden. Es ist unbestritten, daß in Italien wie in Deutschland Rechtsgeschäfte, 
die in der Regel durch traditio cartae vorgenommen wurden, z. B. die Veräuße- 
rung von Grundbesitz, auch ohne carta vollzogen werden konnten. Bisweilen 
ist dann später, um dem Erwerber einen Rechtstitel zu verschaffen, eine carta 
nachträglich ausgestellt worden, und auf den Umstand, daß diese cartae ähn- 
liche Formeln aufweisen, wie sie bei der Vollziehung eines Rechtsgeschäfts 
durch traditio cartae vorkommen, legt Frecndt S. 134 ff. Gewicht. Aber es ist 
hier eben einfach durch die Ausstellung der Urkunde (ebenso wie in den oben 
8. 76f. besprochenen Fällen) eine Wiederholung der Handlung anzunehmen, wie das 
in einem der von Fbeündt angeführten Fälle (S. 135 N.2: ante kos annos... offcrui et 
confirmavi ... proinde per hanc cartulam ... iterum offcro), bei dem es sich darum 
handelt, daß die vor mehreren .Jahren ausgestellte I^rkunde verloren war, deutlich 
ausgesprochen wird; Fkecxuts Auslegung der entscheidenden Worte iterum offcro 
tut ihnen offenbar Gewalt an. Ebenso gewaltsam und unhaltbar ist es, wenn 



Handlung und Beurkundung. Deutsche Privalurkunden 85 



Auch im deutschen Rechte hatte die Begchimg der Urkunde die- 
selbe Bedeutung, die für das hmgobardische Recht angenommen 
werden muß, doch vollzog sich hier die traditio cartae unter etwas 
anderen Formen, die uns besonders deutlich bei den auf italienischem 
Boden angesiedelten Deutschen entgegentreten. Wenn der Aussteller 
einer carta nach deutschem Rechte ^ lebte, so verband man mit der 
Übergabe des Urkundenpergaments in eigentümlicher Weise die Hin- 
gabe von Symbolen, welche dem dadurch geschaffenen Rechtsverhältnis 
entsprachen.^ Um die den Aussteller bindende Ermächtigung des 



Freundt immer wieder (vgl. S. 23. 144. 203) behauptet, daß in den Wondungen 
tradü^ douo usw. j^er hanc cartam das per niclit anders als das griechische x«r« 
oder das lateinische seciindum aufzufassen sei. Ob dies jjer ursprünglich als eine 
Übersetzung von -/jith entstanden ist oder nicht (vgl. Fbeundt S. 23 f.), ist eine 
Frage, die hier nicht erörtert zu werden braucht. Daß es aber im eigentlichen 
Mittelalter nicht mit ,, gemäß'', sondern mit „durch" gleichbedeutend gebraucht 
ist und nur so verstanden werden kann, ist völlig zweifellos und bedarf fin- 
den Kenner des mittelalterlichen Latein kaum eines Beweises, Hier sei nur 
darauf hingewiesen, daß z. B. in den italienischen Königsurkunden die Aus- 
drücke ])er hoc noatrum preceptum donamus und hoc nostro praeccpto dona7ni(a 
ganz in der gleichen Weise gebraucht werden, daß die Bedeutung des tradere 
per schon aus der oben (S. 83 X. 2) angeführten Formel des Cartulariuni Lango- 
bardicum trade per haue perijamenani cartam, die Freündt 1, 203 ganz will- 
kürlich in der Übersetzung seiner Auffassung anpaßt, nüt völliger Klarheit er- 
hellt, und daß auch Wendungen wie z. B. die einer Urkunde aus Faenza von 
883 (Arch. paleograf. italiano 1, Taf. 15): habeatis licentiam per hunc nostrum 
scriptum . . . introire et ingredere in is omnibus rebus . . . tamquavi j^er legi- 
timam et corporalem traditionem, oder die einer Urkunde aus Parma von 884 
(Affö 1, 304 n. 28): dono trado . . . per haue cartola donacionis seil per 
fistucum atqt(e per godelaicum an der Bedeutung von jyer = durch gar 
keinen Zweifel lassen. — Richtig scheint allerdings zu sein, daß in Süd- 
italien, spezieller gesagt im Salernitanischen Gebiet, woher fast ausschließlich 
Freündt 1, 130ff. die vou ihm angeführten Beispiele nimmt, seit dem 9. Jahr- 
hundert Urkunden, die als hreve oder memoratorium bezeichnet werden, in ge- 
wissen Fällen die gleiche juriritische Funktion gehabt haben wie die carta. 
Die Sache ist merkwürdig genug und verdient noch genauer untersucht zu 
werden; aber, soviel man sehen kann, beschränkt sie sich im wesentlichen auf 
diesen kleinen Bereich und vielleicht ist sie nur durch die bekanntlich um 
jene Zeit auch anderswo auftretende Ei'scheinung, daß die Unterschiede zwischen 
carta und notitia sich verwischen (vgl. Bd. 1, 51), zu erklären. 

' Es kommen hier Salier, Ribuarier, Alamannen und Bayern in Betracht; 
das gleiche Verfahren wurde aber auch von Goten (d. h. Ostgoteu, vgl. Brunner, 
Rechtsgeschichte 1-, 570 X. 27) und Burgundern rezipiert. Ü^ber kleine Unter- 
schiede in der Verwendung der Investitursymbole vgl. unten S. 86 N. 2. 

* Vgl. für das Folgende Brcxner, ZR. S. 104flP.; Rechtsgeschichte 1^, 570; 
Zeumer, Zeitschr. für Rechtsgeschichte 17 (Genn. 4), 113 ff.; Redlich, MIÜG. 
6, 4ff.; Privaturkunden S. 50ff.; Piiiui-pi, GGA. 1912 S. 138f. 



86 Handlung und Beurkundung. Deutsche Privaturkunden 



Notars xAir Herstellung der Urliiinde zu symbolisieren, wurde ein 
Tintenfaß auf das auf den Boden gelegte Pergamentblatt gestellt.^ 
Wenn es sich um die Veräußerung eines Grundstückes handelte, 
wurden auserdem die hei Eechtsgeschäften dieser Art erforderlichen 
Investitursymhole (Messer, Festuca, d. h. Halm oder Stab, Handschuh, 
Erdscholle, Baumzweig)- auf das Pergament gelegt. Dies wurde dann 
von dem Aussteller der Urkunde aufgehoben, und die Investitur- 
symbole wurden dem Empfänger, das Pergament aber mit dem Tinten- 
faß wurde dem Notar überreicht, der durch die Annahme zur Weiter- 
gabe der fertiggestellten Urkunde an den Empfänger verpflichtet 
wurde. 

Daß dies Verfahren der levatio oder aUevatio cartae, das uns aus 
Pallien nicht nur durch die Beschreibung, die das sog. Cartularium 
Langobardicum ^ davon gibt, sondern auch durch zahlreiche Einzel- 
urkunden seit dem 9, Jahrhundert bezeugt ist, auch in Deutschland 
selbst angewandt und von hier aus nach Italien übertragen worden 
ist, kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen.* Denn wie hätte der 
geschilderte Brauch, den die große Masse der italienischen Bevölke- 
rung nicht kannte, sich wohl bei den in Italien lebenden Deutschen 
verschiedener Stammesangehörigkeit so entwickeln können, wie wir 
ihn nachweisen können, im großen und ganzen völlig übereinstimmend 
und doch wiederum in gewissen Einzelheiten, entsprechend den Ge- 
wohnheiten der einzelnen Stämme voneinander abweichend,^ wenn nicht 
jene Übereinstimmung und diese Abweichungen aus der Heimat mit- 
gebracht worden wären !^ Daß er in den deutschen Urkunden nir- 
gends so ausführlich wie in den italienischen geschildert wird, kann 
nicht auffallen; den deutschen Schreibern wird er so geläufig gewesen 



' Man beachte, daß auch bei der Ernennung eines Notars Tintenfaß 
und Feder (welch letztere auch bei der traditio cartae bisweilen ausdrücklich 
erwähnt wird, vgl. Gloria CD. Padovano 1, 65 n. 43) als Investitursymbole 
verwandt werden, s. oben S. 67 mit N. 4. 

- Bei Bayern und Burgundern wurde das Messer nicht gebraucht. Bei 
den Alamannen kam statt des Handschuhes der 'Wandelang' (vgl. zuletzt 
E. GoLDMANN, Der Andelang, Breslau 1912) zur Anwendung. 

■•" MG. LL. 4, ,i9.5ff. 

* Anders scheint allerdings Redlich, Privaturkuuden S. 52, die Sache auf- 
zufassen. 

"> S. oben N. 2. 

" Auch ist wenigstens die von Brunnkr, ZR. S. 303 f., vorgetragene Hypo- 
these über die Entstehung des Brauches der Iccatio cartae nur dann annehm- 
bar, wenn die Vereinigung der Investitursymbole mit der carta in Deutschland 
üblich war. 



Handlung utid Beurkundung. Deutsche Privaiurkunden 87 

sein, daß sie es nicht für nötig hielten, ihn in den Urkunden aus- 
führlich zu beschreiben, während den italienischen Notaren das fremd- 
artige einer ausdrücklichen Erwähnung im Formular der Urkunden 
wert und bedürftig zu sein schien. Immerhin ist auch in den 
deutschen Urkunden, freilich nicht so regelmiißig wie in Italien, aber 
doch oft genug und in Gegenden so verschiedenen Stammesrechts 
von dem Brauch wenigstens des cartam levare die Rede,^ daß wir 
auch daraus auf seine allgemeine Yerbreitung in Deutschland (doch 
mit Ausnahme von Friesland, Sachsen und Thüringen; schließen können.'-^ 
In der Regel wird dabei auch in Deutschland das ganze Verfahren in 
einem Zuge durchgeführt sein, so daß also Handlung und Beurkun- 
dung zeitlich zusammenfielen; doch ist es bisweilen vorgekommen, daß 
es in mehrere zeitlich und örtlich auseinanderfallende Akte zerlegt 
wurde,^ wobei die levatio cartae bald mit der Handlung und dem Be- 
ginn der Beurkundung, bald mit deren Abschluß zusammenfallen 
mochte. Möglicherweise ist gerade und nur in solchen Fällen die Er- 
wähnung der levatio im Eschatokoll der Urkunden für nötig befunden 
worden.^ 



1 Brünner, ZE. S. 107 N. 3 hat ihn in Urkunden des Metzer Klosters 
Gorze, also aus fränkischem Gebiet, nachgewiesen; Beispiele aus den Gebieten 
von Lyon, Sitten und Genf lalso aus Burgund) haben Loersch und Schröder, 
Urkk. zur Gesch. des deutschen Privatrechts 3. Aufl. S. 60 n. 77 und v. Volte- 
LiNi, MIÖG. Erg. 6, 166 X. 7, beigebracht; andere aus alamannischem Gebiet 
hat Zeumer a. a. 0. S. 113iF. aus dem ÜB. von St. Gallen zusammengestellt. 
Die Gorzer Urkk. s. jetzt Mettensia 1, n. 87. 88. 106. 

^ Daß nach ribuarischem Recht die Investitur durch Begebung einer Ur- 
kunde erfolgen konnte, darf schon aus Lex Eibuar. 48. 59, 1 erschlossen werden. 
— Gegen gewisse Einwendungen Sohms vgl. Brünner, ZR. S. 288 ff. 

3 Vgl. Zeumer a. a. 0. S. 11. off. 

* Die Verbindung von Investitui-symbolen und Urkundenpergament, die 
bei der traditio per cartam auftritt, ist bisweilen dadurch zu einer dauernden 
gemacht worden, daß man ein Investitursymbol auf der fertiggestellten Ur- 
kunde befestigte iind mit ihr aufbewahrte. Ein sehr merkwürdiges Beispiel 
dafür bietet die eigentliche Originalausfertigung des Testamentes des Abtes 
Fulrad von Saint-Denis vom Jahre 777; hier ist die Zweigspitze der festuca 
am Pergament unter dem Subskriptionszeichen des Notars angebracht und 
heute noch daran erhalten, vgl. Taxgl, NA. 32, 186 f. Andere Fälle der Art 
sind bis jetzt in Deutschland nicht sicher nachgewiesen (in dem oben S. 72 
erwähnten Falle aus Regensbm-g sollte der bacultis, mit dem die Investitur 
vollzogen war, im Kloster dauernd aufbewahrt werden, war aber nicht mit der 
Urkunde körperlich verbunden); dagegen sind in Frankreich und Italien einige 
Beispiele solcher Verbindungen nachweisbar; was darüber bis jetzt zu ermitteln 
ist, hat Tangl in der Festschrift für Brunner S. 761 ff. zusammengestellt, vgl. 
dazu meine Bemerkung NA. 36, 610 n. 298. 



88 Hauülung und Beurkundung, Deutsche Privaiurkunden 



Oflfenbiir aber kounte dies ganze Verfahren eben deswegen, weil, 
wie wir gesehen liabeu, der den Aussteller bindende Beurkiindungs- 
auftrag au den Notar bei der traditio cartae eine so bedeutende Kolle 
spielte, nur so lange üblich bleiben, als es in Deutschland Urkunden- 
schreiber gab, die eine den italienischen Notaren ähnliche Stellung 
einnahmen. Und daher kam der Brauch der Tradition mittels einer 
carta, der sich in Italien bis ins 12. Jahrhundert erhielt, für den wir 
aus Burgund noch aus demselben Jahrhundert Zeugnisse kennen,^ und 
der auch in ßätien noch in später Zeit Überreste zurückgelassen hat,^ 
im ciireutlichen Deutschland, wo die Institution der öffentlichen Ge- 
richtsschreiber seit dem Ende des 0. Jahrhunderts verfiel und seit dem 
letzten Drittel des 10. Jahrhunderts verschwand,^ mehr und mehr 
außer Gebrauch.* 

In einzelnen Teilen Deutschlands, namentlich in Bayern, gab 
man überhaupt die Uorm der caria in der Regel auf und fertigte nur 
noch notitiae über bereits vollzogene Handlungen an. Aber auch wo 
man die alte Form beibehielt, verlor sie ihre rechtliche Bedeutung. 
Von ganz vereinzelten Tällen abgesehen gibt es seit dem 10. Jahr- 
hundert in Deutschland auf lange Zeit hinaus kein Zeugnis mehr 
dafür, daß ein Eechtsgeschäft lediglich durch Ausstellung oder Über- 



* Die letzte der oben erwähuteu burgundischen Urkunden ist ein Stück 
aus Sitten von 1131, Mem. et documents de la Suisse Romaiide 18, 356 n. 10. 
Später hat im Wallis das levare cartam eine andere Bedeutung gewonnen-, es 
ist nun Sache des mit dem bischöflichen Kanzleramt belehnten Domkapitels 
geworden, das durch einen Bevollmächtigten die Urkunde levieren, d. h. nun 
das Rechtsgeschäft bestätigen und den Schreiber zur Ausfertigung ermächtigeji 
läßt. Noch später bezieht sich im Gebiet von Lausanne und im Gebiet von 
Aosta der Ausdruck levare cartam auf die Herstellung der Reinschrift einer 
Urkunde aus den Protokollen oder Registern des Notars. Vgl. v. Voltelim 
a. a. 0. S. 166 f.: Schiaparelli, Arch. stör, italiano V, 39, 267 X. 3. 

* Hier ist im 11. imd 12. Jahrhundert der Brauch entstanden, daß das 
Urkundenpergament von dem Aussteller dem Empfänger (oder dem Notar?) 
zugeworfen wurde {trada carta ^ statt traierta), vgl. Brunner, ZR. S. 304; 
v. VoLTELiNi a.a.O. S. 170; Reulich, Privaturkunden S. 51; statt des levare 
cartam findet sich dann hier im 12. Jahrhundert ein levare pennam; die Feder 
wird aber nicht von dem Aussteller oder dem Schreiber, sondern von einem 
dritten Manne, vielleicht einem lokalen Gerichtsbeamten, aufgehoben und dem 
Schreiber überreicht, der dadurch zur Herstellung der Urkunde ermächtigt 
wird; vgl. v. Voltelisi a. a. 0. S. 165 f. Wenn v. Voltelini auch einen ganz 
vereinzelten Fall aus Bayern anführt (MB. 3, 557 f.). bei dem von dem levare 
lirnnam die Rede ist, so fehlt dafür noch eine ausreichende Erklärung. 

' S. Bd. 1, 593 f. 

* Vgl. Redlich, MIOG. Erg. 6, 8 flf. 



i ' 

/ 



Handlung und Beurkundung im späteren Mitlelalter 89 



gäbe einer Privaturkunde vorgenommen worden sei.^ Auch die carta 
wird damit in bezug auf das eigentliche Rechtsgeschäft eine schlichte 
Beweisurkunde; sie enthält noch immer dispositiv gefaßte Bestim- 
mungen mancherlei Art, allein die eigentliche Handlung geht in 
Deutschland, soweit sie überhaupt zur Ausstellung einer Privaturkunde 
geführt hat, der Beurkundung regelmäßig voran. ^ 

Erst seitdem die Besiegelung auch der nicht königlichen Urkunden, 
im besondem derjenigen, die von Fürsten und anderen hochgestellten 
Personen ausgestellt waren, als ein Mittel, den Urkunden einen selb- 
ständigen Beweiswert zu geben, allgemein anerkannt war, kommen 
wieder Urkunden vor, die ohne eine vorhergegangene Handlung vor- 
auszusetzen, ein Rechtsgeschäft dispositiv begründen. Diese Entwicke- 
lung beginnt schon im 13. Jahrhundert, und die fürstlichen Urkunden 
der letzten Jahrhunderte des Mittelalters verhalten sich in den meisten 
Fällen in dieser Beziehung denen der Könige dieser Zeit ganz analog. 
Aber auch der entwickelte Handelsverkehr in den Städten führt zu 
dem gleichen Ergebnis; auch hier ist in der letzten Zeit des Mittelalters 
die Begründung eines Rechtsverhältnisses bloß durch Verbriefung und 
damit das Wegfallen eines Unterschiedes zwischen Handlung und Be- 



* Vgl. FiCKER, Bzü. 1, 64 ff., wo dies allerdings zu weitgehend auch für 
die ältere Zeit in Abrede gestellt ist. 

- Belege dafür liefert jedes Urkundenbuch. Ich gebe nur einige Bei- 
spiele aus verschiedenen Zeiten und Gegenden. 952, Beyer 1, 254: Land- 
vergabung Erzbischof Eotberts von Trier zu erblichem Besitz; die Icjalis tra- 
ditio ist vollzogen per vianus adcocati nostri Uodilberti; der Erzbischof ver- 
fügt, ut ab hae die habeant potestatem tenendi, donandi usw. und bestimmt 
Strafe. — Nach 1015, Droske S. 346, Tradition des Ernust an Kloster Fulda; 
ego E. et coni?ix mea O. praedium nostrum B. dictum tradimus ... ei ut miUa 
occasio hanc iraditionem destruendi haercdibus nostris contingeret . . . quod dona- 
timus statim in manus praedieti pastoris concessimus. — 1043 Tausch zwischen 
Erimbrecht und Kloster Petershausen. E. gibt Güter cum manu uxoris mec 
Irtningarde. und diese werden empfangen vom Bischof Eberhard cum manu 
Folmari abbatis et Hereinanni advocaii, Wirtbg. ÜB. 1, 267 n. 225. — 1044 
Schenkung von Gütern an die Straßburger Kirche durch Hunfi-ied; er ül>orgibt 
sie cum advocatoria manu in quorwuhim illustrium rirorum . . . fidaft manus 
und läßt sie dann per illnrum manus, in quorum fidem antea eommendareram, 
der Kirche tradieren, ÜB. Zürich 1, 126 n. 233. — 1108 Schenkung Arnold.s 
von Goldbach an Allerheiligen zu Schalfhausen; der Schenkende überträgt. 
cum consensu et manu ttxoris mee gewisse Güter per manum Erchinberti au 
das Kloster. Quellen zur Schweizer Gesch. 3% 74 n. 46. — Um 1150 Tausch 
mit Obermünster in Regensburg, Vernehmung von 7 Ministerialen, welche die 
Gegenstände abschätzen, quo peracto ambo advocaii legitimum concambium 
fecerutit, QE. 1, 179. 



90 Beurkundungshefehl 



urkuiuluiiL,' in vielen Fällen nachweisbar. Für die Übertragung von 
Uli beweglichem Besitz aber sind hier andere Formen aufgekommen.^ 

Während die Handlung, die zur Ausstellung einer Urkunde führt, 
sich meistens zu einem einheitlichen Formalakt gestaltet und nur 
seltener in mehrere, zeitlich auseiuauderliegende Akte zerfällt, sind bei 
der Beurkundung regelmäßig mehrere Stufen zu unterscheiden, deren 
nähere Untersuchung für die diplomatische Kritik erforderlich ist.^ 

Als die erste Stufe sehen wir den Beurkundungsauftrag oder 
Beurkundungshefehl an, den der Aussteller erteilte. Bei den 
Küi-igsurkunden der älteren Zeit ist dieser Befehl regelmäßig vom 
Könige selbst gegeben worden, und daß dies geschehen sei, wird oft 
in der Urkunde selbst in der einen oder der anderen Form ausdrück- 
lich gesagt; nicht minder ist von dem Beurkundungsauftrag auch in 
den ünterschriftsformeln der älteren Privaturkunden regelmäßig die 
Kede. Diese Erwähnung des Auftrages oder Befehls in der Urkunde 
ist ein Gebrauch, der mit seinen Wurzeln noch in die spätrömische 
Zeit zurückreicht. Wir erwähnten bereits in anderem Zusammen- 
hange,'^ daß in den altrömischen Chirographa der Aussteller der Ur- 
kunde, wenn er schreibensunkundig oder am Schreiben verhindert war, 
eine dritte Person mit seiner Vertretung beauftragen konnte; es ver- 
stand sich von selbst, daß dann der Schreiber den empfangenen Auf- 
trag in der Urkunde erwähnte,^ was durch eine Formel zu Eingang 
des Chirographums geschah. Als später die Form der Epistola auch 
für rechtlich verpflichtende Urkunden aufkam, war eine entsprechende 
Erklärung wenigstens für den Fall nötig, daß der Aussteller den Brief 
weder eigenhändig schrieb noch unterschrieb; sie erfolgte nunmehr am 
Schlüsse des Textes der subjektiv gefaßten Epistola, gewöhnlich in der 
Weise, daß dem Aussteller die Worte des Beurkundungsauftrags in den 
Mund gelegt wurden.^ Schon früh, noch im 6. Jahrhundert, kam 
weiter der Brauch auf, daß der Schreiber der Urkunde im Eschatokoll 
eine Unterschrifts- und Yollziehungsformel hinzufügte, in der er sich 
selbst nannte.^ Dabei war es in den Fällen, in denen der Beurkun- 



^ Vgl. Bd. 1, 732 ff. 

- Vgl. FicKER, BzU. 2, 9 ff. 

" Vgl. Bd. 1, 50. 

* CIL. 4, Siippl. S. 318: TL Claudius Syn . . . scripsi rogatii et mandatu 
Äbasc.anti . . . cum accepisse. 

^ Vgl. Marini S. 145: quam donationis meue paginam . . . Boiio tabellioni 
huitis civitatis Ravennae rogatario meo scribeiidani dictavi. 

« Vgl. Bkunner, ZR. S. 66 ff. 



Beurkundungsbefelil. Langobardische Königsurkuiiden 91 



dungsauftrag am Schluß des Kontextes erwälmt war, nicht nötig, seiner 
in der Unterschrifts- oder Vollziehungsfonnel noch einmal zu ge- 
denken;^ wohl aber war dies erforderlich, wenn die Erwälinung des 
Beurkundungsauftrags am Schlüsse des Textes fehlte; es geschah 
dann so, daß der Schreiber erklärte, er habe „auf Bitte" [rogatus), „auf 
Befehl" [hissus) geschrieben, wobei bisweilen der Xame des Auftrag- 
gebers noch einmal genannt wurde.^ Übrigens ist in späterer Zeit au 
diesen Regeln nicht immer streng festgehalten worden; der Auftrag 
wird auch in der IJnterschriftzeile häufig erwähnt, wo das eigentlich 
überflüssig ist. und niclit erwähnt, wo man es erwarten sollte. 

Die Erlasse der römischen Kaiser bedurften nach diesen Aus- 
führungen der Erwälinung des Beurkundungsbefehls nicht, da sie 
durchweg eigenhändig unterzeichnet wurden; und dasselbe gilt von 
den Urkunden der ostgotischen Könige wie von denen der Päpste.^ 
Dagegen kam in den Urkunden der Langobardenkönige, die wenig- 
stens in der ältesten Zeit gewiß nicht schreiben konnten, die Königs- 
unterschrift gänzlich in Fortfall; als Beglaubigung diente in ihnen, 
jedenfalls seit der Zeit des Königs Pertharit, in erster Linie die 
Unterschrift des Notars; und unter diesen Umständen erschien es 
nötig, dieser den A'ermerk hinzuzufügen, daß der Notar auf Befehl des 
Königs [ex diclo domini regis) geschrieben habe.* Wenn der Beurkun- 
dungsbefelil vom König nicht unmittelbar dem schreibenden Notar, 



^ Daher heißt es in der S.90 N.5 erwähnten Urkunde einfach: Bonus tabellio 
. . . scriptor chartulae huius donationis . . . complevi et abso/vi. — Ebensowenig 
brauchte die Eogation in der Unterschrift erwähnt zu werden, wenn, wie das 
später häufig vorkam, dem Signum des Ausstellers ein Relativsatz mit Erwäh- 
nung des Beurkundungsauftrags hinzugefügt wurde; vgl. z. B. Wartmann 1, 
n. 25: Signum Wachar, qui hane tradittonem fleri atque firmare rogavit . . . 
ego Waldo . . . scripsi et siibsci-ipsi. 

* Der Zusammenhang, der in älterer Zeit zwischen der Erwähnung des 
Beurkundungsauftrags im Texte oder bei dem Signum des Ausstellers und 
dem Fortfallen des Wortes rogatus oder iussus in der Unterschrift besteht, 
ist früher nicht genügend beachtet worden. 

^ Näheres hierüber s. unten. Doch kommt vereinzelt auch in den Ur- 
kunden der älteren Päpste der Beurkundungsbefehl am Schluß des Contextes 
und die Skriptumzeile ersetzend vor, vgl. z. B. die Originale Jaffk-E. 25.Ö1. 
2606 und die ähnlichen Fälle der Privilegien Benedikts IX., Jaffe-L. 411.^^ 
(NA. 11, 390), und Alexanders II., Jaff£-L. 4706. S. auch Bd. 1, 74 N. 2. 

* Vgl. Chroust S. 36 ff. Daß diese Erwähnung nötig war, zeigt u. a. auch 
der Epilog zum Edictum Ptotharis (LL. IV, 90), der bestimmt, daß nur die 
Exemplare seines Gesetzbuches glaubwürdig sein sollten qtiod pci- vianus An- 
soald notario nostro scrip)tum aut recognitum seu requisitum fuertt, qui per 
nostram iussionem scripsit. 



92 Bcurkundtingsbefehl. Merovingische Königsiirkunden 



süuderu dem KauzleicLef oder einem anderen Manne erteilt und erst 
von diesem an den Notar weiterf^egeben wurde, so wurde auch dies 
Verhältnis in der Urkunde ausdrücklich erwähnt;^ es galt offenbar die 
A'erantwortlichkeit eines in der Urkunde genannten Beamten für die 
richtige Ausführung des königlichen Befehls festzustellen. Im Kontext 
wurde der Beurkundungsbefehl in der Regel nicht erwähnt; nur in 
einigen wenigen Urkunden der Könige Liutprand, Hildebrand, Ratchis 
und Aistulf ündet sieb in der Dispositio im Anschluß an die Peti- 
tiousformel die kurz gefaßte Angabe, daß der König die Ausstellung 
der Urloinde befohlen habe.- 

Im Reiche der Merovinger sind alle Königsurkunden durch Be- 
siegelung, ihre Mehrzahl auch durch die Unterschrift der Könige be- 
glaubigt worden, die nur in den Gerichtsurkuuden regelmäßig und 
außerdem in einigen anderen Stücken, insbesondere gewissen Mandaten 
fehlt. Infolgedessen würde eine Erwähnung des Beurkundungsbefehls 
in den Urkunden im allgemeinen nicht erforderlich gewesen sein:^ 
doch fehlt sie keineswegs immer, und sie erfolgte in doppelter Weise. 
In einer Anzahl von Stücken nämlich, vorzugsweise solchen der späteren 
Zeit, fügte der unterfertigende Kanzleibeamte seiner Unterschrift die 
Bemerkung hinzu, daß er auf Befehl des Königs [iussus] seines Amtes 
gewaltet habe;* diese Bemerkung entspricht, wie man sieht, völlig dem 



^ Vgl. z. B. Eeg. Farfense 2, 1 33 n. 1 75 : ex dicto domni re(jis jjer H. notarium 
seripui ego P. notarius. HPM. 13, 80 n. 42: ex dicto domno regis per A. refe- 
rendarium et ex ipsius dictatu scripsi ego P. not. — In den spoletinischen 
Herzogsurkunden lautet die entsprechende Formel nicht ex dicto, sondern ex 
iiissionc; wurde die iussin mittelbar erteilt, so hieß es wie z. B. Reg. Farf. 1, 
n. 9: ego Th. notarius ex iussione iam dicti ducis et ex dich H. sculdahis. Jn 
den Urkunden der Herzoge von Beneveiit heißt es gewöhnlich ebenfalls ex 
iussione, vereinzelt auch ex iussu oder ex iussti et »la/ulafo, vgl. Chroust 
S. 99 ff. 142 ff. Die Formel ex iussione . . . scripsi erhielt sich dann auch in 
den Fürstentümern Benevent, Salerno und Capua, daneben kommt aber in 
Salemo auch eine Erwähnung des Beurkundungsbefehls in der Corroboratio, 
wie wir sie unton kennen lernen werden, vor; vgl. Voigt, Beiträge zur Diplo- 
uiatik der langob. Fürsten S. 2 7 f. 42. 

' Vgl. Chroüst S. 71 f. Die Formel kommt zuerst vor 715, Pasqui CD. 
Arctino 1, 7 n. 4: preceptum emitti precipinms, zuletzt 755, Chroust S. 212: 
presentem nosiruni preceptum in ipso verendo loco emitti precipimus. Statt 
etnitti precipimus findet sich auch fieri iussimus. 

^ Auf ihr Fehlen in den vom König nicht unterschriebenen Placiten könnte 
von Einfluß gewesen sein, daß in diesen regelmäßig eine Berufung auf das 
Testimonium des Pfalzgi-afen stattfand. 

■• N. iussus optulit (suhscripsit) in DD. M. .S8. 47. 57. 67. 71. 72. 75. 81. 
84. 88. 92. Iussus recognovit in DD. M. 61. 70. 77. — Iussus scripsit ist auch 
in den Urkunden der alamannischen Herzoge (vgl. FDG. 26, 40 N. 1) und in 



BeurkundungshefehL Merovingische Kö7iigsur künden 93 



bei den Langobarden übliebeu ex dieto, nur daß sie dort vom Schreiber 
der Urkunde, hier von einem höhereu Kauzleibeamten gemacht wird. 
Ferner ist in einer ziemlich großen Anzahl von' Urkunden die in 
tironischen Noten ^ geschriebene Berufung auf einen Befehl, und zwar 
in der Eegel auf den Befehl des Königs oder des an Stelle des 
Königs handelnden Maiordonius,^ mit der Unterfertigung des Kanzlei- 
beamten verbunden; die Erteilung des Befehls wird durch das Verbum 
ordinäre ausgedrückt.^ Viel seltener wurde dagegen im Kontext der 
Beurkundungsbefehl bestimmt zum Ausdruck gebracht; das kommt nur 



denen der Arnulliugor iu Austrasien, die von ihren eigenen Kanzleibcamteu 
geschrieben sind (vgl. ebenda S. 31), die Regel. In Bayern kommt daneben 
sowohl bei den Notaren der agilolfingischen Herzoge, wie bei denen der Erz- 
bischöfe und Bischöfe die Formel scripsi ex ore N vor, deren Bedeutung 
nicht zweifellos ist; vgl. Brunner, ZR. S. 250; FDG. 26, 62 N. 5 und unten 
S. 135 N. 1. 

^ Vgl. Havet, Oeuvres 2, 459 f.; Tardif, Masee des avchives S. 19; Arbois 
DE Jdbainville, BEC. 41, 85; Kopp, Palaeogr. crit. 1, 378; Jusselin, BEC. 66, 
361 ff.; 68, 481 tt"; 74, 67 ff.; Mentz, AfU. 4, lOff. Mehrere dieser Stücke sind 
mit iussiis optuli unterzeichnet. — In fünf Diplomen (DD. M. 47. 61. 77. 81. 
84) bringt Jusselin mit den auf den Beurkunduugsbefehl bezüglichen Noten 
andere Zeichen in Verbindung, die er per anolutn oder per a/iolo liest; er 
nimmt an, daß in diesen Fällen der Beurkundungsbefehl schriftlich, durch ein 
mit dem Siegelring des Auftraggebers besiegeltes Dokument erteilt worden sei. 
Tangl, na. 34, 3 12 f. hat die Lesung dieser Zeichen bezweifelt; Mentz a. a. 0. 
S. 12 f. stimmt ihnen für die drei letzten Urkunden zu; über die beiden ersten 
konnte er sich noch nicht äußern. Ich bin in der paläographischen Frage 
inkompetent, habe aber sachliche Bedenken gegen die Annahme eines so kom- 
plizierten Geschäftsganges, der in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters 
allerdings nachweisbar ist, schon für die merovingische Zeit. 

- Berufung auf einen gemeinsamen Befehl des Königs und des Hausmaiers 
will Jusselin (zuletzt BEC. 74, 68) in DM. 57 finden, doch ist seine Lesung der 
Noten dieser Urkunde sowohl von Tanol (NA. 31, 515; 34, 313) wie von Mentz 
a. a. 0. S. 11 bestritten. Der Vorschlag des letzteren, caneellario zu lesen, ist 
sachlich unmöglich und wird auch von Jusselin nicht angenommen. — In DM. 70 
will Jusselin (BEC. 68, 500; 74, 69) ordinante Hrodeberto lesen und denkt dabei 
an den Referendar dieses Namens (Bd. 1, 368). Mentz S. 12 schlägt ord. Ilociu- 
berto vor, so daß der in der Urkunde genannte Pfalzgraf gemeint wäre. Auch 
hier muß ich mich in der Frage der Lesung des Urteils enthalten; sachlich 
würde mir der Vorschlag von Mentz annehmbar erscheinen. Denn in der Ur- 
kunde des Maiordomus Pippiu D. Arn. 22 ist die Lesung Braico jierc iussit 
sicher; Braico aber war einer der Beisitzer des Placitums, qui in vice comite 
palaie nostro adistare videbantur; und er hat also in diesem Falle den Be- 
urkundungsbefehl gegeben, hat dies aber zweifellos im Auftrage des Vorsitzen- 
den Hausmaiers getan, vgl. Bresslau, AfU. 1, 177 imd oben Bd. 1, 371 N. 2. 

^ Also heißt es z. B. in DM. 47 : Droctoaldus iussus optiUit ordinante 
Ebroino maiore domus. 



5)4 Beurkundung she fehl. Karolingische Königsurkunden 



vor, weuu etwa der König die Herstellung eines Diploms in mehreren 
Ausfertigungen anordnet,^ oder wenn sonst eine besondere Veran- 
lassung da/u vorliegt.'^ Häuliger wird der Beurkundungsbefehl so zu 
sagen implicite erwähnt, indem es im Kontext heißt, daß der Bitt- 
steller die Ausstellung einer Urkunde erbeten und daß der König 
diese Bitte zu erfüllen beschlossen habe.^ 

Inder Zeit der karolingischen Könige findet eine Erwähnung des 
Beurkundungsbefehls innerhalb der Rekognitionsformel nur noch zu An- 
fang in einigen Urkunden Pippins statt,^ kommt dagegen in denen 
seiner nächsten Nachfolger nicht mehr vor. Um so liäuüger wird 
dafür bis um die Mitte des 9. Jahrhunderts in den tironischen 
Noten ^ auch der Karolingerdiplome seiner gedacht, die überhaupt über 
den Geschäftsgang in der Kanzlei in dieser Zeit sehr wertvolle Auf- 
schlüsse geben." Wir erfahren daraus, daß der Beurkundungsbefehl 



' fc>o iu dem Formular für cartae paricolae, Mavculf 1, 38 (MG. Formulae 
S. 67): U7ide aequales preceptionis eis fieri et aceipere iussimus. Entsprechend 
in DM. 67: duas precepcionis uno teniirc conscriptas exinde fiere iussimus 
(vgl. dazu JüssELiN, BEC. 74, 69). Hier handelt es sich um eine Art von 
Tauschvertrag des Königs mit St. Denis; und wenn die Erwähnung des Be- 
vu-kundungsbefehls in solchen Urkunden hergebracht war, so wird auch in dem 
schon von Sickel, BzD. 7, 682, angeführten Formular Marculf 1, 30 (Formulae 
S. 61) die AVendung: quapropter hunc preceptum a modo commutationis ipsius 
viro fieri decrevimus nicht mit Erben, UL. 1, 356 X. 1, anzuzweifeln sein. 
Übrigens steht der Wendung in Marculf 1, 30 auch die in 1, 32 (Formulae 
S. 63): propterea presentem preceptionem dedimus nahe, die dann ähnlich in 
D. Kar. 69 und öfter wiederkehrt. 

^ DM. 88: proinde ipsi abbati vel suis monachis tale praecepizim et confir- 
mationem fieri rogamus una cum consensu maioris do77ius nostrae Raganfredi. 
Hier wird der Konsens des Maiordomus zum Beurkundungsbefehl betont. 

^ So Marculf 1, 16. 31. 23. 35 usw. Dementsprechend in zahlreichen Ur- 
kunden. 

* lussus recognovit in DD. Kar. 2. 4—8. 11. 12. 14. — Über die in Italien 
seit 866 unter besonderen Vei'hältnissen wieder üblich gewordene Berufung auf 
den Beurkundungsbefehl, s. Bd. 1, 390. Diese Gewohuheit wirkt dann auch 
noch in den Zeiten der späteren italienischen Herrscher des ausgehenden 9. 
und der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts nach, A'gl. Schiaparelli, Bullett. 
deir Istituto stör. ital. 23, 77 f.; 26, 54; 29, 124, ferner die übersichtliche Zu- 
sammenstellung von Rekognitionen bei Dümmler, Gesta Berengarii S. 170fF., und 
Bd. 1, 393. 

^ Vgl. Taxgl, Afü. 1, 87ft. 2, 167fr.; Jüsselin, Moyen-äge II, 11, r21flP.; 
Melanges ofierts ä M. Emile Chätelain S. 35 ff. Näheres unten im Kapitel 
Urkundenschrift. 

® Vgl. für das folgende meinen Aufsatz über den Ambasciatorenvermerk 
in den Urkunden der Karolinger, AfU. 1, 167 0".: dazu Pkou, Journal des Sa- 
vaiits 1909 S. 44. 



Beurkundungsbefehl. Karolingiselie Königsurkunden 95 



auch jetzt oft vom König unmittelbar, sehr hiiuhg aber auch durch 
eine Mittelsperson gegeben wurde. Für die Erteilung des Befehles 
bleibt noch in der ersten Zeit Karls d. Gr. ordinäre der übhche Aus- 
druck, der aber nach dem Jahre 786 nicht mehr vorkommt; seitdem 
wird gelegentlich praecipere, besonders oft aber fieri iubere gebraucht; 
für die Übermittlung des Beurkuudungsbefehls durch einen Beauf- 
tragten wird seit 781 ^ das Wort ambasciare ühYicli, das eigentlich 'eine 
Botschaft ausrichten' bedeutet.^ Als Vermittler des Befehls erscheint 
unter Karl am häufigsten der Erzkapellau, unter Ludwig dem 
Frommen kommen neben den Erzkapellanen auch andere Hofleute 
vor; auch Mitglieder der königlichen Familie, so unter Karl einmal 
der König Pippin von Italien, unter lAulwig dem Frommen die 
Kaiserin Judith, haben den Befehl der Kanzlei gemeldet, und gar 
nicht selten sind es die Empfänger der Urkunden oder die Inter- 
venienten, die von der Kanzlei als die Überbringer des Befehls ge- 
nannt werden, die also selbst dafür Sorge getragen haben, daß 
die ihnen erteilte Bewilligung zur Ausstellung einer Urkunde der 
Kanzlei bekannt wurde.^ Der Befehl wurde wohl in der Regel au 
den Kanzleichef oder den leitenden Notar übermittelt, der dann die 
Herstellung der Urkunde durch seine Untergebenen zu veranlassen 
hatte. 

Auch unter den Söhnen Ludwigs des Frommen finden sich noch 
Erwähnungen des Beurkundungsbefehles in den der Rekognition bei- 
gefügten Notenzeichen. Unter Lothar L freiUch wird in ItaUen nur ein 
einziges Mal gesagt, daß der Kaiser den Befehl gegeben habe,* im 
übrigen berufen sich die Schreiber nur auf die von ihren Vorgesetzten 
in der Kanzlei empfangene Anweisung. Aber in Ostfranken bleibt es 
unter Ludwig dem Deutschen lange üblich, den König in Notenschrift 



1 Zuerst in D. Kar. 136. — Wenn jetzt Jcsselix, ]JEC. 74, 72 f. den Aus- 
druck ambasciator schon in zwei Merovingerurkunden von 716 (DD. M. 81. 84) 
finden will, so ist diese Lesung nach seinen eigenen Ausführungen doch zu 
unsicher, als daß Schlüsse daraus gezogen werden könnten. 

■^ Wenn in Mühlbacher, Reg.'^ 612 gesagt ist: Honfridus scribere iussit 
(AfU. 2, 168), so kann es sich auch hier nur um dasselbe handeln, was in 
anderen Fällen durch ambasciare ausgedrückt wird. 

^ Unter Ludwig d. Fr. wird nach 827, häufiger seit 829, und in derselben 
Zeit wird unter Pippin von Aquitanien in den tironischen Noten bisweilen 
gesagt, wer die Urkunde erwirkt hat. Wahrscheinlich haben diese mit dem 
Vermerk impetravit eingeführten Personen auch die Übermittelung des Bc- 
urkundungsbefehles besorgt. 

* Mühlbacher, Reg.* 1038. 



1)6 Beurkundung she fehl. Spätere Königsurkunden 



als den Urheber des Befehles zu bezeichnen, den er in der Regel 
selbst' fregeben hat und nur in wenigen Fällen durch Mittelpersonen 
erteilen ließ;- erst seit 859 etwa verschwinden mit der Kenntnis und 
dem korrekten Gebrauch der tirunischen Schrift auch solche Vermerke 
aus den ostfräukischen l'rkunden. In Italien wird später unter Lud- 
wig IL nur noch einmal,^ in Lothringen unter Lothar IL nur noch 
zweimal* in solcher Weise des königlichen Beurkundungsbefehls ge- 
dacht: auf deutschem Boden geschieht es unter den Söhnen Ludwigs 
des Deutschen überhaupt nicht mehr.^ 

Dagegen war es schon unter Karl dem Großen üblich geworden, 
den Beurkundungsbefebl im Text der Urkunden zu erwähnen. Wie 
das gleich in der ersten erlialtenen Urkunde Karls geschieht,^ so be- 
gegnet es noch in einigen anderen Diplomen dieses Herrschers, '' findet 
sich in der Zeit Ludwigs des Frommen schon in beinahe der Hälfte 
der Formulae imperiales,^ und seit der Zeit Arnulfs ward der Be- 
urkundungsbefebl immer häufiger in die Diktate aufgenommen, ohne 
freilich ganz regelmäßig zu erscheinen. In bezug auf die Stellung 
und Fassung der Formel hat der Brauch geschwankt; bis in das 10. 
und gelegentlich noch bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts hat sie auch 
dazu gedient, den Übergang von der Narratio zur Dispositio zu ver- 
mitteln, ist aber bisweilen schon unter Otto I. und Heinrich IL und 
besonders häufig unter Heinrich lY. zu einem Bestandteil der Korro- 
borationsformel geworden. 

Wem der Beurkundungsbefehl, den der König gab, erteilt wurde, 
darüber erhalten wir aus den Urkunden, seitdem aus ihnen die tiro- 
nischen Xoten verschwinden, keinen Aufschluß mehr und auch ander- 
weite Nachrichten darüber, die zu allgemeineren Schlüssen auf die 



' Zuerst in Mühlbacher, Reg.- 1345, zuletzt in 1409. 

« Mühlbacher, Reg.^ 1343. 1346. 1353. 1376, vgl. AfU. 2, 183. 

^ Mühlbacher, Reg." 1188. 

* Mühlbacher, Reg.* 1290. 1300. 

^ Die einzige Ausnahme macht das zwar in Deutschland, aber für ein 
französisches Bistum ausgestellte und offenbar von einem westfränkischen 
Schreiber hen-ührende Diplom Mühlbacher, Reg.^ 1740, vgl. AfU. 2, 171. 

* D. Kar. 55: proptcra haue pracceptionem . . . conscribere iussinius. Daß 
das auf langobardischen Einfluß zurückgehe, wie Erben, UL. 1, 356, vermutet, 
ist nicht wahrscheinlich, vielmehr entspricht es dem, was gelegentlich schon 
in merovingischer Zeit vorkommt (s. oben S. 94 N. 1). 

' Vgl. z. B. D. Kar. 73. 81. 82. 90 u. a. 

8 Vgl. Form, imper. 2. 5. 6. 8. 9. 13. 14. 19. 20. 23. 24. 28. 36. 38. 40. 
46—50. 53. 



i 



Beurkundungsbefehl. S;pätere Königsurkunden 97 

Geschäftsbehandlung berechtigten, liegen nicht vor.^ Erst aus dem 
13. Jahrhundert haben wir wieder ein reicheres Material, das über die 
hier aufzuwerfenden Fragen Aufklärung gibt. In dem Register Fried- 
richs IL sind den einzelnen Urkunden, die sich freilich nur auf Sizi- 
lien beziehen, regelmäßig Bemerkungen darüber hinzugefügt, auf wessen 
Befehl sie geschrieben worden sind.^ Es ergibt sich daraus, daß der 
Befehl zumeist auf den Kaiser zurückgeführt wird, von diesem aber 
nur selten unmittelbar, häufiger durch eine Mittelsperson an den aus- 
fertigenden Kanzleibeamten gekommen ist; als Mittelspersonen er- 
scheinen am häufigsten die Leiter der Kauzlei oder ihre Notare, aber 
auch andere Regierungsbeamte: der Kämmerer, der Marschall usw. In 
einer Reihe von Fällen wird aber kein Bezug auf einen kaiserlichen 



' Einige Notizen darüber hat Ficker, BzU. 2, 20 f zusammengestellt. Bei 
Ratpert, Casus S. Galli cap. 25 (ed. Meyer v. Knonau S. 44) wird zwar nicht 
ausdrücklich gesagt, wem der König Ludwig der Deutsche den ersten Befehl 
zur Ausstellung von Mühlbacher, Eeg.- 1409 gegeben hat, aber man wird 
annehmen können, daß es der Kanzler war, dem Ludwig später auch den 
Fertigungsbefehl gab, s. unten. In dem DH. IL 242 heißt es: hanc cartam 
per manum Erici episcopi nosira iussione conscriptam; aber nostra iussione 
ist nicht auf per matium E. episcopi, sondern auf conscriptam zu beziehen, und 
es ist also nicht nötig, daraus zu folgern, daß der König den Beurkundungs- 
befehl unmittelbar an den Bischof Erich (s. über ihn oben IM. 1, 448. 457. 
471) gegeben habe. Dagegen würde die unmittelbare Erteilung des Beurkun- 
dungsbefehls an Notare durch Heinrich IL aus Vita Meinwerci cap. 182, MG. 
SS. 11, 149: {rex) ascitis notariis occulte fieri feeit de Ervete pricilegium, zu 
erschließen sein, wenn die ganze Nachricht glaubwürdiger wäre, als sie ist. 
Aus St. 3340 ist kein Schluß auf den Beurkundungsbefehl zu ziehen. Nach 
Oberts Ann. lanuenses 1164, MG. SS. 18, 59 hat Friedrich I. 1164 die Aus- 
fertigung eines Privilegs für den sardinischen Iudex Bareso unmittelbar einem 
Notar befohlen: statiw mandavit Jiotario et iussit continuo privilefjium scribi 
et sigiUari. Zum Jahre 1190 erzählt Gislebert von Mons (MG. SS. 21, 572; 
ed. Vanderkindere S. 253), daß die Ausstellung einer Urkunde für den Grafen 
von Hennegau fiiit concessum et cancellario et prothonotario (also beiden zu- 
gleich) ad faciendum commissum. Im Jahre 1210 beauftragte Otto IV. einen 
Hofi-ichter und einen Hofkapellan, dem Domkapitel zu Verona auf Grund seiner 
Privilegien günstiges zu erweisen (Ficker, It. Forsch. 4, 281 n. 230); aber ein 
eigentlicher Beurkundungsbefehl war das nicht, und ob ein Schreiben zu- 
gunsten des Kapitels, das in diese Zeit gehören wird (daselbst n. 232) von jenen 
Männern veranlaßt ist, bleibt zweifelhaft. — Aus der böhmischen Kanzlei hat 
Emler (Abhandl. der böhm. Gesellsch. der Wissenschaften, 6. Folge, 9, 12) drei 
Fälle des 13. Jahrhunderts angeführt, in denen der Beurkundungsbefehl im 
Kanzler und Notare gegeben wurde. 

2 Vgl. Ficker, BzU. 2, 15 ff. Die Formel ist de mandato imperiali oder 
mandante d. imperatore, bzw. wenn ein Mittelsmann genannt wird, de mandato 
d. imperatoris facto [mandante d. imperatore) per N. K. scripsit N. N. 

' E r e ß 1 a u , Urkundenlehre. 2. Aufl. II. "^ 



98 Beiirkundungshefehl. Spätere Königsurkunden 



Befehl geiiommeri, sondern der ausfertigende Notar beruft sich ledig- 
lich auf den Befehl eines höheren Beamten.^ Es ist hier nicht anzu- 
nehmen, daß dabei eine Ungenauigkeit des registrierenden Kanzlei- 
lieaniteu vorliege, der den Befehl des Kaisers als selbstverständ- 
lich betrachtet und deshalb nicht ausdrücklich erwähnt hätte. Aus 
der Kanzleiordnung Friedrichs 11.^ erfahren wir vielmehr, daß bei der 
Behandlung der einlaufenden Petitionen ein dreifach verschiedener Gre- 
schäftsgaug innegehalten wurde. Über einen Teil davon konnten die 
oberen Beamten selbständig und ohne Einholung eines kaiserlichen 
Spezialbefehls [sine consoientia imjjcratoris) entscheiden; über einen 
anderen Teil war dem Kaiser in den Sitzungen des Hofrats, über einen 
letzten, Eingaben, welche die persönlichen Verhältnisse des Kaisers 
oder die Mitglieder seiner Kurie betrafen, war ihm allein Vortrag zu 
halten. ^YiI werden danach die in das Register eingetragenen Briefe, 
bei denen ein Befehl des Kaisers nicht erwähnt wird, wohl als sine 
conscientia imperatoris erlassen betrachten dürfen, obwohl aucli sie 
in seinem Namen ausgestellt sind. Genauer zu bestimmen, welche 
Angelegenheiten in dieser Weise selbständig von den Beamten des 
Hofes erledigt sind, fehlt es uns übrigens an ausreichenden Anhalts- 
punkten.^ 

Für Deutschland haben wir auch aus dieser Zeit noch keine 
näheren Xachrichten über den Beurkundungsbefehl. Eine vereinzelte 
Notiz gibt ein Privileg Heinrichs (VII.) von 1223,"* auf dessen Bug 
verzeichnet ist, daß der Bischof von "Würzburg, der zu den Mitgliedern 
des Regentschaftsrates für den jungen König gehörte, den Beurkun- 
dungsbefehl erteilt habe.^ Diese Notiz ist später ausradiert worden, 



^ Die Formel ist dann de maiidato facto per N. N. oder nur de mandato 
N. N. seripsit N. iV.; vgl. Ficker a. a. 0. 2, 16. 

* WiNEELMANN, Acta 1, 736. 

^ Die Annahme Philippis S. 29, daß der Kaiser „bei dem bei weitem 
größten Teil der unter seinem Xaraen ausgehenden Erlasse vollkommen un- 
beteiligt war" (ähnlich Erben, UL. S. 106), ist ohne ausreichenden Anhalt in den 
Quellen; Philippi hat die in consilio vorzutragenden Sachen nicht in Anschlag 
gebracht. In den Marseiller Registerauszügen (Winkelmann 1, 71 7 f.) sind 
einige Entscheidungen des Kaisers über die Frage, ob gewisse Urkunden sine 
conscientia ausgefertigt werden dürfen, erhalten. Vgl, dazu Samanek, Kronrat 
und Reichshen-schaft (Berlin 1910) S. 31ff. 197ff. 

* BF. 3899; vgl. Philippi S. 49, dessen Ansicht über die Bedeutung der 
hier besprochenen Notiz ich jedoch nicht teile. 

^ Domnus Herbipolensis rpiscopus precepit. Vgl. Winkelmann, Friedrich II. 
1, 348 N. 3. — Auf die Vermutung Hebzbero-Fränkels, MIÜG. Erg. 1, 277 f., 
daß im 13. Jahrhundert die Formel datum jyer manus usw. bisweilen mit dem 
Beurkundungsbefehl zusammenhänge, ist später zurückzukommen. 



Beurkundungsbefehl. Spätere König stcrhundcn 99 



aber noch lesbar; es ist nicht undenkbar, daß auch in anderen i^'älien 
solche Angaben auf den Urkunden selbst notiert wurden, die uns, da 
sie vor der Aushändigung der Urkunden wieder getilgt wurden, verloren 
gegangen sind. Unter Heinrich VIL, dem Lützelburger, wurde zur Zeit 
des Römerzuges über die Erledigung wenigstens eines Teiles der ein- 
gereichten Petitionen im Hofrat unter dem Vorsitz des Herrschers be- 
raten und beschlossen, und die uns erhaltenen protokollarischen Auf- 
zeichnungen über die Verhandlungen des Rates ^ enthalten zahlreiche 
Xotizen über die Bewilligung von Gesuchen ^ oder über die Vertagung 
einer Entscheidung darüber.^ Daß aber der Rat allgemein zur Er- 
ledigung von Petitionen irgendwelcher Art ohne Einholung der kaiser- 
lichen Willensmeiuung ermächtigt gewesen wäre, läßt sich aus den 
uns vorliegenden Quellen nicht erweisen,'* und ebensowenig geben sie 
Aufschluß darüber, in welcher Form und durch wen die vom Kaiser 
genehmigten Beschlüsse des Rates der Kanzlei übermittelt wurden, 
wenn diese daraufhin Urkunden auszufertigen hatte.^ 

Erst in der Zeit Karls IV.^ finden sich Vermerke, die darüber 
Aufschluß geben, in den Urkunden der Reichskanzlei, die diesen 
Brauch aus der französischen Königskanzlei, wo solche Vermerke 
schon einige Jahrzehnte früher vorkommen, übernommen haben mag;'' 
um dieselbe Zeit, zum Teil sogar schon etwas früher, kommen sie in 



1 Vgl. Bd. 1, 131. 

- Bisweilen mit der Formel fiat oder fiat ut petltur, die offenbar dem 
Gebrauche der päpstlichen Kanzlei (s. unten S. 104 f.) nachgebildet ist. 

' Das bedeutet die Formel stispendiiur, aber auch, wie ich trotz der 
Ausführungen Samaneks a. a. 0. S. 92 N. 3 glaube, die Formel seur ce aura 
li sires deliberacion. Abwesenheit des Kaisers bei der Fassung dieses Be- 
schlusses ist durchaus nicht zu folgern. 

* Anderer Meinung scheint Samanek S. 910". zu sein, dessen Ausführungen 
freilich auch nach den Erläuterungen, MIÖG. 32, 174flf., nicht leicht verständlich 
sind. Vgl. dazu auch Kern, GGA. 1910 S. 590ff.; 1911 S. 471 f. 

'" Soweit die Kammernotare (Bd. 1, 544 ff.) Beurkundungen vorzunehmen 
hatten, mag Bernardus de Mercato, der das Protokollbuch des Rates führte, 
diese entweder selbst unmittelbar auf Grund der gefaßten Beschlüsse aus- 
geführt oder seinen Kollegen aufgetragen haben. Beweisen läßt sich das 
aber nicht. 

° Unter Ludwig dem Bayern kommen solche Vermerke, soviel bisher be- 
kannt ist, weder auf Originalen vor (vgl. Gkauert, KUiA. Text S. 306; Schaus, 
Zur Diplomatik Ludwigs des Bayern S.46f. mit S. 47 N. 2), noch sind Angaben 
darüber in die uns erhaltenen Registerfragmente aufgenonnnen. Unter Karl IV. 
finden sie sich seit 1347 und werden seit 1355 zur Regel, vgl. Lindner S. 104. 

' Das ist eine recht wahrscheinliche Vermutung Erben s, UL. S. 263. 



100 Kanzleivermerke über den Deurkundmigsbcfehl 



den Kauzleieu eiuiger Eeiohsfürsten vor.^ Wir werden auf sie, da sie 
einen integrierenden Teil der Urkunden selbst bilden, später zurück- 
zukommen und dabei ihre Formulierung in den Königsurkunden ein- 
gehender zu besprechen haben. Hier genüge die kurze Bemerkung, 
daß sie neben dem Namen eines für die Ausfertigung verantwortlichen 
Kanzleibeamten 2 stets, wenn nicht mehrere, so doch mindestens einen 
zweiten Namen, den des Auftraggebers, nennen. Entweder ist dies 
der Name des Herrschers selbst, oder es werden ein oder mehrere 
Beamte, Räte oder Vertraute des Herrschers genannt; die erbländische 
Kanzleiordnung Maximilians I."^ redet in diesem Sinne von einem 
„Geschäftsherru", der den Befehl des Königs der Kanzlei übermittelt; 
und es kann sowohl nach dem Wortlaut dieser Kanzleiordnung* wie nach 
anderen sicheren Anzeichen kein Zweifel daran sein, daß der Befehl {man- 
datum, commissio, iussus, relatio), worauf in diesen Notizen Bezug ge- 



' Am fi'iihesten in der Kanzlei der Grafen von Tirol und in der der 
Grafen von Holland, Seeland und Hennegau. Bei den ersteren stammt der 
älteste Fall aus dem Jahre 1314, wo der Vermerk auf der Rückseite des Ori- 
ginals steht, während er in einigen späteren Originalen sich am Schlüsse des 
Kontextes findet; in den Registern und Konzepten finden sich Vermei"ke seit 
1316; sie stehen aber hier wie dort zunächst nur in einer Minderzahl von Ur- 
kunden; im ganzen sind bis 1331 nur 32 Vermerke bisher nachgewiesen; vgl. 
Heuberger, MIÖG. 33, 432ß^. — In Holland werden diese Vermerke nach einem 
vereinzelten Falle von 1817 seit 1319 in den Registern der Grafen am Rande 
verzeichnet und seit 1384 in die Urkunden selbst aufgenommen, vgl. Riems- 
mjK, Tresorie en Kanselarij S. 63 N. 5. 91 ff'. — In ÖsteiTcich begegnen sie 
zuerst seit 1347 unter Albrecht II. und häufiger unter Rudolf IV., vgl. 
Kürschner, SB. der Wiener Akademie 49, 630".; v. Wretschko, Das öster- 
reichische Marschallamt S. 1650". — In Brandenburg kommen nach SpangeJ?- 
berg, Hof- und Zenti'alverwaltung der Mark Brandenburg im Mittelalter S. 122 
N. 3, die Kanzleivermerke seit 1388 (? weiter unten heißt es „seit der zweiten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts") vor; ihre Fassung und Bedeutung in der Kanzlei 
der ersten HohenzoUerischen Markgrafen behandelt eingehend Lewinski 
S. 74 ff. 

* Der aber in den tirolischen und östen-eichischen und seit der Mitte des 
l.">. Jahrhunderts oft auch in den Königsurkunden fehlt. 

^ Adler, Die Organisation der Zentralverwaltung unter Maximilian I. 
S. 511ff.; Fellner-Kretschmavu, Veröffentlichungen der Kommission für neuere 
Geschichte Ü-sterreichs 6, 50ff. ; vgl. dazu Seeliger, Erzkanzler S. 80 N. 2; 
Walther, AfU. 2, 362. 

* Ihr zufolge soll der Kanzler unterzeichnen: ,,wa8 im rat beslosscn" worden 
ist, „mit den worten: comissio dornini rcgis in consilio, waz im aber durch 
kuniglichc majestät muntlichen bovolen wirdet: comissio domini regis proprio 
waz im aber durch ainen geschaeftherm angeschafft wurde, sol er underschreiben ; 
comissio domini regis propria per domimim N. 



Kanxleivermerke über den Beurkundungsbefehl 101 



nommen wird,^ der an die Kanzlei ergangene Beurkundungsbefehi ist;^ 
die Kanz;Jeivermerke des 14. Jahrhunderts entsprechen also durchaus 

' In Tirol ist die Formel der Vermerke voa der aller anderen Gebiete 
abweichend; sie lauten hier: nuncius dommus N. Später wird statt nuncius 
eommissor gesagt. 

- Vgl. LixDNER, S. 127 ff,; Seeliqer, MIÖG. 8, 15 (womit dieser seine 
früheren Ausführungen in der Dissertation über das deutsche Hofmeisteramt, 
in der er an den Fertiguiigsbefehl gedacht hatte, berichtigt); Lewinski S. 75ff. ; 
VAN Riemsdijk, Tresorie en Kansclarij S. 82; Heuberoer a. a. 0. S. 437 ff. ; Sa- 
MANEK, Kronrat S. 154 ft. Letzterem kann ich aber auch hier nicht in allem 
zustimmen. Insbesondere glaube ich nicht, daß das von Johann von Geln- 
hausen überlieferte Formular für die Ernennung eines Referendars, das erst 
dem Jahre 1368 angehört (vgl. Kaiser, Der CoUectarius perp. forinarum des 
Johann von Gelnhausen, Ötraßburg 1898, S. 50) und nur für Italien gilt, zur 
Erläuterung der in Deutschland seit 1347 vorkommenden Relationsvennerke 
herangezogen werden darf. — Dagegen denken v. Wretschko a. a. 0. S. 168 ff.. 
Erben, UL. S. 262 ff. (vgl. besonders S. 262 N. 3), und Redlich, Privaturkunden 
S. 168, (ebenso wie früher Öeeliger) bei der Besprechung dieser Vermerke an den 
„Fertigungsbefehl", d. h. nach der von Fickek eingeführten und allgemein 
rezipierten Terminologie an den auf Grund des geprüften und gebilligten Kon- 
zeptes (oder, wie Redlich hinzufügt, mindestens seines sachlichen Inhalts) ge- 
gebenen Befehl zur Herstellung der Reinschrift, v. Wretschko (dem Redlich 
darin folgt) begründet seine Ansicht, die ich ablehnen muß, damit, daß in 
österreichischen Urkunden bisweilen dem Vermerk dux per se, wozu nach der 
Analogie aller gleichzeitigen nicht österreichischen Vermerke sowohl wie der 
späteren österreichischen selbst iusstt oder praecepit oder conimisit zu er- 
gänzen ist, hinzugefügt wird midivit. Aber einmal ist es nicht zulässig, diesen 
Zu.satz nach den wenigen Vermerken, in denen er sich findet, auch für die 
große Mehrzahl derer vorauszusetzen, in denen er eben nicht steht. Sodann 
aber ist es höchst wahrscheinlich, worauf wir unten zurückkommen, daß das 
audivit in den österreichischen Urkunden ebenso wie das der brandenburgi- 
schen auf die Verlesung nicht des Konzeptes, sondern der Reinschrift vor dem 
Fürsten zu beziehen ist und also dem Fertigungsbefehl nicht vorangeht, son- 
dern auf die Herstellung der Reinschrift folgt. Denn der von v. Wretschko 
S. 168 N. 357 angeführte Vermerk von 1386, worin er „den besten Beweis" 
dafür erblickt, daß das Konzept und nicht die Reinschrift approbiei't wurde, 
beweist das zwar für den Einzelfall, in dem es sich um ein ganz unregel- 
mäßig außerhalb der Kanzlei entstandenes Konzept {notula concepta extra can- 
cellariam) handelte, das natürlich vom Herzog im Rat geprüft werden mußte, 
ehe es der Reinschrift zugrunde gelegt wurde; aber aus einem solchen Aus- 
nahmefall darf eben nicht auf die regelmäßige Geschäftsgebarung geschlossen 
werden. Wenn ferner Erben a. a. 0. die Vermerke nicht auf den Beurkun- 
dungsbefehl beziehen will, weil wir aus ihnen nicht erfahren „wer die recht- 
liche Entscheidung traf", so verkennt er die Natur des Beurkundungsbefehls. 
Dieser sagt an sich niemals aus, „wer die rechtliche Entscheidung traf", son- 
dern immer nur, von wem die Kanzlei den Befehl zur Anfertigung einer Ur- 
kunde erhielt : der Übermittler dieses Befehls war gewiß sehr oft (und immer, 
wenn es sich um den Herrscher oder den Rat handelte) derselbe, der die 
Techtliche Entscheidung getroffen hatte, aber notwendig war diese Identität 



102 Kanzleivermcrke über den Beurkundungshcfehl 



den Ambasciiitoreu-\'ermerkeu der frühkarolingischeii Zeit, von denen 
wir oben ^''ehandclt haben. ^ 

Einer besonderen Erörterung- bedarf aber für diese spätere Zeit 
die Frage, ob und in welciien Fällen der Beurkundungsbefehl, wenn 
in den Kanzleivermerken ohne Nennung des Herrschers eine andere 
Person als Auftraggeber bezeichnet wird, ohne des ersteren Wissen 
ijyraeter conscientiavi regis) erteilt worden ist und erteilt werden konnte. 
Selbstverständlich ist es, daß ein Spezialbefehl des Herrschers nicht 



nicht, nnd für die Fälie, in denen eine andere Person als Übermittler genannt 
wird, ist sie keineswegs unbedingt vorauszusetzen. — Sehr willkommen ist es, 
daß wir jftzt. dank den Fntersucliungon von van Riemsduk, einen ganz sicheren, 
nicht bloß auf Schlüssen, sondern auf einem ausdrücklichen Zeugnis beruhen- 
den Beweis dafür, daß die Vermerke auf den Beurkundungsbefehl zu beziehen 
sind, aus Holland beibringen können. Hier lautet der Vermerk zur Zeit des 
Grafen Willielm V., unter dem er feste Form gewonnen hat, iiissii domini 
comitis. Darauf folgen entweder mit dem einleitenden Worte presentibus 
die Namen einiger, zumeist zweier Männer, die bei der Erteilung des Befehls 
durch den Grafen anwesend waren, oder es folgen (wie man annehmen darf, 
dann, wenn der Notar den liefehl nicht unmittelbar von dem Grafen erhalten 
hat) die Worte ad relationevi oder per und dann einige Namen; zuweilen steht 
auch per commune con.silium. Xon diesen Vermerken redet nun einer der 
meist beschäftigen Notare Wilhelms V., Philipp von Leiden, in seiner Schrift 
De cura reipublicae et sovte principatus Casus LXIII (Werken der vereeniging 
tot uitgave der bronnen van het oude vaderlandsche recht, Twecde reeks n. 1, 
Haag 1900, S. 268): nam elerieus . . . qui dicitur notarius subscribit liiteras 
apertas\ primo nomwa dtiorum vel trium de consilio, qui huiusmodi concessioni 
inierfuerunt. Daraus ergibt sich also mit völliger Sicherheit, daß der iusi^uK 
eniniti.^, bei dem die genannten Männer gegenwärtig waren, eben der Beurkun- 
dungsbefehl, die concessio der Urkunde, ist. 

* Der Zweck der Vermerke war offenbar (und Philipp von Leiden sagt 
das ausdrücklich) die Verantwortlichkeit des ausfertigenden Kanzleibeamten 
durch die Nennung des Mannes, der ihm den Befehl zur Ausfertigung erteilt 
hatte, zu entlasten. Das muß man immer im Auge behalten, wenn man die 
auffallende Fassung einzelner Vermerke verstehen will. Wenn es z. B. im 
.lahre 1363 in zwei Urkunden Karls IV. (vgl. Lindner S. 128. 203) heißt: ad 
relationem Hombergerii comme)idatoris Boemie, cui eonimissia)ii, dum a ccsare 
fieret, se Olomucen.Hs episcopus interfuisse dicebat, so sieht man deutlich, wie 
der Notar, vielleicht aus einem gewissen Mißtrauen, dessen Grund wir nicht 
kennen, Wert darauf legte, den Bischof von Olmütz als Zeugen für den kaiser- 
lichen Beurkundungsbefehl zu nennen, den Homberger der Kanzlei übermittelt 
hatte. Daß zu solchem Mißtrauen oft Anlaß vorhanden sein konnte, sagt um 
dieselbe Zeit Philipp von Leiden, der an der in der vorhergehenden Note ange- 
führten Stelle fortfährt: et istud est valde pericitlosum clcricis, qtiia, si tales sub- 
ücripti negarent se factis huiustnodi interfuisse, prout aliqiiando fieri vidi, elerieus 
. . . suspectus est, et sie utilius esset, ut cousules (die Räte, die als presentes bei 
dem iussus comitis genannt werden) ipsi. sese subscriberent. 



Kanzleivermerke über den Beurkundungsbefehl 103 



erfolgte, wenn er schon vorher eine besondere Vollmacht auch zur 
Ausstellung von Urkunden in seinem Namen gegeben^ oder etwa für 
den Fall seiner Abwesenheit aus dem Reich oder aus einem Teile des 
Reiches Verweser ernannt hatte. Sicher ist ferner, daß Ladebriefe 
und Urteilsverkündigungen des Kammergerichts zwar im Xamen des 
Königs, aber ohne dessen Wissen und Genehmigung ausgestellt 
werden konnten.^ Ob und in welchem Umfang es aber auch sonst in 
Deutschland vorgekommen ist, daß einzelne Beamte oder Räte des Herr- 
schers, ohne dessen Willensmeinung im Einzelfalle einholen zu müssen, 
ermächtigt waren, die Ausfertigung von Urkunden über gewisse An- 
gelegenheiten anzuordnen, darüber haben wir keine zu sicherer Beant- 
wortung der gestellten Frage ausreichenden Nachrichten; aus der 
Tatsache allein, daß in dem A'ermerk über den Beurkunduugsbefehl 
der Herrscher nicht ausdrücklich genannt wird, darf jedoch darauf schwer- 
lich geschlossen werden, obwohl dies in neuerer Zeit mehrfach ge- 
schehen ist.^ Und im allgemeinen halte ich es nicht für wahrschein- 
lich, daß vor der Zeit Maximilians in Deutschland ohne die eonscientia 
des Königs irgendwie häufiger Urkunden in außergerichthchen An- 
gelegenheiten ausgestellt worden sind. Die städtischen G-esandtschafts- 
berichte, die uns über die Bemühungen der Gesandten, Urkunden zu 
erwirken, Kunde geben, erwähnen fast in allen Fällen, auch da, wo es 
sich nur um einfache Privilegienbestätigungen handelte, daß die letzte 
Entscheidung der König selbst gegeben hat, wie groß auch der Ein- 
fluß sein mochte, den andere Männer, z. B. der Kanzler, auf diese 
Entscheidung ausübten. Und noch in der Zeit Friedrichs III. enthalten 
die schriftlichen Ausfertigungen des Beurkundungsbefehls auf der Kanzlei 
zugesandten Zetteln {cedulae), die uns in nicht geringer Zahl erhalten 
sind,^ obwohl sie nur von einem „Geschäftsherrn" geschrieben und 



^ Vgl. z. B. Böhmer, Eeg. Lud. Bav. n. 543 oder für Österreich Kürschner, 
SB. der Wiener Akademie 49, 79. Besonders häufig und mißbräuchlich hat 
König Wenzel solche Vollmachten erteilt, vgl. Lindner, Archival. Zeitschrift 
4, 170 ff. 

- Das hat schon Seeligee, MIÖG. 8, 15 f., festgestellt. 

^ Das zeigt z. B. der S. 102 N. 1 besprochene Vermerk. Ohne den hin- 
zugefügten Relativsatz würde er einfach lauten: ad relationem Hombergcrii 
comm. Boenne. Erst dieser Relativsatz, der in ungewöhnUeher Weise an- 
gehängt ist, zeigt uns, daß eine kaiserliche commissio vorlag, und gerade 
seine Fassung cui eommissioni usw., was sich auf ad relatiojiem usw. bezieht, 
scheint zu beweisen, daß der Notar bei der relatio die kaiserliche commissio 
als eigentlich selbstverständlich betrachtete. 

* Mitgeteilt von Chmel, Mon. Habsburg. 1, S. XLff.; vgl. auch Seeligee, 
MIÖG. 8, 16f.; MIÖG. Erg. 3, 323 N. 3. 



104 Beurkundiingsbefehl. Pap stur künden 



untorsohrieben sind, fast ausnahmslos einen Hinweis auf die ausdrück- 
liche Anordnung des Königs.^ Erst unter Maximilian, der den Hofrat 
ebenso wie das Kammergericht zu einer fest organisierten Behörde 
machte, scheint das anders geworden zu sein, indem nun dem Rat 
weitgebende Vollmachten zu selbständiger Erledigung der Geschäfte 
nach Mebrheitslieschluß erteilt wurden. Doch auf diese neuzeitliche 
Eutwickeluug der Verhältnisse am Kaiserhofe ist hier nicht mehr ein- 
zugehen. 

Was die päpstliche Kanzlei betrifft, so sind wir über die Form 
des Beurkundungsbefehls nur für die letzten Jahrhunderte des Mittel- 
alters, für diese aber auch durch die uns erhaltenen Suppliken und 
Supplikenregister sowie durch die Kanzleiordnungen und Kanzleiregeln 
recht gut unterriclitet. Er wurde hier regelmäßig schriftlich erteilt 
und auf den Suppliken selbst eingetragen, was man supplicationem 
signare nannte. Die Suppliken, die dem Papst selbst zur Bescheidung 
vorgelegt wurden, signierte dieser eigenhändig,- in den meisten Fällen, 
wie schon früher erwähnt wurde, durch das Wort fiat, das, wenn in 
einer Supplik mehrere Bitten gestellt waren, gewöhnlich jeder ein- 
zelnen, die bewilligt werden sollte, hinzugefügt wurde. Daneben finden 
sich aber auch Erweiterungen und Zusätze zu dem fiat\ schon auf den 
beiden ältesten, uns erhaltenen Originalsuppliken, die Jakob II. von 
Araguuien eingereicht hat,^ hat Bonifaz VIII. einmal dem fiat eine 
Einschränkung hinzugefügt und zugleich eine Bestimmung über die 
Verwendung des dem König bewilligten Zehnten getroffen, und über 
eine andere Bitte hat er sich weitere Verhandlungen vorbehalten, 
während er zwei Bitten des Königs überhaupt nicht genehmigt hat. 
Auch später kommen häufig statt des einfachen fiat längere Sätze vor, 
insbesondere dann, wenn der Papst eine Bitte nur zum Teil oder nur 
unter bestimmten Bedingungen oder mit bestimmten Vorbehalten 



* So steht z. B. auf einer deni Kaiser eingereichten und der Kanzlei 
übersandten Petition: Lieber her Weigand! Meyns hern gnad hat solich 
manung geschafft. Sigmund von Niderntor. In anderen Fällen heißt es: 
unser her der Kaiser hat geschafft; u. h. d. K. hat pevolhen; scitote maiestatem 
imperialem iussisse usw. 

* Die Eigenhändigkeit der Fiat-Signaturen ist schon für das 14. Jahr- 
hundert durch zahlreiche Zeugnisse der Kanzleirogeln und der Suppliken- 
register sowie die uns erhaltenen Originalsuppliken völlig gesichert, und es ist 
unbegreiflich, wie immer wieder Zweifel daran geäußert werden können. Vgl. 
auch HiioM, Guide aux archives du Vatican S. 55f. Über Vertretungen und 
Ausnahmen s. unten. 

3 S. oben S. 11. 



Signierung der Suppliken an den Papst 105 

genehmigen wollte;^ ebenso sind im 14. uud 15. Jabrlumdert Zusätze 
zu dem fiat sehr gewöhnlich; sie werden in feste Formen gefaßt, uud 
die Kanzleiregeln dieser Jahrhunderte enthalten ausführliche Bestim- 
mungen darüber, bei welchen Gnadenbewilliguugen die Signatur mit 
dem Worte fiat allein [signatura per simplcx fiat) genüge, in welchen 
Fällen eine Signierung mit den Worten fiat ut petitur, fiat de oinnilus, 
fiat et dispensatuHs, fiat in forma oder mit anderen Zusätzen erforder- 
lich sei, und welche Bedeutung diese Signaturformeln haben.^ 

Seit der Zeit Johanns XXII.^ war es üblich, daß der Papst 
seinem Bescheide auf der Supplik einen Majuskelbuchstaben hinzu- 
fügte, den wir als den Siguaturbuchstaben bezeichnen. Die Signatiir- 
buchstaben der Päpste des 14. und 15. Jahrhunderts sind die fol- 
genden: 

Alexander V. . . P. 

Johann XXIII. . B. 

Martin V 0. 

Eugen IV G. 

Nikolaus V. ... T. 

Calixt III A. 

Plus II E. 

Paul II P. 

Sixtus lY F. 

Innocenz VIII. . . I. 

Alexander VI. . . R.* 
Gregor XII — 



Johann XXII. 


. . B. 


Benedikt XII. 


. B. 


Clemens VI. . 


. . R. 


Innocenz VI. . 


. G. 


Urban V. . . . 


. B. 


Gregor XL . . 


. R. 


Urban VI. . . 


. . — 


Clemens VII. . 


. . G. 


Benedikt XIII. 


. . L. 


Bonifaz IX. . . 


. . P. 


Innocenz VII. 


. . C. 



> Man lernt diese Bescheide aus allen neueren Publikationen kennen, in 
denen die päpstlichen Supplikenregister benutzt sind; vgl. z. B. die Zusammen- 
stellung von RiEDEK, Rom. Quellen zur Konstanzer Bistumsgeschichte S. XXV f. 
— Bei Nichtgenehmigung einer Petition blieb das fiat fort; sollte ein Teil einer 
Bitte, z. B. eine Klausel, die der Petent wünschte, nicht genehmigt werden, so 
durchstrich der Papst die betreffenden Worte in der Originalsupplik. 

2 Die Stellen der Kanzleirogeln, die über einfaches fiat und fictf ut petitur 
handeln, hat v. Ottenthal, Reg. cancell. S. 309, verzeichnet. Über andere 
Varianten vgl. z. B. den Abschnitt de expeditimie litterarum in den Kanzlei- 
regeln Johanns XXIII., V. Ottenthal S. 173ff. Vgl. auch Kochendörfkeb, Boni- 
fatius IX. S. 30 f. 

3 Unter Bonifaz VIII. war, wie uns die oben erwähnten Originalsuppliken 
Jakobs II. von Aragonien lehren, die Hinzufügung eines solchen Buchstabens 
zu dem durch fiut oder eine andere Formel erteilten Bescheide noch nicht 
üblich. Seine Einführung wird wohl eine Neuerung Johanns XXII. sein. 

* Vgl. Kochendürffer, Bonifatius IX. S. 30 N. 125 (wo für Gregor XI 
in-ig B statt R angegeben ist) und Lichatschev S. 140 ff. Der Buchstabe B ist 



106 Signiernn{j der Suppliken an den Papst 



Seit der Zeit Bnuilaz" IX. eutspriclit der Signaturbiiclistabe jedes- 
mal dem Anfangsbuchstaben des Taiifnameus, den der Papst vor seiner 
Wahl geführt hatte. ^ Dagegen ist eine feste Regel für die Wahl des 
Buchstabens in der Zeit vc-r Bonifaz IX. bis jetzt noch nicht gefunden. 
In einigen Fällen, so bei Clemens VI. (Petrus Rogerii), Gregor XL 
(Petrus llogeriij, Clemens VII. (Robertus Gebennensis) und Benedikt XIII. 
(Petrus de Luna) stimmt der Signaturbuchstabe mit dem Anfangs- 
buchstaben des Geschlechts- oder Beinamens des Papstes überein, und 
dies wird gewiß nicht auf bloßem Zufall beruhen ;2 bei Johann XXII., 
Benedikt XII., Innocenz VI. und Urban V. besteht aber eine solche 
Übereinstimmung entweder überhaupt nicht oder ist wenigstens noch 
nicht nachweisbar, und was für diese Päpste bei der Wahl des Sig- 
naturbuchstabens nuißgebend gewesen ist, bleibt \ms bis jetzt noch 
verborgen. 

Vorbereitet wurde die durch den Beurkundungsbefehl zum Aus- 
druck gebrachte Entscheidung des Papstes seit dem Anfang des 
14. Jahrhunderts von den Referendaren,^ und diese wirkten auch mit, 
wenn der Vizekanzler im Auftrage und in Vollmacht des Papstes über 
die Suppliken entschied und die Beurkundung befahl. 

Schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, zu der Zeit, als 
der Kardinal Guala Bichieri sein früher^ besprochenes Formular an 
den Papst verfaßte, lag die Bescheidung aller Suppliken de simplici 
iustüia dem Vizekanzler ob.^ Darunter verstand man Bittschriften 



für Johann XXII. und Benedikt XII. gegen frühere Zweifel (vgl. z. B. Teige, 
MlÜG. 17, 419) völlig gesichert durch die in dem Register des Andreas Sapili 
und dem Formularbuch des Heinrie-h Bucglant (s. oben S. 11 X. 3) erhaltenen Sup- 
pliken. Der Buchstabe L für Benedikt XIII., den Koihendörffer und Liohat- 
si HEV noch nicht kannten, ergibt sich aus den Suppliken, die Denifle im 
4. Bande des Chartularium universitatis Parisiensis mitgeteilt hat. Die Sig- 
naturbuchstaben Urbans VI. und Gregors XII. sind bis jetzt noch unbekannt; 
was LicHATscHEV für Urban VI. aus der von ihm Tafel IP. III mitgeteilten 
Supplik gefolgert hat, ist ganz irrig, vgl, Tangl, XA, 33, 583 und BEBLiiiKE, 
Revue Benedictine 25, 39, 

* Man beachte bei Pius II., daß er seinen Vornamen Eneas schrieb. 

* Soweit also, aber auch nur soweit wird die von Lichatschev a. a. 0. 
verfochtene These anzuerkennen sein. 

3 S. oben S, 10, 

* S, oben S, 5. 

" Das ergibt sich aus den Worten Gualas, AfU. 1, 502: sunt enim qiie- 
daiii {seil, pctitioncs) de simplici iusticia, que de facili intpetranlu?-, quia coram 
papa non Icgimtiir . . . Alie vero . . . ex bcneficio pape i»ipetrantur et ex pura 
eins conscientia debent emanare. Vgl. auch die sächsische Summa prosarum 



Signierung der Suppliken an den Papst 10' 



um die Bestellung delegierter Eichter in Klagesachen , iu denen die 
römische Kurie ihre Gerichtsbarkeit als kompetent betrachtete.^ Später 
erst wurde dem Vizekanzler, bzw. seinem Stellvertreter, auch an der 
Signierung der Petitionen in Gnadensachen ein Anteil eingeräumt, der 
ihm zur Zeit des Kardinals Guala noch nicht zukam. Wann das zu- 
erst geschehen ist, bedarf noch weiterer Untersuchung, die freilich 
durch die Beschafienheit der Überlieferung sehr erschwert ist. Ein- 
zelne Spuren einer Mitwirkung des Vizekanzlers bei der Bewilligung 
von Gratialurkunden finden sich schon in den Supplikenregistern 
Clemens' VI.; daß sie unter Innocenz VI, bestand, erhellt aus den Kanzlei- 
regeln Urbans V,, in deren erster der Vizekanzler Petrus de Monteruco 
beauftragt wurde, auf Grund der Petitionen um Gratien und Privi- 
legien, die bei Lebzeiten Innocenz' VI. von diesem oder von dem eben 



dictaminis QE. 9. 222 f., die damit ganz übereinstimmt. Auch der Eid des 
"\'izekanzlers (s. Bd. 1, 273) setzt voraus, daß er von Amts wegen ohne papst- 
lichen Befehl gewisse Briefe anfertigen lassen kann. 

* Dazu gehören außer den Appellationen gegen Urteile niederer geist- 
licher Gerichte auch zahlreiche Rechtsfälle in erster Instanz, teils wegen der 
beteiligten Prozeßparteien (Kleriker, Kreuzfahrer, Witwen und andere mise- 
rabiles personae), teils wegen des Gegenstandes, um den es sich handelt (Ehe- 
sachen, fromme Stiftungen, Testamente usw.). Über den Umfang dieser ordent- 
lichen Kompetenz der römischen Gerichtsbarkeit haben die Anschauungen im 
Laufe der Zeit gewechselt; näher kann hier darauf nicht eingegangen werden; 
vgl. für das 13. Jahrhundert Guala a. a. 0., ferner die Beispiele bei Bonaguida 
von Arezzo, MIÜG. 17, 41 2 f. und über das Dekretalenrecht im allgemeinen 
Phillii'S, Lehrb. des Kirehenrechts^ S. 374ff. ; füi-'das Ende des 14. .Jahrhunderts 
den Eingang des Stilus palatii Dietrichs von Nieheim (Erler, Jjib. eancell. 
S. 217f.); für das Ende des 1.5. Jahrhunderts die Practica cancellariae des 
Hieronymus Pauli (Lugduni 1.549) S. 41 fl'., dazu Teige, Audientia litt, contra- 
dict. S. 44. — Abgesehen von dieser ordentlichen Kompetenz gewährte die 
römische Kurie in Fällen, qtiae noii fuerunt ac sunt ad Romanain euriam dr. 
sui natura ler/itime devohitae (so der in solchen Fällen gewöhnliche Ausdruck 
der Suppliken) dann Rechtshilfe, wenn die ordentliche, weltliche Gerichtsbar- 
keit versagte, sei es wegen Rechtsverweigerung, sei es weil eine Prozeßpartei 
wegen der Übermacht der anderen außerhalb der römischen Kurie kein Recht 
erlangen konnte oder dies wenigstens vorgab. Über solche Suppliken durfte 
indes der Vizekanzler nur nach eingeholtem Spezialbefehl des Papstes {de man- 
. dato do7?n'nino.'<tnpape) entscheiden; bisweilen, aber wohl nur selten, mögen sie 
auch vom Papste selbst beschieden worden sein, wie in dem Falle bei Rieder, 
Rom. Quellen zur Konstanzer J3istumsgesch. 1, 79 n. 358, wo deshalb die Supplik 
ausnahmsweise auch registriert worden ist. Da aber in solchen Fällen dii« 
Entscheidung! stets iu Rom erfolgte, so kam es dabei behufs Einleitung des 
Prozesses überhaupt nicht zur Ausfertigung von Papsturkunden, die, wie wir 
früher gesehen haben (oben S. 21), nur bei eommissiones in partibus ausgestellt 
wurden. 



108 Signierung der Suppliken an den Papst 



ö 



genannten Vizekanzler uder von dessen Vorgänger Petrus de Pratis 
signiert worden seien, Urkunden unter dem Namen Urbans ausfertigen 
und besiegeln zu lassen; ausgenommen davon wurden nur die Peti- 
tionen, in denen um Exp(-ktanzen und Dispensationen in Benetizial- 
saohen gebeten wurde.' Urban V. selbst und seine Nachfolger haben 
dann in mehreren ihrer Kanzleiregeln Bestimmungen über die Be- 
fugnis des A'izekauzlers oder seines Stellvertreters zur Signierung von 
Petitionen in Justiz- und Gnadensachen getr(jtfen,- und Benedikt XIIL 
hat in seine systematische Bearbeitung der Kanzleiregeln einen eigenen 
Abschnitt de potestate vieecaficeUarii aufgenommen, der diese Voll- 
marhten spezifiziert; dieser Abschnitt ist seit Johann XXIII. ein fest- 
stehender Bestandteil der Regeln geworden und hat unter den Päpsten 
des 15. Jahrhunderts mehrfach neue Erweiterungen erhalten, gelegent- 
lich aber auch einige Einschränkungen erfahren. 

Die Vizekanzler signierten die Petitionen, wie bereits früher ge- 
sagt ist, nicht mit der dem Papste vorbehaltenen Formel fiat, sondern 
mit der Formel concessum, die wie das päpstliche fiat durch Zusätze 
wie etwa concessum ut petitur^ concessum pro omnibus usw. erweitert 
werden konnte. Im 14. Jahrhundert fügte der Kanzleichef der Formel 
concessum seine Namensunterschrift nicht hinzu; unter Eugen IV. da- 
gegen war das Brauch,^ und ob dieser Brauch schon vorher auf- 
gekommen ist, bedarf noch weiterer Untersuchung. Unter Eugen IV. 
wurde dann noch ein anderes üblich. Als der Papst im Herbst 1431 
erkrankte, übertrug er dem Kanzleichef auch die Signierung der sonst 
seiner eigenen Entscheidung vorbehaltenen Suppliken; und für diese 
Signatur bürgerte sich nach einigem Schwanken allmählich die Formel 
concessum in preseyicia domini nostri pape (mit Unterschrift des Kanzlei- 
chefsj ein.^ Diese Suppliken wurden regelmäßig von zwei Referen- 
daren am oberen Rande gegengezeichnet, und solche Gegenzeichnung 
durch zwei oder drei Referendare war schon von Martin V. auch für 
gewisse Arten der vom Vizekanzler mit einfachem concessum zu sig- 
nierenden Bittschriften vorgeschrieben worden, während unter Eugen IV. 
die Unterschrift drei Gegenzeichnungen gar nicht mehr verlangt und 



' V. Ottenthal, Rfg. cancell. S. 14 n. 1. 

* Die Stellfn sind im Register v. Ottentiials unter den Schlagwoi'ten con- 
cessum, signatura und vicecancdlarius zusammengestellt. Vgl. auch Otten- 

THAL S.XVIf. 

^ Vgl. z. B. Denifle, Chartul. univers. Paris 4, .509 n. 2368 vom 28. Mai 
14:U: coNcesst/m ut petitur B. Qradctt. und dazu Repertor. Germanic. 1, XVII. 

* Repertor. Germanic. a. a. 0.; auch in der Datierung der Supplik wurde 
in diesem Falle zu dattivi hinzugefügt in prcsencia domini nostri pape. 



Signierung der Suppliken an den Papst 109 



bei einer Art von Suppliken sogar die Gegenzeichnung nur eines Re- 
ferendars für ausreichend erklärt wurde. ^ 

Die Signierung von Gratialsuppliken durcli einen Vertreter des 
Papstes mit der Formel concessum in presencia domini nostri pape ist 
unter Eugen IV. auch nach der Wiederherstellung der Gesundheit des 
Papstes in nicht wenigen Fällen beibehalten worden, weil diesem da- 
durch eine zeitraubende und gewiß oft genug sehr ermüdende Be- 
schäftigung erspart wurde. Sie ist aber gleichfalls schon unter Eugen IV. 
auch Referendaren übertragen worden;^ und in der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts muß der Vizekanzler von dieser Art der Signierung 
ganz ausgeschlossen worden sein:^ am Ende des Jahrhunderts ist sie 
ausschließlich einem der Referendare, den der Papst mit dieser Funk- 
tion betraute, vorbehalten.^ Demnach sind am Ausgang des Mittel- 
alters drei Hauptformeln der Signatur im Gebrauch: die Formel fiat^ 
wenn der Papst persünlich signierte; die Formel concessum in presencia 
domini nostri pape, wenn der zur Signatur ermächtigte Referendar den 
Papst vertrat, endlich die einfache Formel concessum, (oder in gewissen 
Fällen concessum de mayidato domini nostri pape), wenn der Vizekanzler 
oder ein den Vizekanzler vertretender Referendar kraft der dem Vize- 
kanzler ein für allemal übertragenen potestas^ die Suppük genehmigte. 



1 Vgl. Ottexthal, Reg. canc. S. 208 n. 97. 213 n. 112. 216 u. 121. 222 
n. 136. 225 n. 148. 235 n. 200. 250 n. 90. 251 n. 92. 251 n. 97. Die drei letzten 
Regeln sind von Eugen IV. Über die Bestimmungen Nikolaus' V., der erst von 
der Gegenzeichnung der Referendare Abstand genommen zu haben, später aber 
zu den Anordnungen Eugens zurückgekehrt zu sein scheint, vgl. Ottexthal 
a. a. 0. S. 268. 

2 Vgl. z. B. die bei Cernik, Jahrb. des Stiftes Klosterneuburg 4, 334 n. 1 
abgedruckte Supplik, die der Referendar Johannes von Mella, Bischof von Za- 
mora, der erst unter Calixt III. Kanzleichef {regcns canceUariam) wurde (Bd. 1 
S. 266), signiert hat. 

3 Im einzelnen können wir diesen Vorgang aus den bisher bekannt ge- 
wordenen Quellen noch nicht verfolgen. 

* Von diesem spricht die Practica cancellariae von 1494 (ed. Schmitz- 
Kallenberg S. 16); sie sagt von ihm: in paUacio communiter residet refcren- 
darius, ein papa specialiter commiUit signare huius modi supplicatioiiem, sicut 
est reverenius Ardieinus episcopus Aleriensis et signat quottidie et ut in pluri- 
mum est episcopus. S. 17 wird er referendarius principalis genannt. Im An- 
fang des 16. Jahrhunderts war ihm die Signatur aller Suppliken in Benefizial- 
sachen übertragen, wenn es sich nicht um beneficia reservata et in curia va- 
cantia handelte: die Signatur von Suppliken, welche die letzteren betrafen, 
hatte sich der Papst vorbehalten, QFIA. 2, 19. 

5 S. oben S. 108. Daß auch der Vizekanzler sich bei der Signatur der 
Justizsupplikationen bisweilen durch einen Referendar vertreten ließ, ergibt 
sich u. a. aus der Bulle Sixtus IV. von 1479, wo es in § 16 (Tasgl, KO. S. 203) 



10 Datierung der Suppliken 



Auf die Siguierung der Siipplilv folgte, wenigstens seit der Zeit 
Joliauns XXII.,^ iiiimittelbar ihre Datierung. Sie war aber nur bei den 
Suiipliken notwendig und üblich, auf Grund deren Urkunden aus- 
gefertigt werden sollten; demgemäß wurden von den Justizsup])liken 
nur diejenigen, die zu einer commissio in jiartihus , d.h. zur Bestellung 
delegierter llichter außerhalb der Kurie, führten, datiert, diejenigen 
aber, auf Grund deren ein Auditor an der römischen Kurie selbst be- 
stellt wurde, blieben, da sie zur Ausfertigung einer Urkunde nicht 
führten, ohne Datum. Ebenso blieben undatiert diejenigen Gratial- 
suppliken, bei denen durch besondere Verfügung auf Grund der 
Klausel et quod presentis snpplicationis sola signatura sufficiat ahsque 
aliarum litterarum desuper confeciione von der Ausstellung einer eigent- 
lichen Urkunde abgesehen wurde.^ Doch hat für eine Kategorie dieser 
Suppliken, die sog. confessionalia, Innocenz VIII. im Jahre 1488 an- 
geordnet, daß sie datiert werden sollten.^ 

Alle anderen Suppliken wurden gleich nach der Signatur datiert. 
Die Datierung, die sie erhielten, war besonders bei den Gratial- 
suppliken von außerordentlicher Wichtigkeit; denn von dem in der 
Datierung angegebenen Zeitpunkt ab hatte, da dieser später in dem 
Konzept und danach in der Reinschrift der Urkunde wiederholt wurde, 
ihr Empfänger einen Anspruch auf die in der Urkunde verliehene 
Gnade, was namentlich bei den Provisionsurknnden von größter Be- 
deutung war. Normalerweise hätte demnach die Datierung der Supplik 
dem Zeitpunkt des Beurkundungsbefehls, d. h. der Bewilligung der 
Gnade, entsprechen müssen; das war aber in Wirklichkeit keineswegs 
immer der Fall; vielmehr wurden, worauf später noch zurückzukommen 
ist,'* die Suppliken sehr oft auf Grund allgemeiner oder im Einzelfall 



heißt: umis ex referendariis causarum commissionum, qui commissiones ipsas 
examinat diligentur et illarum vim et effectu)» . . . Roderico episcopo et vice- 
cancellario refert et de eins nomine et vice nonnumquam signat. 

' Für die frühere Zeit ist darüber nicht sicher zu urteilen, da wir da- 
tierte Originalsupplikeu vor Clemens VI. nicht kennen. Die einzigen uns er- 
haltenen Originalsuppliken aus der Zeit ]?onifaz' VIII. (oben S. 11) sind zwar 
signiert, aber nicht datiert. Dagegen ist die Datierung der Suppliken unter 
.lohann XXII. sicher schon üblich gewesen, wie eine seiner Kanzleiregeln 
(MIÖG. 17, 429 n. 42) beweist. Auch finden sich Abschriften datierter Sup- 
pliken aus seiner Zeit in dem Registerbuch des Sapiti, Hist. Jahrb. 14, 587 ff. 
Vielleicht ist auch die Supplikendatierung von diesem Papste eingeführt worden, 
s. oVjen S. 105 N. 3. 

* Vgl. oben S. 24 f. und S. 25 N. 1 über einen Ausnahmefall von 1472. 

* SciiMiTz-KALLbNUERG, Practica S. XXII N. 4. 

* S. unten Kapitel Datierung. 



Datierung der Suppliken 111 



gegebener päpstlicher Anordnungen rückdatiert, d. li. mit einem Datum 
versehen, das vor dem Zeitpunkt der wirklichen Eintragung der Da- 
tierung lag. Das aber ist klar, daß bei der großen Wichtigkeit, die 
unter diesen Umständen die Eintragung der Datierung hatte, sie nur 
besonders vertrauenswürdigen Beamten übertragen werden konnte. 

Die Suppliken, die der Kanzleichef kraft seiner potestas signierte, 
wurden, wie sich jetzt aus den uns erhalteneu Origiualsupplikeu des 
14. Jahrhunderts mit zweifelloser Sicherheit ergibt, von ihm selbst 
eigenhändig datiert, und zwar gilt das, wenigstens für diese Zeit,^ für 
alle von ihm signierten Bittschriften sowohl in Gnaden- wie in Justiz- 
sachen, soweit sie überhaupt eine Datierung erhielten. Die Eormel 
seiner Signatur lautete also z. B.: concessum (mit oder ohne Zusätze 
je nach Lage des Falles) Avinione (Rome) IL kal. iul. anno seeundo? 
Recipe N. N. P. Pampilonensis. 

Bei den Suppliken dagegen, die vom Papste selbst mit fiat, und 
ebenso bei denen, die seit der Zeit Eugens IV. von dem Kanzleichef 
oder einem Referendar mit der Formel concessum in presencia domini 
nostri pape signiert wurden, wurde die Datierung, wenigstens seit der 
Avignonesischen Zeit, unter dieser Signatur und mit dem einleitenden 
"Worte datum von einem anderen Manne eingetragen ;3 und es erhellt 
wiederum aus den uns erhaltenen Originalsuppliken des 14. Jahrhun- 
derts, daß während eines bestimmten längeren oder kürzeren Zeit- 
raumes immer ein und derselbe Mann diese Eintragung bewirkt hat. 



^ Die vom Vizekanzler signierten Originalsuppliken, die ich kenne, ge- 
hören alle der Zeit vor dem großen Schisma von 1378 an. Wie lange dies 
Verfahren beobachtet wurde, bedarf noch genauerer Untersuchung an späteren 
mit der Signatur des Vizekanzlers versehenen Originalsuppliken, wenn solche 
überhaupt erhalten sind. Aus dem Schlußsatze der 1 2. Kanzlciregel Gregors XII. 
(v. Ottenthal, Reg. cancell. S. 81) darf man folgern, daß damals noch das alte Ver- 
fahren beibehalten war; eben dasselbe lehrt die 2b. Kanzleiregel Martins V. 
(a. a. O. S. 193), wenn, wie ich annehme, in deni Satze nisi per dominum 
eicecancellariuvt, data reperiaiur apposiia singulis j)6Utionibiif< antedictis die 
Worte per dorn, viceeanc. mit apposita und nicht mit reperiatur zu ver- 
binden sind. 

- Es ist zu beachten, daß hier zwischen concessum und den Ort- und Zeit- 
angaben das Wort datum nicht gesetzt wird, das neuere Herausgeber, auch 
der kundige Denifle, bei C'owce.«.<.M;/^Suppliken, die sie den Registern ent- 
nommen haben, zu Unrecht ergänzen zu sollen geglaubt haben. 

^ Für das folgende vgl. L. Ceuer, Les dataires du XV' siecle et les ori- 
gines de la daterie apostolique (Bibliotheque des ecoles fran^aises d'Atht'ues et 
de Rome fasc. 103). Paris 1910. Daß sich über die Vorgeschichte des Amtes 
noch erheblich mehr ermitteln läßt, als Gelier gelungen ist, wird sich im fol- 
genden zeigen. 



1 1 "J Dalierung der Suppliken 



Über >.amfii und Stellung der Männer, die diese Funktion aus- 
geübt haben, erfahren wir unmittelbar aus den Quellen, die für diese 
Zeit bisher bekannt geworden sind, fast nichts. In den Kanzleiregeln 
des 14. Jahrhunderts ist von ihrer Tätigkeit gar nicht, in denen, die 
aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts vor der Beilegung des großen 
Schisma stammen, ist nur zweimal davon die Rede. Benedikt XIII. 
hat — wahrscheinlich im Dezember 1406 — angeordnet, daß der da- 
tierende Beamte [ille qui datahit) außer dem Datum, mit dem die 
Supplik versehen wurde und das, wie wir schon erwähnten, niclit 
immer dem Zeitpunkt der wirklichen Signierung entsprach, auch das 
Datum der letzteren auf der Rückseite der Supplik vermerken und 
daß dies auch am Rande des Supplikenregisters eingetragen werden 
solle. Und Johann XXIII. hat im Jahre 1410 bestimmt, daß auf 
Grund von Suppliken, für die ein bestimmtes, ein für allemal fest- 
gesetztes Datum durch den Vermerk suh data consueta bewilligt worden 
sei, Urkunden nur ausgefertigt werden sollten, wenn dies Datum aus- 
drücklich von dem Papst oder von dem datator, wie es hier heißt, 
auf der Supplik eingetragen sei.^ Aus den Supplikenregistem aber ist 
für die frühere Zeit noch weitere Auflärung zu gewinnen."^ Stellt man 
nämlich die Vermerke zusammen, in denen die Supplikeuregistratoren 
über Korrekturen berichten, die an den Originalsuppliken oder in den 
Supplikenregistem vorgenommen worden sind und die sich teils auf 
den Text, teils auf die Datierung der Suppliken beziehen, so ergibt 
sich, daß solche Änderungen, soweit sie nicht vom Papste selbst oder 
von dem Vizekanzler ausgingen, während eines kürzeren oder längeren 
Zeitabschnitts fast ausnahmslos immer von einem und demselben Mann 
vorgenommen oder augeordnet worden sind. Und es zeigt sich weiter, 
daß es meistens derselbe Mann ist, der in derselben Zeit schon vor der 
Signatur der Supplik eine für ihre Genehmigung erforderliche Hand- 
lung erm(>glicht hat, indem er, wenn zwei Kleriker ihre Benefizien zu 
vertauschen wünschten, kraft päpstlicher Vollmacht die Resignation 
dieser Benefizien entgegennimmt, die dann auf Grund einer Supplik 
durch eine Provisionsurkunde gemäß dem Wunsche der Tauschenden 
neu verliehen wurden. Unter Clemens VI. hat diese Stellung zuerst, 
soviel ich bis jetzt sehen kann, der Notar Wilhelm von Aigrefeuille 
(Guillelmus de Agrifolio), Prior von Abbeville, dann erwählter Erz- 
bischof von Saragossa, vor seiner Erhebung zum Kardinal von S. Maria 



' V. Ottenthai,, Reg. cancell. S. 153 u. 157 mit N. 4. S. 180 n. 36. Diese 
beiden Stellen hat auch Cemek S. 76 f. erwähnt. 
* Bei Cemeu findet man nichts darüber. 



Datierung der Suppliken. Datare 113 



trans Tiberim in den Jahren 1345 — 1349 innegehabt; dann ging sie 
1350 an den Notar Guillelmus de Bordis über, der noch in dem- 
selben Jahr erwählter Erzbischof von Embrun wurde und der bis zum 
Tode Clemens' VI. dies Yertrauensamt behielt.^ Unter Innocenz VI. 
war dieselbe Funktion nacheinander zwei Xepoten des Papstes über- 
tragen, zuerst dem Audoinus Auberti, der schon Kardinal war (er 
wurde cardinalis Magalonensis genannt) und sie nur kurze Zeit aus- 
übte, dann dem Notar Arnaldus Auberti, der 1354 zum Bischof von 
Agde, in demselben Jahr zum Bischof von Carcassonne und 1357 zum 
Erzbischof von Auch ernannt wurde und in letzterer Stellung gleich- 
zeitig das Amt eines päpstlichen Kämmerers bekleidete.^ Es kann 
keinem Zweifel unterliegen, daß wir in eben diesen Männern die „Data- 
toren" der Päpste zu erkennen haben,^ und es wird, nachdem dies er- 
kannt ist, keine Schwierigkeit mehr machen, soweit uns die Suppliken- 
registef erhalten sind, ihre Namen auch schon für das 14. und den 
Anfang des 15. Jahrhunderts festzustellen. 

Wahrscheinlich Martin Y. ist es gewesen, der dann aus dieser 
Vertrauensstellung ein festes und ständiges Amt machte, dessen Träger 
von nun an den Titel datarius führte. Der erste dieser Datare war 



' Über Aigrefeuille vgl. Berliere, Analecta Vatieano-Belgica 1 (Suppli- 
ques de Clement VI.), n. M2. 1057. 1296. 1421. 1444. 1842. 1861, Okt. 1345 
bis Dez. 1349. Er begegnet dann ausnahmsweise noch einmal am 26. Aug. 
1350 (n. 2060) in gleicher Tätigkeit, als sein Nachfolger schon eingetreten ist, 
aus welchem Anlaß, ist nicht zu erkennen. — Über de Bordis vgl. ebenda 
S. XXVII und n. 1897. 2010. 2038. 2103. 2120. 2208. 2209. 2354. 2495, ferner 
über die von ihm entgegengenommenen Resignationen n. 1901. 1937. 2007. 
2071. 2183. 2184. 2225. 2236. 2237. 230*3. 2314. 2338. 2368. 2414. 2415. 2478. 
2479. Er kommt auch vor in den Monum. Vaticana res gestas Bohem. illustrantia 
1, n. 1351. 1380 und bei Rieder, Römische Quellen zur Konstanzer Bistums- 
geschichte n. 106. 107. 1199. 1200; er wird sich auch wohl noch aus anderen 
Publikationen, die ich zu diesem Behufe nicht durchgesehen habe, nachweisen 
lassen. 

* Ich führe nur aus Berlieres, Analecta Vatieano-Belgica 5 (Suppliques 
d'Innocent VI.) einige Belege an. Über Korrekturen des Cardinalis Maga- 
lonensis in den Suppliken vgl. daselbst n. 62. 100. 104. 118. Für Arnaldus 
Auberti vgl. n. 211. 234. 235. 249. 250. 275. 347. 381. 385. 461. 513. 688. 759. 
858. 907. 934. 968. 1165. 1167. 1230. 1261. 1275. 1362. 1727. 1766; von ihm 
angenommene Resignationen z. B. n. 570. 621. 964 usw. Vgl. im übrigen über 
beide Männer das Bulletin de la commission royalc dhistoire (de Belgique) 
75, 158 ff. 201 ff. 

^ Völlig beweiskräftig ist in dieser Beziehung eine Eintragung im Sup- 
plikenregister Innocenz' VI. (Beuli^.re a. a. 0. n. 440): Ista additio erat in qua- 
dam cedula scripta prime siipplicattoni annexa et mann domini pape signata 
ac per manum domini A. electi Agat/iefisis (d. i. Arnaldus Auberti) datata. 
B r e ß 1 a u , Urknndenlehre. 2. Aufl. II. 8 



1 1 4 Datierung der Suppliken. Datare 



der mag. Jobaunes de Feys von Arezzo, der außerdem Abbreviatur 
und Scriptor in der Kanzlei und Scriptor in der Poenitentiaria war; 
er begegnet in den Jabren 1418 und 1419, und nacb ihm sind 
weiter bis zum Jahre 15U3 noch elf andere Iniiaber des Amtes nach- 
gewiesen.^ Das Amt hat in dieser Zeit immer mehr an Bedeutung 
gewonnen ; unter seinen Inhabern finden wir im 15. Jahrhundert die 
hervorragenden Humanisten Maflfeus Yegius und Laurentius Roverella, 
den Beichtvater Calixts IIL Cosmas de Monteserrato, und zeitweiliger 
Vertreter des Datars war Johannes Baptista Cibo, der nachmalige Papst 
Innocenz Yll. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sind alle Da- 
tarc während ihrer Amtszeit Bischöfe geworden, wenn sie es nicht 
vorher schon waren; die meisten vereinigten mit dem Datariat auch 
die angesehene Stellung eines Protonotars und waren zugleich Referen- 
dare, hatten also schon infolgedessen auch an den Verhandlungen über 
die materielle Erledigung der Suppliken Anteil. Abgesehen von ihren 
mit der Kanzlei im Zusammenhang stehenden Funktionen waren ihnen, 
was hier uur kurz berührt werden möge,- im 15. Jahrhundert auch 
wichtige finanzielle Geschäfte übertragen; sie wirkten insbesondere bei 
der Festsetzung der sog. Kompositionen mit, d. h. der oft sehr erheb- 
lichen Geldbeträge, die für die Bewilligung von Indulgenzen, Dispen- 
sationen und Absolutionen gezahlt werden mußten, und sie waren mit 
deren Einziehung beauftragt. Aber auch in den Kanzleigeschäften 
steigerte sich ihr Einfluß mehr und mehr. Hatten schon im 14. Jahr- 
hundert die datierenden Beamten Korrekturen an den Suppliken vor- 
genommen und Änderungen im Supplikenregister angeordnet, so er- 
scheinen sie am Ende des 15. Jahrhunderts nicht nur als die un- 
mittelbaren dienstlichen Vorgesetzten der Beamten dieses Registers, 
sondern sie schalteten, wenn eine im Jahre 1497 von diesen Beamten 
eingereichte Beschwerde^ begründet ist, aufs willkürHchste mit den 
schon signierten Suppliken, indem sie Zusätze und Klauseln aller Art 
und oft von bedeutender Wichtigkeit hinzufügten.* 



* Gelier S. 26 ff. hat die Nachrichten über sie zusammengestellt, worauf 
zu verweisen hier genügt. 

- Eingehend handelt darüber Celiek S. 87 fF, 

' Tanol, KO. S. 389. Auch in die Distribution der Suppliken, die dem 
Kanzleiehef zustand, scheinen sie sich schon vorher eingemischt zu haben ; 
wenigstens wird ihnen solche Einmischung 1464 durch Paul II. untersagt, Tanql, 
KO. S. 190 S 3. 

* Daß die Datare auch auf die Bewilligung oder Ablehnung der Sup- 
pHken EinHuß übten, ist aus dem Briefe des Nuntius Gherardi an den Datar 
Johannes de Sacchis vom Jahre 1490 zu folgern, den Gelier ö. 137 n. 7 mit- 



Datierung der Suppliken. Dnf'irr 115 



Aber auch in beziig auf die Datierung der Suppliken hatte sii-h 
schon am Ende des 15. Jahrhunderts eine G-ewohnheit ausgebiklet, die 
das Ansehen und den Einfluß der Datare zu steigern geeignet war. 
In den Kanzleiregeln Martins V.^ ist nur davon die Rede, daß der 
Datar die signierten Suppliken datieren soll, und zwar soll er ent- 
weder, soweit es ihm möglich ist, bei der Signatur selbst anwesend 
sein und dann, wie es scheint, die signierten Bittschriften sogleich an 
sich nehmen, oder diese sollen ihm nach der Signierung durch den 
Vizekanzler unter dessen Geheimsiegel behufs der Datierung zugestellt 
werden. Am Ende des Jahrhunderts aber war der Brauch auf- 
gekommen, daß die Bittsteller, denen daran lag, sich ein möglichst 
frühes Datum für ihre Suppliken zu sichern, sich schon vor deren 
Signierung an den Datar wandten und ihn ersuchten, ihre Datierung 
festzustellen; 2 wenn er dieser Bitte nachgab, so erhielt die Supplik 
später, auch wenn sie erst mehrere Tage später zur Signatur gelangte, 
das Datum des Tages, an welchem sie dem Datar vorgelegt worden 
war. Je häufiger dies Verfahren angewendet wurde, um so seltener 
entsprach also die Datierung der Suppliken (und demgemäß später die 
Datierung der Bullen) dem Zeitpunkte des wirklichen Beurkundungs- 
befehls, um so regelmäßiger ging sie ihm vielmehr voran. 

Was endlich die Privaturkunden betrifft, so ist in Itahen die 
Erwähnung des Beurkunduugsauftrages [rogatio] in der Unterschrift 
des ausfertigenden Notars sehr lange üblich geblieben. In Deutsch- 
land verschwindet sie allmählich mit dem Institut der öffentlichen 
Schreiber seit dem Ausgang des karolingischen Zeitalters: die Urkunden 
der späteren Zeit haben dann häutig nach dem Muster der königlichen 
den Beurkundungsbefehl in den Kontext aufgenommen, ohne daß sich 
indes in dieser Beziehung feste oder allgemein gültige Gebräuche 
entwickelt hätten.^ 



teilt. — Am Ende des 15. Jahrhunderts scheinen übrigens — wohl eben infolge 
ihrer vermehrten Obliegenheiten und des gesteigerten Ansehens ihrer Stellung 
— die Datare die Funktion, von der sie den Namen haben, die Datierung der 
Urkunden nicht mehr immer eigenhändig ausgeführt zu haben, indem sie sieh 
darin durch andere Beamte vertreten ließen; wenigstens weisen darauf die 
Beobachtungen Tangls, Schrifttafeln 3, 63 f. hin. 

1 V. Ottentual, Reg. canc. S. 213 n. 112; vgl. S. 216 n. 121. 

- Diese Vordatierung nannte man seit dem 16. Jahrhundert die parva 
data, vgl. Gelier S. 6; ihre Eintragung lag später einem besonders damit be- 
auftragten Unterbeauiten des Datars ob. 

* Daß die Fürstenurkunden des späteren deutschen Mittelalters in bezug 
auf den Beurkundungsbefehl den Königsurkunden gleichstehen, versteht sich von 

8* 



116 Dorsual- und Marginalkonxspte in Deutschland 



Nachdem der Beurkiindungsauftrag ergangen war, konnte seitens 
der mit der Ausfertigung betrauten Beamten oder Schreiber in 
dujipelter "Weise verfahren w'erdeu.^ Entweder es konnte zunächst ein 
Konzept entworfen werden, daß der später herzustellenden Reinschrift 
zugrunde gelegt wurde; oder es konnte sofort die Herstellung der 
Reinschrift unternommen werden, ohne daß man sich dafür eines 
Konzepts bediente. Die Frage, ob in einem Einzelfalle der erstere 
oder der letztere Weg eingeschlagen ist, und ob wir demnach als 
zweite Stufe der Beurkundung die Herstellung eines Konzeptes 
anzunehmen haben oder nicht, ist für die ältere Zeit zumeist sehr 
schwer und bisweilen gar nicht zu beantworten, und jedenfalls ist auch 
in dieser Beziehung zwischen Privaturkundeu, Königsurkunden und 
Papsturkunden zu unterscheiden. 

Konzepte oder wenigstens kouzeptartige Aufzeichnungen für 
Privaturkunden sind uns aus sehr früher Zeit im Archiv des Klosters 
St. Gallen erhalten.^ Wir haben oben gesehen, daß nach älterem 
deutschen Recht bei Geschäften über unbewegliches Gut die Tradition 
des Urkundenpergaments selbst, die in einer Gerichtsversammlung er- 
folgte, eine Rolle spielte. Demnächst sollte nach einer Vorschrift der 
Lex Ribuaria^ die Urkunde sofort vor versammelter Gerichtsgemeinde 
geschrieben werden. Dazu waren aber die Gerichtsschreiber, wenn sie 
gleichzeitig mehrere Rechtsgeschäfte zu beurkunden hatten, nicht 
immer imstande, und so begnügten sie sich häufig damit, zunächst nur 
kurze Notizen aufzusetzen, auf Grund deren sie später in Muße das 
Instrument herstellen konnten. Diese Notizen sind in Alamannien nicht 
selten auf die eine Seite des tradierten Pergamentblattes geschrieben 
worden, auf dessen anderer Seite später die Reinschrift Platz fand, und 
sind uns dadurch erhalten geblieben.'* Seltener wurden die Notizen auf 
der für die Reinschrift bestimmten Seite selbst, und zwar an ihrem 
Rande angebracht; doch mag dies in Wirklichkeit häufiger geschehen 



selbst. — Erwähnung des Befehls in der Datierungsformel findet sich auch im 
12. Jahrhundert bisweilen, vgl. z. B. Meiller, Reg. aep. Salisburg. S. 133 n. 25, 
S. 244 n. 326. Einen interessanten Fall, in dem der Notar des Empfängers 
die Urkunde schreibt und sich auf das Spezialmandat des Ausstellers beruft, 
s. bei Posse, Privaturkunden S. 172 N. 5. 

' Vgl. für das Folgende Ficker, BzU. 2, 23 ff. 

^ Vgl. Bresslaü, FDG. 26, 54 ff.; Redlich, Privaturkunden S. 57 und zur 
Terminologie Redlich in Redlicu-Erj5En, UL. 1, 27. 

3 Lex Ribuar. 59, 1. 

* Faksimiles solcher Dorsualkonzepte bei Tangl, Schrifttafelu 3, n. 74, 
Chboust, Mon. palaeograph. 1, Lief. 14, Taf. 4. 5. 



Konoceple für deutsche Privaturkunden 1 1 7 

sein, als wir jetzt noch nachweisen können; denn es ist leicht möglich, 
daß solche Randnotizen nach der Herstellung der Reinschrift ab- 
geschnitten worden sind. Die Notizen scheinen- wenigstens in der 
Regel von der Hand der Gerichtssehreiber selbst herzustammen, wäh- 
rend die Reinschriften vielfach von deren Vertretern geschrieben sind.^ 
Es handelt sich dabei nicht um vollständige, formelmäßig ausgeführte 
Konzepte, die später einfach kopiert zu werden brauchten, sondern 
nur um kurze und rasch hingeworfene Aufzeichnungen, in denen etwa 
Ort und Zeit der Tradition, Namen der Beteiligten und der Zeugen, 
Objekt der Verfügung, besondere Klauseln u. dergl. fixiert wurden. 
Es wird angenommen werden dürfen, daß später aus diesen No- 
tizen, ohne die Zwischenstufe eines zweiten vollständigen Konzepts, 
sofort die Reinschriften hergestellt wurden; mit Hilfe der Formular- 
bücher, die den berufsmäßigen Urkundenschreibern durchweg zur 
Hand gewesen sein müssen, konnte ihre Anfertigung nicht mehr schwer 
fallen. 

Daß der für Alamaunien nachweisbare Brauch auch in anderen 
deutschen Rechtsgebieten gegolten hat, ist sehr wahrscheinlich; eine 
Metzer Urkunde aus dem Jahre 848 enthält in tironischen Noten 
eine jenen St. Galler Notizen vollkommen analoge Dorsualschrift, die 
gleichfalls als Konzept des Schreibers — hier eines kirchlichen Notars 
— aufzufassen ist.^ Dauernd in Übung geblieben ist er dann freilich 
auf deutschem Boden nicht, was mit der allgemeinen, früher skizzierten 
Entwickelung des deutschen Privaturkundenwesens in nachkarolingischer 
Zeit zusammenhängt; die wenigen, mir bekannt gewordenen Originale 
deutscher Privaturkunden des 10. Jahrhunderts zeigen Dorsualkonzepte 
der bezeichneten Art nicht mehr. Und auch sonst haben wir von 
Konzepten nicht königlicher Urkunden des früheren Mittelalters aus 
Deutschland unmittelbar nur dürftige Kunde. Sehr merkwürdig ist 
allerdings ein vor kurzem bekannt gewordenes Konzept zu einer Ur- 



' Ein Faksimile einer solchen Randnotiz bei Tangl, Öchrifttafeln 3, Taf. Tl"", 
der im Text S. 35 noch ein anderes Beispiel angeführt und mit Recht die oben 
angeführte Möglichkeit betont hat. Bei der von ihm auf Tafel 72'' abgebildeten 
Urkunde ist wenigstens das deutlich erkennbar, daß der obere Rand des Per- 
gamentblatts abgeschnitten ist, nachdem die Urkunde mundiert war. 

* Mitgeteilt von J. Havet, Une Charte de Metz, !BEC. 49, 95 ff. (wieder- 
holt Havet, Oeuvres 2, 461 ff.); und gleichzeitig von A. Tabdif aus dem Kao.h- 
laß seines Bruders J. Tardif in einer eigenen Schrift: Une minute de notaire 
du IX'' siecle en notes tironiennes (Paris 1888). Während Havet bestreitet, 
daß die Rückenschrift Konzept sei, hat Tardif ihren Charakter richtig erkannt, 
vgl. NA. 14, 216 n. 60. 



118 Konzepte für deutsche I^rivaturkunden 



kuiuU' des iJiscliufs IHrich von Passau vom Jahre 1112 für das Kloster 
St. Georgen au der Donau (später Herzugenburg); es ist in Passau ge- 
schrieben und mit dem danach augefertigten Original in das Kloster- 
arohiv gekommen; später ist es zur Aufzeichnung einiger zumeist 
St. Georgeu betreuenden Traditionen benutzt worden.^ Manche anderen 
Schriftstücke des 12. und 13. Jahrhunderts, die in Urkundenbüchern 
und Registervverken als Konzepte bezeichnet werden, führen diese Be- 
zeichnung zum Teil mit oifenbarem Unrecht oder bedürfen wenigstens 
noch näherer Vntersuchung, ehe sie als solche anerkannt werden 
künuen.2 Einige von ihnen aber sind Beurkundungen diplomatischer 
Verträge,^ die aus längeren rnterhandlungen hervorgegangen sind: bei 



' Vgl. V. MiTis, Studien zum ältoren östorreichischcn Urkundenwesen 
S. 192 ff. 

^ Dahin gehört z. I>. das zweite Exemplar einer Urkunde Dietrichs von 
Halberstadt von 1184, das Schmidt, UB. Bist. Halberstadt 1, 269 n. 301 Anm. 
erwähnt: er bezeicdmet es als Konzept, während v. Büi.ow, Gero v. Halberstadt 
(Diss. Greifswald 1871) S. 83 n. G3, es eine zweite Ausfertigung nennt. Vgl. 
auch Mecklenburger UB. 1 n. 254. 255. Dahin gehören ferner die von a'. Mitis 
S. 202 außer dem oben erwähnten St. Georgener angeführten Stücke, von 
denen ich keines mit einiger Bestimmtheit als Konzept zu bezeichnen wagen 
würde. Auch von den Stücken, die Posse, Privaturkunden S. 84 N. 4, anführt, 
kann ich nicht alle als Konzepte anerkennen. So sehe ich nicht ein, warum 
das von ihm auf Taf. XXI abgebildete Schriftstück Konzept des auf Taf. XX 
abgebildeten sein muß: es ist m. E. vielmehr eine, auf der Rückseite einer 
anderen Urkunde gemachte, ungenaue, namentlich durch Fehler in den Namens- 
formen entstellte und durch den Zusatz von omnibus possessionibiis vielleicht 
sogar interpolierte Abschrift davon. Wirkliches Konzept ist aber das atjf 
Taf. XXin* abgebildete Schriftstück von 1268. Wirkliche Konzepte des 
13. Jahrhunderts, allerdings meist von Briefen, haben wir auch in der be- 
rühmten Papierhandschrift des Albertus (liohemus) in München. Interessant 
ist sodann der von Wecken, Untersuchungen über das Urkundenwesen der 
Bischöfe von Minden S. 88 f. (mit Faksimile) besprochene Fall: eine Original- 
urkunde von 1265 (Bestallung eines Münzraeisters) ist 1297 als Konzept für 
eine Urkunde gleichen Inhalts verwandt und dementsprechend korrigiert 
worden. Ahnliehe Fälle aus der päpstlichen Kauzlei werden wir unten kennen 
lernen. 

^ So das Konzept eines Vertrages zwischen Mainz und Orlamünde von 
1185, Stumpf, Acta imperii S. 542 n. 384, vgl. Fkker, BzU. 2, 30. 42. 56; das 
Konzept des zweiten Vertrages über die Freilassung Waidemars von Dänemark, 
Hasse, Schlesw.-Holst. Regesten 1, 197 n. 434, vgl. Mecklenburg. UB. 1, 317. 
V. BcniwAM) S. 257; das Konzept zu einem Landfriedensbund von 1283, UB. 
Stadt Lübeck 1, 401, Agl. v. Bucuwald S. 322 u. a. m. — Keine eigentliche 
Urkunde, sondern eine Art von historischer Aufzeichnung ist die Erklärung 
Konrads von Mainz (1187—1190), Stcmi'I", Acta Moguntina S. 114 n. 112. 



Dorsual- und Marginalkonxepte in Italien 1 1 9 

solchen Stücken wird allerdings die Aiifsetznng eines Konzeptes dnrcli- 
weg angenommen werden müssen, ohne daß von ihnen auf andere 
Urkundenarteu ein Schluß gezogen werden darf. - 

In Italien war der Brauch der Dorsualkonzepte für Notariats- 
urkunden bedeutend weiter ausgebreitet und hat sich viel länger er- 
halten als in Deutschland,^ Sie sind zum Teil in einer eigentümlichen 
tachygraphischen Silbenschrift, von der wir noch an anderer Stelle 
ausführlicher zu reden haben, häufiger aber in gewöhnlicher ßücher- 
oder Urkundenschrift zumeist auf der Rückseite der zur Auf- 
nahme des Notariatsinstruments bestimmten Pergameutblattes ge- 
schrieben; es kommt aber auch in Italien vor, daß solche Kon- 
zepte auf der Hauptseite dieses Blattes am oberen oder unteren 
Rande eingetragen sind oder waren. Die ältesten l)isher nachge- 
wiesenen Beispiele solcher Konzept-Aufzeichnungen gehören schon 
den Jahren 758 und 769 ^ an; der Brauch kann also in Italien nicht 
erst in fränkischer Zeit und unter fränkischem Einüuß entstanden 
sein, sondern muß schon im langobardischen, wenn nicht gar im 
römischen Urkundenwesen seine Wurzeln haben, hat aber doch erst 
unter der fränkischen Herrschaft in der Zeit, da das Notariat gestei- 
gerte Bedeutung gewann, weitere Verbreitung gefunden. Wir kennen 



^ Vgl. Kern, Dorsualkonzept und Imbreviatur (Stuttgart 1906), der S. 30ff. 
die von Gaudenzi in den Atti del congresso internazionale di scienze storiche 
9, 419fF. vorgetragene, von mir schon NA. 31, 276 abgelehnte, irreführende 
Theorie über diese italienischen Dorsualkonzepte eingehend widerlegt, vgl. 
dazu auch die Besprechung von v. Voltelini, MIÖG. 28, 680 ff. Gegen Ga(i- 
DENZis wiederholte ausführliche Begründung seiner Lehre, Arch. stör. Ital. V, 
41, 257 ff., sind nach meiner kurzen Notiz NA. 35, 311, nach den zutreffenden 
Bemerkungen Kedlichs, Privaturkunden S. 59 f., und nach den mehrfach liier 
einschlagenden Ausführungen Schupfers in der oben S. 81 N. 4 erwähnten 
Abhandlung gegen Pitzorno noch die Erörterungen von P. S. Leicht im Bullet- 
tino Senese di storia patria 17, fasc. 3 (1910) zu vergleichen, die ich nach einem 
Separatdruek zitiere, mit denen ich aber nicht in jeder Beziehung überein- 
stimme. — Über die auch von Kern S. 3 ff. mitbehandelten Dorsualakten aus 
Aosta, auf die zuerst Bethmann, AdG. 12, 591, aufmerksam gemacht hatte, hat 
jetzt ScHiAPARELi.i, Charta Augustana (Florenz 1907, Separatabdi-uck aus Arch. 
stör. Ital. V, 39, 253 ff.), ausführlich gehandelt; sie unterscheiden sich in mancher 
Hinsicht von den italienischen, können aber in den folgenden Ausführungen 
unberücksichtigt bleiben, da sie nicht dem italienischen, sondern dem burgundi- 
schen Rechts- und Urkundengebiet angehören. 

2 Über die Urkunde von 758 vgl. Schiapareli.i, Bullettino dell' Istit. ator. 
Italiano 30, 65 n. 9. Der Dorsualvermerk in drei Zeilen ist jetzt ausradiert 
lesbar ist noch test. autoravele (dies Wort ist wohl nicht als Eigenname, son- 
dern als Attribut zu test. = auctorabilis aufzufassen) Unpert de Veriano. 



120 Dorsucd- und Marginalkonzepte in Italien 



bis jetzt solche Konzepte ans den Städten oder Grafschaften Arezzo,^ 
Asti,2 Bologua,^ Brescia,* Oomo,^ Florenz,'' Genua,' Lucca,^ Nonau- 
tola,^ Novara,'" Padua,i^ Pavia,^^ Piacenza,^^ Kavenna,^* ßimini,^^Eom,^*' 



' SriiiArARELH und Baldasseroni, Regcsto di Camaldoli 1, 9 n. 14, 11 
n. 18, 24 n. 53, 27 n. 59, 30 n. 70, 31 n. 73. 74, 57 n. 135 usw. Hier wie über- 
haupt in Toskana stehen die Konzepte fast ebenso häufig am unteren Rande 
wie auf der Kücksoito des Blattes. 

" IIavet, La tachygraphie italienne (Paris 1887, jetzt Oeuvres 2, 483 tf.); 
CiPOLLA, Misi'clhiiiea di storia italiana 25, 72011'.; Gabotto, Le pii'i antiche carte 
dello ar<-h. capitolare di Asti S. XXI; ÖoniArARELH, Bullett. dell' Istit. stör. 
Ital. 33, 19f. n. 11. 12; 24 n. 14. 

^ Kern S. 14 ff,; Gaudenzi, Are-h. stör. Ital. V, 41, 320f. 

■• BoNELLi, Miscellanea di studi storici in oiiore di A. Manno (Turin 1912) 
S. 263 n. 1. 

s Ebenda S. 265 n. 2. 

8 Pagliai, Regesto di Coltibuono S. 21 n. 39, 25 n. 45, 27 n. 49, 31 n. 59, 
32 u. 62, 33 u. 69, 41 u. 80 usw. (die Stücke ^hüren teils der Stadt, teils der 
Grafschaft Jlorenz an). Scuiaparelli, Charta Augustana S. 69 (317) N. 2; 
Derselbe, Le carte del monastero di S. Maria in Firenze 1, 73 n. 29, 75 n. 30, 
80 n. 32, 119 n. 44 usw. 

' Kern S. 24 ff. 

ä GüXDi und Parenti, Regesto del capitolo di Lucca 1, 27 n. 79, 130 n. 333, 
133 u. 343, 192 n. 460 usw. 

» Gaudenzi, Arch. stör. Ital. V, 41, 292 ft". 

»0 Scuiaparelli, Bullett. dell' Istit. stör. Ital. 33, 17 u. 9, 25 15, 31 18. 
" Kern S. 19ff. 

'- BoNELLi, Cod. paleograf. Lombardo tav. 20. 21. Dies ist das dritt- 
älteste bisher bekannte Beispiel vou 792: das Zweitälteste von 769, ausgestellt 
in vieo Sossonno, Bonelh tav. 11. 12, gehört ebenfalls der Lombardei au; für 
die spätere Zeit vgl. Schlaparelli, Bullett. doli' Istit. stör. Ital. 31, 57 ff., 65ff.; 
33, 21 ff. n. 13. 16. 17. 19. 20. 22. 

'^ In das Gebiet von Piacenza gehört die oben S. 119 N. 2 zitierte Urkunde 
von 758; eine spätere aus demselben Gebiet von 1007 s. bei Schiaparelli, 
Bullett. 31, 62 n. 4. 

" Vgl. Arch. paleograf. Ital 1, 28. 41 (Faksimile, Text gedruckt bei Kern 
S. 72ff.); 7, 10. 16. 19. Zahlreiche Beispiele bei Feuerici, Regesto di S. Apolli- 
nare Xuovo S. 14 n. 3, 21 n. 6 (vgl. dazu S. 405), 35 n. 17, 39 n. 22 usw., ferner 
bei Federici und Buzzi, Regesto della chiesa di Ravenna 1, 18 n. 19 (aus 
Ferrara, aber geschrieben von einem Notar aus Ravenna) usw. Vgl. auch 
Gauuenzi, Arch. stör. Ital. V, 41, 311 ff. 

'^ Leicht a. a. 0. S. 7 ff. 

'^ Die römischen Dorsualnotizen sind in der bisherigen Litteratur wenig 
oder gar nicht beachtet worden; Leicht a. a. 0. S. 11 hat es geradezu in Ab- 
rede gestellt, daß Dorsualnotizen im römischen Gebiet vorkämen, und selbst 
ein so trefflicher Kenner der römischen Archive wie P. Fkhele bemerkte noch 
vor einigen Jahren (Arch. della soc. Romana di storia patria 27, 49), daß er 
auf römischen Urkunden nur zwei Beispiele davon kenne. In Wirklichkeit 



Dorsual- und Marginalkonxepte in Italiot 121 



Siena,^ Tortona,^ Veltliu (Valtelliua),^ Verona,* Voghera,^ Volterra,* 
die dem 8.— 12., in Eavenna auch noch dem 13. Jahrhundert au- 
gehüren, so daß also der Brauch in der ganzen Lombardei vom 
Westen bis zum Osten, in der Emilia und in Toskana, in der Ru- 
magna" und in Rom selbst nachzuweisen ist;*^ neue Urkundenpubli- 
kationen werden vermutlich in diesen Landschaften noch weitere Be- 
lege aus Orten, für die er bis jetzt noch nicht erwiesen werden konnte, 
beibringen. 

Form und Umfang dieser Konzepte sind außerordentlich ver- 
schieden. Regelmäßig pflegen sie die Namen der bei dem Rechts- 
geschäft beteiligten Personen und der Zeugen zu enthalten sowie die 



steht es nicht ganz so; die Beispiele sind zwar selten, aber doch nicht so 
selten, wie Fedele annahm. Ich habe mir außer den zwei Fällen, die Fedele 
aus dem Archiv von San Prassede anführt — a. a. O. 27, 43 n. 3 von 1010 
(daß hier das Konzept von der Hand des Ausstellers, nicht des Notars ge- 
schrieben sei, wie Fedele für wahrscheinlich hält, ist kaum glaublieh) und 
S. 49 n. 4 von 1030 — die folgenden angemerkt: Hartjiann, Tabularium s. 
Mariae in Via Lata bietet drei Dorsualkonzepte : 1, 53 n. 43 (1019), 1, 56 n. 45 
(1021); 1, 72 n. 57; wahrscheinlich gehört auch 1, 74 n. 58 von 1030 hierher. Aus 
dem Archiv von S. Pietro in Vatieano kommen in Betracht zwei Stücke von 989 
(Arch. della See. Romana 24, 442 n. 5; nur wenige Worte) und 999 (ebenda 
24, 444 n. 6; ausführlicheres Konzept, das aber nicht zu der Urkunde der Haupt- 
seite gehört). Sehr merkwürdig ist ein Stück aus dem Archiv von S. Maria 
Nuova ebenda 24, 165 n. 36): auf der Rückseite einer Urkunde von 1116 steht 
eine Aufzeichnung von 1163 64, die, wie die Korrekturen zeigen, sicher als 
Konzept angesprochen werden kann. Endlich ist die Aufzeichnung auf der 
Rückseite einer Urkunde von 1131 für S. Silvestro in Capite, die Feherici 
(ebenda 22, 494 n. 16) für eine gleichzeitige Abschrift hält, ebenfalls als Kon- 
zept zu betrachten. 

' Leicht a. a. 0. S. 5; Pagliai, Regesto di Coltibuono S. 173 n. 384 
ScHNEiDEB, Reg. senense 1, 51 n. 134. Hierhingehören auch die Urkunden von 
Passignano (vgl. Leicht S. 4. 21) im Staatsarchiv zu Florenz. 

- Gabotto und Lege, Le carte dello archivio capitol. di Tortona 1. X; 
ScHiAPÄRELLi, BuUett. 31, 70 n. 7; 33, 37 n. 21. 

^ BoxELLi, Miscellanea di studi storici in onore di A. Manno S. 266 n. 10, 

* BoNELLi a. a. 0. S. 266 n. 4. 

'" Gabotto und Lege, Documenti degli archivi Tortonesi relativi alla storia 
di Voghera S. 3 n. 2. 

^ Schneider, Reg. Volaterranum S. 13 n. 41; 31 n. 85. 

" Daß auch in den Archiven von Faenza und Imola zahlreiche Dorsual- 
konzepte auf Urkunden des 11. und 12. Jahrhunderts vorhanden sind, hat mir 
A. Hessel mitgeteilt. 

* Aus dem langobardischen Süditalien sind mir bisher nur zwei Dorsual- 
konzepte bekannt geworden, eins von 1065 aus dem Gebiet von Penne (bei 
Teramo), Jcsselin, BEC. 68, 507 N. 4, und eins von 1192 aus Bari, das Kern 
S. 24 nachgewiesen hat. 



122 Dorsual- und Marginalkonxepte in Italien 



für den sachlichen Inhalt des Rechtsgeschäftes notwendigsten Angaben; 
im übrigen geben sie bald nur einzelne Stichworte, bald mehr oder 
minder ausgeführte P'ormeln; auch die Datierung ist bald nur auf ein- 
zelne Angaben beschränkt, bald vollständig ausgeführt, öfters fehlt sie 
auch ganz. xVllgemein gültige Regeln oder Vorschriften bestanden 
darüber nicht, und maßgebend war nur die Gewohnheit einzelner 
Gegenden und das Gutdünken der einzelnen Notare. Nicht selten 
beobachten wir, daß die Konzepte, mögen sie nun auf der Rückseite 
oder am Rande der Vorderseite eingetragen sein, nicht zu der Ur- 
kunde, die auf dem Blatte eingetragen ist, sondern zu einer anderen 
gehören, die wir oft nicht mehr besitzen; es findet sich aber auch, 
daß auf einem Blatte mehrere Konzepte geschrieben sind, von denen 
mitunter eines, mitunter aber auch gar keines zu der Reinschrift ge- 
hört, die auf dem Blatte enthalten ist.^ Bisweilen besteht dann durch 
den sachlichen Inhalt der ins reine geschriebenen Urkunde oder durch 
die bei ihrer Ausstellung beteiligten Personen eine Beziehung zu dem 
eigentlich nicht zu ihr gehörigen Konzept, bisweilen fehlt aber eine 
solche auch ganz oder ist für uns wenigstens nicht erkennbar. ^ Diese 
Tatsachen zeigen, daß die Niederschrift des Konzeptes einer Urkunde 
auf der Rückseite eines Pergamentblattes, dessen Hauptseite später die 
Reinschrift derselben Urkunde aufnahm, zwar häutig, aber keineswegs 
immer vorkam, und daß die Aussagen späterer Schriftsteller,^ die das 



^ Ich führe nur zwei Beispiele an. Nach dem Regesto di Coltibuono 
steht auf einem Blatte, das eine Urkimde von III.t enthält, auf der Hauptseite 
das Konzept dieser, auf der Rückseite das einer anderen Urkunde. Ein Blatt, 
das eine Urkunde von 1104 bringt, enthält nicht weniger als vier Dorsual- 
konzepte, von denen keines zu der Urkunde der Hauptseite gehört; vgl. 
Paoliai, Regesto di Coltibuono S. 131 n. 284, S. 114 n. 244. 

* Fälle beider Art bespricht Kern S. 24 ff., dessen Erklärungsversuchen 
ich indes nicht durchweg beitreten möchte. Gar keine Beziehung ist, um auch 
dafür nur ein Beispiel zu geben, zwischen dem Konzept eines Testamentes von 
wahrscheinlich 967 und der Schenkung von 977, auf deren Rückseite sie steht: 
vgl. Federici, Regesto di S. Apollinare Nuovo S. 14 n. 3 und S. 21 n. 6 (dazu 
der Nachtrag auf S. 405). Aber auf der Rückseite der Urkunde von 977 steht 
noch ein zweites, nicht mehr lesbares Konzept, das möglicherweise zu ihr 
gehört hat. 

' Das sagt wohl zuerst der zwischen 1170 und 1180 entstandene Ordo 
iudiciarius (ed. K. Gross S. 217): nota, qt<od protocollum vel ceda rd abreriatio 
est Kcriptum, quod in contractibus ßt a tubeliione civitatis in per gameno ex parte 
pili{d. h. auf der Haarseite, der Rückseite des italienischen Pergaments, s. unten 
Kapitel Schreibstoffe), et sub brevitate conprehcnduntur ibi dicta testium et «o- 
mina eoruvi ibi apponuntur. Postea quod ibi brctitcr coiitinetur, ipse tabellio 



Dorsual- und Marginalkonxepte in Italien 128 



als eine allgemein befolgte Kegel hinstellen, insofern, als sie aut Ab- 
weichungen von dieser Regel keine Rücksicht nehmen, der wirklichen 
Praxis der Notare nicht entsprechen.^ "Wir fanden Konzepte nicht nur 
auf der Rück-, sondern auch auf der Hauptseite der Pergameutblätter 
und die Zahl solcher Marginalkonzepte (wie wir sie zum Unterschied 
von den Dorsualkonzepten nennen können) wird wahrscheinlicli noch 
viel größer gewesen sein, als wir heute nachweisen können, da sie 
durch das Beschneiden der Urkundenblätter nacli der Herstellung der 
Reinschrift oft für uns verloren gegangen sein m()gen. Wir stellten 
ferner fest, daß Konzepte und Reinschriften, die auf demselben Blatte 
vereinigt sind, nicht immer zueinander gehören, so daß es also Kon- 
zepte gibt, deren Reinschriften, und Reinschriften, deren Konzepte auf 
je anderen Blättern niedergeschrieben sein müssen.^ Und wenn wir 
endlich in den Regesta chartarum Italiae, die uns über den ganzen 
Urkundenbestand einer Anzahl von geistlichen Stiftern eine annähernd 
vollständige Übersicht gestatten, die Zahl der uns erhaltenen Konzepte 
beider Arten mit der Zahl der uns erhaltenen Reinschriften vergleichen, 
so ergibt sich, daß die erstere zwar nicht absolut klein ist, relativ 
aber hinter der letzteren so weit zuTÜckbleibt,^ daß diese Erscheinung 
auch durch die Annahme, es seien von manchen uns erhaltenen 
Blättern Marginalkonzepte weggeschnitten worden, nicht erklärt werden 
kann, zumal da in manchen Gegenden, insbesondere in der Romagna, 
die Dorsualkonzepte durchaus vorherrschen und Marginalkonzepte viel 
seltener vorkommen. Da nun aber angesichts der gleichmäßigen Praxis 
der italienischen Notare gewiß auch zu den Urkunden Konzepte an- 
gefertigt worden sind, deren Originalausfertigungen jetzt weder auf der 
Rück-, noch auf der Hauptseite Spuren davon aufweisen, so muß an- 
genommen werden, daß sehr häufig die Notare die Blätter, auf denen 



cum marjna cura et magna soUempnitaic diciorum ex parte munda, id est cutis 
(sollte carnis heißen), qtcae in Lonbardia etiam purgari non indiget, disponit 
et ordinat et illud scriptum dicitur mundum a parte pergajneni, qua seri- 
hitnr. Andere gleichartige Äußerungeu s. bei Gaudenzi, Arch. stör. Italiano 
V, 41, 335 f. 

» Darauf hat auch Redlich, Privaturkunden S. 58 N. 4 schon hingewiesen, 
dessen Ansicht auch über das, was ich im folgenden etwas weiter ausführe, 
mit der meinigen durchaus übereinstimmt. 

2 Und zwar gilt das nicht bloß von den Dorsual-, sondern auch von den 
Marginalkonzepten. 

3 Schon Kern S. 24 und Redlich S. 58 haben daraufhingewiesen, daß 
von 172 genuesischen Urkunden, die Belqrano in den Atti della soc. Ligure 
2, 1 veröffentlicht hat, nur zu sieben Konzepte erhalten sind. 



124 Konxepte von Notar iatsurkunden i?i Neapel 



sie Kuuzepte eintrugen, ü])erhaupt nicht zur Anfertigung von Rein- 
schriften verwandten/ sondern bei sich zurückbehielten. 

Daß dies geschah, ist für das Gebiet des römischen Rechtes im 
engeren Sinne, also für Rom und die Romagna sowie für die nicht zum 
langobardischeu Reiche gehörenden Teile Süditaliens bestimmt zu er- 
weisen. In Neapel war, wie wir schon früher erwähnt haben,^ der 
Vorsteher der Kurialen, der p7-imarius curiae cioitatis Neapolis, berechtigt, 
Urkunden, die wegen des Todes der mit ihrer Herstellung betrauten 
Kurialen zwar ins reine geschrieben, aber nicht vollzogen worden waren, 
nachträglich mit der Vollziehungsformel zu versehen, und das ist bis- 
weilen erst geschehen, nachdem seit dem Tode der Kurialen bereits 
eine Reihe von Jahren verflossen war. Aus dieser Tatsache hat schon 
Brunnek^ den berechtigten Schluß gezogen, daß die Kurialen Akten 
hinterlassen haben müssen, in denen die Konzepte der Urkunden, deren 
Ausfertigung ihnen übertragen war, sich vorfanden, so daß der Pri- 
marius diese Konzepte bei der Vollzieliung prüfen und vergleichen 
konnte.^ Wir sind aber nicht darauf angewiesen, das Vorhandensein 
solcher Konzepte nur durch diesen Schluß festzustellen. Es ist nämlich 
auch vorgekommen, daß ein Kuriale zwar nach Abschluß der Verhand- 
lungen zwischen den bei einem Rechtsgeschäft beteiligten Parteien 
den Beurkundungsauftrag erhalten und das Konzept hergestellt hatte, 
dann aber, ehe er die Reinschrift anfertigen konnte, verstorben war. 
Auch in solchen Fällen konnte der Primarius eintreten; er nahm dann 
eine Abschrift des Konzeptes in eine von ihm ausgestellte, rechts- 
gültige Urkunde auf und stattete diese mit der Vollziehungsformel 
aus: zwei solcbe Urkunden von 1003 und 1027 sind uns erhalten, 
und in dem Falle von 1003 liegt sogar noch das Konzept selbst (das 
im Jahre 953 oder 968 ausgestellt sein wird) auf einem kleinen Per- 
game utblatt vor, das an die von dem Primarius ausgefertigte Urkunde 
angenäht war.^ Diese neapolitanischen Konzepte enthielten, wie sich 



* Denn daß diese Blätter in allen Fällen zur Herstellung uns nicht er- 
haltener Reiust'hriften gedient haben sollten, ist wohl in Anbetracht der 
Zahlenverhältnisse nicht anzunehmen. 

* Bd. 1, 586. 

» Brunneb, ZR. S. 77 f. 

* Die Vermutung, daß die Konzepte eines Kurialen nach seinem Tode in 
dem Archiv des Kurialen-Kollegiums niedergelegt worden seien, dem der 
tabulariua dieses Kollegs vorstand, liegt sehr nalic. 

^ Monuinenta ad Neapolit. ducatus histdri.'im pertinentia 2, 1, 197 n. 319 
und 2, I, 258 n. 411. Vgl. die Erläuterungen Cai-assos zu diesen Urkunden, 
ebenda 2, 2, 118 ff. Auf der Rückseite des Pergamentblattes, welches das Kon- 
zept enthält, steht noch ein zweites Konzept zu einer anderen Urkunde. 



I 



Konzepte von Notariatsurkunden in Rom 125 



daraus ergibt, im wesentlichen den vollen Wortlaut der danach her- 
zustellenden Urkunde; nur Datierung und Poenformel waren verkürzt; 
das Eschatokoll fehlte in einem der beiden Fälle noch vollständig; in 
dem anderen enthielt das Konzept wenigstens schon die Namen der 
Zeugen, und das letztere scheint das im allgemeinen übliche gewesen 
zu sein.^ Solche bereits mit dem Zeugennamen versehenen Konzepte 
nannte man in Neapel note testaie, während die, denen die Zeugen- 
namen fehlten, als note alve {albe) bezeichnet worden zu sein scheinen.- 
Erheblich später, erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, 
läßt sich das Vorkommen solcher Konzepte auch für Rom nachweisen: 
nach dem Tode eines Seriniars wurden Urkunden aus seinen Kon- 
zepten durch einen anderen Scriniar hergestellt und vollzogen;^ mehr- 
fach ist es der Sohn des verstorbenen Notars, der so über die Kon- 
zepte seines Täters verfügt, es kommt aber auch vor, daß erst der 
Enkel und selbst der Urenkel Reinschriften aus ihnen hergestellt hat. 
Die Konzepte werden in Rom dicta genannt, wohl deswegen, weil sie 
die bei der traditio cartae von dem Aussteller gebrauchten formelhaften 
Äußerungen wiedergaben.^ Wie sie beschaffen waren, erfahren wir 
aus Abschriften von ihnen, die bisweilen von den Notaren für die 
Aussteller der Urkunden oder ihre Rechtsnachfolger hergestellt worden 
sind, denen unter Umständen daran gelegen sein konnte, Wortlaut 
und Inhalt der in den Besitz der Urkundenempfänger übergegan- 
genen Dokumente in den durch den Notar beglaubigten Abschriften 
der Konzepte aufzubewahren;^ ein solches Konzept, das der Notar dem 



^ Dafür sprechen zwei Urkunden von 956 und 964, in denen der >«'otar 
die Namen von Zeugen, die vor der Herstellung der Reinschrift verstorben 
waren und deshalb die Reinschrift nicht unterfertigen konnten, den Konzepten 
entnimmt, Mon. ad. Neapol. ducatus bist. pert. 2, 1, 71 n. 89 und 2, 1, 95 n. 137. 

^ Es ist aber zu beachten, daß note als Plural für ein einzelnes Konzept 
gebraucht wird. Andere Bezeichnungen, die in den angeführten Urkunden 
vorkommen, sind annotatio und sehedula. Die Zeugen im Konzept verzeichnen, 
heißt testes prenotare. Diese Ausdrücke zeigen zur Genüge, wie unrichtig es 
ist, daß Gaudeszi den Konzeptcharakter solcher Aufzeichnungen bestreitet. 

^ Zwei Belege hat Leicht S. 11, zwei andere Redlich, Privaturkunden 
S. 59 erwähnt. Weitere Zeugnisse aus dem 11. und 12. Jahrhundert: Arch. 
della soc. Romana 22, 422 n. 86; 22, 442 n. 96; 24, 182 n. 46; 24, 191 n. 54; 
24, 193 n. 55; 25, 169 n. 57; 25, 193 n. 73: 25, 286 n. 41 usw. 

* Diesen Ausdruck, der nur in Rom vorkommt, zu verallgemeinem, wie 
Leicht tut, ist kein Anlaß vorhanden. 

^ Sehr deutlich erhellt das aus der Abschrift einer Urkunde von 1083 (1084), 
Arch. della soc. Romana 24, 492 n. 27. Das Kapitel von St. Peter hatte einem 
Geldwechsler Paulus für ein Darlehen von 100 Solidi ein Stück Land ver- 
pfändet und wünschte später eine Abschrift der Verpfändungsurkunde zu be- 



rj(i Konx&pie von Notarialsurkunden in der liomagna 

Knipfän^nn- aiisgohaudigt zu haben scheint, ist uns in dessen Archiv er- 
halten gebliebeu.^ Auch diese römischen dicta sind in der Hauptsache 
schon den Reinschriften ziemlich gleichlautend; nur die Poenformel ist 
regehnäßig auf ein kurzes Stichwort, etwa })ocna dupli, beschränkt, 
während die Reinschriften die ausgefülirte Formel Si qua vero j)ars usw. 
aufweisen; natürlich fehlt den Abschriften auch die Kompletionsklausel 
und der Notar sagt statt dessen, wie z. B. in einem Falle von 1153: 
ego Filippus scriniarius S. R. E. sioiä inveni in [didis^ Oddonis quondam 
scriniarli iti, hae cartula exemplavi? 

Eine ganze Anzahl solcher Abschriften von Konzepten, zumeist 
aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts, alle bezüglich auf eine einzelne 
Besitzung des Domkapitels zu Velletri, hat sich auf einem Rotulus im 
Archiv des Ivapitels erhalten ;2 jedenfalls derselbe Notar, der die Ur- 
kunden hergestellt hatte, hat sie für das Kapitel behufs bequemer 
Übersicht über die Besitztitel hergestellt. Die Schlußformel lautet: ego 
Nicolaus scriniarius has rogationis chartalas scripsi complevi et absolvi ; der 
Notar bezeugt also zugleich, daß er nach diesen Konzepten Urkunden 
ausgefertigt habe. Die Konzepte aber scheinen danach in Velletri als 
rogationes bezeichnet gewesen zu sein. Jedenfalls war der letztere 
Ausdruck in der Romagna, insbesondere in Bologna üblich, und die 
rogationes sind hier etwa um dieselbe Zeit wie in Rom die dicta oder 



sitzen. Diese fertigte ihm der Neflfe des Scriniars, der die Urkunde geschrieben 
hatte, aus und schloß sie mit folgender Klausel: Ugo Sasso scriniarius, sicut 
iuieni in dietis Angeli scriniarii patriii mei . . . rogatis ab eo, de quibus car- 
tule Scripte fuerunt apiit Paulum cumbiatorem , ita exse^nptavi pro t(tilita/e 
f-anonice saneti Fetri, ut sit im memoria canonieorum siiorum. Der Text des 
dictum schließt mit den Worten j)ena (so, nicht pensionis, ist die Abkürzung 
jieli aufzulösen) prestitum duplum, also der verkürzten Strafformel. Dann 
folgen die Namen der Zeugen mit der einleitenden Formel: / sunt testen uius 
pignori\ diese Namen standen also schon im Konzept; ihre Unterschriften oder 
Signa und die Kompletiousklausel fehlen natürlich. 

' Arch. della Soc. Romana 22, 492 n. 12. 

'* Arch. della Soc. ßomana 27, 386 n. 16. 

^ Arch. della Soc. Romana 12, 90 n. 8. Die letzte Urkimde von 1110 ist 
später von anderer Hand nachgetragen. — Daß es sich um Abschriften von 
Konzepten und nicht von Reinschriften handelt, ist ganz deutlich. Abgesehen 
von der auch hier überall begegnenden, für die Konzepte charakteristischen 
Verkürzung der Poenformel (sie lautet etwa oblig. XX sol. oder obtig. pretn 
dupti), beweist das auch der Anfang des Tertes mit den Worten: ego N. rogo 
scribere (fieri) chartulaui doiiationis {rcnditionis). In der Reinschrift mußte es 
statt dessen natürlich mindestens heißen: ego N. doiio {reiido) oder faeio ckar- 
tulam donationi.s [ceiiditiunis), wenn die Formel nicht, wie üblich, noch weiter 
ausgeführt war. 



Konzepte von italienischen INuUlrtatsitrhiniilcn 127 



doch nur wenige Jahre später uachweisbar: so fertigt z. W. im Jahre 
1082 der Tabellio Bonaudus eine Urkunde aus, die er mit den Worten 
beglaubigt: in dei nomine Bonanchis tabellio hunc lihellum enfiteusim 
per iussionem Petri nolarii, quia in nie reliqnid omnea suas rogation s, 
sicul vidi in isla rogatione, ita scripsi} 

Wie das Yerhältnis dieser Rogationen, die der Notar bei sich be- 
hielt und über deren Besitz nach seinem Tode er verfügen konnte, zu 
den Dorsualnotizen, die ja in Bologna und der Romagna so sehr ver- 
breitet waren, sich gestaltete, das läßt sich bisher noch nicht sicher 
erkennen. Es wäre an sich möglich, daß etwa einzelne Notare die 
erstere, andere die letztere Art der Konzepte bevorzugten; es wäre 
aber auch nicht unmöglich, daß die Notare neben den Dorsual- 
konzepten noch Abschriften davon oder ausgeführtere Konzepte her- 
stellten, die sie bei sich aufbewahrten. Ob die eine oder die andere 
Annahme zutrifft, oder ob etwa noch andere Verhältnisse, die wir bis 
jetzt noch nicht übersehen können, bestanden, das wird noch weiterer 
Untersuchung bedürfen, die hoffentlich bei der Herausgabe der reichen 
urkundlichen Schätze der Romagna in den Regesta chartarum Italiae 
vorgenommen werden wird. 

So viel aber ergibt sich aus den nachgewiesenen Tatsachen mit 
Sicherheit: wie die Dorsual- oder Marginalnotizen, von denen wir 
vorhin sprachen, so sind auch die notae von Neapel, die dicta von 
Rom, die rogationes der Romagna nichts als Konzepte, die als solche 
nicht den Beweiswert der Instrumente haben und deshalb in einem Rechts- 
streit nicht vorgelegt werden können. Aber es sind Konzepte, denen 
insofern öffentliche Glaubwürdigkeit innewohnt, als aus ihnen jederzeit 
ohne weiteres Eingreifen des Ausstellers, der sich durch den rechts- 
förmlichen Beurkundungsauftrag ein für allemal gebunden hat, auf 
den Antrag des Empfängers- oder seines Rechtsnachfolgers eine mit 
einem gewissen Beweiswert ausgestattete Urkunde durch den beauf- 
tragten Notar oder dessen Rechtsnachfolger ^ hergestellt werden kann 
und hergestellt werden muß. 



I Mitgeteilt von Gaudenzi, Arch. stör. Ital. V, 41, 33^, wo auch noch 



andere Belege. 



- Aber nicht auch des Ausstellers. Der Aussteller kann sich wohl Ab- 
schriften der Konzepte geben lassen, der Notar kann ihm auch bestätigen, daö 
er auf Grund dieser Konzepte Urkunden geschrieben habe, aber er stellt auf 
Grund des Konzeptes das Instrument nicht für den Aussteller, sondern nur 
für den Empfänger her. 

3 Aber nicht jedes beliebigen Notars, s. unten. 



1 28 Imhreviaturen 



Die eben bebandelten Konzepte der Gebiete des römiscben Rechtes 
ha])en sieb nun in der Folgezeit zu den sogenannten Imbreviaturen^ 
ausgebildet, die im späteren Mittelalter für das italienische Notariats- 
wesen cbaralvteristisch sind, in ihren wesentlichsten Eigenschaften aber 
jenen Konzepten durchaus entsprechen. Ht'it dem Verschwinden des 
Brauches der Urkundentradition, die im Laufe des 12., hier und da 
auch erst im Beginn des 13. Jahrhunderts abkam, und seit dem all- 
gemein werdenden Ersatz der cartae durch noHtiae oder Breven- ging 
man auch in dem langobardischen Eechtsgebiet dazu über, die Dorsual- 
oder Margiualkonzepte, die in die Hände des Urkundenempfängers 
kamen, durch Konzepte zu ersetzen, die der Notar bei sich auf- 
bewahrte und denen die gleichen Eigenschaften zukamen, welche die 
vorhin besprochenen Konzepte Neapels, Roms und der Romagna be- 
saßen. Am frühesten ist das bis jetzt in den zum päpstlichen Gebiet 
gezogenen Teilen des langobardischen Tuscien nachweisbar, wo ein Notar 
in Massa Marittima (Populonia) eine Urkunde von 1128 so ausfertigt, 
siciit a Petro notario adbreviatam inveni;^ in der eigentlichen Lom- 
bardei ist eine Lodeser Urkunde von 1142 wahrscheinlich ebenso ent- 
standen;* gegen das Ende des 12. Jahrhunderts war der Brauch sehr 
weit verbreitet,^ 



' Statt imbreviatura wird gleichbedeutend auch abbrematura gebraucht, 
vgl. z. B. die Urkunde von 1211, Ficker, Ital. Forschungen 4, 295 n. 248 und 
die Statuten von Pistoia (ed. Zdekauer) passim. Seltener ist breviatura, z. B. 
Foutt. rer. Austriac. 5, 140 n. 64. Aber auch die früher für Konzepte nach- 
gewiesenen Ausdrücke kommen dafür vor. In einer Dekretale Gregors IX. 
wird für die von einem verstorbenen Notar hinterlassenen Imhreviaturen der 
Ausdruck instrumenta redacta in nota gebraucht (II, 22 de fide instrurnea- 
torum cap. 15 ed. Friedberg 2,353); seheda (sehedula) und protocollum begegnen 
öfter in den Schriften der Juristen und den Lehrbüchern der Notariatskunst, 
aber auch in Urkunden, z. B. Tirabosoiii, Modena 3, 64; Muratori, Antt. Est. 
2, 20; Fantdzzi, Mon. Ravenn. 3, 414. — abrcnatura seu protocolltim Reg. 
Senense 1, 170 n. 413. 

- Vgl. V. Voltelini, Acta Tirolensia 2, XVIIf. und oben Bd. 1, 659f. 

^ Arch. stör. Ital. III, 20, 223; auf diese Urkunde hat schon Kern S. 55f. 
hingewiesen. 

* Vgl. Kern S. 56, wenn dessen Auffassung des hier gebrauchten Aus- 
druckes siibscribere das richtige trifft. 

^ Die Existenz von Imhreviaturen, nach denen andere Notare Rein- 
schriften ausfertigen oder von denen sie beglaubigte Abschriften herstellen, 
ist bisher nachgewiesen für Padua 1178, Tortona 1182, Trient 1193, Ivrea 
1204, vgl. V. VoLTEUsi a.a.O. S. XXVIII. XXXIV; Kern S. 60. In Parma 
ist sie schon 1189, nicht erat 1196 (vgl. Kern S. 61) nachweisbar, vgl. Affö 
2, 400 n. 102; der Notar schreibt die Urkunde ex imbreviatura quadani in 
scrineo conimtmis inventa. Wahrscheinlich ist auch ein Fall von 1188 aus 



Imbreviaturen 129 



Seit dem 13. Jahrhundert wurden dann die zuut'tniäßig organi- 
sierten und unter der Kontrolle der Stadtbehr»rden stehenden Notare 
zur Anfertigung solcher Imbreviaturen geradezu durch zwingende Vor- 
schriften der städtischen Gesetzgebung verpflichtet.^ Schon vorher war 
man dazu übergegangen, dafür Hefte oder Bücher anzulegen, in welche 
die Imbreviaturen entweder sofort eingetragen oder, wenn sie zuerst 
auf einem Einzelblatt geschrieben waren,^ kopiert wurden. Die ältesten 
bis jetzt bekannten Imbreviaturbücher oder -hefte stammen aus Genua 
und gehören der Mitte des 12. Jahrhunderts an;'^ sie sind ebensowenig 



Piacenza, Affö 2, 398 n. 101, ebenso zu beurteilen; in diesem Falle und in 
späteren von 1196 und 1197 (Affö 3, 311ff.; von Kern S. 61 N. 3 irrig 
auf Parma bezogen) handelt es sich um Imbreviaturen, die der Stadtschreiber 
{nofarius comnnmis) Guillehnus Girvinus hergestellt hat; die Reinschriften 
werden dann auf sein Geheiß von anderen Notaren ausgefertigt. Dasselbe 
scheint 1207 in Pisa vorzukommen; der Notar Guiscardus schreibt eine Ur- 
kunde nach der Rogation des Bandinus Martii, der nach Schneiders Angabe 
im Register Kanzler von Pisa war, Reg. Volaterranum S. 97 n. 282. Wie neu 
aber das Verfahren noch gewesen sein muß, zeigt die Umständlichkeit, mit 
der in Spugna im Elsatal eine Imbre\'iatur von 1203 behandelt wurde, als 1206 
die Reinschrift danach hergestellt wurde; es heißt darüber (Reg. Senense 1, 
170 u. 413): Christophauus index et notarius abreviaturam seu protocolluin 
olim a Scotto iudice et notariu factum cum Rodulfo iudiee atque notario aseol- 
tavi et hoc scripsi a. 1206. 2. id. martii, ind. 10 coram (folgen drei Namen). 
Über ein Zeugnis aus Asti von 1210 s. unten N. 3. 

^ Vgl. z.B. die Statuten von Como von 1208, HPM. 16, 234; von Ber- 
gamo von 1236 HPM. 16, 1970; die savoyischcn Statuten von 1266, Wurstem- 
BERQER, Peter von Savoyen 4, 422. 

- Dies kam auch später noch nicht selten vor, vgl. Reduch, Privat- 
urkunden S. 219 N. 6. 

ä HPM. Chartae 2, 285, vgl. Ficker, BzU. 1, 343; v. Volteuni, MIÖG. 
1, 343. Über genuesische Notariatsbücher des 13. Jahrhunderts vgl. Caro, 
Genua imd die Mächte am Mittelmeer 2, 417 ff". Die ältesten Imbreviaturbücher 
aus Trient von 1236 und 1237 hat v. Voltelini, Acta Tirolensia Bd. 2 mit 
zwei Faksimiles herausgegeben. In Volterra sind Imbreviaturbücher aus den 
letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts erhalten. Reg. Volaterranum S. LIII 
N. 3. Daß es sich aber bei allen von Kern nachgewiesenen Erwähnungen von 
Imbreviaturen schon im 12. Jahrhundert (s. S. 128 N. 5) um Imbreviaturbücher 
handele, wie Kern und Redlich a. a. 0. S. 219 annehmen, ist keineswegs sicher: 
es können, wie schon v. Voltelini MIÖG. 28, 682 mit Recht bemerkt hat, 
auch Einzelkonzepte gemeint sein. Wenn in Asti am 7. Januar 1211 der 
Notar die Imbreviatur einer Urkunde nicht mehr finden kann, die erst nach dem 
13. Dezember 1210 ausgestellt sein kann, so ist das ganz gewiß kein Imbreviatur- 
buch, sondern ein Eiuzelblatt gewesen, vgl. Ficker, It. Forsch. 4, 294 f. n. 247. 
248. Sicher auf ein Imbreviaturbuch weisen dagegen die Belege aus Tortuna 
hin (Gabotto und Lege, Le carte dello archivio capitolare di Tortona 1, 119 
n. 93 und öfter), wo von dem imbririarium des Notars Georgius die Rede ist. 

Q 

Breßlau, UrkUBdenlehre. 2 Aufl. II. " 



130 Imbrevialuren 



wie die älteren Dorsualkunzepte ganz gleichmäßig in der Form und 
bisweilen mehr, bisweilen minder ausführlich gehalten, reichten aber 
unter allen Umständen aus, um danach mit Hilfe von Formularbüchern 
die Reinschriften unmittelbar herzustellen.^ Dies geschah bisweilen 
erst längere Zeit nach der Niederschrift der Imbreviatur; gerade, weil 
die Parteien jederzeit in der Lage waren, aus den Imbrevialuren sich 
ein Instrument ausfertigen zu lassen, warteten sie wohl mit dem Auf- 
trage dazu, um die Gebühren zu ersparen, bis sie eines solchen be- 
durften; und so mag denn nicht selten ^ die Herstellung des Instru- 
ments ganz unterblieben sein. Jedoch überall da, w'o aus einer Urkunde 
vor Gericht oder vor anderen Behörden ein Beweis geführt werden 
sollte, mußte das Instrument produziert werden ; dazu genügte die 
Imbreviatur nicht, und auch sie hat also insofern den Charakter eines 
Konzepts immer bewahrt. Gerade deswegen aber galt auch für die Im- 
breviatur die uns schon von den älteren Konzepten her bekannte Be- 
stimmung, daß nach dem Tode des Notars, der sie aufgenommen hatte, 
das Instrument auch von einem anderen Notar hergestellt werden 
konnte. Doch nicht von jedem Notar, sondern nur von dem, der die 
hiuterlassenen Imbreviaturen von dem Notar, der sie aufgenommen 
hatte, oder seinen Erben oder, falls Erben nicht vorhanden waren, von 
der zuständigen Behörde erhalten hatte, deren Autorisation auch in 
dem ersteren Falle immer erforderlich war.^ Dann aber hatten die so 



' Nach der Ausstellung des Instruments wurde die Imbreviatur durch- 
strichen (cancelliert), um die Ausstellung eines zweiten Instruments in betrüge- 
rischer Absicht zu verhüten. 

- Aber wohl doch nicht so oft, wie Keex S. 60 aunimmt, vgl. v. VoL'fE- 
Lisi, MIÖG. 28, 6S2; Redlich a. a. 0. S. 221. 

* Vgl. V. VoLTELiNi, Acta Tirolensia 2, XXXIII; Kern S. 60; Redlich a.a.O. 
S. 220 f. — Nach kanonischem Rechte war die auctoritas iudicis ordinarii für 
die Anfertigung von Instrumenten nach den Imbreviaturen eines verstorbenen 
Notars vorgeschrieben; vgl. die oben S. 128 N. 1 angeführte Dekretale Gre- 
gors IX. Die städtischen Statuten des 13. Jahrhunderts regeln die Sache in 
verschiedener Weise, vgl. z. B. die Statuten von Pistoia (ed. Zdekaüer S. 66 
§ 33) oder die von Como, wo 1270 ganz besonders strenge KontroHmaßregoln 
(Autorisation durch zwei Konsuln imd das consilium generale, Vereidigung des 
Notars, Gegenzeichnung der von ihm aus fremden Imbreviaturen hergestellten 
Instrumente durch zwei Konsuln) vorgeschrieben und 1281 noch verschärft 
werden (II PM. 16, 62j. Umgekehrt ist die Sache sehr leicht gemacht z. B. 
in den allerdings erst dem 14. Jahrhundert angehörenden Statiiten von Ascoli 
Piceno (in den Fonti per la storia d'Italia S. 7). Die Autorisation durch die Behörde 
wird oft in den Beglaubigungsformeln der Notare, die davon Gebrauch machen, 
ausdrücklieli erwähnt. — Im späteren Mittelalter nahmen sich die städtischen 
Behörden der Imbreviaturbücher überhaupt an: ihre Verschleuderung oder 



Konxppte für Kömgsrtrhnmlen 131 



hergestellten Instrumente dieselbe Beweiskraft, die ihnen ziigekoinnien 
wäre, wenn sie von dem Xotar, von dem die Imbreviatur herrührte, 
selbst augefertigt worden wären. ^ 

Ungleich schlechter als hinsichtlich der Privaturkuudeu ist es mit 
unserer direkten, unmittelbar aus archivalischen Überresten zu gewin- 
nenden Kenntnis von den Konzepten für ältere Königsurkundeu 
bestellt. Hat mau früher vielfach solche Exemplare von Diplomen, 
die in der einen oder der anderen Beziehung, etwa durcli den Mangel 
der Datierung, des Siegels oder eines Vollziehungs-Merkmals, sich von 
regelmäßigen K'anzleiausfertigungen unterschieden, als Konzepte be- 
zeichnet,^ so ist man jetzt im allgemeinen darüber einig, daß es sich 
durchweg nicht um solche handelt. Schon der Umstand, daß alle jene 
Schriftstücke in den Archiven der Empfänger überliefert sind, macht 
eine solche Annahme unwahrscheinlich; es ist bisher in keinem Falle 
nachgewiesen, daß in der Eeichskauzlei hergestellte Konzepte in 
die Hände der Empfänger der danach ausgefertigten Diplome gelangt 



Vernichtung wurde verboten uud seit dem 14. Jahrhundert begann die Ein- 
richtung von Xotariatsarchiven, in denen die Imbreviaturbüeher verstorbener 
Notare niedergelegt wurden, vgl. Paoli-Lohmeveu S. 376 ff. 

^ Viel seltener als die Herstellung eines wirklichen Instruments nach 
den Imbreviaturen eines verstorbenen Notars imd nur in einzelnen Gegenden 
üblich, war in späterer Zeit das andere, uns schon bekannte Verfahren 
(s. oben S. 125) eingeschlagen worden, daß der spätere Notar vim der Imbre- 
viatur eines verstorbenen Kollegen eine genaue Abschrift nahm, die er be- 
glaubigte. Dies Verfahren scheint besonders in Trient beliebt gewesen zu sein. 
In dem ersten Falle, der bekannt ist, Fontt. rer. Austriac. 5, 140 n. 64, liegt 
die Sache allerdings ganz so, wie in dem oben S. 125 besprochenen aus Rom: 
der Notar Oldoricus fertigt per preceptum et auctoritatem doviini Aldrici epis- 
copi Tridentini (also nach 1232) die Abschrift der Imbreviatur einer Belehnungs- 
urkunde an, die der Bischof Konrad 1 199 ausgestellt hatte; es ist also nicht der 
Empfänger, sondern der Rechtsnachfolger des Ausstellers, der das Transsumpt 
der Imbreviatur zu haben wünsch , offenbar um die Erfüllung der Verpflichtungen 
des Belehnten kontrollieren zu können, die in die Urkunde aufgenommen waren. 
Aber später seheinen solche Transsumpte in Trient aucli anderweit vor- 
zidiommen (vgl. v. Voltelini, Acta Tirolensia 2, XXXIII; ein Beispiel auch 
bei FicKER, It. Forsch. 4, 465 n. 458), und es bedurfte nun auch dazu der 
richterlichen Ermächtigung und einer besonderen Vereidigung des Notars. 
Daß ähnliches auch in Dalmatieu allgemein üblich war, führt v. Süffl.vy aus, 
SB. der Wiener Akademie Bd. 147 n. VI S. 103 mit N. 4. Die meisten Sta- 
tuten aber kennen dies Verfahren gar nicht. 

- So namentlich sehr oft Stumpf in den Regesteu; vgl. dagegen Sukei-, 
Acta 1, 825; Bresslau, FDG. 13, 94; Ficker, BzU. 2. 31; Sickel, BzD. 6, 72 f. 
(SB. der Wiener Akademie 85, 420f.). Zuletzt scheint auch Stcmpf, Wirzbui-g. 
Immunitäten 2, 75, seinen früheren Standpunkt aufgegeben zu haben. 

9» 



132 Komepte für Königsurkunden 

sind, und es ist, nach dem was wir über die Einrichtungen in der 
Kanzlei wissen, nicht abzusehen, wie das hätte gescliehen sollen.^ Die 
früher als solche Konzepte angesehenen Stücke sind vielmehr entweder 
bloße Abschriften, oder es sind wirkliche und vollzogene Original- 
diplome, die indessen aus irgend einem Grunde mangelhaft ausgefallen 
sind,'^ oder endlich es sind solche Ausfertigungen, die bestimmt waren, 
Originaldiplome zu sein und also ganz in der Weise solcher hergestellt 
waren, die aber aus irgend emem Grunde kassiert wurden, ohne voll- 
zogen worden zu sein:^ Ausfertigungen dieser Art konnten in die 
Hände der Empfänger kommen, weil sie bereits auf teurem Perga- 
ment geschrieben waren, dessen Auslieferung der Empfänger, wenn er 
die Taxe dafür bereits bezahlt hatte oder noch bezahlen mußte, mit 
Recht beanspruchen konnte.* Begreiflich ist es dagegen, daß uns eine 
kleine Anzahl von solchen Entwürfen zu Königsurkunden erhalten ist, 
die nicht in der Kanzlei, sondern von den Parteien, welche Diplome 
zu erwirken wünschten, hergestellt worden waren und diesen ver- 
blieben; in einigen dieser Fälle wissen wir nicht, ob es zur Ausstellung 
der gewünschten Diplome gekommen ist; in anderen ist es wenigstens 



* An diesem Satze halte ich gegenübei* den Bemerkungen von Tangl, 
NA. 25, 357 f., und Kehk, QFIA. 7, 8ff., durchaus fest, jindem ich in Abrede 
stelle, daß aus dem, was von der päpstlichen Kurie in bezug auf die hier zu 
erörternde Frage gilt, irgend ein Schluß auf die Vorhältnisse am deutschen 
Königshofe, zumal des früheren Mittelalters, gezogen werden darf. Kehr und 
Tanql haben nicht genügend berücksichtigt, daß am Königshofe eine Einrich- 
tung wie die der Prokuratoren, die zugunsten der Parteien den Verkehr zwischen 
den verschiedenen Kanzleibureaus vermitteln, in deren Hände daher die Kon- 
zepte kamen, um darin zu vei'bleiben, völlig fehlt. 

"^ Beispiele dafür Bresslau, FDG. 13, 94. 

' Beispiele solcher Stücke aus Ottoniseher und Saliseher Zeit Foltz, NA. 
3, 23. 24-, Bresslau, NA. 6, 548flf.; doch sind davon jetzt zu streichen St. 1148 
(DO. III. 283); St. 1312 (DH. II. 3); St. 1911 (DK. IL 61). Dagegen kommen 
hinzu die DD. K. II. 218. 251. 274. Einen interessanten Fall illustrieren KUiA. 
Lief. II, Taf. 10. 11. 

* Auch das bei Fickeu, BzU. 2, 31 besprochene zweite Exemplar von St. 
3901 ist ursprünglich kein Konzept, sondern eine zweite, unbesiegelt gebliebene 
Ausfertigung jener Urkunde, wenn es auch später als Konzept für St. 3905 be- 
nutzt worden sein mag. Und ähnlich verhält es sich mit der bei Winkelmann, 
Acta 1, 337 n. 385, gedruckten Ausfertigung von BF. 3519, die offenbar ur- 
sprünglich bestimmt war, Reinschrift zu werden, dann aber kassiert und nun 
als Konzept für die wirkliche R' Inschrift verwandt ist. Unbekannt ist nur, 
wie sie nach Venedig gekommen ist. Über einige neuerdings von Wilmans- 
Philippi als Konzepte bezeichnete Stücke s. unten. Unverständlich ist der von 
Philipp! gebrauchte Ausdruck ,, besiegeltes Reinkonzept" (Wilmans-Philippi 2, 
369; vgl. jetzt auch Tangl, Schrifttafeln 3, 47). 



Konzepte für Künigsurkunden 133 



nicht zweifellos verbürgt, daß ihre Ausstellung gerade auf Grund der 
uns erhaltenen Entwürfe erfolgt ist.^ Für die Frage aber, ob und in 
welchem Umfang in der Kauzlei selbst Konzepte regelmäßig an- 
gefertigt wurden und wie sie beschaffen waren, ist aus diesen Emp- 
fängerkonzepten nichts zu erschließen. 

Alles, was uns an Kanzleikonzepten aus der Zeit vor Heinrich YII. 
erhalten ist,^ beschränkt sich demnach, da die älteren Angaben über 
solche durchaus zu verwerfen sind, auf eine kurze Xotiz, die etwa den 
früher besprochenen St. Galler Dorsualkonzepteu zu \ ergleichen ist; 
sie ist in tironischen Noten auf der Rückseite eines Diploms Karls d. Gr. 
geschrieben, mit dem sie nichts zu tun hat, und war also offenbar für 
ein anderes, verlorenes Diplom des Königs bestimmt.^ Daß solche 
Dorsualnotizen in der Kanzlei allgemeiner üblich gewesen wären, ist 
so gut wie ausgeschlossen, da sie an keinem zweiten Original des 8. 
bis 11. Jahrhunderts bisher haben beobachtet werden können.^ Da- 
gegen ist es möglich, daß entsprechende Marginalkonzepte, die nach der 
Herstellung der Reinschrift entfernt worden wären, häufiger vorkamen; 
dafür spricht die von Tangl^ gemachte Beobachtung, daß in den Ur- 
kunden der älteren Kaiohnger sehr oft, unter Karl d. Gr. fast regel- 



^ Was darüber bis jetzt bekannt ist, habe icli Bd. 1, 460 zusammen- 
gestellt; hinzuzufügen wäre vielleicht noch das DO. III. 425, doch ist die Be- 
urteilung dieses Stückes schwierig, wie mit Recht Erbex, Histor. Vierteljahr- 
schrift 16, 392 X. 2. bemerkt; es könnte sich hier doch auch um den Versuch 
einer Fälschung handeln, für den eine verlorene Urkunde Ottos III. für Monte 
Amiata (die auch die Herausgeber annehmen) benutzt wäre. Übrigens ist 
noch zu bemerken, daß auch mehrere der S. 132 N. 3 erwähnten Stücke in die 
Kategorie solcher Empfängerentwürfe gehören, denen aber gleich die Aus- 
stattung von Reinschriften gegeben ist. 

- Über das unter ganz besonderen Verhältnissen entstandene Privileg für 
Regensburg BF. 904, das nach Philippi als Reinschrift begonnen, dann zum 
Konzept bestimmt, schließlich aber doch als Reinschrift ausgegeben wurde, 
vgl. KUiA. Text S. 136; Philippi, Kanzleiwesen S. 17. 

3 Vgl. Tangl, MIÖG. 21, 844 ff. (mit Faksimile); Afü. 1, 104; D.Kar. 115. 

* Höchstens könnte noch die von Jusselin entzifferte tironische Dorsual- 
notiz auf DM. 64 (Lauer et Samaran pl. 20, Text S. 15) hierher gezogen werden, 
aber sicher ist das keineswegs. Sie entspricht genau der in dem Placitum 
enthaltenen Formel des königlichen Urteilsspruches; da nun aber das Kloster 
über den Ort, um den es sich dabei handelt, später Rechtsgeschäfte ab- 
geschlossen hat und auch in einen späteren Prozeß verwickelt war (vgl. DM. 
70), so ist es sehr wohl denkbar, daß jene Formel des ersten Besitztitels bei 
einer späteren Gelegenheit in St. Denis aus der Urkunde herausgehoben und 
auf der Rückseite der Urkunde verzeichnet ist. 

'" AfU. 2, 185. 



134 Konzepte für Königsurkunden 



mnßig der obere Rand des Pergainentblattes, erst nachdem die Rein- 
sclirift gesollrieben war, abgeschnitten worden ist. Dieselbe Beob- 
achtung läßt sich auch für einige der merovingischen, auf Pergament 
geschriebenen Urkunden machen; und die gleiche Erscheinung ist in 
Italien bis in den Anfang des 10. Jahrhunderts zu verfolgen, während 
in Deutschland die Zahl der Urkunden, an denen sie in den letzten 
Jahrzehnten des 9. und im Anfang des 10. Jahrhunderts beobachtet 
werden kann, sehr klein ist. Gerade dies Verhältnis aber spricht für 
die von Tangl an seine Beobachtung angeknüpfte Vermutung. Wenn 
eine Beschneidung des Pergaments nach Herstellung der Reinschrift, 
wodurch die Schriftzüge der obersten Schriftzeile verletzt wurden, in 
Deutschland gerade in der Zeit so häufig vorkommt, in der auch auf 
Privaturkunden Dorsual- und Marginalkonzepte sich finden, nachher 
aber kaum mehr nachweisbar ist, so unterstützt das die Hypothese, 
daß sie eben deshalb stattfand, um solche Notizen von den mun- 
dierten und aus der Kanzlei ausgegebenen Urkunden zu entfernen. 

Bleiben wir hier auf Vermutungen beschränkt, so führt uns auch, 
was wir sonst an direkten Nachrichten aus älterer Zeit besitzen, bei 
der Untersuchung darüber, o)) für Königsurkunden volle Konzepte 
regelmäßig oder häufiger angefertigt wurden, nicht viel weiter. Als 
Ludwig der Deutsche 854 die Ausstellung einer Urkunde für St. Gallen 
beabsichtigte, befahl er, wie Ratpert erzählt,^ zunächst das Konzept 
anzufertigen, ließ sich dieses dann vorlegen und erteilte erst, nachdem 
er es gutgeheißen, dem Kanzler den Auftrag zur Herstellung der 
Reinschrift. Daß hier ein ausnahmsweise umständliches Vorgehen be- 
liebt wurde, daß man nicht immer so verfuhr, wie in diesem Falle, 
scheinen die Worte des Schriftstellers bestimmt anzudeuten,^ aber es- 
muß dahingestellt bleiben, ob ihm die Anfertigung eines Konzeptes 
an sich oder nur seine A^orlegung an den König als ungewöhnlich 
erschienen ist, und das Zeugnis kann deshalb weder für noch gegen 
die Annahme, daß damals regelmäßig Konzepte angefertigt seien, ver- 
wertet werden. 

Weiter kommen wir, wenn wir den Versuch machen, die Frage 
zu beantworten, ob Verfasser und Schreiber der Königsurkunden die- 



' Ratpert, Casus S. Gall. (oben S. 97 N. 1) : et ut caiitius haec eadem ßrmitatis 
scriptura comnnmiretur, jjraecejnt primitus tantummodo dictatam et in aliqua 
scacda conscriptam, sibi jwaesentari^ et cum ille causam comprobaref, tunc 
demum canccllario praecepit, in legitimis carfis conscribere praefafi pacti con- 
ßrmalioneiit. 

- Vgl. FicKER, BzU. 2, 23; Sickel, SB. der Wiener Akademie 93, 684 
(Bzü. 7, 46). 



Konzepte für Königsurkunden 135 



selben oder verschiedene Personen waren. Auch in letzterem Fall 
ist die Annahme, daß ein Konzept angefertigt worden sei, nicht un- 
umgänglich; es wäre an sich denkbar, daß der Diktator dem In- 
grossisten die Reinschrift unmittelbar in die Feder diktiert hätte. 
Das mag denn auch in einigen Fällen vorgekommen sein,^ aber wir 
haben keinen Anhaltspunkt anzunehmen, daß es irgendwie häutiger 
geschehen sei, und im allgemeinen werden wir unfraglich daran fest- 
halten können, daß, wenn Diktator und lugrossist einer Urkunde ver- 
schiedene Personen waren, der letztere nach einem Konzept des ersteren 
gearbeitet hat. 

Ausdrückliche Angaben über die Verschiedenheit dieser beiden 
Personen finden wir häufiger nur in den langobardischen Königs- 
urkunden, und danach scheint in der langobardischen Kanzlei die An- 
fertigung von Konzepten wenn nicht regelmäßig so doch recht oft vor- 
gekommen zu sein.^ Für die merovingische Zeit fehlen solche An- 
gaben gänzlich,^ und unter den Karolingern ist nur einige Male unter 
Ludwig dem Frommen in den tironischen Xoten der Diktator genannt; 
es ist in sechs Fällen der Kanzleichef oder der leitende Kanzleinotar,* 
in einem Falle wahrscheinlich Eüihard, der die Ausfertigung der Ur- 
kunde erwirkt haben wird und der Kanzlei den Beurkunduugsbefehl 
überbrachte;^ geschrieben aber sind alle diese Diplome von anderen 
Männern. In den späteren deutschen Königsurkunden kommen der- 
artige Xotizen überhaupt nicht mehr vor. 



* SiCKEL, Acta 1, 153 X. 4 nimmt es z. B. für zwei Diplome Karls dos 
Großen an, DD. Kar. 84 und 90 (wo der dafür angeführte Fehler augeat, statt 
audeat durch Mühlbachers Korrektur verhüllt ist), und auf ähnliches würde 
auch der in bayrischen Privaturkuuden nicht selten begegnende Ausdruck 
scripsi ex ore N. deuten, wenn hier ex ore nicht bloß „auf mündlichen Befehl" 
bedeutet, vgl. Bruxner, ZR. S. 250, Bresslac, FDG. 26, 62 N. 5. Für die 
erstere Auslegung kann mau aus einer langobardischen Urkunde von 747 Reg. 
Farf. 2, 42 n. 35) die Worte qiiatuor breves cojisimiles proprio ore dictantibus 
vno tenore con^cripti sunt per inanus Petri heranziehen. 

- Vgl. Chroust S. 38 fl: 

* Auf die Frage, ob in merovingiscber Zeit Konzepte üblich waren, wird 
unten bei der Besprechung der Bedeutung der Referendar-Unterschriften noch 
einmal zurückzukommen sein. 

* Mt=HLBACHER, Reg." 773. 831. 872. 907. 923.987; vgl. Tangl, AfU. 1, 114. 
118 (vgl. 2, 169). 121. 123. 124. 130. In den drei ersten Fällen ist der Kanzlei- 
chef Fridugis, in den beiden letzten der leitende Notar Hirminmaris der Dik- 
tator. Ob in MüHLEACHER, Reg.^ 907 der Kanzleichef Theoto oiler Hirminmaris 
diktiert hat, ist noch zu untersuchen. In Mühlbacher, Reg.* 872 hat auch der 
Impetrant auf das Diktat Einfluß gehabt. 

' Mühlbacher, Reg." 656, vgl. Tanol, NA. 27, 24 ff. 



136 Konzepte für König siir künden 



Aucii die Verglcichung von Stil und Schrift führt uns für die 
ältere Zeit zu keinen Ergebnissen, die für den Mangel positiver Zeug- 
nisse über das in Rede stehende Verhältnis entschädigen könnten. 
Bei den Künigsurkuuden des früheren Mittelalters sind Untersuchungen 
darüber schwierig und wenig ergiebig; die Diplome der Merovinger 
und der ersten Karolinger sind so überwiegend nach Formularen ge- 
schrieben, und bringen deshalb so wenig stilistische Eigentümlichkeiten 
einzelner Beamten zum Ausdruck, daß eine Ermittlung der Verfasser 
nur in seltenen Fällen möglich ist.^ Kann danach die Frage, ob eine 
Anfertigung von Vollkonzepten in der älteren karolingischen Kanzlei 
häufig oder regelmäßig erfolgt sei, mit Sicherheit nicht beantwortet 
werden, so läßt sich doch sagen, daß allgemeine Gründe eher zu ihrer 
Verneinung führen.^ Gerade die allgemeine Benutzung der Formular- 
bücher wird in den meisten Fällen die Anfertigung eines Konzepts 
überflüssig gemacht haben; das Formular selbst war das Konzept, 
nach dem ein nur einigermaßen geschickter Notar die Reinschrift einer 
Urkunde, wenn ihm Angaben über die besonderen Verhältnisse des 
Einzelfalles gemacht wurden, meist ohne besondere Schwierigkeit her- 
stellen konnte. Und so halte ich die regelmäßige Anfertigung von 
Konzepten, die anders beschaffen gewesen wären, als die oben er- 
wähnten kurzen Dorsualnotizen für die Königsurkunden bis zur Mitte 
des 9. Jahrhunderts nicht für wahrscheinlich. 

Etwas anders gestalten sich die Verhältnisse allerdings seit dieser 
Zeit.^ Schon unter Ludwig dem Deutschen wurden die Diktate indi- 
vidueller gestaltet; die Verfasser der Urkunden machten sich von den 
überkommenen Form_ularen bis zu einem gewissen Grade unabhängig 
oder gebrauchten wenigstens beim Anschluß daran gewisse ihnen 
eigentümliche Wendungen: kurz, es wird möglich, mit einer im Laufe 
der Zeit immer zunehmenden Sicherheit die Mehrzahl der uns erhaltenen 
Diplume bestimmten, wenn auch ihrem Namen nach nicht bekannten 
Notaren als Verfassern zuzuweisen.* Vergleichen wir die Listen der 



^ Vgl. SicKEL zu KUiA., Lief. I, Taf. 1. Nur an einigen wenigen Stücken 
hat SiCKEL stilistische Eigentümlichkeiten des Hitherius unter Karl, des Du- 
randus und Hirminmaris unter Ludwig d. Fr. hervorgehoben, vgl. Acta 1, 127. 
201. In der neuen Ausgabe der Diplome Karls d. Gr. ist auf Diktatunter- 
suchungen in diesem Sinne fast ganz verzichtet worden; nur bei DKar. 131 
ist in Note c auf eine Stileigentümlichkeit des Notars Giltbert aufmerksam ge- 
macht worden; vgl. dazu Farben, Histor. Zeitschr. 99, 545 f. 

- So jetzt auch Tangl, NA. 25, 357; AfU. 2, 186. 

=» Ygl. SicKEL zu KUiA. Lief. VII, Taf. 7; Text S. 153. 

* Über die Methode der Stilvergleichung, mit der solche Untersuchungen 
geführt werden, s. unten Kap. XV. Abzusehen ist dabei von den sich eng an 



Konzepte für Königsurkunden 137 



Diktatoren und Ingrossisteu, die wir souach aufstelleu können, so er- 
gibt sich für das 9., 10. und 11. Jahrhundert, daß in der überwiegen- 
den Mehrzahl der Fälle beide Tätigkeiten von ein und demselben 
Manne ausgeübt sind. Das mag an einigen Beispielen aus diesen Jahr- 
hunderten erläutert werden. Unter Ludwig dem Deutschen und 
Lothar IL haben die meistbeschäftigten Notare Hadebert und Grimb- 
land alle von ihnen gescliriebenen I'rkunden selbst verfaßt. Von 
50 Diplomen Arnulfs, die Sickel in bezug auf Schrift und Stil unter- 
sucht hat, sind 30 bestimmt von ihren Reinschreibem auch diktiert 
worden; bei 9 weiteren wird die Herstellung des Diktats durch die 
Schreiber als möglich und nur bei 11 Stücken wird sie als ausge- 
schlossen bezeichnet.^ Häufiger ist im 10. Jahrhundert die Ver- 
schiedenheit von Diktator und Ingrossist. Von vier Schreibern z, B., 
deren Hände sich während der Amtszeit des Kanzlers Poppo unter 
Otto L unterscheiden lassen, ist nur einer selbständiger Diktator ge- 
wesen, während zwei andere stets, der dritte meistens nach Vor- 
urkunden arbeiten oder nicht von ihnen verfaßte Texte mundieren.^ 
Aber das zahlenmäßige Verhältnis scheint auch jetzt das gleiche zu 
bleiben wie unter den letzten Karolingern. Aus den fünf Jahren von 
950—955 bezeichnet Sickel bei mehr als 20 Originalen Schreiber und 
Verfasser als identisch, vier sind 'nach Vorurkunden, eins ist nach einem 
Formular geschrieben, und nur bei drei oder vier Diplomen scheint 
sich bestimmt zu ergeben, daß sie nach fremdem Diktat mundiert sind. 
Und auch in den letzten vier Jahren der Regierung Ottos I. ergibt 
eine Zählung kein wesentlich anderes Bild. Unter Otto IL und 
Otto III. ist der mit der Cbiffre HB bezeichnete Mann, der von 978 
bis 987 und wieder von 992 — 994 nachweisbar ist, einer der meist 
beschäftigten Notare der Kanzlei. Sein Diktat ist in etwa sechzig Ur- 
kunden nachzuweisen, von denen gegen vierzig noch in originaler 



eine Vorurkunde anschließenden Bestätigungen. Daß bei solchen in der Regel 
kein besonderes Konzept benutzt, sundem die Vorurkunde unmittelbar zu- 
grunde gelegt wurde, läßt sich gegen die Ansicht Fickeus, BzU. 2, 20, für 
eine große Zahl von Fällen direkt dartun, vgl. unten Kap. XIV. Höchstens 
mochten den Ingrossisten kurze N'otizen über etwa vorzunehmende Abände- 
rungen gegeben werden. 

» Sickel zu KUiA. Lief. VII, Text S. 154! 160. 188. 

* MG. DD. Imp. 1, 82. Vgl. auch MIÜG. 2, 270 (wo freilich die Be- 
hauptung, daß von 95H— 961 zumeist Diktatoren und Ingrossisten ausein- 
ander zu halten seien, mit der Durchzählung der Angaben in der Edition 
nicht ganz vereinbar ist) und jetzt auch Stengel, Diplomatik der Immunitäts- 
privilegien S. 142 ff. 



138 Konxepte für Königsurkunden 

Überlieferiing erhalten sind: drei Viertel davon hat er selbst ge- 
schrieben und nur der vierte Teil der von ihm verfaßten Urkunden 
ist von anderen mundiert.^ Und selbst der Notar, der unter jenen 
beiden Kaisern wohl am häufigsten andere Schreiber nach seinem 
Ihktat hat mundieren lassen — er führt in der Ausgabe die Chiö're 
HA- — hat doch wenigstens in der Mehrzahl der FäUe die von ihm 
verfaßten Urkunden selbst mundiert. Beinahe noch regelmäßiger fallen 
im 11. Jahrhundert Schreiber und Diktator zusammen. Für die Zeit 
Heinrichs IL möge da nur auf einen Notar (GB) hingewiesen werden, 
der von 1013 — 1024 am meisten beschäftigt war und zuletzt eine 
leitende Stelle in der Kanzlei einnahm; während wir gegen vierzig 
Originaldiplome besitzen, die von ihm verfaßt und geschrieben sind 
uud ihn noch bei einigen anderen, die sein Diktat aufweisen, als 
Schreiber vermuten können, kennen wir nur drei von ihm mundierte 
Diplome, in denen er nach fremdem Konzept gearbeitet und ein ein- 
ziges, das er verfaßt, ein anderer Manu aber ins reine geschrieben hat.^ 
Und für die ganze salische Periode haben meine bisherigen Unter- 
suchungen zu wenig anderen Ergebnissen geführt; es mag genügen, 
da an den merkwürdigsten und einflußreichsten Kanzleibeamten dieses 
Jahrhunderts zu erinnern, an Adalbero C'* unter Heinrich IV. Wäh- 
rend einer langen Zeit (1071 — 1084) hat dieser Notar den beträcht- 
lichsten Teil der Kanzleiarbeit allein verrichtet, und gegen 80 Diplome 
lassen sich bestimmt als von ihm verfaßt nachweisen. Davon ist bei- 
nahe die Hälfte in originaler Gestalt oder in Nachzeichnungen, die 
den Schreiber erkennen lassen, auf uns gekommen, und von diesen 
Stücken hat Adalbero C 28 selbst geschrieben, während er nur in 
sieben Fällen seine Diktate von anderen Schreibern hat mundiereji 
lassen.^ Eine ähnliche Stellung nimmt in den letzten Jahren Hein- 
richs V. der Notar ein, den ich als Bruno B (Philipp B) bezeichnet 
habe, und in bezug auf seine Arbeiten gilt fast dasselbe Verhältnis.'' 
Sind sonach mindestens für die Mehrzahl aller Diplome aus der 
Zeit von etwa 850 — 1125 Verfasser und Schreiber dieselben Personen 



' Vgl. die Liste der von ihm verfaßten Urkunden, die freilich für unsere 
Zwecke einiger Modifikationen bedarf, und in der die DD. 0. II. 219. 275. 
313 nachzutragen sind, bei Lechner, MIÜG. 22, 404. 

« Vgl. über ihn Stengel a. a. 0. S. 188flF. 

3 Vgl. über ihn NA. 22, 158 f. 26, 429 ff. MG. DD. 3, Eiul. S. 22 f. 

* Ich belialte vorläufig diese Chiffre bei; später wird sie wahrscheinlich, 
durch die Bezeichnung Adalbero B ersetzt werden. 

* Vgl. GcNDLACH, Ein Diktator aus der Kanzlei Heinrichs IV., Inns- 
bruck 1884. 

« Vgl. «RESSLAÜ, MIÖG. 6, 113f. 121. 



Ko7ixepte für Königsurknnden 139 



gewesen, so ist damit allerdings iiucli nicht erwiesen, daß diese sich 
keiner Konzepte bedient haben. Au sich wäre es nicht undenkbar, 
daß auch die Notare, die ihre Diktate selbst zu mundieren beabsicli- 
tigten, sie zunächst in minder sorgfältiger Form fixierten, ehe sie die 
eigentlichen Reinschriften anfertigten; ich bin nicht gemeint zu be- 
streiten, daß in einzelnen Fällen wirklich so verfahren sei,^ und ich 
gebe zu, daß man nach den Vorstellungen über die gute Ordnung 
des Geschäftsganges in der Kanzlei der Kaiser, die lange geherrscht 
haben, ein derartiges Vorgehen sogar als das gewöhuUche voraussetzen 
sollte. Aber eben von diesen Vorstellungen haben uns alle neueren 
diplomatischen Untersuchungen mehr und mehr abzuseilen gelelirt. 
Die Häutigkeit von Easuren und Korrelituren in den Urkunden be- 
weist, daß die Notare sich nicht allzusehr davor gefürchtet haben, 
Fehler zu machen, die sie in der Eeiuschrift verbessern mußten; ge- 
rade der Grund also, der uns heute vor allem zur Abfassung von 
Konzepten bestimmt, wird für sie weniger ins Gewicht gefallen sein. 
Die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte in der Reichs- 
kanzlei war, wie wir gesehen haben, eine für moderne Begriöe über- 
aus kleine; bisweilen hat ein Mann während längerer Zeit fast alle 
Geschäfte besorgt, selten haben mehr als drei oder vier Notare gleich- 
zeitig den Dienst versehen. Und dieser muß weit umfassender ge- 
wesen sein, als wir aus den erhaltenen Diplomen allein schließen 
können: abgesehen davon, daß wir mit verlorenen Urkunden in großer 
Zahl zu rechnen haben,^ galt es eine gewiß nicht wenig umfangreiche 
Korrespondenz mit den Fürsten und Beamten des Reichs, bisweilen 
auch mit auswärtigen Fürsten, zu führen, dem König über die Ein- 
laufe zu berichten, die Antworten zu entwerfen und auszufertigen; 
soviel wir sehen können, hat auch diese Arbeit im 10. und 11. Jahr- 



' So bezeichnet z. B. Sickel, DO. I. 12 als „von PA wahrscheinlich nach 
eigenem Konzept geschrieben". Ich weiß freilich nicht, worauf sich dieser 
Ausspruch gründet. Wie Stengel a. a. 0. S. 144 N. 2 bemerkt hat, hat PA für 
dies Diplom eine ähnliche Urkunde wie das DH. I. 36 (nicht bloß für die 
Arenga, von der Stengel spricht, sondern noch in weiterem ITmfang) als 
Diktatv'orlage benutzt; sollte er sich da wirklich erst noch ein Konzept an- 
gefertigt haben? Dagegen ist allerdings u. a. bei DO. I. 242. 256. 268 An- 
fertigung eines Konzepts wahrscheinlich; aber ist es hier wirklich sicher, daß 
die Konzepte, wie Sickel annimmt, von einem Kauzleinotar hen-ühren, kann 
nicht auch an Einreichung derselben von der Partei gedacht werden? 

* Sowohl die Untersuchungen Stengel s wie meine eigenen haben auf eine 
viel größere Anzahl von Acta deperdita geführt, als man früher anzunehmen 
geneigt war. Und gewiß hat es sehr viel uns verlorene Urkunden gegeben, 
von denen wir jetzt keine Spur mehr haben, vgl. NA. 26, 421 N. 4. 



140 Konzepte für Königsurkundtn 



Imndert hauptsächlich den Kanzleibeamten obgelegen. Kurz, ihre Zeit 
nuiB so in Anspruch genommen gewesen sein, daß sie gewiß schon 
aus diesem Grunde jede nicht ganz unumgängliche Arbeit vermieden 
und schwerlich erst in einer Kladde niedergeschrieben haben werden, 
was sie bei der formelmäßigen Gebundenheit des Urkundenstils und 
der Übung in der ars dictandi, die sie in der Schule und in der Praxis 
des Amtes erworben hatten, im allgemeinen gewiß ohne allzu große 
Schwierigkeiten sofort ins Reine zu schreiben vermochten.^ 

Bezeichnen wir sonach für die Mehrzahl der Urkunden der be- 
sprocheneu Jahrhunderte die Benutzung von Konzepten als weniger 
walirscheinlich denn die sofortige Herstellung der Reinschriften durch 
die mit der Abfassung beauftragten Notare, so ist nur noch für die 
Diplome, die von verschiedenen Personen geschrieben und diktiert 
sind,-^ die Anfertigung von Konzepten als die auf den Befehl des 
Königs zunächst folgende Stufe der Beurkundung ins Auge zu fassen. 

Die Beschafienheit dieser Konzepte und insbesondere ihr Umfang 
lassen sich nur indirekt aus gewissen Anhaltspunkten ermitteln.^ Als 
einen solchen Anhaltspunkt hat man wohl Sätze in den uns erhaltenen 
Ausfertigungen angesehen,* die ihre nachträgliche Einschiebung durch 
ihre unpassende Stellung verraten, teils indem sie sachlich zusammen- 
gehörige Sätze trennen,^ teils indem sie erst am Schluß des Textes 
hinter der Corroboratio oder zwischen Sanctio und Corroboratio oder 
gar' am Schluß der ganzen Urkunde stehen, obwohl sie sachliche, 
in die Dispositio gehörige Bestimmungen treffen. Beispiele, insbeson- 
dere der letzteren Art, sind häufig,*^ und es liegt nahe, in ihnen nach- 
trägliche Zusätze zum Konzept zu erkennen, die am Schlüsse des 
letzteren, sei es von dem Konzipienten selbst, sei es von einem höheren 
Kanzleibeamteu, hinzugefügt wurden, um an passender Stelle in den 
Text eingefügt zu werden, deren Einfügung dann aber von dem Rein- 
schreiber vergessen wurde: aus derartigen Zusätzen würde also zu 
folgern sein, erstens, daß überhaupt ein Konzept benutzt wurde, 



' Auch eine nähere Betrachtung der Art der Schreibfehler und Korrek- 
turen in den von den Verfassern selbst geschriebenen Urkunden läßt vielfach 
die Benutzung eines schriftlichen Konzepts nicht eben wahrscheinlich er- 
scheinen. 

■ Abgesehen von denen, die etwa von ihren Verfassern den Schreibern 
unmittelbar in die Feder diktiert sind, s. oben S. 135 mit N. 1. 

» Vgl. FiCKER, BzU. 2, 43 ff. 

* FicKER a. a. O. 2, 48«".; Mühlbacher, SB. der Wiener Akademie 92, 398f. 

» So z. B. in St. 3766. 3990. 

® Vgl. die Zusammenstellung Fickers a. a. 0. 2, 51, die sich aber erheb- 
lich vermehren ließe und mehrfach der Kon-ektur bedarf. 



Konzepte für Königsurkunden 141 



zweitens, daß es in der Kegel mit der Corroboratio, eventuell mit der 
Sanctio abschloß. 

Allein gegen eine derartige Argumentation sind doch erhebliche 
Bedenken geltend zu macheu. Einmai trift't sie überall da nicht zu,' 
wo Verschiedenheit der Schrift oder der Tinte in den Originalen er- 
kennen läßt, daß die Zusätze erst nach Vollendung der Reinschrift in 
den freien Raum zwischen Corroboratio und Siguumzeile eingetragen 
worden sind: sie haben dann selbstverständlich überhaupt nicht im 
Konzept gestanden. Da aber eine solche Nachtragung zur fertigen 
Reinschrift keineswegs selten ist,^ da man also auch bei nur abschrift- 
lich überlieferten Diplomen ^ mit dieser Möglichkeit zu rechnen hat, 
so werden Kopialurkunden, welche Zusätze der besprochenen Art auf- 
weisen, für die uns beschäftigende Frage außer Acht gelassen werden 
müssen. Aber auch für die Originaldiplome, in denen der Schrift- 
befund die Nachtragung der Zusätze erst zur Reinschrift nicht er- 
kennen läßt, ist die Schlußfolgerung Fickers nicht zwingend. Sie 
wäre das nur, wenn die Voraussetzung, daß überhaupt ein Konzept 
benutzt wäre, zuträfe; aber sie ist es ohne jene Voraussetzung keines- 
wegs. Gerade wenn ein Diktator gleich ins Reine schrieb, konnte es 
ihm leicht begegnen, daß er eine sachliche Bestimmung, die ihm auf- 
gegeben war, in den Kontext zu verweben vergaß; wurde er dessen 
inne, sobald er nach Beendigung des Textes diesen noch einmal über- 
las, so blieb ihm, wollte er nicht seine ganze Arbeit von neuem be- 
ginnen, nichts übrig als einen Zusatz an einer unpassenden Stelle an- 
zubringen.* Und sonach werden wir am besten tun, von derartigen 
Zusätzen abzusehen, wenn wir uns über den Umfang der Konzepte 
unterrichten wollen. 



» Von Fällen, in denen die Zusätze auf Fälschung beruhen, wie z. 15. in 
DH. I. 34, DO. I. 381, ÜD. H. IL 128 (vgl. Nachträge S. 723), 182, DK. II. 
140, ist natürlich ganz abzusehen. 

« Zu den schon von Ficker a. a. 0. S. 51. 54 angeführten Beispielen dafür 
füge ich hinzu St. 2442, vgl. KUiA. II, 13 S. 27; 2914, vgl. KUiA. II, 27 S. 38. 
— In DO. II. 66 steht der Zusatz: praecipimus-cot)U)icndaverit nicht auf Linien, 
wie der übrige Text; auch war das Siegel schon aufgedrückt, als diese Zeilen 
geschrieben wurden. Über St. 3182 vgl. Wilmans-Puiupim 2, 282 N. 2. 3. 4; 
Nachtragang erst in der Reinschrift, nach der Besiegelung, ist zweifellos. 

3 Zu ihnen gehört, wenn die in Note 2 verzeichnett-n Stücke abgerechnet 
werden, die Mehrzahl der bei Ficker 2, 51 verzeichneten. 

* Unter Umständen ergibt sich ganz bestimmt, daß so der Hergang ge- 
wesen ist. Vgl. z. B. DH. IL 210. Auf die Corroboratio folgt von gleicher 
Hand und Tinte: foresUim quoque, quod ultra Albiam fliamm iacH, de quo 
superius specialiter non fecimus meniionem, his terminis aquarum silvarumque 



142 Komepie für Königsurkunden 



Dazu fehlt es nicht ganz an Hilfsmitteln. In einer Anzahl vuu 
Fällen sind die von bewährten und geschäftskundigen Diktatoren der 
Kanzlei gelieferten Konzepte in die Hände ungeübter und unbeholfener 
Ingrossisten gekommen. Indem diese ihren Auftrag mangelhaft aus- 
führten, sind mancherlei Unebenheiten und Unregelmäßigkeiten in 
den Reinschriften entstanden, die einen Schluß auf die Beschaüenheit 
der Vorlagen gestatten. Solche Fälle sind für das 10. Jahrhundert 
mehrfach in der neuen Ausgabe der Kaiserurkunden von Sickel kon- 
statiert worden,^ meine eigenen Untersuchungen für das 11. Jahr- 
hundert haben mich auf andere Beispiele aufmerksam gemacht.^ Da- 
na« )i wird anzunehmen sein,^ daß die Konzepte in der Regel lediglich 
den Kontext der Urkunden, aber auch diesen nicht unverkürzt ent- 
hielten. Sie gaben ausgeführt wohl nur die Formeln, für die der 
ihrem Verfasser zugegangene kaiserliche Befehl maßgebend war, also 
Narratio und Dispositio, beschränkten sich dagegen für die Eingangs- 
und Schlußformeln, wenn diese nicht ganz fortgelassen wurden, viel- 
fach auf eine kurze Andeutung, etwa durch die Angabe der Formel- 
anfänge. ■^ Das Eingangsprotokoll wird regelmäßig gefehlt haben; 
höchstens mögen Name und Titel des Herrschers mehr oder minder 
vollständig angedeutet gewesen sein. Vom EschatokoU waren viel- 
leicht gewisse Teile der Datierung angegeben; namentlich scheint nicht 
selten der Ort der Handlung, bisweilen auch der Tag auf den Kon- 



designatum (folgt die Begrenzung) eodem svjillü nostro ad Magadeburgensem 
aecclesiam roboramus. Daß dies nicht im Konzept gestanden hat, sondern eine 
Bestimmung ist, deren sich der ohne Konzept arbeitende Schreiber erst nach- 
träglich eriniii'rte, scheint mir auf der Hand zu liegen. Dasselbe gilt für 
niehtköviigliche Urkunden in den Phallen ÜB. des Landes ob der Enns 2, 336, 
WiCHNER, Admont 2, 285, die Ficker 2, 58 anführt, aber anders erklärt, da er 
Anfertigung eines Konzeptes voraussetzt. 

' Vgl. z. B. DO. I. 37 und dazu die Erläuterung SB. der Wiener Akademie 
93, 719 mit X. ], DO. I. 97. 152. 174. 175. 221. 224. 324. 

- Einen besonders interessanten Fall (DK. II. 89) habe ich Jahrb. Kou- 
rads II. 2, 452 f. eingehend besprochen. 

» Vgl. auch Sickel, SB. der Wiener Akademie 85, 425; MIÖG. 2, 268; 
KUiA. VII, 11. 16, Text S. 170. 179. 

* So daß man also die Promulgatio etwa durch noiiim sit etc., oder no- 
verint etc., die Sanctio durch .<;/ quis etc., oder quod qui etc., die Corroboratio 
durch et ut liaec etc., oder quod ut certius {rerius) etc. bezeichnete. Ein sehr 
bezeichnender Fall i.st der des DH. II. 333. Die Urkunde ist geschrieben von 
GB nach einem Konzept desEC; nur die Corroborationsformel entspricht nicht 
dem Stil des letzteren, sondern dem des erstercn; sie hat also sicher dem Kon- 
zept gefehlt. 



Konzepte für Königsurkunden 143 



zepten vermerkt worden zu sein.^ Ob eine Signierung der Konzepte 
durch einen höheren Kanzleibeamteu stattgefunden hat, ist für die 
ältere Zeit nicht zu erweisen; für die zweite Hälfte des 11. Jahrhun- 
derts sprechen manche Umstände dafür, daÜ wenigstens in der ita- 
lienischen Kanzlei eine eigenhändige Unterfertigung der Konzepte 
durch den Kanzler stattgefunden hat.^ 

Unter den liegierungen Lothars III. und Konrads IIL scheinen, 
so viel bislier festgestellt ist, Diktat und Reinschrift gerade wie unter 
den salischen Kaisern in der Regel von denselben Kanzleibeamten 
herzurühren,^ und wir werden daher die Konzepte nicht anders beur- 
teilen wie in der vorhergehenden Periode. Für die spätere staufische 
Zeit fehlt es noch an eingehenden Untersuchungen über Diktatoren 
und Schreiber, deren Ergebnisse sich in diesem Zusammenhang ver- 
werten ließen.'* Aber einige Anhaltspunkte gibt uns aus dem 13. Jahr- 
hundert die Kanzleiordnung Friedrichs 11.,^ die zwar zunächst sizili- 
anische Verhältnisse ins Auge faßt, aber doch vielleicht ein wenigstens 
einigermaßen analoges Vorgehen bei den Urkunden dieses Herrschers 
für das Kaiserreich vorauszusetzen gestattet. Nachdem die eingegan- 



' Das ist bei DK. IL 80 sieher, und dauaeh auch für viel«- andere Ur- 
kunden, in denen der Ort der Handlung, bzw. des an die Handlung sich an- 
schließenden Beurkundungsbefehls, mit Zeitangaben verbunden ist, die sich auf 
spätere Stadien der Beurkundung beziehen, wahrscheinlich. Aus späterer Zeit 
ist der von Ficker, BzU. 2, 287 ff. besprochene Fall von St. 3777 gewiß so zu 
erklären. 

^ Vgl. FicKER, BzU. 2, 173; Bressläü, MIÖG. 6, 125 ff. 128 f. 

3 Vgl. ScHULTZE, Die Urkunden Lothars HI. S. 32 ff.; Graber, Die Ur- 
kunden Konrads III. S. 20 ff. Wenn Graber S. 17 N. 2 annimmt, daß in d.'u 
meisten Fällen unter Konrad III. nach Konzepten gearbeitet worden sei, weil 
Rasuren und Korrekturen in den Reinschriften nur selten vorkommen, so ist 
ein solcher Schluß nicht ohne weiteres gerechtfertigt. 

* Die sehr interessanten Ausführungen Erben s (Das Privilegium Fried- 
richs I. für das Herzogtum Österreich S. 5 ff.) über Diktate aus der ersten Zeit 
Friedrichs I. berücksichtigen die Schrift nicht. Schüm andererseits hat im 
Texte zu KUiA. Lief. 10 zwar mancherlei über die äußeren Merkmale der 
staufischen Diplome des 12. Jahrhunderts beigebracht, die Diktate aber zumeist 
nur obenhin besprochen. 

^ Philippi, der in seiner Schrift über das Kanzleiwesen Friedrichs II. an 
verschiedenen Stellen die regelmäßige Anfertigung von Konzepten als fest- 
stehend zu betrachten scheint, ist auf die Diktate nicht näher eingegangen. 
Für unsere Frage wichtig ist seine Ausführung über die Registrierung S. 32 1., 
die er im Gegensatz zu Ficker, BzU. 2, 37 ff, nach den Originalen, nicht nach 
Konzepten geschehen läßt (vgl. auch v. He.kel, AfU. 1. 452i; dagegen kann 
ich seinen Ansichten über den Gang der Beurkundung S. 34 nur teilweise zu- 
stimmen. 



144 Konzepte für Königsurkunden 



genen Petitionen iiiul Briefe an bestimmten Wochentagen in der 
Kanzlei verlesen waren, ^ wurden nach dieser Ordnung die Bescheide 
entweder sofort oder, wenn eine Entscheidung des Kaisers einzuholen 
war, nach deren Eingang auf die Rückseiten der Einläute geschrieben 
und dann an die Notare zur Ausfertigung der Urkunden und Briefe 
verteilt. AVas auf die ßückseite geschrieben wurde, war offenbar kein 
ausgeführtes Konzept, sondern nur eine summarische Zusammenfassung 
des sa<*hlichen Bescheides.^ Dann wurden von den Notaren binnen 
kurzer Frist die Reinschriften eingereicht und gingen, nachdem sie 
von den Oberbeamten der Kanzlei gebilligt waren, an das Siegelamt, 
um •iemnächst ausgehändigt oder abgesandt zu werden. Es fand also 
eine Revision nur der Reinschriften, nicht etwaiger Konzepte durch 
die Oberbeamten statt: wenn die Notare vollständige Konzepte an- 
fertigten, worüber sich nichts feststellen läßt, so war das lediglich ihre 
Privatsache, und die Konzipierung bildet kein für uns in Betracht 
kommendes Stadium des Beurkundungsgesehäfts. Die schriftliche und 
summarische Instruktion der Notare über den sachlichen Inhalt des 
anzufertigenden Schriftstückes erfolgte gleichzeitig mit dem Beurkun- 
dungsbefehl; die nächste für uns erkennbare Stufe des Beurkundungs- 
geschäfts ist sofort die Herstellung der Reinschrift. Sicher ist aber, 
daß die Ingrossisten der Urkunden regelmäßig dieselben Notare sind, 
die auch ihre Abfassung besorgen; eine Arbeitsteilung, wie wir sie 
oben wenigstens für eine Anzahl von Urkunden kennen gelernt haben, 
so daß der eine Notar das Diktat, ein anderer die Reinschrift an- 
fertigt, fand nach der Kanzleiordnung Friedrichs IL nicht statt.^ 

* Daß nur an Montagen, Mittwochen und Freitagen „Konzepte zur Aus- 
fertigung angewiesen wurden", wie Philippi S. 33 schreibt, steht in der Kanzlei- 
ordnuug nicht. 

^ WiNKEMiASN, Acta 1, 736: scribentur responsa Htterarum in tergo cuius- 
libet, prout siimmatim notariis dari potcrit inlellectus. Bei den Petitionen ist 
der Ausdruck nicht so bestimmt, aber das Verfahren sicherlich das gleiche. 

^ Ganz dasselbe gilt von der wohl angiovinischen Kanzleioi'dnung (vgl. 
Bd. 1, 582 N. 3), Winkelmann, Acta 1, 739; über die frühere normannische Zeit 
vgl Bd. 1 S. 574 f. Die Gründe, aus denen K. A. Kehr S. 126 X. 5 für diese Zeit 
Anfertigung von — freilich nicht vollständigen — Konzepten annimmt, scheinen 
mir nicht völlig durchschlagend zu sein. Anders aber steht es UJiter Karl I. nach 
dessen Ordnung von 1268, Winkelmanv, 1, 740f. Hier ist von (iner Bescheidung 
in tergo nicht mehr die Rede; den Oberbeamteii der einzelnen Bureaus, Protonotar, 
viagistri iusticiarii, viagislri rationales usw., werden die Einlaufe zur Erledi- 
gung überwiesen; der Protonotar hat stets zwei Schreiber für die Anfertigung 
von Konzepten und Reinschriften (pro notandis et grossandis li/teris). Ich 
zweifle nicht, daß hier das Vorbild der päpstlichen Kanzleigcbarung ein- 
gewirkt hat. 



Konzepte für Königsurkunckn 145 

Wenden wir uns dem 14. und 15. Jahrhundert zu, so sind uns 
mancherlei Konzepte von Königsurkunden unter den beim Tode Hein- 
richs VII. in Italien zurückgebliebenen Archivalien erhalten. Zumeist 
handelt es sich aber dabei um Imbreviaturen oder Konzepte der 
Kammemotare,^ deren Geschäftsbehandlung ganz dem Brauche der 
italienischen Notare, den wir kennen gelernt haben, entsprach. Kon- 
zepte, an denen die Kanzlei Anteil hatte, haben sich in Turin oder 
Pisa nur in sehr geringer Zahl vorgefunden.^ Demnächst besitzen wir 
einzelne Konzepte aus der Kanzlei Ludwigs des Bayern und seines 
Sohnes Ludwigs des Älteren, die in deren Registratiu'bücher ein- 
geheftet sind.^ Zwei Konzepte zu Urkunden Karls IV. aus den Jahren 
1366 und 1372 sind neuerdings in einem aus der Kanzlei dieses 
Kaisers stammenden, wahrscheinüch von dessen Kanzler, Johann 
Bischof von Olmütz, angelegten Sammelbande des Wiener Staats- 
archivs aufgefunden worden.^ In ähnlicher Weise wie in den Re- 
gisterbüchern Ludwigs des Baiern sind dann auch in denen Sigmunds, 
Albrechts II. und rriedrichs III. Urkundenkonzepte eingeheftet worden,^ 



1 Vgl. Bd. 1, 544 ff. 

2 Dazu gehören MG. Const. 4, 522 N. *; 737 n. 751 (eine zum Konzept 
umgestaltete Reinschrift); 1024 n. 985. Die von Ficker, SB. der AViener Aka- 
demie 14, 158, aufgezählten Stücke, die in Pisa liegen, siud in der Kanzlei 
zurückbehaltene Abschriften von Urkunden Heinrichs, wie der Schreibstoff 
(Pergament; zu Konzepten wurde dort und damals vorwiegend Papier ver- 
wandt) und der Mangel an Korrekturen wahrscheinlich machen. 

^ Liber privileg. n. 25 im Reichsarchiv zu München, f. 70: Konzept Lud- 
wigs des Älteren mit der Kanzleinotiz: registretur de verbo ad verbum; die 
Registrierung ist unterblieben oder vielmehr durch Einheften des Blattes ersetzt 
worden. Das Pergamentblatt zeigt viele Korrekturen von erster Hand. f. 73—75 : 
drei Pergamentblätter mit den mehrfach duvchkorrigierten Konzepten der Ur- 
kunden Ludwigs des Bayern, Böhmer, Reg. 478—478. f. 95: Papierblatt mit in 
gleicher Weise korrigiei-tem Konzept von Reg. 914 usw. Unter den aus fürst- 
lichen Kanzleien hervorgegangeneu Konzepten des 14. Jahrhunderts ist von 
besonderem Interesse die von Rudolf Losse, Notar und Offizial Erzbischof 
Balduins von Trier, angelegte Handschrift, die neben Originalen und Kopien 
zahlreiche von Losse verfaßte Konzepte enthält. Sie befindet sich jetzt im 
Archiv zu Darmstadt, vgl.^FicKER, SB. der Wiener Akademie 11, 679 ff.; vgl. 
Priesack und Schwalm, Westdeutsche Zeitschrift 8, 81 ff. 

* Vgl. Steinherz, MIÖG. 9. 616f. Das eine der beiden Konzepte ist von 
einem Beamten (mit starken Kürzungen des Eschatokolls) entworfen, von einem 
zweiten, ehe es mit Zeugen und Datierung versehen wurde, durchkorrigiert, 
ein dritter hat den Unterfertigungsvermerk darunter gesetzt. Das andere Kon- 
zept weist keine Kanzleinoten, aber zahlreiche Koi-rekturen auf. 

^ Abbildungen von Konzepten Sigmunds bei Chroust a. a. 0. 1, Lief. 13, 
Taf. 3, ebenda Taf. 7, femer KUiA. Lief. XI, Taf. 23" und Arndt-Tangl, Schrift- 
tafeln 2*, n.67; aus den Konzeptbüchem Maximilians bei Chroüst a. a. 0. Lief. 13, 
Breßlau, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. 10 



146 Konzepte für Königsurkunden 



und daß sich in den fürstlichen und städtischen Archiven des 15. Jahr- 
hunderts Konzepte in nicht kleiner Zahl und verschiedenster Gestalt 
erhalten luiben, ist bekannt genug. ^ Endlich geben die Registerbücher 
Ludwigs des Bayeni, Karls lY. und seiner Nachfolger im Reiche sowie 
der geistlichen und weltlichen Fürsten des 14. und 15. Jahrhunderts 
nicht nur zahlreiche Abschriften, die nach Konzepten gemacht sind^ 
sondern sie selbst sind bisweilen geradezu benutzt worden, um die 
ersten Entwürfe der Urkunden darin einzutragen. ^ 

Hat somit ohne Zweifel der Brauch der Anfertigung von Kon- 
zepten an Ausdehnung bedeutend gewonnen, so ist doch nicht ohne 
weiteres zu folgern, daß regelmäßig und für alle Urkunden die Her- 
steilung von Konzepten stattgefunden habe. Die Möglichkeit, daß ge- 
wisse Arten von Diplomen, insbesondere Privilegienbestätigungen, in 
denen wesentlich nur Vorurkunden zu kopieren und mit feststehenden 
Eingangs- und Schlußformeln zu versehen waren, daß ferner gewisse 
Urkunden minder wichtigen und sich stets gleichbleibenden Inhalts, 
Legitimationen, erste Bitten, Ernennungen zu Notaren, Aufnahmen in 
die Familiarität usw. nach den in der Kanzlei vorhandenen Formu- 
laren sofort ins Reine geschrieben wurden, kann nicht bestritten 
werden.^ Nur das wird man im allgemeinen bestimmt annehmen 
dürfen, daß die Formen der Geschäftsbehandlung im Laufe dieser zwei 
Jahrhunderte sich immer stetiger und fester herausbildeten, und daß 
damit auch der Brauch der Anfertigung von Konzepten immer all- 



Taf. 8. 9. — Konzepte von Briefen Friedrichs III. hat auch dessen Kanzlei- 
sekretär Enea Silvio in die Sammlung seiner Korrespondenz aufgenommen, 
vgl. WoLKAN, Der Briefwechsel des Euea Silvio Bd. 2. Von besonderem Inter- 
esse ist der Brief 2, 49 n. 27 an König Wladislaw von Polen, über den Huf- 
KAGL, MIÜG. 31, 330 f., noch weitere Mitteihmgen gemacht hat. Danach hat 
der Kanzler Schlick erst ein deutsches, dann ein lateinisches Konzept dieses 
Briefes entworfen und das letztere sodann dem Enea Silvio übergeben mit 
der Bemerkung : domine Enea, aptetis hoc ornatius, effeciu non mutato. Darauf 
hat Enea Silvio das endgültige Konzept in geschmückterem Stile hergestellt 
Vgl. LiNDNEu S. 149ff.: Seeliger, MIÖG. Erg. 8, 320ff. Für Konzepte Hein- 
richs VII., Karls IV., Wenzels und Sigmunds ist der Ausdruck notula über- 
liefert; vgl. MG. Const. 4, 560 n. 599; 582 n. 619 und öfter, ferner Lindner 
S. 150 und Archival. Zeitschrift 4, 167, sowie Hüber, Reg. n. 6193. 

* Vgl. z. B. über Konzepte in der brandenburgischen Kanzlei Lewinski 
S. 119 ff. 

* So schon der oben erwähnte Liber privilegiorum n. 25. Gegen das 
Ende des Bandes sind darin Konzepte Ludwigs des Älteren eingetragen, vgl. 
die Abbildung solcher Konzepte bei Chroust, Mon. palaeograph. 1, Lief. 2, 
Taf. 10. 

» Vgl. Lindner S. 148. 



Konzepte für Königsurkunden 147 



gemeiner wurde, Am Ende des Mittelalters muß er völlig herrschend 
gewesen sein. Die Reichskanzleiordnung von 1494^ setzt die Anferti- 
gung von Konzepten anscheinend für alle Urkunden voraus: sie be- 
stimmt, daß die Konzepte, welche die »Sekretäre anfertigen, regelmäßig 
vom Kauzler unterzeichnet werden sollen, ehe die Reinschrift her- 
gestellt wird, und daß keine Reinschrift besiegelt werden soll, ohne 
daß sie vorher mit dem Konzept kollationiert ist. 

Eine Unterzeichnung durch den Kanzler, wie sie hier vorgesehen 
ist, habe ich auf den mir bekannt gewordenen Konzepten des 14. Jahr- 
hunderts noch nicht bemerkt.^ Nur einmal habe ich auf einem der 
in das Register Ludwigs des Baiern eingeschriebenen Konzepte ein 
kleines Stückchen Siegelwachs gefunden;^ es ist möglich, daß hier ein 
die Ermächtigung zur Mundierung und Vollziehung der Urkunde er- 
teilendes Siegel eines oberen Kanzleibeamten sich befunden hat. Im 
15. Jahrhundert kommt dagegen auf den Konzepten Sigmunds und 
Friedrichs III. Unterzeichnung durch den Protonotar häutig, wenn 
auch nicht regelmäßig vor. Beschaffenheit und Umfang der Konzepte 
sind im 14. und 15. Jahrhundert noch nicht vollkommen gleichmäßig. 
Insbesondere sind die Protokollformeln bald mehr bald weniger ver- 
kürzt;^ die Datierung fehlt entweder gänzlich^ oder sie ist bald von 
der Hand des Konzipieuten selbst, aber mit anderer Tinte,'' bald von 
der Hand eines anderen Beamten, wahrscheinlich des Kanzlers oder 
Protonotars, nachgetragen.^ Die Unterfertigungen scheinen, soweit 
sich aus den in die Register übergegangenen Abschriften der Konzepte 
schließen läßt, unter Karl IV. ziemlich regelmäßig auf den letzteren 
bereits vorhanden gewesen zu sein; unter Ruprecht sind sie vielfach 
im Register selbst erst nachgetragen, scheinen also in solchen Fällen 



1 Posse, Privaturkunden S. 205, §§2. 3; SEEUCiER, Archival. Zeitsclir. 13, 
2f.; vgl. auch die erbländische Kanzleiordnung Ma.ximilians I. bei Adle k S. 514. 

^ Der vom Protonotar kollationierte und signierte Vertrag K. Wenzels mit 
Richard von England (vgl. Archival. Zeitschr. 4, 167) berechtigt nicht, für anders- 
artige Urkunden des Königs das gleiche anzunehmen. 

3 Liber privileg. n. 25 im ßeichsarchiv zu München f. Hi^\ vgl. über ana- 
loge Beobachtungen Graüerts an Reinschriften unten. 

* In dem Originalkonzept Ludwigs des Älteren (oben S. 145 N. 3) ist 
auch der Titel ganz vollstäudig wiedergegeben. 

^ So bei den Konzepten von Böhmer, Reg. Lud. 474. 475. 477 und bei 
Konzepten Sigmunds s. Lixoner S. 149, sowie bei dem Konzept Friedrichs HI. 
Chroüst, a. a. 0. 1, Lief. 13, Taf. 7. 

8 So bei Reg. Lud. 473. 476. 478. 914. 

• Vgl. Lindner S. 1496?., vgl. auch die Jahresangabe in dem Konzept bei 
Chroust a. a. 0. 1, Lief. 13, Taf. 3. 

10' 



148 Konzepte für Königsurkunden 

auf den Konzepten noch gefehlt zu haben; und dasselbe scheint wenig- 
stens zeitweilig auch von den Konzepten Sigmunds und Friedrichs III. 
zu gelten, auf denen aber bisweilen die Unterfertigung nachgetragen 
wurde. ^ 

Wir haben bisher hauptsächlich von solchen Konzepten gesprochen, 
die in der Kanzlei des Ausstellers angefertigt sind. Wesentlich anders 
sind aber von jeher die meisten Yertragsurkunden [pacta) behandelt 
worden, welche die Beziehungen der Könige zu den Päpsten oder aus- 
wärtigen und einheimischen Fürsten oder Kommunen oder dieser 
untereinander regelten. Daß derartige üriiunden regelmäßig nach 
Konzepten mundiert sind, versteht sich bei ihrer Wichtigkeit und der 
Tragweite, die jede einzelne Vertragsbestimmung haben mußte, von 
selbst. Ebenso selbstverständlich aber ist es, daß man die Herstellung 
dieser Konzepte nicht dem gewöhnlichen Kanzleipersonal oder wenig- 
stens nicht ihm allein überlassen konnte, auch wenn diesem schheßlich 
die Mundierung der festgestellten Entwürfe zufiel. Vielmehr wurden 
solche Entwürfe ohne Zweifel schon in den diplomatischen Verhand- 
lungen, die dem Abschluß jedes Vertrages vorangehen, nicht nur ihrem 
Inhalt, sondern auch ihrem Wortlaut nach vereinbart,- wobei ja 
immerhin die Kanzleioberbeamten, die ohnehin besonders gern mit 
diplomatischen Aufträgen betraut wurden, mitgewirkt haben können.^ 
Indem derartige Entwürfe in den Archiven der vertragschließenden 
Teile aufbewahrt und oft von Geschichtschreibern, Eechtsgelehrten 
oder Politikern kopiert wurden, haben Urschriften* und Abschriften 



» Vgl. Seeugek, MIÖG. Erg. 3, 333 ff. 

"^ Vgl. die Ausführungen von Sickel, Privilegium Ottos I. S. 84ff. 166ff." 
über die älteren Verträge der Kaiser mit der römischen Kurie; Fanta, Über 
die Verträge der Kaiser mit Venedig vor 983, MIÖG. 1, 104ff. 112, und über 
andere ältei*e Verträge seit der merovingischen Zeit ebenda, 1, 11 3 ff. ; Bkess- 
LAU, MIÖG. 6, 116 ff., über die Vertragsentwürfe von 1119 und den Vertrag 
von 1122 zwischen Heinrich V. und der römischen Kurie; Kehr, NA. 13, 77 ff. 
über Verträge Friedrichs I. Über Vertragsentwürfe im allgemeinen Ficker, 
BzU. 2, 45 ff. — Ein sehr lehrreicher Fall der Art ist von K. A. Kehr, NA. 27, 
758 ff., besprochen worden. Auf die Fassung des von dem kaiserlichen Proto- 
notar Wortwin geschriebenen Privilegs Friedrichs I. von 1177 über den Ab- 
schluß des Waffenstillstandes mit König Wilhelm von Sizilien haben siziliani- 
sche Kanzleibeamte einen deutlich nachweisbaren EinHuß ausgeübt, sie haben 
zweifellos ein Konzept dafür eingereicht. 

^ Daß bei der Mundierung dann von dem damit beauftragten Kanzlei- 
beamten einzelne sachlich nicht in Betracht kommende Ausdrücke dem Kanzlei- 
stil entsprechend formuliert werden konnten, läßt sich an dem Wormser Kon- 
kordat von 1122 gut verfolgen, vgl. MIÖG. 6, 121. 

* S. oben S. 118 N. 3. 



Konzepte für Kö?iigsurkunden 149 



davon ^ sich schon aus einer Zeit erhalten, aus der uns Konzepte anders- 
artiger Urkunden nicht überblieben sind. 

Aber auch abgesehen von solchen Vertragsentwürfen sind im 
Mittelalter die Konzepte zu Urkunden der Könige und Fürsten oft 
genug nicht von Beamten der Aussteller hergestellt worden. Wenn 
wir früher sahen, ^ daß es seit dem Ende der karolingischen Periode 
bisweilen, in gewissen Zeiten sogar recht häufig von der königlichen 
Kanzlei den Empfängern der Urkunden überlassen wurde, sogar ihre 
Keinschriften ganz oder teilweise anzufertigen, so darf es uns nicht 
wundernehmen, daß in kaum minder zahlreichen Fällen diejenigen, 
welche eine Königsurkunde zu erwirken wünschten, ihre Wünsche 
gleich in die Form eines Urkundenkonzeptes kleideten, das dann in 
der Kanzlei lediglich mundiert zu werden brauchte. Einzelne der- 
artige Empfängerkonzepte sind uns, wie schon früher bemerkt wurde, 
noch erhalten, und sehr häufig geben die von einem Kanzleibeamten 
nach einem Konzept der Partei geschriebenen Urkunden ihre Ent- 
stehung durch eine von den Kanzleibräuchen abweichende Fassung zu 
erkennen.^ 

Nicht immer übrigens ist ein derartiges Konzept, das der Petent 
eingereicht hatte, ohne weiteres von der Kanzlei akzeptiert worden, 
und im späteren Mittelalter ist es darüber nicht selten zu längeren 
Verhandlungen gekommen, zumal wenn die Bitte von einem einfluß- 
reichen Fürsten oder einer angesehenen Stadt gestellt war. Besonders 
eingehende Kunde haben wir von solchen Verhandlungen aus dem 
Jahre 1400. da die Stadt Straßburg die Bestätigung ihrer Privilegien 



* So schon die Vertragsentwürfe von 1119 bei Hesse, vgl. MIÖG. 6, 118. 
Beispiele aus späterer Zeit, die sieh jetzt leicht vermehren ließen, bei Ficker, 
BzU. 2, 45 ff.: vgl. die Ausgabe der Constitutiones et acta publica der MG. 

- Bd. 1, 461 (mit X. 2) ff. 

3 Bd. 1, 460, s. oben S. 133 N. 1. Dort sind nur Beispiele aus dem früheren 
Mittelalter angeführt. Aus späteren Jahrhunderten sind die erhaltenen Em- 
pfängerkonzepte zahlreicher; hier sei nur ein besonders interessantes Stück an- 
geführt, das Konzept zu einer Urkunde Ludwigs des Bayern für den Deutschen 
Orden, das in der Ordenskanzlei entwoi-fen und mit den Siegeln des Hoch- 
meisters sowie des bei der Ausfertigung gleichfalls interessierten Herzogs Heinrich 
von Bayern versehen ist; es muß, nachdem auf Grund davon das Original in 
der Reichskanzlei hergestellt war, mit diesem dem Ordensmeister zurückgegeben 
sein und befindet sich jetzt im Staatsarchiv zu Königsberg. Korroborations- 
formel, Datierung und Signumzeile fehlen diesem Konzept und sind erst im 
Original hinzugefügt. Vgl. v. Pflcok-Häkttcno. Der Johanniter- und der 
Deutsche Orden im Kampfe Ludwigs des Bayern mit der Kurie (Leipzig 1900) 
S. 187f.; WERsnNGHOFF, AfU. 5, 26. 



150 Konxepte für Papsturkunden 

von König Kuprecht erbat: das von ihren Vertretern vorgelegte Kon- 
zept (Nottel) wurde beanstandet, da darin die Rechte der Stadt über 
das in den Yorurkunden enthaltene Maß hinaus erweitert waren und 
der König den Kurfürsten kurz vorher versprochen hatte, solche Er- 
weiterung städtischer Privilegien nicht zu bewilligen. Erst nach län- 
geren Erörterungen zwischen den Vertretern der Stadt und den Räten 
des Königs traf Ruprecht selbst die Entscheidung, wie es scheint, zu- 
gunsten der Stadt. ^ 

Abgesehen von vereinzelten Ausnahmefällen ist in der päpst- 
lichen Kanzlei den Parteien ein Anteil an der Abfassung der Kon- 
zepte nicht verstattet worden.- Aber daß es hier schon in früher Zeit 
Brauch war, Urkunden nicht sofort ins reine zu schreiben, sondern 
vorher Konzepte davon anzufertigen, kann nicht wohl bezweifelt werden. 
Denn wenn auch aus dem, was wir über die päpstlichen Register- 
eintragungen der ältesten Zeit wissen, auf das Vorhandensein von 
Konzepten kein sicherer Schluß mehr gezogen werden kann, da, wie 
wir früher gesehen haben, ^ die neueren Untersuchungen zu der An- 
nahme geführt haben, daß diese Eintragungen in der Regel auf Grund 
der Originale angefertigt worden sind, so ist doch wenigstens für die 
Zeit Johanns VIII. und ebenso für die Zeit Gregors VII.,^ wahrschein- 
lich also doch auch für die zwischen diesen beiden Regierungen 
liegende Epoche. Registrierung auf Grund der Konzepte anzunehmen. 
Und wenn dadurch wenigstens für die Zeit seit dem Ende des 9. Jahr- 
hunderts die regelmäßige Anfertigung von Konzepten in der päpst- 
lichen Kanzlei bewiesen wird, so ist sie schwerlich erst damals auf- 
gekommen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine von alters' 
her bestehende Übung zurückzuführen. 



' RTA. 4, 193f, 197. — Hier mag auch angemerkt werden, daß bei der 
Wahl Albrechts II. die Kurfürsten den Wunsch äußerten, durch ständige, am 
königlichen Hofe residierende Vertreter einen Einfluß auf die Feststellung des 
"Wortlauts von Privilegienbestätigungen, insbesondere für Städte Zugewinnen: 
vgl. Altmann, Wahl Albrechts II. S. 40. 43. 84. 86. 

' Mit Vertragsurkunden steht es natürlich auch hier anders. So ist z. B. 
die päpstliche Ausfertigung des Konkordats von 1122 gerade so gut wie die 
königliche in den Verhandlungen von Worms vereinbart worden. — Im übrigen 
sind nur für die Mitte des 11. Jahrhunderts gewisse Anzeichen dafür vor- 
handen, daß die Herstellung von Konzepten für Papsturkunden den Parteien 
überlassen wurde, vgl. Bd. 1, 234. 

= Bd. 1, ni. 

* Bd. 1, 117. 741. 



Konzepte für Fapsturkunden 151 



Die Herstellung der Konzepte^ mag in älterer Zeit und bis zum 
11. Jahrhundert oft denselben Beamten übertragen gewesen sein, denen 
es auch oblag, die Reinschriften anzufertigen;- später aber, mindestens 
vom 13. Jahrhundert ab,^ waren die Funktionen des Konzipierens und 
des Mundierens, wie wir früher gesehen haben, regelmäßig verschie- 
denen Beamten anvertraut.^ Im 13. Jahrhundert wurden die Konzepte 
bei Gnaden- und Justizsachen auf Grund der vom Papste oder dem 
Vizekanzler genehmigten SuppUken von den Notaren oder ihren Ab- 
breviatoren abgefaßt und nach der von dem corrector Htierarum apo- 
st.olicarum vorgenommenen Revision den Scriptoren zur Reinschrift 
überwiesen. Im 14. Jahrhundert waren die Notare und ihre Abbrevia- 
toren nur noch bei den Justizsacheu beteiligt, während die Gnadeu- 
briefe von den Kanzleiabbreviatoreü entworfen wurden. Wie es mit der 
Herstellung der Konzepte für die in den Geschäften der Kurie selbst, 
nicht auf Ansuchen eines Petenten ausgestellten Urkunden und Briefen 
(den später sog. litterae de curia) bestellt war, darüber haben wir für 
die ältere Zeit keine genauere Kunde. Daß die Päpste selbst Kon- 
zepte für besonders wichtige Briefe oder für solche in mehr persön- 
lichen Angelegenheiten entworfen haben, ist gewiß zu allen Zeiten vor- 
gekommen, aber nur selten bezeugt. In dem Registrum Gregors YII. 
sind einige so entstandene Schreiben durch die Bemerkung didafus 



^ Was wix* Konzept nennen, hieß in der päpstlichen Kanzlei im 13. Jahr- 
hundert nota (vgl. Chron. Evesham. zum Jahre 1205, ed. Mackay S. 170, und 
die Bestimmungen der Kanzleiordnungen bei Tängl, KO. S. 54 § 9, 60 § 4, 66 
§ 9). Auch ein am Hofe Clemens' V. entworfenes Konzept zu einer Urkunde, 
die Philipp IV. von Frankreich ausstellen sollte, wird nota genannt, QFIA. 7, 
228 (daher heißt ein Konzept entwerfen litteras notare). Diese Bezeichnung 
gilt auch noch zur Zeit Johanns XXII., Tangl a. a. 0. S. 92ff., und ich finde 
sie noch 1356 (Göllee, QFIA. 10,304. 308)-, in den Kauzleiregeln Johanns XXII. 
rührt der Ausdruck minuta gewiß von der Überarbeitung her, welcher die 
älteren Regeln unter Gregor XI. unterzogen sind. Nachgewiesen finde ich den 
Ausdruck minuta zuerst in den Konzeptbüchern Innocenz' VI. (Werünsky, 
MIUG. 6, 141); vgl. auch das Inventar von 1369 (Göllek a. a. 0. 10, 811) und 
die Verordnung Gregors XI. von 1372 (Tangl, KO. S. 126 n. 20). Eine Zeit- 
lang mögen übrigens die ältere und die jüngere Bezeichnung nebeneinander 
hergegangen sein. 

- Darauf führen die von mir angestellten Untersuchungen über Schreiber 
und Diktatoren, die bei der Gewohnheit, die Schreiber zu nennen, auch an 
Kopialurkunden angestellt werden können, deren Sicherheit fnilich durch die 
häutige Wiederkehr der gleichen Namen (Petrus, Benedictus, Stephauus u. a. m. 
beeinträchtigt wird. Vgl. aber auch Kehk. MIÖG. Erg. 6. 81. 

3 Für das 12, Jahrhundert vgl. Bd. 1, 268 f. mit N. 1 auf S. 269. 

* Vgl. Bd. 1, 273ff. 312ff. 



152 Konzepte für Papsturkunden 



papae ^'ekiiinzeichnet; aber diese ist keineswegs allen vom Papst ent- 
wurfeuen .Stücken beigefügt, vielmehr ist, wie eine neuere Unter- 
suchung gezeigt hat, die Zahl der von Gregor ganz oder teilweise ent- 
wori'euen Briefe viel größer, als die Zahl derjenigen, die ausdrücklich 
als seine Diktate bezeichnet werden.^ Im 13. Jahrhundert hat Berard 
von Neapel bei einzelnen, in seine Briefsammlung aufgenommenen 
Stücken ausdrücklich vermerkt, daß Papst Clemens IV. selbst sie ver- 
faßt habe.2 Und in anderen Fällen haben gewiß auch Mitglieder des 
Kardinalkollegiums oder Oberbeamte hoher Verwaltungsbeliörden, die 
nicht der Kanzlei angehörten, an der Abfassung solcher wichtigen 
Dokumente Anteil gehabt.^ Im allgemeinen aber war die Konzipie- 
rung der litterae de curia und lüterae secretae wie der Breven in den 
letzten Jahrhunderten des Mittelalters Sache der päpstlichen Sekretäre,* 
die sich aber bisweilen auch hierbei der Hilfe von anderen Beamten 
bedienten und die Abfassung der Gnadenbriefe, für die sie die Ge- 
bühren erhoben, am Schlüsse des Mittelalters kaum noch selbst zu 
besorgen pflegten.^ 

Ungeachtet dieser Organisation hat es nun aber in der päpst- 
lichen Kanzlei bis ins 14. Jahrhundert hinein Fälle gegeben, in denen 
von der Anfertigung eines Vollkonzeptes Abstand genommen wurde. 
Wenn nämlich eine Bestätigungsurkuude auszustellen war, die im 
wesentlichen den Wortlaut des zu bestätigenden Privilegs oder Briefes 
wiederholen wollte, so liat man oft das Original oder eine Abschrift 
dieser Vorurkunde unmittelbar als Konzept für die neu auszustellende 
verwandt; die Veränderungen, die an dem Wortlaut der Vorurkunde 
vorzunehmen waren, wurden dann entweder in sie hineinkorrigiert oder 
an ihrem Rande oder auf ihrer Rückseite eingetragen oder auch auf- 
dem für die neue Urkunde bestimmten Pergamentblatt vermerkt, das 
dem mit der Mundierung beauftragten Schreiber zugleich mit der zu 
bestätigenden Urkunde übergeben wurde. Ein merkwürdiger Fall der 
Art ist bereits aus dem 11. Jahrhundert bekannt. Von einem Privileg 
Benedikts IX. für das Domkapitel zu Florenz wird in dem Archiv des 
Kapitels eine Abschrift aufbewahrt, die zu einem Konzept für ein 
Privileg Leos IX. umkorrigiert worden ist, und diese Korrektur hat 
der Kanzler Leos selbst vorgenommen. Das so hergestellte Konzept 



» Vgl. Blaül, AfU. 4, 113flf. 

- Vgl. Kaltenbrunner, MIÜG. 7, 35. 

* Über die Beteiligung des Kämmerers an Briefen Clemens' V. an die 
Könige von Deutschland und Frankreich vgl. Schwalm, QFIA. 7, 221 fF. 

* Vgl. GöLLEK, QFIA. 10, 31 6 f. 
" Vgl. Bd. 1, 316fr. 



Konzq)t6 für Papsturkunden 153 

ist dann zwar bei der Ausfertigung des Privilegs Leos IX., dessen 
Original noch vorhanden ist, benutzt worden; aber der Kanzleibeamte, 
der es hergestellt hat, hat sich einige orthographische AI) weichungen 
von seiner Vorlage erlaubt, und überdies ist in das Original ein im 
Konzept noch fehlender Passus aus einer Schenkungsurkunde des 
Bischofs von Florenz eingefügt worden.^ Im 12. und 13. Jahrhundert 
ist es sehr häufig vorgekommen.^ daß solche mehr oder minder, bis- 
weilen auch gar nicht abgeänderte Originale oder Abschriften päpst- 
licher Urkunden^ als Konzepte für die Bestätigungen verwandt 
worden sind.* 



' Vgl. Kehk, GGtN. 1898 S. 496 ff. mit Faksimile-Fragment der korrigierten 
Abschrift. — Einen ähnlichen Fall möchte v. Pflcok-Harttdxg (Histor. Viertel- 
jahrschi-ift 3, 234 ff.) an dem Privileg Calixts II. für Kloster Springiersbach, 
Jaffe-L. 6778 konstatieren. Aber da hier, wenigstens nach den Angaben 
Pflügk-Harttüngs, Korrekturen nicht vorhanden zu sein scheinen, so fehlt 
gerade das, woran man zumeist ein Konzept am sichersten erkennen kann. 

- Beispiele geben Kehr, QFIA 7, lOff.; Göller, ebenda 10, 306. 308 
N. 2; Baümgarten, Römische Quartalschrift 21, 143ff. mit beachtenswerten Be- 
merkungen über das ganze Verfahren. — In diese Kategorie gehört auch das 
in den Dissertazioni della pontificia accademia di archeologia Ser. II Bd. 6 
(Rom 1896) abgebildete Privileg Innocenz" IV. vom 9. Aug. 1253 mit den wohl von 
einem höheren Kauzleibeamten herrührenden, den Beurkundungsbefehl enthal- 
tenden Randbemerkungen ad instar fiat S. und ex causis manifestis viihi et 
protectori fiat ad instar, die CozzA-Lrzi a. a. 0. Ö. 27 ff. vollständig mißver- 
standen hat und die ihm zu einer sentimentalen Novelle über die Beziehungen 
Innocenz' IV. zu der heiligen Clara Veranlassung gegeben haben. 

' Auch außerhalb der päpstlichen Kanzlei ist solche Benutzung von 
Originalurkunden zur Anfertigung von Konzepten öfter vorgekommen. Über 
einen interessanten Fall aus dem Ende des 13. Jahrhunderts aus Minden s. 
oben S. 118 X. 2. In der kaiserlichen Kanzlei könnte so eine Urkunde Friedrichs I. 
St. 4567^ zum Konzept für ein Diplom Friedrichs IL BF. 1643 hergerichtet sein, 
vgl. Stumpf, Acta inedita S. 552 N. 1 ; doch bedürfen diese Urkunden genauerer 
Untersuchung; Simonsfeld, SB. der Münchener Akademie 1905 S. 711, bezeichnet 
das Mailänder Exemplar des Diploms Friedrichs I., das Stumpf zweifelnd für 
Original hält, als Abschrift des 13. Jahrhunderts. 

* Selbstverständlich ist, daß, wenn bereits mundierte Urkunden aus irgend 
welchen Gründen verworfen wurden und deshalb rescribiert werden mußten 
(vgl. Bd. 1, 278), nicht ein neues Konzept angefertigt zu werden brauchte, 
sondern die für ungültig erklärte Urkunde selbst mit den nötigen Verände- 
rungen als Vorlage für die Neuausfertigung diente. Das besagt der von Göllek. 
QFIA. 10, 304, auf einem korrigierten Original von 1356/57 nachgewiesene 
Kanzleibefehl : Rescribe et serva pro nota, lacerata prima nota (vgl. auch ebenda 
S. 304 N. 2 und S. 312). Ich habe mehrere solche ' zur Rescribierung ver- 
urteilten Urkunden im Hamburger Staatsarchiv kennen gelernt; zu ihnen ge- 
hört der Exekutorialbrief Benedikts XII. von 1341, der als Umschlag für die 
Handschrift des Formularbuches des Heinrich Bucglant (vgl. dessen Ausgabe 



154 Konzepte für Papsiurkunden 

Im übrigen sind uns Konzepte von Papsturkimden aus dem 
früliereii Mittelalter nicht erhalten, und auch anderweit haben wir, 
wenigstens soweit es sich um Privilegien handelt,^ keine Anhalts- 
punkte, um über ihren Umfang und ihre Beschaöenheit sicher zu ur- 
teilen. Konzepte für Privilegien besitzen wir auch aus dem 12, und 
13. Jahrhundert noch nicht; wohl aber ist aus diesen Jahrhunderten 
eine nicht ganz kleine Anzahl von Konzepten päpstlicher Mandate 
und Justizbriefe auf uns gekommen. Sie liegen sämtlich in den 
Archiven der Empfänger,^ was um so merkwürdiger ist, als für das 
nächste Jahrhundert eine gleiche Erscheinung nicht zu beobachten 
ist, vielmehr die Konzepte für Gnaden- und Justiz- sowohl wie für 
Kurial- und Sekretbriefe, die wir aus dem 14. Jahrhundert kennen, aus- 
schließlich aus dem päpstlichen Archiv oder aus dem Besitz päpstlicher 
Beamten herstammen. Ob dies darauf beruht, daß im 12. und 13. Jahr- 
hundert die Konzepte in der päpstlichen Kanzlei anders behandelt 
werden als im 14.,^ oder ob hier nur ein Spiel des Zufalls vorliegt, 
läßt sich einstweilen noch nicht sicher entscheiden.* 



von ScHWALM S. XIX) verwandt ist. Die Urkunde war adressiert: Dilecto filio 
. . preposito eeclesie sancte Marie ad Gradus Coloniensis. Darüber ist ge- 
schrieben: Dilectis filiis . . preposito sancte Marie ad Gradus Coloniensis et 
. . sancli Gereonis ac sancti Georgii Coloniensium decanis ecclesiartcm. Am 
Rande ist bemerkt, daß die Formel: Quod si non o?nnes etc., duo etc. ein- 
geschoben werden solle. Unter dem Kostenvermerk steht R{ecipe [oder in 
diesem Falle vielleicht rescribe'\} B. Testafjay. P. Vig., das ist also der Befehl 
für die Rescribierung; und auf der Rückseite der Neuausfertigung, deren Ori- 
ginal noch vorhanden ist und in der jene Korrekturen berücksichtigt singl, 
steht dem entsprechend R^ (= rescripta) B. Testagay. Die Urkunden haben 
noch andere interessante Vermerke, auf die aber hier nicht einzugehen ist. 

* Denn die uns bekannten Registerbücher Johanns VIII. und Gregors VII., 
aus denen man allenfalls Schlüsse ziehen könnte, enthalten fast ausnahmslos 
nur Briefe. 

^ Die Empfänger sind bei Justizbriefen nicht notwendig auch die 
Adressaten. Diese Briefe wurden vielmehr denjenigen ausgehändigt, zu deren 
Gunsten sie ausgestellt waren und man überließ ihnen, sie den Adressaten zu 
übergeben oder vorzulegen. 

* Daß im 13. Jahrhundert die Konzepte zu päpstlichen Urkunden in die 
Hände von Prokuratoren der Empfänger kommen konnten, beweist die von 
Tangl, NA. 25, 358, angeführte Stelle des Chron. Eveshamens. (s. oben S. 151 
N. 1); und darauf weist auch die von v. Heckel, AfU. 1, 492 N.l, angezogene 
Stelle aus Tangl, KO. S. 54 § 9, hin; aber das wird im 14. Jahrhundert wohl 
kaum weniger möglich gewesen sein, und daraus allein läßt sich die im Text 
besprochene Erscheinung scluverlich ei-klären. 

* Vgl. unten S. 156 ff. 



Konzepte für Papsturkunden 155 



Was wir so an päpstlichen Konzepten des 12. und 13. Jahrhun- 
derts besitzen, sei hier Imrz verzeichnet.^ Aus dem ehemaligen Archiv 
des Kloster Passignano haben sich in Florenz fünfzehn Konzepte von 
Briefen Alexanders III. erhalten, ferner die beglaubigte Abschrift eines 
Konzeptes aus der Zeit Cölestins III.,^ die ein Notar dieses Papstes 
dem Kopisten übergeben hat, endlich ein Konzept zu einem Justiz- 
brief aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts.^ Außerdem ist uns 
ein Konzept zu einem Justizbrief, vielleicht Alexanders III., erhalten 
geblieben, das in das Kopialbuch des Klosters Subiaco, das Registrum 
Sublacense, eingeklebt worden ist;** endlich beruhen im erzbischöflichen 
Archiv zu Ravenna zwei Konzepte zu Justizbriefen Bonifaz' VUL, die 
etwa aus dem Jahre 1299 stammen mögen. ^ Alle diese Konzepte halben 
eine sehr gleichmäßige Beschaffenheit: vom Eingangsprotokoll weisen 
sie nur Xamen und Titel der Adressaten auf;^ die Datierung fehlt 



^ Konzepte zu Briefen der amtlichen und politischen Korrespondenz der 
Päpste sind natürlich nicht darunter; sie konnten ja nicht wohl in die Emp- 
fängerarchive gelangen, t^ber die Beschaffenheit solcher Konzepte im 13. Jahr- 
hundert gibt indessen die aus ihnen geschöpfte Briefsammlung des Berard von 
Neapel, in die freilich auch eine allerdings nicht sehr große Anzahl von 
Gnaden- und Justizbriefen aufgenommen ist, einigen Aufschluß. 

^ In der Beglaubigungsformel wird dies Stück als forma litterarum be- 
zeichnet; das Wort forma kommt sonst in der Eegel in der Bedeutung For- 
mular vor, doch findet sich auch in dem Gedicht des Heinrich v. Wirzburg v. 
218 (Abhandl. der bayr. Akademie, phil. u. bist. Klasse 27, 74) der Ausdruck 
formas abreviare. 

' Veröffentlicht mit eingehenden Erläuterungen und einem Faksimile von 
P. Kehr, QFIA. 7, 8 ff. 

* Vgl. Reg. Sublacen«e ed. G. Levi Ö. 27 und N. 1; Kehr, GGN. 1901 
S. 224 n. 8; Faksimile im Arch. paleograf. Italiano 2, tav. 19. In der Datierung 
folge ich Kehr, während Levi und Monaci das Stück in das 13. Jahrhundert 
setzen; vgl auch v. Heckel. AfU. 1, 494 f. 

° Herausgegeben und beschrieben von G. Levi im Arch. della Soc. Ro- 
mana 9, 621 ff. Vgl. V. Heckel, AfU. 1, 488 ff", dessen Annahme, daß diese 
beiden Konzepte als Vorlagen für die beiden im Eegistre de Boniface VIII. 
n. 2898. 2899 überlieferten Briefe gedient hätten, ich aber nicht für richtig 
halten kann. So erhebliche Abweichungen zwischen Konzept und Reinschrift, 
wie sie hier ungeachtet der Ausführungen v. Heckel s anzunehmen wären, 
sind durchaus unwahrscheinlich. Ich halte vielmehr gerade das, wasv. Heckkl 
S. 492 ausschließen will, daß nämlich den Reinschriften andere, auf Grund der 
uns erhaltenen angefertigte, aber noch weiter korrigierte Konzepte zugrun<le 
gelegt sind, für höchst wahrscheinlich. Sein Einwand, daß man nicht vt^r- 
wendete Konzepte wohl kaum aufgehoben hätte, ist durchaus nicht stichhaltig; 
Tgl. oben S. 132. 

ß Dilectis filiis {dileclo filio) vor diesen Namen steht nur in den Kon- 
zepten von Ravenna; die Grußformel fehlt immer. In Exekutorialbriefin 



156 Konzepte für Papsturkunden 



durcliwep:; im Kontext sind einzelne Formeln nur angedeutet; bei 
Konzepten, die sachlich und formell zusammen,[>elir)ren, kommt gelegent- 
lich eine Ver\veisung von dem einen auf das andere vor; einzelne sind 
selir stark, andere weniger durchkorrigiert, bald von der Hand des 
Schreibers selbst, bald von anderer Hand, nur selten fehlen Korrek- 
turen ganz; geschrieben sind sie alle auf Pergamentblättern von ver- 
schiedener Größe, bald jedes einzelne für sich, bald mehrere auf einem 
Blatt, in Hüchtiger Minuskelschrift mit starken Abkürzungen; Kanzlei- 
vermerke fehlen fast immer. ^ 

Eine viel größere Anzahl von Konzepten für fast alle Gattungen 
von Papsturkunden ist aus dem 14. Jahrhundert auf uns gekommen, 
aber von denen, die bisher bekannt geworden sind, stammt, wie schon 
bemerkt wurde, keines aus einem Empfängerarchive. Im päpstlichen 
Archiv selbst befinden sich noch jetzt 13 Foliobände, die Konzepte zu 
Kurial- und Sekretbriefen aus der Zeit Clemens' TL, Innocenz' VI. 
und Gregors XL oder wenigstens überwiegend zu dieser Art von 
Briefen enthalten. ^ Die auf Papierblättern mit breitem Rand ge- 
scliriebenen Konzepte sind den vorhin beschriebenen ähnlich, weichen 
aber doch in einigen Einzelheiten von ihnen ab. Sie enthalten den 
Kontext vollständig; nur die stehenden Schlußformeln sind bisweilen 
abgekürzt. Das Eingaugsprotokoll gibt nur die vollständige Adresse 
und das Woii salutem, läßt also den Papstnamen meistens fort; die 
sehr kurz gefaßte Datierung läßt bisweilen Nachtragung, sei es durch 
den Konzipienten, sei es durch einen anderen Beamten, erkennen;^ 
mitunter ist nur das Tagesdatum, bisweilen ist auch die Adresse von 
anderer Hand nachgetragen. Der Text zeigt zahlreiche Korrekturen, 



steht bisweilen statt der Namen der Adressaten nur lud. (ludici oder hidici- 
bus) s. unten S. 159. 

* Nur auf einem der Konzepte von Passignano, Kehr, QFIA. 7, 24 n. 6, 
steht ein solcher Vermerk, der aber über die Geschiiftsbehandlung in der 
Kanzlei keinen Aufschluß gibt. 

* Vgl. Werünsky, MIÖG. 6, 140ff.; v. Ottenthal, MIÜG. Erg. 1, 540flF.; 
Posse, Privaturkunden S. 91f.; Donabaum, MIÖG. 11, 101 ti'.; Tangl in Festgaben 
für Büdinger S. 300f. ; Tomaseth, MIÖG. 19, 4l7ff.; Göller, QFIA. 10, 300ff. 
Abbildungen solcher Minuten bei Posse a. a. 0. Tai'. XXIV. XXV und bei 
DoNAiiAüM a. a. 0. — Vereinzelt sind Konzepte von Sekret- und Kurialbriefen 
schon aus etwas früherer Zeit im Vatikanischen Archiv erhalten; ein inter- 
essantes derartiges Konzept (noch auf Pergament!) zu einer Urkunde Clemens' V. 
beschreibt Göller, Mitteilungen und Untersuchungen über das päpstliche Re- 
gister- und Kauzleiwesen S. 44; vgl. auch Schwalm, QFIA. 7, 221if. 

' Vgl. über die Datierung der Papstui-kunden im allgemeinen unten 
Kap. XVII. 



Konzepte für Pnpffnrhouien 157 



teils von erster Haud, teils von einem revidierenden Beamten. Meh- 
rere Briefe in gleicher Sache wurden auf demselben Blatte konzipiert; 
die dabei vorkommenden Kürzungen sind dieselben, die uns aus den 
päpstlichen Registern bekannt sind.i Auf der Rückseite der Konzepte 
finden sich Weisungen an die Scriptoren über die Art der Mundieruug 
und die gewöhnlich sehr kurz bemessene Frist, innerhalb deren diese 
erfolgen soll; sie beginnen regelmäßig mit einem R, das zu dem Worte 
Becipe zu ergänzen ist^ und auf das der Name des mit der Muudie- 
rung beauftragten Scriptors folgt. Diese Kauzleiweisungen rühren zu- 
meist von dem Sekretär her, der die Minute angefertigt oder korri- 
giert hatte; in einzelnen Fällen aber überwies der Sekretär das Kon- 
zept dem Rescribendar des ScriptorenkoUegiums, der dann die weitere 
Anweisung an einen Schreiber ebenso zu besorgen hatte, wie die 
Distribution der nicht von Sekretären verfaßten Konzepte stets ihm 
oblag. Auf der Rückseite der Konzepte finden sich gewöhnlich nor-h 
Vermerke über die nach ihnen bewirkte Registrierung.^ 

Abgesehen von diesen Konzepten für Kurial- und Sekretbriefe 
sind im Vatikanischen Archiv bisher, so viel wir wissen, nur drei 
Konzepte* zu Gnaden- und Justizbriefen aufgefunden worden, die wohl 
zufällig in Registerbänden liegen geblieben siud.^ Dagegen sind uns 



' Vgl. Bd. 1, 122 ff. 

* Daß das R so zu ergänzen ist, habe ich schon in der ersten Auflage 
dieses Handbuchs bemerkt, und diese Ergänzung ist jetzt auch von Göller, 
QFIA. 10, 304 f., der das R früher wie Werunsky, Donabadm u. a. fälschlich 
zu Rescribe ergänzt hatte, angenommen und ausführlich begi'ündet worden. 
Vgl. auch oben S. 17 N.3 und unten S. 159. Die Befehle sind von dem Beamten, 
der sie gibt, mit seinem Namen oder mit einer Sigle seines Namens unter- 
zeichnet. — Wenn solche Recipe-Yennerke, wie recht häufig der Fall ist, auf 
Originalurkunden vorkommen, so erklärt sich das aus der oben S. 153 be- 
sprochenen Verwendung von Originalen als Konzepte für Bestätigungen der- 
selben. — Nach Anfertigung der Reinschriften wurden die von den Sekretären 
verfaßten Minuten in der Regel mit den Reinschriften an jene zurückgeschickt; 
besonders geheim zu haltende Briefe hatten die Schreiber bei der Rücksendung 
zu versiegeln; vgl. Doxabalm a. a. 0. S. 106 ff. 

^ Über andere, bisweilen für die Kenntnis des Geschäftsganges im Einzel- 
fall sehr interessante Vermerke, die auf den Konzepten vorkommen, vgl. 
Göller, QFIA. 10, 31 3 ff. 

* Zwei aus der Zeit Benedikts XII. und Innocenz' VI. erwähnt Dexikle, 
Specimina palaeographica, Text S. 55, ein drittes aus der Zeit Clemens' VI. 
Tängl, MIÖG. 13, 59 N. 3. Genauere Beschreibung dieser Konzepte liegt noch 
nicht vor. 

5 Konzepte oder Abschriften von Konzepten Bonifaz' VIII. hat Digard^ 
BEC. 48, 371 ff., in der Pariser Handschrift lat. 4038 B aufzufinden gemeint, 
.^ber was er über die Beschaffenheit der darin enthaltenen Urkundenabschriften 



158 Konzepte für Papsiurkunden 

in den beiden früher erwähnten Handschriften.^ denen wir eine so 
erhebliche Förderung unserer Kenntnis von den Suppliken des 
14. Jahrhunderts verdanken, auch zalilreiche Konzepte von Gratial- 
und den dazu gehörigeu Exekutorialbriefen erhalten, die also, wie jene 
Suppliken, nicht in die Hände der Empfänger gekommen, sondern am 
päpstlichen Hofe zurückgeblieben sind. Sie stammen, soweit ihre Zeit 
sich feststellen läßt, aus den Pontiükaten Gregurs XI. und Clemens' VlI. 
und entsprechen in vielen Beziehungen den eben besprochenen Kon- 
zepten zu Kurialbriefeu , weisen aber unter sich größere Unterschiede 
auf als jene. Der Gratial- und der dazu gehörige Exekutorialbrief 
scheinen zumeist auf einem Papierblatte gestanden zu haben, doch 
kommen auch Exekutorialbriefe ohne den Gratialbrief vor. Über dem 
Gratialbrief, der, wie wir früher gesehen haben, an die Supplik, auf 
Grund deren er angefertigt wurde, angenäht w'urde,- scheint in der 
Eegel der Abbreviator, der dafür verantwortlich war, seinen Namen 
eingetragen zu haben.-^ Die Konzepte haben aber die Abbreviatoren. 
wie mancherlei Anzeichen dartun, nicht immer selbst geschrieben, 
sondern es hat den Anschein, daß sie sich häufig durch Hilfsschreiber* 
gleichsam im Vorrat Abschriften aus Formularbüchern herstellen 
ließen, in denen für die Namen, die Zahlen, worin der jährliche 
Ertrag eines zu verleihenden Benefiziums angegeben war, und für 
anderes, was im Einzelfalle besonders festzustellen war, Lücken gelassen 
waren, so daß die Abbreviatoren sich auf die Korrektur dieser bis- 
weilen ziemlich fehlerhaften Abschriften, auf die Ausfüllung jener 
Lücken und auf die Hinzufügung der Daten beschränken konnten. 
Ob außer den Korrekturen, die von den Abbreviatoren an den von 
ihnen selbst oder ihren Gehilfen entworfenen Konzepten angebracht 
wurden, auch noch Verbesserungen eines anderen, höhergestellten Be- 



mitteilt, schließt m. E. eine solche Annahme aus. Ich glaube, daß wir in der 
Handschrift ein Spezialregister zu erkennen haben, das zum Gebrauch des im 
Jahre 1301 nach Ungarn gesandten Legaten, nicht aus den vatikanischen Re- 
gisterbänden, sondern aus den Originalen der für seine Legation wichtigen 
Schriftstücke von verschiedenen Schreibern zusammengestellt wurde. 

1 S. oben S. 11. 

^ S. oben S. 18. Reste der Fäden, mit denen er angenäht war, sind 
an den Konzepten bisweilen noch erhalten. 

=* S. Bd. 1, 301. 

* Solche Hilfsschreiber wurden in einer Supplik des Abbreviators Ro- 
bertus de Turre de Adria an Clemens VI. (üaumoarten, Von der apostolischen 
Kanzlei S. 25) erwähnt. Der Abbreviator suppliziert für vier Männer clerieis 
et scriptoribtis suis, qui in notis vestris de curia et negotiis dominoriün cardi- 
nahum et vestrorum ('?} laborant assidue. 



EevisioTi der Konzepte. Feriigungsbefehl 159 

amten der Kauzlei vorgekommen sind, läßt sich an den uns erhaltenen 
Stücken nicht sicher feststellen. Während bei den Gratialbriefen die 
in üblicher Weise verkürzte Adresse, sei es von vornherein, sei es 
nachgetragen, an der Spitze des Konzeptes steht, geht den Konzepten 
der Exekutorien regelmäßig nur die Adresse: lud., d. h. ludici oder 
ludicibus, voran. ^ Die Xamen der iudices, d. h. der Exekutoren, werden 
dann regelmäßig auf der Kückseite des Konzeptes notiert,^ und es 
kommt auch vor, daß hier Korrekturen vorgenommen sind und an 
Stelle eines zuerst bezeichneten ein anderer Exekutor gesetzt wird. 
Ferner steht auf der Rückseite dieser Konzepte der in die uns schon 
bekannte Formel Recipe N. X. gekleidete und von dem Rescribendar 
unterzeichnete Distributionsvermerk, durch den das Konzept einem 
Scriptor zur Mundierung überwiesen wird; endlich findet sich hier oft 
auch ein Vermerk^ über das erste gleich nach der Anfertigung des 
Konzeptes dafür gezahlte Honorar,^ das später bei der Berichtigung 
der Abbreviatorentaxe von ihr abgezogen werden durfte.^ 

Eine für das Verständnis des Herganges der Beurkundung im 
Mittelalter besonders wichtige Frage ist nun die, welcher weiteren Ge- 
schäftsbehandlung die fertigen Konzepte unterzogen wurden, ehe sie 
mundiert wurden. Daß sie in der Kanzlei selbst, aus der sie hervor- 
gingen, einer Überprüfung und Korrektur unterzogen wurden, ergibt 
sich sowohl aus dem, was oben über die Beschaffenheit der uns er- 
haltenen Konzepte zu Kaiser- und Papsturkunden ausgeführt worden 
ist, wie aus den früher besprochenen zu diesem Behuf in der kaiser- 
lichen und in der päpstlichen Kanzlei getroffeneu Einrichtungen. 
Etwas von dieser innerhalb der Kauzlei vollzogenen Revision wesent- 
lich verschiedenes würde es nun aber bedeuten, wenn es sich erweisen 

* So auch in einem der oben S. 155 erwähnton Konzepte aus Passignano, 
QFIA. 7, 41 n. 17 (wo X. a entsprechend den Ausführungen im Text zu be- 
richtigen ist), und in sechs Konzepten bei Berard von Neapel, vgl. AfU. 1, 494. 

* Nur in einem Konzept von 1369 betr. die Verleihung einer Scriptoren- 
stelle in der Kanzlei, ist die Adresse des Vizekanzlers, an den in diesem Falle 
di-r Exekutorialbrief gerichtet wurde, in den zwischen Gratial- und Exekutorial- 
brief auf dem Papierblatt freigelassenen Raum nachgetragen. 

^ Er lautet: solcit VI gr. oder ähnlich. 

* Vgl. Bd. 1, .341. Unsere Konzepte zeigen also, daß auch diese erste 
Zahlung, die bisher nur für das Ende des 15. Jahrhunderts nachgewiesen ist, 
schon im 14. Jahrhundert üblich war. 

5 Aus dem 15. Jahrhundert kennen wir bisher nur einige wenige Kon- 
zepte für Breven, die in P^egisterbände eingeheftet sind, vgl. Ottenthal, MKJG. 
Erg. 1, 541. Was darüber mitgeteilt ist, gibt zu weiteren Erörterungen an 
dieser Stelle keinen Anlaß. 



160 Revision der Konzepte. Fertigungsbefehl 



ließt', (lab dir Jvonzepte regelmäßig oder wenigstens in zahlreichen 
Fälk'ii iuu'h dem auszustellenden Herrscher hätten vorgelegt oder vor- 
gelesen werden müssen, und daß sie nicht ohne einen eigenen Ferti- 
gungsbefehl des Herrschers hätten mundiert werden dürfen.^ Das 
ist in einigen Fällen ausdrücklich bezeugt und in anderen wahrschein- 
lich; wir erinnern uns, daß Ludwig der Deutsche 854 sich das Kon- 
zept einer für St. Gallen auszustellenden Urkunde vorlegen ließ;^ wir 
hören, daß Papst Martin IV. das Konzept zu einem Brief an den 
König von Ungarn approbiert habe;^ wir dürfen annehmen, daß 
Heinrich YIL von den Konzepten gewisser wichtiger Konstitutionen 
franziisische Übersetzungen anfertigen ließ, um davon vor ihrer Aus- 
fertigung genauere Kenntnis zu nehmen:^ kurz, wir können bei poli- 
tisch wichtigen Briefen und Erlassen, insbesondere natürlich auch bei 
Verträgen, ein derartiges Vorgehen als ganz gebräuchlich voraussetzen. 
AVeiter mögen auch die nicht in der Kanzlei selbst angefertigten, 
sondern von den Parteien eingereichten Urkundenkonzepte unter Um- 
ständen dem Herrscher mitgeteilt worden sein, ehe er die Genehmi- 
gung zur Herstellung der Reinschrift erteilte,^ Dagegen halte ich es 



^ Das ist die Meinung Fickers, die er zunächst BzU. 2, 59 (vgl. 102flP.) 
begründet und auf die er wiederholt zurückkommt. Sie spielt bei seinen 
Untersuchungen eine große Rolle; insbesondere sollen die Beurkuudangszeugeu 
in der Regel Zeugen des Fertigungsbefehls gewesen (2, 89 ff.) und auch die 
Datierungsangaben sollen oft auf ihn zu beziehen sein. Dabei wird dann aller- 
dings mehrfach nicht an den Fertigungsbefehl des Herrschers, sondern an den- 
jenigen eines höheren Kanzk-ibeamten gedacht, ohne daß das immer ganz scharf 
geschieden würde. Eine solche Ermächtigung oder Anordnung eines höheren 
Kanzleibeamten, wie sie schon in den tironischen Noten der Karolingerurkunden 
durch die Formel scribere iussit häufig erwähnt wird, ist allerdings in allen 
größeren Kanzleien des Mittelalters durchaus als regelmäßig vorauszusetzen; 
aber von ihr reden wir hier nicht. 

2 S. oben S. 134 N. 1. 

^ Vgl. die von Kaltenbrunner, MIÖG. 7, 35, mitgeteilte Kanzleinotiz zu 
Ep. Berardi 410. Einen ähnlichen Fall aus dem H.Jahrhundert betrifft der 
von GöLLER, QFIA. 10, 313, nachgewiesene Kanzleivermerk: E.puter, dominus 
noster presentem minutam vidit et correxit. 

* Vgl. die Aktenstücke, Dönniges, Acta Heinrici VII. 2, 225, (jetzt Const. 
4, 800 n. 800, 9GG n. 930, 967 n. 932) und dazu Ficker, BzU. 2, 106. 

* Vgl den oben S. 149 f. angeführten Fall aus der Zeit Ruprechts. 
Ahnlich hatte ich früher die Formel recitatum publice in der Datierung der 
DD. II. II. 98. 100 zu erklären versucht, indem ich annahm, daß es sich um 
Empfänger-Konzepte handele. Jetzt wissen wir, daß die Urkunden von einem 
Kanzleibeamten herrühren, und ich denke nun an öffentliche Verlesung der 
Reinschriften, die der Kanzleibeamte von vornherein in Aussicht genommen 
haben wird, vgl. unten S. 162 n. 4. 



Revision der Konzepte. Fertigwngshefehl 161 

für durchaus unwahrscheinlich, daß bei den in der Kauzlei selbst ent- 
standenen Konzepten für Urkunden über gewöhnliche und alltägliche 
Eegierungsgeschäfte eine Vorlegung an den Herrsclier irgendwie 
häufiger vorkam. Wo von einem Verlesen der Urkunden vor Papst 
oder König die Rede ist, haben wir diese Angaben, wie wir noch 
sehen werden, fast immer auf eine Verlesung der Reinschriften zu be- 
ziehen.^ Keine der uns erhaltenen Kanzleiregeln aus der päpstlichen, 
sizilianischen oder deutschen Kanzlei erwähnt eine Verlesung der Kon- 
zepte vor dem Herrscher oder bezeichnet eine Genehmigung dieser 
Konzepte durch ihn als erforderlich; vielmehr spricht die Schilderung 
des Geschäftsganges bei der Beurkundung, welche diese Kanzleiregeln 
geben, auf das bestimmteste dafür, daß, nachdem der Beurkundungs- 
befehl erteilt war, der Herrscher in der Regel vor der Herstellung 
der Reinschrift nicht weiter in den Geschäftsgang eingriff. Und wenn, 
wie wir gesehen haben, in der Reichskanzlei die Anfertigung von Kon- 
zepten überhaupt in der älteren Zeit nicht regelmäßig stattfand, wenn 
es oft lediglich von äußerlichen Verhältnissen abhing, ob überhaupt 
ein Konzept angefertigt wurde oder nicht, so ist es nicht wohl denk- 
bar, daß dann, wenn dies geschah, eine andere Art der Geschäfts- 
behandlung zur Anwendung kam, als dann, wenn es unterblieb. 

Können wir diesen Ausführungen zufolge bei Königs- und Papst- 
urkunden im allgemeinen davon absehen, die Verlesung des Konzepts 
vor dem Aussteller und seinen Befehl zur Anfertigung der Reinschrift 
als ein eigenes Stadium des Beurkundungsgeschäftes zu betrachten, so 
steht die Sache hinsichtlich der Privaturkunden etwas anders. Aller- 
dings scheinen die ältesten deutschen Gerichtsschreiberurkunden, soweit 
sie nicht gleich an der Malstätte (publice) ins Reine geschrieben 
wurden, auf Grund der dort gemachten kurzen Notizen, die nicht der 
Art smd, daß sie den Beteiligten vorgelesen sein können, von den 



1 S. unten S. 167. 171 flF. H. Hiesch, NA. 36, 397 ff. hat erwiesen, daß die 
von FiCKER, BzU. 2, 103 in dieser Frage mit herangezogene Urkunde Leos VIII. 
für Einsiedeln Jaff6-L. 3708 und das Privileg für Öehutteni Jaffe-L. 3707, das 
mit jener eng zusammenhäng-t (darauf habe ich bereits in der ersten Auflage 
dieses Werks hingewiesen, und die Angabe Hirsch s a. a. 0. S. 397 mit N. 5 
ist also zu berichtigen), Machwerke eines Reichenauer Fälschers des 12. Jahr- 
hunderts (vgl. Bd. 1, 12) sind. Aber die von Ficker angenommene Möglich- 
keit der Benutzung einer echten Vorlage für Reichenau oder Einsiedeln bleibe 
auch jetzt noch bestehen. Nur darf das Wort lectwn in der Datierung der 
Fälschung keinesfalls darauf zurückgeführt werden, vielmehr kann es höchstens 
als ein Lesefehler des Fälschers angesehen werden, der das Wort datum seiner 
Vorlage (dies Wort ist in den älteren Papsturkunden meist in besonders ver- 
künstelter Schrift geschrieben) falsch auffaßte. 
Breßl au, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. 



162 Revision der Konzepte. Fertigungsbefehl 



Schreibern oder ihren Gehilfen miindiert zu sein, ohne daß es dazu 
einer besonderen Autorisation seitens der Aussteller bedurft hätte. 
Dafregeu sind schon die ältesten nicht mehr in dorso geschriebenen 
Imbreviaturen italienischer Notare^ und sogar schon einige Dorsual- 
konzepte in eine Form gebracht, die sich zur Verlesung wohl eignete. 
Eine solche Verlesung der Imbreviaturen vor Parteien und Zeugen 
wird denn auch z. B, in der savojischen Notariatsordnung von 1266 
ausdrücklich angeordnet; erst nach der Genehmigung der Imbreviatur 
wurde hier das Instrument geschrieben.^ Aber auch in Deutschland 
findet sich bis ins 12. Jahrhundert hinein in zahlreichen Fällen in 
Urkunden der verschiedensten Aussteller eine Bemerkung über die 
geschehene Verlesung.^ Bleiben wir dabei auch zumeist im Zweifel, ob 
diese Vermerke sich auf Verlesung der Reinschrift oder des etwaigen 
Konzeptes beziehen,* so spricht doch an sich nichts gegen die An- 
nahme, daß häufig das letztere der Fall gewesen sein möge. "Wenn 
die Könige und Päpste im allgemeinen sicher sein konnten, daß der 
von ihnen gegebene Beurkundungsbefehl ihren Intentionen gemäß aus- 
geführt werden würde, so waren die Aussteller von Urkunden, die 
eine organisierte Kanzlei nicht besaßen und die Herstellung der Ur- 
kunde ihrem Empfänger überließen, nicht immer in der gleichen Lage; 
es ist sehr wohl denkbar, daß sie vielfach schon von dem Konzept 
der Urkunde Kenntnis zu nehmen wünschten, ehe sie den Auftrag 



^ S. oben S. 743. 

- WlRSTEMBERGER, Pctcr VOIl SaVOJCIl 4, 422; vgl. FiCKER, BzU. 2, 101. 

Ebenso schreiben die aus dem Ende des 13. Jahrhundorts stammenden Sta- 
tuten von Novara (ed. Ceruti, Novara 1879) S. 83 vor, daß der Notar den Kon- 
text zunächst den Parteien, nach ihrer Genehmigung den Zeugen vorlesen und 
ihn dann erst ausfertigen {co)itrac(urn perficere) soll; da ihm zur Aushändigung 
an die Parteien daun noch eine Frist von 14 Tagen, bzw. zwei Monaten ge- 
gegeben wird, wird sich das wohl auf die Verlesung der Imbreviatur, nicht 
der Reinschi'ift beziehen. Damit ließe sich auch die Verlesung des Konzepts 
einer Urkunde Heinrichs VII. (MG. Coust. 4, 690 § 5) erklären, die Ficker 
2, 59 anführt: das Stück ist ein Notariatsinstrument, nicht ein Diplom. Aber 
es ist in diesem Falle doch zweifelhaft, ob die öffentliche Verlesung vor dem 
Volk von Genua nach dem Konzept erfolgte; es ist sehr wohl möglich, daß der 
sie betreffende Satz der Imbreviatur hinzugefügt wurde, weil die Verlesung 
des Instruments beschlossen war, vgl. vmten N. 3. 

' Beispiele bei Ficker, BzU. 2, 101 f^. 

* Wo das erstere der Fall war, braucht der Vermerk nicht erst nach ge- 
schehener Verlesung der Reinschrift hinzugefügt zu werden, sondern konnte, 
wenn diese bestimmt beabsichtigt war, schon vorher niedergeschrieben sein; 
gerade wie die Formel manu propria confirmantes geschrieben wurde, ehe die 
Unterzeichnung durch den König erfolgt war. 



Vollziehungsbefehl. Königsurkunden 163 

zur Reinschrift erteilten. Und vrenn Vermerke der bezeichneten Art 
sich im späteren Mittelalter kaum mehr finden, so hängt das wohl 
damit zusammen, daß wenigstens höher gestellte Personen und Kor- 
porationen in dieser Zeit durchweg ihre eigenen, ihnen verantwort- 
lichen Urkundenschreiber hatten. Ehe das aber der Fall war, kann 
eine besondere Prüfung des Konzepts häufig als nötig erschienen sein, 
und wir werden also bei Privaturkunden des früheren Mittelalters 
(etwa bis zum 13. Jahrhundert) mit der Möglichkeit des Eingreifens 
des Ausstellers in das Beurkundungsgeschäft nach Herstellung des Kon- 
zepts und vor Herstellung der Reinschrift zu rechnen haben. 

Bei den Königs- und Papsturkunden dagegen wird nach den vor- 
hergehenden Ausführungen in der Regel erst, nachdem die Rein- 
schrift ganz oder wenigstens zum größeren Teil vollendet war, ein 
solches Eingreifen anzunehmen sein. 

Daß iu älterer Zeit in der Regel die Reinschriften der Diplome 
den Herrschern zur Unterschrift vorgelegt wurden, und daß bei dieser 
Gelegenheit der Befehl zur Besiegelung (Vollziehungsbefehl) erteilt 
wurde, besagen die seit der karolingischen Zeit üblich gewordenen 
Korroborationsformeln mit vollkommener Deutlichkeit, wie abweichend 
sie auch in ihrer Fassung im einzelnen sein mögen. ^ Es versteht 
sich von selbst, daß dabei Wendungen wie diese: inanu nostra suhter 
eani firmavimus et de anulo nostro sigillari iussimus niedergeschrieben 
werden konnten, ehe in Wirklichkeit die Unterschrift stattfand und 
der Befehl zur Besiegelung erteilt wurde. ^ Bisweilen ist man aber in 
der Genauigkeit so weit gegangen, daß man Teile der Korroborations- 
formel zunächst fortließ und erst nach wirklich erfolgtem Vollziehungs- 
befehl nachtrug; so sind unter den Karolingern mehrfach die auf die 
Besiegelung bezüglichen Worte von den Ingrossisten selbst, von einem 
andern Notar oder von dem Rekognoszenten nachgetragen worden.^ 
Inwieweit der Herrscher das ihm vorgelegte Diplom, ehe er seine 
Unterschrift hinzufügte und den Befehl zur Besiegelung gab, selbst 
geprüft hat, vermögen wir natürlich nicht zu sagen; für uns genügt 



1 In der Merovingerzeit wird die Vorlegung auch durch das Wort obtuiit 
in der Unterschrift des Referendars ausgedrückt; s. unten Kap. XVI. 

- Besiegelte Blanketts, d. h. Urkunden, die schon vor der Schrift be- 
siegelt wurden, sind nur ganz ausnahmsweise vorgekommen. 

3 SicKEL, Acta 1, 344 N. 5: KUiA. Lief. III, 4; IV, 1. 2 (Text S. 66); 
VII, 26. (Text S. 191). Daselbst führt Sickel aus, wie unter Karl III., Arnulf 
und Ludwig auch das Rekognitionszeichen oft erst im Moment der Besiegelung 
nachgetragen wurde. 

11* 



1Ü4 VolhiehungsbefehL Königsurkunden 



es zu konstatieren, daß ihm die Möglichkeit dazu gegeben war, und 
daß (his Beurkundungsgeschäft nicht ohne seinen Vollziehungsbefehl 
zum Abschluß kam. Freilich ist nun die eigenhändige Unterzeichnung 
durch den König zwar die Regel, aber sie ist zu keiner Zeit allen 
Köuigsurkunden zuteil geworden. Nehme ich auch aus später darzu- 
legenden Erwägungen,^ abweichend von einer neuerdings mehrfach 
vorgetragenen Lehre an, daß bis in die Zeit Heinrichs V. alle Diplome, 
die ein mit dem Vollziehungsstrich versehenes Monogramm aufweisen, 
vom Kr)nig wirklich eigenhändig unterfertigt sind, so bleibt es nichts- 
destoweniger sicher, daß eine Anzahl von Königsurkunden von jeher 
der Ivönigsunterschrift entbehrt haben. Gilt das, wie wir später sehen 
werden, unter den Merovingern und den ersten Karolingern nur von 
einer kleinen Anzahl von Diplomen, so wächst die Zahl der vom 
Könige nicht unterfertigten Urkunden unter Ludwig dem Frommen 
bedeutend an, nimmt dann unter den folgenden Regierungen allmäh- 
lich wieder ab und macht im 10. und 11. Jahrhundert nur einen ver- 
hältnismäßig geringen Bruchteil der aus der Kanzlei hervorgegangenen 
Urkunden aus.^ Da nun auch diese seit der Karolingerzeit durchweg 
den Besiegelungsbefehl enthalten, so entsteht die Frage, ob auch bei 
ihnen die bezüglichen Worte der Korroborationsformel [iussimus sigü- 
lari oder dergl.) wörtlich zu nehmen sind, ob wir also auch bei ihnen 
an einen eigenen Vollziehungsbefehl des Königs zu denken haben, 
oder ob wir annehmen dürfen, daß in gewissen Fällen von geringerer 
Wichtigkeit der König, nachdem er den Beurkundungsbefehl ^ erteilt 
hatte, auf ein weiteres Eingreifen in den Gang der Beurkundung ver- 
zichtete. 

Eine befriedigende Beantwortung dieser Frage ermöglichen uns 
leider die wenigen in tironischen Noten geschriebenen Vermerke, in 
denen von der Besiegelung gesprochen wird, nicht.* Sie besagen, daß 



* S. unten Kap. XX. 
•' S. unten Kap. XVI. 

' D(T ja in gewissem Sinne auch den Vollziehungsbefebl mit einschloß. 

* Nach den Zusammenstellungen Tangls, AfU. 1, 107fF., 2, 167iF. sind 
es die folgenden, Mühlbacher* n. 735: magister s/'gillare iussit; 920: magister 
scribere etsigillari iussit; 986: subscripsiiussus ab Hirminmaro; Hugo (Josse mn: 
et) ipse sigiUavit; 994: Hir)ni>iniaris Dtagister fieri iussit, qui et sigillavit; 997: 
subscripsi iussus ab Hirminmaro, qui ipse sigillavit; 1006: S . . . {scriptumque, 
RuKSs; Eliseus, Erben und Jdsselin) impetravit et ego sigiUavi; 1096: iubenie 
mugisiro Ägilviaro Remigius sigillavit; 1114: liemigius magister firmare iussit, 
qui et ipse sigillavit. Dazu kämen nach Jüsselin, Melanges Emile Chatelain 
S. 36. 37. 40, noch Mühlbacheb* n. 844 : magister Durandus ßrmare iussit et 
ipse sigillavit; 872: magister fieri et firmare iussit et Durandus sigillavit x 



Vollziehung sh&fehl. Königsurkunden 165 



der Befehl zur Besiegelimg von einem höheren Kanzleibeamten erteilt 
ist, oder daß ein solcher Beamter selbst gesiegelt hat, aber sie berech- 
tigen nicht zu dem Schlüsse, daß er den Befehl erteilt oder die Be- 
siegelung selbst ausgeführt hat, ohne vom Könige dazu ermächtigt zu 
sein, und ganz gleichlautende Vermerke dieser Art finden sich sowohl 
in Urkunden, welche die Untersclirift des Königs aufweisen, wie in 
solchen, die ihrer darben.^ So bleibt zw^ar die Möglichkeit, daß im 9., 
10. und 11. Jahrhundert das Eingreifen des Königs sich bei einfacheren 
und minder wichtigen Geschäften, die ohne Unterschrift verbrieft 
wurden, auf den Beurkundungsbefehl beschränkte, und daß dieser die 
Ermächtigung zur Besiegelung einschloß, aber gewiß ist das keines- 
wegs, und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, so würde daraus 
noch nicht zu folgern sein, daß im 12. Jahrhundert der Vollziehungs- 
befehl überhaupt fortgefallen sei. Zwar nimmt seit der Zeit Heinrichs V. 
und Lothars die Zahl der eigenhändig unterfertigten Urkunden mehr 
und mehr ab, und unter den Staufen und in den nachstaufischen 
Jahrhunderten wird die eigenhändige Unterschrift des Königs ebenso 
zur Ausnahme, wie früher ihr Fehlen eine Ausnahme war,^ aber es 



1127: Daniel iubente magistro firmare iussit, qui et sigillavit (zu diesen drei 
letzten Lesungen ist uocli eine Äußerung Tangls zu erwarten). Alle übrigen 
früher von Sickel angeführten Vermerke, in denen irgendwie von Besiegelung 
die Rede sein sollte, werden jetzt anders gelesen, so DDKar. 118. 123. 206, 
MüHLBACHEE- u. 1290. Allerdings sind nun noch die Vermerke zu erwägen, in 
denen von einem Festigen [firmare) der Urkunde die Rede ist; hierhingehören 
DKar. 206: Eildebaldus episcopus ita firmavit\ Mühlbacher, Reg.^ 780: clericus 
maghtri scripsit et ego firmavi und Mi-hlbacher, Reg.- 756. 831. 844. 872. 923 
963. 987. 1104. 1114. 1143. 1175, denen allen zufolge ein höherer Kanzlei- 
beamter das firmare befohlen hat; endlich Mühlbacher- n. 993 : liirminmaris 
recognovi et subseripsi et presens fui, dum firmaretur. Aber diese Vermerke 
sind für unseren Zweck kaum zu benutzen, denn firmare kann zwar auf 
die Besiegelung gehen, aber auch auf die Beglaubigung durch Rekognition 
und endlich auch auf die Vollziehung des Monogramms durch den König. In 
DKar. 206 wird wahrscheinlich die Besiegelung gemeint sein, denn die Rekog- 
nitio hat Aldricus geschrieben; in Mühlbacher'- n. 993 wird liinninmaris viel- 
leicht haben sagen wollen, daß er bei der Vollziehung des Monogramms zu- 
gegen war; in n. 1114 (und nach .Jüsselin auch in n. 844. 872. 1127) endlich 
wird zwischen firmare und sigiUare ausdrücklich unterschieden, und kann 
ersteres nur auf die Rekognition bezogen werden. Somit ist aus dem firmare 
iussit der übrigen Urkunden, da wir nicht wissen, welcher Akt damit gemeint 
ist, für unsere Betrachtung nichts zu folgern. 

1 So sind von den im Eingang der vorigen Note aufgezählten Stücken 
Mühlbacher- n. 920. 994. 1114 mit Königsunterschrift versehen, in n. 735. 986. 
997. 1006 fehlt dagegen die Unterschrift. 

* S. unten Kap. XX. 



168 Volhiehwigshefehl. Königsurkunden 



ist doch nicht ausgeschlossen, daß auch jetzt noch die Herrscher dafür 
Sorge trugen, daß wenigstens wichtigere Urkunden nicht vollzogen 
wurden, ehe sie Einsicht davon genommen und die Besiegelung an- 
geordnet hatten. Aus dem 12. Jahrhundert, über dessen Urkunden- 
wesen wir immer noch am wenigsten eingehend unterrichtet sind, 
weiß icli freilich ein direktes Zeugnis für ein derartiges Vorgehen nicht 
anzuführen. Aber aus späterer Zeit fehlt es an solchen nicht. In 
erster Linie lege ich dabei Gewicht auf die Aussage des Züricher 
Magisters Konrad von Mure, dessen Blüte in die zweite Hälfte des 
13. Jahrhunderts fällt, und der, wie er selbst erklärt, mit dem Ge- 
schäftsgang am Hofe des Kaisers wie des Papstes bekannt war.^ 
Stellt nun dieser Mann die Regel auf, daß keine Urkunde, sehr ein- 
fache Sachen ausgenommen, ohne besonderes Wissen des Fürsten mit 
dessen Siegel versehen werden dürfe,^ so werden wir diese Worte 
schwerlich nur auf den Beurkundungsbefehl beziehen können, sondern 
als die Meinung Konrads zu betrachten haben, daß es zur Besiegelung 
der Urkunden noch einer besondern Autorisation des Herrschers be- 
durfte. Weiter erwähnt allerdings die sizilianische Kanzleiordnung 
Friedrichs IL die Einholung eines königlichen Besiegelungsbefehles 
nicht, scheint vielmehr die Besiegelung lediglich von der Einhaltung 
des in ihr vorgeschriebenen Geschäftsganges abhängig zu machen,^ 
aber in einer Kanzleiordnung Karls von Anjou, wahrscheinlich aus 
dem Jahre 1268 oder 1269. wird wiederum ausdrücklich vorgeschrieben. 



* Vidi enim in curia pape neenon iinperatoris, tibi noiariis ei curie reciu- 
ribus fainularis eram satis et familiaris. QE. 9, 457. 

- QE. 9, 475: nulle littere nisi ralde simplices debent doniini sigillo com- 
miiniri nisi de seitu principis speciali. 

^ Dabei ist aber zu beachten, daß in der siziliani sehen Kanzlei Fried- 
richs II. auch der Beurkunduugsbefehl sehr häufig nicht von dem Kaiser 
sondern von dazu ein für alle Mal ermächtigten oberen Beamten erteilt wurde, 
s. oben S. 736. Nach der Kanzleiordnung wurden dann diesen Beamten die Rein- 
schriften vorgelesen und sie sandten diese an das Siegelamt, gaben also den 
VoUziehungsbefehl (Winkelmann, Acta 1, 736 Z. 36 ff".). Daß dementsprechend 
die ctim conseientia imperatoris abgefaßten Urkunden, für die also der Kaiser 
selbst den Beurkundungsbefehl gegeben hatte, ihm in der Reinschrift noch 
einmal vorgelesen wurden, sollte man voraussetzen, aber die Kanzleiordnung sagt 
es nicht, scheint es sogar, wenn man das littere onines (Z. 36) wörtlich nehmen 
müßte, auszuschließen. Aber sollte nicht auch hier ein Vorbehalt, wie er bei 
dem Z. 32 vorangehenden omnes littere in dem Satze nisi sit aliquid de secreiis 
doinini usw. ausgesprochen wird, als selbstverständlich zu ergänzen sein? Ich 
halte es für höchst unwahrscheinlich, daß der Kaiser auch bei wichtigen poli- 
tischen Erlassen sich auf den Beurkuudungsbefehl beschränkt und auf die 
Kenntnisnahme des Wortlautes der ausgehenden Urkunden verzichtet hätte. 



Vollxiehungsbefekl. Königsiirkxinden 167 



daß keine Urkunde in Gnadeusachen oder von einiger Bedeutung, 
auch wenn dieser Geschäftsgang befolgt ist, ohne Wissen des Königs 
besiegelt werden soll.^ Demnach muß der mit der Besiegelung beauf- 
tragte Kanzleibeamte, auch wenn er eine von dem Protonotar signierte 
Urkunde empfing, ehe er sie besiegelte, verpflichtet gewesen sein, sich 
zu überzeugen, ob sie der Willensmeinuug des Herrschers entsprach ;2 
sich diese Überzeugung zu verschaffen, hatte er im Zweifelsfalle kaum 
ein anderes Mittel als die Einholung des königlichen Yollziehungs- 
befehls. Aus Deutschland besitzen wir königUche Kanzleiordnungen 
des 13. und 14. Jahrhunderts leider nicht. Allein in den Urkunden 
Karls IV. finden sich mehrfach Vermerke, die eine Vorlage und Ver- 
lesung der Reinschrift vor dem König bezeugen;^ einmal hören wir 
in bemerkenswerter Weise, daß ein Diplom zwar nicht dem Kaiser, 
aber dem Kanzler und dem Hofmeister vorgelesen sei, und daß darauf 
der Kaiser, nachdem sie ihm Bericht erstattet hatten, die Besiegelung 



' Winkelmann, Acta 1, 745: nullaque patens lifiera seu clausa, que graciam 
eontineat aut pc/ndus importef, sigillabitur sine consciencia regis, quantumcum- 
que in ea impressio anuli dicti prothonolarii et ipsius inscripcio liabeatur. 
Über die Abfassungszeit vgl. v. Heckel, AtU. 1, 467 N. 2. 

- Denn bei der Einholung des Beurkundungsbefehls war er nicht beteiligt ^ 
diesen erwirkte vielmehr der Referent über die Bittschriften, der die geneh- 
migten dem Protonotar zur Verteilung unter die Notare überwies, Winkel- 
mann, Acta 1, 745 Z. 9fF. Ausdrücklich wird übrigens auch in dieser Ordnung 
(a. a. 0. Z. 17) vorgeschrieben, daß, wenn Kanzler und Protonotar bei der Re- 
vision der Reinschriften Bedenken wegen einer vorzunehmenden Korrektur 
hätten, darüber dem König Vortrag zu halten sei. 

^ Die Fälle sind zusammengestellt bei Lindner S. 129. Es sind die fol- 
genden: 1359 April 13 (jetzt Winkelmann, Acta 2 n. 852): lecla coram do?tiino 
impcratore — . 1362 Februar 11: per dominum imperatorem qui literam ver- 
botenus audivit. — 1364 Juni 29 (Huber 4058): dotninus imperaior andirit 
grossam. Nur den letzten dieser Fälle kannte Ficker, BzU. 2, 107, der ihn 
als eine ungewöhnliche Ausnahme behandeln wollte. Auch aut einer Anzahl 
von Originalen aus der ersten Zeit Ludwigs des Bayern hat seitdem Gradert 
(KUiA. Text S. 307. 311) den Kauzleivermerk lecta konstatiert. Er bezieht sich 
offenbar auf Verlesung der Reinschrift, wie ich annehme (ebenso Schals Ö. 10 
N. 1) vor dem König, während Erren, UL. S. 267, an einen höheren KanzUi- 
beamten denkt und diesen Lesungsvermerk mit Korrekturvermorken auf Ur- 
kunden Karls IV. statt mit den eben angeführten in Verbindung bringt. 
Keinesfalls aber stammt, wie Graüert und Erben a. a. 0. annehmen, die Dor- 
sualnotiz perlecta bei Winkelmann, Acta 2, n. 589. 590. 623, aus der Reichs- 
kanzlei, sondern vielmehr aus der des Empfängers, vgl. ebenda n, 687. 737. 
844. — Nicht hierher gehört auch die bei Fkker 2, 106 besprochene Urkunde 
von 1226, die Verlesung erst nach der Besiegelung vor bestimmten Fürsten, 
welche darüber Zeugnis ablegen sollen, kund macht; sie ist nur eine andere 
Form der Transsumierung, als die sonst übliche. 



168 Vollziehung sbefelil. Königsurkunden 



befahl.^ Um dieselbe Zeit mehren sich auch wieder die Zeugnisse für 
eigenliiiiulige Uiiterzeichnuüg wenigstens gewisser Arten von Urkunden 
und BriotVn. Sowohl die lützelburgischeu Herrscher wie Kimig Rup- 
recht haben ilire Korrespondenzen mit den Päpsten persönlich unter- 
sclirieben;- unter Karl IV. hat auch ein deutscher lieicbsfürst, Erz- 
bischof Balduin von Trier, dafür Sorge getragen, daß die Urkunden, 
deren Ausstellung er für sich erwirkte, vom König selbst beglaubigt 
wurden; wir liaben mehr als dreißig derartige Dokumente, auf die 
Karl sein aprobamus geschrieben hat; ein Teil derselben ist überdies 
noch mit dem Ringsiegel des Herrschers, vielleicht von ihm selbst, 
verseilen worden.^ Spuren eines kleinen, in der Kegel rückwärts auf- 
gedrüclrten Ringsiegels sind auch auf Urkunden Ludwigs des Bayern, 
namentlich auf solchen aus dem Anfang seiner Regierung beobachtet 
worden; und es ist kaum zweifelhaft, daß durch dies in den meisten 
Fällen später entfernte Siegel die Erlaubnis zur Hauptbesiegelung mit 
dem großen Kanzleisiegel gegeben wurde.'* Ob diese Signierung durch 
den König selbst oder durch einen höheren Kauzleibeamten erfolgte, 
ist freiUch nicht sicher festzustellen;^ sicher nachweisbaren Anteil an 
der Besiegelung hat aber Friedrich III. genommen, der sich seit dem 
Jahre 1441 fast alle Diplome in der Reinschrift vorlegen ließ, um sie 
mit seinem eigenen geheimen Handsekretsiegel zu beglaubigen oder 



* 1364 Dez. 23, Lindner S. 129: littera verboieniis lecta fiiil . . . dominis 
caiicellario et magistro eurie et relacione per eos domino imperatori facta eam 
siyiUari 7)iandavit. — Die Vorhältnisse, unter welchen der Kaiser 1370 den 
Besiegelungsbefehl für zwei Urkunden schriftlich erteilte, hat Lindner S. 194 ff. 
besprochen; sie sind außergewöhnlicher Art. — Auf einer Urkunde Karls IV^ 
vom 12. Dezember 1347 (Elsässische Stadtrechte 1, 48 n. 36), deren Original im 
Bezirksarchiv zu Straßburg beruht, befindet sich der Dorsualvermerk: Sletxslat 
sigiUari debet; leider ist nicht gesagt, wer die Eesiegeluug befohlen hat. 

- Näheres darüber s. unten. 

* Lindner S. 51. 96 f., vgl. auch Archival. Zeitschr. 9, 184. 

* Vgl. Grauert, KUiA. Text S. 306 f.; Schaus S. 9 f. 

^ Letzteres nimmt Grauekt a. a. 0. S. 307 N. 1 an, der dafür auf die sizili- 
schen Kanzleiordnungen verweist, wo solche Signierung durch den Protonotar 
vor der Besiegelung vorgeschrieben war. Für ersteres könnte dagegen das 
von EiiüEN S. 275 N. 4 (vgl. Girv S. 763 N. 2 und Langlois, BEC. 55, 663 X. 2) 
angeführte französische Vorbild sprechen; und wenn wirklich, wie Schaus er- 
kennen wollte, auf einem noch erhaltenen Siegel solcher Art ein gekrönter 
Kopf dargestellt war, so würde wenigstens in diesem Falle anzunehmen sein, 
daß der König die Signierung vollzogen habe. — In einem anderen Falle — 
auf der Rückseite von Böhmer, Reg. Lud. Bav. 1052 — ist aber der Besiege- 
lungsbefehl sicher von dem Notar Berthold von Tuttlingen mit den Worten: 
Sigilletur pendenti. Ber[tkoldus] subscripsit gegeben; vgl. Gbauert S. 307. 



Volhiehungshefrhl. Königsurkunden 1G9 



beglaubigen zu lassen, indem dieses auf das Hauptsiegel autgedrückt 
wurde. Es macht keinen erheblichen Unterschied für unsere Betrach- 
tung, daß diese „Sekretation" erst erfolgte, nachdem die Besiegelung 
mit dem Hauptsiegel bereits bewirkt war; das wesentliche ist: daß 
der Herrscher sich durch diesen Akt eine letzte persönliche Kontrolle 
wenigstens aller wichtigeren Urkunden, nachdem sie niuudiert waren, 
sicherte, und daß ohne seine Sekretation die Ausgabe der Urkunden 
nicht erfolgen durfte,^ Auch die eigenhändige Unterschrift Fried- 
richs III. findet sich auf einer nicht kleinen Zahl seiner Urkunden,- 
und unter Maximilian I. wird dann der Brauch der eigenhändigen 
Unterschrift durchaus zur Kegel.^ In einem Erlaß von 1507, den er 
auf dem Konstanzer Eeichstage an die Stände richtete, sagt der König, 
daß er bisher alle Briefe in Sachen, die das Reich, Österreich und 
Burgund berührten, selbst gezeichnet habe; da ihm dies aber bei der 
Größe seiner Königreiche und Länder in Zukunft zu schwer fallen 
werde, habe er sich „ainen truck ainer Signatur", d. h. einen Stempel 
machen lassen, dessen man sich in Zukunft in der Kanzlei bedienen 
werde.'* Sind somit die Reinschriften der Urkunden dem König regel- 
mäßig vorgelegt worden, so entspricht es dem vollkommen, wenn in 
Maximilians Instruktion für den Hofkanzler von 1497 — 1498 diesem 
der Auftrag erteilt wird, keine Urkunde oder Verschreibung „aus- 
gehen zu lassen, sie sei denn zuvor der königlichen Majestät selbst, 
oder in offenem Rat verlesen und abgehört";^ und wir werden nach 
der Analogie dieser Stelle auch in der uns überlieferten Formel des 
Eides, den Jacob von Trier, Kanzler Friedrichs III., im Jahre 1441 
ableistete, die Verpflichtung, ,,alle Briefe und Schriften, die aus der 
Kanzlei ausgehen sollen, nach bester Form auszurichten und zu 
fertigen und dieselben ohne des Königs Willen nicht auszugeben".^ 



' Vgl. Seeliqer, MIÜG. 8, lOf.; 15 X. 1; 31f.; Steinhekz, KHA. Text 
S. 472f. 

-' Vgl. unten Kap. XVI und XX. 

^ In Österreich kommt die eigenbändige Unterschrift des Herzogs zuerst 
unter Rudolf IV. vor, vgl. Kürschner, SB. der Wiener Akademie 49, 22 f. — 
In Brandenburg haben die Markgrafen in der Zeit von 1411 — 1470 noch nicht 
unterschrieben, aber daß die Eeiuschriften in sehr zahlreichen Fällen ihnen 
vorgelegt oder vorgelesen wurden, ist sicher; vgl. I^winski S. 82 tt". und die 
Liste der Kanzleivenuerke S. 139 ff. 

* Vgl. Janssen 2, 739 und dazu Steinherz S. 479. 

^ Vgl. Adler, Zentralverwaltung unter Maximilian S. 513-, im Entwurf d<^v 
Hofordnung von 1497 (Seeliger, Erzkauzier S. 196 § 4) war sogar die Besiege- 
lung selbst in währender Hofratssitzung vorgesehen. 

« Chmel, Reg. Frid. III n. 338: daz Ir oder die Prothonotarj alle briefe 
und geschrifft, die ausz derselben Canczlej ausgeen sullen, nach dem besäten 



170 Vollxiehungshefeld. l'apstur künden 



darauf beziehen müssen, daß vor der Vollziehung und Ausgabe der 
rrkunden noch ein besoiulerer Befehl des Königs einzuholen war. 

Finden wir nach diesen Ausführungen am Anfang und am Schluß 
des Mittelalters, daß die Vorlegung der ins Reine geschriebenen Ur- 
kunden an den König und die Erwirkung seiner Genehmigung zur 
Vollziehung derselben Kanzleibrauch war, so spricht die Wahrschein- 
lichkeit dafür, daß auch in der Zeit, aus welcher nähere Nachrichten 
ganz fehlen oder nur spärlich vorhanden sind, nicht anders verfahren 
worden sei. Es mögen zu verschiedenen Zeiten in verschiedener Weise 
Bestimmungen getroflen sein, denen zufolge minder wichtige An- 
gelegenheiten nach dem Beurkundungsbefehl in der Kanzlei definitiv 
erledigt werden durften; als Regel aber werden wir betrachten dürfen, 
daß wichtigere Greschäfte nicht ohne einen besonderen Vollziehungs- 
befehl abgeschlossen wurden. 



^ö^ 



Ganz ähnlich nun, wie in der Reichskanzlei, haben sich in älterer 
Zeit die Dinge am päpstlichen Hofe gestaltet.^ Im Anschluß an 
den altrömischen Brauch, der für die im Xamen der Kaiser ausgege- 
benen Erlasse ihre eigenhändige Subscription durch diesen verlangte, 
sind in der ältesten Zeit auch alle päpstlichen Urkunden und Briefe 
dem Papst zur eigenhändigen Subscription vorgelegt worden. In 
manchen Fällen lassen die Originale deutlich erkennen, daß erst nach 
der Unterschrift des Papstes die Datierung erfolgte; bisweilen kann 
man sogar feststellen, daß die Unterschrift auch der Vollendung der 
Scriptumzeile voranging. Und es kann keinem Zweifel unterliegen, 
daß auch die Bullierung der Urkunden nicht eher erfolgte, als nach- 
dem die Genehmigung dazu durch die Unterzeichnung des Papstes 
erteilt war.^ 



form ausrichtet und vertiget, und die an unseres herm des Romischen Kunigs 
willen nicht ausgebet. Eine ähnliche Verpflichtung im Eide des Kanzlers des 
Kurfürsten Albrecht Achill von 1486, Archival. Zeitschr. 10, 22: das durch ine 
noch nyements nichts damit versigelt werd oder ausgee, es geschee denn mit 
wissen und gehais m. gn. h. oder in iror gnaden abwesen durch rate [irer rete] 
den derselben irer gnaden saeh zu handeln bevolhen wurdet. Die beiden Worte 
,,irer rete" habe ich nach der Formel auf S. "26 eingeschoben. 

^ Über die formelle Gestaltung der päpstlichen Unterschrift, die im Laufe 
der Jahrhunderte mehr gewechselt hat, als die der Kaiser, vgl. unten Kap. XVI 
und XX. 

* Es entspricht dem, daß Urkunden eines Papstes, der vor ihrer Bullie- 
rung verstorben war, nur mit der Genehmigung seines Nachfolgers, dem sie 
zu diesem Behufe vorgelesen wurden, ausgegeben werden durften; vgl. unten 
Kap. XIV. 



Vollxiehungshefehl rapstnrkimden 171 



Nun nahm aber im Laufe der Zeit, wie schon früher bemerkt 
worden ist, die Zahl der vom Papst selbst unterfertigten Dokumente 
mehr und mehr ab. Zuerst fiel die Unterschrift bei Briefen fort; 
dann auch bei dem größten Teil der Privilegien; zuletzt blieb nur 
noch eine kleine Anzahl von Urkunden übrig, die in der feierlichen 
Form ausgestellt wurden, die früher für alle Privilegien üblich gewesen 
war. Daß diese noch im 13. und 14, Jahrhundert dem Papst durch 
den Vizekanzler zur Unterzeichnung vorgelegt wurden, lehrt nicht nur 
bei der Untersuchung der Originale der Augenschein, sondern das ist 
uns auch ausdrücklich bezeugt. Da indeß ihr Inhalt, der oft auf Be 
stätigung von Urkunden beschränkt war, der feierlichen Form kaum 
mehr entsprach, so begnügte sich der Papst, wenigstens bei den minder 
wichtigen, die als privilegia communia bezeichnet werden, im 13. Jahr- 
hundert mit der eigenhändigen Signierung, ohne daß die oft sehr 
langen Urkunden ihm dabei vorgelesen werden mußten;^ Nikolaus III. 
aber verfügte 1278 wieder ihre Verlesung durch den Vizekanzler.- 

Für alle nicht in der Form der feierlichen Privilegien, d. h. für 
die weitaus überwiegende Mehrzahl der aus der päpstlichen Kanzlei 
hervorgehenden Urkunden fiel demnach im späteren Mittelalter die 
Unterschrift des Papstes fort.^ Dafür trat ein anderes ein. Wir 
haben früher gesehen, daß im späteren Mittelalter die große Masse 
der päpstlichen Urkunden in zwei Hauptgruppen zerfiel, die als litter ae 
legendae und als litterae simplices oder communes unterschieden werden;* 
die letzteren werden auch als litterae quae solent dari sine lectione et 
iranseiint per audientiam bezeichnet. Maßgebend für die Unterschei- 
dung war, wie gleichfalls schon früher gesagt wurde, die größere oder 
geringere Wichtigkeit des Inhalts, die Art des beurkundeten ßeclits- 
Verhältnisses, unter Umständen auch die persönliche Stellung des Ur- 
kundenempfängers; eine schon mehrfach von uns angezogene päpstliche 



^ Tanql, KO. S. 73 § 7: item privileffia communia non legebantur, sed 
scripta in grossa per vicecancellarium portabantur ad papam, ut signarentur. — 
Daß in älterer Zeit auch solche Stücke verlesen wurden, zeigt der Vermerk 
über die Verlesung in Jaff6-L. 3722; er steht hier hinter der Scriptumzeile 
und vor der Datierung; leider ist das Original der Urkunde nicht erhalten. 

- Die Verfügung des Papstes Nikolaus III. über die pritilcfjin cottonunia 
lautet (Tangl a. a. 0): legantur per vicecancellarium. Dem entspricht die aus 
dem 14. Jahrhundert stammende Vorschrift der Forma scribendi privilegiwn 
commune (Tangl, KO. S. 303 § 6): in rata nichil scribatur, quousque sit kctum 
Privilegium et signatum per papam Hgno crucis. 

3 Dasresen wurde die Unterschrift am Ende des Mittelalters wiederum 
ein Erfordernis der motus pruprii, s, Bd. 1, 84. 

* Vgl. Bd. 1, 282. 



172 Vollziehungshefehl. Papsturkunden 



Yerfügiiiig von 1278 setzte im einzelnen fest, welche Briefe zu der 
einen und welche zu der anderen Kategorie zu rechnen seien. 

Demnach war für alle wichtigeren Urkunden eine Verlesung des 
AWirtlautes vor dem Pa])st vorgeschrieben.^ Wenn nun aber früher 
vielfach angenommen wurde,^ daß die lilterae kgendae im Konzept dem 
Papste vorgelesen worden seien, so bin ich vielmehr der Meinung, daß 
eine Verlesung der Eeinschrift angenommen werden muß.^ Dafür 
kommt zunächst in Betracht, daß Zeugnisse für die Vorlegung der 
Konzepte gewöhnlicher Urkunden so gut wie ganz zu fehlen scheinen,* 



'■ Daß es sich um eine Verlesung vor dem Papst handelt, ist unzweifel- 
haft. Vgl. QE. 9, 222: Legende dicuntur a legendo, eo quod ipsas senipcr 
oportet legi papae. 9, 223: de legendes hce sunt regule generales. Oportet quod 
dentur de eerta sciencia domini pape et quod legantur eidem. Dazu ein Zusatz 
des Baumgartenbergers, ebenda 9, 222: set cum arduum est negotium legende 
sunt domino pape, et si non legantur ei, quasi jjer siirrepeionem obtente non 
Talent. 

* Vgl. MrNCH-LöwENFELi) S. 16 f.; Kaltesbrunnee, MIÜGr. 7, 610; Roden- 
iiEBG, NA. 10, 512 u. a. m. Wenn Rodexbeeg, Epp. saec. XIII. 3, XVIIff., 
gegenüber meinen Ausführungen in der ersten Auflage dieses Werkes geltend 
macht, daß in einigen Fällen, in denen es sieb nicbt sowohl um Urkunden, 
als um eigentliche Briefe handelte, die Päpste auch die Abfassung der Kon- 
zepte kontrollierten, so habe ich das nie bestritten, s. oben S. 151f. 160. Meine 
Ausführungen bezieben sich aber vorzugsweise auf Urkunden im eigentlichen 
Sinne, und ich muß sie insoweit Rodenrerg gegenüber durchaus festhalten 
Seine Auffassung hängt eng mit der von ihm entschieden vertretenen These zu- 
sammen, daß im 13. Jahrhundert nach den Konzepten, nicht nach den Ori-' 
ginalen registriert wurde, aber eben diese These ist, wäe Bd. 1, 117 ausgeführt 
worden ist, durch die neueren Untersuchungen doch sehr stark erschüttert 
worden. 

* Sojetzt auch GÖI.LER, Mitteilungen und Untersuchungen S. 45; v. Heckel, 
AfU. 1. 497. — Nach Bonaguida von Arezzo (MIÖG. 17, 410) wären im 
13. Jahi'hundert alle yomnes) Utterae beneficiales dreimal, zuerst in der Supplik, 
dann im Konzept, endlich in der Reinschrift vor dem Papst {coram domino 
papa) verlesen worden. Aber an eine regelmäßige Verlesung der Konzepte 
glaube ich aus früher dargelegten Gründen trotz dieser Angabe nicht; daß 
Guido mit dem Geschäftsgang an der Kurie nicht immer ganz bekannt war, 
haben wir schon früher gesehen, vgl. Bd. 1, 282 N. 1. 

■* S. oben S. 159 ff. Wenn Ficker, BzU. 2, 59, eine Kauzleinotiz zu einer 
Urkunde Urbans IV: cum fuit lecta per vicecanccJhriuni et etiam cassata, 
ultimo dominus (d. papa Pertz) concessit eam (Registres d'Urbain IV. n. 2589; 
statt cum und etiam lesen Pertz und Denifle zweimal ter, Kaltenbrünner 
zweimal tamquam) als solches Zeugnis betrachtet, so tat er das wohl nur, weil 
Pr;KTz, AdG. ö, 345, sie in einem Konzeptbucb Urbans gefunden haben wollte. 
Das ist aber ein Irrtum; der Band ist kein Konzeptbuch, sondern ein Re- 
gister, und der Wortlaut der Notiz kann gerade so gut auf Verlesung der 
Reinschrift wie auf solche des Konzepts bezogen werden. 



Vollxiehungsbefehl. I'apstvrkunden 173 



während Zeugnisse für die Vorlegung der Keinschriften au den Papst 
mehrfach vorliegen.^ Sodann ist in Erwägung zu ziehen, daß die 
Verlesung der litterae legendae vor dem Papst offenliar der öffentlichen 
Verlesung der litterae simplices in der audicntia littcrarum contradicta- 
rum entsprach: wo die eine stattfand, liel die andere fort; und da nun 
die Verlesung in der audicntia, wie zweifellos feststeht, an den Ori- 
ginalen erfolgte, so wird auch für die Verlesung vor dem Papst das 
gleiche Verfahren anzunehmen sein. Entscheidend ist endlich meines 



' Sehr wichtig sind für diese Frage Akten von c. 1210 in einem Prozesse, 
in dem die Echtheit einer Urkunde Innocenz' III. bestritten wird. Einer der 
Streitenden hat gesagt: quod littere ille facte fiierunt de mandato domini pajic 
et bullate in ccnixcltaria illius et lecie in auditorio eitts, ein Zeuge: guod 
littere fuerunt bullate, uhi bullantur alte, et publice recitate in presentia doiirini 
pape. Dagegen wird eingewandt: quod non est verisihiile , quia talia eoram 
domino papa legi non eonsiccreriint. . . . Preterea dieit, quod circa octavcim fuernut 
ista facta, quod . . . impossibile esse videtur, ut uno codevique die et hora, petieio 
stia fuerit admissa et littere Scripte et bullate et lecte et maxime coram donüno 
papa. Ein anderer Zeuge hat gesagt: quod littere ille fuerunt lecte inter terciam 
et nonam et quod dominus papa specialiter legit illas et dixit „bene stant"^. Ein- 
wand: quod nee est verum nee verisimile et inauditum a seculo, quod domi)ius 
jmpa iali tempore, scilicet eslivo, et tali hora prebeat audienciam et legat litteras 
(Gabotto, Le carte dello arch. capit. di Casale Monferrato 1, 133f.). Daß es sich 
hier überall um Verlesung der Reinschrift (und zwar in diesem Falle der schon 
buUierten) handelt, liegt auf der Hand. — Aus etwas späterer Zeit gehören 
hierher einige Vermerke, die sich in dem N. 6 erwähnten Registerbande 
finden, so z. B. Registres d'Urbain IV. n. 1042: hanc litteram legit vicecancel- 
larius coram domino nostro usw. (denn, wie Tänol, Festgaben für Büdinger 
S. 292, richtig bemerkt, littera heißt immer die Reinschrift, nie das Konzept) ; 
2096: hec fuit cassata, quia dominus papa reddidit litteram episcopo Tholo- 
sano usw. (vgl. auch n. 2493) und n. 2563: fuit data ad bullam per dominum 
nostrum. — Weiter beweist Verlesung der Reinschrift die oben S. 171 N. 2 
angeführte Stelle aus der Forma scribendi Privilegium co7?imune. Endlich er- 
gibt sich das gleiche aus zahlreichen Kauzleiweisungen auf Originalkonzepten 
des 14. Jahrhunderts. So z. B. M fol. 48: R(ecipe) Jo. de Angicuria II ulti- 
mas et rogo, quod, sicut constcevistis, expediatis tali hora, quod ante vesperas 
intremus ad papam; H: R(ecipe) Valasce I sec. statim et venias cum litlera et 
ibis ad palatium; M fol. 80: R(ecipe) A. de Fabrica et pro deo cito quodperi- 
eulum est in mora et ego miserabiliter crucior per papam (vgl. Posse, Privat- 
urkunden S. 91 N. 1). Das hier die Reinschriften schleunigst dem Papst vor- 
gelegt werden sollen, ist klar. Vgl. ferner die von Göller, QFIA. 10, 318, 
mitgeteilten Vermerke Cl36: beatissimo domino suo, ähnlieh F 354, E 148: 
R(ecipe) lac. de Soleg. II secretas pro cras mane et partes et ibimus ad papam, 
C 221: ista erit ostendenda domino nostro und besonders das von ihm, Mitteil, 
und Untersuchungen S. 44, besprochene Konzept zu einem Schreiben Clemens' V., 
von dem drei Reinschriften hergestellt werden sollten, mit dem Vermerk: 
bullentur sine alia lectione. 



174 Vollziehutigshefehl. Papsturkunden 



Erachtens ein anderer Umstand. Bekanntlich wurden im 13. Jahr- 
hundert Urkunden, die de iure et stilo zweifelhütt waren, durch Vize- 
kanzler und Xotare geprüft, im 14. Jahrhundert aber einer förmlichen 
Judikatur in der Kanzlei unterworfen, für die es eingehende Vor- 
schriften gab.^ Jener Prüfung und dieser Judikatur wurden die Rein- 
schriften zugrunde gelegt; sie konnten hier verworfen werden und 
mußten dann rescribiert werden. Dieses Verfahren wäre undenkbar, 
wenn bereits die Konzepte der Utlerae lerjendae dem Papste vorgelesen 
und von ihm genehmigt worden wären; vom Papste genehmigte Ur- 
kunden konnten unmöglich nachträglich aus sachlichen Gründen in der 
Kanzlei von untergeordneten Organen verworfen werden. Muß also 
die Judikatur der Verlesung vor dem Papst vorangegangen sein,- so 
folgt daraus, daß diesem die Reinschriften und nicht die Konzepte 
vorgetragen wurden. 

Nach diesen Darlegungen würden wir im allgemeinen anzunehmen 
haben, daß im 13. und 14. Jahrhundert bei allen Utterae legendae, d.h. 
bei allen wichtigeren Urkunden, der Vollziehungsbefehl des Papstes vor 
der Bullieruug und Ausgabe eingeholt wurde, wenn hier nicht eine 
andere Erscheinung in Betracht zu ziehen wäre. Die uns erhaltenen 
Originalsuppliken und die SuppHkenregister des 14. Jahrhunderts zeigen 
nämlich, was bei der gewaltigen, dem Papst durch die Verlesung der 
Urkunden erwachsenden Arbeitslast und dem Wunsch der Parteien 
nach möglichst beschleunigter Abfertigung sehr begreiflich ist, daß da- 
mals^ in der Regel der Papst gebeten und bewogen wurde, durch 
Spezialbefehl von der Verlesung Abstand zu nehmen. Fast alle von 
Privatpersonen eingereichten Suppliken enthalten neben der materiellen 
noch die zweite Bitte, daß die betreffende Urkunde ohne weitere Ver- 
lesung ausgegeben werde, und in den meisten Fällen ist auch diese 
Bitte vom Papste genehmigt worden.^ Dadurch geschah es, daß tat- 



' Vgl. Bd. 1, 273. 298. 

^ Dafür gibt es zum Überfluß noch ein besonderes Zeugnis. Eine der 
K^nzieinotizen des S. 172 N. 4 erwähnten Eegisterbandes lautet (Registres 
dUrbain IV. n. 2172): de consilio d. lordani eard. fuit iudicata iusta et postea 
dominus audivit eam et mandavit expediri. 

' In dem Formularbuch für Petitionen des Kardinals Guala (s. oben S.5) 
kommt die in der folgenden >*ote erwähnte Bitte noch nicht vor. 

* Die Bitte lautet in der Regel: item (oder et) quod transeat sine alia 
lectione, die Gewährung erfolgt durch ein zweites fiat des Papstes. Es ver- 
steht sich von selbst, was Mdnch (bei Löwenfeld S. 17) übersehen hat, daß 
diese Bitte nur bei litterae lerfendae notwendig war- bei Urkunden, die ohnehin 
nach allgemeiner Kanzleiregel sine lectione gegeben wurden, war eine der- 
artige Spezialbitto überflüssig, obwohl sie auch bei ihnen oft vorgekommen sein mag. 



Vollziehung shefehl. Privaturkunden 175 

sächlich zum mindesten in der großen Mehrzahl der Fälle, in denen 
Urkunden auf Grund von Suppliken ausgefertigt wurden, das Stadium 
des Vollziehungsbefehls in der päpstlichen Kanzlei fortfiel, daß in der 
Hauptsache nur noch hei den in den eigenen Geschäften der Kurie 
ausgestellten Utterae curiales^ und secretae eine Verlesung üblich bleiben 
mochte, wenngleich immer noch eine Anzahl anderer Urkunden übrig 
blieb, welche zur Verlesung kamen. Nicht immer nämlich wurde die 
Bitte um Dispens von der Verlesung genehmigt;- ja unter Johann XXII. 
scheint sogar einmal ganz allgemein beschlossen zu sein, diesen Dis- 
pens nicht mehr zu gewähren.^ Das letztere war indeß gewiß unaus- 
führbar, und, obwohl Benedikt XIII. diese Verordnung erneuert hat,* 
scheint es bis zum Ende des Mittelalters, soviel wir bisher von diesen 
Dingen wissen,^ dabei geblieben zu sein, daß nur in verhältnismäßig 
seltenen Fällen die Verlesung der mundierten Urkunden vor dem 
Papst wirklich stattfand. 

Fragen wir nun endlich, inwiefern bei den übrigen Urkunden des 
Mittelalters durch die Einholung des Vollziehungsbefehls eine besondere 
Stufe des Beurkuudungsgeschäfts eingeleitet wurde, so läßt sich nach 
dem bisherigen Stand unserer Kenntnis diese Frage nur für einige 
Urkundengruppen mit Bestimmtheit beantworten. Für die ältere 
deutsche Gerichtsschreiberurkunde und für die von einem Privat- 
schreiber in den Formen der letzteren hergestellte Urkunde über pri- 
vate Kechtsgeschäfte war ein besonderer Vollziehungsbefehl rechtlich 
nicht erforderlich; der Beurkundungsauftrag ermächtigte den Notar zur 
Herstellung des Instruments in rechtsgültiger Form. Es konnte vor- 



* Aber gewiß nicht bei allen litferae curiales. Auch hier wird man 
gewiß bei einfacheren Sachen der laufenden Verwaltung von der Verlesung 
Abstand genommen haben, so daß also v. Ottenthäl, MIÖG. 5, 129, auch deshalb 
ganz Recht hat, wenn er gegen Münch bemerkt, daß die Begi-ifiFe Utterae legendae 
und Utterae curiales sich keineswegs decken. 

- Vgl. Kehr, MIÖG. 8, 98 N. 4. 5; 101. 

^ Ekler, Liber canc. S. 168: amio domini miüesimo etc., inhibuit dominus 
lohannes papa nobis Gau[eehno] (s. Bd. 1, 256 flf.) vicecancellario , quod nulle 
littere expediantur sine kctione, etiamsi in peticione ipsius domini pape signo 
signata id specialiter caveatur. 

* V. Ottenthäl, Reg. canc. S. 145 § 129: item roluit et ordinavit, quod de 
cetero non ponatur in supiMcationibus 'sine alia lectione\ 

5 Die Bitte quod transeat sine alia lectionc fehlt allerdings auf den Sup- 
pliken der letzten Jahrzehnte des Mittelalters (vgl. Tan gl, Schrifttafeln n. 107; 
Lk-hatschev S. 153) und in den Formularen der Practica cancellariae; aber 
daraus folgt wohl nur, daß sie überflüssig geworden war, gewiß nicht, daß die 
Verlesung wieder stattfand. 



176 Volhiehimgshefeld. Privatiirhmden 



kdiiiHK'ii, daß bei der Tradition und Levation der Urlainde schon die 
\ uraiisgefertigte Reinschrift vorlag; nötig aber war das nicht, auch das 
uiibL'Schrii-'beue Urkundenpergament konnte zu diesem Zweck benutzt 
werden. Auch zur Unterzeichnung brauchte die Reinschrift dem Aus- 
steller nicht vorgelegt zu werden: eigenhändige Unterschrift des Aus- 
stellers ist bei diesen deutschen Urkunden nur in den seltensten Fällen 
vorgekommen.^ Der Aussteller brauchte demnach bei dem Beurkun- 
dungsgeschäft nach Erteilung des Beurkunduugsauftrages nicht weiter 
beteiligt zu sein und war es in der großen Mehrzahl der Fälle auch 
in der Tat nicht. ^ 

Dem gegenüber hat man in Italien länger an dem durch die 
römische Gesetzgebung des fünften Jahrhunderts vorgeschriebenen Er- 
fordernis festgehalten, daß die Vertragsurkunde, wenn sie von dem 
Aussteller nicht eigenhändig geschrieben war, wenigstens seine eigen- 
liändige Unterschrift tragen müsse.^ Bis ins 12. Jahrhundert hinein 
weist die ober- und mittelitalienische carta regelmäßig, sei es die eigen- 
händige Unterfertigung des Ausstellers, die durch die Formel ego N. 
siihscripsi charakterisiert ist, sei es sein Handzeichen [signum manus N.) 
auf.^ Zweifelhaft kann nur sein, ob das Kreuz, welches als Hand- 
zeichen diente, wirklich immer von dem Aussteller selbst gezeichnet 
wurde. Einigemale wird das ausdrücklich gesagt;^ bisweilen ergibt es 
sich aus dem Augenschein;*^ aber nicht immer wird es der Fall ge- 

^ In den von mir untersuchten Originalen des St. Galler Archivs habe 
ich sie nirgends konstatiert, abgesehen von den Fällen, in welchen der Aus- 
steller zugleich Schreiber der ürk. war. Ebenso steht es bei den meisten Ori- 
ginalen aus Metz, Trier, Köln, Straßburg, die ich kenne. Die Signa des Aus- 
stellers rühren ebenso wie die der Zeugen (vgl. Kap. XII) meist vom Schreiber 
der Urkunde her. 

"^ Doch vgl. oben S. 161 ff. über den Fertigungsbefehl. 

' Vgl. Brun.nek, ZR. S. 58 fF.; Kärlowa, Römische Rechtsgesch. 1, 996 f 
Auf die zwischen Brcnner und Kärlowa streitige Frage, ob nach römischem 
Rechte beide Kontrahenten eine Vertragsurkunde unterzeichnen mußten, braucht 
hier nicht eingegangen zu werden. Im Mittelalter ist eine Unterschrift der 
Urkunde durch den Vertragsgegner des Ausstellers kaum jemals vorgekommen; 
wollte man auch die von diesem übernommenen Verpflichtungen verbriefen, so 
wurde darüber eine eigene zweite Urkunde ausgestellt. 

* Vgl. Brunner a. a. 0. S. 35 ff. Beispiele aus späterer Zeit gibt jede Ur- 
kundensammlung. Vgl. auch unten Kapitel XII. 

* Beispiele bei Brünner S. 37. Vgl. auch noch die Unterschrift des Bisehofs 
von Siena bei Ficker, It. Forsch. 4, 189, oder die des Herzogs Liutald von 
Küruten bei Gloria, CD. Padovano 1, 306. 

® So wird das Kreuz wohl vielfach da eigenhändig sein, wo etwa die 
Worte Signum usw. in dessen Winkel gesetzt sind, wie in der Urkunde Kon- 
rads von Tuscien von 1124, Ficker, It. Forsch. 4, 143 n. 98 und in der Ur- 



Vollziehung she fehl. Privaturkunden 177 



wesen sein. Die früheren Herausp'eber der italienischen Urkunden 
hahen auf den umstand wenig geachtet,^ und die uns vorliegenden 
Faksimiles lassen den Sachverhalt nicht immer sicher erkennen, doch 
kann bei vielen von ihnen kaum in Zweifel gezogen werden, daß auch 
die Kreuze von der Hand des Notars herrühren;- in solchen Fällen 
werden die Aussteller lediglich die schon geschriebenen Kreuze durch 
Handauflegung als die ihrigen anerkannt haben, was bereits ein Ge- 
setz des Königs Katchis gestattet zu haben scheint.' Aber auch dann 
sinkt die Hinzufügung des Signums der Aussteller durch den Notar 
nicht zu einer so bedeutungslosen Formalität herab, wie das in Deutsch- 
land der Fall war. Vielmehr scheint man in Italien daran fest- 
gehalten zu haben, daß die Reinschrift dem Aussteller noch einmal 
vorgelegt wurde; erst wenn ^er von ihr Kenntnis genommen hatte, 
unterschrieb er, fügte sein Signum hinzu oder firmierte das vom 
Notar gezeichnete Kreuz durch Handauflegung und erkannte dadurch 
an, daß die ihm vorgelegte und nun zu vollziehende Urkunde dem 
Beurkuuduugsauftrag entsprach. Gerade wie der ganz eigenhändig 
unterzeichnende Aussteller seinem subscripsi häufig ein relegi vorauf- 
schickte,* so finden wir sehr oft dem Handzeichen des Ausstellers die 
Bemerkung hinzugefügt eique relectum est} Ist diese Formel nur in 
gewissen Gegenden mit Vorliebe und regelmäßig angewandt, so geht 
das wohl nur auf den Sprachgebrauch der betreffenden Notare zurück ; 



künde Engelberts von Tuscien von 1136, ebenda S. 151 n. 106 (ähnlich in der 
notitia ebenda S. 81 n. 55). Konrad sagt ausdrücklich, daß er manu propria 
firmiert habe. 

1 Doch hat z. B. Schiaparelli in der Ausgabe der Urkunden des Kapitel- 
archivs von St. Peter zu Kom (Arch. della Soc. Komana Bd. 24) auch diese 
Kreuze sorgfältig beachtet und in den Vorbemerkungen zu den einzelnen Ur- 
kunden angegeben, ob sie autograph sind oder nicht. Ebenso z. B. Fedele in 
derselben Zeitschrift 27, 401f. und Cipolla in der Ausgabe der ältesten Ur- 
kunden von S. Giusto zu Susa in BuUettino dell' Istitnto stör. Italiano n. 18. 

2 Vgl. z. B. die hinter dem Cod. dipl. Langob. (Mou. Patr. hist. XIII) mit- 
geteilten Faksimiles der beiden Urkk. von 771 und 809, das. S. 79 und 160, 
oder BoNELLi, Cod. paleogr. Lombardo Taf. 1. 13 u. a. In Volterra rühren nach 
Schneider, Reg. Volaterranum S. XXXVII, die Kreuze und die Unterschriften 
mit Signum manus ausnahmslos von dem Notar her. 

8 Vgl. Brünner ZR. S. 35. 

* Vgl. Bbunner a. a. O. Auch in Deutschland ist relegi und subscripsi da, 
wo wirklich eigenhändige Unterschrift vorkommt, in manchen Fällen verbunden, 

vgl. FicKER, BzU. 2, 101. 

5 Beispiele bei FiCKER, It. Forsch. 4, 28 n. 22; 49. 51 n. 34; Morbio, Stona 
dei municipi Italiani 2, 42. 45. 47. 48. 51. 58. 54. 55 usw.; Fantüzzi 1, 89. 91. 

93. 113 usw. 

1 2 

B r e ß Ui u , Urkundenlehre. 2. Aufl. II. '■^ 



178 Volhiehungsbefehl. Privaturkunden 



daß sie sich aber auf die Beinschrift bezog, folgt aus der Verbindung 
mit dem Haudzeiclien und aus der Analogie des relegi et suhscripsi 
bei wirklich eigenliändiger Subscription mit Bestimmtheit. 

Nur in Süditalien war, soviel wir sehen können, die Genehmigung 
der Reinschrift durch den Aussteller vor ihrer Vollziehung nicht vor- 
geschrieben; jene Bestimmungen römischer Kaiser, welche sie anord- 
neten, scheinen hier gar nicht zur Einführung gelangt zu sein.^ Häufig 
findet sich zwar auch im Gebiete des ehemaligen Herzogtums Bene- 
vent eine — in der Regel sehr kurz gefaßte — Unterschrift oder 
eine Signumformel des Ausstellers, aber sie fehlt nicht selten auch 
ganz.- Eine Verlesung der Urkunde durch oder für den Aussteller 
wird hier durchweg nicht erwähnt. 

Von den italienischen noiitiae bedürfen die außergerichtlich aus- 
gestellten gleichfalls einer Unterschrift seitens der Kontrahenten nicht. 
Der Aussteller kann sie nicht unterzeichnen, da er ja ihr Empfänger 
ist^ und seine Unterschrift zu seinen Gunsten nichts beweisen könnte. 
Sie sind in älterer Zeit in einigen Fällen von dem, der die verbriefte 
Rechtshandlung zugunsten des Ausstellers und Empfängers vollzogen, 
also z. B. die Investitur erteilt hatte, unterschrieben oder signiert 
worden; später kommt auch das kaum mehr vor. Die einfache Unter- 
schrift des Notars und die Erwähnung der Zeugen genügt zur Be- 
glaubigung dieser Stücke. Offenbar sind diese notitiae in der Rein- 
schrift den Parteien wenigstens in späterer Zeit nicht mehr zur Ge- 
nehmigung vorgelegt worden; nachdem die Imbreviatur verlesen und 
genehmigt war,* fertigte der Notar selbständig das Instrument aus 
und behändigte es dem Empfänger. Dadurch wurde natürlich eine 
erhebliche Vereinfachung des Beurkundungsgeschäftes bewirkt, und 
diese Vereinfachung wird eine der Ursachen davon sein, daß die Notitia 
im späteren Mittelalter durchaus die bevorzugte Form der Notariats- 
urkunde wurde, daß man sich jetzt in zahlreichen Fällen auch für 
Geschäfte, die früher zumeist per cartam beurkundet waren, der Form 
der Notitia bediente. Aber auch wo man die Form der Carta noch 
beibehielt, vereinfachte man sie jetzt nach dem Muster der Notitia; 
seit dem 13. Jahrhundert, ja schon seit der Mitte des 12., fällt auch 
in den italienischen cartae die eigenhändige Unterschrift oder Sig- 



' Vgl. BnuNNER a. a. 0. S. 38. 

* Vgl. Brunner a. a. 0. Eine größere Zahl vou Belegen gibt der Cod. dipl. 
Cavensis. 

» Vgl. Brunner, ZR. S. 37. 

* S. oben S. 162. 



Vollziehung she fehl. Gerichtsur künden -179 



nierung der Aussteller und damit die Notwendigkeit, ihm die Rein- 
schrift noch einmal zur Genehmigung vorzulegen, in der Regel fort;^ 
Beurkundungs- und Fertigungshefehl schlössen jetzt zugleich die Er- 
mächtigung zur Vollziehung in sich. 

Von der außergerichtlichen unterschied sich die gerichtliche, die 
notitia iudicatus, in bezug auf das hier behandelte Verhältnis durch- 
aus. Wie verschieden auch ihre Fassung nach den in verschiedenen 
Zeiten in den verschiedenen Provinzen Italiens üblichen Formularen 
sein mochte; durch eigenhändige Unterfertigung sind sie überall be- 
glaubigt worden; 2 was in dieser Beziehung eine Verordnung Lothars^ 
ausdrücklich vorschrieb, war schon lange vorher geltendes Recht. Die 
Art der Unterfertigung ist dabei gleichgültig; sowohl ganz eigenhändige 
Unterschriften, diese wieder in den verschiedensten Formulierungen,'* 
wie Signierungen kommen vor; daß bei den letzteren das Signum, in 
der Regel ein Kreuz, eigenhändig gemacht ist, wird gelegentlich aus- 
drücklich gesagt^ und durchweg anzunehmen sein. Auch hinsichthch 



^ Eine Ausnahme machen namentlich die Urkunden aus dem veneziani- 
schen Gebiet, mögen sie nun von den öflFentlichen Notaren oder von den 
Kanzlern der Dogen, Patriarchen, Bischöfe geschrieben sein. Hier hat sich 
die eigenhändige Unterst-hvift — die Formel ist meistens: eyo N. N. (z. B. cgo 
Vitalis Faletro dei gratia dux) mm. ss-, (manu mea subscripsi) — vielfach bis 
in das späte Mittelalter hinein erhalten. Beispiele in Fülle in dem großen 
Werk von CoRNEMüs, Ecclesiae Venetae (Venedig 1749), und an anderen Orten. 
Vgl. über die venezianischen Dogenurkuaden insbesondere Lazzarini, Origi- 
nali antichissimi della cancellaria Veueziana (Venedig 1904), mit einem Faksi- 
mile der eigenhändigen Unterschrift des Dogen Vitalis Michael von 1098. 

- Ein Stück, wie Ficker, It. Forsch. 4, 136 n. 91, dem sie fehlt, ist eine 
historische Aufzeichnung, aber keine Urkunde; es heißt am Schlüsse ausdrück- 
lich, daß ein Urteil nicht abgegeben ist {nullam indc iudices dederunt f<enten- 
tiain). Ebenso steht es mit dem bei Ficker folgenden Stück n. 92, vgl. dessen 
Anmerkung S. 138. 

^ Liber Papiensis, Lothar 98: quod iudieaveriiit, eonßrmare sua suh- 
seriptione non dissimulent. Dazu die Glosse: per hoc subscribunt se iudices 
in carti^f. 

* Besonders häufig ist ego N. interfui oder interfui et subscripsi. In 
Süditalien wird oft einfach gesagt: ego qui supra N. iudex, auch ego N. fieri 
rogavi findet sich. Aber man ergeht sich auch in längeren Wendungen: 
Cesso, Königsbote Ottos III., gibt seiner Gemütsstimmung Ausdruck und unter- 
schreibt leto animo ßdeliqtte mcnte, veloci quoque manu et gravitate (Ficker, 
It. Forsch. 4, 61 n. 40); andere machen Verse (s. unten Kap. XV), kurz in 
dieser Beziehung ist dem Belieben oder der Laune der Unterschreibenden 
durchaus freier Spielraum gelassen. 

■' Vgl. z. B. Ficker a. a. 0. 4, 70 n. 47; 97 n. 70; 105 n. 78; 133 n. 88; 
141 n. 96. 

12* 



180 Vollziehungsbefehl. Urkunden des Hofgerichts 

der Zahl der Unterzeichnenden schwankt der Gebrauch; es kommt vor, 
daß nur der Vorsitzende des Gerichts allein unterfertigt, häuüger aber 
ist, daß mit ihm alle Beisitzer oder wenigstens einige von ihnen unter- 
schreiben, und bisweilen geschieht es sogar, daß der Vorsitzende über- 
haupt nicht, sondern nur einer oder mehrere der Beisitzer, namentlich 
der rechtskundigen, subscribieren.^ Vielleicht erklärt sich diese Ver- 
schiedenheit des Vorgehens dadurch, daß nicht immer die Eeinschrift 
der Notitia unmittelbar während oder gleich nach der Gerichtssitzung 
hergestellt werden konnte, und daß, wenn sie zur Unterschrift und 
Genehmigung vorgelegt wurde, nicht mehr alle an der Sitzung beteiligt 
gewestnien Personen an Ort und Stelle waren; irgend ein festes Prinzip, 
nach dem dabei vorgegangen worden wäre, läßt sich, soviel ich sehen 
kann, nicht ermitteln. 

Auch bei den Urkunden über Sitzungen des vom König präsi- 
dierten Hofgerichtes hat sich in dieser Beziehung ein ständiger Brauch 
erst allmählich herausgebildet. Bis zum Ende des 10. Jahrhunderts 
sind diese Urkunden nicht vom Könige, sondern nur von dem neben 
dem König tätigen Vorsitzenden und den Beisitzern, besonders häufig 
von dem Pfalzgrafen, ^ zuweilen auch vom Kanzler^ unterschrieben. 
Erst Otto III. hat hier ein anderes Verfahren eingeführt. In einem 
Placitum vom Jahre 996* findet sich vor der Notarsunterschrift sein 
Monogramm; ob es vom Kaiser vollzogen war, läßt sich nicht fest- 
stellen, da die Urkunde nur abschriftlich überliefert ist. Außerdem 
aber steht vor den Unterschriften der Beisitzer ein Kreuz, das durch 
den Zusatz Signum manus domini imperatoris Otonis qui hoc Signum 
crucis fecit als eigenhändig gekennzeichnet ist; gewiß wird daher auch 
in einem Placitum von 999,^ wo vor den Unterschriften der Beisitzer- 
f Otto liomanorum dei gratia imperator augustus geschrieben ist, das 
Kreuz von dem Kaiser selbst herrühren.*^ Endlich aber ist in einer 



^ So z. B. FiCKER a. a. 0. n. 7. 9. 10. 11 und besonders merkwürdig n. 84, 
wo der einzige anwesende iudex nicht unterschreibt und von den sechs an- 
wesenden causidici nur einer. 

2 Vgl. D. Ber. I. 37; D. Lamb. 6; DD. 0. I. 269. 340. 398—400. DO. 
III. 411. 

» Vgl. D. Ber. I. 73. 74. 

* DO. III. 227. An der Zuverlässigkeit der Abschrift von 1283 zu zweifeln, 
ist kein Grund vorhanden. 

« DO. III. 339. 

^ Aber auch nur dieses; an subjektive Subscription, die Erben, UL. 
S. 186, annimmt, ist nicht zu denken, da sonst subscrijisi, das bei den Unter- 
schriften aller Geistlichen steht, nicht fehlen würde. Dagegen findet sich bei 
den Laien, die nur ein Kreuz gemacht haben, dieselbe Form wie bei dem Kaiser. 



VollxiehungsbefehL Urkunden des Hnfye.richtti 181 



Gerichtsurkuude von 1001 ^ hinter der subjektiv gefaßten Unterschrift 
des Papstes in derselben Form: r Otto sermis apostolorum siibscripsi 
die des Kaisers abgegeben, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie 
ganz eigenhändig erfolgte. Von den drei Placiten Heinrichs IL ist 
eins nur von dem Pfalzgrafen und den Beisitzern unterfertigt;- ein 
zweites weist eine Signumzeile mit einem Monogramm auf, das aller- 
dings von der in der Kanzlei üblichen Gestalt abweicht und dessen 
eigenhändige Vollziehung, da das Original nicht erhalten ist, ungewiß 
bleibt;^ in dem dritten endUch"* folgen einem Kreuz die Worte Ego 
Einricus imperator, und wenigstens teilweise eigenhändige Unterschrift 
wird hier anzunehmen sein. In den Gerichtsurkunden Kourads IL, 
der nicht schreiben konnte, ist von jeder Form der Kaiserunterschrift 
abgesehen; eine, die nur abschriftlich überliefert ist, entbehrt aller 
Subscriptionen,^ zwei andere,^ darunter ein Original, sind vom Kanzler 
unterfertigt, der aber wahrscheinlich nur das Subscriptionszeichen [ss.) 
eigenhändig hinzugefügt hat, während er die diesem Zeichen voran- 
gehenden "Worte : Kadelohus cancellarius et missus sacri palatii von einem 
Kanzleibeamten schreiben ließ, der sonst bei der Herstellung der Ur- 
kunde nicht beteiligt war. Zu eigenhändiger Unterschrift der Gerichts- 
urkunden ist dann Heinrich III. zurückgekehrt. Von den drei Placita 
dieses Herrschers, die für uns iu Betracht kommen^ und die sämtlich 
in originaler Überlieferung erhalten sind, weist das erste vom Jahre 
1047^ die Unterschrift: Ego Heinrious imperator subscripsi auf; dem 
Worte subscripsi folgen zwei Zeichen, die eine bestimmte Deutung 
nicht zulassen. Die Unterschrift selbst besteht aus schönen und gleich- 
mäßigen Buchstaben, die durchaus der diplomatischen Minuskelschrift 
der Zeit entsprechen; sie ist der folgenden Unterschrift des Kanzlers^ 



1 DO. m. 396. 

2 DH. II. 299. 

3 DH. n. 461. 

* DH. II. 465. Auch die folgenden Unterschriften bestehen nur aus Ego 
und dem Namen; subscripsi fehlt immer. 

5 DK. II. 92. Nur die Unterschrift des Notars ist vorhanden. 

6 DD. K. II. 253. 259. 

' Das vierte St. 2471 entbehrt in unserer Überlieferung aller Unterschriften, 
außer der des Notars. Was Steindoeff 2, 389 ff. über die drei anderen bemerkt, 
beruht nicht auf eigener Kenntnis der Originale. 

8 St. 2327. Sehr bemerkenswert ist, daß dies Placitum besiegelt war^ 
was sonst nicht üblich ist. 

9 Ego Henriciis cancellarius subscripsi, wobei die letzten Buchstaben von 
subscripsi durch eine Art von Subscriptionszeichen ersetzt sind. Man beachte 
die verschiedene Orthographie des Namens. 



182 Vollziehungsbefehl. Urkunden des Hofgeriohts 

älmlu-b, aber nicht von der gleichen Hand wie diese hergestellt, und 
ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß sie ganz autograph ist. In 
den beiden anderen Stücken von 1054 und 1055^ lautet die Unter- 
schriftsformel: Ego Heinricuti dci gratia Romanurum Imperator augusius 
conßrmavi, doch ist im zweiten Falle der Name des Kaisers durch ein 
Monogramm dargestellt, das aber völlig von der kanzleimäßigen Form 
verschieden ist; an diese Unterschrift, die in keiner der beiden Ur- 
kunden von dem Kaiser, sondern in der ersten von einem unbekannten 
Italiener, in der zweiten von dem .Schreiber des Placitums herrührt, 
schließt sich dann aber in beiden das Eigenhändigkeitszeichen des 
Kaisers^ an, das die in den Diplomen übliche Gestalt aufweist und 
dem wie in den Diplomen drei Interpunktionszeichen vorangehen und 
drei Kreuze folgen. Heinrich III. hat also diese Placita in derselben 
Weise wie seine Diplome unterfertigt; in dem ersten hat er vielleicht 
das ganze Eigenhändigkeitszeichen selbst gezeichnet, in dem zweiten 
rühren wohl nur die drei Kreuze von ihm her. Sehr gleichmäßig ist 
die Unterschrift Heinrichs IV. gestaltet; sie lautet regelmäßig: t Ego 
Heinricus dei gratia rex {tercius Eomanorwn imperator augustus] ss.\^ 
daß sie stets eigenhändig war, ist höchst wahrscheinlich und steht für 
zwei Originale,^ die in Faksimiles vorliegen, durch die vollständige 
Grleichheit der Schriftzüge fest. Den Brauch des Vaters hat auch sein 
ältester Sohn Konrad beibehalten, der ein Placitum vom Jahre 1097 
mit der Formel Ego Chonradus dei gratia Romanoriim rex subscripsi 
unterzeichnet hat;^ dagegen hat sich dessen Bruder Heinrich V. darauf 
beschränkt, seine zahlreichen Placita aus den Jahren 1116 — 1118 mit 
einem großen Kreuze zu unterfertigen, dessen Eigenhändigkeit durch 
eine Beischrift ausdrücklich versichert wird.** Seit dem Ende der sali- 

» St. 2451. 2475. 

- Vgl. über dies Zeichen unter Kap. XX. 

^ So in St. 2840. 2845" (Davidsohn, Forcschungen zur älteren Gesch. von 
Florenz 1, 175 n. 17) 2853. 2905. 2929. In St. 284:1 foUt stcbscripsi, in St. 2861» 
fehlt nach dem Drucke Glorias tereius und subscripsi. In St. 2908 fehlen die 
Worte tercius Ronimioruni und augustus im Drucke Odoeicis. 

* St. 2905. 2929; zu den bei Stumpf verzeichneten Faksimiles kommt für 
die erstere Urkunde noch ein anderes bei Mosciietti, II Museo civico di Padova 
(Padua 1903), hinzu, das Erben, UL. S. 181, anführt; besser noch als an den 
Faksimiles läßt sich die Schriftgleichheit der Subskriptionen an den von mir 
eingesehenen Originalen selbst feststellen. Was Schum, NA. 1, 129, über diese 
Unterschriften sagt, ist irrig. 

* St. 3003; das Stück ist nur abschriftlich überliefert; das Originalplaci- 
tum St. 3002 eutbfhrt der Unterschrift des Königs. 

® Vgl. das Faksimile von St. 3129 in den Diplomi imperiali e reali delle 
cancellerie d'Italia Tav. 13 (mit Erläuterungen von Cipoli.a) und das Faksimile 



Volhiehungshefehl. Ger ic/itsur künden 183 

sehen Periode ward dann die Beteiligung des Königs an öffentlichen 
Gerichtssitzungen in Italien immer seltener/ und Gerichtsurkunden in 
der bis dahin üblichen Gestalt sind uns weder von Lothar noch von 
den staulischen Herrschern bekannt. 

Aber auch bei sonstigen notitiae iudicatus kam in Italien etwa 
seit der Mitte, in manchen Gebieten, wie z. B. in Rom,- schon seit 
dem Anfang des 12. Jahrhunderts die eigenhändige Unterfertigung 
allmählich außer Übung.^ Mit den Veränderungen, die sich im Ge- 
richtswesen selbst und in der sonstigen Formulierung der Urkunden 
im 12. Jahrhundert vollzogen haben,* steht diese Erscheinung in keinem 
erkennbaren Zusammenhang; sie macht sich erst beträchtlich später 
geltend als jene, und sie findet sich auch in Urkunden, die nach In- 
halt und Form noch dem älteren JSerkommen entsprechen. Aber sie 
tritt um dieselbe Zeit auf, da auch in den italienischen cartae der 
Brauch der eigenhändigen Unterfertigung fortfiel, und sie wird aus 



von St. 3133 bei Gloria, Autografo d'Irnerio e origine dell' universitä di Bo- 
logna (Padua 1888). — Die Beischrift zu dem Kreuz lautet in St. 3126: Hec 
crux est sigmirn manu d. Henrici imperatoris liomanoridm , in St. 3133: Hoc 
Signum crucis fecit domnus Henricus dei gratia inprerior (so nach Cipolla) 
augustus, in St. 3136 (ähnlich in St. 3158'): Hoc signo crucis ideni imperator 
hanc notieiam corroboravit, in St. SlöS*" (NA. 20, 229): Hoc signum fecit dom- 
nus Einricus impjerator suis manibus. In St. 3129 steht neben dem Kreuz 
Heinricus, in St. 3132 Hec cus\ die Annahme, daß die Beischrift hier eigen- 
händig gewesen sei, läßt sich nicht begründen. In St. 3134 sind die Worte 
Henricus dei gratia quartus Romanorum imperator augustus subscripsit in die 
durch die Kreuzarme gebildeten Winkel verteilt; für diese Form der Unter- 
schrift ist gewiß der in den Urkunden der Gräfin Mathilde übliche Brauch 
(s. S. 185) bestimmend gewesen, vgl. Hessel, NA. 31, 469 IF., der darauf hin- 
weist, daß die eigenhändige Unterkreuzung des Kaisers, die bei den Placiten 
üblich war, auch in dem Notariatsinstrument St. 3158 (vgl. auch St. 3138, 
wo neben dem Kreuz ein R steht) wiederkehrt. In St. 3139 steht nach einer 
Abschrift aus dem Original im Apparat der MG. vor dem Kreuz imperator 
aug., dahinter H. dei graeia R. In St. 3128 fehlt eine Beischrift neben dem 
Kreuz. In St. 3130 steht nach einer Abschrift im Apparat den- MG. ein großes 
Kreuz, das vielleicht vom Kaiser herrührt, mitten in der Unterschrift des iudex 
Obertus. 

' Vgl. FicKER, It. Forsch. 1, 294 fif. 

- Vgl. Hirschfeld, AfU. 4, 558 N. 5. 

^ Beispiele: 1148 Gericht des Grafen des Abts von Polirone, Fickek 
a. a. 0. 4, 165 n. 122; 1158 Gericht des Markgrafen Hermann von Verona, das. 
4, 167 n. 125; 1163 Gericht Rainalds von Köln, das. 4, 174 n. 132; 1163 Ge- 
richt des Rektors von Verona, das. 4, 176 u. 134; 1176 Gericht des Bischofs 
von Modena, das. 4, 189 n. 149 usw. Doch kommen auch jetzt noch Unter- 
fertigungen vor, vgl. FicKERa. a. 0. 4, 168 n. 127; 202 n. 160; Hirschfeld a.a.O. 

* Vgl. FiCKER a. a. 0. 3, 288 fi". 



184 Vollxiehungsbefehl. Fürstliche Urkunden in Italien 



demselben Wimscli nach einer Vereinfachung des Geschäftsganges 
zu erklären sein, den wir liinsichtlicli der cartae als bestimmend an- 
nahmen. 

Wir liabeu sclilielMicli lutcli zu untersuchen, wie sich in Italien 
die bespruchenen Verhältnisse bei den Urkunden geistlicher und welt- 
licher Fürsten gestalteten. Insofern die große Mehrzahl von diesen 
— nicht anders wie in späterer Zeit die Urkunden städtischer Kom- 
munen — von öffentlichen Notaren hergestellt worden sind, gilt von 
ihnen lediglich, was hinsichtlich der Notariatsurkunden soeben aus- 
geführt worden ist. "Weiter sind die von den eigentUch bischöflichen 
Kanzlrrn und Notaren ^ geschriebenen Urkunden zwar in bezug auf 
ihre Fassung mehrfach von den cartae öffentlicher Notare verschieden, 
nicht aber in bezug auf die uns jetzt beschäftigende Frage; auch sie 
zeigen ganz regelmäßig bis ins 12. Jahrhundert hinein eigenhändige 
Unterschrift oder Signierung in den uns bekannten Formen, lassen 
also eine Vorlage der Reinschrift zur Genehmigung erkennen. Eine 
besondere Erwähnung verdienen aber in diesem Zusammenhange die 
Urkunden der Erzbischöfe von Ravenna, die oft auch gewöhnliche 
Schenkungen und andere weltliche Geschäfte durch ihre eigenen No- 
tare verbriefen ließen und bei denen die Unterzeichnung eine beson- 
dere Form angenommen und sich länger erhalten hat. Schon seit 
der Mitte des 7. Jahrhunderts ist diese Form nachweisbar; sie besteht 
darin, daß der Erzbischof eigenhändig nicht seinen Namen oder sein 
Signum, sondern das Wort leginms — gewöhnlich in Majuskelbuch- 
staben geschrieben und von zwei Kreuzen eingeschlossen — unter die 
Urkunde setzt, wie das auch bei den byzantinischen und vereinzelt 
auch bei den fränkischen Kaisern, wie wir sehen werden, vorkommt. 
Der Brauch läßt sich bis zum Ende des 12. Jahrhunderts verfolgen, 
war aber selbst im 13. noch nicht vergessen; noch 1262 unterfertigt 
Erzbischof Philipp eine Urkunde mit dem althergebrachten feierlichen 
legimus, dessen sich seine Vorgänger von jeher bedient haben.^ 



' Vgl. Bd. 1, 589. 620. 

- Vgl. meine Bemerkungeu MIÜG, 9, 24 f. und Brandi, AfU. 1, 41 N. 3. 
74. — Wenigstens in der Anmerkung will ich notieren, daß einige süditalie- 
nische Erzbischöfc und Bischöfe zwar nicht mit legimu.'', aber in Nachahmung 
des römischen Brauchs mit eigenhändigem ßene ralete ihre Urkunden unter- 
zeichneten. Vgl. z. B. die Urkunde des Erzbischofs Atenulf von Capua von 
988 (Jannei-li, Capua S. 331): hoc übertat if! nostrac scriptum . . . sigillo nostro 
. . . iussimus sigillari. Quam videlicet tibertatis absolutionem tibi loanni sub- 
diacofio primicerio et bibliothecario nostro scn'bere praecepimus nee non et pro- 
priis manibus saeerdotes et clericos nosiros se subscribere iussimus et pro con- 



Vollziehung sbefehl. Fürstliche Urkunden in Italien 1S5 

Unter den weltlichen Herren Ober- und Mittelitalieus haben zu- 
erst die Markgrafen von Tuscien aus dem Hause Canossa damit be- 
gonnen, ihre Urkunden vielfach nicht von öffentlichen Notaren, son- 
dern von ihren eigenen Beamten herstellen zu lassen und in ihnen die 
Formen der Königsurkunden in manchen Eezieliungen nachgeahmt.^ 
Schon Bonifaz und ebenso seine Xachfulger und Nachfolgerinnen: 
Beatrix, Gottfried, Mathilde, haben mindestens einen Teil ihrer Ur- 
kunden besiegeln lassen;- regelmäßig fügen sie außerdem ihre Unter- 
fertiguug hinzu. Deren Form schwankt; Bonifaz, der offenbar schreiben 
konnte, braucht zumeist die auch in den von ihm ausgestellten Nota- 
riatsurkuuden vorherrschende Formel f Bonifacius marckio [et dux) 
suhscripsi; daneben findet sich: Signum d. BonifacH ducis et marchionis, 
so daß wahrscheinlich ein Monogramm angewendet worden ist. Der 
Signumformel bedienten sich auch Gottfried und Beatrix, während 
Mathilde zumeist eine andere Art der Unterzeichnung anwendet: ein 
großes Kreuz, in dessen vier Winkel die Worte: Matilda dei gratia si 
quid est isum) ss. (d. h. suhscripsi) in nicht immer gleicher Verteilung 
eingetragen sind.^ Ob diese ganze Unterschrift oder nur ein Teil 
von ihr von der Markgräfin selbst herrührt, bedarf noch genauerer 
Untersuchung; daß sie aber mindestens teilweise wirklich autograph 
war, ergibt sich aus den Korroborationsformeln mit voller Bestimmt- 
heit, und in einer Urkunde, die 1115 kurz vor dem Tode der großen 
Markgräfin ausgestellt ist, der das Zeichen fehlt, wird überdies aus- 
drücklich gesagt, daß Mathilde nicht mehr imstande gewesen sei, zu 



firmatione . . . secundum consiiettcdinem i-iraeceptorum manu nostra subscrip.ii- 
7HUS. Es folgen die Unterschriften der Kleriker, darunter : '" Bene valete. — 
Ahnlich Landulf von Benevent 975 (üghelli 8, 65), Aldericus von Calvi 969 
(Reg. Neapel. Areh. Monum. 1, 2, 175) u. a. m. 

» Vgl. OvEEMANN, Gräfin Mathilde von Tuscien (Innsbruck 1895) S. 220ft". 
Unter Mathilde gewinnt auch der päpstliche Kanzleibrauch Einfluß auf ihr Ur- 
kundenwesen. 

- Bonifaz 1038. 1048, Camici, Supplementi d'istorie Toscane (Florenz 1773) 
S. 8. 86. — Gottfried allein oder mit Beatrix, Eena, Della serie degli antichi 
duchi e marchesi di Toscana (Flor. 1775) S. 85. 118. — Mathilde allein oder mit 
Weif, Rena, Serie degli duchi usw. (Flor. 1778) S. 41; Serie (Flor. 1779) S. 57. 82; 
Serie (Flor. 1780) S. 60. 101; vgl. Overmanx S. 220 N. 2; S. 226 N. 5ff.; da- 
selbst S. 215. 225 Belege für die im folgenden besprochenen Unterschriften. 

* Faksimile einer so unterschriebenen Urkunde der Gräfin bei Steffens, 
Lat. Palaeogi-aphie, Taf; 64 (2. Aufl. Taf. 78). Vgl. Oveemann S. 215 f. — Ein 
Original Mathildens im Britischen Museum zu London (Egerton Charters 132; 
es ist die Urkunde Overmann S. 174 n. 87) hat kein Kreuz, aber in ganz kleinen 
Majuskeln die Unterschrift: Matilda dei gratia si quid est in hac cartula a me 
facta SS. 



186 VollxieJiungsbefehl. Fürstliche Urkunden in Italien 



uutersi'hreibeu und deshalb nur die Besiegelung des Dokuments an- 
geordnet habe.^ 

Um die Mitte des 12, Jahrhunderts haben dann auch die Grafen 
von Savojen und Markgrafen von Turin, zuerst, wie es scheint Ama- 
deus IIL,2 begonnen sicli von der Form der Xotariatsurkunde zu eman- 
zipieren und ihre schriftlichen Verfügungen in Formen zu kleiden, 
die denen der übrigen Reichsfürsten entsprachen. Ihre Urkunden 
tragen seit dieser Zeit ein Siegel, aber unterschrieben sind sie nicht ;^ 
und erst um dieselbe Zeit, da die eigenhändige Unterschrift auch in 
Deutschland in fürsthchen Erlassen häufiger zur Anwendung kam, 
finden wir sie auch in den Urkunden der Herzöge von Savoyen; zu- 
erst, soweit bis jetzt bekannt geworden ist, unter Herzog Ludwig im 
Jahre 1451.* 

In UnteritaUen Urkunden die alten Herzoge von Benevent ebenso 
wie die von Spoleto nach dem Muster der langobardischen Künigs- 
diplome ohne Unterschrift und ohne die Besiegelung anzukündigen; 
daß aber die letztere stattgefunden hat, kann als wahrscheinlich an- 
gesehen werden.^ Auch nach dem Ende des langobardischen Reiches 
behalten die Fürsten von Beneyent, Salerno, Capua die gleichen Formen 
bei; aus dem 9. Jahrhundert haben wir besiegelte Originale von ihnen. ** 
Doch erst zu Anfang des 10. Jahrhunderts führen die Fürsten von 
Beneveut und Capua — zuerst, soviel ich sehe, Atenulf von Benevent 
und Capua in einer Urkunde von 902^ — eine Korroborationsformel 

' Rena, Serie (Flor. 1780) S. 101: quam chartulam, quia predicta comi- 
tissa propriae manus subscriptionc firmare non potuit, sigilli sui impressione 
insif/niri praecepif. — In ähulichcr Form, wie die Canossaner, uamentlich Ma- 
thilde, also zumeist mit Unterschrift und Siegel, Urkunden auch die sich viel- 
fach ihrer eigenen Kanzler und Notare bedienenden späteren deutscheu Mark- 
grafen und Herzoge von Tuscien (vgl. Ficker 2, 2'23ff.)- Die anderen deutschen 
Reichsbeamten des 12. und 13. Jahrhunderts in Italien schließen sich in ihren 
Urkunden, soweit sie nicht von Pfalznotaren in der gewöhnlichen Art der 
Notariatsurkunden geschrieben sind, zumeist an deutschen Brauch an; eigen- 
händige Unterschrift oder Signierung fehlt also in der Regel. 

- Vgl. dessen Urkunde von 1147 für Sau Giusto zu Susa, BuUettino dell' 
Istit. stör. Italiano 18, 93 n. 6. 

' Vgl. CiBRARio und Promis, Documenti S. 62flF. ; Cibrabio und Promis, 
Sigilli de" principi di Savoia S. 5. 

* Vgl. Datta, Lezioni di paleografia e di critica diplomatica sui documenti 
della monarchia di Savoia (Turin 1834) S. 417. 

^ Vgl. Chboüst S. 134 f. 

® Vgl. Voigt, Beitr. zur Diplomatik der langob. Fürsten S. 16. 

' Gattüla, Hist. Casinens. 1, 28. Original in Monte Cassino, vgl. Voigt 
S. 66 n. 123. Wahrscheinlich aber ist schon das noch ungedruckte Diplom 
Atenulfs von 901, Voigt n. 121, ebenso formuliert. 



Vollziehungshefehl. FnrsfUche Urkunden in Italien 187 



in ihren feierlichen Diplomen ein, in der von nun an Unterfertigung^ 
und Besiegelung- regelmäßig angekündigt werden. Die Unterfertigung 
erfolgt in der Gestalt eines Monogrammes, das den karolingischen 
Monogrammen in Kreuzform nachgebildet ist, sich aber dadurch von 
ihnen unterscheidet, daß es in Anlehnung an byzantinischen Brauch 
mit roter Tinte ausgeführt ist.^ Daß das ganze Monogramm von der 
Hand des Fürsten stamme, ist nicht anzunehmen; es wird in der Regel 
von einem höheren Kauzleibeamten, vielleicht dem Referendar, an einer 
von dem Urkundenschreiber dafür freigelassenen Stelle nachgetragen 
sein; doch ist nach dem Wortlaut der Korroborationsformel sicherlich 
an eine eigenhändige Beteiligung des Fürsten bei seiner Herstellung 
zu denken, wofür auch ein frühes Zeugnis spricht;* welcher Teil des 
Monogramms aber als VoUziehungsstrich anzusehen ist, hat bisher 
noch nicht sicher festgestellt werden können.-'' An dem Brauche der- 
artiger Unterzeichnung haben die Fürsten von Capua und Benevent, 
auch die Herrscher normannischer Abkunft, die hier um die Mitte des 
11. Jahrhunderts eintraten, festgehalten; noch im 12. Jahrhundert ur- 
kundet Robert IL von Capua in dieser Weise. Dagegen haben ihn 
die Fürsten von Salerno nicht angenommen; und wenn auch ihre 
Diplome mindestens seit der Mitte des 9. Jahrhunderts besiegelt sind,^ 



' Die Formel lautet in bezug auf die Unterschrift: manu propria seripsi- 
miis. In den einfachen Diplomen fehlt die Unterschrift. 

^ Über die Siegel der unteritalienischen Füi'sten s. unten Kap. XXI. 

* Vgl. Voigt S. 19 ff. und die Faksimiles auf den letzten Tafeln seiner 
Schrift. In der Mitte des Kreuzes steht, wie bei den Karolingern, der Buch- 
stabe 0, der aber nicht rautenförmig, wie bei jenen, sondern rund gezeichnet 
ist; an den vier Armen sind die Buchstaben des Namens, nicht auch des Titels, 
des Fürsten in einer Anordnung angebracht, die sich bis zuletzt sehr gleich- 
mäßig erhält. Nur das Monogramm, das Waimar IV. von Salerno in seineu 
capuanischen Urkunden (1038—1047) anbringen ließ, weicht mehr von der her- 
kömmlichen Form ab (in der Mitte steht ein A) und es ist auch nicht in roter, 
sondern in schwarzer Tinte ausgeführt. 

* In einer Urkunde von 1020 (Gattdla, Bist. 1, 35) wird von einem capu- 
anischen Fürstendiplom gesagt: in qua ipse dojnnus Paldolfus princeps et (lies 
per) litteras riiheas rohuraio erat; vgl. Mukatoki, Antt. Ital. 1, 1013. 

^ Vgl. Voigt S. 21 f. In einem der Datierung darbenden Diplom fehlen 
die beiden Horizontalstriche des F (vgl. n. 8 der Monogrammabbildungen 
Voigts), und es ist also nicht unwahrscheinlich, daß diese Urkunde unvoUzogeu 
geblieben ist, und daß jene beiden Striche sonst vom Fürston hinzugefügt 
wurden. Doch bedarf das noch weiterer Prüfung. 

^ Erwähnt wird ein brebe sigillaticm des Fürsten Ademar von Salerno 
schon 8.Ö8, CD. Cav. 1, 69. Erhalten ist ein Siegel zuerst an einem Diplom 
Waimars I. von Salerno 886; CD. Cav. 1, 130, vgl. Voigt S. 16. Abbildung 
im CD. Cav. Bd. 1 nach eimr etwas jüngeren Urkunde. 



188 VoUxiehimgshcfehl. Fürstliclie Urkunden in Italien 



so sind sie doch nicht von den Herrschern unterschrieben.^ Ob auch 
ihnen, wie den Fürsten von Capua und Beuevent, die Diplome in der 
Reinschrift vorgelegt werden mußten, läßt sich demnach nicht er- 
mitteln. 

Die vom byzantinischen lleiche abhängigen Herrseher von Neapel, 
Gaeta, Amalli haben ihre Urkunden, die zumeist von Kurialen und 
Notaren geschrieben sind, mit ihrer Namensunterschrift unterfertigt. 
Die Formel lautet z. B. in einer Urkunde des Herzogs Marinus von 
Neapel von 975:^ "'- Marinus consul et imperialis anthipatus patricius 
suoscripsi; und da der Kopist, der diese Urkunde überliefert, ausdrück- 
lich bemerkt, daß diese Worte von anderer Hand als der Text ge- 
schrieben seien, so darf an eigenhändige Subscription gedacht werden. 
Ein Siegel neben der Unterschrift zeigt nur die letzte, dem Jahre 
1131 angehörige Urkunde eines Herzogs von Neapel, die wir besitzen.^ 

Sehr verschieden sind die Formen, in denen die älteren norman- 
nischen Fürsten in Unteritalien* ihre Urkunden unterfertigt haben, 
soweit eine solche Unterfertigung überhaupt stattfand, was bei Robert 
Guiscard in der Regel nicht der Fall war. Nur selten findet sich ein 
Monogramm nach Art derer, die in Capua und Benevent gebräuchUch 
waren; so z. B. in einer Urkunde des Grafen Robert, Sohnes Rainulfs, 
von 1109.^ Häufiger ist die Formel: -•'- cgo X. dux nie siibsoripsi. 



^ Eine Ausnahme machen nur die für Capua und Benevent ausgestellten 
Urkunden der Fürsten von Salerno, welche zugleich diese Gebiete behen-schten : 
in ihnen findet sieh das Monogramm; vgl. die Urkunden Gisulfs I. von Sa- 
lerno von 953 bei Ughelli 8, 56 und Waimars IV.; s. Voigt S. 71 n. 223 ff. und 
oben S. 187 N. 8. 

- Neapol. arehiv. monumenta 2, 239. Vgl. auch die Faksimiles der offen- 
bar autographen Unterschriften neapolitanischer Herzoge von 951 — 1131 bei 
Capasso, Monum. ad. Neapolit. ducatus bist, pertiuentia 1. Taf. 4. 6. 7. 8; 2, 
Taf. 9. 10. 11. Entsprechend z. B. in Amalfi 1033: Johannes domini gratia 
dux et patricius subscripsi, Cameka, Mem. istor. diplom. dell' aut. cittä e du- 
cato di Amalfi 1, 110; in Gaeta 890: f ego Dicibilis ypatus in anc con- 
cet^sione subscribsi, f ego Johannes ypatus in anc concessione subscribsi, CD. 
Caietan. 1, 25 n. 15, vgl. auch 1, 61 n. 36 (934); 1, 103 n. 55: ■>■ ego Johannes 
consul et dux subscripsi; Faksimile dieser autographen Unterschrift CD. Caie- 
tan. 1, Taf. 4. 

3 Del Giudice 1, Anhang S. Vlllff.; vgl. S. XII N. l. Die Urkunde ist 
nach DEL GiDDiCE zugleich die einzige nicht von einem Kurialen geschriebene, 
die ein Herzog von Neapel ausgestellt hat. Faksimile der Urkunde mit Spuren 
des Siegels bei Capasso a. a. 0. 2, Taf. 11. 

* Vgl. Chalandon, Melanges d'archeologie et d'histoire 20, 179 ff. ; Salo- 
MON, Studien zur normann.-ital. Diplomatik (Diss. Berlin 1907). 

* Ughelli 8, 95. 



Vollziehung sbe fehl. Fürstliche Urkunden in Italien 189 



welche die Herzoge Eoger I. und Wilhelm von Apulieu anwendeu.^ 
Bei Roger kommt daueheu auch die ahgekürzte Formel: f ego U. dux 
vor,^ und einmal steht in einer außerhalb der Kanzlei geschriebenen 
Urkunde vom Jahre 1080 •'■ signum sancte criicis signacit Fogeri^is di<xf 
schon daraus ergibt sich, daß nur das sehr individuell gezeichnete 
Kreuz ^ eigenhändig vom Herzog hinzugefügt war, während die in Ma- 
juskelbiichstaben ausgeführte Beischrift von einem Notar herrührt; 
Wilhelm dagegen hat, wie es scheint, die ganze Subscription, Kreuz 
und Beischrift, eigenhändig hergestellt.^ Bei den Grafen von Sizilien 
kommen neben den lateinischen auch griechische Unterschriften vor, 
und Roger II, von Sizilien hat den Brauch dieser Unterschrift auch 
als König beibehalten: die Formel seiner eigenhändig, aber nicht in 
roter, wie man früher vermutet hat, sondern in schwarzer Tinte aus- 
geführten Unterschrift lautet stets gleichmäßig: ' Foyioio^ i.v -/okttoI 
T(o &eci) evfßfßijq xoarato^ pt/^ xal töIjv ;/o/<Tr/<^r'(Di' ßoijOö^; ihr 
geht ein Kreuz voran, während in der Regel drei, vereinzelt zwei 
.Kreuze folgen.*' Die Unterschrift findet sich nur in Privilegien, besonders 
häufig bei Stücken von größerer Wichtigkeit; in Mandaten fehlt sie regel- 
mäßig. Aber schon unter Roger ist sie in den Stücken fortgelassen, in 
denen die aus dem Gebrauch der päpstlichen Kanzlei in die siziliani- 
sche übernommene Rota^ angewandt wurde, und unter den folgenden 
Herrschern fehlt sie stets. Während also unter Roger die Reinschrift 



^ Vgl. z.B. Sälomon a. a. 0. S. 45. 46; v. Heinemann, Normannische Her- 
zogs- und Königsurkunden (Tübinger Universitätsprogramm 1899) S. 5 ff. n. 4ff., 
wo das mc vor subscripsi mehrmals fehlt. 

- Vgl. z. B. V. Heinemann S. 11 ff. n. 5. 6. 

* CC. Barese 5, 27 n. 14; vgl. über die Echtheit Salomon S. 41 ff. — Ähn- 
lich heißt es in einer Urkunde des Herzogs Robert Guiscard: Signum crncis 
propriis manibus siipra }wminati Robcrti ducis, Ughelli 10, 515, vorausgesetzt, 
daß hier der Druck der Handschrift entspricht. 

* Vgl. das Faksimile bei Chalandon, Taf. IV, 1 und Salomon S. 4lff.; 
v. Heinemann hält irrig die ganze Unterschrift für autograph. 

5 So nach K. A. Kehr, Urkunden der Normann. Könige S. 176. Autograph 
ist wahrscheinlich auch die Unterschrift des Fürsten Grimoald von Bari, CD. 
Barese 5, 121. 123 n. 69. 71. 

^ Vgl. K. A. Kehr S. 177 ff. Faksimile einer lateinischen Unterschrift 
Rogers von 1124, Archivio paleograiico Italiano 3, Taf. 45. 

' Vgl. über die Rota der Papsturkunden unten Kap. XX. In den Ur- 
kunden Rogers kommt sie schon vor der Königskrönung vor; Beschreibung 
bei K. A. Kehr S. 165ff., wo auch zahlreiche Faksimile^^ verzeichnet sind; dazu 
noch Faksimile im CD. Barese 5, Taf. 2. Die Rota der sizilischen Diplome 
wird seit 1140 in roter Tinte ausgeführt; eigenhändige Beteiligung des Herr- 
schers dabei kommt nicht vor. 



100 VolUiehuiigsbefehl. Fürstliche Urkunden in Itcdien 



der Urkunden wenigstens in zalilreicheu Fällen dem Herrscher vor- 
gelegt wurde — und zwar geschah dies vor der Besiegelung — , ist 
eine solche Vorlegung unter dessen Nachfolgern nicht zu erweisen, 
deren Urkunden nur durch das Siegel und die Nennung des Notars, 
der sie geschrieben hat, sowie durch die Datierungsformel des Kanzlers, 
des Protonotars oder eines anderen höheren Beamten beglaubigt sind; 
und erst im 15. Jahrliundert unter der Königin Johanna von Neapel 
kommt die eigenhändige Namensunterschrift wieder auf.^ 

Was endlich die Urkunden jener Djnastengeschlechter betrifft, 
die seit dem Ausgang des 13. und in den beiden nächsten Jahr- 
hunderten überall in Ober- und Mittelitalien zur Herrschaft gelangten: 
der Markgrafen von Montferrat und Saluzzo in Piemont, der Visconti 
und Sforza in Mailand, der Este in Modena, der Gonzaga in Mantua, 
der Medici in Florenz u. a. m., so fehlt es noch zu sehr an Vorarbeiten, 
als daß sich die Verhältnisse, die wir hier ins Auge fassen, genügend 
übersehen ließen.^ 

Auch in Deutschland, zu dem wir nunmehr zurückkehren, linden 
wir in den Urkunden der Fürsten, geistlicher und weltlicher, eine 
große Mannigfaltigkeit in den bei der Vollziehung beobachteten Formen. 
Vollkommen eigenhändige Unterschrift ist hier jedenfalls nur ganz 
selten vorgekommen; auch in den Fällen, in denen die Formel der 
Unterschrift subjektiv gefaßt ist, ist sie mehrfach erweislich von dem 
Schreiber der ganzen Urkunde ausgeführt worden.^ Auch wo die 



* Rüssr, Paleografia e diplomatica de' documenti delle provincie Napole- 
tane (Neapel 1883) S. 79. Ebenda s. über Unterschriften der aragonesiscben, 
französischen und spanischen Könige beider Sizilien. Das Faksimile einer Ur- 
kunde mit eigenhändiger Unterschrift des Königs Friedrich von Neapel (1446 
bis 1501) ist der Abhandlung von N. Barone, Intorno allo studio dei diplomi 
dei re Aragonesi di Napoli (Neapel 1913; aus den Atti der Accademia Pon- 
taniana Bd. 43), beigegeben. 

- Am ersten ist das noch in Mailand der Fall, dank der Publikation von 
Osio, Documenti diplomatici tratti dagli archivi Milancsi (Mailand 1864 — 1872, 
3 Bde.). Doch hat auch hier der Herausgeber gerade den Formalien des Ur- 
kundenwesens weniger Beachtung geschenkt, als für unsere Zwecke zu wün- 
schen wäre. 

' So z. B. in der Mainzer Synodalurkunde von 887 für Corvey und Her- 
ford, vgl. Wir.MANS, KU. Westfalens 1, 455. In der Bamberger Synodalurkunde 
von 100", DH. II. 143, sind nur die Kreuze eigenhändig, vgl. die Vorbemerkung. 
Anders steht es wahrscheinlich in der Urkunde Egilberts von Minden (Erhard, 
CD. Westf. 1, 115 n. 147) mit: ego Egilhertiis Mindensis episcopus haee propria 
manu scripsi usw., oder in Urkunden Egberts von Trier von 980. 981 (Beyer 
1, 311 ff. n. 254 f.) mit: lianc cartam ego Egbertus . . . propriae manus subscrip- 



VollxiehungsbefeJil. Deutsche Fürstenurkunden 191 



Signumformel gebraucht ist, läßt sich in der Mehrzahl der Fälle, die 
mir aus Originalen bekannt geworden sind, ein Anteil des Ausstellers 
an der graphischen Herstellung des Signums nicht erkennen; und nur 
einige wenige Beispiele eigenhändiger Unterkreuzung sind bestimmter 
nachzuweisen.^ Nicht selten kommen ferner in bischöflioiien oder erz- 
bischöflichen, vereinzelt auch in anderen Urkunden des 10. bis 
12. Jahrhunderts Monogramme vor, die den in den Königsurkunden 
gebrauchten Namenszeichen entsprechend gebildet sind,- bisweilen auch 
Rotae, die denen der Papstprivilegien nachgeahmt werden i^ nähere An- 
haltspunkte aber, die auf eine eigenhändige Vollziehung dieser Zeichen 
zu schließen berechtigen, finden sich nur ganz vereinzelt.'* 



tione firmati. Die Urkunde Bennos von Meißen von 1071, CD. Saxon. reg. 
1, 1, 335, mit ähnlicher Klausel (hee Benno decimus Misin. eccL ep. scrip^it) 
gilt für falsch. Echt ist dagegen wieder die Urkunde Brunos von Trier von 
1103 (Beyer 1, 467 n. 408) mit: cgo Bruno manu mea subfcripsi. Si qui>' hcc 
infrcgerit anathema s/t; das noch erhaltene Original muli die Frage der Eigen- 
händigkeit entscheiden. Vgl. auch die Urkunde Adalberos von Basel von 1136 
(Beyer 1 , 545 n. 488): ego Adalbero Basiliensis episeopus . . . manu proprio 
sub-^cripsi et sigilli mei iviprcssione sub anathemate firmavi. 

' So in der Forchheimer Synodalurkunde von 890 für Neuenheerse, wo 
nach Diekamp, Supplement n. 321, die Kreuze über den Namen verschiedenen 
Duktus zeigen; in den Touler Urkunden, die Bd. 1, 703 N. 5 angeführt sind; 
in der Urkunde Udos von Hildesheim von 1092, Wioands Archiv 1, 4, 105; 
in den Urkunden Udos von Trier von 1068—1075, Beyer 1, 424 n. 367 ; 433 n. 375. 

* Ein paar Beispiele: Monogramme Adalberos I. von Metz (940), vgl. 
Lothring. Jahrbuch 2, 308. 312; Eberhards von Trier 1061. Cardacns, Rhein. Urkk. 
1, n. 10: Adalberts von Bremen 1059, Hapse 1, 19 n. 44; Dietrichs von Verdun 
1082, Calmet, Preuves S.480: Embricos von Augsburg 1067, MB. 33, 7; des Grafen 
Werner von Baden 1127, ÜB. Zürich 1, 160 n. 276; Philipps von Köhi 1169, 
Ztschr. des berg. Geschichtsvereins 22, 237. Lacomblet 1, 301 n. 432. Beispiele 
aus Bamberg führt IIiusch, MIÖG. 29, 23 N. 2 an; andere aus Passau, Salz- 
burg, Freising Gross, MlÜG. Erg. 8, 576 mit N. 1. Etwas von diesen Namens- 
zeichen ganz verschiedenes sind andere Monogramme, wie das Signum s. Viti 
mnrtijris in Corveyer Urkunden, Monogramme aus A und in Urkunden 
Balderichs von Hamaland u. dgl. m. 

* So in Urkunden Adalberos von Würzburg von 1057, Original in Mün- 
chen, MB. 37, 25, und Eberhards von Bamberg von 1151, vgl. v. Mitis, Studien 
zum älteren österr. Urkundenwesen S. 73 N. 3. In Salzburg finden sich in 
erzbischöflichen Urkk. mehrfach Zeichen, die dem päpstlichen Bene-valete- 
Monogramm entsprechen, vgl. v. Meillek, Reg. aep. Salisb. S. 437. 446. 494. 
496. Auch in Urkunden der Erzbischöfe von Benevent, Ravenna und Trani 
kommen im 12. Jahrhundert Rotae vor, vgl. K. A. Kehr S. 164 N. 4. 

* So etwa in der oben Note 2 angeführten Urk. Adalberos von Metz von 
940. wo es auch heißt: manu propria nostri nominis monogrammam subtus 
signavimus oder in der des Grafen Werner von Baden, wo gesagt wird: ego 
Werinherus comes de Baden subscripsi et anulo meo sigillavi. 



102 Vüüxiekungshefehl. Änshändigrmg der Urkunden 



Scheint sonach eine Beteiligung der Aussteller an der Vollziehung 
durch Unterschrift nur selten vorgekommen zu sein, so haben wir 
wenigstens in den Urkunden der deiltschen Bischöfe während jener 
Jahrhunderte um so regelmäßiger eine Beteiligung bei der Besiegelung 
vorauszusetzen; es genügt an das zu erinnern, was wir in anderem 
Zusammenhang über die Verkündung des bischöflichen Bannes im 
Anschluß an die Besiegelung, über die eigenhändige Besiegelung und 
über die Besiegelung vor Zeugen ausgeführt haben ;^ wir dürfen da- 
nach annehmen, daß wenigstens in den meisten Fällen die Vollziehung 
einer Urkunde, für die, wie wir wissen, die Besiegelung das allein 
maßgebende Moment geworden war, nicht ohne die Einholung der 
Genehmigung des Ausstellers erfolgte. Und daß im späteren Mittel- 
alter in den fürstlichen Kanzleien, über die wir genauere Xachrichten 
haben, gleichfalls ein ähnlicher Geschäftsgang anzunehmen ist, haben 
wir bereits erfahren.^ 

Nächst dem Beurkundungsbefehl kommt nach diesen Ausführungen 
der Vollziehungsbefehl, bzw. die Vollziehung selbst, vorzugsweise in 
Betracht, wenn wir nach den Stadien des Beurkundungsgeschäfts 
fragen, in denen ein persönliches Eingreifen des Ausstellers anzu- 
nehmen ist. Auf die Vollziehung der Urkunde folgt dann als letzte 
Stufe des ganzen Hergangs ihre Aushändigung an den Empfänger. 

Wir haben oben gesehen, daß die Übergabe der Urkunde an den 
Empfänger in gewissen Fällen durch den Aussteller selbst unter feier- 
lichen Formen oder vor Zeugen erfolgte.^ Regel aber war es wenig- 
stens im späteren Mittelalter und in den Kanzleien der Könige und 
Päpste, daß die Aushändigung an den Empfänger oder seine Bevoll- 
mächtigten einfach durch die Beamten der Kanzlei bewirkt wurde, 
ohne daß dabei ein direktes oder indirektes Eingreifen des Ausstellers 
nötig gewesen wäre. In der sizilianischen Kanzlei scheinen die No- 
tare, welche die Urkunde geschrieben hatten, auch die Aushändigung 
gegen Erhebung der Taxe besorgt zu haben ;^ in Rom erfolgte sie 
gleichfalls nach Zahlung der Gebühren in der Registratur oder im 
Siegelamt, bei Justizbriefen vielleicht auch in der Audientia litterarum 
contradictarum,^ in der deutschen Reichskanzlei, wenigstens am Schlüsse 



» Bd. 1, 711 ff. 
- Oben S. 169 N. 3. 6. 

^ S. oben S. 68 f. Auch einzelne von den bei Fickeb, BzU. 2, 215 an- 
geführten Fällen mögen hierher gehören. 

* Vgl. Bd. 1, 575 N. 8. 

* Vgl. V. Ottenthal, MIÖG. 1,514; Baümgarten, Aus Kanzlei und Kammer 
S. 217ff. Über die Audientia vgl. die Verordnung Johanns XXII., Täxgl, KO. 



Fürbütsr 193 



des Mittelalters, durch den Taxatur, der die Gebühren einhob. ^ Jn 
älterer Zeit werden aber am deutschen wie am römischen Hofe nicht 
selten auch höhere Kanzleibeamte die Aushändigung bewirkt habeu.- 



Zwölftes Kapitel. 

Die Entstehung der Urkunden. 

3. Fürbitter und Zeugen. 

In die Verhandlungen, die der Ausstellung einer Urkunde an 
den Herrscherhöfen des Mittelalters vorangingen, griffen dritte Personen 
nicht bloß insofern ein, als sie, wie wir früher gesehen haben, den 
Herrschern auf Befragen einen Rat gaben oder ihre Zustimmung zu 
einer Regierungshandlung erteilten: häufiger noch — wenigstens in 
älterer Zeit — finden wir erwähnt, daß die, welche eine Urkunde 
zu erwirken wünschten, sich dazu der Beihilfe angesehener und ein- 
flußreicher Mittelspersonen bedienten, die in verschiedener Form ge- 
währt werden konnte. 

Von jeher ist es üblich gewesen, daß, wer in irgend einer An- 
gelegenheit der Gunst des Herrschers bedurfte, sich der Fürbitte 
solcher Personen zu versichern suchte, deren Einfluß ihm für die Er- 
füllung seiner Wünsche zustatten kommen konnte; und Konnexionen 
bei Hofe sind in alter wie in neuer Zeit in gleicher Weise erstrebt 
worden. Schon in den ältesten fränkischen Formularsammluugen 



S. 111 ff; über Aushändigung in der Registratur die Kanzleiregel Gregors XI., 
V. Ottenthal, Eeg. eancell. S. 44 n. 90, und Benedikts XIII.. daselbst S. 137 
n. 83. Von Interesse sind die zwei Xotariatsinstrumente, Braunschweig. ÜB. 
3, 527 und 4, 16, aus den Jahren 1340 und 1341, in denen ein Prokurator 
wegen verspäteter Aushändigung von Urkunden in der Bullaria dagegen Pro- 
test erhebt, daß die Appellationsfrist verstreiche oder verstrichen sei; wir er- 
fahren daraus, daß es damals im Siegelamt einen eigenen, mit der Aushändi- 
gung beauftragten Beamten, magister Andreas BaiTerie, gab, der in der einen 
Urkunde als ttmc ad legendum litteras apostolicas bullatas et ad eas reddendum. 
in domo habitacionis bullatoriim . . . deputatioi, in der anderen als depulaltis ad 
restituendiim litteras hullaias d. pape bezeichnet wird. Die Urkunde, wegen 
deren verspäteter Aushändigung der Prokurator sich am 18. Januar 1341 be- 
schwert, ist im Braunschweig. ÜB. 3, 482 gedruckt; sie war vom 5. November 
1839 datiert. 

' Vgl. Seeligek, MIÖG. 8, 84 ff. 

* Über die Formel datum per manus etc., die Ficker als Aushändigungs- 
formel bezeichnet hat, s. unten Kap. XVI. 

BreDlau, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. 13 



194 Fürbifter 



finden sich Musterbeispiele für Briefe, durch die eine derartige Ver- 
wendung nachgesucht,^ und für Schreiben, durch die sie gewährt wird;^ 
und in den Urkunden selbst wird schon seit der merovingischen Zeit 
bisweilen eine derartige Fürbitte erwähnt.^ In dieser, wie in der Zeit 
der ersten Karolinger ist eine solche Erwähnung indessen noch selten; 
erst unter Ludwig dem Frommen wird sie häufiger; und da, wie 
in der nächsten Zeit bis zum Anfang des 10. Jahrhunderts, kann es 
geradezu als ein Maßstab für die mehr oder minder große Selbständig- 
keit der Regierung eines Herrschers betrachtet werden, ob in seinen 
Urkunden mehr oder minder häuüg der Fürbitte anderer gedacht 
wird.^ 

Wahrscheinlich aus der königlichen Kanzlei ist der Brauch Für- 
bittier in den Urkunden anzuführen, nicht nur in die geistlicher und 
weltlicher Fürsten, in denen er freilich niemals die gleiche Bedeutung 
erlangt hat, sondern auch in die Kanzlei der Päpste übergegangen. 
Findet sich in den älteren päpstlichen Urkunden eine derartige Er- 



^ Marc. 2, 51: indeeolum ad homines potentes palatimis, maxime ad cog- 
nitos sibi. Form, epistolares 2, 10: Bitte an einen Freund, den zur Pfalz ge- 
schickten Gesandten des Schreibers förderlich zu sein. Form. Salzburg. 66: 
Bitte an einen Kapellan, einen Verwandten bei seiner Bewerbung um ein 
bejießciimi des Kaisers zu unterstützen Form. Bitur. 18: Bitte an eine vor- 
nehme Dame (Schwester des Königs) um Verwendung beim König behufs Er- 
nennung der Bittstellerin zur Äbtissin. Form, epistolares 2, 3: ad regina sive 
qualibet femina, Bitte um Verwendung beim Kaiser. 

* Form.Bitur.il: Verwendungsschreiben an den König für einen Bischof. 
Auch in den Korrespondenzen karolingischer und späterer Zeit liegen manche 
Zeugnisse für solche Fürbitter vor, und an anderweiten Nachrichten fehlt es 
nicht. Vgl.z. B. Alcuini epp.90 (Alcuin, um Fürbitte bei Karl für Monte Araiata ge- 
beten, hat sich seinei'seits an die Königin gewandt). 211 ; Einharti epp. 3 (Bernhar 
von Worms an Einhart). 18; Frotharii TuUens. epp. 15 (die Kirche von Seus 
an die Kaiserin Judith). 17. 18 (MG. Epp. 4 [Kar. 2], 134. 351. 5 [Kar. 3], 110. 
119. 286f.); Chron. S. Michael, in pago Virdun. cap. 32, MG. SS. 4, 84. 

' DM. 28. 57. Vgl. auch Gestaabb. Fontanell. cap. 6, ed. Lüwenfeld S. 23. 

■* Dafür die Ausdrücke suggercre (so in DM. 28. 57), petcre, deprecart, 
postulare, rogare, referre. Liter vetiire — in gleichem Sinne schon in römischer 
Zeit gebraucht, vgl. Cod. Just. 9, 8, 5 — kommt unter Karl in echten Ur- 
kunden noch nicht, unter Ludwig dem Frommen dreimal vor (SirKEi., Acta 1, 
69 N. 6), ist noch unter Karl III. selten (MChi.bacheu, SB. der Wiener Aka- 
demie 92, 423), wird erst um den Ausgang des 9. Jahrhunderts häufiger und 
erst im 10. — neben intcrcedcre — das vorherrschende Wort, ohne indes die 
anderen Ausdrücke un<l ihnen gleichbedeutende völlig zu verdrängen. Ein den 
langobardischen Urkunden eigentümlicher Ausdruck für die Intervention ist 
per rogum. — Über die Bedeutung von ajnbasciarc, was man früher als gleich- 
bedeutend mit impctrarr aufgefaßt hat, s. oben S. 95. 



Fürbitter 195 



wähnuug- außerordentlich selten,^ fehlt sie z. B. in dem ältesten For- 
mularbuch der päpstlichen Kanzlei, dem hiher diurnns, gänzlich, so 
wird man es doch wohl auf den Einfluß der im fränkischen Reich 
herrschenden Gewohnheit zurückführen dürfen, wenn seit der Mitte des 
9. Jahrhunderts die Erwähnung der Intervention auch in die päpst- 
lichen Privilegien eindringt.^ In diesem Jahrliundert sind die Ur- 
kunden, in denen das geschieht, noch nicht häutig;^ aber sie mehren 
sich seit der Mitte des 10. Jahrhunderts beträchtlich;* und während in 
früherer Zeit meist von einem petere. poshdare, deprecari die Rede war, 
werden nun zuweilen auch die in den Diplomen der Reichskanzlei 
üblichen Ausdrücke intervenire und intervenius gebraucht.^ 

Für den Historiker sind die Erwähnungen der Intervention nach 
mehreren Richtungen hin von großer Bedeutung. Sie geben ihm 



' Mehrfach ist hier die Intervention geradezu ein Zeichen der Fälschung. 
So z. B. in Jaffe-E. 204". 2048 die Füi'bitte der Frankenkönige Chlothar und 
Chlodwig, in Jaffe-E. 2073. 2074 die Dagoberts, in Jaffe-E. 2084 die Chlod- 
wigs und noch in Jaffe-E. 2294 die Pippins, sowie in Jaff^-E. 2328 die eines 
Bischofs und Karlmanns. Der Interpolation verdächtig ist in Jaff^-E. 2053 
die Intervention des Langobardenkönigs Rothari und seiner Gemahlin, in 
Jaffe-E. 2105 die des Bisehofs von Tours. Unter Agatho sind die Privilegien 
eines englischen Klosters auf Bitten K. Egfrids von Northumberland bestätigt, 
Jaffe-E. 2106, aber wir haben nur ein Extrakt des Privilegs, das Beda mit- 
teilt, und es ist nicht sicher, daß in diesem selbst die Intervention erwähnt 
war. Daß Fürbitten beim Papst vorkamen, ist natürlich selbstverständlich 
(s. oben S. 8) und auch sonst bezeugt, vgl. Jaff£-E. 2002. 2019. 2172. 2505; 
Mühlbacher, Reg.- 790: ungewöhnlich ist nur die Bezugnahme darauf in den 
Privilegien. Sie findet sich allerdings, aber nur sehr selten, wie z. B. in 
Jaffe E. 1374. 2020. 

- Die älteste Originalurkunde, in der das geschieht, ist Jaffä-E. 2663, 
von 855 für Corbie, die sich auf die Fürbitte {mandatum atqiie suppUcatin) 
Lothars I. und Ludwigs IT. bezieht. Aus dem 9. Jahrhundert gehört auch Jaff6-E. 
2446 hierher, allein das ist kein Privilegium. Falsch sind noch 2406. 2489. 
2533. 2562. 2570. 2714. 

^ Ich führe beispielsweise an Jaffa 2717. 2818. 2848. 3033. 3052. 
3472. 

* Bemerkenswert ist die Intervention des Patricius Alberich in Jaff^-L. 
3597. 3601. 3608. Sie wird als bloße Bitte oder Fürbitte bezeichnet, bedeutete 
aber gewiß mehr, vgl. W. Sickel, MIÖG. 23, 123. 

ä Vgl. z. B. Jaffe-L. 3600 {Hugo rex cum filio suo rege Lothario dcpre- 
catus est, vgl. 3605). 3635 {per interventum regis Ottonis). 3689. 3690. 3702. 
3712. 3715. 3721. 3724 (interpoliert). 3734. ZlZb (iiiterventii Olive comitis). 373S. 
3739 {per inten-entum Ottonis imperatoris). 3741. 3746. 3751. 3760. 3704; 
GGN. 1898 S. 58 n. 2 {ob interventum ac peticionem . . . Henrici imperatoris 
augusti) usw. Doch bleibt petere auch für das, was wir Intervention nennen, 
in der päpstlichen Kanzlei immer der üblichere Ausdruck. 

13* 



196 Fürbitter 



wertvolle Aufschlüsse über die Beziehungen des Ausstellers der Ur- 
kunde zu dem Intervenienten und lehren ihn die Personen kennen, 
deren Rat und Fürbitte auf den Herrscher von Einfluß war. Sie 
unterrichten ihn weiter über die Beziehungen des Intervenienten zum 
Empfänger der Urkunde und ergänzen insbesondere m dieser Be- 
ziehung die oft so empfindlichen Lücken unserer historiographischen 
Überlieferung auf das erwünschteste. Sie geben endlich Aufschluß 
über die Personen, die zu emer gewissen Zeit am Hofe des Herrschers 
verweilt haben, und das Verzeichnis der Intervenienten, die in den auf 
einem Hoftage oder während einer Heerfahrt ausgestellten Urkunden 
genannt sind, ist oft die einzige Quelle, aus der man die Teilnehmer 
an jenen kennen lernt. Denn für die in den Königsurkuuden ge- 
nannten Intervenienten darf wenigstens in den meisten Fällen, inso- 
weit nicht besondere Gründe für das Gegenteil sprechen,^ angenommen 
werden, daß ihre Fürbitte mündlich vorgebracht ist, während den 
Päpsten wie die Petition selbst so auch die Fürbitte häufig schriftlich 
vorgetragen zu sein scheint und hier also aus der Intervention auf 
persönliche Anwesenheit der Fürbitter nicht ohne weiteres geschlossen 
werden darf.^ 

Überblickt man die in den Urkunden als Fürbitter genannten 
Personen, so lassen sie sich leicht in zwei Kategorien scheiden." Ein- 
mal sind es Männer, bisweilen auch Frauen, die zu den Empfängern 
der Urkunden in näheren Beziehungen stehen, die aber wegen ihrer 
höheren Stellung leichter auf Gehör rechnen können, als die Empfänger 
selbst. Sodann sind es Personen, die den Ausstellern der Urkunden 
nahe stehen und deren Vermittlung deshalb von den verschiedensten 
Seiten nachgesucht wird. 

Die Intervenienten in den Papsturkunden gehören in der älteren 
Zeit fast immer zu der ersteren Klasse. In der Mehrzahl der Fälle 
sind es die königlichen Herrscher von Deutschland, England, Frank- 
reich, oder auch weltliche Machthaber niederen Ranges, wie die Grafen 
des nördlichen Spaniens, die sich für Kirchen ihrer Gebiete beim 



^ Solche Gründe sind z. B. vorhanden bei Mühlbacher, Reg.- 933, 
vgl. 930». 

- Diesen Unterschied hat Härttüng, Dipl. hist. Forschungen S. 404 f., 
nicht genügend beachtet. Fälle sicherer schriftlicher lutei-vention sind z. B. 
ÜAFFfi 2663. 2718. 3600. 3746. 8751, vgl. 3753. 4087. 4598. 4692 usw. 

^ Vgl. auch für alles zunächst folgende Ficker, BzU. 1, 232 ff., der die 
meisten hierher gehörigen Gesichtspunkte zuerst aufgestellt hat, und dazu 
Kehr, Hist. Zeitschr. 66, 405 ff. 



Fürbitter 197 



päpstlichen Hofe verwenden,^ oder Bischöfe, die für ihnen nahe- 
stehende Klöster Fürhitte einlegen.- Sehr viel seltener werden in 
älterer Zeit dem Papste hesonders nahestehende Personen als Inter- 
venienten genannt: auch die Kardinäle, deren Fürbitte gewiß in zahl- 
reiclien Fällen nachgesucht wurde, ^ werden kaum vor dem 11. Jahr- 
hundert in den Urkunden als Intervenienten erwähnt.'* 

Auch in den Urkunden der königlichen Kanzlei ist die erste 
Gattung von Intervenienten namentlich in der älteren Zeit zahlreich 
vertreten. So legt wohl ein Graf für Angehörige seiner Grafschaft.^ 
ein Herzog für Kirchen und Laien seines Herzogtums," ein Herr für 
seinen Vassallen oder Beamten,'' ein Bischof für Kleriker seiner Diözese*^ 
Fürbitte ein, oder hohergestellte Verwandte der Urkundenempfänger 
verwenden sich für diese. ^ Häufiger aber sind hier noch die Fürbitter 
der zweiten Kategorie, und in so zahlreichen Fällen, daß jede Ur- 
kundensammlung Beispiele in Fülle bietet und einzelne Anführungen 
unnötig erscheinen, treten sie uns entgegen. Es sind zunächst Ver- 



' Beispiele aus dem 10. Jahrhundert s. oben S. 195 N. 3. Aus dem elften 
führe ich beispielsweise als Intervenienten an: Heinrich II. Jäff^-L. 4028? 
Konrad IL 4087; Heinrich III. 4146. 4189. 4287; Philipp von Frankreich 4598; 
Wilhelm I. von England 4692. 

- Beispiele: Jaffe-L. 2717. 3676. 3741. 3754. 3761. 3831. 4632. 4633 usw. 

^ Sie gilt in den Kanzleiordnungen des 13. Jahrhunderts als etwas ganz 
gewöhnliches, vgl. Taxgl, KO. Ö. 54 § 8. 

* Zu den ersten Beispielen, die ich mir angemerkt habe, gehören Jaffe-L. 
4433. 4569. 4678, in denen Petrus Damiani und 4555, in denen Kardinal 
Stephan interveniert. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters ist es feste 
Regel und ausdrücklich vorgeschrieben, daß in den Papsturkunden Fürbitter nur 
erwähnt werden, wenn es sich um Fürsten, Kardinäle, Prälaten, Kapitel, 
Klöster, Patrone und Verleiher von Benefizien handelt; andere Intei-venienten 
lernen wir nur aus den Suppliken kennen. Vgl. v. Üttextual. Reg. cancell. 
S. 1 n. 2. 

5 Vgl. Mühlbacher, Reg.« n. 914; DH. I. 17; DDO. I. 10. 23; DO. II. 102; 
DH. II. 48; St. 2226. 

6 Vgl. DD. H. I. 10. 15. 30; DD. 0. I. 6. 25. 29. 466; DO. IT. 189; DO. III. 23: 
DK. II. 28; St. 2690. Diese Fälle sind besonders zahlreich und die Beispiele 
wären leicht zu vervielfachen. 

' Vgb Mühlbacher, Reg.^ 1618; D. Ber. I. 9; DK. I. 27; DH. I. 2; 
DO. I. 33. 

8 Vgl.MüHLBACHEE,Reg.M545. 1563; D. Ber. 1.84; DK. I. 2; DD. H. I. 17. 
38; DO. I. 29; DK. IL 117. 

^ Vgl. Mühlbacher, Reg.^ 152S; DD. 0. I. 17. 40. — Hier wie in den vor- 
angehenden Anmerkungen sind nur einzelne Beispiele meist aus älterer Zeit 
angeführt. 



1 98 Fürhitter 



wandte der Könige, die so genannt werden; eine Gemahlin,^ ein Sohn, 
eine Mutter, ein Bruder oder eine Schwester.- Sodann Beamte seines 
Hofes, der Erzkapellan, der Erzkanzler und der Kanzler — besonders 
liäulig der Erzkanzler und Kauzler für Italien, wenn es sich um An- 
ijeleirenheiten dieses Reiches handelt — vereinzelt auch wohl ein ein- 
facher Kapellan, oder ein Ministerial, wie etwa der Truchseß oder der 
Jäger des Königs. Weiter Große, deren hervorragenden Einfluß auf 
die Regierungsgeschäfte auch andere Quellen bezeugen, wie etwa der 
Bischof Liutward von Vercelli unter Karl IIL, der Erzbischof Hatto 
von Mainz unter Ludwig IV., der Erzbischof Willigis von Mainz unter 
Otto IIL, die Erzbischöfe Adalbert von Bremen und Anno von Köln 
unter Heinrich IV., oder auch solche Reichsfürsten, auf deren Einfluß 
wir eben aus ihren Interventionen schließen dürfen. 

In einigen Fällen gewinnt die Intervention noch eine andere und 
besondere Bedeutung. Daß bisweilen zwei oder mehrere Fürbitter 
genannt werden, findet sich nicht selten; fast zur Regel geworden 
aber ist es erst in der Zeit Ludwigs IV. des Kindes. Unter ihm 
steigt die Zahl der Intervenienten auf vier, sechs, acht, ja bisweilen 
auf zehn bis fünfzehn Personen, und in manchen Fällen wird aus- 
drücklich hinzugefügt, daß außer den genannten auch die anderen am 



' Die Intervention der Gemahlin des Herrschers wird in deutschen 
Königsurkunden besonders häufig seit der Heirat Ottos I. mit Adelheid er- 
wähnt, wie Kehr a. a. 0. S. 412 mit Recht hervorgehoben hat. 

* Daß die Nennung der Gemahlin und des Sohnes des Königs vielfach 
keine sachliche Bedeutung gehabt habe, sondern nur eine ehi-ende Erwähnung 
bezwecke, möchte ich nicht mit Ficker, BzU. 1, 232, annehmen; vgl. dagegen 
auch Kehr a. a. 0. S. 411 N. 2. Auch in den Jahren, in denen sie am häufig- 
sten vorkommt, finden sich nicht wenige Urkunden, in denen sie fehlt, und 
sie fehlt immer, wenn wir die Abwesenheit der Gemahlin oder des Sohnes 
vom Hoflagcr des Königs bestimmt nachweisen können. Und auch unter 
Heinrich III. finden sich andere Intervenienten als Gemahlin und Sohn öfter, 
als Ficker a. a. 0. annimmt, wenn auch in den späteren Jahren seltener als 
früher. So möchte ich nicht bezweifeln, daß, wenn eine Intervention in den 
Urkunden erwähnt wird, sie in der Regel auch wirklich stattgefunden hat. 
Selbst die Erwähnung ganz unmündiger Prinzen als Intervenienten (wie etwa 
Ottos II. in DO. I. 215 oder Ottos III. in DO. IL 265 oder Heinrichs IV. in einer 
Anzahl von Urkunden Heinrichs III. aus den Jahren 1054 — 1056) halte ich 
nicht für ganz bcdeutungslcs, sondern glaube, daß dabei ebenso irgend eine 
zeremonielle Form beobachtet worden ist, wie das geschehen ist, wenn man 
den jungen Heinrich IV. nach dem Tode des Vaters Urkunden unterschreiben 
ließ. Natürlich haben Interventionen der letzteren Art keinen merkliehen Ein- 
fluß auf die Ausstellung der Urkunden ausüben können, aber die Anwesenheit 
der Intervenienten am Hofe wird auch in solchen Fällen anzunehmen sein, 
wenn nicht besondere Gründe vorliegen, um an ihr zu zweifeln. 



Fürhitter 199 



Hoflager anwesenden Großen sich bei der Intervention beteiligt haben. 
Hier liegt offenbar ein anderes Verhältnis vor, als das, welches wir 
bisher gekennzeichnet haben ; es handelt sich nicht ' um eine bloße Für- 
bitte bei einem selbst entscheidenden Herrscher, sondern vielmehr 
darum, daß im Xamen des unmündigen Königs die Gesamtheit der 
am Hofe anwesenden Großen, unter vorwaltendem Einfluß einzelner, 
damals besonders Hattos von Mainz und Adalberos von Augsburg, die 
Regierungsgeschäfte führt; die Intervention ist hier eine bloße Form, 
hinter der sich die tatsächliche Entscheidung der Dinge birgt. 

Das so gesteigerte Ansehen der Fürsten wirkt dann auch noch 
unter der nächsten Regierung nach; auch unter Konrad I. ist die 
Nennung mehrerer Intervenienten noch recht häufig, um darauf unter 
Heinrich I. und Otto I. wieder seltener zu werden. Die Intervention 
ist jetzt eine Form, in der die ersten Anfänge ständischer Mitregierung 
der Fürsten zum Ausdruck gelangen; und Fälle, in denen viele oder 
alle am Hofe anwesenden Großen als Fürbitter genannt werden, unter- 
scheiden sich nicht wesentlich von denen, in welchen in der oben^ 
besprochenen Weise ihr Beirat oder ihre Zustimmung erwähnt werden, 
wie denn auch nicht selten die Ausdrücke consilium und interventus 
oder consensus und interventus nebeneinander gebraucht sind. Daß 
dann unter Otto IIL sich nicht ganz die gleichen Verhältnisse wieder- 
holen, wie unter Ludwig IV., hat seinen Grund darin, daß jetzt die 
Reichsverwesung entschieden in den Händen einer Person, erst der 
Theophanu, dann der Adelheid liegt; ihre entscheidende Stimme wird 
bisweilen ausdrücklich von der bloßen Fürbitte anderer unterschieden, - 
während in anderen Fällen ihre Führung der Regierungsgeschäfte 
doch nur in der bloßen Erwähnung der Intervention zum Ausdruck 
gelangt. Ähnlich steht es während der ersten Zeit der Minderjährig- 
keit Heinrichs IV.: die Urkunden, die bis zum Jahre 1062 in seinem 



1 S. 37flF. 

- Für diese entscheidende Stimme der Kaiserinnen werden besonders die 
Ausdrücke votimi und petitio (daneben auch ob amorem, ob dilectionem u. dgl.) 
gebraucht, und sie wird in einer ganzen Anzahl von Fällen sehr bestimmt von 
dem interventus anderer Großen geschieden. Gegen die abweichende Meinung 
Kehrs a. a. O. S. 428 X. 1 hat Uhlirz, NA. 21, 115ff., meine in der ersten Auf- 
lage angedeutete Auffassung dieser Formeln in eingehender Untersuchung als 
zuti-effend erwiesen und S. 125 die Formeln für die Zeit der Theophanu zu- 
sammengestellt. Nach Theophanus Tode werden ähnliche Formeln, in denen 
die nunmehrige Regentin Adelheid erwähnt wird, etwas seltener, verschwinden 
aber nicht aus den Urkunden, vgl. z. B. DD. 0. III. 93. 108. 118 {ob interrentum 
Äthalheidis . . . aliorumque fidelium . . . consiiltu). 120 {ob petitionem ei interven- 
tum Adalheidis . . . nee non et interventum fidelium) 131. 132. 133. 135 u. a. 



L>Oü Fürbitter 



Xamen ausgestellt sind, iieimen fast sämtlich nur die Kaiserin Agnes, 
die Reii'hsregentin, als Fürbitterin; wenn neben ihr noch andere Inter- 
venientfii vorkommen, wird gelegentlich auch hier eine Scheidung 
gemacht, wie unter Otto 111.^ Seit dem Staatsstreich von Kaiserswerth 
ändern sich dann aber diese Verhältnisse; der Name der Kaiserin 
Agnes verschwindet aus den Urkunden des jungen Königs, um später 
nur noch vereinzelt wieder aufzutauchen; statt ihrer erscheinen nun 
wieder, wie unter Ludwig IV., die Männer als Intervenienten, die in 
dem Einzelfall die Entscheidung im Namen des unmündigen Herrschers 
gegeben haben. Treten dabei häufig einzelne besonders einflußreiche 
Herren, Anno von Köln, Adalbert von Bremen, Siegfried von Mainz, 
in den Vordergrund, so werden doch nicht selten auch andere Fürsten, 
oder, wie unter Ludwig IV., die gerade bei Hofe anwesenden Fürsten 
als Fürbitter genannt, oder es wird gesagt, daß außer einzelnen mit 
Namen angeführten Fürsten auch alii {caeteri) fideles oder auch famili- 
äres nostri interveniert hätten.- Und ganz wie im Anfang des 
10. Jahrhunderts hat dann auch in der zweiten Hälfte des 11. der 
während der Minderjährigkeits-Regierung aufgekommene Brauch noch 
später nachgewirkt. Auch als Heinrich unfraghch persihilich und in 
eigenem Namen die Herrschaft führte, hat seine Kanzlei daran fest- 
gehalten, in zahlreichen Fällen eine Mehrzahl einflußreicher Fürsten 
als Fürbitter zu nennen. Konnten wir für die ältere Zeit im all- 
gemeinen daran festhalten, daß die als Intervenienten in den Ur- 
kunden aufgezählten Personen von dem Bittsteller wirklich um Unter- 
stützung seines Gesuchs augegangen waren, so wird das für diese Zeit 
nicht mehr überall zutreffen. Zwischen Intervention, Rat und Zu- 
stimmung der Fürsten machen die Urkunden noch weniger als früher 
einen scharfen Unterschied; häufig sind Ausdrücke angewandt, die auf 
das eine wie auf das andere bezogen werden können;^ kurz, es wird 
auch die Erwähnung der Intervention wie die des Beirats der Fürsten 
ein Mittel, um ihre Teilnahme an den Geschäften der Reichsregierung 



' Vgl. z. B. St. 2553 für Minden: consiliante et precarite . . . Ägnete im- 
peratrice, ob petitione7?i et ßdele servitium . . . Coloniensis arekiepiscopi Annanis. 

* Vgl. z. B. St. 2609, Intervenienten vier Erzbischöfe, drei Bischöfe, ein 
Herzog, ein Graf aliique fideles nostri ; 2613, Intervenienten Siegfried und Anno 
eeterique episcopi duces et comites; 2633, Intervenienten Anno caeterique fideles 
nostri, und so sehr oft auch noch in späterer Zeit, vgl. St. 2704. 10. 61. 62. 
72. 82. 2804. 18—20. 24 usw. 

' Vgl. z. B. : subvenientibus et consilium dantibus St. 2732, consilio et inter- 
pellatione 2756, submonentibus 2729. 2750, submonentibus ac rogantibus 2792 
faventibus 2867, ad hoc nitentibus 2803, succinentibus 2790, adstipulatione 2762, 
consilio et interventu 2834, consilio et rogatu 3035. 



Übergang von der Intervention zum Zeugnis 201 



in den Urkunden zum Ausdruck zu bringen und das Gewicht der 
köuiglichen Verfügung dadurch zu verstärken, was iu einer Zeit, da 
die Autorität der Krone vielfach in Frage gestellt war, um so gebotener 
erscheinen konnte.^ 

Dieser Zweck wurde nun aber auch erreicht, wenn lediglich die 
Anwesenheit der Fürsten zur Zeit einer vom König getroffenen An- 
ordnung hervorgehoben wurde: die, welche Zeugen einer königlichen 
Verfügung gewesen waren, ohne ihr zu widersprechen, durften wolil 
im allgemeinen als mit ihr einverstanden betrachtet werden. So hat 
es denn mit jenen Formeln, die Fürbitte oder Beirat der Fürsten 
ausdrücken, einen wesentlich gleichen Sinn, wenn in den Urkunden 
nur ihre Gegenwart erwähnt wird. Ich finde das zuerst ^ vereinzelt 
schon im Anfang der Regierung Heinrichs IV., da die Regentin Agnes 
einen Streit zwischen dem Bischof von Straßburg und einem Grafen 
entscheidet.^ Häufiger aber wird es erst seit dem Jahre 1074, und 
es ist bezeichnend, daß es gerade die Zeit der entscheidenden Krisis 
in der Regierung des Königs ist, in der so die Gegenwart der Fürsten 
betont zu werden beginnt, und in der somit der Übergang von der 
Intervention zum Zeugnis in Königsurkunden sich anbahnt.* 



' Vgl. FiCKER, Vom Eeichsfürstenstand 2, 73 f. 

2 Ein ganz allein stehender Fall aus früherer Zeit ist das D. Karls III., 
MüHLBACHEB, Reg." 1760, wo es in der Datierungszeile heißt: praesentibns pliiri- 
btis principibus nostris\ die Urkunde stammt aus einer Zeit, da der Kaiser nicht 
mehr im Vollbesitz der Herrschaft war. 

^ St. 2580; die Tätigkeit der Regentin wird in der üblichen Weise durch 
ihre Intervention zum Ausdruck gebracht: dann heißt es, daß die Entschei- 
dung getrofien sei in praesetitia A. Wormatiensis, C. Spireusis, G. Eistetensts 
episeoporum principzan nostrorum nee non Eberhardi comitis usw. 

* Vgl. z.B. in praeseniia principum nostrorum St. 2770. 2782; praesentibus 
regni prmcipibus 2112. 2790. 2907. 2908. 2956: praeseniibus assensumque prae- 
bentibiis 2893; asiantibus principibus 2955; in conspedu omnium qui tunc ibi 
aderant principum 2956 (offenbar gleichbedeutend mit consilio principum nostro- 
rum, qui interfuere 2965); coram episcopis ceterisque principibus nostris 2999 
(vom Gegenkönig Hermann). Dann heißt es schon in St. 2838. 2839 : ob intcr- 
rentum filii nostri C. et fidelis nostri B. Lausannensis episcopi et cancellarii 
consilio et sub testimonio eorum et ceterorum fideiium nostrorum (folgen andere 
Namen); von denselben Personen, deren Zeugnis in 2839 erwähnt wird, heißt 
es in St. 2845, einer zweiten Urkunde über denselben Gegenstand, daß die 
Verfügung propter consilia derselben getroffen sei. Vgl. weiter petitione et 
testimonio St. 2854. Es ist hervorzuheben, daß die Einführung dieser Rede- 
weise in die Reichskanzlei zu gutem Teil auf einen einzelnen Beamten, den 
Diktator Adalbero C, zurückgeht. In älterer Zeit scheint die Gleichsetzung 
von testes und interventores nur einmal unter Otto III. (DO. III. 95) vorzu- 
kommen, worauf Ekbex, UL. S. 351, aufmerksam gemacht hat. — Übrigens ist 



202 Zeugen in Königsurkunden 



Vor dieser Zeit ist die Erwähnung von Zeugen in Königsurkunden 
eine außerordentlich seltene Erscheinung, und in der Mehrzahl der 
Fälle, in denen Zeugenlisten auf Diplomen früherer Könige erscheinen, 
sind eben diese Listen schon ein Merkmal der Unechtheit oder geben 
sich als spätere Zutat zu erkennen.^ Des Unterschiedes, der in dieser 



hier anzumerken, daß auch nach dem vollzogenen Übergang der Intervenienttn- 
listen in Zeugeulisten die Erwähnung von Intervcnientcn in Königsurkundeu 
vorkommt, daß dieselbe sich bis ins spätere Mitti'laltcr hinein, wenn auch nicht 
gerade sehr iiäulig, findet. Wo das aber der Fall ist, handelt es sich wieder 
um eine wirkliche Fürbitte in dem Sinne, der in der ältesten Zeit mit der 
Intfu-vention verbunden war. 

' Echte langobardische Königsurkundeu mit Zeugen gibt es nicht, vgl. 
Chuocst S. 87. — Aus merovingischer Zeit ibt DM. 19. ein Klosterprivileg 
für St. Denis, das einzige Original eines Diploms, das andere Unterschriften 
als die des Königs und des Referendars aufweist; aber es handelt sich dabei 
nicht eigentlich um Zeugnis, wie noch Levison, NA. 33, 756, annimmt, sondern 
um Konsens, s. oben S. 33. Auch in DM. 29 (Abschrift aus dem Anfang des 
11. Jahrh.) sind die Unterschriften zweier Königinnen (der Tante Childerichs II., 
die für ihn die Regentschaft geführt hatte, und seiner Gattin) sowie die eines 
dux Gundoinus (die übrigens in einer jüngeren Handschrift fehlt, worauf Levi- 
.soN a. a. 0. N. 2 hinweist) sicher nicht auf Zeugnis zu beziehen: die drei Namen 
und der des domesticus Hodo, der bei den Vorverhandlungen mitgewirkt hatte, 
werden schon in der Intitulatio neben dem König aufgeführt, was bei Zeugen 
keinen Sinn hätte; ich vermute, daß in der Intitulatio mit der Handschrift 2 
das Wort cum vor den Namen Gundoins und Hodos zu streichen ist, daß 
diese die Adressaten der Urkunde sind, und daß ihre Namen mit denen der 
beiden Königinnen aus Intitulatio und Adresse an den Schluß der Urkunde 
interpoliert sind. Das DM.31 mit Zeugenuuterschriften, die auch in der Korro- 
boratiousformel angekündigt werden, hat lange für echt gegolten (vgl. noch Erben, 
UL. S. 349 N. 4), ist aber jetzt von Levison, NA. 33, 745 f., 753 ff. als gefälscht 
erwiesen worden. In DM. 40 endlich sind, wie es auch um die zwischen Krüsch 
xmd Levilläin streitige Echtheit der Urkunde bestellt sein möge (wir brauchen 
darauf hier nicht einzugehen), Datierung und Unterschriften, die in der ältesten 
Handschrift fehlen, jedenfalls interpoliert, vgl. NA. 29, 250. 81, 341. Gibt es 
also jetzt kein echtes merovingisches Diplom mit wirklichen Zeugenunter- 
schriften, so hat es doch ein solches gegeben. Nach den Gesta Dagoberti 
cap. 42 (MG. SS. rer. Merov. 2, 420) hat Dagobert I. sein letztes Diplom, weil 
er es iu seiner Todeskrankheit nicht mehr selbst unterschreiben konnte, von 
seinem Sohn Chlodwig und von den anwesenden Großen propriis subscriptioni- 
bus unterfertigen lassen. Hier handelt es sich also wirklich um Zeugenunter- 
schriften, aber der Fall steht ganz allein da. Das von den Großen mit unter- 
zeichnete Testament Dagoberts aber, das in den Gesta Dagoberti cap. 39 er- 
wähnt wird (vgl. Levison, NA. 27, 333 ff.), hat auch in anderen Formen und 
Formeln sich den Privaturkunden angenähert und ist in dieser Hinsicht mit 
dem von Einherd überlieferten Testament Karls d. Gr. (Mühlbacher, Reg.- 458) 
zu vergleichen, das ebenfalls kein Diplom war. An seiner Echtheit zweifle ich 
nicht. — Gehen wir zur karolingischen Epoche übei', so weist D. Kar. 16, 



Zeugen in Königs^irktinden 203 



Beziehung zwischen den regelmäßig mit Zeugenunterschriften ver- 
sehenen Privaturkunden und den ebenso regelmäßig zeugenlosen 



ausgestellt von Pippin für Kloster Prüm, die Unterschriften dos Königs, sciiilt 
Gremahlin, seiner Söhne (diese ausdrücklich als konsentierend bezeichnet), dann 
von 8 Bischöfen und 12 Grafen auf. Ich möchte das nicht mit Mühlbacheu 
daraus erklären, daß es sich hier um eine „Familienurkunde" handele; denn 
ich wüßte nicht, warum solche Unterschriften gerade „dem Charakter einer 
Familienurkunde entsprechen" sollten; vielmehr wird auch hier, wie schon 
SiCKEL, BzD. 4, 17 (579), angenommen hat, an den bei Klosterprivilegien üb- 
lichen Konsens zu denken sein. Es ist bezeichnend, daß von den Bischöfen 
zuletzt der Diözesan unterzeichnet, vielleicht ist gleichzeitig aucii ein bischöf- 
liches Privileg für Prüm ausgestellt worden; vgl. auch Tangl, MIÜG. 20, 203. 
Auch in DKar. 32 für Fulda, gleichfalls einem Klosterprivileg, würden dem- 
nach Unterschriften nicht befremden können; aber, wie Tangl a.a.O. 193 ft'. 
•J20ff. nachgewiesen hat (vgl. dazu jetzt Stengel, AfU. 5, 103 ff.), ist das Diplom 
(zuletzt gedruckt bei Stengel, UB. des Klosters Fulda 1, 39 n. 20) gefälscht und die 
Liste der Unterschriften im Kloster aus anderen Urkunden zusammengestellt. 
Wenn in DKar. 66 (vgl. den Nachtrag MG. DD. Kar. 1, 563) Unterschriften a pon- 
tifice rel a leudis nostris in der Korroboration angekündigt werden, so geht 
diese Formulierung auf die Einwirkung einer fränkischen Privaturkuude zurück; 
vorhanden sind solche Unterschriften in dem Diplom nicht. Die Unterschriften 
in der ältesten Urkunde Ludwigs d. Fr. als Königs von Aquitanien (Müil- 
BACHER, Reg.- 51(j) gehören den Männern an, die für den königlichen Knaben 
die Regierung führten; Zeugenunterschriften sind es nicht. Auch die Unter- 
schriften in dem Vertrage Ludwigs d. Fr. von 817 mit dem Papst (MriiLBAciiER, 
Reg.- 643) und in seinen Bestätigungen durch Otto I. und Heinrich II. (DO. 
I. 235. DH. II. 427) bedeuten viel mehr als ein bloßes Zeugnis; schon bei den 
Schenkungen Pippins und Karls an die römische Kurie, die nicht erhalten 
sind, hatte diese Wert darauf gelegt und durchgesetzt, daß die Zustimmung 
der Großen des Reichs in den Urkunden durch Unterschrift zum Ausdruck 
kam. Wenn es ferner in der Datierungszeile des DH. I. 1 1 für Chur vom 
Jahre 926 heißt: actum in civitate Vuormatia praesente domno rege liuodulfo, 
so ist das nur eine ehrende Erwähnung des auf dem Hoftage anwesenden 
Königs von Burgund, ähnlich wie in der Datierungszeile des DH. II. 428 
die Erwähnung des Papstes: venerahili papa Betiedicto presente et confir- 
mante, womit man vergleichen mag, daß in einer 1023 bei der Zusammen- 
kunft Heinrichs II. und Roberts von Frankreich ausgestellten Urkunde dos 
letzteren der Kaiser sogar als Mitaussteller genannt wird, vgl. die \'orbemer- 
kung zu DH. II. 492. Was endlich die Unterschriften des DH. II. 255 von 
1013 betrifft, so sind sie aus einem Synodalprotokoll von 1007 in ein die 
Synodalbeschlüsse bestätigendes Diplom jenes Jahres und daraus in das 
Diplom von 1013 übergegangen. — Die älteste Königsurkunde mit wirk- 
lichen Zeugen ist danach das DO. L 85 von 947 für Essen; ea ist nicht 
unecht, wie Sickel ursprünglich annahm, sondern muß als echt anerkannt 
werden (vgl. DO. IL 49 und v. Ottenthal, Reg. 145); aber die Zeugenliste ist 
nicht in der Kanzlei, sondern auf einem von dieser gelieferten Blankett mit 
dem größten Teile des Kontextes von einem Privatschreiber, jedenfalls im 
Kloster, hergestellt; daß die in der Liste genannten Männer wirklich Zeugen 



204 Zeugen in Frivaturkunden 



Künigsurkuiulen bestand,^ ist man sich schon im 11. Jahrhundert be- 
wußt gewesen; ein Mönch des bayrischen Klosters p]bersberg, der die 
Urkunden seines Stiftes kopierte, fügte der Erwähnung einer Verfügung 
Konrads 11. von 1034, durch die ein Tausch zwischen Freising und 
Ebersberg bestätigt wurde, die Bemerkung hinzu: testes in hac re ne 
requirafi, qtiihus in concampiis et testameniorum dationc non eget regia 
midoritas.^ Die Gründe für diesen Unterschied erhellen aus dem, was 
trüber über die Stellung und den Wert der Königsurkunde im Beweis- 
verfahren bemerkt worden ist; die Anfechtung ihres sachlichen Inhalts 
war rechtlich unmöglich und ihre formale Echtheit wurde nicht durch 
Zeugeubeweis, sondern durch die Aussagen des königlichen Kanzlei- 
personals oder des Königs selbst erwiesen. 

Daß von Privaturkunden das Umgekehrte gilt, haben wir gleich- 
falls schon früher gesehen. Sie sind in erster Linie kein selbständiges 
Beweismittel für die in ihnen berichteten Tatsachen, sondern sie er- 
leichtern nur den Zeugenbeweis. Nur in gewissen Fällen können sie 
nach einem in das ribuarische Kecht eingeschalteten Königsgesetz, 
das indessen in Sachsen und Bayern nicht galt und auch im übrigen 
Deutschland in nachkarolingischer Zeit außer Kraft trat, selbständiges 
Beweismittel werden. Unter diesen Umständen können die älteren 
deutschen Privaturkunden der Zeugenunterschriften nicht entbehren, 
und die Yolksrechte enthalten denn auch mehr oder minder ein- 
gehende Bestimmungen darüber.-^ Hinsichtlich der Zahl der Zeugen 



der Handlung waren, ist nicht in Zweifel zu ziehen. Ganz ebenso steht es 
mit dem DK. II. 124 von 1028 für Corvey; auch hier ist die Zeugenliste samt 
dem Kontexte auf ein von der Kanzlei geliefertes Blankett im Kloster ein- 
getragen. In beiden Fällen hat die Kanzlei die so angefertigten Urkunden 
nicht beanstandet und beglaubigt. Sie selbst aber hat vor der Zeit Hein- 
richs IV. wohl bisweilen im Texte Zeugen von Rechtshandlungen, die der des 
Königs vorangingen (so z. B. in DK. II. 199 einer Tradition der Kaiserin Gi- 
sela oder in St. 2195 eines Tausches) verzeichnet, aber den Königsurkunden, 
die sie ausfertigte, niemals eine Liste von bloßen Zeugen hinzugefügt. Denn 
alle Diplome, die früher für das Vorkommen solcher Zeugen angeführt worden 
sind, sofern sie nicht in den vorangehenden Ausführungen eine andere Erklärung 
gefunden haben, durch neuere Untersuchungen als falsch oder interpoliert er- 
wiesen worden. 

* Vgl. darüber Brunneu in Festgabe für Heffter (Berlin 1879) S. 155 ff. 

- Libell. concamb. Ebersperg. ed. Hundt, Abhandl. d. Bair. Akad. Hist. 
Claaae 14, 3, 157, jetzt auch DK. II. 213. 

3 Lex Alam. 1, 1. 2, 1. Lex Salic. Extrav. 4, ed. Behrend S. 122. Lex 
Rib. 59 1. 7. Lex Baiuv. 1, 1. 16, 16. Edictus Langob. Ratcbis 8. Lex Bur- 
gund. t. 43. 60. 99 (add. 1, 12). 



Zeugen in Privaturkunden 205 

treffen sie verschiedene Bestimmungen; die lex Ribuaria schreibt bei 
Kauf- und Schenkungsurkunden über Grundbesitz sieben Zeugen für 
eine res parva, zwölf für eine res viagna vor, ohne eine Grenze zwischen 
großen und kleinen Objekten zu ziehen; das burgundische Gesetz er- 
fordert fünf oder sieben, bei causae minores nur drei Zeugen; eine in 
Italien aufgezeichnete Bestimmung des salischen Rechts scheint die 
Zahl von sieben Zeugen als die normale zu betrachten,^ Jwährend das 
bayrische und alamauuische Recht sechs oder mehr Zeugeu verlangen.^ 
Üher die Qualität der Zeugeu enthalten die Volksrechte keine beson- 
dere Bestimmung; das langobardische Recht verlangt, daß sie idonei 
sein müssen. Gegen Freie waren jedenfalls nach dem Prinzip der Eben- 
bürtigkeit nur freie Männer zeugnisfähig; einem Gesetz Ludwigs des 
Frommen zufolge waren sogar nur freie Grundbesitzer zum Zeugnis 
vollberechtigt.^ In der Praxis war die Zahl der Zeugen sehr verschieden; 
selten werden weniger als sieben festes in den Urkunden genannt,^ dagegen 
kommen oft bedeutend höhere Zahlen vor. Urkundenzeugen konnten 
nicht alle sein, die bei der zu beurkundenden Handlung zugegen ge- 
wesen waren, sondern sie mußten besonders dazu berufen oder auf- 
gefordert sein und werden darum häufig als festes rogati oder vocati 
bezeichnet. Eine spezielle Eigentümlichkeit zahlreicher bayrischer Ur- 
kunden ist es, die Ohrziehung der Zeugeu [testes per aiirem tracti) zu 
erwähnen. 

Die Tätigkeit der Zeugen bei dem Beurkundungsgeschäft wird mit 
sehr verschiedenen Ausdrücken, am häufigsten aber als firmare oder 



* Die Siebenzahl geht jedenfalls auf römischen Brauch zurück, vgl. 
Bruns, Die sieben Zeugen des römischen Rechts, Klein<> Schriften 2, 119 ff. 

* Die alamannischen Formulare erwähnen mehi-fach signa testium septem 
vel amplius, vgl. Form. Augiens. Coli. B. 1. 3. 17. 21. 34. 37. 40. 42. In einem 
St. Galler Formular (Collect. Sangall. 6) heißt es: scribe minimum 5 (testes) et 
inde usque 30 velquotum rolueris numerum; in einem anderen (Coli. Sangall. 7): 
seribe 5 et deinde quatitoscumque; aber auch hier, Cdl. Sangall. 9, scribe 7 
vel j)lus. 

^ Heusler, Institutionen 1, 157. Ficker, BzU. 1, 86; Waitz, VG. 4, 423f.; 
Bbunkek, DRG. 2, 396. Inwieweit die Stammesverschiedenheit beim Zeugeu- 
beweis in Betracht kam, ist streitig. In den Urkunden und Formeln werden 
die Zeugen oft als boni homines bezeichnet; die Bedeutung dieses Ausdrucks 
ist gleichfalls streitig. 

* Wenn weniger als sieben Zeugen vorkommen, so ist die Sechszahl die 
häufigste; der Schreiber wurde dann wohl als siebenter Zeuge gerechnet. In 
Bayern wird der Schreiber oft ausdrücklich als Zeuge genannt, vgl. Brinneb, 
ZR. S. 253, anderswo seltener. Zuweilen wird der Aussteller selbst auch als 
Zeuge bezeichnet, wie z. B. 761 in St. Gallen, Wartmann 1, n. 27, und häufig 
in den Weißenburger Traditionen, z. B. Zecss n. 2. 3. 4 usw. 



206 Form der Zeugenunterschriften 



rohorare {co/ifirinare, corroborare) cartam bezeichnet. Eine eigenhändige 
Untersclirift der Zeugen wird dabei durcli das Gesetz nirgendwo ver- 
langt; nur das burgundische lieclit setzt diese oder mindestens die 
oigonbändige Anbringung eines Handzeichens — gewölmlich eines 
Kreuzes — auf den Urkunden voraus;^ die übrigen Volksrechte sehen 
es als eine genügende firmatio an, wenn die Zeugen zu der Urkunde 
irgendwie in ein körperliches Verhältnis getreten sind, was in der Regel 
durch ein Berühren der Urkunde mit der Hand [cartam tangere, manum 
in cartam mittere, imponere usw.) geschah, und wenn demnächst die 
Namen der Zeugen in der Urkunde verzeichnet wurden. Bei der außer- 
gericlitlichen Notitia. war nicht einmal eine solche Berührung der Ur- 
kunde erforderhch, sondern es genügte die bloße Gegenwart der Zeugen 
und ihre Erwähnung in der Urkunde.- 

Die Form der Zeugenunterschriften, wie die der Unterschriften im 
früheren Mittelalter überhaupt,^ ist eine zweifache.* Entweder die 
Formel der Unterschrift wurde, vom Standpunkt des Unterschreibenden 
aus, subjektiv gefaßt und lautete dann — in einfachster Gestalt^ — : 
-r ego nie suhscripsi oder ego ille suhscripsi -'-;^ oder sie wurde, von 
gleichem Standpunkt aus, objektiv gefaßt und lautete signum (oder 
Signum manus) f illius. Dabei war aber nach den Bestimmungen der 
römischen Gesetze der Ersatz der eigenhändigen durch die Signum- 
Unterschrift nur dem Aussteller einer Urkunde und auch diesem nur 
dann, wenn er des Schreibens unkundig war, gestattet;'' als Zeugen 
konnten nur schreibkundige Personen gewählt werden, die eigen- 
händig unterzeichnen mußten.** An diesen Grundsätzen hat man 



' Lex Burgund. t. 43; ebenso das westgotische Gesetz, auf das wir aber 
nicht näher einzugehen haben; vgl. Brunnek, Carta und Notitia S. 14: Zeumer, 
NA. 24, 13fF. Wenn Kegino von W-\\m, Form. Extravag. 1, 18, Zeumer S. 545, 
für die carta ingenuitatis eigenhändige Zeugensigna (sigiia propria manu im- 
pressa) verlangt, so kann ich bei dem Mangel älterer Prümer Originalurkunden 
nicht feststellen, ob dem ein Brauch dieses Klosters zugrunde liegt; allgemein 
in Lothringen war jedenfalls eigenhändige Signierung der Zeugen zu Reginos 
Zeit nicht üblich. 

2 Vgl. Brünner, ZR. S. 39. 230. 253. 

3 S. oben S. 176 f. 

* Vgl. SiCKEL, Privilegium Ottos I. S. 27 ff. 

^ Die aber zumal in den früheren Jahrhunderten in der Regel durch 
mannigfache Zusätze erweitert wurde. 

^ In gerichtlichen notitiae pflegt es statt dessen in Italien zu heißen: 
interfui. 

' Vgl. Zeumeb, na. 24, 19. 

* Diese Regeln werden in den älteren ravennatischen Papyrusurkunden 
beachtet. Vgl. Mahixi S. 131: Maria stellt eine Urkunde aus cuique quia litte- 



Form der Zeicgenunter Schriften 207 

in der Stadt Rom am längsten festgehalten, insofern wenigstens, als 
die Signum-Unterschriften für Zeugen hier nie eigentlich gebräuchlich 
geworden sind.^ Doch beschränkte man hier schon im Laufe des 
10. Jahrhunderts die Zeugenunterschrift unter Fortlassung der früher 
angewandten längeren Formel und sogar des Verbums s^ibscripsi auf 
die einfache Nennung des Namens des Zeugen: ;<- Leo nohiU vivo, mit 
oder ohne Hinzufügung von testis, und man begnügte sich bei den 
längeren Unterschriften sowohl wie bei diesen verkürzten oft damit, 
daß nur die Kreuze und die Namen oder auch nur die Kreuze allein 
autograph waren, während im übrigen der Schreiber der Urkunde an 
Stelle des Zeugen eintrat. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts wurden 
dann bisAveilen die Kreuze bei einigen oder allen Zeugen fortgelassen, 
und dies wurde im Laufe des 12. Jahrhunderts allgemein üblich, so 
daß nun nur eine vom Urkundenschreiber angefertigte Liste der 
Zeugen am Schlüsse der L'rkuude vor der L'nterschrift des Scriniars 
übrig blieb.^ 

Schon in der nächsten L'mgebung von Rom, z. B. in Nepe und 
Sutri, ging man dagegen auch bei den Zeugenunterschriften allgemein 
zu der Signumformel über, und diese, die in Ravenna schon im 
6. Jahrhundert vorkommt,^ ist im Laufe der Zeit in ganz Italien ebenso 
-wie in Deutschland durchaus üblich geworden. Daneben kommen 
freilich ganz oder wenigstens teilweise autographe Zeugenunterschriften 
mit Anwendung der subjektiven Formel in Italien bis ins 1 2. Jahr- 
hundert hinein gar nicht selten vor; insbesondere geistliche Herren, 
aber auch Laien haben als Zeugen von L'rkunden eigenhändige Unter- 
schriften geliefert.^ In Deutschland dagegen sind von vornherein bei 



7as ignoro, signujn feci. Signum MariaedoHatricis. Die Zeugen unterschreiben 
dann mit der Formel: Flavius Gregorius . . . testis subscripsi: vgl. ebenda S. 133. 
139 usw. 

* Ausnahmen sind außerordentlich selten, vgl. z. B. die Urkunde von 966, 
Arch. della Soc. Rom. 24, 440 n. 4. 

- Belege für das im Text ausgeführte geben die Publikationen stadtrömi- 
scher Urkunden bei Hartmann, Tabularium S. Mariae in Via Lata und iin 
Arch. della Soc. Eomana Bd. 21 ff., sowie die Faksimiles solcher Urkunden bei 
Hartmaxn und im Arch. paleograf. Italiano Bd. 2. 

3 So bei einigen Zeugenuuterschriften der Urkunde von c. 540, Mabini 
n. 118 S. 179f. 

* Allerdings ist später die eine Eigenhändigkeit anzeigende Formel viel- 
fach auch da angewandt worden, wo nur ein Teil der Unterschrift, etwa das 
einleitende Kreuz und Chrismon, oder das Subscriptionszeicheu, ja selbst da, 
wo gar kein Teil der Unterschrift mehr eigenhändig war. So in den Rekog- 
nitionszeilen der königlichen Diplome, denSubscriptionszeilen der Schreiber in den 



208 Form der Zeugemmterschriften 



der Seltenheit schriftkiiiidiger Zeugen eigenhändige Zeugemmterschriften 
außerordentlich selten gewesen,^ und es ist dafür besonders hezeich- 
neiul, daß die St. Galler und die Keichenauer Formiilarsammlungen, 
die mehrfach AnAveisungen über die Art der Zeugenunterschriften geben, 
den Fall eigenhändiger Subscription überhaupt nicht kennen, sondern 
die Form Signum f illius als die einzig zur Anwendung kommende 
betrachten. 2 

Aber auch diese Form ist nicht dauernd in dem Sinne angewandt 
worden, in dem sie von der römischen Gesetzgebung für den Aussteller 
einer Urkunde vorgeschrieben war. Setzte diese die eigenhändige Hinzu- 
fügimg des Kreuzes durch den Signierenden voraus und ergibt sich 
aus den ravennatischen Papyrusurkunden, daß dementsprechend in 
spätrömischer Zeit auch in der Praxis verfahren worden ist,^ so hat man 
doch auch in Italien schon im früheren Mittelalter daran nicht fest- 
gehalten. Ausdrückliche Angaben über Eigenhändigkeit oder Nicht- 
eigenhändigkeit der Signa sind hier freilich sehr selten;* aber die Ori- 



deutschen Privaturkunden, in den Unterschriften der Päpste und der Kardinäle 
in den Papsturkunden; so schon im 10. Jahrhundert in den Unterschriften 
der Zeugen oder Beisitzer in italienischen Placiten, vgl. Sickel, Privilegium 
Ottos I. S. 30. 

' In den St. Galler Urkunden gehört hierher die wahrscheinlich eigen- 
händige Zeugenunterschrift des Waringisus, der aber berufsmäßiger Gerichts- 
schreiber war, Wartmann !,• n. 71, vgl. FDG. 26, 46. Häufiger ist es hier und 
in den Wcißcnburger Traditionen, daß die Aussteller, wenn sie Geistliche sind, 
so subscribieren, vgl. z. B. Zedss n. 36. 38. So hat auch die Schenkungs- 
urkunde Einhards für Kloster Lorsch seine und seiner Gemahlin Imma eigen- 
händige Unterschriften, Chron. Lauresham., MG. SS. 21, 360. Ebenso hat der 
Abt Fulrad von St. Denis zwei Ausfertigungen seines Testaments eigenhändig 
unterschrieben und in eiiK^r von ihnen finden sich noch zwei andere auto- 
graphe Unterschriften, vgl. Tangl, NA. 32, 183 f. 187 f. — Ein vereinzeltes Bei- 
spiel noch aus dem 12. Jahrhundert wird die Zeugeniinterschrift des Abtes 
Antonius von Ilbenstadt in einer Urkunde des Erzbischofs Heinrichs I. von 
Maiuz, GuDEN 1, 191, sein, die nach ihrer Form eigenhändig zu sein scheint. 
Sehr viel häufiger aber geschieht es in Deutschland, daß auch Männer, die 
zweifellos schreiben konnten, Bischöfe, Abte und andere Kleriker, nicht selbst 
subscribierten, sondern nur ihre Signa beifügen ließen. 

^ Vgl. die oben S. 205 N. 2 angeführten Formulare. 

' Vgl. die oben S. 206 N. 8 zitierten Urkunden, in denen die Zeugen aus- 
drücklich bescheinigen, daß die Signierenden das Signum in ihrer Gegenwart 
gemacht haben. 

* Doch fehlen sie nicht ganz. Auf die Bemerkungen über die Eigenhändig- 
keit des Kreuzes in der Unterschrift Heinrichs V. ist schon oben S. 182 hin- 
gewiesen. Noch bemerkenswerter ist es, wenn in DO. HI. 227, einem Placitum 
Ottos ni. , zwischen eigenhändiger und nicht eigenhändiger Anfertigung des 



Form der Zeugenunter sehr iften 209 



giuale und die zahlreich vorliegeüdeii Abbildungeu lassen keiueu 
Zweifel daran, daß in der weitaus ü1)erwiegenden Mehrzahl der Fälle 
die Kreuze von den Urkuudenschreibern selbst hergestellt sind.^ 
Vollends in Deutschland läßt sich im allgemeinen mit voller Be- 
stimmtheit sagen, daß die Formel Signum ■'>- illius nur eine Fiktion 
bedeutet, und daß die Zeugen das signum, auch wenn es, wie bis- 
weilen auch hier geschieht, als signum manus bezeichnet wird, nicht 
selbst gemacht habeu.^ Dafür sprechen nicht bloß die schon er- 
wähnten Wendungen, die von der Berührung der Urkunde durch die 
Zeugen reden, sondern auch die oben angeführten Anweisungen der 
alamannischen Formularsammlungen, die, ohne auch nur im ent- 
ferntesten eine Beteiligung der Zeugen selbst vorauszusetzen, lediglich 
dem Urkundenschreiber aufgeben, die Zeugennamen zu schreiben. 
Das beweisen ferner auch hier die uns erhaltenen Originale älterer 
Privaturkunden ; 3 weder unter der großen Zahl der St. Galler Originale, 



Kreuzes ausdrücklich unterschieden wird. Von den Kreuzen des Kaisers und 
des Herzogs Tebald heißt es: qui hoc signum erucis fecit, von denen des Herzogs 
Heinrich und des Grafen Ardingus: qui hoc signum crucis fieri tussit. Vgl. 
auch die Placiten Fickee, It. Forsch. 4, 49 n. 47; 4, 96 n. 70; 4, 104 n. 78; 
132, n. 88, wo die Eigenhändigkeit mehrerer Kreuze ausdrücklich bezeugt ist. 

^ Man erkennt es, wie schon Paoli, Programma scolastico 3, 133, bemerkt 
hat, daran, daß die Kreuze verschiedener Zeugen vollkommen die gleiche Form 
haben, während sie bisweilen so künstlich gestaltet sind, daß sie von einem 
schriftunkundigen Manne nicht herrühren können. Ferner kommt es sehr oft 
vor, daß die Kreuze verschiedener Zeugen zu einer Figur verbunden sind, daß 
also das Signum bei drei Zeugen so: -| — | — \-, bei vier Zeugen so: -| — | — | — |-, 
aussieht; daß diese Zeichen, für die dann häufig die Formel Signa manuum 
angewandt ist, nur vom Urkundenschreiber heiTÜhren können, liegt auf der 
Hand. Endlich ist oft zu beobachten, wie ich noch hinzufüge, daß der Anfang 
des Horizontalstriches des Kreuzes mit dem letzten JJuchstaben von Signum. 
sein Ende mit dem ersten Buchstaben von tnanus in Ligatur gebracht ist. 
Wie wenig Wert man auf die Kreuze legte, zeigt auch der gleichfalls schon von 
Paoli a.a.O. S. 132 N. 1 bemerkte Umstand, daß sie bisweilen durch die Zeichnung 
von Händen ersetzt sind. vgl. Pasqui, CD. Aretino 1, 305 n. 217: 307 u. 219; 
356 n. 257 und das Faksimile bei S. 318. Daher ist denn auch nicht befremd- 
lich, daß im 11. und 12. Jahrhundert trotz Beibehaltung der Signumformel die 
Kreuze nicht selten ganz fehlen. 

- Doch hält in zwei der Ausfertigungen des Testamentes Fulrads von 
St. Denis (oben S. 208 X. DTangl, XA. 32, 184 X. 3, wegen des kräftigen Zuges 
der Kreuze ihre eigenhändige Eintragung für nicht unmöglich. Aber die Kreuze 
selbst sind doch auch hier einander sehr ähnlich. 

' Zu ihnen dürfen unter dem hier maßgebenden Gesichtspunkt die Syuodal- 
Urkimden nicht gerechnet werden, bei denen sowohl eigenhändige Unterschrift 
wie eigenhändige Zufügung der Kreuze öfter vorkommt; vgl. z. B. oben S. 190 
X. 3. 191 X. 1. Außerdem findet sich das eine oder das andere wohl auch bei 

B r e D 1 n u . Urkundenlehre. 2. Aufl. 11. 1* 



210 For)ti der Zeugenunterschriften 



die ich daranfhin untersucht habe, noch in den mir sonst "bekannt 
gewordenen ähnliehen Stücken aus Trier, Metz und anderen Orten 
befand sich irgend eines, das eine eigenhändige Fertigung der Signa 
durch die Zeugen erkennen ließ.^ Und wie gedankenlos man die 
Formel Signwn illius aufzufassen gewohnt war, das ergibt sich klar 
aus der Tatsache, daß in vielen Fällen in St. Galler Originalen zwar 
das Wort Signum dem Namen eines jeden Zeugen voraufgeht, in 
Wirklichkeit aber weder ein Kreuz, noch ein anderes Handzeichen ge- 
setzt ist, während in anderen Fällen wieder dem Namen ein Kreuz 
voraufgeht oder folgt, aber das Wort Signum fortgelassen ist.^ 

War so die Anwendung der Formel Signum •>• illius bei der 
Aufzählung der Zeugen ein Brauch, den das deutsche Mittelalter aus 
ritmischer Zeit übernommen hatte, ohne seine ursprüngliche Bedeu- 
tung festzuhalten, ja vielleicht ohne sie nur zu kennen, so ist es be- 
greiflich, daß man sich früh davon loszusagen begann. Schon vor 
dem Anfang des 9. Jahrhunderts haben einzelne deutsche Urkunden- 
schreiber sowohl auf das Wort Signum wie auf das Kreuz verzichtet 
und sich darauf beschränkt, die Zeugen einfach aufzuzählen und dieser 
Aufzählung eine Einführungsformel [testes; haec nomina lesiium; coram 
his tesiibus\ isti sunt testes; huius rei testes sunt u. dergl.) voraufzu- 
schicken. Im Laufe des 9. und 10. Jahrhunderts, an einzelnen Orten 
früher, an anderen später, wird diese Vereinfachung allgemein;^ die 



Unterschriften von Domkapiteln oder Klosterkonventen unter Urkunden der 
Bischöfe und Abte, die nicht selten vorkommen. Doch ist hier auch bei sub- 
jektiv gefaßten Unterschriften die Frage der Eigenhändigkeit immer noch be- 
sonders zu untersuchen. Für Konstanz vgl. darüber Barth. Heinemann S. 103 ff., 
fürlüldesheim O. Heinemann S. 118, für Passau Gross, MIÖG. Erg. 7, 590 ff. 60.5. 

' Auch wird eine solche durch die Art, wie vielfach die Namen oder 
Signa auf der Rückseite der Urkunden in den Konzepten sich finden, vgl. 
FDG. 26, 54 ff., direkt ausgeschlossen. Bisweilen ist auch in diesen Urkunden 
Signum mit dem folgenden Kreuz durch Ligatur verbunden. 

- Außer den St. Galler Originalen zeigen auch andere dieselbe Erscheinung; 
man vgl. z. B. aus Sachsen die Urkunde Unwans von Paderborn, Diekamp, 
Westf. ÜB. Supplement n. 361, wo Signum fehlt; aus Lothringen die Trierer 
Prekarie von 909 (Beyer 1, n. 153; Or. auf der Stadtbibliothek zu Trier), wo 
signuin steht, aber die Kreuze fehlen. Es kommt auch vor, daß das Wort 
Signum nur vor dem Namen des Ausstellers oder des ersten Zeugen steht und 
die anderen Namen einfach folgen. 

^ So in Riltien schon im 8. Jahrhundert, vgl. Wartmann 1, n. 72, dann n. 165. 
173. 174. 180. 187. 224. 235. 247 usw. Und doch findet sich hier in n. 247 
u. a. die Schlußformel des Kontextes: sub presentia bonorum Iioniinum, qui ab 
eo rogiti veneruni rel signa fecerunt. Aus Fulda Dronke n. 220. 221. 242. 243. 
263 usw. Aus Lothringen Beyer 1, n. 80. 103. In Weißenburg scheint das 



Stellung der Zeugenunterschriften 211 



Signumformel verschwindet mehr und mehr aus den deutschen Privat- 
urkunden; die einfache Aufzählung der Zeugennamen tritt an ihre 
Stelle. In Italien dagegen hat die Signumformel' sich länger im Ge- 
brauch erhalten und kommt bis gegen das Ende des 12, Jahrhunderts 
nicht selten vor; erst im Laufe des 13. gelangt auch hier die bloße 
Aufzählung der Zeugen mit einer Einführungsformel zur ausschließ- 
lichen Herrschaft.^ 

Die Zeugenunterschriften stehen in Privaturkunden durchweg 
hinter dem Kontext, und zwar zumeist entweder vor der Unterschrift 
des Schreibers und der damit verbundenen Datierung,- oder dahinter, 
also ganz am Schluß der Urkunden. An die gleiche Stelle tritt nun 
auch die Erwähnung der Zeugen in den Königsurkunden.^ Wo des 
Rates oder der Eürbitte, oder der bloßen Gegenwart der Eürsten Er- 
wähnung getan wird, da geschieht dies nach wie vor in der Narratio 
oder Dispositio. Wo Zeugen erwähnt werden, geschieht dies in der 
Eegel am Schlüsse oder kurz vor dem Schlüsse des Kontextes.'* Unter 
Heinrich V. und noch unter Lothar ist dabei die Stellung der Zeugen- 
liste noch nicht ganz fixiert; sie geht meistens entweder der Corro- 
boratio voran, steht also zwischen dieser und der Sanctio, oder, wo 
eine solche nicht vorhanden ist, der Dispositio,^ oder sie folgt auf die 



schon im 8. Jahrhundert öfter vorgekommen zu sein, vgl. Zeuss n. 2. 3. 4. 5 
und öfter. Ebenso in Bayern, vgl. für Freising QE. NF. 4, n. 8. 9. 11. 16. 
19 usw. 

* Die Einführungsformel bezeichnet in Italien noch bis ins spätere Mittel- 
alter die Zeugen ausdrücklich häufig als vocati oder rogati (s. oben S. 205), was 
in Deutschland zumeist nicht zu geschehen ptlegt, hier aber gleichfalls mit dem 
Aufkommen der Notariatsurkunde im späteren Mittelalter üblich wird. 

* Ein kurzes Verzeichnis der Zeugennamen {tiotitia testium) pflegt dann 
hinter der Datierung in den ravennatischen Papyrusurkunden noch von dem 
Urkundenschreiber hinzugefügt zu werden, und dieser Brauch hat sich in der 
Romagna lange behauptet. Vgl. oben S. 207 über das Aufkommen dieses 
Brauches in Rom selbst. 

^ Vgl. FiCKER, BzU. 1, 238, der hier an einen Einfluß der Mainzer Kanzlei 
denkt; aber die Stellung der Zeugen zwischen Korroboration und Eschatokoll 
findet sich auch in anderen fürstlichen Urkunden. 

* Wo die anwesenden Großen weder als Intcrvenienten, noch ausdrücklich 
als Zeugen, sondern nur als gegenwärtig aufgeführt werden, kommen beide 
Stellungen vor. 

'" So z. B. St. 3053. 3083. 3117. 3168. — Unter Lothar findet sich diese 
Stellung aber nur noch in der kleinen Minderzahl der Urkunden, z. B. St. 3238. 
3286. 3299. Übrigens kommen auch andere Kombinationen vor: in St. 3087 
z. B. stehen die Zeugen zwischen Narratio und Dispositio, in St. 3198 sind sie 
vor Poeuformel und Corroboratio in die Dispositio eingeschoben; in St. 3111 
bildet die Zeugenliste einen Teil der hier der Poenformel vorangestellten 

14* 



212 Bexiehiing der Intervention auf die Handlung 



Corrulxiratid imd geht unmittelbar dem Eschatokoll voran.^ Unter 
den stiuilischen Königen ist dann die letztere Stellung allmählich die 
regelmäßige geworden, und Ausnahmen finden sich in der zweiten 
H.ilfte des 12. Jahrhunderts nur noch selten, während in nachstaufi- 
scher Zeit wieder häufiger Abweichungen von der Regel vorkommen. 

Auf die formelle Gestaltung der Zeugenlisten in den Königs- 
urkunden werden wir in einem späteren Abschnitt zurückkommen; 
hier ist nur die wichtige Frage zu erörtern, auf welches Stadium des 
mit der mündlichen oder schriftlichen Petition beginnenden und mit 
der Aushändigung der Urkunde an den Petenten abschließenden Ge- 
schäftes Fürbitte und Zeugenschaft zu beziehen sind. 

Hinsichtlich der Intervention kann die Beantwortung dieser Frage 
nicht zweifelhaft sein. Die Fürbitte wird sich der Natur der Sache 
nach m den meisten Fällen unmittelbar an die Petition angeschlossen 
haben, sie mußte jedenfalls, sollte sie überhaupt einen Sinn haben, 
erfolgen, bevor die Bitte genehmigt war. Die Fürbitte geht also stets 
entweder der Handlung oder dem Beurkundungsbefehl voran. - 
Daraus folgt, daß wenigstens in allen den Fällen, in denen sich die 
Daten einer Urkunde auf eine hinter der Handlung oder dem Be- 
urkundungsbefehl liegende Stufe der Beurkundung bezieben, die Inter- 
vention einem früheren Zeitpunkt als dem durch die Daten bezeich- 
neten angehört. Intervenienten, die in einer Königsurkunde genannt 



Corrobovatio ; in St. 3175. 3233. 43. 49. 67 steht sie sogar hinter der Datierung. 
Vgl. auch ScHULTZE, Die Urkunden Lothars III. S. 106, wo noch andere Bei- 
spiele verzeichnet sind. 

' So z. B. St. 2964. 3032. 3070. 3097. 3124. 3159. 

- Auch bei dem Diplom Heinrichs V. von 1112, St. 3086, betreflfend die 
Schenkung einer Burg an Bamberg, halte ich ungeachtet der Bemerkungen 
FicKEus, Bzü. 1, 236, die Beziehung der Intervenientenliste auf die Handlung 
nicht für ausgeschlossen. Muß auch, wie nach den Feststellungen Meyers 
V. Knoxau, Jahrb. Heinrichs V. 1, 253 N. 61, jetzt auch ich annehme, die 
Tradition jener Burg bereits vor dem 4. März 1108 erfolgt sein und werden auf 
diese erste Handlung nun auch die bayrischen Traditionszeugen bezogen 
werden müssen, so fand doch 1112, wie aus dem Wortlaut des Diploms er- 
hellt, eine feierliche Bestätigung jener ersten Handlung statt, unter Zustim- 
mung der in der Urkunde genannten, in Münster anwesenden Reichsfürsten, 
die deshalb als Intervenienten in der Bestätigungsurkunde genannt werdeu. 
Ebensowenig möchte ich in dem zweiten Exemplare von St. 3172 die Inter- 
venienten auf die Beurkundung allein beziehen: wurde, wie Ficker, BzU. 1, 
239, annimmt, dies Exemplar nur der stattlicheren lutervenientenreihe wegen 
angef<Ttigt, so konnte doch dieser Grund auch maßgebend sein, wenn sich die 
Intervention auf die Handlung bezog, falls etwa in dem ersten Exemplar nur 
ein Teil der Intervenienten genannt war. 



Beziehung der Intervention auf die Handlung 213 



werden, braiiclien also keineswegs immer zu der in der Datierung an- 
gegebenen Zeit und an dem dort angegebenen Ort am Hofe anwesend 
gewesen zu sein; es bedarf vielmehr in jedem Einzelfalle einer be- 
sonderen Untersuchung des Sachverhalts, und nur dann darf eine 
solche Anwesenheit angenommen werden, wenn Gründe dafür vor- 
handen sind, daß die Datierung auf die Handlung zu beziehen ist, 
oder daß. wenn das nicht der I'all ist, die Beurkundung unmittelbar 
auf die Handlung gefolgt ist.^ Die Nichtbeachtung dieser Regel durch 
die Historiker hat schon manche irrige Annahme zur Folge gehabt. 
Urkunden sind für unecht erklärt worden, lediglich weil die Inter- 
venienten zu der in ihrer Datierung angegebenen Zeit nicht mehr am 
Leben waren,^ oder weil die Intervenienten zu dieser Zeit unmöglicli 
am Hofe des Königs anwesend gewesen sein können;^ und in zahl- 
reichen Fällen sind die aus den Königsurkunden konstruierten Itine- 
rare von Bischöfen und anderen Großen durch falsche oder unsichere 



* Für die Entscheidung dieser Frage können mannigfache Momente in 
Betracht kommen, die sich nicht allgemein bestimmen lassen. Eines der wich- 
tigsten ist die Beachtung des Ausstellungsortes der Urkunde im Verhältnis 
zum Wohnort des Empfängers. Ist z. B. eine Urkunde für ein trierisches 
Kloster von Trier selbst datiert, so werden wir im allgemeinen folgern dürfen, 
daß dort auch die Bitte gestellt und die Handlung vor sich gegangen ist, daß 
also dort auch die Intervenienten anwesend waren. Umgekehrt wird, wenn 
eine Urkunde für ein bayrisches Kloster aus Franken datiert ist, während der 
König kurz vorher in Bayern und in der Nähe jenes Klosters war, im all- 
gemeinen angenommen werdeu können, daß Bitte, Fürbitte und Handlung nach 
Bayern gehören, es werden also die Intervenienten nicht für den fränkischen 
Aufenthalt des Hofes in Anspruch genommen werden dürfen. Ein weiteres 
Moment gibt die Vergleichung verschiedener Urkunden an die Hand. Nennen 
mehrere während eines Hoftages oder in der nächsten Zeit danach ausgestellte 
Ui-kunden für verschiedene Empfänger die gleichen Intervenienten, so ist 
deren Anwesenheit auf dem Hoftage wahrscheinlich. Sodann kommt die 
Heimat der Intervenienten in analoger Weise in Betracht, wie wir sie unten 
für die Frage, ob Handlungs- oder Beurkundungszeugen anzunehmen sind, 
verwerten werden. Kurz die Entscheidung der Frage hängt durchaus von den 
Verhältnissen des Einzelfalles ab, und neben den erwähnten können noch 
manche andere Anhaltspunkte dafür ins Gewicht fallen. 

- So, um nur ein Beispiel anzuführen, DO. I. 293 (vgl. 298) von Dü-MMleb, 
Otto I. S. 378 N. 1 ; aber die Urkunden sind Originale. — Über die Nennung 
bereits verstorbener Intervenienten vgl. auch Sickel, MIOG. Erg. 2, 163; Kehr, 
Urkunden Ottos III. S. 215 N. 1. 

3 So z. B. DO. I. 169 (und 179) von DCmmler und Giesebrecht, vgl. 
SiCKELS Ausführungen zu DO. I. 179, in denen dieser Anfichtungsgrund mit 
Recht abgelehnt ist; die erstere Urkunde selbst halte freilieh auch ich jetzt 
nicht mehr für echt, sondern für eine von LA veranlaßte Fälschung. 



'J 1 4 Ilauilbings- und Beurkundungszeugen. Privaturkunden 



Beziehung der Intervention selbst falsch nnd unsicher geworden.^ 
Vor diesen Fehlschlüssen ist zu warnen, und es ist stets festzuhalten, 
daB, wenn in vielen Fällen der Zeitpunkt der Intervention und der 
durch die Datierung bestimmte Zeitraum zusammenfallen oder nur 
durch einen kurzen Abstand getrennt sein mögen, doch in anderen 
Fällen dieser Abstand Monate, ja selbst Jahre betragen kann. 

Xicht so einfach beantwortet sich die Frage hinsichtlich der Zeugen- 
Usten ; hier ist zwischen früherer und späterer Zeit und zwischen K«"Jnigs- 
und Privaturkunden zu unterscheiden. 

Was zunächst die älteren deutschen und italienischen Privat- 
urkunden betrifft, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß ihre 
Zeugen durchweg als Zeugen der Handlung- anzusehen sind.^ Das 
ergibt sich mit völliger Gewißheit sowohl aus den Rechtsquellen wie 
aus dem, was wir über die Art der Herstellung der älteren deutscheu 
Gerich tssclireiber- und der italienischen Notariatsurkunden wissen. 
Sowohl die in St. Gallen erhaltenen Konzepte alamannischer Cancellare wie 
die Dorsualkonzepte und Imbreviaturen italienischer Notare enthalten 
bereits Namen von Zeugen, die nach vollzogener Handlung aufgezeichnet 
und in der Reinschrift lediglich wiederholt werden; die Zeugen können 
möghcherweise, wenn die Reinschrift gleich am Orte der Handlung 
angefertigt und vollzogen wurde, aucli Zeugen der Beurkundung sein, 
es kann dies sogar in der Urkunde selbst vermerkt werden;'* aber, ob 
das der Fall ist oder nicht, darauf kommt es rechtlich nicht an; recht- 
lieh ist nur von Bedeutung, daß die Zeugen mit ihren Ohren gehört 
und mit ihren Augen gesehen haben, wie die Handlung vor sich ging. 
Wird die Urkunde angefochten, so sagen die Zeugen nicht aus, daß 
sie bei der Herstellung der Urkunde zugegen waren, sondern sie be- 
kunden : ^ 



* Um auch hier nur ein Beispiel zu geben, verweise ich auf den Jahrb. 
Konrads II. i, 41 N. 3 berührten Fehlschluß Dehios. 

* Die Ausdrücke Handlungs- und Beurkundungszeugen sind auch im 
Mittelalter üblich; so stehen im Asseburger ÜB. 1, 16 n. 20 (1175) zwei Zeugen- 
reiheu nebeneinander: huius autem actionis festes und eanscripHonis autem 
huius testes. Vgl. ferner CD. Anhalt. 1, 386 n. 523: huiiis facti et seripti 
festes sunt hi, St. 3772: huius nostre actionis testes sunt. Actionis testes, 
Nassauisches ÜB. 1, n. 179 (1130); CD. Westphal. 2, 95 (1160); ÜB. Bist. 
Halbenstadt 1, n. 215 (1147) usw.; testes acte rei, Stumpf, Acta n. 109 S. 133; 
testen huius actionis et privilegii, Osnabrücker ÜB. 1, 250 n. 311. Beyer, 2, n. 4: 
fcstrs huitis actionis sunt hi. Wirtcmberg. ÜB. 2. 133: huius conscriptionis 
carthr. festes sunt hii. CD. Anhalt. 1, n. 626: testes huius actionis sunt usw. 

' So auch — unter Beibringung zahlreicher Belege — Ficker, BzU. 1, lOOf. 

* Vgl. die Beispiele bei Ficker, BzU. 1, 98. 
' Lex Alam. 2, 1. 



Handlungs- und Beurkundung azeugen. Privaiurkitnden 215 

ut Uli ad praesens fuissent et oculis suis vidlssent et auribus 

audissent, quod paier eins illas res ad ccdesiam dedisset et cartam 

fecisset ^ et illos ad testes advocassei. 
Die Echtheit einer Freilassungsurkunde wird nach einem karolingi- 
schen Kapitular bewiesen: 

testimonio honorum hominum, qui tunc aderant, quando über di- 

missus fuit;'^ 
alamannische Zeugen schwören vor zwei Königsboten: 

quod D. omnes res suas tradedisset, sicut cartula ista continet;^ 
bayrische I'rkundenzeugen [testes videntes) sagen aus: 

se vidisse Hludolfum hanc traditlonem facere;'^ 
kurz überall in Deutschland, und in Italien steht es nicht anders, 
bezieht sich die Aussage der Urkundeuzeugen in älterer Zeit nicht 
auf die Herstellung der Urkunde, sondern auf die in ihr verbriefte 
Handlung und den sich daran anschließenden Beurkundungsauftrag. 
Da, wie wir sehen werden, in den italienischen und den älteren 
deutschen Privaturkunden auch die Datierung denselben Zeitpunkt ins 
Auge faßt, so folgt daraus, daß wir hier durchweg die Anwesenheit 
von Zeugen an dem in der Datierung bezeichneten Ort zu der dort 
angegebenen Zeit annehmen können. Da nun aber die Herstellung 
der Keinschrift der Urkunden unter Umständen erst längere Zeit nach 
der Handlung und dem Beurkundungsbefehl erfolgte, so kann es vor- 
kommen, daß den Zeugen, wenn ihre Stellung in der Zwischenzeit 
sich verändert hatte, Bezeichnungen gegeben werden, die wohl zur 
Zeit der Eeinschrift, aber noch nicht zur Zeit der Handlung und der 
auf diese sich beziehende Datierung zutreffend waren. ^ Scheinbare 
Widersprüche dieser Art berechtigen also an sich nicht zur Verdächti- 
gung der Urkunden, in denen sie sich finden. 

In späterer Zeit gestalten sich aber die Verhältnisse in Deutsch- 
land vielfach anders. Die Besiegelung der nichtköniglichen Urkunden 
sollte diesen einen selbständigen Beweiswert verleihen. Der Akt der 



' Cartam facere heißt hier und öfter nicht „die Urkunde schreiben", 
denn der Aussteller schreibt sie nicht, sondern „den Beurkundungsauftrag 
geben". Der Beurkundungsbefehl ist aber in älterer Zeit bei Privaturkuuden 
unmittelbar mit der Handlung verbunden gewesen (oben S. 83 if.), und daher 
werden auch wohl bloß Zeugen des Beurkundungsbefehls angeführt, die 
zweifellos zugleich Handlungszeugen waren, wie in der von Ficker, BzU. 1, 
101, angeführten Lorscher Urkunde, MG. SS. 21, 382. 

2 ^iQ Capit. 1, 215 n. 7. 

3 Wärtmann, UB. St. Gallen 2, 894 n. 16. 

* Abhandl. der Bayr. Akad. bist. Classe 13, 1, 12 n. 14. 
^ Beispiele bei Ficker, BzU. 1, 75. 



216 llatidlungs- und Beurlcundungsxeugen. Königsiirhunden 

Besit*j?eluiifj einer Urkunde wurde dadurch in gewisser Beziehung dem 
der Handlung gleichwertig, und es lag nahe, Fürsorge für den Fall 
zu treffen, daß etwa die Echtheit des Siegels angefochten werden sollte. 
Das konnte geschehen, indem man die Besiegeluug vor Zeugen vor- 
nahm und diese in der Urkunde verzeichnete, und solche Zeugen der 
Besiegelung werden denn auch seit dem 10. Jahrhundert mehrfach 
erwähnt.^ Indem nun aber so in hezug auf eine einzelne und beson- 
ders wichtige Stufe des Beurkundungsgeschäfts für die Möglichkeit 
eines eventuellen Zeugenbeweises Sorge getragen wurde, geschah es, 
daß man auch allgemeiner Beurkundungszeugen in nicht konigUchen 
Urk-.iuden verzeichnete,^ worauf denn auch nach dem, was wir gleich 
seilen werden, der in den Königsurkunden übliche Brauch nicht ohne 
Einfluß gewesen sein wird. Und so werden wir seit dem Ausgang 
des 10. Jahrhunderts auch bei den nicht vom König ausgestellten Ur- 
kunden, obgleich hier die Verzeichnung von Handlungszeugen über- 
wiegend üblich bleibt, doch die MögUchkeit, daß die Zeugenschaft auf 
die Beurkundung zu beziehen sei, stets im Auge zu behalten haben. 
In den Königsurkunden war, wie wir gesehen haben, der Brauch, 
Zeugen anzuführen, aus der Erwähnung von Intervenienten hervor- 
gegangen. Daher wurde die Zeugenschaft der Großen wie ihre Inter- 
vention zunächst auf die Elandlung bezogen, indem sie wie diese eine 
Form war, die Mitwirkung bei oder die Zustimmung zu der vom König 
vollzogenen Handlung zum Ausdruck zu bringen und dadurch die 
Autorität der königUchen Verfügung zu verstärken.^ Dem entspricht 



* Beyer 1, n. 255: Urkunde Egberts von Trier von 981: hanc kartam ego 
Ekebertus arckiepiscopus . . . astante clero et populo recitari iussi et signi nostri 
i>npressio7>^ atque proprie manus subscriptione firmavi. Nass. ÜB. 1, n. 112: 
Urkunde Poppos von Trier von 1021 — 1031: terminationem ipsam in carta 
iussi annotari ac sigiili mei impressione coram infra notatis testibus sigillan. 
Beveb 1, n. 310, Urkunde desselben von 1038: kuitis auteni sigiUatac confir- 
mationis testes sunt hi. Bode, UB. der Stadt Goslar 1, n. 264, Urkunde Her- 
manns von Hildesheim von 1169: lianc paginam cunscribi et sigilli nostri in- 
pressione insigniri iiissimus in preseniia eorum, qui subter notati sunt. Andere 
Beispiele bei Fjckek, BzU. 1, 102. — Über eine ganz besondere Gattung von 
Besiegelungszeugen, die nur im späteren Mittelalter in den Urkuoden erwähnt 
wird, welche auf Bitten des eines eigenen Siegels entbehrenden Ausstellers von 
einem dritten besiegelt werden, vgl. Bd. 1, 722 N. 5. Auf den mit der Be- 
siegelung zusammenhängenden Bann wird das Zeugnis bezogen in einer Ur- 
kunde Hillins von Trier von 1157, Beyee 1, n. 604. 

' Vgl. FiCKEK, BzU. 1, 99. 104 ff. Posse, Privaturkunden S. 73 ff. 

* Dieser Grund wird ausdi-ücklich angegeben in St. 3198: tit autem huic 
nostre traditioiii viaior addatur auctoritas, principes nostros, in quorum prc- 
tentia facta est, subscribi iussimus. — In castilischen Königsurkunden (deren 



Handlungs- und Beurkundungszeugen. Königsurkunden 217 

es vollkommen, wenn in den Urkunden Heinrichs V. die Zeugen 
mehrfocli als solche genannt werden, die „gesehen und gehört'- haben; 
LS wird ausdrücklich gesagt, daß sie deshalb später ' Zeugnis abzulegen 
imstande sind, daß ihre Zeugenschaft die Stetigkeit der königlichen 
Verfügung unterstützen soll.^ Und so werden noch in einer der 
letzten Urkunden Heinrichs \^, nachdem im Eingang des Textes die 
Intervention der Königin und der Kat der Fürsten erwähnt sind, am 
Schluß des Textes (vor der Corroboratio) die letzteren, zweiundzwanzig 
geistliche und weltliche Herren, als presentes et consentientes aufgeführt.^ 
Daß hier Konsens, Intervention, Rat, Zeugnis, ohne bestimmtere Unter- 
scheidung zwischen diesen Ausdrücken, auf dieselbe Sache zu beziehen 
sind, und daß, was durch diese Ausdrücke bezeichnet wird, der Hand- 
lung vorangegangen ist, ist völlig klar. 

Mancherlei Umstände wirkten nun aber zusammen, um der 
Zeugenliste in den Königsurkunden doch auch eine andere Bedeutung 
zu geben. Wenn, wie das nicht selten der Fall sein mochte, die 
Handlung des Königs nur darin bestand, daß er ihm vorgelegte Ur- 
kunden bestätigte, einen Rechtsstreit entschied, einen Tausch geneh- 
migte, so schloß sich Avohl in der Regel der Beurkundungsbefehl un- 
mittelbar an diese Handlung an, und auch zwischen dem Befehl und 
seiner Ausführung verstrich oft nur eine kurze Zeit. Es lag dann 



hier deshalb Erwähnung geschehen muß, weil unter König Alfons auch deutsche 
Große dabei in ßeti-acht kommen) ist es üblich, die Zeugen überhaupt als 
Konfirmierende zu bezeichnen. Dabei werden denn auch Abwesende aufgeführt, 
vgl. FiCKER, MIÖG. 3, 436 ff. In Deutschland kommt das letztere nicht vor. 

* St. 3031: hi sunt cmtem festes, qui viderunt et audierunt; ebenso St. 8083. 
Sehr deutlich ist in St. 3032 gesagt: ut autem omnia isia, prout in praesentia 
nostra sunt definita, rata et inconvulsa permaneant, nomina principum et nohi- 
lium, qui nobiscum tiderunt et audierunt . . . subier notari fecimus. Nomina 
iestium (folgen die Namen). St. 3086 (s. oben S. 212 N. 2): testes qui Bawa- 
rico more tracii per aureni viderunt et audierunt. St. 3087 : huius autem rei 
testes sunt (Namen), qui ea que viderunt et audierunt vere tesftficari possunt. 
Später wird die Formel testes, qui viderunt et audierunt .seltener, doch findet 
sie sich noch unter Friedrich I., vgl. St. 4281. In nicht königlichen Urkunden 
war sie besonders in Schwaben üblich, vielleicht im Anschluß an die oben 
S. 214 N. 5 erwähnte Bestimmung des Lex Alamannorum und kommt hier noch 
im 13. Jahrhundert nicht selten vor. — Ganz den oben S. 200f. angeführten 
Fällen entsprechend heißt es dann in St. 3111: hane igitur pricilegii paginain 
consilio et rogatu simul et testimonio principum nostrorum (folgen die Namen) 
conscrihi iussimus; Intervention und Zeugnis werden also auf den Beurkun- 
dungsbefehl bezogen; eine besondere Handlung hat hier — es handelt sich um 
eine einfache Besitz- und Privilegienbestätigung — kaum stattgefunden. 

2 St. 3200, jetzt Thurgauisches ÜB. 2, n. 19. 



lilS Ilnndlunys- iiml Beurkundungszeugen. Kön ig sur künden 



nahe, dio Zeugen zugleich als solche der Handlung und der Beurkun- 
dung zu verzeichnen, und das ist schon unter Heinrich Y. einige 
Male gescliehen.^ Andererseits konnte es aber auch vurkommen, daß, 
wenn die Iknirkuudung einer uuter ungewöhnlichen Verhältnissen, 
etwa auf einem Feldzuge, vollzogenen Handlung, sich lange verzögerte, 
die Kanzlei nicht in der Lage war, die Zeugen der Handlung anzu- 
gehen: wollte sie dann überhaupt, wie das üblich geworden war, 
Zeugen verzeichnen, so maßte sie Beurkundungszeugeu anführen.^ 
Endlich aber mag doch auch die Eigenschaft der Königsurkunde als 
eines an sich unanfechtbaren Zeugnisses in diesem Sinne gewirkt haben: 
wenij man sich erinnerte, daß der Königsbrief eine rechtlich erhebliche 
Tatsache schon an sich ausreichend bezeuge, so konnte die Anführung 
der Zeugenliste nur noch der Beglaubigung der Echtheit der Urkunde 
dienen, d. h. es mußten die Zeugen der Beurkundung angegeben 
werden. Das tritt namentlich seit der staufischen Zeit sehr deutlich 
hervor und findet darin seinen Ausdruck, daß unter Konrad III. und 
Friedrich I., was früher nur selten vorgekommen war, die Zeugenliste 
oft in der Korroborationsformel angekündigt wird, also wie Königs- 
unterschrift und Besiegelung als ein Mittel zur Beglaubigung der Ur- 
kunde erscheint.^ 

So haben wir also in Königs- wie in Privaturkunden sowohl auf 
Handlungs- wie auf Beurkundungszeugen gefaßt zu sein, und worauf 



^ So wird 1125 ein Streit zwischen dem Bischof von Basel und St. Blasien 
zugunsten des Klosters entschieden und darauf dem letzteren ein Privileg 
Ottos II. bestätigt. In der Urkunde darüber (St. 3204) heißt es: huius eccle- 
siq renotat£, libertati et privilegio praesenti a nobis confirmato idonefl per- 
sonr praesentes interfuere. Die Zeugen sind offenbar solche der Handlung 
und der Beurkundung zugleich. Und dasselbe gilt von einer zweiten Urkunde 
desselben Tages für dasselbe Kloster St. 3205: interfuerunt autem donatiuni 
liuius privilegü A. U. F. O. aliique principes, qui interfuerunt, dum aliud Pri- 
vilegium Rusleno ahbati pon-eximuf;. An Zeugen der Übergabe der Urkunde 
ist trotz des darauf deutenden Ausdrucks nicht zu denken, da die Zeugen- 
namen in den Originalen dann nachgetragen sein müßten, was nicht der Fall 
ist, sondern wohl an Zeugen des Beurkuudungsbefehls, der im zweiten Fall 
mit der Handlung zusammenfiel, im ersten sich unmittelbar an sie anschloß. 

■^ So liegen die Verhältnisse z. B. bei St. 3190; die Handlung war auf 
einem westfälischen Feldzuge, wahrscheinlich dem von 1114 vollzogen, die 
Urkunde ist 1123 ausgestellt; die Zeugen sind sicher Beurkundungszeugeu, 
vgl. KUiA. zu Lief. IV, Taf. 30; Text S. 88. 

* Vgl. FiCKEu, BzU. 1, 243. Die Beispiele sind sehr häufig; sehr deutlich 
ist die Beziehung auf die Beurkundung in diesem Sinne ausgesprochen in 
St. 3685, vgl. Fkker a. a. 0. 2, 490. Unter Lothar ist diese Ankündigung der 
Zeugen noch selten; sie kommt vor in St. 3237. 3244. 3353. 



Unterscheidung von Handlungs- und Beurkundungszeugen 219 

das Zeugnis im Einzelfalle geht, ist -wiederum nur durch genaue 
Prüfung aller Verhältnisse des Einzelfalles zu ermitteln. Bisweilen 
geben dabei die Ausdrücke der Urkunden einen ausreichenden An- 
haltspunkt, aber sehr häutig ist das nicht der Fall. Am einfachsten 
liegt die Sache, wo zwei Zeugenreihen nebeneinander in einer und 
derselben Urkunde angeführt werden;^ da pflegen dann die einen be- 
stimmt als Zeugen der Handlung, die andern als Zeugen der Be- 
urkundung bezeichnet zu werden. Bisweilen sind ferner die Aus- 
drücke in der die Zeugen einführenden Formel so bestimmt gefaßt, 
daß über ihre Beziehung kein Zweifel sein kann, so wenn geradezu 
von testes actionis oder conso'iptioms die Kede ist, oder wenn in einem 
Relativsatze der Vorgang, bei dem die Zeugen zugegen waren, aus- 
drücklich angegeben ist.^ Indessen ist in der Verwertung dieser An- 
gaben Vorsicht geboten. Werden die Zeugen einfach als testes tradi- 
fionis, donationis, concessionis usw. bezeichnet, so könnte man zunächst 
geneigt sein, das auf die Handlung zu bezichen. Allein traditio, do- 
natio, concessio hieß nicht nur die königliche Schenkung, sondern auch 
die über eine solche Schenkung ausgefertigte Urkunde, und wenigstens 
bisweilen läßt sich ganz bestimmt erweisen, daß auch die so bezeich- 
neten Zeugen Beurkundungszeugen waren.^ Ebenso brauchen Zeugen 
qui huic facto, huie negotio interfuerunt nicht notwendig Handlungs- 
zeugen zu sein, da diese Ausdrücke auch für das Beurkundungsgeschäft 
gebraucht sein können. Umgekehrt sind testes conßrmationis nicht 



* Vgl. FiCKER, BzU. 1, 99 f. 241 f. Da dies in Königsurkunden nicht eben 
häufig vorkommt, füge ich noch hinzu St. 4851: Zeugen der per nianus des 
Kaisers vollzogenen Handlung in der Nan-atio; Zeugen der Beurkundung (nur 
mit ktiius rei festes sunt eingeführt) am Schluß des Kontextes. Eine Ver- 
mischung beider Reihen möchte ich hier — gegen Ficker 1, 263 — nicht an- 
nehmen. St. 4994, in der Nan-atio: kuius traditionis ei predicte renditionis 
testes sunt, am Schluß des Textes : huius autem nostrae confirmationis testes sunt. 

« Beispiele bei Ficker, BzU. 1, 100. 244. 248 f. In nichtköniglichen Ur- 
kunden sind derartige, jeden Zweifel ausschließende Ausdrücke häufiger als 
in Königsurkunden; ich füge daher nur für letztere noch ein paar Beispiele 
hinzu. Handlungszeugen St. 3237: pro testimonio autem rei gestae testes sub- 
scribi fecimus. 3489: nomina quarundam excellentium persouarum, que huic 
contractul (ein in Gegenwart des Königs geschlossener Vertrag, den er be- 
stätigt hat) interfuerunt. 3581: testes, qui actioni et iudicio interfuerunt. 3815: 
testes, qui huic statuto interfuerunt. 3876: huius investiture testes sunt. Be- 
urkundungszeugen 4195: testes, qui in donatione huius privilegii aderant 
(s. oben S. 218 N. 1). 3622: huius confirmationis privilegii testes sunt. Vgl. 
Graber, Urkunden Konrads UI. S. 86. 

^ Ein charakteristisches Beispiel s. oben S. 218 N. 2. 



220 Unterscheidung von Handlungs- und Beurkundungsxeugen 

notwendig Beiirlvimdungszeugen, da wir wissen, daß oft eine eigene 
Bestätigiingshandliing erfolgte, die auch confirmatio hieß.^ Alle diese 
und älinliclie Ausdrücke, die im 12. Jahrhundert oft vurkummen, be- 
rechtigen kaum zu einem sichereren Schlüsse auf die Beziehung der 
Zeugen, als das ganz farblose huius rei festes sunt, das — nur noch 
etwa mit adhihitis testibus idoneis, quoruni nomina haec sunt abwechselnd 
— seit dem Schluß des 12. Jahrhunderts alle anderen Ausdrücke mehr 
und mehr aus dem Sprachgebrauch der Kanzlei verdrängt. 

Im 12. Jahrhundert scheint man häufig Wert darauf gelegt zu 
haben, solche Zeugen zu verzeichnen, die sowohl der Handlung als 
der Beurkundung angehürteu. So hat Friedrich I. im Jahre 1160, 
als er in Pavia eine vor längerer Zeit in Deutschland ergangene Ent- 
scheidung verbriefte, von den Zeugen der Handlung nur diejenigen 
verzeichnen lassen, die auch in Italien bei der Beurkundung zugegen 
waren.- So gebraucht die Kanzlei Konrads ill. häulig den Ausdruck 
tcsies, in quorum praesentia haec sunt acta et confirmata, diejenige Fried- 
richs I. den Ausdruck testes huius donationis {traditionis, concessionis, 
tuicionis, rei usw.) et eonfirmationis.^ Und daß damit wirklich beide 
Arten von Zeugen bezeichnet werden sollen, sieht man deutlich, wenn 
unter Konrad III. einmal, um nur Beurkundungszeugen anzuzeigen, 
der Ausdruck gewählt wird: testes huius confirmaiio?iis, sub quorum 
presentia hec ßrmata sunt* oder wenn, wie in einigen oben angeführten 
Fällen geschieht, die testes confirmationis den Zeugen der Handlung 
ausdrücklich gegenübergestellt werden.^ Aber auch bei der Benutzung 
jener Formeln ist Vorsicht notwendig; nicht immer sind sie nur da 
gebraucht, wo alle genannten Zeugen sowohl der Handlung als der 
Beurkundung angehören, sondern es läßt sich erweisen, daß sie auch 
dann angewandt sind, wenn einige von ihnen nur auf die Handlung, 
andere nur auf die Beurkundung zu beziehen sind, und daß also die 
Kanzlei bisweilen beide Gattungen von Zeugen, die sie in anderen Fällen 
wohl auseinanderzuhalten wußte, in geradezu irreführender Weise in 



' Klar ist natürlich die Beziehung, wenn es z. B. in Urkunde Philipps 
von Köln von 1190 (Zeitschr. des berg. Geschiclitsvereins 22, 254) heißt: scripta 
et canßrmata sunt hee . . . presentibus idoneis testibus usw. 

* St. 3888. 

* Entsprechend heißt es wohl in nicht königlichen Urkunden testes aeti- 
nnis et privilegii. Vgl. z. B. Stephan , Beiträge zum Urkundenwesen des Bis- 
tums Osnabrück S. 76. 

* St. 3546; vgl. St. 4071: testibus subternotatis in quorum presentia hec 
conßrmata sunt. 

' S. oben S. 21!) N. 1. 



Kennzeichen von Ilandhmgs- und Beurkimdungsxeugen 221 



eine Reihe zusammengeworfen hat.^ Diese Vermengung findet sich 
freilich auch da, wo ganz farblose Ausdrücke in der Zeugeneinfüh- 
rungsformel gewählt sind, und sie läßt sich auch in nicht königlichen 
Urkunden nachweisen. - 

Nun haben wir allerdings auch unabhängig von den Ausdrücken 
der Urkunden einzelne Anhaltspunkte, um die Beziehung der Zeugen 
zu ermitteln. Die Nennung verstorbener Zeugen, oder solcher, die zur 
Zeit der Datierung aus anderen Gründen nicht bei dem Aussteller ge- 
Avesen sein können, während für früliere Zeit ihre Anwesenheit un- 
bedenklich ist, beweist, wenn die Urkunden echt sind, daß Handlungs- 
zeugen anzunehmen sind, die Beurkundung aber später vollzogen ist 
Kommen in mehreren, zu verschiedener Zeit ausgefertigten Urkunden 
über dieselbe Handlung verschiedene Zeugenreihen vor, so gehören sie 
offenbar der Beurkundung an, während die Wiederkehr derselben 
Zeugeureihe in derartigen Urkunden auf Handlungszeugen schUeßen 
läßt. Für Beurkunduugszeugen spricht die Wahrscheinlichkeit, wenn 
mehrere Urkunden gleicher oder einander nahestehender Datierung 
über verschiedene Handlungen identische oder nahezu identische Zeugen- 
reihen aufweisen. Finden sich in einer Urkunde zahlreiche Zeugen 
niederen Standes, Ministerialen, Bürger, niedere Kleriker usw., deren 
Heimat von dem Ausstellungsorte der Urkunde weiter entfernt ist, so 
kann im allgemeinen angenommen werden, daß die verbriefte Hand- 
lung in der Heimat jener Personen vollzogen worden ist, und daß sie 
Handlungszeugen sind, wofern nicht etwa besondere Umstände, wie 
z. B. Teilnahme au einer Heerfahrt, ihre Anwesenheit am königlichen 
Hoflager auch in weiterer Entfernung von der Heimat erklären. Auch 
wenn etwa die Zeugenliste einer auf einem Hoftage ausgestellten 
Urkunde eine Reihe von Namen — insbesondere fürstlicher Personen 
— bietet, die in keiner anderen Urkunde des gleichen Hoftages wieder- 
kehren, werden wir Bedenken tragen, die Träger jener Namen als auf 
dem Hoftage anwesend zu l)etrachten und werden sie zunächst als 
Zeugen einer früher an anderem Orte vollzogenen Handlung aufzu- 
fassen geneigt sein. 

Beachtet man diese und andere Anhaltspunkte, die sich etwa aus 
den besonderen und sehr verschiedenartig gestalteten Verhältnissen des 



^ Ein sicherer und sehr bezeichnender Fall der Art ist St. 3515 von Kon- 
rad III., vgl. Bkesslac, Dipl.centum S. 180; Ficker, BzU. 1, 252. 261. Ebenso 
sicher zeigt solche Vermengung das von Ficker a. a. 0. 1, 260 besprochene 
Beispiel aus der Zeit Friedrichs L, wo freilich die Zeugen nur als huius rei 
testes eingeführt sind. 

« Vgl. Ficker a. a. 0. 1, 261 ff. 103 f. 



222 Kennxeichen von Handlungs- und Beurkundungszeugen 

Eiiizellalles ergeben und hier nicht erwähnt werden können/ so wird 
man allerdings sehr oft in die Lage kommen, mit einem hohen Grade 
von Walirscheinlichkeit die Beziehung der Zeugen feststellen zu können. 
Wo solche Anhaltspunkte ganz fehlen, bleibt sie zweifelhaft. Bei 
Privaturkuuden älterer Zeit, etwa bis ins 12. Jahrhundert, wird man 
auch dann nicht leicht fehl gehen; man kann bei ihnen im all- 
gemeiueu, wenn keine besonderen Gründe für die Annahme von Be- 
urkuudungszpugen sprechen, Handlungszeugen voraussetzen. Viel weniger 
sicher kann mau bei Königsurkunden urteilen. Im 12. Jahrhundert 
scheinen auch in ihnen Handlungszeugen nicht viel seltener vorzukommen 
als Beurkundungszeugen, während seit dem 13. Jahrhundert allerdings 
die letzteren überwiegen und beim Fehlen von Anhaltspunkten, die 
durch die Ausdrucksweise der Urkunde oder die Sachlage des Einzel- 
falles gegeben sind, Beziehung des Zeugnisses auf die Beurkundung 
die größere Wahrscheinlichkeit für sich haben wird. 

Für den Fall, daß die Zeugen von Königsurkunden als Beurkun- 
dungszeugen anzusehen sind, darf schließlich die weitere Frage, auf 
welche Stufe des Beurkundungsgeschäftes dies Zeugnis zu beziehen sei, 
nicht unerörtert bleiben. ^ Hier geben, soweit die Originale noch vor- 
handen sind, die äußeren Merkmale der Urkunden einen erwünschten 
Anhaltspunkt. Ist die ganze Zeugenliste von derselben Hand und 
Tinte und in einem Zuge mit dem Kontexte der Urkunde geschrieben, 
so wird sie sich auf den Beurkundungsbefehl des Königs beziehen; 
sie war dann ja, wenn die Reinschrift dem König zur Einholung des 
Tollziehungsbefehls vorgelegt wurde, bereits vorhanden; zwischen Be- 
urkundungsbefehl aber und Yollziehungsbefehl gibt es nach unseren 
früheren Erörterungen kein Eingreifen in den Gang des Beurkundungs- 
geschäfts, dessen Zeugen man zu verzeichnen Veranlassung gehabt hätte,^ 



' Wer sich über die Möglichkeiten, die da in Betracht kommen können, 
orientieren will, möge Fickebs Neubearbeitung der Regesta imperii 1198 bis 
1273 studieren, in der diesen Verhältnissen die größte Aufmerksamkeit ge- 
schenkt ist. 

* FiCKER, BzU. 2, 77 ö., hat der Lösung dieser Frage große Bemühungen 
zugewandt, ohne indeß zu sehr sichereu oder streng beweisbaren Ergebnissen 
zu gelangen. Die Differenz zwischen seinen Ergebnissen und dem, was hier 
im Text kurz bemerkt ist, beruht hauptsächlich dai-auf, daß ich eine besondere, 
durch den Fertigungsbefehl des Königs abgeschlossene Stufe der Beurkundung 
für Königsurkunden überhaupt nicht annehme, vgl. oben S. 159 ff., und dem- 
nach nicht mit Fickeu die Beurkundungszeugen der Königsurkunden vorwie- 
gend als Zeugen des Fcrtigungsbefehls betrachten kann. 

^ In St. 3636 wird diese Beziehung der Zeugen auf den Beurkundungs- 
befehl ausdrücklich ausgesprochen: festes autein in quorum praesentia hoc 



Kennzeichen von Handhmgs- und Beurkundungsxeugen 223 



Eine solche Beziehung der Zeugen auf den Beurkundungsbefehl lag 
ja auch, wenn man nicht ausdrücklich Handlungszeugen verzeichnen 
wollte, an sich am nächsten; er schloß sich wohl in den meisten Fällen 
unmittelbar an die Handlung an; er war, wie wir wissen, der für 
das Beurkundungsgeschäft eigentlich maßgebende Akt des Königs; und 
bisweilen ward alles weitere, auch die Vollziehung der Urkunde, ein- 
fach der ausführenden Kanzlei überlassen. 

Xicht ganz selten läßt sich nun aber in den uns erhaltenen Ori- 
ginalausfertigungen der Reichskanzlei eine nachträgliche Hinzufügung 
der Zeugenliste erkennen,^ Bisweilen ist die ganze Zeugenliste, in 
anderen Fällen sind nur Teile davon nachgetragen; manchmal ist nur 
die Zeugenliste, häufiger ist außer ihr auch das Eschatokoll ganz 
oder wenigstens zum Teile nachgetragen. Diese Erscheinung kann 
sehr verschiedene Ursachen haben. Sie kann, namentlich wenn außer 
der Zeugenliste auch das Eschatokoll nachgetragen ist, lediglich auf 
einer Pause im Schreibgeschäft oder der Ablösung des einen Schreibers 
durch einen anderen beruhen, wie diese auch sonst nicht selten vor- 
kommen; sie ist dann für die Frage nach der Beziehung der Zeugen- 
liste ohne Bedeutung. In anderen Fällen mögen dem Ingrossisten 
die Namen der aufzuzeichnenden Zeugen nicht bekannt gewesen sein, 
so daß er Raum für sie ließ und ihre spätere Nachtragung vorbehielt, 
die dann übrigens mitunter vergessen wurde. Diese Erklärung trifft 
sicher zu. wenn die nachgetragenen Zeugen sich durch einen der 
früher besprochenen Anhaltspunkte als Handlungszeugen zu erkennen 
geben; es ist kein Grund denkbar, weshalb der Schreiber Zeugen der 
Handlung, wenn er sie gekannt hätte, nicht sofort hätte verzeichnen 



scriptum fieri mandavinms sunt hü. Daß es sich hier um den Beul•kundung^:- 
befehl, nicht, wie Fickek, BzU. 2, 90, meint, um den sogen. Fertigungsbefehl 
handelt, halte ich für zweifellos; wir wissen schon, daß fieri iussit auch in 
karolingischer Zeit der Ausdruck für den Beurkundangsbefehl war, während 
scribere iussit auf den Fertigungsbefehl geht, A-gl. AfU. 1, 180. 

1 Einige Fälle der Art hat Ficker, BzU. 2, 78 f., zusammengestellt. Für 
die Zeit Lothars verzeichnet Schultzk, Die Urkunden Lothars IIL S. 106 N. 8, 
außer den von Ficker angegebenen noch St. 3258. 3263, für die Zeit Kon- 
rads III. Graber S. 86 noch St. 3372. 3375. Ficker hält diese Fälle S. 81 für 
vereinzelte Ausnahmen. Allein das scheint wenigstens für das 13. Jahrhundert 
nach den Beobachtungen Philippis nicht zuzutreffen. In dessen Notizen über 
die von ihm untersuchten Originale Friedrichs II. und seiner Sühne (Zur 
Gesch. der Eeichskanzlei S. 68 ff.) zähle ich über vierzig Fälle, darunter auch 
solche aus der Zeit nach 1231, in denen Nachtragung der Zeugenliste oder 
von Teilen davon durch die Beschaffenheit der Schrift wahrscheinlich ge- 
macht wird. 



224 KennxeichcH von Ilandlungs- und Beurkundungsxeugen 

snllpn, statt ihre Namen später hinzuzufügen. Aber auch Zeugen des 
Beurkuiulungsbefebls können bisweilen aus dem gleichen Grunde nach- 
träglich erst hinzugefügt sein,^ so daß die Nachtragung an sich nicht 
beweist, daß das Zeugnis nicht auf den Zeitpunkt jenes Befehles zu 
beziehen sei. Sodann kann allerdings die Nach tragung der Zeugenliste 
dadurch veranlaßt sein, daß man in dem betreffenden Falle aus be- 
sonderem Grunde nicht die Zeugen des Beurkundungsbefehls, sondern 
die des Vollziehungsbefehls, oder der Vollziehung selbst, oder etwa gar 
der Aushändigung zu verzeichnen beabsichtigte; da diese zur Zeit der 
Reinscbrift des Kontextes noch nicht bekannt sein konnten, mußten 
sie iiachträglich hinzugefügt werden. Auch die Nachtragung einzelner 
Namen zu einer schon fertigen Zeugenliste kann endlich aus jedem 
der angegebenen Gründe erfolgt sein.^ Eine ganz sichere Erklärung 
solcher Nachtragungen ist also nur möglich, wenn und insoweit die 
besonderen Verhältnisse des Einzelfalles sie an die Hand geben. Da- 
gegen werden wir für nichtkönigliche Urkunden, wenn in ihnen Be- 
urkundungszeugen angeführt sind, in der Eegel einen der letzten Akte 
des Beurkundungsgeschäfts, etwa die Besiegelung oder die Aushändi- 
gung, als den für die Nennung der Zeugen maßgebenden Zeitpunkt 
betrachten können;^ sie müssen dann nachträglich hinzugefügt sein, 



* Die für ein einzelnes Geschäft aufzuführenden Zeugen scheinen aus der 
Zahl der am Hofe überhaupt anwesenden Personen häufig eigens ausgewählt 
und bestimmt zu sein; vgl. Ficker, BzU. 2, 82 f., und dazu Stellen, wie 
St. 3303: huius rci festes assn/nati sunt; St. 3527: huius donationis festes esse 
roliimus. Der Kanzleibeamte konnte also nicht ohne weiteres die Großen, 
deren Anwesenheit am Hofe ihm bekannt war, als Zeugen des Einzelfalles 
nennen, sondern bedurfte für die Herstellung der Zeugenliste einer An. 
Weisung oder eines Konzeptes. Hiermit dürfte es auch zusammenhängen, 
wenn nach Philippi die Zeugennamen in einzelnen Urkunden des 13. Jahr- 
hunderts nach mündlichem Diktat geschrieben zu sein scheinen. Vgl. auch 
Posse S. 70 X. 5. 

* Wenn z. B. nach Philippi S. 95 in BF. 4176 für die Vornamen zweier 
Bischöfe in der Zeugenliste Raum gelassen ist, so hat der Schreiber offenbar 
diese Namen nicht gekannt und ihre Nachtragung beabsichtigt. Wenn in 
St. 3187 der fertigen Zeugenliste eine Reihe von Namen, darunter auch die 
der beiden Kardinäle Lambert und Saxo nachträglich hinzugefügt sind (vgl. 
KUiA. Lief. IV, Taf. 20), so kann man daran denken, daß die nachgetragenen 
Zeugen auf die Vollziehung oder Aushändigung, die der ursprünglichen Liste auf 
<lfn Beurkundnngsbf'fehl zu beziehen seien; es ist aber auch möglich, daß lediglich 
durch irgend ein Versehen des Schreibers jene Namen in der ersten Liste fort- 
geblieben sind, und daß man ihre Nachtragung anordnete, weil auf sie beson- 
derer Wert gelegt wurde. 

ä S. oben S. 216 N. 1; 192 N. 3. 



Vorlagen der Urkwndenschreiber 225 

wie wir das auch an einzelnen erhaltenen Originalen noch erkennen.^ 
Wo in solchen Urkunden Beurkundungszeugen genannt werden, ohne 
daß die Originale eine Nachtragung aufweisen, kann das Zeugnis ent- 
weder auf den Beurkundungsbefehl oder auf den, wie wir gesehen 
haben, bei Privaturkunden eine größere EoUe spielenden Fertigungs- 
befehl bezogen werden. 

Fast durchweg nachträglich hinzugefügt und meistens entweder 
ganz oder wenigstens zum Teil eigenhändig sind schließlich die Zeugnis 
oder Konsens bedeutenden Unterschriften in den Urkunden der Päpste 
sowie in ihren Sjnodalakten und oft auch in denen anderer geistlicher 
Würdenträger.- Die Unterschreibenden sind also hier auch bei der 
Beurkundung beteiligt, womit natürlich nicht ausgeschlossen ist, daß 
sie in vielen Fällen, so in allen Synodalakten und überall da, wo die 
Unterschreibenden ihren Konsens erklären, auch an der Handlung 
Anteil hatten. Wie weit das letztere auch von den Kardinalsunter- 
sehriften in den feierlichen Privilegien der Päpste gilt, ist mit Sicher- 
heit nicht zu ermitteln. 3 



Dreizehntes Kapitel. 

Die Entstehung der Urkunden. 

4. Die Vorlagen der TJrkundenschreiber. Formulare. 
Vorurkunden. Akte. 

Wenn Kanzleibeamte und Urkundenschreiber des Mittelalters 
Dokumente abfaßten, so haben sie deren Wortlaut keineswegs immer, 
ja in älterer Zeit nur in seltenen Fällen frei entworfen, sondern sie 
haben sich bei ihrer Arbeit sehr oft gewisser Vorlagen bedient, denen 
sie sich mehr oder minder getreu anschlössen. Diese Vorlagen ver- 
halten sich in mancher Hinsicht zu den Urkunden, bei deren Ab- 
fassung sie benutzt werden, ganz ähnlich wie in der historiographischen 
Literatur primäre Quellen zu den Ableitungen daraus; und gerade so 

1 So z. B. an einer Urkunde des Abtes Gotfried von Weißenburg von 
1193 (Straßburger Bezirksarcbiv H. 1064 n. 2). Die mit Acta sunt haec be- 
ginnende Datierung schließt mit den Worten coram hiis testibus; dann sind 
die Namen der Zeugen mit viel hellerer Tinte nachgetragen. 

2 Vgl. z.B. für das Bistum Passau Gross, MlUG. Erg. 8, 590 ff. 

3 S. oben S. 54 ff. Wir kommen unten auf diese Unterschriften noch 
einmal zurück. 

Breßl au, Urkundenlehre. 2- Aufl. U. 1^ 



226 Formtdare 



Tvichtig, wie t-s für die historische Kritik ist, die Quellen, die ein Ge- 
schichtscbreiber etwa benutzt bat, festzustellen und mit seiner eigenen 
Darstellung zu vergleichen, gerade so wichtig ist es für die Inter- 
pretation und Kritik einer Urkunde, zu ermitteln, ob ihr Autor eine 
Vorlage benutzt hat, und wenn das geschehen und die Vorlage er- 
balten ist, diese mit seiner Arbeit zu vergleichen. 

Unter den von den Urkundenschreibern benutzten Vorlagen spielen 
namentlich im früheren Mittelalter die Formulare, die zumeist zu 
Formularsammluugen oder Formularbüchem vereinigt sind, eine be- 
sonders wichtige Rolle. ^ Unter Formularen verstehen wir alle diejenigen 
Aufzeichnungen, die, ohne selbst Urkunden zu sein, d. h. ohne einen 
rechtlichen Wert zu beanspruchen, als Muster für die Abfassung von 
Urkunden zu dienen bestimmt sind. Es macht dabei keinen Unter- 
schied, ob die Formulare frei erfunden sind oder sich an einen Einzel- 
fall anlehnen und aus einer auf einen solchen bezüglichen Urkunde 
abstrahiert sind. Es ist auch nicht von wesentlicher Bedeutung, ob 
im letzteren Fall die Beziehungen auf den besonderen Fall, wie sie 
sich in den Xamen von Personen und Orten, Zahlen, Daten usw. 
kundgeben, aus der Urkunde, die man zum Formular umgestaltet hat, 



* Ich gebrauche absichtlich diesen Ausdruck und nicht den früher fast 
allgemein verwandten: Formel, Formelsammlung, Formelbuch. Denn den Aus- 
druck Formel verwenden wir in der diplomatischen Terminologie allgemein 
auch im wesentlich anderen Sinne, zur Bezeichnung nämlich der einzelnen 
Urkundenteile (s. Bd. 1, 46 ff.), so daß wir also von Formeln des Protokolls, 
von der Korroborationsformel, der Pöuformel usw. reden. Dasselbe Wort aber 
zur Bezeichnung ganz verschiedener Dinge anzuwenden, ist sicherlieh nicht 
empfehlenswert. Allerdings hat Sickel früher, Acta 1, 208, auch den Ausdruck 
Formular in anderem Sinne, nämlich gleichbedeutend mit Protokoll, gebrauchen 
wollen, aber dieser Sprachgebrauch hat keine Nachahmung gefunden, und er 
selbst hat nicht daran festgehalten. Dagegen paßt der Ausdruck Formular, 
so wie ich ihn angewandt sehen möchte, auch nach dem heutigen Sprach- 
gebrauch gut. Unsere heutigen gedruckten Formulare für Wechsel, Fracht- 
briefe, gerichtliche Vorladungen usw., in die nur das, was dem Einzelfall be- 
sonders eigen ist, eingetragen zu werden braucht, entsprechen doch in vielen 
Beziehungen den früher sogenannten Formeln des Mittelalters durchaus; man 
vgl. auch den Titel der Schriften Formular buch zu Xotariatshandlungen und 
Urkk. der bayrischen Staatsbürger und Notare (München 1863) und Formu- 
lario per i notari degli atti giudiziarii civili (Florenz 1837). Übrigens hat 
auch schon Ficker, BzU. 1, 268 ff., und öfter den Ausdruck Formular im 
gleichen Sinne, wie hier vorgeschlagen wird, gebraucht und ebenso zwischen 
Formel und Formular unterschieden. — Im späteren Mittelalter heißt das, was 
ich Formular neime, nicht formula, sondern sowohl in der kaiserlichen wie in 
der päpstlichen Kanzlei regelmäßig forma; das, was ich Formularbuch nenne, 
wird mehrfach als formularius bezeichnet. 



Eömisehe Formulare 227 



beibehalten oder mehr oder minder verwischt sind, ob man sie z. B. 
durch willkürlich gewählte Namen (wie bei den römischen Juristen 
Gaius und Titius und im langobardischen Cartukr Petrus und Mar- 
tinus) oder durch das Pronomen ille oder durch talis oder durch ein n 
ersetzt hat.^ Das entscheidende Moment für die Beantwortung der 
Erage, ob eine einzelne Aufzeichnung Urkunde oder Formular ist, be- 
ruht lediglich darauf, ob sie eine rechtserhebliche Tatsache zu bezeugen 
bestimmt ist, oder ob sie Musterbeispiel für das Entwerfen von Ur- 
kunden sein will. 

Daß es schon in römischer Zeit derartige Formulare gegeben hat, 
die vielleicht auch schon zu Sammlungen von Formularen vereinigt 
waren, kann nicht wohl bezweifelt werden. Auch wenn wir keine aus- 
drücklichen Zeugnisse dafür hätten, würde die Übereinstimmung in den 
Gesetzen, den Senatuskonsulten, den Konstitutionen der Kaiser und 
den römischen Privaturkunden ihr Vorhandensein und ihre Benutzung 
sowohl durch die staatlichen und munizipalen Behörden wie durch die 
privaten Urkundenschreiber beweisen.^ Aber an solchen ausdrücklichen 
Zeugnissen fehlt es nicht. Hierhin gehören in gewissem Sinne schon 
die coiyimentarii magistratuum aus republikanischer Zeit, die Mümmsen 
als offizielle Instruktionsbücher für die Beamten charakterisiert hat.^ 
„Nach den davon zerstreut erhaltenen Besten enthielten sie Schemata, 



Formulare für die einzelnen amtlichen Handlungen, deren Mitteilung 
durch anweisende, belehrende Bemerkungen unterbrochen wird."'* 
Hierhin gehört auch das Formularbuch der legis actiones, eine Art von 
Klagespiegel, das nach einer glaubwürdigen Überheferung um das Jahr 
450 vor Christus Cn. Flavius, der frühere Schreiber des Appius Clau- 
dius Caecus, publiziert hat.^ Und gelegentlich redet Cicero ausdrück- 
lich von solchen Formularsammlungen der späteren republikanischen Zeit." 



* In älterer Zeit werden ille und talis in der abgekürzten Form '^7/.' und 
^taV gebraucht und nicht dekliniert. '^7/.' ist älter als 'to/.' und 'n' (wohl Ab- 
kürzung von nornen) scheint noch jünger zu sein. Für Zahlen wird die Ab- 
kürzung Uant.' gebraucht. 

^ Vgl. Bbissonius, De formulis et solennibus populi Romani verbis. Erste 
Ausgabe (Paris 1583); Dikksex, Beiträge z. Gesch. d. röm. Formelwesens; in 
seinem Buch: Versuche z. Kritik und Auslegung der Quellen d. römischen 
Rechts (Leipzig 1823); Stoüff, De formulis secundum legem Eomanam (Paris 
1890). 

^ MoMMSEN, Staatsrecht 1 ^, 4 ff. 

* Karlowä 1, 107 f. 
° Käklowa 1, 475. 

^ De leg. 1, 4, 14 und öfter. Vgl. auch Ad. fam. 7, 18, 2 und dazu 
DziATZKo, Untersuchungen über ausgewählte Kapitel des antiken Buchwesens 

15* 



228 Römische Formulare 



Erhalten sind uns von alledem freilich nur geringe Fragmente, 
die in juristische oder antiquarische Schriften aufgenommen worden 
sind.^ Aber daß ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen diesen 
römischen und den Formularsammlungen besteht, die später in den 
auf römischem Boden gegründeten germanischen Staaten entstanden 
sind, kann nicht in Abrede gestellt werden. Wenn in gewissen 
Gegenden der römische Urkundentypus bis in das 9. Jahrhundert 
hinein fortbesteht,- wenn die aus fränkischer Zeit stammenden Formu- 
lare nicht nur für Kechtsinstitute römischer Herkunft, wie z. B. die 
Testamente, die mit den gesta municipalia zusammenhängenden Stücke, 
sondern auch für Geschäfte, die nach deutschrechtüchen Grundsätzen 
beurteilt werden, wie z. B. für den Verkauf von Knechten, Ausdrücke 
wörtlich wiederkehren lassen, die wir aus den ältesten uns erhaltenen 
römischen Urkunden gleichen Inhalts kennen,^ so wird das schwerlich 

S. 123. Formulare für Verträge im landwirtschaftlichen Betrieb überliefert 
Cato, De agricultura c. 144fF., ed. H.Keil S. 90ff. Einzelne Formulare heißen 
bekanntlieh nach ihren Verfassern, so die stipidatio Aquiliana, die in der 
Instit. 3, 29, 2 überlieferten Form sichtlich für eine Urkunde berechnet ist. 
Vielleicht bezieht sich auf ein Formular auch die Stelle Sueton. Domit. c. 13: 
cum procuratorum suorum nomine formalem dictaret epistolam, auf welche 
mich 0. Hirschfeld freundliehst aufmerksam gemacht hat. 

* In gi-iechischer Sprache besitzen wir aber noch ein Fragment eines 
Formularbuches selbst auf einem aus Fayum stammenden Papyrus des Briti- 
schen Museums, vgl. Wesselt, Wiener Studien 9, 263 ff. Statt ille steht hier 
6 öeiva. 

* Abgesehen von Italien, wo das selbstverständlich ist, namentUch in 
Rätien, BnuNNER, ZR. S. 2-15 ff. 

* Auf den Zusammenhang zwischen gewissen Klauseln der fränkischen 
Formulare über Sklavenverkauf und den entsprechenden Urkunden der sieben» 
bürgischeu Wachstafeln (mit denen jetzt auch ein lateinischer Papyrus vom 
Jahre 166, Arxdt-Tanql, Schrifttafeln* 2, Taf. 32, und ein griechischer vom 
Jahre 359, Bruns, Fontes^ S. 366, verglichen werden mögen) hat schon Zedmer 
zu Marculf 2, 22 aufmerksam gemacht. Näher noch ist der Zusammenhang 
zwischen den letzteren und der ältesten langobardischen Urkunde gleichen 
Inhalts von 725 (Bonelli, Cod. paleograf. Lombardo Taf. 2). Heißt es hier: 
Ermedruda . . . fatetur se accepisse sicuti et in jiresenti accepit . . auri sol. 
duodicem nobus (novos) finita pretio pro pvsro nomine Saorelano sive quo alio 
no7nine mincnpatur, nationi in Gallia, so vgl. man damit aus einer sieben- 
bürgischen Wachstafel von 142 (Bruns, Fontes" S. 329) die Worte: Dasius 
Breucus emit . . . pueruni Apalaustum sive is quo alio nomine est, natione 
Grecum . . . pretium eins . , . accepisse et habere se dixit Bellicus Älexandri ab 
[)nsio Brcnco. Vgl. auch Stocff, De formulis S. 30 ff., und über Benutzung 
eines altrömischen Formulars in Bayern noch im 7. oder 8. Jahi'hundert 
Brünner, ZR. S. 259, sowie über den Zusammenhang der Fassung von Ur- 
kunden des 8. Jahrhunderts aus der Diözese Piacenza mit sehr alten römischen 
Foi-mularon Tamassia und Leicht in den Atti des R. Istituto Veneto 68, 857 ff. 



Formulae Marculfi 229 



bloß durch eine unmittelbar fortlebende Tradition der ürkundenpraxis 
erklärt werden können; man wird vielmehr annehmen dürfen, daß 
zwischen den römischen und den ältesten germanischen Formular- 
sammlungen ein Zusammenhang bestand, der durch uns nicht erhal- 
tene Zwischengheder vermittelt wurde. 

Bei den germanischen Völkern müßte das Bedürfnis nach solchen 
Formularsammlungen von vornherein noch viel grüßer sein als bei 
den Römern. Hatten ihre Urkundenschreiber Diktate in einer Sprache 
abzufassen, deren sie, mochten sie Romanen oder Germanen sein, nur 
in ungenügender Weise mächtig waren, handelte es sich dabei um die 
Beurkundung von Rechtsverhältnissen, die bei der Eigenart der Rechts- 
entwickelung in diesen Gebieten ihnen nur zum Teil vertraut sein 
konnten, so mußte, wie mit Recht bemerkt worden ist,^ die Benutzung 
von Formularen, deren sich die Römer vielfach nur aus Bequemlich- 
keit bedient hatten, ihnen geradezu unentbehrlich werden.^ 

Unter den älteren Formularbüchern des fränkischen Reiches^ ist 
für uns das wichtigste die Sammlung der Formulae Mareulfi. Über 
ihren Verfasser wissen wir leider nur, was er selbst in der Vorrede 
mitteilt. Danach war Marculf ein Mönch schon hohen Alters — er 
selbst gibt an, daß er siebzig Jahre oder mehr zähle — , der auf die 
Aufforderung eines Bischofs Landerich zunächst zum Schulunterricht 



^ SiCKEL, Acta 1, 111. 

- Vgl. Stengel, Diplomatik der deutschen Immunitätsprivilegien S. 30 ff., 
256 ff, 

^ Davon kommen jetzt nur zwei Ausgaben in Betracht: die von E. de Ko- 
ziERE, Recueil general des fomiules usitees dans Tempire des Francs du V. au 
X. siecle (Paris 1859—1871, 3 Bde., Bd. 3 Indices) und die von K. Zeumer, 
Mon. Germ. hist. Legum Sectio V. (Hannover 1886). Ersterer hat die einzelnen 
Formulare systematisch nach ihrem Inhalt geordnet, während letzterer die 
Formularbücher in ihrer handschriftlich überlieferten Zusammensetzung be- 
lassen hat. Außerdem zeichnet sich Zedmers Ausgabe durch sorgfältige Text- 
revision und reichhaltigen Kommentar aus. Eine Vergleichungstabelle beider 
Editionen gibt Zeumer S. IX ff. Eine Auswahl von 73 Formularen hat Pirson, 
Merovingische und Karolingische Formulare (Heidelberg 1913), herausgegeben. 
— Zur Kritik und Erläuterung vgl. Sickel, Acta 1, 109 ff.; Zeumer, NA. 6, Iff.; 
8, 475ff; 10, 383ff; 11, 313ff; 14, 589ff; 30, 716ff; GGA. 1882, 1389ff; 
Schröder, Zeitschr. der Savignystiftung, Germ. 4, 75 ff.; Xeue Heidelberger 
Jahrbücher 2, 165ff.; Dümmler, NA. 21, 3Ülff.; Tardif, BEC. 44, 353ff.; Nouv. 
Revue historique du droit frangais 8, 557 ff.; 9, 368 ff.; Krcsch, Histor. Zeitschr. 
51 (NF. 15), 512ff. — Brünner, Deutsche Rechtsgesch. l'*, 576 ff.; Schröder, 
Deutsche Rechtsgeschichte ^ S. 276 ff. 723 f.; v. Amira, Grundriß des German. 
Rechts (Sti-aßburg 1901) S. 23ff. ; Conrat, Gesch. der Quellen und der Litteratui- 
des röm. Rechts im Mittelalter 1, 293ff.; Schillmann, Deutsche Geschichts- 
blätter 13, 187ff. — GiRY S. 482ff.; Paoli, Programma 3, 44ff. 



230 Formulae Marculfi 



[ad exercenda inltia puerorum), dann aber auch zur Benutzung durch 
Notare und Urknndenschreiber iexeniplandd) seine Arbeit unternahm. 
Jenen Landerich hat man früher zumeist für einen Bischof von Paris 
gehalten, der 653 in einer Urkunde Chlodwigs IL genannt wird; 
doch sprechen gewichtige Gründe dafür, vielmehr mit Zeumer an 
einen gleichnamigen Bischof von Meaux zu denken, der gegen das 
Ende des 7. Jahrhunderts anzusetzen ist.^ Dadurch wird zugleich die 
Abfassungszeit der Schrift bestimmt, und es ist wahrscheinHch, daß 
Marculf selbst der Diözese von Meaux, vielleicht dem Kloster Resbach 
(Rebais! angehört hat. Die in zwei Bücher geteilte Sammlung enthält 
92 Formulare, sämtlich für cartae\^ notitiae scheint der Verfasser grund- 
sätzlich ausgeschlossen zu haben.^ Das erste Buch gibt 37 Formulare 
für Köuigsurkunden , denen drei andere, die als Vorurkuuden zu 
Königsurkunden dienen, angeschlossen sind; das zweite Buch gibt 
52 Formulare für Privaturkunden [cartae pagenses). Der Formular- 
charakter ist durchaus gewahrt, indem das ürkundenprotokoll ganz 
fortgelassen oder stark verkürzt ist; auch einzelne regelmäßig wieder- 
kehrende Kontextformeln, so die Corroboratio oder die Pertinenz- 
formel sind bisweilen nur durch die Anfangsworte augedeutet. An 
Stelle von Eigennamen steht regelmäßig ille. Erläuternde Bemerkun- 
gen finden sich nur selten eingestreut.'^ Über seine Quellen sagt Mar- 
culf selbst, er habe zusammengestellt, was er von älteren Leuten nach 



' Neuerdings ist Pfister, Eevue historique 50, 43fl., auf eine ältere, schon 
von Zeumer, IsA. 11, 340 ff., -widerlegte Ansicht zurückgekommen, wonach 
Landerich Bischof von Metz gewesen wäre; er sucht für ihn hier nach 650 in 
der Bischofisliste einen Platz zu gewinnen. Daß diese Hypothese ganz aus- 
geschlossen werden muß, hat Zeumer, NA. 30, 716 ff., nachdrücklich betont; 
und für die von Pfister angenommene Identität Marculfs mit einem gleich- 
namigen Mönche des Klosters Salicis, der in der Vita S. Columbani des Jonas 
1, 7 erwähnt wird, läßt sich schlechterdings nichts als eben der Umstand an- 
führen, daß beide den gleichen Namen haben; sie ist ebenso entschieden ab- 
zidehnen. Auch die von Morin, Revue Benedictine 29, 262 ff., ausgesprochene 
Vermutung, daß Landerich überhaupt nicht Bischof einer bestimmten Diözese, 
sondern vielleicht der Vorgänger des Pirmin in einem Melcis (oder in weniger 
guten Handschriften Meltis) genannten Kastell gewesen sei, das Pirmins Wohn- 
ort war, ehe er nach Süddeutschland kam, erscheint mir wenig wahrschein- 
lich, vgl. auch Levison, NA. 38, 351 n. 76. 

* Nur 1, 25 ist Prolog zu einem Placitum. 

^ Vgl. Brunner, Deutsche Rechtsgesch. 1 *, 579. 

* So 1, 3: aut eui volueris dieere; 1, 14, wo drei Arengen zur Auswahl 
gegeben werden, vor der zweiten item alio, vor der dritten item alio ad loco 
sanrto; 1, 15, wo mehrfach dm-ch ein vel oder aut zwischen zwei Ausdrücken 
die Wahl gelassen wird usw. 



Formula& Marculfi 231 



der Gewoliuheit seines Aufenthaltsortes erlernt oder aus eigenem Sinne 
erdacht habe. Bestimmt nachweisbar ist, daß er ein Diplom König 
Dagoberts sowie ein Privileg des Bischofs Burgundofaro für das Kloster 
Rebais, wahrscheinlich, daß er irgend ein Diplom König Childerichs IL 
zur Hand gehabt hat; erstere hat er nicht ganz unverändert gelassen, 
letzterem nur die Arenga entnommen.^ Auch sonst zeigen seine For- 
mulare mit erhaltenen Urkunden älterer Zeit einige Berührungen, die 
jedoch nicht zum Beweise dafür ausreichen, daß ihm gerade diese und 
nicht andere ähnliche, jetzt verlorene Stücke vorgelegen hätten. Kaum 
glaubUch aber ist es, daß Marculf seine Formulare so korrekt, so sehr 
dem diplomatischen G-ebrauch und den rechtlichen Verhältnissen seiner 
Zeit entsprechend hätte aufstellen können, wenn er nicht selbst, sei es 
als Gerichtsschreiber, sei es vielleicht gar im Dienste der königlichen 
Kanzlei praktische Erfahrungen gesammelt hätte, ehe er sich ins 
Kloster zurückzog. ^ 

M, 1; 1, 2 ; 1, 14. Über die Art der Benutzung seiner Vorlagen vgl. 
Keusch, NA. 31, 363. 

' Man könnte allenfalls vermuten, daß Marculf ein älteres Formularbx;ch 
der königlichen Kanzlei benutzt hätte. Daß es ein solches schon vor seiner 
Zeit in der merovingischen Kanzlei gegeben hat, wird man aus der großen 
Übereinstimmung des Wortlautes merovingischer Diplome gleichen oder ana- 
logen Inhalts schließen dürfen, und es wüi'de nicht sehr schwer sein, aus den 
Urkunden selbst die Kanzleiformulare zu rekonstruieren. Allein, wenn Marculf 
eine solche Sammlung vor Augen gehabt hätte, so würde man mehr wörtliche 
Übereinstimmungen zwischen seinen Formularen und älteren Diplomen erwarten 
dürfen. Daß Marculf die Art der Verhandlungen tarn in palatio quam in jKigo 
kannte, beweist ein Satz seiner Vorrede, und so dürfte die im Text aus- 
gesprochene Vermutung nicht unwahrscheinlich sein. Anderer Ansicht ist 
allerdings Zeüjier, NA. 11, 356, der namentlich darauf Gewicht legt, daß Mar- 
culf mehrfach eine Korroborationsformel verwendet, die genau so in Originalen 
merovingischer Diplome nicht vorkomme, vgl, NA. 6, 34 f. Allein, daß diese 
Formel der merovingischen Kanzlei ganz fremd gewesen sei, möchte ich nicht 
folgern; in abschriftlich überlieferten Stücken kommt sie ganz ähnlich vor 
(DM. 29. 85), und ich möchte sie ebensowenig verwerfen, wie die Corroboratio 
von Marc. 1, 2, die gleichfalls so in Originalen nicht nachweisbar und doch 
einer echten Urkunde entlehnt ist. Aber auch wenn das nicht zuträfe, würde 
ich nicht mit Zeumek annehmen, daß die Abweichung auf Unkenntnis des 
Brauches der Kanzlei beruhte. Es hat nämlich in der Kanzlei zwei ver- 
schiedene Formeln für die Corroboratio gegeben : manus nostre signaculis od er 
manus nostre subscriptionibus subter eam decrevimus roborare, je nachdem 
Handmal oder eigenhändige Unterschrift des Königs hinzugefügt wui'de (so 
jetzt auch Havet, Oeuvres 1, 134 f.); und es kann daher der Verfasser des 
Formularbuches das einfache manu nostra, das in beiden Fällen paßte und 
leicht ergänzt werden konnte, auch absichtlich gewählt haben. Daß er sich 
Abweichungen von seinen Vorlagen gestattet, zeigt ja auch der Vergleich von 
.DM. 15 mit Marc. 1, 2. 



232 Formidare Ludioigs des Frommen. Formulae iynperiales 

Sein Werk ist dann schnell zu hohem Ansehen gelangt. Wie 
schon ein Diplom Childerichs III. vom Jahre 744 ^ und einige Ur- 
kunden der arnulüngischen Hausmeier ^ wahrscheinlich auf Marculf 
zurückgehen, so ist es gewiß, daß eine ziemUch große Anzahl Yon 
Diplomen der Könige Pippin, Karlmann und Karl nach seinen Formu- 
laren diktiert sind, so daß also seine Sammlung unter den ersten 
Karolingern zu offiziellem Gehrauch in der Kanzlei gewesen sein muß, 
wenngleich man freilich hier noch andere Formulare daneben hesaß.^ 

In enger Verbindung mit der Marculfischen Sammlung geben drei 
Handschriften sechs Formulare,* darunter drei für Königsurkunden, 
die Lücken in der Sammlung ausfüllen und gegen das Ende der 
Merovingerzeit eingeschoben zu sein scheinen. Sodann hat unter Karl 
dem Großen, aber vor seiner E^aiserkrönung, eine Umarbeitung vieler 
Formulare Marculfs und des Supplements stattgefunden,^ bei der eine 
Anzahl von Briefmustern hinzugefügt worden sind; Beziehungen zur 
Eeichskanzlei sind bei dieser Umarbeitung nicht nachzuweisen. 

Demnächst erfolgte unter Ludwig dem Frommen eine wesentliche 
Veränderung. Während die Marculfischen Formulare, auch in den 
unter Karl dem Großen modifizierten Fassungen, in seiner Kanzlei 
nicht mehr angewandt werden, fand bald nach Ludwigs Thronbestei- 
gung in der Kanzlei oder in dem mit ihr damals in naher Verbin- 
dung stehenden St. Martinskloster zu Tours, vielleicht unter der Leitung 
des Fridugisus, eine durchgreifende stilistische Umarbeitung der Dik- 
tate statt, die namentUch auf eine Reinigung der Sprache, auf eine 
geregelte Konstruktion und einen einfacheren und verständlichen Satz- 
bau abzielte.^ Damit hängt es nun wohl auch zusammen, wenn in 
der Kanzlei selbst, wahrscheinhch noch unter Fridugisus in den Jahren" 
828 — 832, eine neue Sammlung von Formularen durchgängig aus Ur- 
kunden Ludwigs angelegt wurde, in denen die individuellen Beziehungen 
nur zum Teil getilgt worden sind. Diese 55 Stücke enthaltende 



^ DM. 97, vgl. Levison, NA. 27, 348, Kkusch, NA. 31, 363. Aus dem- 
selben Formular wie dies D., nämlich aus Marc. 1, 2 stammt auch das D. für 
Senones, DM. ap. 65, das ich mit Levison a. a. 0. für eine mit Benutzung einer 
Marculfhandschrift im Kloster entstandene Fälschung halte. 

2 Vgl. SicKEL, Acta 1, 116. 

^ Über Benutzung der Formulare Marculfs in einer Murbacher Urkunde 
von 731/732 und in einer Weißenburger von 735/736 s. Levison, NA. 27, 371 ff. 

* Bei Zeumer S. 107ft gedruckt als Supplementuni formularum Marculß. 
— Weitere Zusätze aus verschiedenen Handschriften ebenda S. 110 ff. als Äd- 
dltanienta e codicibus Marculß, darunter zwei Köuigsurkunden. 

* Bei Zeümer S. 113 ff. als Formulae Marculfi?iae aevi Karolini. 

* Sickel, Acta 1, 160f. ; Stengel, Immunitätsprivilegien S. 8ff. 



Benutzung von Formularen in der Reichskanzlei 233 

Sammlung, die früher nacli ihrem ersten Heraiisgeher Carpentiee ge- 
nannt wurde, jetzt aber nach ihrem Inhalt zutreffender mit dem 
Namen Formulae imperiales bezeichnet wird, ist uns in einer aus dem 
St. Martinskloster zu Tours stammenden, größtenteils in tironischeu 
Noten geschriebenen Handschrift überliefert.^ 

Daß diese Formulare aus der Zeit Ludwigs des Frommen auch 
in den Kanzleien seiner Söhne noch benutzt worden seien, läßt sich 
nicht sicher erweisen; und es ist möglich, daß der uns in den Ur- 
kunden der späteren Karolinger entgegentretende, anscheinende Zu- 
sammenhang mit ihnen lediglich auf die direkte oder indirekte Be- 
nutzung von Vorurkunden aus der Zeit Ludwigs L zurückzuführen ist.^ 
Daß auch in der Kanzlei dieser späteren Karolinger sowie der Könige 
aus dem sächsischen und salischen Hause umfangreiche Formular- 
bücher von der Art der beiden bisher besprochenen vorhanden und 
benutzt worden seien, ist weder nachweisbar noch irgendwie wahr- 
scheinhch.^ Aber ganz aufgehört hat die Benutzung von Formularen 
in der Reichskanzlei auch in dieser Zeit nicht. Daß eine kleine 
Sammlung von fünf Formularen für Königsurkunden, die uns in einer 
aus Tegemsee stammenden Handschrift erhalten ist und mit der wohl 
erst in diesem Kloster zwei Bischofsbriefe verbunden worden sind, in 
der Kanzlei Ludwigs des Deutschen entstanden ist, hat eine neueste 
scharfsinnige Untersuchung mit voller Sicherheit dargetan.^ ÄhnUche 
kleine Sammlungen von Formularen, zumal für gewisse, immer sehr 
gleichförmig stiUsierte Urkundenarten, nicht bloß für die Freilassungs- 
urkunden, für die es am deutlichsten gezeigt werden kann,^ sondern 



' Herausgegeben außer von Zeumee S. 285 ff. auch von Schmitz, Monu- 
menta tachygraphica codicis Parisiensis latini 2718 (Hannover 1882), mit 22 
photo typischen Tafeln ; über ihre Benutzung in der Kanzlei vgl. jetzt auch 
Stengel a. a. O. S. 2 7 f. 

^ Für eine einzelne Gruppe von Diplomen, die Immunitätsurkunden, hat 
Stengel a. a. 0. S. 32ff. dies im einzelnen ausgeführt und teils bestimmt nach- 
gewiesen, teils wenigstens recht wahrscheinlich gemacht. 

^ An dieser schon NA. 26, 413 von mir ausgesprochenen Ansicht halte 
ich mit den sich aus dem folgenden ergebenden Einschränkungen auch jetzt 
noch fest. Vgl. auch Stengel a. a. O. S. 266 ff. 

* Vgl. HussL in den von W. Ebben herausgegebenen Quellenstudien aus 
dem bist. Seminar der Universität Innsbruck 5, 2 2 ff. Es handelt sich um die 
bisher sog. Collectio Pataviensis, MG. Formulae S. 456 ff., die nun wohl 
diesen Namen aufgeben muß. 

* Bei ihnen haben sowohl Sickel wie ich selbst schon in der Dipiomata- 
ausgabe die Benutzung von Kanzleiformularen angenommen, und auch Stengel 
a. a. 0. S. 267 N. 2 hat sie bei diesen Urkunden wenigstens nicht für unmög- 
lich gehalten, vgl. auch Ebben, MIÖG 34, 145 X. 2. Jetzt hat Hüssl a. a. 0. 



234 Benutzung von Formularen in der Feichskanzlei 

auch für die italienischen Mimdeburdsurtanden, für die Urkunden über 
die Ernenuimg von Knnigsboteu, für Marktprivilegien ^ und vielleicht 
auch für Eiufurstuugsurkuuden hat es wahrscheinlich jederzeit in der 
Kauzlei gegeben. Darüber hinaus ist es aber allem Anschein nach 
gar nicht selten vorgekommen, daß Notare sich für ihren eigenen Ge- 
brauch von einzelnen Urkunden, die sie verfaßt hatten oder die durch 
ihre Hände gingen, Abschriften zurückbehielten oder wenigstens ein- 
zelne Sätze oder Wendungen daraus notierten, um sie gelegentlich bei 
der Abfassung von Diplomen wieder zu verwerten, und es ist auch 
keineswegs ausgeschlossen, daß in einzelnen, wenn auch gewiß nicht 
häuiigen Fällen solche Privatsammlungen von einem Xotar auf einen 
anderen, etwa seinen Schüler, übergingen.^ Aber mit Ausnahme der 
Formulae Marculß und der Forynulae imperiales, sowie der oben er- 
wähnten kleineu Sammlung aus der Kanzlei Ludwigs des Deutschen 
ist von solchen Aufzeichnungen, die in der Kanzlei entstanden oder 
gebraucht worden wären, nichts auf uns gekommen, ^ und was sich 



S. 5 ff. die ganze Serie der uns erhaltenen cartae aenariales noch einmal unter- 
sucht und sich mit gutem Grunde dafür entschieden, daß sie in den meisten 
Fällen nach Formularen geschrieben sind. 

^ Eine recht sichere Spur der Benutzung eines Formulars in den zwei 
Marktprivilegien DD. 0. TU. 19". 20S hat Erben, Mitteilungen der Gesellschaft 
für Salzburger Landeskunde 50, 85 N. 2, nachgewiesen. 

- Vgl. Stengel S. 268ff., der dafür selbst Beispiele aus dem 10. Jahr- 
hundert und S. 268 N. 5 einen sicheren Beleg beibringt (dazu Erben, MIÖG. 
13, 555 f.). Etwas ähnliches hat schon Fanta, MIÖG. Erg. 2, 558 für den Notar 
It. H Ottos II. bemerkt. Daß auch für den Notar Willerius (It. B) unter 
Otto I. das gleiche angenommen werden muß, habe ich schon in der Vor- 
bemerkung zu DK. II. 280 erwähnt. Dasselbe nehme ich aus dem 11. Jahr- 
hundert z. B. für die Notare GB unter Heim-ich IL, für UD unter Konrad IL, 
für TA und für T. IL A unter Heinrich III. an. Bei GB ist es die Hildes- 
heimer Immunität Ludwigs des Frommen, auf die er so oft zui-ückgreift daß 
mau sich der Überzeugung, er habe eine Abschrift davon zurückbehalten, kaum 
entziehen kann. Bei T. IL A spielt die Trierer Immunität St. 2281 eine ähn- 
liche Rolle. Ein strikter Beweis für diese Annahmen, wie Stengel S. 269 N. 1 
ihn für wünschenswert erklärt, läßt sich allerdings nicht erbringen ; es handelt 
sich hier überall nur darum, unter den verschiedenen Mögliclikeiten für die 
Erklärung gewisser Diktatübereinstimmungen die wahrscheinlichste aufzu- 
finden. 

^ HcssL a. a. 0. S. 37 mit N. 1 will allerdings noch für die von Zeümer, 
Formulae S. 327 f. (vgl. S. 287) aus einer Leidener Handschrift als Additamen- 
tum zu den Formulae imperiales gedruckten zwei Stücke Entstehung in der 
Kanzlei Lothars I. annehmen. Aber dafür ist kein ausreichender Grund vor- 
handen. Das eine Stück ist eine Freilassungsurkunde eines Bischofs, das 
andere beruht auf einer Tauschbestätigung Lothars von 845. Aber dies Diplom 



Fränkische tmd hurgundische Formularsammliingen 235 

sonst an Formularen für Königsurkiinden in den Sammlungen des 8. 
und 9. Jahrhunderts, die hauptsächlich für privaten Gebrauch bestimmt 
sind, zerstreut findet, steht nicht mehr in nachweisbarem Zusammen- 
hange mit der Reichskanzlei. Zum Teil sind es Formulare, die aus 
einzelnen Urkunden, welche den Verfassern jener Formularbücher zur 
Hand waren, umgearbeitet, zum Teil solche, die von ihnen frei kon- 
zipiert sind und infolgedessen bisweilen von dem wirklichen Kauzlei- 
gebrauch auffallend abweichen. 

Die wichtigsten dieser weder offiziell zusammengestellten noch 
offiziell benutzten Formularbücher sind die folgenden.^ 

I. Fränkische und burgundische Sammlungen. 

1. Forimdae Andegavenses, 60 Formulare für Privaturkunden, 
überliefert in einer Fuldaer Handschrift dos 8. Jahrhunderts, zu- 
sammengestellt zu Angers, zum Teil vielleicht von einem Gerichts- 
schreiber, zum Teil von einem Schreiber der städtischen Kurie. Die 
Entstehungszeit ist nicht sicher zu bestimmen, doch stammen die 
ersten 57 Formulare wohl noch aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhun- 
derts, die letzten drei sind nach 678 hinzugefügt worden. 

2. Formidae Bituricenses , 19 aus verschiedenen Sammlungen 
stammende, in Bourges entstandene Formulare, darunter keine Königs- 
urkunde. Die ersten fünf, überliefert in einer Pariser Handschrift aus 
dem Anfang des 8. Jahrhunderts, sind spätestens im Jahre 720 ent- 
standen; das sechste, in derselben Handschrift befindlich, gehört ent- 
weder in das Jahr 734 oder in 764/765. Das siebente, in einer 
anderen Pariser Handschrift des 9. Jahrhunderts auf uns gekommen, 
trägt noch merovingisches Gepräge. Die zwölf letzten Formulare, in 
einer Leidener Handschrift des 9. Jahrhunderts überliefert, meist 
Briefmuster, gehören erst der Zeit Karls des Großen an. In dem- 
selben Codex befinden sich noch zwölf andere unwichtige Formulare, 
wahrscheinlich aus dem Kloster S. Petri Doverensis unweit Bourges. 

3. Forrmdae Ärvernenses, acht Formulare für Privaturkunden, ent- 
halten in einer Pariser Handschrift des 9. Jahrhunderts, entstanden in 
der Auvergne, vielleicht in Clermont, im 8. Jahrhundert. 



kann an sich ebensogut außerhalb, am Wohnort des Empfängers, wie in der 
Kanzlei Lothars zu einem Formular ausgestaltet worden sein. Und daß es 
nicht in der Kanzlei entstanden ist, dafür spricht u. a. das Rekognitionsverbum 
agnocit. 

^ Ich schließe mich in der folgenden kurzen Übersicht wesentlich der 
von Brünner, Deutsche Rechtsgesch. 1-, 577 fF., beobachteten Anordnung und 
seinen Ausführungen an. 



236 Fränkische und hurgundische Formularsammlungen 

4. Formulae Turonenses,^ 45 Formulare, entstanden in Tours, voll- 
ständig überliefert in vier Handschriften des 9. und 10. Jahrhunderts, 
fragmentarisch in zwei anderen. Die ersten 33 Stücke, darunter zwei 
Formulare für Königsurkunden, gehören etwa der Mitte des 8. Jahr- 
hunderts an; die letzten zwölf sind später hinzugefügt. Die Hand- 
schriften dieser Sammlung enthalten noch 8 andere Formulare, dar- 
unter eins für eine Königsurkunde, die Zeumer als Additamenta ge- 
druckt hat.2 

5. Formulae Senonenses, zwei verschiedene in Sens entstandene 
Sammlungen; beide überliefert in einer Pariser Handschrift des 9. Jahr- 
hunderts: 

ci) Cartae Senonicae, 51 Formulare, davon sieben für Königs- 
urkunden, zwei Briefe an den König, die übrigen 42 für Privat- 
urkunden, teils cartae, teils notitiae, abgefaßt wahrscheinlich zwischen 
768 und 775, zum Teil unter Benutzung Marculfs von einem Gerichts- 
schreiber zu Sens. In derselben Handschrift befindet sich ein Anhang 
von 6 wohl noch aus merovingischer Zeit stammenden Formularen, 
von denen eines die Datierungsart einer Königsurkunde veranschaulicht. 

b) Formulae Senonicae recentiores, 18 Formulare, darunter sieben 
notitiae über Gerichtsverhandlungen, zusammengestellt in der Zeit 
Ludwigs des Frommen.^ 

6. Collectio Flaviniacensis , eine Sammlung von 117 Formularen, 
überliefert in einer früher Pierre Pithoü gehörigen Pariser Hand- 
schrift des 9. Jahrhunderts, entstanden im Kloster Flavigny in der 
burgundischen Diözese Autun, wahrscheinlich im letzten Viertel des 

8. Jahrliunderts. Die Sammlung beruht größtenteils auf Marculf, dem 
Supplement zu Marculf und den Form. Turonenses, enthält aber auch- 
mehrere neue, in Flavigny abgefaßte Stücke. Ein Appendix von sechs 
Formularen scheint ursprünglich nicht in Burgund entstanden zu sein. 

7. Formulae Salicae Bignonianae,^ 27 Formulare, darunter eins 
für eine Königsurkunde, überliefert in einer Pariser Handschrift des 

9. Jahrhunderts,^ entstanden auf salischem Eechtsgebiet, wahrscheinlich 

^ Aufgefunden von Sirmond und danach früher Form. Sirmondicae 
genannt. 

"^ Die vier von Zeumee aus einer vatikanischen Handschrift gedruckten 
Formulare, die er als Appendix den Form, Turon. angefügt hat, stammen aus 
dem 9. Jahrhundert. 

^ Diesen schließen sich zwei bei Zeümer S. 723 f. gedruckte Formulare 
für praestariae an, die auf dem letzten Blatt des Codex in tironischeu Noten 
eingetragen und gleichfalls in Sens entstanden sind. 

* Zuerst herausgegeben von Bignon. 

* Das letzte Formular fehlt jetzt in der Handschrift. 



Fränkische und burgundische Formularsamynlimgen 237 

in den ersten Jahren Karls des Großen; doch scheinen ältere Stücke 
beigefügt zu sein; der Brief n. 16 muß, da er einen Majordomus als 
Aussteller nennt, noch aus der merovingischen Epoche stammen. 

8. Formnlae Salicae Merkelianae,^ überliefert in einer vatikanischen 
Handschrift des 9. oder 10. Jahrhunderts, 66 Formulare, die in drei 
Teile zerfallen. Die ersten 30 (oder 31) Formulare für cartae pagenses, 
darunter mehrere notltiae über Gerichtsverhandlungen, sind unter Be- 
nutzung Marculfs und der Form. Turon. bald nach der j\Iitte des 
8. Jahrhunderts abgefaßt. Die Formulare n. 31 (oder 32) bis 42 scheinen 
unter Benutzung der Form. Sal. Bignon. in den Jahren 774 oder 775 
entstanden zu sein; ihnen sind die Formulare n. 43 — 45 nach 817 an- 
gehängt worden. Diese beiden Teile sind in einem Kloster des sali- 
schen Rechtsgebiets verfaßt. Die Formulare n. 46 — 66 endlich, anderswo, 
vielleicht in einer Bischofsstadt, von einem anderen Verfasser zu- 
sammengestellt, scheinen aus der Königszeit Karls des Großen zu 
stammen. In derselben Handschrift befinden sich noch zwei Formulare 
für Urkunden eines Bischofs von Paris. 

9. Formulae Salicae Lindenbrogianae,^ 21 Formulare für cartae 
pagenses, überliefert in zwei Handschriften des 9. Jahrhunderts in 
Kopenhagen und München, entstanden vor dem Ausgang des 8. Jahr- 
hunderts auf altsalischem Boden, vielleicht in Kloster St. Amand im 
Hennegau. Erzbischof Arno von Salzburg, früher Abt dieses Klosters, 
hat sie von da noch vor 800 mit nach Bayern gebracht, wo sie spätere 
Formularbücher und Urkunden mannigfach beeinflußt haben.^ 

10. Formnlae Pithoei, Fragmente aus einer umfangreichen, minde- 
stens 108 Formulare enthaltenden Sammlung, die auf salischem Boden 
wohl noch im 8. Jahrhundert entstanden ist. Die Sammlung ist in 
einer dem FKANgois oder Pierke Pithou gehörigen Handschrift von 
Du Gange benutzt worden, der jene Fragmente in sein Glossarium 
mediae et infimae latinitatis aufgenommen hat. Dieselben Fragmente, 
die Der Gange uns aufbewahrt hat, und zahlreiche andere enthält eine 
Pariser Handschrift vom Jahre 1602, aus der sie neuerdings von 
PoüPAEDiN herausgegeben sind.* 

11. Formulae collectionis S. Diowjsii, 25 Formulare, überliefert in 
einer Pariser Handschrift des 9. Jahrhunderts, zusammengestellt im 
Kloster St. Denis bei Paris unter Karl dem Großen, zum Teil auf 

^ Zuerst herausgegeben von J. Merkel. 

^ Zuerst zum größten Teil herausgegeben von Fe, Lindenbrüch. 
^ In der Ausgabe Zeümers sind vier Formulare als Additamenta hinzu- 
gefügt, von denen drei nur in der Münchener Handschrift stehen. 
* BEC. 69, 643 ff. 



238 Alamannische Formularsammlungen 

Privilegien und Briefe des Archivs von St. Denis, zum Teil auf iu 
Tours geschriebene Stücke zurückgehend. Die in Tours entstandenen 
Formulare der Sammlung sind älter als die übrigen. 

12. Formulae codicUi Laudimensis, 17 Formulare, überliefert in 
einer Pariser Handschrift des 9. Jahrhunderts, von denen die fünf 
ersten vielleicht in St. Davon zu Gent vor der Mitte des 9. Jahrhun- 
derts, die übrigen zu Laon in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts 
entworfen sind. 



IL Alamannische Sammlungen. 

1. Formulae Morhacenscs, 26 Formulare, überliefert in einer 
St. Galler Handschrift des 9. Jahrhunderts, größtenteils Briefmuster, 
aber auch ein Formular für eine Königsurkunde. Letzteres reicht 
vielleicht noch in die Zeit Pippins zurück, im übrigen ist die Samm- 
lung vor 791 in dem elsässischen Kloster Murbach entstanden.^ 

2. Formulae Augienses, drei verschiedene Sammlungen, die im 
Kloster Keichenau entstanden und in drei Handschriften des 9. Jahr- 
hunderts in Karlsruhe, Straßburg und St. Gallen überUefert sind: 

a) Collectio ^,23 Stücke, die mit einer Ausnahme nur die Eingangs- 
und Schlußformeln von Privaturkunden geben, entstanden wohl noch 
im Ausgang des 8. Jahrhunderts mit Benutzung Marculfs. 

b) Collectio B, 43 Formulare für Privaturkunden, deren 'zwölf 
erste noch dem 8. Jahrhundert angehören; die Formulare n. 13 — 21 
sind noch vor 800 unter Benutzung Marculfs, die übrigen allmählich 
bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts hinzugefügt worden. Der größte 
Teil der Sammlung steht auch in einer Handschrift des 9. Jahrhun- 
derts von St. Paul in Kärnthen, in der noch drei andere, um 845 ent- 
standene Formulare (n. 44 — 46) damit verbunden sind.^ 

c) Collectio C, ein Eeichenauer Briefsteller von 26 Formularen, 
dessen Zusammenstellung in der Zeit des Abtes Erlebold (823 — 838) 
begonnen und unter dessen Nachfolger Walahfrid Strabo vollendet ist.^ 

3. Formulae Sangallenses miscellaneae, 23 verschiedenartige For- 
mulare aus vier Handschriften von St. Gallen, Zürich, Colmar und 



* Form. 27 ist nicht viel vor der Mitte des 9. Jahrhunderts nachträglieh 
hinzugefügt worden. — Auf die Form. Morbac. folgen bei Zedmer als Form. 
Argentinenses drei im 9. Jahrhundert entstandene Formulare einer Berner Hand- 
schrift des 10. oder 11. Jahrhunderts. 

"^ Gedruckt bei Zeumer in den Addenda S. 725. 

^ Zu dieser Collectio C vgl. Plath, J\A. 17, 263 ff., und Dümmler, NA. 
21, 301 ff. 



Älamannische Formularsammlungen 239 



Koni, entstanden sämtlich im Kloster St. Gallen.^ Das älteste Stück 
(n. 1) gehört der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, die jüngsten ge- 
hören den letzten Jahrzehnten des 9. Jahrhunderts an. Diplomatisch 
von Wert sind die hier wie in den anderen alamannischen Samm- 
lungen oft hinzugefügten Anweisungen für die Urkundenschreiber. 

4. Collectio Sangallensis Salomonis III. tempore conscripta,^ über- 
liefert in sechs Handschriften des 10. — 12. Jahrhunderts, eine Kompi- 
lation von 47 Formularen, die sich aus vier verschiedenen Bestand- 
teilen zusammensetzt: 

a) Die ersten fünf Formulare für Königsurkunden sind zwischen 
885 und 887 frei erfunden. Sie lehnen sich weder an bestimmte 
Urkunden, noch im allgemeinen an den Kanzleibrauch der Zeit an und 
sind hauptsächlich dadurch von Interesse, daß sie zeigen, wie wenig 
man im Kloster St. Gallen imstande war, eine Königsurkunde ohne 
Vorlage korrekt zu entwerfen.^ 

b) Form. n. 6 — 21, 16 Formulare für Privaturkunden über Rechts- 
geschäfte, davon vier für Urkunden über Geschäfte zwischen Laien. 
Sie sind in St. Gallen seit 870 oder 871 zusammengestellt worden. 

c) Form. n. 22. 23, eine epistola formata und die Anweisung zur 
Abfassung solcher Briefe. 

dj Form. n. 24 — 43, eine Briefmustersammlung der Brüder Waldo 
und Salomon, später Bischöfe von Freising und Konstanz, angelegt in 
den Jahren 877 und 878. Die vier letzten Stücke (n. 44—47) sind 
um 883 hinzugefügt worden.^ Die ganze Kompilation ist zwar zur 
Zeit Salomos III, von Konstanz, aber ohne seine erweisliche Mitwirkung, 
nach einer sehr wahrscheinlichen Annahme Zeumeks von dem 912 
gestorbenen Mönch Xotker dem Stammler im Kloster St. Gallen zu- 
sammengestellt worden. 



't3" 



III. Bayrische Sammlungen. 

1. Formulae Salxhurgenses, 66 Stücke, überliefert in einer Mün- 
chener Handschrift des 9. Jahrhunderts, sämtlich Muster für Briefe, 



^ Zu den St. Galler Formularen vgl. auch Caeo, Jahrb. f. Schweizer Gesch. 
26, 221 ff. 

- Früher bekannt unter dem Namen: Das Formelbuch Salomos III. 
Ton Konstanz (ed. Dümmler, Berlin 1856). 

^ Nach einer von ihnen ist im 10. Jahrhundert von Notker eine Urkunde 
Ottos I. für Chur stilisiert worden, vgl. DO. I. 26. 

* N. 48 — 50 sind kleine Gedichte, die mit Formularen nichts zu tun haben. 
Als Additamenta e codicibus colleetionis Sangallensis folgen bei Zeümer S. 433 
noch sechs Formulare, darunter eins füi- eine Köuigsurkunde. 



240 BaijriscJie Formularsammlungen 

mit Ausnahme von zwei Formularen für Privaturkunden, entstanden 
im Anfang des 9. Jahrhunderts in Salzburg auf Veranlassung des Erz- 
bischofs Arno und unter ausgiebiger Benutzung der Briefe Alkuins.^ 

2. Fonnulac codicis S. Emmerammi, Fragmente einer verlorenen 
Kompilation von Formularen, die aus drei Sammlungen bestand, von 
denen die zweite die Form. Sal. Lindenbrog., die dritte 39 Briefmuster 
im Anschluß an die karolingische Überarbeitung des Marculf enthielt, 
die erste und wichtigste jetzt noch neun Formulare — darunter zwei 
aus der Sammlung von Seus, sieben anderweit nicht bekannte — bietet. 
Die Kompilation ist wohl im Kloster St. Emmeram zu Regensburg 
angelegt, woher die jetzt in München befindliche Handschrift stammt. 
Daß aber auch die uns sonst unbekannten Formulare dort entstanden 
sind, ist sehr unwahrscheinlich; vielmehr hat der Kompilator nur eine 
ursprünglich alamannische oder vielleicht fränkische Sammlung ebenso 
ausgeschrieben, wie die Form. Sal. Lindenbrog. und den karolingischen 
Marculf.2 

Außer den angeführten Sammlungen finden sich in der vortreff- 
lichen Formularausgabe Zeumees noch 33 Briefmuster aus sechs ver- 
schiedenen Handschriften,^ und 61 einzeln überlieferte Formulare, die 
der Herausgeber als Extravaganten bezeichnet hat, und die in zahl- 
reichen Handschriften vereinzelt überliefert sind.* Von letzteren be- 



^ Über die früher liierhergezogene sog. Collectio Pataviensis s. jetzt oben 
S. 233 mit N. 4. 

^ Die Benutzung der Form. Senonenses liegt in Schwaben näher als in 
Bayern. Zu Alaraannien besser als zu Bayern paßt das Vorkommen der Kacheu- 
burgen in Form. 9 und der Schöffen in Form. 3, vgl. Brunner, MIÖG. 8, 177 flF., 
während die Erwähnung des Königs Ludwig neben dem Kaiser von 834 bis 
838 dort ebensogut möglich ist wie hier. Endlich sprechen dafür auch die 
deutschen Glossen. Über diese schrieb mir E. Steinmeter freundlichst: „Die 
Zahl der in den Emmerammer Formelfragmenten enthaltenen deutschen Glossen 
ist so gering, daß es schwer hält, sicher über ihren Dialekt zu urteilen. Nach 
den Formen der Vorsatzpartikeln ke und fer (die erste Glosse, die Schmellek 
nicht erklären konnte, ist keskerita zu lesen) glaube ich eher an alamannische 
Provenienz als an bayrische ; für letztere spräche höchstens das p in ferkepan, 
doch begegnet diese Verschiebung auch in alamanuischen Denkmälern." — 
Schröder, Deutsche Rechtsgesch.^ S.278 und Brunser, RG. l^ 587 N. 73, nehmen 
fränkische Herkunft dieser Formulare an. Aber das sprachliche Argument 
scheint eher auf Schwaben zu deuten, und das Symbol des andelangus kann 
trotz Grimm, Rechtsaltertümer 2, 90, dem schwäbischen Recht nach Gart. Langob. 2 
nicht unbekannt gewesen sein. Immerhin soll die Möglichkeit fränkischen 
Ursprungs der Formulare nicht durchaus besti'itten werden. 

^ Bezeichnet als Formiilarum epistolarium eollectiones minores. 

* Zu n. 31 ff. vgl. die Anmerkung Traübes zum 4. Kapitel seiner Text- 
geschichte der Regula S. Benedicti. 



Cassiodor. Liber diurnus 241 

ziehen sich 26 auf weltUche Angelegenheiten, darunter mehrere recht 
wichtige Stücke, 35 aber auf kirchliche Dinge. 

3Iit den angeführten Sammlungen aus Schwaben und Bayern 
schließt die Zahl der in Deutschland entstandenen Formularbücher auf 
längere Zeit ab. Aus der sächsischen und salischen Periode sind uns 
Tormulare für Urkunden überhaupt nicht erhalten, was zum Teil mit 
den früher dargestellten Veränderungen,^ die sich im deutschen Ur- 
kundenwesen seit dem Anfang der karolingischen Periode vollzogen, 
zusammenhängen mag, sich aber aus ihnen allein doch nicht aus- 
reichend erklärt, sondern auf eine Abwendung von dieser ganzen Litte- 
raturgattung hinweist. Wir besitzen aus dem 10. und 11. Jahrhun- 
dert nichts als einige Briefsammlungen, die für die Urkundenlehre 
von geringer Bedeutung sind und auf die hier nicht einzugehen ist. 
Erst aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts ist uns wieder eine aus 
Bamberg stammende umfangreiche Sammlung von Formularen für 
Briefe und Urkunden erhalten, welche direkt bestimmt waren, an- 
gehenden Kanzleibeamten als Muster zu dienen. Dieser Sammlung 
aber geht eine wesentliche Umgestaltung in der Anlage der mittel- 
alterlichen Briefsteller und Formularbücher voran, die in Italien ihren 
Ursprung nahm und uns zu diesem Lande zurückführt. 

Die großartige Sammlung von Mustern und Formularen für 
Königsurkunden und Briefe, die Cassiodor aus den Eegisterbüchern 
des Hofes von Eavenna zu Ende des Jahres 537 oder im folgenden 
Jahre zusammengestellt und in zwölf Büchern unter dem Titel Variae 
[sc. epistolaeY u. a. auch zur Ausbildung junger Staatsmänner im 
Kanzleistil und in den Geschäften publiziert hat, gehört der mittel- 
alterlichen Urkundenlehre noch nicht an, da die ostgotischen Kanzlei- 
formen sich noch durchaus auf römischer Grundlage bewegen. Von 
allergrößter Bedeutung aber ist für das mittelalterliche Urkundenwesen 
das Formularbuch der päpstlichen Kanzlei, das unter dem Namen 
Ldher diurnus bekannt ist. 

Der Liber diurnus'^ — so genannt, weil er das tägUch gebrauchte 



1 Bd. 1, 665f. 

- Ausgabe von Mommsen, MG. Auetores antiquissimi T. 12 (Berlin 1894). 

* Beste Ausgabe von Sickel, Liber dir.rnus Romaiiorum pontificuin (Wien 
1899). Dazu: Berichtiguugeu MIÖG. 10, 468; ferner: Prolegomona zum Liber 
diurnus I und II in den SB. der Wiener Akad. Bd. 117. Eine neue Ausgabe 
von A. Ratti mit Benutzung des Cod. Ambrosianus, die demnächst erscheinen 
wird, habe ich durch die Güte des Herausgebers in den Aushängebogen be- 
nutzen können. — Über die älteren Ausgaben vgl. Sickel in der Voi-rede zu 
seiner Edition S. LVIIff. 

Breßl au, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. ^° 



242 Liber diurnus 






^ AYo er bei den mittelalterlichen Kanonisten zitiert wird, wird auch 
Diurnus pontificum oder Liber po7itificum qid dicitur diurnus gesagt. 

- Beschreibung der Handschrift (mit Faksimile) von Daremberg und Renan, 
Archives des missions (1855) 1, 246 ff., ferner in Sickels Ausgabe S. VIII ff. 
und in seinen Prolegomena 1, 5 ff. mit weiteren Faksimiles. Andere schöne 
Abbildungen: New Palaeographical Society, II. Ser. (1913) 1, Taf. 13. Zur 
Geschichte der Handschrift vgl. Giorgi, Arch. della Soc. Romana 11, 64lff.; 
SiCKEL, NA. 18, 107 ff. ; Ratti, Rendiconti dell' Istituto Lombardo II, 46 
(1913), 238ff. 

^ So nach der Annahme Sickels, die mir wahrscheinlicher erscheint als 
die neuerdings in der New Palaeographical Society (s. N. 2) wieder bevorz;ugte 
Ansicht, die Handschrift sei erst in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts an- 
gefertigt. — Daß dies in Rom selbst geschehen sei, wie Sickel annimmt, ist mög- 
lich, aber nicht sicher beweisbar. Die Vermutung Giorgi s und Sickels, daß 
die Hs. von Papst Hadrian III. im Jahre 885 mit auf die Reise genommen, 
bei seinem Tode in Nonantola geblieben und von dort nach S. Croce gekommen 
sei, erhält durch den von Ratti a. a. 0. veröffentlichten Brief Holstes vom 
23. Juli 1646 eine kräftige Unterstützung und kann nun wohl als nahezu ge- 
sichert gelten. 

* Zusammengestellt von Sickel, Prolegomena 1, 47. 

® Entscheidend hierfür ist die Datierung der Form. 82, worauf ich schon 
in der ersten Auflage hingewiesen hatte und wovon Sickel, Prolegomena 2, 35 f. 
jetzt ausführlicher handelt. Während dies Formular eines Papstwahldekrcts 
in der römischen Handschrift die Daten mense ill. indictione ill. bietet, stand 
im Cod. Claromontanus (und entsprechend im Ambrosianus) mense decembri in- 
dictione quarta, was nur aus dem Wahldekret des im Dezember 795 geweihten 
Papstes Leo III. stammen kann. Dazu kommt, daß auch die Angaben über den urdo 
des Gewählten in Form. 82. 83 nach den Handschriften C und A, aber nicht 
nach V auf Leo III. passen. Weniger durchschlagend, aber immerhin be- 
achtenswert sind die Gründe, aus denen Sickel S. 47 ff. die Entstehung des 
Formulars n. 103. 104 in die Zeit nach der Kaiserkrönung Karls d. Gr. setzt. 



Handbuch der Kauzlei war ^ — ist uns jetzt noch überliefert iu zwei 
Handschrifteu. Die älteste, im Anfang verstüminelt, die einst dem 
Cistercieuserkloster vou S. Croce in Gerusalemme zu Rom angehört hat | 
und sich jetzt im vatikanischen Archiv befindet (Y),^ ist, soweit sich | 
nach paläographischen Merkmalen darüber urteilen läßt, etwa um das 
Jahr SOO geschrieben.^ Eine andere Handschrift, die im 17. und L 
18. Jahrhundert dem Jesuitenkollegium von Clermont zu Paris an- 
gehörte (C), ist seit dem Jahre 1764 verschollen; über ihr Alter gehen 
die Angaben der Gelehrten, die sie gesehen und benutzt haben,* aus- 
einander, doch darf mit Sicherheit angenommen werden, daß sie nicht 
älter war als die vatikanische.* Nahe der verlorenen Handschrift ver- 
wandt, aber jünger, frühestens in der zweiten Hälfte des 0., vielleicht 
erst im Anfang des 10. Jahrhunderts entstanden ist eine dritte uns 
noch erhaltene Handschrift, deren erste Lage aber heute verloren ist; 



Liber diumus 243 



sie stammt aus dem Kloster Bobbio, wo sie möglicherweise auch ge- 
schrieben ist, und befindet sich jetzt in der Ambrosiana zu Mailand^ 
(A). Die drei Handschriften repräsentieren zwei oder, wenn man will, 
drei verschiedene Redaktionen des Formularbuches.- Die der römi- 
schen Handschrift, die 99 Formulare enthält, ist in der Gestalt, in der 
sie uns jetzt vorliegt, während der Regierung Hadrians I. entstanden, 
zerfällt aber selbst in mehrere, nicht derselben Zeit entstammende Be- 
standteile. Die ersten 63 Formulare sind im 7. Jahrhundert, jedenfalls 
vor dem Jahre 680 und wahrscheinlich bald nach 625 unter dem 
Papste Honorius hergestellt worden; daran sind im Laufe des 7. Jahr- 
hunderts die Formulare 64—81 allmählich als ein erster Anhang an- 
i^'^efügt worden, und endlich ist unter Hadrian I. selbst eine zweite 
Sammlung, welche die Formulare 82— 99^ umfaßte, damit verbunden 
worden. Im übrigen enthält aber schon die Sammlung der ersten 
ü3 Formulare manche Stücke, die wahrscheinlich einem noch älteren 
Formularbuche entlehnt sind, und hierzu dürften namentlich die- 
jenigen gehören, die völlig oder größtenteils mit Urkunden Gregors L 
übereinstimmen: denn daß in der päpstlichen Kanzlei Formulare be- 
nutzt worden sind, ist für die Zeit Gregors L bestimmt zu erweisen,* 
aber auch schon für eine frühere Zeit durchaus wahrscheinlich. 



^ Sie ist zuerst beschrieben von Ceriäni in den Rendiconti dell' Istituto 
Lombardo II, 22, 367 ff. ; mehrere Faksimiles sind der Ausgabe Rattis bei- 
gegeben. Daß der im 10. oder vielleicht erst im Anfang des 11. Jahrhunderts 
angehängte ordo ad 7tionachum ordinandum in Bobbio geschrieben ist, ist 
sicher. Aber auch für die Schrift des Diumus selbst ist, wie auch L. Traube 
glaubte, Entstehung in Bobbio nicht ausgeschlossen, wenngleich man ohne die 
Provenienznotizen nicht gerade zuerst auf dies Kloster als Entstehungsort der 
Handschrift verfallen würde. Sickel, NA. 18, 111, möchte auch für den Am- 
brosianus römischen Ursprung annehmen und hält für möglich, daß er 885 
durch den Erzkauzier Liutward, der damals nach Rom gesandt war, in das 
Kloster des h. Columban gekommen sei. 

^ Ich schließe mich im folgenden in der Hauptsache den Ausführungen 
Sickel s über die Entstehungsgeschichte des Liber diumus an; die Einwen- 
dungen Friedrichs, SB. der Münchener Akademie 1890 1, 58ff., und Duchesnes, 
BEC. 52, 5 ff., hat Haetmann, MIÜG. 13, 239 ff., ausreichend widerlegt. Vgl. 
auch noch Götz, Deutsche Zeitschr. für Kirchenrecht 5, Itt"., der die Kirch- 
weihformulare n. 10 — 31 des ]Aber diumus als die vielleicht älteste Teilsamm- 
lung davon zu erweisen sucht, und Büschbell, Die Professiones fidei der Päpste 
(Diss. Münster) 1896 S. 24 ff. über die Formulare n. 83. 84. 85. 

^ Das in der Handschrift nur verstümmelt erhaltene Formular 99 hat 
Lerche, AfU. 3, 216 ff., aus einer danach geschriebenen Urkunde glücklich 
wiederhergestellt und ei'gänzt. 

* Die Benutzung von Formularen in der Kanzlei Gregors I. ergibt sich 
1. aus der wörtlichen Übereinstimmung zeitlich weit auseinanderliegeader Ur- 

16* 



244 Liber diwnus 



Die zweite Redaktion des Liber diurnus, die uns durch die ver- 
lorene Handsclirift von Clermout repräsentiert wird und die im An- 
fange des 9. Jahrhunderts, vielleicht noch unter Papst Leo III. ent- 
standen ist, beruht auf der ersten, aber nicht auf dem uns erhaltenen 
vatikanischen, sondern auf einem anderen, nicht mehr erhaltenen 
Codex. Die erste Sammlung der 63 Formulare ist in die zweite Re- 
daktion fast unverändert übergegangen;^ dagegen ist in ihr die Reihen- 
folge der Formulare des ersten Anlianges und der zweiten Sammlung 
zugunsten einer von dem Kompilator dieser Redaktion beliebten An- 
ordnung nach Materien wesentlich umgestaltet worden, und es ist 
überdies ein zweiter Anhang hinzugefügt, der mindestens acht Formu- 
lare umfaßte, 2 die zum Teil ihren jüngeren Ursprung deuthch er- 
kennen lassen. Dieser zweiten Redaktion gehört in der Hauptsache 
auch die aus Bobbio stammende Mailänder Handschrift an, die aber 
nicht aus dem Cod. Claromontanus, sondern, wie eine Prüfung der 
Lesarten zeigt, aus einem anderen und besseren Exemplar der zweiten 
Redaktion abgeleitet ist. Einen wesentlicheren Unterschied zwischen 



künden gleichen Recbtsiulialts, aber für verschiedene Empfänger, wie sie im 
Register Gregors mehrfach vorkommt, 2. daraus, daß im Register häufig Briefe 
nicht vollständig, sondern nur zum Teil kopiert sind, während mit einem et 
cetera oder et cetera secmidum morem auf die Formulare, aus denen der Wort- 
laut ergänzt werden konnte, A^erwiesen wird, vgl. Reg. Greg. I. 2, 39. 40; 
3, 11; 5, 20. 21. 22; 8, 5; 9, 210. 233; 13, 18 und die dazu gehörigen Anmer- 
kungen der Herausgeber. Aber auch ohne diese ausdrücklichen Hinweise 
finden sieh im Register Verkürzungen der Briefe, die nur durch das Vor- 
handensein bekannter Formulare erklärt werden; vgl. z. B. 6, 8; 13, 40. 

» Daß die Form. 19. 20. 21 des Cod. Vat. im Cod. Ciarom. fehlen, ist nur 
auf ein Versehen des Schreibers des Cod. Clar. zurückzuführen; da Form. 19 
und 22 den gleichen Anfang haben, ist der Schreiber irregeführt worden. 
Daß die drei Formulare in der zweiten Redaktion selbst nicht gefehlt haben, 
zeigt die Handschrift von Bobbio, die auf diese Redaktion zurückgeht und sie 
enthält. — Eine wirkliche Abweichung zwischen V und C besteht in diesem 
Teile nur darin, daß die Form. 72 und 81 von V in C hinter Form. 46 ein- 
gereiht sind. SicKEL, Proleg. 1, 56, meint, daß dies auf die Beschaffenheit der 
von dem Kompilator der zweiten Redaktion benutzten Handschrift zurückgehen 
möge; ich glaube aber, daß schon hier sein Streben, sachlich Zusammen- 
gehöriges nebeneinander zu stellen, eingewirkt hat. 

* Es sind Form. 100 — 107 der Ausgabe Sickels (in der Ausgabe Rattis 
Form. 107—114); von Form. 107 ist in der Handschrift von Clermont nur die 
Überschrift erhalten; der Text nur in der Handschrift von Bobbio. Dagegen 
ichlen in der zweiten Redaktion die Form. 78. 79. 80 und 99 der ersten Redak- 
tion; ob dies auf die für die zweite Redaktion benutzte Handschrift der ersten 
zurückzuführen ist, oder ob diese vier Formulare absichtlich fortgelassen sind, 
ist nicht zu entscheiden. 



Liber diurnus 245 



der Mailänder Handschrift und dem Claromontanus macht es aus, 
daß die Zusammenstellung der Eingangs- und Schlußformeln, die den 
Papstbriefen je nach Rang und Stand der Adressaten zu geben waren, 
ein Verzeichnis, das in den beiden ersten Redaktionen des Formular- 
buches an dessen Spitze stand, an dieser Stelle in der Mailänder Hand- 
schrift gefehlt haben muß; wahrscheinlich sollte es in ihr an den 
Schluß der Sammlung gesetzt werden, doch ist diese Absicht nur an- 
gekündigt und nicht ausgeführt worden. ^ Überdies sind dann am 
Schlüsse der Handschrift noch zwei Formulare hinzugekommen, die 
schwerlich schon den älteren Handschriften der zweiten Redaktion an- 
gehört haben: 2 das erste von ihnen unterscheidet sich in seiner Fassung 
und Anlage deutlich von den übrigen Stücken und wird wohl in 
der Mailänder Handschrift zuerst in die Sammlung aufgenommen 
worden sein. 

Der Liher diurnus ist in der päpstlichen Kanzlei bis ins 11. Jahr- 
hundert benutzt worden ;3 Spuren seines Gebrauches sind noch in den 
Urkunden Alexanders II. mit liinreichender Deutüchkeit zu erkennen. 
Der letzte Schriftsteller, der sich auf ihn beruft, ist der Kardinal 
Deusdedit; er hat in seiner im Jahre 1087 vollendeten Canonessamm- 
lung 1 1 Kapitel dem Liber Romanorum pontißcum qui dicitur diurnus 
entnommen,"* und es ergibt sich mit Sicherheit aus den Lesarten 
seines Textes, daß die von ihm benutzte Handschrift dem verlorenen 
Codex von Clermont näher stand, als den beiden erhaltenen. Ab- 
gesehen davon weisen aber seine Canones zahlreiche Formeln und auch 
einige sachliche Abweichungen von den uns durch die älteren Hand- 



* Das hat Sickel, NA. 18, 126, mit Recht bemerkt. Es läßt sich mit 
Sicherheit berechnen, daß auf dem verlorenen ersten Quaternio der Mailänder 
Handschrift nur die Form. 2 — 8 und die erste Hälfte von Form. 9 des Cod. 
Vaticanus, aber nicht auch das Verzeichnis der Form. 1 der Ausgabe Sickel s 
Platz finden konnte; und auch in der Annahme, daß Form. 117 der Ausgabe 
Rattis die Ankündigung jenes Verzeichnisses enthält, ist Sickel durchaus zu- 
zustimmen. 

2 Form. 115. 116 in der Ausgabe Rattis. Form. 115 hat allein von allen 
Papstbriefen des Liber diurnus eine Intitulatio und Adresse, wodurch die 
jüngere Redaktion des Formulars klar wird, obwohl es selbst älteren Ur- 
sprungs ist. 

=* Interessante Belege dafür gibt Tangl, MIÖG. 20, 212. 

* In der neuen Ausgabe von V. Wolf v. Glanvell (Paderborn 1905) sind 
es die folgenden: Buch II cap. 109—112 (alte Zählung II, 92—95), Buch III 
cap. 145—150 (alte Zählung III, 124—129), Buch IV cap. 427 (alte Zählung IV, 
162 § 5). Außerdem hat Deusdedit in den Libellus contra invasores et simoni- 
acos 4, 5 (MG-. Libelli de Ute 2, 358) das auch in der Canonessammlung 3, 150 
benutzte Formular aufgenommen. 



246 Liber diumus 



Schriften überlieferten Formularen des Liber diumns auf, und wenn es 
auch wahrscheinlich ist, daß viele dieser Abweichungen willkürliche 
Änderungen sind, die sich der Kardinal auch sonst seinen Vorlagen 
gegenüber gestattete,^ so sind doch andere der Art, daß der Grund 
einer absichtlichen Änderung schwer erkennbar wäre; die Annahme,^ 
Deusdedit habe eine uns verlorene jüngere Redaktion des Liber 
diurmis benutzt, ist also jedenfalls nicht ohne weiteres von der Hand 
zu weisen. Ob aber die Vorlage des Deusdedit wesentlich reicher 
war, als die uns erhalteneu Handschriften, ist angesichts des Um- 
standes, daß sich in den letzteren alle Stücke vorfinden, die er dem 
Lihcfi' diurnns entnommen hat, sehr zu bezweifeln. Daß neben dem 
Über diumus seit dem 10. Jahrhundert in der päpstlichen Kanzlei 
auch noch andere umfangreichere Formularbücher in Gebrauch waren, 
ist möghch, aber nicht erweisbar; die Übereinstimmung einzelner Ur- 
kunden, wie z. B. der Palliumverleihuugen,^ kann auch mit der Be- 
nutzung von kleineren Sammlungen oder von Einzelformularen für be- 
stimmte Urkundenarten, wie sie oben^ für die königliche Kanzlei ver- 
mutet worden ist, ausreichend erklärt werden. 

In den letzten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts aber kam der 
Liber diumus in der Kanzlei jedenfalls außer Gebrauch. Die Um- 
gestaltung aller Verhältnisse der päpstlichen Verwaltung und Regie- 
rung unter Gregor VII. machte auch eine gründliche Umarbeitung 
der in der päpstlichen Kanzlei üblichen Formulare notwendig; und als 
dann, wie wir in anderem Zusammenhang näher ausführen werden,^ 
unter Urban IL der sogenannte Cursus die Sprache der Papsturkunden 
zu beherrschen begann, waren die alten Urkunden- und Briefmuster 
auch aus diesem Grunde nicht mehr ohne weiteres benutzbar. Viele 
einzelne Wendungen der Formulare des Liber diumus lebten aller- 
dings noch lange fort, aber das Buch als ganzes war veraltet. Ob nun 



* Vgl. darüber Löwenfeld in der Deutschen Litteraturzeitung 1889 
Sp. 1236 f. und MüuLBACHEE, Die streitige Papstwahl des Jahres 1130 S. 158. 

^ Für sie hat sieh Sickel wiederholt entschieden ausgesprochen, am aus- 
führlichsten in der Vorrede seiner Ausgabe S. 51ff. ; die eingehende Beweis- 
führung aber, die er in Aussicht gestellt hatte, ist leider nicht gegeben. 
Wolf v. Glanvell hatte eine Untersuchung darüber dem von ihm beabsich- 
tigten zweiten Baude seiner Deusdedit-Edition vorbehalten. Was Bcschbell, 
13ie Professiones fidei der Päpste S. 33ff., mit Rücksicht auf Form. 83 und ihre 
Umgestaltimg bei Deusdedit ausführt, ist nicht durchweg überzeugend. 

^ Vgl. Graf Hacke, Die Palliumverleihungen bis 1143 (Marburg 1898) 
S. T5ff. 

* S. 233 f. 

* S. unten Kapitel XV. 



Italienische Briefsteller tmd Formularbücher 247 

aber damals schon ein neues FormHlarbiicli zum offiziellen Gebrauch 
der Kanzlei angelegt -worden ist, vermögen wir noch nicht mit Be- 
stimmtheit zu sagen. 

Ist uns in dem Liher diurnus ein in Italien entstandenes For- 
mularbuch erhalten, das zu den wertvollsten des ganzen Mittelalters 
gehr)rt, so besitzen wir dagegen auffallend erweise keine ältere »Samm- 
lung von Formularen für den Gebrauch der italienischen Notare, die, 
wie wir wissen, den gesamten ürkundenverkehr des Landes fast aus- 
schließlich vermittelten. Ich möchte nicht glauben, daß es an solchen 
Büchern im früheren Mittelalter selbst völlig gefehlt hätte. ^ Aber 
daß sie uns verloren sind, ist nicht schwer zu erklären. Außerhalb 
Italiens war das Urkundenschreiben so gut wie ausschließlicli Sache 
der Geistlichkeit, daher auch ein Gegenstand des Unterrichts in den 
klösterlichen und bischöflichen Schulen: man begreift, daß die auch 
Unterrichtszwecken dienenden Forniularbücher und Briefsteller sich in 
den Archiven und Bibliotheken des Klerus erhalten haben. In Italien 
dagegen war das Notariat ein weltUches Gewerbe; die von den No- 
taren benutzten Formulare konnten nicht leicht in die Bibliotheken der 
geistlichen Institute gelangen, die für die ältere Zeit ausschließlich die 
Fundstätten der auf uns gekommenen mittelalterUchen Schriftdenkmale 
sind. Die Notariatsarchive selbst aber, die es in Italien gibt, reichen 
nirgends über das 12. Jahrhundert hinauf. 

So erklärt sich, daß von den Formularbüchern, deren sich die 
italienischen Notare des früheren Mittelalters bedient und nach denen 
sie die jungen Leute, welche sich dem Notariatsberuf widmen wollten, 
unterrichtet haben mögen, uns nichts überblieben ist. Erst aus der 
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts besitzen wir auch aus ItaUen 
wiederum Werke, die für uns von Interesse sind. 

Diese in Italien seit dem 11. Jahrhundert entstandenen Werke 
unterscheiden sich nun aber ganz wesentlich von den bisher be- 



1 Das nimmt allerdings Brünner, RG. 1 -, 576, an, der der Meinung 
ist, jeder Notar habe in seinen Notariatsakten eine Auswahl von Mustern 
besessen, deren Kenntnis er an seinen Nachfolger vererbte, wie er sie von 
seinem Vorgänger erworben hatte. Aber einmal ist ein solcher regelmäßi- 
ger Übergang der Notariatsakten von einem Notar auf einen anderen für 
die ältere Zeit nicht zu erweisen, und sodann waren die Akten eines Notars 
schwerlich jungen Leuten, die sich dem Notariatsberuf widmen wollten, zu- 
gänglich und, wenn zugänglich, schwerlich ohne eigene Bearbeitung geeignet, 
sie in allen Formen des Notariatsstiles zu unterweisen. Daß es aber gerade 
im Lande des gewerbsmäßigen Notariats und in der Heimat der späteren 
Lehrbücher der Ars dictandi und der Ars notaria in älterer Zeit an solchen 
Unterrichtsmitteln ganz gefehlt hätte, ist gewiß am wenigsten wahrscheinlich. 



248 Älbericus von Monieaassino 



sprochenen Formularbücherii ältsrer Zeit. Beschränken sich diese 
darauf, Muster für Briefe und Urkunden zu geben, aus denen man 
die Kegeln für die Abfassung sok-her Dokumente empirisch ableiten 
mußte, und denen nur hier und da, wie wir gesehen haben, ganz 
kurz gefaßte Winke und Anweisungen für Kanzleibeamte und Ur- 
kuudenschreiber beigegeben waren, so geben jene zumeist eine mehr 
oder minder ausführlich gehaltene theoretische JJarstellung der beim 
Abfassen von Briefen und Urkunden zu beobachtenden Regeln, die 
durch in den Text eingefügte Beispiele oder durch eine am Schlüsse 
der theoretischen Abhandlung angehängte .Sammlung von Beispielen, 
häufig auch durch beides, illustriert werden.^ 

Die erste Schrift dieser Art, die wir kennen, stammt von dem 
Diakon Älbericus von Montecassino, der in der zweiten Hälfte 
des 11. Jahrhunderts in jenem Kloster lebte und lehrte;^ wir besitzen 
von ihm ein zweien seiner Schüler gewidmetes Breviarium de didamine, 
das als ein kurz gefaßtes Handbuch zur Ergänzung des mündlichen 
Unterrichts dienen sollte, den jene von Alberich empfangen hatten.^ 



' Vgl. für das Folgende im allgemeinen Palacky, Über Formelbüeher 
zunächst in beziig auf böhmische Geschichte, Abhandl. der böhm. Gesellsch. 
der Wissensch. N. F. 2, 2l9fF. 5, 1 (Prag 1842. 1847); Peschek, Über Formel- 
bücher des Mittelalters, Arch. f. sächs. Gesch. 1843, 154ff.; AVattenbach, Über 
Briefsteller des Mittelalters, Archiv f. österr. Gesch. 14, 29ff. ; Eockinger, Über 
Formelbücher vom l'i. — 16. Jahrhundert (München 1855); derselbe, Über Brief- 
steller und Formelbüeher in Deutschland während des Mittelalters (München 
1861); derselbe, Über die ars dietandi und die summae dictaniinum in Italien, 
SB. der Münchener Akad. 1861, 1, 98ff.; derselbe, Briefsteller und Formelbücher 
des 11. — 14. Jahrhunderts, QE. 9, Einleitung; Bärwai.d, Zur Charakteristik und 
Kritik mittelalterlicher Formelbücher (Wien 1858); Gaudenzi, Sulla cronologia 
delle opere dei dettatori Bolognesi, BuUett. dell' Istit. stör. Italiano 14, 85 ff.; 
Gabkielli, L'epistole di Cola di Rienzo e l'epistolografia medievale, Arch. della 
soc. Romana di storia patria 11, 381 ff.; Langlois, Formulaires de lettrcs du 
XII., du XIII. et du XIV. siecle, Xotices et fxtraits des mss. de la Biblio- 
theque nationale Bd. 34. 35; Loserth, Formularbücher der Grazer Universitäts- 
bibliothek NA. 21, 307ff., 22, 299ff., 23, 751ff.; BüTOw, Die Entwickelung der 
mittelalterlichen Briefsteller bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts mit besonderer 
Berücksichtigung der Theorien der ars dietandi (Diss. Greifswald 1008). 

* Vgl. über ihn Petrus diac. MG. SS. 7, 728, der ihn als Verfasser eines 
Liber dictaininum et salutaiionum kennt. 

^ Auszugsweise gedruckt von Rockinger nach zwei Münchener Handschr. 
aus St. Emmeram und Tegernsee QE. 9, 29ff. ; angeführt als K^iomna Albcrici 
im Katalog der Bibliothek Bischof Ottos von Passau (1254) MB. 28% 486. 
Über Fragmente einer italienischen Handschr. in Pistoia s. Zdekacer, Studi 
Senesi 9, 77. Von einer anderen Schrift Alberichs, Flores rlictorici oder (so in 
einer Breslauer Handschrift) liadii didamimmi genannt, teilt Rockinger a.a.O. 



Albericus von Jlontecassino 249 



Die Schrift beginnt mit einer Erörterung gewisser grammatischer 
Formen und der durch sie hervorzubringenden stilistischen Variationen, 
behandelt dann die zum Lob und Tadel dienenden Eedetiguren und 
gibt darauf eine Anweisung zur Abfassung von epistolae formatae, der 
zwei Beispiele beigegeben sind. Die beiden folgenden Abschnitte be- 
sprechen die päpstlichen Privilegien und die königlichen Präcepte, 
mit besonderer Berücksichtigung der äußeren Merkmale, freilich in 
keineswegs erschöpfender Weise, und geben zur Erläuterung zwei Ur- 
kunden Gregors YII. und Heinrichs IV. für Monte Cassino, die aber 
nicht, wie man wohl gemeint hat, aus Originalen des Klosterarchivs 
zu Formularen umgearbeitet, sondern von Albericus frei erfunden sind, 
zwar mit einer gewissen allgemeinen Kenntnis der Formeln päpstlicher 
und königlicher Privilegien, aber doch mit manchen Verstößen gegen 
den speziellen Kanzleibrauch der Herrscher, denen sie zugeschrieben 
sind.^ Daran schließen sich Ausführungen über Intitulatio und Adresse 
(die Albericus prologi nennt) mit Musterbeispielen an, dann abermals 
stihstische und grammatische Erörterungen. 

Auf die Schrift des Albericus folgen seit dem Anfange des 
12. Jahrhunderts so viele andere, die unter den Titeln Rationes dktandi, 
Ars dictandi, Summa didaminis und ähnlichen Bezeichnungen zur Ab- 
fassung von Briefen und Urkunden anleiten, daß es weder möglich 
noch erforderlich ist, hier eine vollständige Übersicht über diese reiche. 



9, 4 f. nur die Vorrede mit. Eine dritte Schrift, die er ihm zusehreibt, Rati- 
ones dictandi, teilweise gedruckt a. a. 0. 9, 7 ff. gehört nicht Alberich an, wie 
schon Wattexbach. GQ. 2®, '240 N. 1, bemerkt hat. Sie ist in der Zeit Inno- 
ceuz' II., am wahrscheinlichsten in der Gegend von Bologna oder Faenza ent- 
standen, s. unten S. '252 N. 1. — Das Breviarium führt Hugo von Bologna, 
QE. 9, 54, an als Alberiei monachi viri eloquentissimi liber, qui, etsi plene per 
singula dictantinis documenta non scriberet, in epistolis tarnen scribendis et dic- 
tandis priiilegiis non iniuria ceteris creditur excellere. 

' Daß beide Urkunden von einem und demselben Verfasser herrühren, also 
nicht aus der Kanzlei Gregors und Heinrichs hervorgegangen sein können, 
macht eine Vergleicbung des Diktats unzweifelhaft. In dem Privileg Gregors, 
das LüwEXFELD (Jäffe-L. 5305) mit Recht als unecht bezeichnet hat, ist ganz 
kanzlei widrig die Rota mit der Umschrift: Dextera domini plena est terra — 
einer Variante der Devise Leos IX. Das Diplom Heinrichs IV., mit dessen 
Datierung sich Stumpf und Ficker vergebens abmühen (S. 2991'j. hat falschen 
Titel, eine für diese Zeit immögliche Corroboratio und eine ganz verkehrte 
Eekognitionszeile; im Texte vorher (QE. 9, 39) ist Heinrich als Kanzler ge- 
nannt, der um- unter Heinrich III. vorkommt, und Gregor von Vercelli, Kanzler 
von 1068 — 1077, fungiert als Erzkanzlor. Die Urkunden haben keinen anderen 
"Wert als diejenigen in den Form. Sangallenses temp. Salomonis conscriptae s. 
oben S. 239. 



250 Aginulf. Albertus von Samaria 



bis zum 16. Jahrhimdert eifrigst gepflegte und noch in den modernen 
Briefstellern sich fortsetzende Litteratur zu geben. Es wird genügen, 
wenn wir im nacbfulgenden die wichtigsten sowohl der Schriften, bei 
denen der theoretische Teil die Hauptsache ist, wie der bloßen Muster- 
sammlungen für Briefe und Urkunden — denn diese hören auch, 
nachdem sich die Ars didandi zu einer frirmlichen Disziplin entwickelt 
hat, keineswegs auf — zusammenstellen. Es wird sich dabei Gelegen- 
heit bieten, die mannigfachen Verschiedenheiten, die zwischen den 
einzelnen Schriften dieser Litteratur je nach Neigungen, Absichten, Hilfs- 
mitteln, Kenntnissen und Talenten der einzelnen Autoren bestehen, 
ausreichend zu charakterisieren. ^ Wir werden uns dabei, dem Plane 
dieses Werkes entsprechend, vorzugsweise auf die Schriften itaüenischer 
und deutscher Autoren beschränken, aber auch einzelne der in anderen 
Ländern entstandenen wenigstens beiläufig berücksichtigen müssen, da 
fast alle derartigen Bücher, wo sie auch geschrieben sein mögen, auch 
die Lehre von den Papsturkunden behandeln und gerade einige der 
außerhalb Italiens und Deutschland abgefaßten von besonderem Wert 
für diese Lehre sind. 

Bereits im Anfang des 12. Jahrhunderts werden uns zwei Gegner 
der von Albericus aufgestellten Theorien genannt, ein gewisser Agi- 
nulf, von dem wir nichts weiter als den Namen kennen, ^ und Al- 
bertus von Samaria, dessen Praecepta dictaminum im zweiten Jahr- 
zehnt des 12. Jahrhunderts verfaßt und in einer Pommersfelder Hand- 



1 Eine allgemeine Einteilung der Formularbücher ist kaum möglicli. Die 
von Palacky, Formelbücher S. 220, aufgestellte und von vielen Neueren an- 
genommene Unterscheidung von vier Klassen bezieht sich nicht auf den theo- 
retischen Teil, sondern bloß auf die Beispiele und Mustersammlungen. Und 
der Einteilungsgrund Palacky s — mehr oder minder weitgehende Unter- 
drückung der individuellen Angaben, der Orts- und Personennamen in den von 
den SammleiTi benutzten Vorlagen — ist zwar für den Historiker wichtig, für 
die Urkundenlehre aber wenig brauchbar. Für diese macht es keinen erheb- 
lichen Unterschied, ob ein Formular gar keinen Namen, oder einen fingierten 
oder willkürlich gewählten Namen, oder den aus einer bestimmten Einzelvor- 
lage beibehaltenen Namen gibt. Von größerer Erheblichkeit wäre die Unter- 
scheidung zwischen frei erfundenen oder aus wirklichen Urkunden und Briefen 
entnommenen Formularen. Aber fast in allen Sammlungen finden sich For- 
mvilare beider Arten, und in vielen Fällen ist die Entscheidung, ob ein For- 
mular fi-ei fingiert („Stilübung") sei oder sich an ein bestimmtes liistorisehes 
Dokument anlehne, außerordentlich schwierig; vgl. Bresslau, Aufgaben mittel- 
alterl. Quellenforschung (Straßburger Rektoratsrede 1904) S. 12 ff. 

* Vgl. Wattenbach, Archiv f. österr. Gesch. 14, 36, der ihm ein in einer 
Tegernseer Handschrift überliefertes Fragment zuschreiben möchte. 



Hugo von Bologna 251 



Schrift überliefert sind.^ Yon größerer Bedeutung sind die 6twa um 
das Jahr 112-4 in Bologna von einem Kanonikus Hugo abgefaßten 
liationes didandi prosaice, die er einem kaiserlichen Pfalzrichter aus 
Ferrara widmete.^ Er unterscheidet vier Hauptteile des Briefes: 
Salutatio, Prologus oder Exordium, Narratio und Conclnsio und erläutert 
seine Eegeln durch kurze, zumeist wohl frei erfundene Beispiele. 
Ganze Briefe sind erst am Schlüsse angehängt, darunter auch eine 
kurze Korrespondenz zwischen Papst Honorius IL und dem Bischof 
Viktor von Bologna.^ Urkunden im eigentlichen Sinne sind weder im 
Text der Schrift besonders berücksichtigt noch unter den Beispielen 
vertreten.^ Etwas jünger, gegen das Jahr 1135 verfaßt, sind i?a/io»es 
didandi einer St. Emmeramer Handschrift des 12. Jahrhunderts, deren 



* Auszüge von Bethmänk, AdG. 9, 539 flF.; Ausgabe von Krabbo, XA. 
32, 71 ff., vgl. den Zusatz S. 717 ff. Hugo von Bologna (s. die folgende Xote) 
hat das Werk des Albertus, das uns übrigens nicht vollständig erhalten zu 
sein seheint, obwohl er dagegen polemisiert, sehr ausgiebig benutzt. Auf Be- 
ziehungen Alberts zu Alberich von Montecassino weist die Salutatio bei Krabbo 
S. 75 Z. 17 hin; obwohl er als sein Gegner bezeichnet wird, konnte er sehr 
wohl sein Schüler gewesen sein. 

" Abgedruckt bei Rockixger, QE. 9, 53 ff. Überliefert in drei Hand- 
schriften in Pominersfelde, Wolfenbüttel und Salzburg. Vgl. auch Bütow S. -1:4 ff. 

^ A^on Löwenfeld, Jaffe-L. 7391, wohl mit Recht für fingiert gehalten. 
Ich mache auf die Studentenbriefe QE. 9, 81 f. aufmerksam, die hier begegnen 
und seitdem kaum in einem Briefsteller fehlen; vortrefflich handelt darüber 
Haskixs, The life of medieval students as illustrated by their letters, American 
historical Review 3, 203 ff. — Einer der angehängten Briefe, QE. 9, 84, nennt 
A. Samaritayius solo nomine magister als Absender und läßt ihn als berufs- 
mäßigen Lehrer der Ars dictandi erscheinen, que clerieis s^pe et {est?) valde 
necessaria, monachis congriia, laicis honesta; man vergleiche damit aus den 
praecepta des Albertus den Brief NA. 32, 76 f., der eine ganz übereinstimmende 
Wendung enthält. In dem jenem Briefe Alberts vorangehenden, wohl an ihn 
gerichteten Schreiben wird von seinem Ruhm und Lehrerfolg gesprochen, der 
in ganz überschwenglicher Weise geschildert wird. — In der Wolfeubütteler 
Handschrift ist das Werk des Hugo von Bologna dem Bischof BeuTio von 
Meißen zugeschrieben, und auch in den Beispielen sind bisweilen statt italieni- 
scher deutsche Namen eingesetzt. — Etwa gleichzeitig mit der Schrift des Hugo 
von Bologna ist die Aurea gemma des Henricus Francigena, die zwischen 
1119 und 1124 in Pavia verfaßt ist. Sie steht in der unten S. 254 erwähnten 
Altenzeller und in einer Wolfeubütteler Handschrift; Albert von Samaria ist 
darin benutzt. Einen Studentenbrief daraus hat Fitting in der Zeitschr. der 
Savigny- Stiftung f. Rechtsgeseh. 20 (Rom. 7), 66 ff. herausgegeben; eingehen- 
dere Mitteilungen darüber macht Bütow a. a. 0. S. 30 ff. 

* In der Salzburger Handschrift sind noch einige Briefe eingeschoben, 
QE. 9, 89 ff., darunter ein Manifest eines Kaisers E. gegen einen Heresiarcha, 
der sich Roms bemächtigt hat. 



252 Italienische Formularbücher des 12. Jahrhunderts 



Verfiisser uubekarmt ist, die aber gleicliMls in Mittelitalieu, vielleicht 
ebenfalls in Bologna oder in Faenza, entstanden sein müssen. ^ Hier 
zuerst lindet sich die von fast allen späteren Lehrern der Ars dictandi 
beibehaltene Gliederung des Briefes in fünf Teile: Salutatio, Captatio 
benevoleniiae, Narratio, Petitio und Conclusio, die dann einzeln — be- 
sonders ausführlich die Salutatio — abgehandelt und durch Beispiele 
erläut-ert werden. Außerdem gibt der Verfasser stilistische Regeln. 
Urkunden hat auch er nicht berücksichtigt. Außer diesen Rationes 
dictandi haben wir aus der Zeit Lothars noch drei lombardische Muster- 
sammlungen, von denen eine, überliefert in einer fürstlich Lobkowitzi- 
schen Handschrift zu Weißenau, als Aurea gemma Wilkelmi bezeichnet 
ist. Leider ist davon bisher nichts als ein kleiner Teil der Briefe — 
sieben — bekannt geworden, die ebenso fingiert sind, wie die meisten 
kaiserlichen, päpstlichen und sonstigen Schreiben der beiden anderen 
Sammlungen: die Benutzung dieser Erfindungen als historischer Doku- 
mente hat, ehe man ihren wahren Charakter erkannte, manche Ver- 
wirrung hervorgerufen.^ 

Treten in den zuletzt genannten Sammlungen die theoretischen 
Ausführungen, soviel bisher davon bekannt geworden ist, hinter den 
beigefügten Mustern bei weitem zurück, so herrschen die letzteren in 
den deutschen Arbeiten ähnlicher Art, die wir aus dem 12. Jahrhun- 
dert besitzen, noch mehr vor, haben aber wenigstens zum Teil einen 
ganz anderen Charakter. Am bedeutendsten darunter ist der Codex 
episiolaris, den Udalrich von Bamberg-^ zusammengestellt und 1125 
dem Bischof Gebhard von Würzburg gewidmet hat.^ Ein theoretischer 



* Das erste Buch QE. 9, 9iF. Zu der angenommenen Abfassungszeit 
passen alle Xamen. Ich mache aufmerksam auf den, wenn auch fingierten, 
so doch sehr beachtenswerten Brief S. 25 über eine Verbindung der Anconi- 
taner mit Roger von Apulien. 

* Vgl. über alle drei Wattenbach, Archiv f. österr. Gesch. 14, 37ff. ; s. 
auch Berxhardi, Lothar von Supplinburg S. 855f. Die Aurea gemma Wilkelmi 
dürfte eine Umarbeitung der Schrift des Henricus Francigena (s. S. 251 N. 3) 
sein. Eine wohl mit Reims zusammenhängende Bearbeitung der Aurea gemma 
des Henricus in einer Oxforder Handschrift erwähnt Haskins a. a. 0. S. 206 N. 2. 

^ Er war wohl nicht, wie Jaffe annahm, Mönch von Kloster Michelsberg, 
sondern gehörte wahrscheinlich dem Domstift an, vgl. Dümmler, NA. 19, 223 f.; 
Bresslaü, na. 21, 160 f. 

* Herausgegeben von Eccardds, Corp. hist. medii aevi 2, 2 ff., nach der 
Wiener Handschrift und von Jaffe, Bibl. 5, unter Mitbenutzung einer Zwettler 
und einer Wolfenbütteler Handschrift. Über die Spur einer anderen, verlore- 
nen Handschrift s. die Vorbemerkung zu DK. II. 140 S. 190. So schlecht die 
Ausgabe Eucard s ist, so läßt sie doch die Anlage der Sammlung besser er- 
kennen als die Jaffas, der die einzelneu Stücke streng chi'onologisch geordnet 



Deutsche Formidarhücher des 12. Jahrhunderts 253 



Teil findet sich überhaupt nicht, sondern nur eine Tafel der Saliita- 
tiones, auf die sofort eine umfangreiche Mustersammlung folgt, deren 
einzelne Stücke aber nicht lingiert, sondern wirklichen Dokumenten 
entnommen sind. Dabei sind nicht nur Briefe, sondern in großer 
Zahl auch Urkunden, namentlich Königsurkunden, dann aber auch 
Manifeste, Verträge, Streitschriften, Synodalakten und andere Akten- 
stücke berücksichtigt. Der Verfasser hat die Hauptmasse der mit- 
geteilten Dokumente Bamberger Archiven entnommen, aber auch 
Stücke anderer Provenienz, namentlich aus Regensburg und aus 
Bremen, sind ihm zugänglich gewesen. Daß dies Formularbuch eine 
Zeitlang in der Kanzlei Friedrichs 1. benutzt worden ist, ist neuer- 
dings mit vollkommener Sicherheit nachgewiesen worden.^ 

Ist in dem Codex epistolaris Udalrichs von Bamberg nur ein ge- 
ringer Einfluß der in Itahen aufgekommenen neuen Riclitung erkenn- 
bar, so zeigt sich ein solcher sehr deutlich in einigen anderen deutschen 
Briefsammlungen des 12. Jahrhunderts.^ Dahin gehört eine in dem 
thüringischen Kloster Reinhardsbrunn um die Mitte des 12. Jahr- 
hunderts oder bald nachher entstandene, in der mehrerwäbnten Pommers- 
felder Handschrift überüeferte Sammlung, die mit den Lehrbüchern 
des Albert von Samaria und des Hugo von Bologna eine beträchtüche 
Zahl von Briefen verbindet, welche zwar zum größten Teil, soweit 
sie sich auf thüringische Verhältnisse beziehen, echten Vorlagen ent- 
nommen sind, von denen aber andere und gerade die, welche die 
hohe Politik angehen, lediglich als fingierte und zum Teil sehr unge- 
schickt erfundene Stilübungen anzusehen sind."^ Ähnlich beschafl'en 



und die anderweit gedruckten Urkunden ausgeschieden hat. Daß die letzten 
Nummern der Sammlung später hinzugefügt sind, liegt auf der Hand. — Eine 
andere Schrift Udalrichs, eine kurze Anleitung zur Rhetorik, zusammengesetzt 
aus Auszügen bekannter Schriftsteller, ist in einer Wiener Hs. erhalten; die 
metrischen Vorreden hat Dümmi.er a. a. 0. S. 224 f. herausgegeben. 

» Vgl. Erben, Das Privilegium Friedrichs I. für das Herzogtum Osten-eieh 
(Wien 1902) S. SIT. 

- Nicht eigentlich in die Kategorie der Formularsammlungen gehören die 
im 12. Jahrhundert häufiger werdenden Konzept- und Brief bücher, wie diejeni- 
gen Wibalds von Stablo, Eberhards I. von Salzburg u. a. 

ä Die Briefe sind sehr mangelhaft herausgegeben von Hüfleu, Archiv f. 
österr. Gesch. 5, 19ff. Vgl. Wattenbach, ebenda 14, 57 f.; Kuabbo, NA. ;{2, 5lff.; 
WiBEL, NA. 36, 728 ff. — Ein wertvolles ganz, auf echten Vorlagen beruhendes 
Formularbuch aus dem Kloster U. 1. Frauen zu Magdeburg (Mitte des 12. Jahr- 
hunderts), herausgegeben von Ludwig, Reliq. manuscr. 2, 333iF. (vgl. Wintek, 
FDGr. 10, 642ff.), entbehrt des theoretischen Teiles; vielleicht stand ein solcher 
auf der jetzt verlorenen ersten Blätterlage. Handschrift früher in Wien, 
jetzt in Wernigerode. 



254 Französische Formularhücher des 12. Jahrhunderts 

ist eine etwas -wenig jüngere Tegernseer Sammlung, die ebenfalls 
echte und erfundene Briefe miteinander verbindet, bei denen aber 
ebenso die ersteren durchaus überwiegen.^ Aus dem Ende des 12. Jahr- 
hunderts mag endlich noch eine in einem aus Altenzelle stammenden, 
jetzt in Leipzig befindlichen Codex überlieferte Briefsammlung erwähnt 
werden, die in Hildesheim entstanden ist und eine große Anzahl 
inhaltlich sehr interessanter und für die Zeitgeschichte nicht unwich- 
tiger, wenn auch sämtlich fingierter Briefe aus den Tagen Kaiser 
Heinrichs VI. enthält.^ 

Die Hüdesheimer Sammlung schließt sich in dieser Handschrift 
an ein aus Trankreich stammendes Formularbuch an und gibt uns 
Veranlassung, auch den französischen Schriften des 12. Jahrhun- 
derts, die zum Teil auch in Deutschland große Verbreitung fanden, 
ein kurzes Wort zu widmen. Zwei Schulen sind es besonders, an 
denen in Frankreich die Kunst des Briefstiles geübt und gelehrt 
wurde: die von Tours und die von Orleans oder vielmehr von Meung 
(Magdunum) bei Orleans.^ In Tours ist die Summa dictaminis eines 
Meisters Bernardus entstanden,^ den man mit dem bekannten Schrift- 
steller Bernardus Silvester (gest. 1156) identifiziert. Einen Auszug 
aus ihr stellt die kleinere Summa Bemardi dar, die in sehr zahlreichen 
Handschriften überliefert und von einem anderen Bernhard, Canonicus 
von Meung, der dort Lehrer war, in der zweiten Hälfte des 12. Jahr- 
hunderts verfaßt ist.^ Die letztere Summa ist es nun, die der Samm- 



^ Vgl. Wattenbach a. a. 0. 56 ff.; NA. 17, 33 ff. 

^ Vgl. B. Stehle, Über ein Hildesheimer Formelbuch (Diss. Straßburg 
1878); Loreck, Zeitschr. des Harzvereins 26, 255 ff. 298 ff. und 0. Heinemann, 
Zeitschr. des bist. Vereins f. Niedersachsen 1896 S. 79 ff. 

* Vgl. im allgemeinen über die französischen Formularbücher: Dei.isle, 
Les eeoles d'Orleans au douzieme et au treizieme siöcle im Annuaire-BuUetin 
de la societe de l'hist. de France (1869), 139 ff.; Wattenbach, Archiv f. üsterr. 
Gesch. 14, 56 f.; Valois, De arte scribendi epistolas apud Gallicos medii aevi scrip- 
tores (Paris 1880) und Langlois in den oben S. 248 N. 1 erwähnten Abhand- 
lungen. — Ohne Bedeutung für unsere Zwecke ist der Aufsatz von A. de Foclqces 
DE Villaret, L'enseignement des lettres et des sciences dans l'Orleauais in den 
Memoires de la societe arch. et bist, de l'Orleanais 14 (1875), 299ff. 

* Vgl. besonders Langlois, BEC. 54, 225 ff. Der weiteren Identifikation 
des Bernardus Silvester mit Bernardus von Chartros hat Hauk^au, ebenda 
S. 792, widersprochen, vgl. die Antwort von Langlois, daselbst S. 795. Über 
die Stabloer (jetzt Brüsseler) Handschrift dieser Summa vgl. Wattenbach, Anz. 
f. Kunde der deutschen Vorzeit 16, 189 ff. Zwei andere Handschriften sind in 
Wien und Brügge. 

^ Aufzählung von 16 Handschriften bei Langlois, BEC. 54, 231 f.; Nach- 
trag ebenda S. 795. Über eine hierher gehörige Londoner Handschrift s. 



Französische Formularbücker des 12. Jahrhunderts 255 

lung von Altzelle-Hildesheini zugrunde liegt, während ihre Muster- 
beispiele die G-rundlage eines weiteren Forniularbuches bilden, das, 
etwa um 1180 in Orleans oder in Meung angelegt^ im 13. Jahrhun- 
dert im Salzburgischen oder Österreichischen umgearbeitet und ver- 
mehrt wurde und uns jetzt in einer Donaueschinger Handschrift aus 
dem Ende des 13. Jahrhunderts vorliegt.^ Gleichfalls in Orleans oder 
in Meung und ebenfalls gegen das Ende des 12. Jahrhunderts ist die 
sehr interessante Ars dictandi Aureliayiensis entstanden,'-^ die bisher nur 
aus einer Fürstenfelder (jetzt Münchener) Handschrift bekannt und 
hier mit einer aus Tours stammenden, aber in Deutschland stark 
überarbeiteten und dem 13. Jahrhundert angehörigen Mustersammlung^ 
verbunden ist. Als Verfasser wird in dieser Handschrift ein sonst 
nicht bekannter Magister Rudolf von Tours genannt; es ist aber aus 
den bisherigen Angaben nicht mit voller Sicherheit zu erkennen, ob 
dieser als der Autor nur des ersten theoretischen TeUes, der eigent- 



Hampe, na. 22, 6 10 f.; Mitteilungen aus der Handschrift von Ageu gibt 
AuvKAY, Documents orleanais du XII. et du XIII. siecle in den Memoires de 
la societe arch. et bist, de TOrleanais 23 (1S92), 393ff., aus ihr und einer viel- 
leicht damit identischen, verschollenen Handschrift von Bcauvais Delisle in 
den Notices et Extraits 36, 171 ff. Vgl. auch Cartellieri, Philipp II. August 
Bd. 1, Beil. S. 88 ff. 113 ff., Bd. 2, Beil. S. 325 ff. Über ein bretonisehes mit der 
Schule von Orleans zusammenhängendes Formularbuch von Treguier vgl. De- 
lisle in den Memoires de la societe arch. et hist. de 'Orleanais 23(1892), 41 ff. 
— Xoch nicht vollständig bekannt ist die Ars dictaminis Aqs Peter von Blois 
in einer Cambridger Handschrift, vgl. Langlois in den Notices et Extraits 34, 
2, 23 ff.; er erklärt, daß ihm weder der Liber de dictaminibus des Bemardus 
noch die Schriften der Turoncnses magistri genügen. 

^ Herausgegeben von Cartellieri, Ein Donaueschinger Briefsteller (Inns- 
bruck 1898). 

* Herausgegeben von Kockinger, QE. 9, 103 ff. Aus einer in Pariser 
Handschriften befindlichen jüngeren Überarbeitung dieser Ars dictandi hat zu- 
nächst Delisle und dann Wixkelmaxx, Kanzleiordnuugen S. 22 ff'., den auf die 
Salutationes papae bezüglichen Abschnitt drucken lassen; die Überschrift, die 
der letztere ihm gegeben hat, „Gebrauch der päpstlichen Kanzlei unter 
Coelestin III." trifft aber nicht zu, vgl. Bresslaü, Deutsche Litteraturzeitung 
1881 Sp. 899. 

3 Vgl. RocKiNGER a. a. 0. und Simonsfeld, SB. der Münchener Akad. 1 898 
1, 402 ff., durch dessen Erörterungen aber noch nicht alle Fragen, die sich an 
diese Sammlung knüpfen, beantwortet sind. Die Mustersammlung schließt eine 
doppelte theoretische Darlegung über die Privilegien in sich, einmal aus Guido 
Fabas Sutnma dictaminis (von 1229), sodann im Anschluß an die Summa des 
Bernardus. Wie flüchtig die Umarbeitung der Formulare bewirkt ist, zeigt 
das Privileg, Simonsfeld S. 436, in dem, obwohl es von Kaiser Friedrich 
ausgestellt sein will, eine den capetingischen Königsurkunden eigentümliche 
Formel stehen geblieben ist. 



256 Lehrbücher der Ars notariae. Irnerius. Rainer von Perugia 

liehen Ars dictandi, oder als der Kompilator der ganzen Schrift, d. h. 
der Vereinigung jener xirs dictandi niit der Mustersammlung anzu- 
sehen ist. 

Im 13. Jahrliundert nimmt nun aber die Zahl der Briefsamm- 
lungen und Lehrbücher der Ars dictandi der Art zu, daß an dieser 
Stelle noch mehr als für die frühere Zeit eine Beschränkung auf die 
wichtigeren und in brauchbaren Ausgaben vorliegenden Schriften der 
Art geboten ist. Eine besonders bemerkenswerte, hier aber nur kurz 
zu berührende Gruppe für sich bilden in dieser Zeit die Schriften, 
welche nicht sowohl die Kunst, Briefe und Urkunden aller Art zu 
entwerfen, lehren wollen, als vielmehr angehenden Notaren eine An- 
leitung zu geben bezwecken, wie sie ihre Instrumente abzufassen 
haben, und die deshalb auch nicht als Lehrbücher der Ars dictandi, 
sondern als solche der Ars notaria bezeichnet werden müssen.^ Ein 
Tormularbuch für Notare [formulariimi tabelloniiim), das bereits im 
12. Jahrhundert der wenn nicht älteste, so doch berühmteste Lehrer 
der Rechtsschule von Bologna Irnerius aufgestellt hatte,^ ist uns 
freilich nicht erhalten geblieben.^ Dagegen besitzen wir die sehr wir- 
kungsvolle Summa artis notariae des Rainerius Perusinus, der 1219 
Lehrer der Xotariatskunst in Bologna war:^ das Werk, in dem meh- 



* Vgl. Savigny, Gesch. des röm. Rechts im MA. Bd. 5; Stintzino, Gesch. 
der populären Litteratur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland 
S. 293 fF. und ganz besonders eingehend Bethmann Hollweg, Der Zivilprozeß 
des gemeinen Rechts 6, 159 ff. 

^ Vgl. Bethmann Hollweg 6, 161; Ficker, It. Forsch. 3, 147; Fittinq, Die 
Anfänge der Rechtsschule zu Bologna S. 92. 

* Pälmieri glaubt in der Florentiner Handschrift Magliab. XXIX, 206 eine 
in Toskana entstandene Überarbeitung dieser Schrift des Irnerius aufgefunden 
zu haben. In der Tat ist das von ihm zuletzt in seinen Appunti e documenti 
per la storia de' glossatori (Bologna 1892) herausgegebene Werk zweifellos die 
in Toskana verfaßte Redaktion eines älteren in Bologna entstandenen Formular- 
buches für Notare. Aber daß dies ältere Buch das des Irnerius sei, ist durch- 
aus unwahrscheinlich; vielmehr sprechen alle Anzeichen (insbesondere die von 
Palmieui nicht genügend beachteten Münzbezeichnungen) dafür, daß es erheblich 
jünger ist; vgl. dazu auch Besta, L'opera di Irnerio (Turin 1896). 

* Herausgegeben von Gaüdenzi, Bibliotheca iuridica medii aevi 2, 25ff. ; 
vgl. die lehrreiche Besprechung von Seckel, Zeitschr. f. Rechtsgesch. 84 (Rom, 21), 
2 17 ff.; Palmieui a. a. 0. S. XXX X. 1 erwähnt vier Handschriften dieses Werks, 
eine in öt. Gallen, die Bethmann Hollweq beschi-iebon hat, zwei in Siena, 
eine in Privatbesitz. Auf eine fünfte Hs. in Paris macht Seckel a. a. 0. S. 221 
aufmerksam; sie enthält entweder dies oder ein zweites noch ungedrucktes 
Werk Rainers. Cod. 918 der Bibl. Riccardiana zu Florenz enthält nicht, wie 
Savigny annahm, das Werk Rainers von Perugia, sondern ein anonymes, aber 
mit dem Rainers zusammenhängendes Formularbuch ausArezzo, das aus den 



Mißgriffe hei der Benutzwig von Vorurkunden 321 



von Grafen, iu deren Gauen die in den Urkunden erwähnten Ort- 
schaften liegen, und um die Xanien von lutervenieuten und Zeugen. 
In gewissen Fällen freilich liegt der Sachverhalt auf der Hand. Kehrt 
in zwei Diplomen Ottos L und Konrads IJ. für Kloster Fischbeck die 
ganze Güterliste wörtlich übereinstimmend wieder, einschließlich der 
Namen der fünf Grafen, in deren Gauen die Güter lagen, ^ so wird 
niemand, der überhaupt das spätere Diplom mit dem früheren ver- 
glichen hat, annehmen, daß zufällig wirklich 1025 fünf gleichnamige 
Grafen in denselben Gauen fungiert hätten. Auch wer in einer Ur- 
kunde Friedrichs I. für Brandenburg von 1161 einen Ort als in pago 
Northturinga et in comitatu Liutheri bezeichnet findet, wird bei einer 
Vergieichung mit der Vorurkuude Heinrichs III. angesichts der Tat- 
sache, daß in staufischer Zeit die Gauverfassung in voller Auflösung ist, 
die offenbare und gedankenlose Entlehnung leicht erkennen.^ Unsicher 
aber bleibt die Sache in anderen Fällen. Wird z. B. in einer Ur- 
kunde Ottos I. von 954 der Kroatengau als in ministerio Hartwigi 
belegen bezeichnet und wiederholen sich dieselben Worte iu einem 
zweiten Diplom von 961, dem jenes als Vorlage gedient hat,^ so ist 
es sehr wohl möglich, daß Hartwig 961 noch Graf jenes Gaues war, 
aber aus dem Diplom von diesem Jahre allein würde man es ohne 
anderweite Anhaltspunkte nicht mit absoluter Gewißheit folgern dürfen: 
die eben angeführten Beispiele werden zur Vorsicht in derartigen 
Schlüssen mahnen. 

Ganz ähnlich wie hier, steht es nun auch hinsichtlich der Inter- 
venienten und Zeugen. Daß die Zeugenlisten der Vorurkundeu zu- 
weilen in den Nachbildungen, namentlich in Neuausfertigungen wieder- 
kehren, ist schon oben erwähnt worden;* handelt es sich hier in der 
Regel um längere vöUig oder zum Teil übereinstimmende Xamen- 
reihen, so wird man, sobald man das Verhältnis der Nachbildung zur 
Vorurkunde überhaupt beachtet, über die Art der Entlehnung nicht 
in Zweifel sein können. Nicht so leicht ist es in manchen Fällen zu 
entscheiden, ob auch die Nennung der Intervenienten und Petenten 
durch die Vorurkunde beeinflußt ist. Klar ist es allerdings, daß die 
Nennung eines bereits verstorbenen Intervenienten, wenn er auch in 



> DO. I. 174. DK. II. 15, vgl. FicKER, BzU. 1, 317. Ganz dasselbe Ver- 
hältnis besteht hinsichtlich dreier Grafennameu in DO. IIL 273, verglichen 
mit DO. II. 51, vgl. SicKEL, KU. in der Schweiz S. 63. 

* St. 3907, vgl. St. 2402. 

3 DO. I. 173, vgl. DO. I. 221. 

* S. oben S. 299^ 

. Breßlau, ürkundenlehre. 2. Aufl. II. 21 



322 Mißgriffe bei der Benutzung von Vorurkunden 

der Vorurkunde erscheint, lediglich aus ihr abgeschrieben ist und 
weder für die Kritik der Urkunde, noch für ihre Interpretation Be- 
deutung hat,^ So leicht zu kontrollierende Vergehen lassen sich nun 
aber die IJrkundenschreiber doch verhältnismäßig nur selten zu 
Schulden kommen. Sehr viel häufiger dagegen geschieht es, daß wir 
in den Nachbildungen entweder dieselben noch lebenden Männer, oder 
die zeitigen Nachfolger der Männer als Intervenienten genannt finden, 
die in den Yorurkuuden als solche erwähnt worden waren. Und 
solche Fälle sind nun bisweilen sehr schwer zu beurteilen. Finden 
wir in einer ganzen Reihe von Urkunden für St. Peter zu Aschaffen- 
burg ^ regelmäßig den Herzog Otto und ihn allein als Fürbitter er- 
wähnt, so ist nicht in Abrede zu stellen, daß Otto, der Gründer 
jenes Stiftes, wirklich in jedem einzelnen Fall sich dafür verwandt 
haben kann, aber das mit voller Sicherheit anzunehmen und die Mög- 
lichkeit einer gegenseitigen Einwirkung der früheren Urkunden auf 
die späteren ganz außer Betracht zu lassen, würde doch gewagt sein. 
Wird dagegen in einer Urkunde Heinrichs 11, für St. Sophia zu Beue- 
vent von 1022 Bischof Heinrich von Parma als Intervenient genannt, 
während die Vorurkunde von 972 einen seiner Vorgänger Hubert von 
Parma, den damaligen Erzkanzler Italiens, mit Bischof Dietrich von 
Metz als Fürbitter anführt, so glaube ich angesichts der Tatsache, daß 
Bischof Heinrich nachweislich im Gefolge des Kaisers in Unteritalien 
war, annehmen zu müssen, daß gerade darum, weil in der vorzu- 
legenden Vorurkunde der Vorgänger Intervenient gewesen war, das 
Kloster diesmal die Fürbitte des Nachfolgers nachsuchte und daß diese 
gewährt wurde.^ Und wie hier, so liegt es auch in anderen FäUen. 



^ So in DH. II. 15 die Wiederholung der Fürbitte des Bischofs Franco 
von Worms aus DO. III. 312, vgl. schon Hirsch, Jahrb. Heinrichs II. 1. 228 
N. 4. Ebenso in St. 3043 die Wiederholung des Petenten aus DH. II. 95. 
Auch in DK. II. 192 ist so die Intervention des bereits vor zwei Jahren ver- 
storbenen Aribo von Mainz aus DK. II. 138 wiederholt, uud ebenso könnte in 
DO. I. 179 die Intervention der bereits verstorbenen Herzoge Heinrich und 
Konrad aus DO. I. 122 übernommen sein, so daß aus diesem Grunde allein 
die Urkunde nicht mit Dümmlek, Otto der Große S. 277, anzufechten wäre. 

- DD. 0. IL 117. 128. 188. 215. 245. 284 (ebenso die Spurien 321. 324); 
vgl. Picker, BzU. 1, 319. — Ähnliche Fälle DO. I. 94 Intervenient Hermann 
von Schwaben, nachgebildet DO. 1.218 Burchard v. Schwaben (für Einsiedeln); 
DH. 1. 13 Unwan von Paderborn, DO. I. 24 Toto von Paderborn (für Herford). 
Auch außer den schon bei Ficker a. a. 0. angeführten ließen sich noch zahl- 
reiche andere Beispiele anführen. 

^ DH. II. 468, vgl. DO. I. 408; wenn es sich auch hier, wie Ficker 
a. a. 0. anzunehmen scheint, um bloße bedeutungslose Wiederholung in der 



Mißgriffe hei der Benutzung von Vorurkunden 323 



Häufig a'ber wird eine sichere Entscheidung, ob der Empfänger die 
Intervention deshalb nachgesucht hat, weil ein Vorgänger in der Vor- 
urkunde als Intervenient genannt war, oder ob lediglich die Kanzlei 
aus dem gleichen Grunde den Nachfolger als Intervenienten nennt, 
überhaupt nicht zu treffen sein.^ 

Ist es sonach unzweifelhaft vorgekommen, daß den Vorurkunden 
tatsächliche Angaben entlehnt sind, die für die Zeit der Nachbildung 
und die besonderen Verhältnisse des Einzelfalls durchaus nicht passend 
waren, so kann es natürlich noch weniger befremden, daß in sehr 
zahlreichen Fällen Urkundenformeln in den Nachbildungen wiederholt 
sind, die zur Zeit der letzteren keineswegs mehr im Gebrauch waren. - 
Es läßt sich in dieser Beziehung ganz allgemein sagen, daß, zwar 
das Vorkommen von Formeln, die zur Zeit der Ausstellung der Urkunde 



Kanzlei handelte, so würde mau eher die Nennung des zeitigen Erzkanzlers, 
als die des zeitigen Bischofs von Parma erwarten; zudem ist es in diesem 
Fall sehr fraglich, ob das DO. I. 408 der Kanzlei Heinrichs II. überhaupt 
vorgelegen hat. — Ein ähnliches Verhältnis wird auch bei DK. II. 91 ob- 
walten; wahrscheinlich hat doch der Umstand, daß in der Vorurkunde Beren- 
gars I. vier Bischöfe als Petent und Intervenienten genannt waren, 1027 den 
Bischof von Padua veranlaßt, drei seiner Amtsbrüder um ihre Intervention zu 
ersuchen. 

* Zweifel wie die eben besprochenen können aber nicht bloß bei den 
Namen von Zeugen und Intervenienten, sondern auch bei anderen in den Ui*- 
kunden genannten bestehen. Ein besonders schwieriger Fall ist in dieser Be- 
ziehung der des DH. III. St. 2192. Es ist ausgestellt für das Bistum Meißen, 
cui nunc preest venerabilis episcopus Äico, und weiter unten ist noch einmal 
von dem iam dictus Aieo episcopus die Rede. Dieser Aico ist sonst nicht be- 
kannt; aber auch in der Vorurkunde, dem DO. I. 174, war der Empfänger der 
Bischof Aico von Meißen. Ob es nun wirklich zwischen dem 1027 begegnen- 
den Bischof Dieterich und dem 1046 erwähnten Bischof Bruno von Meißen im 
Jahre 1040 einen Bischof Aico II. gegeben hat, von dem wir sonst nichts 
wissen, oder ob der Name nur durch Gedankenlosigkeit des Kanzleinotars 
aus der Vorurkunde übernommen ist, wird sich mit Sicherheit nicht ent- 
scheiden lassen; für unmöglich wird man aber auch die zweite Alternative 
gewiß nicht halten dürfen. 

' Vgl. FiCKER, BzU. 1, 316. Dort ist u. a. ein sehr bezeichnender 
Fall aus dem U.Jahrhundert angeführt: Karl IV. erklärte im Jahre 1375 eine 
von ihm selbst 1362 ausgestellte Urkunde für unecht, weil sie dem stilus can- 
cellarie nee in regula dictaminis neque modo loquendi entspreche, was sich 
daraus erklärt, daß sie einer Urkunde Ludwigs des Baiem wörtlich nachgebildet 
ist, die Karl schon früher einmal im Jahre 1349 wiederholt hatte. Nach den 
Ausführungen Lindners S. 199 ist nun aber die Urkunde von 1362 zwar wirk- 
lich echt, aber nicht in der Kanzlei geschrieben; und es ist wohl möglich, daß 
diese, hätte sie die Urkunde angefertigt, wenigstens einige der formalen Mängel 

beseitigt hätte. 

21» 



324 Nachahmung der Schrift der Vorurkunden 



noch unbekannt waren, ihre Echtheit, soweit die Fehler nicht auf die 
Überlieferung zurückgeführt werden können, ausschließt, umgekehrt 
aber das Vorkommen von Formeln, die zur Zeit der Ausstellung nicht 
mehr üblich waren, da, wo es durch Benutzung von Vorurkuuden 
erklärt werden kann, einen Verdachtsgrund an sich durchaus nicht 
bildet. Und dasselbe gilt namentlich da, wo mehrere Vorlagen für 
eine Nachbildung benutzt sind, von ihrer ungeschickten und unbe- 
holfenen Verarbeitung, wie sie sehr häufig vorkommt. 

Schließlich muß dann aber noch bemerkt werden, daß es zahl- 
reiche Fälle gibt, in denen die Vorurkuuden nicht bloß Protokoll und 
Text, sondern sogar die äußeren Merkmale der Fachbildung beeinflußt 
haben, Fälle also, in denen die Nachbildung sogar zu wenigstens teil- 
weise durchgeführter Nachzeichnung wird. So ist z. B. eine Urkunde 
Heinrichs III. für Verona vom Jahre 1047 ganz unzweifelhaft in ihrer 
Schrift durch die Vorurkunde von 1027 beeinflußt;^ noch auffallender 
ein Diplom zu San Zeno zu Verona von 1084^ durch eine uns nicht 
mehr im Original erhaltene Vorurkunde aus der ersten Hälfte des 
Jahrhunderts. So hat ein Schreiber unter Heinrich V., der im Jahre 
1123 ein Diplom für San ßenedetto di Polirone muudierte, sich 
nicht nur in bezug auf die Schrift durch ein ihm vorgelegtes Privileg 
Paschais II. beeinflussen lassen, sondern der Vorurkunde zu Liebe 
sogar eine Art von rota gezeichnet, die er dann freilich durch das 
Siegel verdeckte.^ So hat insbesondere die nicht in den alten Tradi- 
tionen erwachsene Kanzlei Lothars III. namentlich in dessen ersten 
Eegierungsjahren allerhand graphische Eigentümlichkeiten der Vor- 
urkunden nachgeahmt, so daß hier sogar noch einmal das ganz be- 
deutungslos gewordene Rekognitionszeichen wiederkehrt.^ Kommen 
aber dergleichen Dinge selbst in der Reichskanzlei, und zwar gar nicht 



* St. 2338, vgl. DK. II. 96, beide Originale im Kapitalsarchiv zu Verona. 
"^ St. 2860; die Beispiele ließen sich leicht vei'mehrcn, und bisweilen läßt 

sich sogar aus der Nachurkunde, eben weil sie der Vorurkunde nachgezeichnet 
ist, der Schreiber der letzteren, auch wenn sie selbst verloren ist, erkennen. 
Es kommt sogar vor, daß ein Kanzleibeamter Schriftformen, die er auf solche 
Weise in einer Vorurkunde kennen gelernt hat, sich dauernd aneignet und 
auch in späteren Urkunden anbringt, das gilt z. B. von dem Schreiber von 
St. 2320 hinsichtlich des DK. II. 85; vgl. auch NA. 34, 108. 

^ BßESSLAü, MIÜG. 6, 114 N. 4; doch ist dazu jetzt nachzutragen, daß 
nur die Rekognition und die Datierung vor dem Kanzleinotar Bruno B 
= Philipp B) herrühren, alles übrige aber, auch die rota, von einem anderen 
Schreiber. 

* Vgl. ScHüJi, KUiA. Text S. 117. 119; Schcltze, Urkunden Lothars III. 
S. 45. 49. 



Vulgärlatein 325 



selten vor, so darf es nicht Wunder nehmen, daß wir auf ähnliche 
Erscheinungen noch häufiger in königlichen und nichtköniglichen Ur- 
kunden stoßen, die außerhalb der Kanzlei entstanden sind. 



Fünfzehntes Kapitel. 

Die Urkundensprache. 

Die lateinischen Sprachformen, die uns in den Litteraturdenkmälern 
aus der letzten Zeit der römischen Republik und den Anfängen der 
Kaiserzeit überliefert sind, gehörten damals nicht nur der Schrift- 
sprache, sondern auch, ■n^enigstens insofern man auf den eigenen Aus- 
druck sorgfältiger achtete und sich nicht nachlässig gehen ließ, der 
Umgangssprache aller derer an, die durch soziale Stellung und Bil- 
dung ausgezeichnet, die leitenden Klassen der römischen Gesellschaft 
bildeten. Daß sich von ihnen die tägliche Verkehrssprache des ge- 
wöhnlichen Volks, der sermo vulgaris oder rusticus oder, wie er sonst 
genannt wurde, ^ unterschied, konnte natürlich den Römern ebenso 
wenig entgehen, wie man etwa heute in den Gegenden Deutschlands, 
in denen ein erheblicher Unterschied zwischen der Schrift- und der 
Volkssprache besteht, sich dieses Gegensatzes unbewußt bleiben kann.- 
Gelegentlich machen schon früh die Komiker zur Charakteristik ein- 
zelner Figuren, die sie auftreten lassen, von einer vulgären Färbung 
der Sprache Gebrauch; gelegentlich führen Rhetoriker, Enzyklopä- 
disten, Grammatiker einzelne Formen des sermo rusticus an, um vor 
ihnen zu warnen; allein die Schriftsprache sucht sich im übrigen nicht 
nur in den Erzeugnissen der Litteratur, sondern auch in den Ur- 
kunden^ des geschäfthchen Verkehrs, soweit man es vermag, sorg- 

g von ihnen fernzuhalten. 



* Vgl. ScHüCHARDT, Vokalismus des Vulgärlateins (3 Bde., Leipzig 1866 
bis 1869) 1, 102 f. — Anschauungen über die Beurteilung des Vulgärlateins 
und die Ursachen seiner Differenzierung, die von den hier und im folgenden, 
in Übereinstimmung mit den Untersuchungen der namhaftesten deutschen 
Sprachforscher gegebenen Ausführungen vielfach abweichen, vertritt das ge- 
lehrte Buch von M. Bonnet, Le Latin de Gregoire de Tours (Paris 1890). 
Zuzustimmen vermag ich ihnen nicht. 

- Vgl. AV. Meyer-Lübke, in Gröber s Grundriß der roman. Philologie 
12, 455 ff. 

3 Ich habe hier wirkliche Urkunden, die mit Tinte oder mit dem 
Griffel auf Wachs geschrieben sind, im Auge; nicht inschriftliche, auf Stein 
oder Erz von Handwerkern — also Vulgärlatein redenden Leuten — eingetra- 
gene Abschriften von Urkunden. 



326 Vulgärlatein 



^Vollständig gelungen freilich ist das nicht. Zwar in den Bureaus 
der kaiserlichen Behörden erhielt sich, soweit wir aus den uns über- 
lieferten Urkundentexten schließen können, wenn auch nicht die Rein- 
heit der Klassizität, die vielmehr durch mancherlei grammatische, ins- 
besondere syntaktische, und lexikahsche, zum Teil aus der vulgären 
Redeweise übernommene Besonderheiten beeinträchtigt ward, so doch 
das Laut- und Formensystem der Schriftsprache wesentlich unverändert 
und unverderbt. Nicht anders steht es hinsichtlich der Schriftstücke, 
die in den ersten Jahrhunderten des Christentums aus der Kanzlei 
der Päpste und aus den Schreibstuben höher gestellter geistlicher 
"Würdenträger, namentlich der Bischöfe des römischen Reiches, hervor- 
gegangen sind. Aber schon von den wenigen Originalen römischer 
Privaturkunden aus den Provinzen, die aus den beiden ersten Jahr- 
hunderten der Kaiserzeit auf uns gekommen sind,^ gilt nicht mehr 
dasselbe. Kommen hier namentlich die dem ersten Jahrhundert an- 
gehörigen Wachstafeln aus Pompeji^ und die aus dem zweiten Drittel 
des 2. Jahrhunderts stammenden, zumeist in dem dakischen Städtchen 
Alburnus maior (dem heutigen siebenbürgiscben Verespatak) geschrie- 
benen Diptycha und Triptycha^ in Betracht, so kann es allerdings 
keinem Zweifel unterliegen, daß die Schreiber der einen wie der an- 
deren die Absicht hatten, sich der Schriftsprache zu bedienen. Aber 
daß diese nicht mehr ihre Muttersprache, sondern von ihnen schul- 
mäßig erlernt war und nicht vollkommen beherrscht wurde, ersieht 
man aus den zahlreichen vulgärlateinischen Formen, die sich offenbar 
unbeabsichtigt neben denen der Schriftsprache eindrängen; die in dem 
vulgären Latein herrschende Auflösung des Laut- und Formensystems 
macht sich bereits sehr deutlich fühlbar.^ 



^, * Sie sind zusammengestellt bei Karlowa, ßöm. Rechtsgesch. 1, 783 fi"., 

wo aber auch die nach der vorigen Note hier nicht zu berücksichtigenden 
Stein- oder Erztafeln mit aufgezählt sind. Dazu kommen jetzt eine erheb- 
liche Anzahl lateinischer Texte auf Papyrusurkunden aus Ägypten, deren 
Sammlung und Veröifentlichung von Seymouk de Ricci seit langer Zeit an- 
gekündigt ist. 

^ Herausgegeben CIL. Bd. 4, Supplement, von Zangemeister. 

^ Herausgegeben CIL. 3, 924 ff. Nachträge Ephemeris epigraphica 2, 467; 
^ 4, 187f. 

■* Es genügt jetzt für die pompejanischen Tafeln auf die Zusammen- 
stellungen Zangemeisters, CIL. 4, Suppl. S. 449, zu verweisen; in den sieben- 
bürgischen sind die Spuren des Vulgärlateins noch zahlreicher. — Auf etwas 
höherer Stufe der Reinheit steht dagegen z. B. die Latinität einer noch vor 
dem Untergang des weströmischen Reichs geschriebenen Papp-usurkundo 
(Moscardi-Maffei, jetzt im Vatikau), Makini S. 108 n. 73, die von einem vor- 



^ ^ fi^fi^ /V^^^^-vÄ/Xx'/; 




/ / / ' ^ l^nf 



Vulgärlatein 327 



Von der wesentlichsten Bedeutung für die Tveitere Entwickelung 
war es nun, daß einerseits das siegreiche Christentum sich vielfach 
geradezu ahwehrend gegen die heidnische Litteratür und gegen die in 
ihr herrschende Schriftsprache verhielt, daß seine Vertreter oft mit 
be^v^lßter Absicht zu dem Volke in der Sprache des Volkes redeten 
und sich geradezu geringschätzig über jene künstlich gepflegte Rede- 
weise ausließen, die von den Regeln der Grammatiker beherrscht 
wurde; ^ daß andererseits aber auch die tausende von öflentUchen 
Schulen, durch die bisher die Überlieferung der kanzleimäßigen 
Schriftsprache dem zahllosen Heere kaiserlicher Beamter in Italien 
und in den Provinzen allein hatte vermittelt werden können, mit dem 
Wegfall der römischen Kaiserherrschaft und seiner Bureaukratie über- 
flüssig geworden waren und notwendigerweise eingehen mußten. 

In den beiden Gebieten, die für unsere Darstellung in Betracht 
kommen, in Italien und im Frankenreiche, vollzog sich nun aber der 
Verfall der auf der antiken Bildung beruhenden Schrift- und Kunst- 
sprache nicht zu gleicher Zeit und nicht in gleicher Weise. In Italien 
hat weder die kurze Regierung Odovakars, noch die Herrschaft der 
Ostgoten ihn vollkommen herbeigeführt. Das einzige Dokument aus 
der Kanzlei des ersteren, das wir abschriftlich besitzen, zeigt nur 
sehr wenige Spuren des in die Schriftsprache eindringenden Vulgär- 
latems,- die noch dazu vielleicht nicht sowohl auf Rechnung des könig- 
lichen Notars, der das Original geschrieben, als auf die Rechnung der 
allerdings schon viel weniger korrekt redenden sizilianischen Muni- 
zipalbehörde, ^ welche die uns erhaltene Abschrift angefertigt hat, ge- 
setzt werden dürfen. Hinsichtüch der Ostgoten aber braucht man 
nur daran zu erinnern, daß einer der letzten Repräsentanten voller 
römischer Bildung, Cassiodor, an der Spitze der Kanzlei Theodorichs 



nehmen Mann aus Ravenna stammt; doch finden sich auch hier schon Vul- 
garismen, z.B. S. 109, 27 de peculia, 35. 56 suseriptio, 43. 53 scibitis, 46 
iniseremus. 

^ Es genügt, an die bekannten Äußerungen des Augustin, De doctr. Christ. 
3, 7, Gregors des Großen in der Vorrede zum Hiob-Kommentar und Gregors 
von Tours in der Vorrede zu der Schrift In gloria coufeasorum zu erinnern. 

- Marini S. 128 n. 82: prestat, cmipraehensam, livero, arvitrio, eonsiliario 
nostro (für consiliarium nostrum). Actum Ravenna. 

3 In den von dieser stammenden Teilen des Papyrus finden sich Formen 
wie suscribsit, hostetisa adque relectam, scribta, aedicere, (jrevetur (für gravetur), 
beneratione, paginam hostensa adque relecta est, ed eandem praedia, ambulaissent, 
pro eadem praedia u. a. — Vgl. auch den 491 in Ravenna geschriebenen 
Papyrus, Mabini S. 130 n. 84, der noch etwas reineres Latein hat als jener aus 
Syi-acus. 



328 Vulgärlatein 



imd seiner uäclisten Nachfolger stand, und daß seine Variae die 
direkte Absicht hatten, die Tradition des römischen Kanzleistils und 
der römischen Kanzleisprache fortzupflanzen. So darf es uns denn 
nicht wundernehmen, wenn auch die wenigen fast ausschließlich aus 
Eavenna oder seiner Umgebung stammenden Urkunden von Privat- 
personen oder Munizipalbehörden, die wir aus dem JL^Jahrhundert be- 
sitzen, zumeist eine im ganzen doch nicht sehr durch vulgärlateinische 
Beeinflussung getrübte Schriftsprache aufweisen. Nur einzelne Stücke, 
so ein in eine Urkunde von 564 inseriertes Breve,^ zeigen eine stärkere 
Verwahrlosung, wie diese denn auch in den eigenhändigen Unter- 
schriften mancher offenbar der Schriftsprache durchaus nicht mehr 
mächtigen Zeugen vielfach deutlicher hervortritt, als in den von ge- 
werbsmäßigen Schreibern herrührenden Urkunden selbst.^ Erst die 
la ngobardische Eroberung Italiens brachte hier gewaltige Verände- 
rungen hervor. In gleicher Weise der religiöse wie der poütische 
Gegensatz, der die Sieger von den Besiegten trennte, die geringe Emp- 
fänglichkeit, welche die ersteren für die römische Bildung wenigstens 
in der ersten Zeit nach der Reichsgründung bewiesen, die ungünstige 
ökonomische und rechtliche Lage, in welche die römische Bevölkerung 
in den von den Langobarden eroberten Gebieten überall versetzt wurde, 
endlich ihre wenigstens anfänglich fast vollständig durchgeführte Eern- 
haltung aus allen Ämtern des Staats- und Hofdienstes — das aUes 
mußte zusammenwirken, um die schulmäßige Fortpflanzung der römi- 
schen Schriftsprache auf langobardischem Gebiete außerordentlich zu 
erschweren, wenn auch nicht ganz unmöglich zu machen. Und ge- 
wiß haben die Langobarden selbst, soweit sie sich des lateinischen 
Idioms für ihren Geschäftsverkehr bedienten, es zunächst nicht in der 
Form der Schriftsprache, sondern in derjenigen der vulgären Rede 
überkommen. 

Wie man in der langobardischen Königskanzlei geschrieben hat, 
das wissen wir nun freilich aus Mangel an Originalurkunden, die 
darüber allein authentischen Aufschluß geben könnten, nicht. Das 
langobardische Gesetzbuch zeigt auch in den uns vorliegenden Ab- 



» Makini S. 125 in n. 80. 

- Vgl. z. B. in der Urkunde Marini n. 114 die Unterschriften des Petrus 
und des Latinus S. 174 Z. 97flf. Vorzugsweise solchen Unterschriften sind die 
Beispiele entnommen, die Gröber, Arch. f. lat. Lexikogr. 1, 55, anführt, der 
Unterschied zwischen Unterschriften und Text ist aber hier nicht genügend 
beachtet. Das ebenda erwähnte Stück n. 119 von 551, mit stärkeren Verderb- 
nissen auch im Texte, ist von Goten ausgestellt, nicht in Aquileia, sondern in 
Classis bei Ravenna und nach den verheerenden Einflüssen des Gotenkrieges. 



Vnlgärlaiein 329 



Schriften Ynlgarismen in großer Ftillc, und üb sie nicht in den ver- 
lorenen Originalen noch weit zahlreicher gewesen sind, muß dahin- 
gestellt hleiben. Die der Zeit der Ausstellung nahestehende, wenn 
auch kaum ganz gleichzeitige Abschrift einer Urkunde König Aistulfs 
von 755 ist ebenfalls stark vom Vulgärlatein beeintiuBt,^ aber auch 
hier ist sehr wohl möglich, daß die Abschrift, die möghcherweise 
schon der karolingischen Zeit angehört., bereits manches verwischt hat. 
Vollkommen vom Vulgärlatein beherrscht sind dagegen die ältesten 
uns erhaltenen Originalurkunden, die von Privatpersonen ausgestellt, 
aber von öffentlichen Notaren geschrieben, aus dem langobardischen 
Italien auf uns gekommen sind; sie gehören dem Anfang des 8. Jahr- 
hunderts an.2 (^V ' ■/' ' 

Aber auch in den italienischen Gebietsteilen, die gar nicht oder 
erst spät unter langobardische Herrschaft gekommen sind, ist eine zu- 
nehmende Korruption der TJrkundensprache seit dem Ende des 6. Jahr- 
hunderts nicht zu verkennen. Es wird zwar gewöhnlich angenommen, 
daß man wenigstens in der päpstlichen Kanzlei die Tradition der an- 
tiken Schriftsprache zu bewahren verstanden habe;^ allein sicher ist 
das keineswegs. Mag die Behauptung für die Zeit Gregors !.,■* viel- 
leicht auch seiner nächsten Nachfolger, noch zutreffen, so ist doch zu 
erwägen, daß wir keine Originalurkunde der päpstlichen Kanzlei aus 



' Vgl. das Faksimile Carta, Mon, palaeogr. sacra tav. 12; Bonelli. Cod. 
paleograf. Lombardo 1, tav. 7; Steffens, Lat. Palaeographie ' Suppl. Taf. IS; 
^Taf. 39 (es ist wohl die älteste uns erhaltene Abschrift einer langobardischen 
Königsurkunde, aber kein Original, vgl. unten Kap. XVIII) : basilice . . . sita, 
contenebatur, easa tinam, intecnim, possedeat, 2)Ostolash', viro (für vero), consi- 
derantis (nom. pl.), mercidem, presentem nostrum preceptum, iam dicto pre- 
eeptum, dmuscitur, concidimiis, utilitatis (acc. pl.), hommis (nom. pl.), pttplico, 
consititudinem acto, (für actum), vigisima, fdicissimi, per indicione octaba. 

^ Vgl. die ältesten Stücke des Mailänder Archivs von 721 und 725, Bo- 
SELLi, Cod. paleogr. Lombardo 1, tav. 1. 2; das älteste Or. des Turiner Archivs 
von 726, Vayra, Museo stör, della casa di Sav. S. 296; das älteste Or. des 
erzbischöflichen Archivs zu Lucca (nach 713), Güidi, Atti della R. aecademia 
Lucchese 32, 399ff.; das älteste Stück im Staatsarchiv von Florenz von 726/7, 
Ces. Paoli, Arch. stör. Ital. Ser. 3, Bd. 17, 235 ff. u. a. m. 

' Vgl. Gröber, Arch. f. lat. Lexikographie 1, 56; Sittl, ebenda 2, 553. 

* Vgl. Hartmann, NA, 15, 527 ff. (wo aber der Ausdruck Orthographie 
der Sache nicht recht entspricht) und in der Ausgabe des Registrum Gregorii I., 
MG. Epp. 2, XXXIIff. Inwieweit aus den Handschriften der von Gregor selbst 
verfaßten litterarischen Werke (vgl. darüber Sepülcbi, Le alterazioui fone- 
tiche e morfologiche nel latino di Gregorio Magno e del suo tempo in Studi 
medievali 1, 171 ff.) auf die Schreibweise der Kanzleibeamten geschlossen 
werden darf, die seine Briefe mundiert haben, ist übrigens sehr zweifelhaft. 



330 Vulgärlatein 



vorkaroliugischer Zeit besitzen und demnacli ganz zuverlässiger Kunde 
von der päpstlichen TJrkundenspraclie dieser Zeit entbehren; und es ist 
weiter in Betracht zu ziehen, daß die ältesten erhaltenen Originale 
aus dem Zeitalter der Karolinger keineswegs zu einer so guten Meinung 
davon berechtigen: die Sprache dieser Dokumente, die von Hadrian I, 
und Paschalis I. herrühren, steht mit nichten auf einer höheren Stufe 
als die der gleichzeitigen fränkischen Königsurkunden.^ Und im 
8, Jahrhundert ist es vollends in sprachlicher Beziehung um die nicht 
zahlreichen römischen und ravennatischen Priyaturkuuden, deren Ori- 
ginale wir kennen, nicht wesentlich besser bestellt, als um die aus 
dem iangobardischen Reiche. 

Noch viel deutücher aber als in Italien und viel früher läßt sich 
der Prozeß der Vulgarisierung der Urkundensprache im Prankenreiche 
verfolgen. Mochten auch immerhin, namentlich im südlichen Gallien, 
nicht nur bis in die Zeiten des ApolHnaris Sidonius, sondern auch bis 
in die des Venantius Portunatus, einzelne Männer sich finden, welche 
die römische Litteratursprache pflegten, so waren doch die Urkunden- 
schreiber, sowohl die Beamten der königlichen Kanzlei wie andere, 
nicht mehr in auch nur irgendwie zureichender Weise mit ihr ver- 
traut, und schon die ältesten uns erhaltenen Originalurkunden, die in 
der merovingischen Reichskanzlei bis in die erste Hälfte des 7. Jahr- 
hunderts zurückreichen, 'Ton anderen Personen ausgestellt aber erst 
aus der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts vorliegen, zeigen eine voll- 
ständige Verwilderung der Sprache.^ 

Eins ist nun freilich für die Charakteristik dieser Urkundensprache 
sowohl Italiens wie des fränkischen Reiches wohl zu beachten. Keine 
Urkunde dieser Länder gibt uns in den früheren Jahrhunderten des 



1 Jaffe-E, 2462. 2551; Marini S. 12ff. Aus dem ersten Stück führe ich 
z.B. an: cum... regina eorutnque novilissimos suvoles, inter eis, cum indi- 
culum, Benebentani, qualibet malitiatn, de recipiendi eos, maturemini (statt ?«a- 
turetis), fautori (abl. sing.) — ; aus dem zweiten valeat (3. Pers. plur.), pertur- 
vare (Inf. praes. pass.), inrefrayavile, confirmabit (Perf.), formulas ^ (nom. pl.),\>4^ 
ceteris pissimis imperatoribtis (gen. plur.), per donationibus , conrovorationis, 
per quolibet adinventionis argiomento, veneravilis, ex episcopato . . . aut civitatis, 
sine praeceptionem vestram, nulluni molestia, desmilitari, pro talem atrocem 
audaciam. So schrieb man 819 — aus diesem Jahre ist das Privileg Paschais 
— in der Kanzlei Ludwigs des Frommen schon nicht mehr. 

^ Beispiele bei Gröber, Arch. f. lat. Lexikogr. 1, 54 f. Vgl. auch das 
oben S. 325 N. 1 angeführte Buch Bonnets, ferner Haag, Die Latinität Fre- 
degars (Roman. Forschungen 10, 835 ff.); Pirson, Le latin des inscriptions latineä 
de la Gaule (Brüssel 1900); derselbe, Le latin des formules merovingiennes et 
carlovingiennes (Roman. Forschungen 26, 837 if.). 



Vulgärlatein und Schriftlatein 331 



Mittelalters eine reine Anschauung des wirklichen Vulgärlateins oder 
— was nahezu dasselbe ist — der gesprochenen romanischen Sprache. 
Alle Urkundenschreiber haben eine gewisse, wenn auch noch so dürf- 
tige Kenntnis von den Regeln der lateinischen Schriftsprache oder 
wenigstens eine Vorstellung davon, daß es solche Regeln gibt. Soweit 
sie dem geistlichen Stande angehören, kennen sie die Schriftsprache, 
wenn auch nicht mehr aus weltlichen Texten, so doch aus der lateini- 
schen Bibelübersetzung, häuüg auch aus anderen kirchlichen Schriften; 
überdies ist, wie wir schon gesehen haben, auch eine bis in die bessere 
römische Zeit zurückreichende Tradition von Urkundenformularen vor- 
handen, mögen auch diese selbst im Laufe der Jahrhunderte von der 
sprachlichen Korruption mit erfaßt sein. Alle Urkundenschreiber 
wollen demnach nicht Vulgärlatein schreiben, sondern möchten sich, 
so gut sie können, des Schriftlateins bedienen; auch bei den am 
meisten korrumpierten Texten hat das Vulgärlatein mindestens eine 
schriftlateinische Färbung;^ die Vulgarismen aber sind unbeabsichtigt. 
So entstehen Texte, die man ganz zutreffend als Kompromißtexte 
zwischen der Vulgärsprache und dem Schriftlatein bezeichnet hat. Be- 
sonders charakteristisch für diese Kompromißtexte ist eine Erscheinung^ 
die man sich gewöhnt hat, als die der „umgekehrten Schreibung" zu 
bezeichnen. Indem die Urkundenschreiber "wissen, daß eine Eigentüm- 
lichkeit ihrer Redeweise, z. B. die Aussprache von habere, komo als 
obere, omo, von der Schrift abweicht, daß sie also in vielen Fällen, 
um bei dem gewählten Beispiel zu bleiben, h schreiben müßten, wo 
sie es nicht sprechen, setzen sie jenen Buchstaben häufig auch da ein, 
wo derselbe nicht berechtigt ist, und schreiben also z. B. hostendere 
oder hutiliias, was natürUch nie und nirgends gesprochen wurde. Ge- 
rade durch diese umgekehrte Schreibung, die nicht bloß im Laut- 
sjstem, sondern auch in der Nominal- und Verbalflexion und sonst in 
Erscheinung tritt, brmgen die Kompromißtexte so oft den Eindruck 
völhger und ganz prinziploser Verwirrung hervor,^ während sich doch 
bei sorgfältigerer Untersuchung die hauptsächlichsten Eigentümlich- 
keiten der wirklich gesprochenen Sprache mit genügender Sicherheit 
erkennen lassen. 



* Vgl. W. Meyeb-Lübke iu Gböbers Enzyklopädie 1*, 358, IS 460. 

- Insbesondere störend wirkt sie auf den Vokalismus durch die anschei- 
nend ganz prinziplose Vertauschung von e und i, von o und u. Während zu- 
nächst aus schriftlat. i und n roman. e und o, aus schriftlat. e und ö in ge- 
wissen Fällen roman. i und u wird, entsteht die von den Regeln der Laut- 
wandelung abweichende Vertauschung der beiden Vokalgruppen hauptsächlich 
durch umgekehrte Schreibung. 



332 Lokale Verschiedenheiten des Vulgärlateins 



Nun kann es nicht die Aufgabe der Urkundenlehre sein, eine 
auf solchen Untersuchungen beruhende erschöpfende Lautlehre und 
Grammatik des Vulgärlateins in sich aufzunehmen.^ Aber indem sie 
die Sprache der Urkunden als ein wesentliches Moment für die Kritik 
ins Auge zu fassen hat, kann sie einer gewissen Kenntnis jener sprach- 
lichen Erscheinungen nicht entraten. Selbstverständlich wird, wenn 
einmal erkannt ist, daß z. B. in der merovingischen Kanzlei das Vul- 
gärlatein zu weitgehender Herrschaft gelangt ist, eine merovingische 
Urkunde, wie etwa das Diplom Chilperichs I. für Beauvais,^ schon 
ihrer sprachlichen Reinheit halber nicht als unanfechtbare Original- 
urkunde, wofür sie lange gehalten worden ist, anerkannt werden. 
Aber ganz abgesehen von solchen allgemeinen Erwägungen, für die es 
einer genaueren Kenntnis der Vulgärsprache nicht bedarf, kann auch 
die Beachtung gewisser Unterschiede, die in ihr je nach den verschie- 
denen Ländern hervortreten, dem DiplomatikiT für manche L'nter- 
suchungen, insbesondere solche nach der Herkunft des Schreibers einer 
Urkunde, wertvoll werden. 

Denn das Vulgärlatein, aus dem nicht eine, sondern mehrere, 
untereinander bestimmt verschiedene romanische Sprachen hervor- 
gegangen sind, ist von allem Anfang an keineswegs in ItaHen und in 
den einzelnen Provinzen, in die es vordrang, ein- und dieselbe Sprache 
gewesen, vielmehr lassen sich lokale Verschiedenheiten der Vul- 
gärsprache deutlich erkennen.^ Der Grund dieser Verschiedenheiten 
ist nur zum Teil der Einfluß jener Ursprachen, welche durch das 



^ Aus der Sprache der fränkischen Urkunden hat Sickel, Acta 1, 141 fF. 
eine Reihe der wichtigsten Erscheinungen zusammengestellt; doch wäre nach 
den neueren Arbeiten der Philologen manches anders zu formulieren und 
anderes hinzuzufügen. 

- DM. 8. Faksimile des angeblichen jetzt verlorenen Or. Neues Lehr- 
gebäude 5 Täf. 66 n, 1 ; während noch K. Pertz in der Monumentenausgabe 
die Originalität annimmt, hat schon Sickel, Acta 1, 214 N. 4, sich mit Recht 
dagegen ausgesprochen. 

^ Vgl. SiTTL, Lokale Verschiedenheiten der lateinischen Sprache, Er- 
langen 1882; derselbe, Zur Beurteilung des sog. Mittellatein, Arch. f. lat. 
Lexikogr. 2, 550 ff. ; Gröber, Sprachquellen und AVortquellen des lateinischen 
Wörterbuchs, ebenda l, 35 ö. und Vulgärlateinischc Substrate romanischer 
Wörter, ebenda 1, 204 tf.; Geyer, Beiträge zur Kenntnis des gallischen Latein, 
ebenda 2, 25ff. ; d'Arbois de Jcbainville , La declinaison latine en Gaule k 
l'epoque merovingienne, Paris 1872; Stünkel, Das Verhältnis der Sprache der 
Lex Romana Utinensis zur schulgerechten Latinität, Jahrb. f. klass. Philologie 
Suppl. 8, 585 ff. ; Meyer-Lübke, Einführung in die romanische Sprachwissen- 
schaft 2. Aufl. (Heidelberg 1909) S. 18ff. 96ff.; Mohl, Introduction ä la Chrono- 
logie du Latin vulgaire (Paris 1899) S. 11 ff. S4ff. und öfter. 



Lokale Verschieäenheiien des Vulgärlateins 333 



Lateinisclie bei der Romanisierung der Provinzen verdrängt wurden, 
und in noch geringerem Maße derjenige der germanischeu Dialekte, 
die von den späteren Eroberern jener Provinzen gesprochen wurden; 
überwiegend hängen sie vielmehr mit der Chronologie der Eroberung 
und Romanisierung der Provinzen zusammen. 

Das Vulgärlatein, das von Italien aus in die Provinzen verbreitet 
wurde, war eine lebendige, in kontinuierlicher Entwickelung begriffene 
Sprache. In dieser Entwickelung sind natürlich zeitlich versebiedene 
Stufen zu unterscheiden; wie etwa das heutige Toskanische als ihre 
letzte, gegenwärtig erreichte Stufe angesehen werden kann, so war die 
Yulgärsprache eine andere, als Sardinien, eine andere, als Gallien, eine 
andere, als Rätien von den Römern erobert wurde. Von der Stufe 
aus, in der das Vulgärlatein in eine Provinz gelangte, begann es nun 
aber dort eine Sonderentwickeluug durchzuleben, die, wenn auch immer 
neue Einflüsse des Mutterlandes der Sprache sich geltend machten 
und der Verkehr als ausgleichender Faktor wirkte, dennoch keineswegs 
notwendig mit derjenigen Fortbildung identisch zu sein brauchte, 
welche die Sprache in Italien oder in anderen Provinzen erfuhr, so 
daß sich hierauf sowohl die Verschiedenheit der heutigen romanischen 
Sprachen wie die Verschiedenheit des uns in den früh mittelalter- 
lichen Urkunden der einzelnen Länder überlieferten Lateins wenigstens 
zum guten Teile zurückführen läßt.^ 

Xach den skizzierten Gesichtspunkten das in zuverlässigen Quellen 
überlieferte vulgärlateinische Sprachmaterial zu durchforschen und 
provinziell zu sondern, ist eine Aufgabe, die von den dazu berufenen 
Philologen noch nicht völlig gelöst ist. Immerhin ergeben sich schon 
aus den bisher vorliegenden Arbeiten manche Resultate, die auch für 
den Diplomatiker beachtenswert sind und ihm für die Untersuchung 
nach der Herkunft eines Urkundenschreibers und damit für die Ur- 
kuudenkritik gewisse Anhaltspunkte bieten. 

Indem wir einige der wichtigeren ^ dieser Anhaltspunkte besonders 
aus der Xominal- und Verbalflexion hervorheben, können wir für die 
Zwecke, die dies Buch verfolgt, von der Betrachtung des Vulgärlateins 
der Balkan- und der pyrenäischen Halbinsel ganz absehen;^ wir haben 



* Gröber hat in den N. 3 S. 332 angeführten Arbeiten diesen wichtigen 
Gedanken zuerst eingehend ausgeführt. 

^ Ich betone, daß es sich in diesem Buche nur um eine Auswahl beson- 
ders beachtenswerter Erscheinungen handeln kann. 

^ Spanisch gefärbtes Vulgärlatein kommt in unserem Bereich nur in 
einigen wenigen Papsturkunden, die auf aus Spanien eingereichten Vorlagen 






334 Lokale Verschiedenheiten des Vulgärlateins 

es wesentlich nur mit dem gallischen^ und italienischen Latein, 
daneben höchstens noch mit der dem italienischen Latein nahe 
stehenden Yulgärsprache der rätq^omanischen Gebiete- zu tun. 

AVas die Lautlehre betriöt, so sind die meisten innerhalb des 
Yokalismus begegnenden Lautwandelungen weit verbreitet, so ins- 
besondere der Übergang von i, ü in e und o, in gewissen Fällen von . 
e ö in ?■ und a und die entsprechenden umgekehrten Schreibungeft^ 
ebenso der Übergang von ae. oe in e und die umgekehrte Schreibung 
von ae für e. Der Übergang von a in e, den man auf gallischem 
Boden am häufigsten erwarten sollte, ist auch hier nur selten; spe- 
zifisch gallisch scheint er zu sein in dem sehr häufigen Worte adie- 
centiae (adgaecentiae, adiaec-, adgec.-),^ das mir außerhalb des Franken- 
reichs nicht aufgefallen ist, während umgekehrt der gleiche Übergang 
in lenuarius [laenuarius) für lanuarius in Nordfrankreich nicht nach- 
zuweisen, in Italien aber häufig ist. Der spezifisch französische Über- 
gang von betontem a zu e ist im Vulgärlatein unserer Urkunden noch 
nicht zu belegen.* Dagegen ist allerdings in dem Worte monasterium 
der Übergang von a zu e oder i [y) besonders häufig auf gallischem 
Gebiet. Die Vorgänge auf dem Gebiet des Konsonantismus macheu 
sich namentlich in der Flexion fühlbar. Daß auslautendes s in der 
Vulgärsprache wieder fest geworden war, als sie nach Gallien kam 
und sich hier erhielt, während es in Italien nach jener Epoche völlig 
schwand,'' bewirkt einen für unsere Zwecke ganz besonders wichtigen ^ 
Unterschied zunächst in der Behandlung des Xom. Sing. Masc. der 



beruhen, zur Erscheinung; vgl. MIÖG. 9, 2 N. 5 und im allgemeinen Carnoy, 
Le latin d'Espagne (2. Aufl. Brüssel 1906). Auch das sehr altertümliche Sar=- 
dinische bedarf hier keiner Berücksichtigung. 

* Aus der Litteratur über die Sprache einzelner Schriften aus dem 
Frankenreiche seien hier außer dem oben S. 325 N. 1 erwähnten Buche von 
Bonnet und den S. 330 N. 2 zitierten Schriften noch angeführt: Slijper, De 
formularum Andecavensium latinitate (Amsterdam 1906); Beszabd. La langue 
des formules de Sens (Paris 1910). 

- Über die letzteren vgl. Bück, Zeitschr. f. Roman. Philologie 11, 107 ff. 
^ Beispiele, die sich leicht vermehren lassen, bei Schuchardt 1, 193 f. 

* Höchstens könnte man aquerum für aquarum in DM. 57 hierher- 
ziehen. 

^ Vgl. hierzu L. Havet, L's latin caduc in Etudes Romanes dedi^es a Gaston 
Paris (Paris 1891) S. 303ff.; Carola Proskauer, Das auslautende sauf den la- 
teinischen Inschriften (Straßburg 1910). Eine ganz abweichende, aber schwer- 
lieh zutreffende Auffassung über die Gründe der Festhaltung des auslautenden 
.<? im gallischen Latein vertritt Mohl, Introduction ä la Chronologie du Latin 
vulgaire S. 230 ff. 



Lokale Verschiedenheiten des Vulgärlateins 335 



zweiten Deklination.^ Xomiuativformen von männlichen Wörtern 
(lieser Deklination lauten also in Italien auf -us, -os, -tt, l.iesonders 
häufig aher auch auf -o und (durch auf umgekehrter Schreibung be- 
ruhende Hinzufüguug eines stummen m) auch auf -um aus, Avähreud 
man in Prankreich' durchweg das s beibehielt und speziell ein -o nie- i >v^ ^ >-*^^ 
2ials antrifft.2 Dieselbe Erscheinung macht sich bei dem Nom. Sing, 
der männlichen und weiblichen Wörter der dritten Deklination geltend;^ 
er lautet auf französischem Boden in zahlreichen Worten auf s aus, 
während in Italien in analogen Worten häufig vokalisch oder auf m 
auslautende Formen vorkommen.* So bleibt die Unterscheidung 
zwischen dem Xom. und den Casus obliqui, die aus dem Altfranzösi- 
schen und Altprovencalischen bekannt ist, auch schon für das vulgäre 
Latein dieser Länder ein sehr beachtenswertes Merkmal. Des weiteren 
ist das Eintreten von i für ae im Gen. und Dat. Sing, der ersten 
Deklination dem französischen und rätischeiit^atein gemeinsam,^äh- 
rend im italienischen nur etwa ie für ü (oder umgekehrt) gesetzt wird. 
Italienisch sind ferner die Akkusativformen des Plurals auf /, die in 
der zweiten und dritten Deklination eintreten, um nach dem Ausfall 
des s die Unterscheidung vom Singular zu ermöglichen," desgleichen 
die Akkusativformen auf e im Plural der ersten Deklination,'^ während 



* Dasselbe gilt von der vierten Deklination, die im Vulgärlatein in der 
zweiten aufgeht, wie die fünfte in der ersten und dritten. 

^ SiTTL , Arch. f. lat. Lexikogi-. 2, 557 ff. erklärt die wenigen sclieinbar 
abweichenden Fälle aus gallischen Urkunden und gibt für das Italienische 
zahlreiche Beispiele, die sich aus späteren italienischen Urkunden sehr leicht 
vermehren lassen. Formen wie diese: seripsi ego Meroingo v. c. notario (T74; 
HPM.'is, 103) oder: uhi venenmt Andreas advocato (828, Ficker, It. Forsch. 
4, 15) wären im Munde eines Angehörigen des Frankenreichs kaum möglich. 
— Dasselbe gilt dann von der umgekehrten Schreibung, durch die im Acc. 
Sing. Masc. II -us statt -um gesetzt wird, so serviis vester in Urkunden von 
721, BoNELLi 1, tav. 1. Dagegen ist natürlich eine Form auf -o im Acc. Sing. 
Masc. II auch in Frankreich ganz gewöhnlich; irreführend ist es aber, wenn 
Zecmer, NA.'ll, 331 manso in Form. Andecav. n. 25 = mansus setzt, es steht 
dort wie auch sonst immer für mansum. 

ä SiTTL a. a. 0. 2, 559 f. 

* Vgl. z.B. Eüssi S. 201: ego Oemulu preshiter sum teste-, Hartmann, 
Tabul. S, Mariae in Via Lata 1, 4: Romamis {Petrus) rogatus teste. 

° SiTTL a. a. 0. 2, 566. Daher dann durch umgekehrte Schreibung auch 
e oder ae und selbst em im Gen. Sing. II {fisce, page usw.), was gleichfalls in 
Italien nicht vorkommt, f- '- *. 

6 SiTTL a. a. 0. 2, 567. 

' Vgl. z. B. Ficker, It. Forsch. 4, 17: de ipsi petioli de vinee; 4, 21: de 
iste case; aberent ipse case; 4, 24: contendere vellent dne portioni usw. 



830 Lokale Verschiedenheiten des Vulgärlateins 

im französischen Latein zwar Nominativformen auf a^, also eine Er- 
setzung des Nominativs durch den Akkusativ, aher nicht die um- 
gekehrten Formen vorkommen. Endlich mag noch in Bezug auf die 
Deklination als spezifisch italienisch die Bildung von Pluralformen auf 
ora [urä] auch von 0- und ^/-Stämmen der zweiten, dritten und vierten 
Deklination bezeichnet werden.^ Schließlich bleibt zu erwähnen, daß 
in bezug auf den Ersatz der Kasusflexion durch Präpositionen de und 
ad überall auf romanischem Boden verwandt werden. Die Verbindung 
de ad {de ab, de a) kommt vereinzelt auch in Texten vor, die aus 
Nordfrankreich stammen, das daraus zusammengeflossene da aber nur 
bei den Italienern und Eätoromanen.^ 

Gehen wir zur Konjugation über, so macht sich hier ein bedeut- 
samer Unterschied zwischen dem rätischen und italienischen Latein 
einer-, dem gallischen, insbesondere dem nordgallischen, Latein an- 
dererseits in der dritten Person Siugularis aller Tempora und nament- 
lich im Ind. Perf. auch in der dritten Person Pluralis geltend, indem 
in der letzteren Sprache auslautendes flexivisches t sich lange — bis 
ins 12. Jahrhundert — erhielt, während es in Italien nach der Er- 
•", oberung Galliens verstummte *'uud demgemäß auch nach Rätien nicht 
mehr als gesprochener Buchstabe gelangte.^ Wir finden also in Ita- 
lien und Rätien zunächst zahlreiche vokalisch auslautende dritte Per- 



* SiTTL a. a. 0. 2, 570. Also lectora, eampora, portora, rivora {rigora) usw. 
Vgl. auch fundora FDGr, 10, 276 (dies ist schon alt, vgl. Meyek-Lübke, Ein- 
führung^ S. 164), tectora HPM. lZf)^%, precepiora Pasqüi, CD. Aretino 1, 40. 
Als vorzugsweise italienische Eigentümlichkeit kann weiter bezeichnet werden 
die Hinzufügung des stumm gewordenen s an i!seutralformen auf a, Sittl 
a. a. 0. 2, 572, obgleich dergleichen bisweilen auch in Frankreich vorkommt. 
Ebenso ist in Italien die Analogiebildung des Gen. Plur. auf orum von Wörtern 
der dritten Deklination häufiger als in Frankreich, kommt aber doch hier schon 
weit früher vor als Sittl a. a. 0. 2, 563 annimmt, vgl. fratrorum DM. 51, «6- 
batoruni DA. 23, beide im Or. erhalten. 

^ Sittl a. a. 0. 2, 579. Besonders üblich in den Urkunden ist da bei 
Grenzbestimmungen; so in der tätischen Schweiz noch im 9. Jahrhundert da 
una parte, da alia parte, Wartmann n. 224. 235. 248. 253. 258 usw. So un- 
endlich oft in Italien. 

^ Vgl. Gröber, Arch. f. lat. Lexikogr. 1, 211 f. Geyer, ebenda 2, 42f. 
Die St. Galler Urkunden, die Geyer anführt, bieten nicht gallisches, sondern 
rätisches Latein; es darf also auch nicht von Ausuahmestellung gesprochen 
werden. — In Südfrankreich hat sich das auslautende t nur in der 3. Person 
Sing. Ind. der schwachen Perfekta auf -avit, -ivit, -dedit erhalten, ist dagegen 
in allen übrigen Verbalformen vor dem 10. Jahrhundert verstummt. Über 
einige Beispiele für abgefallenes t in den Form. Andecavenses vgl. Pikson, 
Koman. Forschungen 26, 897 f.; Slijper S. 66 ff. 



Lokale Verschiedenheiten des Vulgärlateins 337 



sonen, die in Gallien, wenn überhaupt, dann jedenfalls nur ganz ver- 
einzelt begegnen. Weiter tritt das t, da es nicht mehr gehört wurde, 
durch umgekehrte Schreibung an unrichtiger Stelle eiu, indem es 
namtutlich der ersten Person Perfecti [ego complivi et dedit) oder dem 
Infinitiv {constat nie accepisset) angehäugt wird,^ oder indem die in der 
Schriftsprache auf m auslautenden Konjunktivformeii mit auslautendem 
t geschrieben werden [ego accepisset). Gewinnen wir hier ein negatives 
Kennzeichen des gallischen Lateins, so ist ein positives Merkmal dafür 
die nur in nordfranzösischen Urkunden vorkommende Verdoppelung 
des m in der ersten Person Pluralis {iobimmus, dihirimnms, conser- 
vammus usw.).- Ebenso erscheint als spezifisch französisch die Ab- 
schwächung des Bindevokals a im Konjunktiv Praesentis der dritten 
Konjugation zu z, so daß also Formen wie inferit, mourrit, exigintur, -^ 

tollintur statt inferat, incurrat, exigantur, tollantur begegnen.^ 

Einige bemerkennswerte Kennzeichen bieten auch die Hilfsverba 
sum^ possum, volo. Itahenisch und rätisch ist die Ersetzung des Kon- 
junktivs sim durch siam oder seam, italienisch auch jwssam statt pos- 
sim;^ italienisch kommt /"wmenmi für /"mssewi vor; ^ gallisch, sind jjotibat 
und podibat, volibat und vellibat, ebenso vellis, vellit für vis und imlt.'^ 

In der Anwendung der Präpositionen ist die Vertauschung von 
ad und ab sehr weit verbreitet. Als besonders gallische Gewohnheit 
erscheinen die Anwendung von apud (daraus prov. afr. ap oder ab, 
frz. ab, a, ad) für cum und dementsprechend die umge kehrte Anwendung ''^j^/ic 

^ .^^'^T 

^ Beispiele bei Geyer a. a. 0. Ich erwähne aus Bätien noch Waktmann 
n. 6 nodavi quod fici (statt fecit^ ebenda n. 8 conrocaveron, aus Italien, Ficker, 
It. Forsch. 4, 4: dum resedisse Beginardus; ego Örausus . . . interfuit; 4, 17: 
ego Barhericius interfuit; 4, 24: herum est quia ista Ädelgisa in birtute com- 
preensid et in terra iactahit et aduUerabit illa. Es ist die 1. Pers. Sing. Pen. 
Vgl. auch ScHüCHARDT 1, llSflf.: die zwei Trierer Inschriften mit quiesce, 
quiesci werden von italienischen Steinmetzen herrüln-en. 

- ScHtrcHARDT 1, 261; SiTTL, Lokale Verschiedenheiten S. 61; Geyer a. a.O. 
2, 46. — Entsprechende Verdoppelung des m auch sonst, z. B. dommebus DM. 67; 
memmaratus DKar. 102, praesummatis DM. 48. Auch die Gemination des / 
ist in Gallien häufig. 

^ Geyer a. a. 0. 2, 44 f. Bisweilen wird auch ia geschrieben, so DM. 82 
exigiatur für exigatur. 

* Geyer a.li. 0. 2, 45. Rätisch sead escommunicados schon 744, Wart- 
mann n. 9; seat 764 ebenda n. 40. 

^ Nicht für fuerunt, wie Geyer a.a.O. 2, 46 annimmt, ebenso 828 in 
Siena zweimal professi fuisserunt (Ficker, It. Forsch. 4, 17) und in derselben 
Urkunde ahuisserunt für habuissent, und denegasserunt, refutasserunt. 

^ Geyer a. a. 0. 2, 46 ff. Ebenso potibunt DM. 72. 

Breßl au, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. 22 



338 Latinüät der älteren deutschen Urkunden 



von cum für apud oder das mit diesem verwechselte a {ab),'^ sowie der 
Gebrauch von ab für ob, den der Diplomatiker besonders aus der in 
Urkunden und Formularen vorkommenden Wendung apposita (statt 
opposita) persona kennt.^ Inwieweit sich endlich auch in syntaktischen 
Dingen lokale Verschiedenheiten des Vulgärlatein nachweisen lassen, 
darüber gibt es bis jetzt noch wenig Spezialuntersuchungen,^ aber 
schon, was bisher angeführt werden konnte, wird für die Bestimmung 
der Herkunft eines Textes in vielen Fällen ausreichen. 

Wesentlich verschieden von dem gesprochenen Vulgärlatein sind 
nun die Korruptionen des Schriftlateins, die uns in den ältesten auf 
deutschem Boden geschriebenen lateinischen Urkunden begegnen. 
Vergleicht man da die ältesten Originalurkunden, die wir besitzen, die 
Dokumente von St. Gallen, untereinander, so wird man des gewaltigen 
Unterschieds, der zwischen den von rätischen und den von alamanni- 
sehen Schreibern herrührenden Stücken besteht, sofort inne.^ Er be- 
ruht zweifellos darauf, daß das Latein, welches diese alamannischen 
Notare schrieben, mit ihrer deutschen Muttersprache in keinem Zu- 
sammenhange stand. Wenn das Latein der Merovingerdiplome in der 
Zeit bis 650 minder verwildert erscheint als in dem nächsten Jahr- 
hundert,^ so hat das seinen Grund darin, daß in dem letzteren Jahr- 
hundert die französische Vulgärsprache sich immer weiter vom schul- 
mäßigen Latein entfernt, also bei Leuten, deren Muttersprache sie 
war, immer zersetzender auf die Latinität der Urkunden einwirken 
mußte. Bei deutschen Schreibern, die zumeist nicht einmal romanisch 
verstanden, fiel dieser zersetzende Einfluß weg; das allein mußte aus- 
reichen, um die Urkundensprache korrekter zu gestalten, um den 
geistlichen Urkundenschreibern die Gewöhnung an die grammatisch 
richtigen Formen des Lateins, die sie in biblischen oder theologischen 
Schriften oder in ihren Meßbüchern fanden, zu ermöglichen. Wenn 
trotzdem in ihren Urkunden zahlreiche Formen begegnen, die nur aus 
dem Vulgärlatein verständlich werden, so mag das auf den Unterricht 



-V' 



1 Geyek a. a. O. 2, 26fif. 

2 Vgl. Geyer a. a. 0. 8, 477 ff. 

^ In bezug auf die Unterscheidung von s^ius und eorum oder illorumf 
vgl. Geyer a. a. 0. 2, 35ff., gelicn das französische, italienische, rätische Latein 
gegen das spanische und poi'tugiesische zusammen. Über Unterschiede des 
gallischen und italischen Lateins in der Bezeichnung der Reziprozität vgl. 
Thürneysen, Arch. f. lat. Lexikographie 7, 523 ff. 

* Das hat schon Sickel, Acta 2, 152_Ii, 1 hervorgehoben. 

^ SiCKEL, Acta 1, 151. 



Latinität der älteren deutschen Urkunden 339 



durch romanische Lehrer, Trie sie gewiß in deutschen Klöstern viel- 
fach vorhanden waren, ^ auf den Einfluß benachbarter Romanen, wie 
z. B. in St. Gallen der Eätier, namentlich aber auch auf die Benutzung 
von Formularsanimlungen aus romanischen Ländern zurückgeführt 
werden, die man ausschrieb, ohue sich über ihre Korrektheit oder 
Fehlerhaftigkeit Rechenschaft geben zu können. Ein auf die romani- 
schen Sprachgesetze zurückgehendes Prinzip liegt also diesen Roma- 
nismen nicht zugrunde, sondern nur gedankenlose Herüberuahme und 
mangelhafte Kenntnis des Lateinischen; und neben ihnen finden sich 
manche andere Verderbnisse (wenn auch nicht so zahlreich und so 
entstellend, wie die aus der Vulgärsprache stammenden), die offenbar 
als Germanismen oder als auf die deutsche Aussprache des Lateini- 
schen zurückgehend bezeichnet werden müssen. Dahin gehört z. B 
die in den alamannischeu Urkunden nicht selten begegnende Ver- 
tauschung von Tennis und Media an Stellen, wo sie dem Vulgärlatein 
ganz allgemein fremd ist (also z. B. Formen wie in hresente, bresbiter, 
bago statt pago, etefficiis, bumiferis statt aedificüs, pomiferis usw.) ^ oder 
die häufiger werdende Übernahme deutscher und lediglicb mit einer 
lateinischen Endung versehener Worte oder deutsch gedachte Kon- 
struktionen und Wendungen von mancherlei Art.^ 

Zeigen diese Urkunden von St. Gallen, wie schlecht es noch im 
Beginn der karolingischen Periode um die Kenntnis der lateinischen 
Sprache selbst in'^einem so angesehenen Kloster bestellt war, so tritt , 
doch eben in dieser Zeit eine Wendung ein, die der Urkundensprache /^ 



^ Hierhin gehören auch die Schottenmönche, die sich in vielen deutschen 
Klöstern finden. 

* Wäutmann n. 41. 44. 67. Am auffallendsten ist in dieser Beziehung 
die von dem Kleriker Yunolf geschriebene Urkunde, Wartmann n. 138 von 795, 
wo fast jede Muta verschoben ist: teerei^it, contonare, tepere (debere), haco 
(pago), liperam, cusdodiente, stapills, a tie presente usw. 

3 Vgl. z. B. Waetsiann n. 49 : cummunis manibus, terram proservire (Land 
verdienen), non solum quod ei non liciat {quod als Demonstrativum gebraucht, 
weil das deutsche ,,das" sowohl Relativ- wie Demonstrativpronomen ist: „so 
soll ihm das nicht erlaubt sein"); n. 52: me ad monachum trado (ich gebe 
mich zum Mönch), ad nullum hominem nulhim eoncambium faciant (deutsche 
Häufung der Negation); n. 63: redimere cum precto, n, 64: aequirere cum preeio 
(mit einem Preise von..); n. 103: partibus vische; n. 138: ctsco (statt fisci, 
fisco, deutsche Aussprache des v); n. 132: prestetis ad usare et meliorare; 
n. 144: ut nos liceat tempus vitae nostrae (Zeitlebens) ipsas res abere; n. 148: 
si volußrit de ipso censo se abstrahere (sich dem Zins entziehen). Ahnlicher 
Dinge ließe sich aus den Urkunden anderer Gebiete sowie aus den in Deutsch- 
land entstandenen Formularen noch eine Fülle beibringen. 



'V 



340 Reform der Urkund&nspraohe seit Karl dem Großen 

einen wesentlich anderen Charakter gab. Sie hängt mit der allgemeinen 
litterarischen Bewegung des karohugischen Zeitalters aufs innigste zu- 
sammen und nahm ihren Ausgangspunkt vom Hofe der Könige. Schon 
in der letzten Zeit des Langobardeureiches machte sich in Italien eine 
starke Strömung geltend, die eine Annäherung der allmählich ganz 
romanisierten Langobarden an die zwar in Verborgenheit zurückgedrängte 
und aus der Öffentlichkeit fast verschwundene, aber doch niemals ganz 
untergegangene Tradition der antiken Bildung herbeiführte. Als der 
aus edlem Langobardengeschlecht entsprossene Paulus Diaconus am 
Hofe des Ratchis zu Pavia nach alter Germanensitte erzogen wurde, 
mag es dort bereits eine Hofschule gegeben haben; er selbst nennt 
als seinen Lelirer einen Grammatiker Flavianus, der dort gewirkt 
haben muß. Paulus trat dann zu dem Königshaus des Desiderius in 
nahe Beziehung; die Annahme, daß er in seiner Kanzlei tätig gewesen 
sei, findet zwar in den uns überlieferten Urkunden keine Bestätigung; 
aber er ward der Lehrer seiner Tochter Adelperga, der Gemahlin des 
Herzogs Arichis von Benevent, au deren Hofe er litterarisch tätig war. 
In Pavia lebte auch ein anderer, schon bejahrter Grammatiker Petrus 
von Pisa,^ der mit Paulus wenigstens später in freundschaftlichen Be- 
ziehungen stand. Beider Zeitgenosse war der ehrwürdige Paulinus, 
der als Lehrer der Grammatik in Oberitalien tätig gewesen sein muß 
und später den Patriarcheustuhl von Aquileja bestieg.^ 

Die letztere Würde hat ihm Karl der Große verliehen, der ihn 
776 auf seinem Zuge nach Italien kennen gelernt und ihn schon da- 
mals mit einer ansehnlichen Schenkung bedacht hatte. Fünf Jahre 
später, auf seiner ersten ßomfahrt, bewog der König dann Paulus 
Diaconus und Petrus von Pisa, der sein eigener Lehrer in der 
Grammatik werden sollte, an den fränkischen Hof überzusiedeln, und 
diesen beiden gesellte sich Alcuiu zu, der wirksamste und tätigste 
Vertreter der in seinem angelsächsischen Vaterlande zu glänzender 
Entfaltujig gediehenen wissenschaftlichen Studien, dessen Bekanntschaft 
Karl eben auf jenem Zuge von 781 in Parma erneuerte. Mit Hilfe 
dieser und anderer Männer, die Karl von allen Seiten an seinen Hof 
zog und die zu ihm in die engsten persönlichen Beziehungen traten, 
erblühte im Frankenreiche jene neue Ära wissenschaftlicher und litte- 
rarischer Studien, die man mit Recht als eine_ erste mittelalterliche 
Renaissance des klassischen Altertums bezeichnet hat. 



* Sein Aufenthalt in Pavia ergibt sich aus einem Briefe Alcuins, MG. 
Epp. 4 (Karol. 2), 284 n. 172. 

2 Vgl. DÜMMLEE, NA. 4, 113. 



Beform der Urkundensprache seit Karl dem Großen 341 



Indem Karl nun aber diese neue Bildung ptlegte und mit allen 
Mitteln begünstigte, hatte er dabei nicht nur im Sinne, sie zu einem 
Besitztum der geistigen Aristokratie, die er in seiner Umgebung ge- 
sammelt hatte, sondern er gedachte sie zum Eigentum seines fräuid- 
schen Volkes, zunächst der fränkischen Geistüchkeit, zu machen.^ 
Darum reorganisierte er nicht nur die aus alter Zeit bestehende Hof- 
schule, in der die palatini pueri erzogen wurden, die dem Kaiser 
selbst als Sekretäre dienten, sondern er schrieb auch durch einen Er- 
laß von 789 die Errichtung von Schulen für den elementaren Unter- 
rieht dem gesamten Klerus seines Reiches vor,^ und aus einer pri- 
vaten, vielleicht von einem Bischof herrührenden Aufzeichnung, die 
nach 803 verfaßt ist, erfahren wir, daß man damals sogar für die 
Kinder aller Laien eine Erziehung in jenen geistlichen Schulen ver- 
langte. Vor allem aber ging das Streben des Kaisers auf die Reini- 
gung der lateinischen Sprache hinaus, durch die allein jene antike 
Kultur vermittelt werden konnte. Die alte Schriftsprache sollte neu 
belebt, die Vulgarismen, die sich aus der Umgangssprache ein- 
geschlichen hatten, sollten beseitigt werden. Darum wurde der Unter- 
richt in der Grammatik vorgeschrieben, der Bibeltext und die liturgi- 
schen Bücher mit Hilfe Alcuins und Paulus' revidiert und gereinigt, 
die Emendation der Bücher allen Geistlichen vorgeschrieben: und aus 
den Jahren 780—800 stammt ein warm empfundenes Rundschreiben 
Karls an alle Erzbischöfe des Reichs zur Nachachtung des gesamten 
Klerus, in der das Studium der Wissenschaften aufs nachdrücklichste 
empfohlen wurde.^ Daß der König dabei vor allen Dingen sprach- 
liche Studien im Auge hatte, ersieht man aus dem, was er über die 
Veranlassung des Erlasses sagt: es waren die Briefe, die im Laufe der 
letzten Jahre aus zahlreichen Klöstern an ihn gerichtet waren, und in 



» Vgl. SicKEL, Acta 1, 156fF.; Wattenbach, GeschicLtsquellen 1', 167tF.; 
Ebert, AUg. Gesch. der Litteratur des Mittelalters 2, 8 ff.; Simson, Jahrb. Karls 
des Großen 2, 570 ff.; Büdinger, Von den Anfängen des Schulzwangs, Züi-ich 
1865. L£oN Mäitre, Les ecoles episcopales (Paris 1866). Weitere Literatar- 
angaben bei Wattenbäch 1 '', 167. 

2 MG. Capit. 1, 60 n. 22, 72. Nicht erweislich aber ist, daÜ Karl 
auf das Unterrichtsprogramm für den Klerus auch scribere cartas et ejmtolas 
gesetzt habe, wie noch Sickel, Acta 1, 157, annimmt; es steht diese Forderung 
allerdings in einer Aufzeichnung mit der Überschrift haee sunt quae iussa surd 
discere omnes aecclesiasticos (Capit. 1, 235); aber nichts berechtigt diese Karl 
beizulegen; über ihren Verfasser wie über ihre Entstehungszeit haben wir keine 

Kenntnis. 

ä Capit. 1, 60 n. 22, 72; 1, 78. 1, 80. Alcuin, MG. Epp. 4 (Karol. 2), 

322 n. 195. 



342 Reform der Urkundensprache seit Karl dem Großen 



denen er mit Bedauern zwar einen geraden Siuu, aber eine durchaus 
ungebildete Spraclie wahrgenommen hatte.^ 

Es konnte nicht fehlen, daß diese allgemeine Neubelebung der 
wissenschaftlichen Studien auch auf die Sprache der Urkunden ein- 
wirken und für sie den Übergang von einem mehr oder minder ver- 
derbten Vulgärlatein zum schulmäßigen Schriftlatein herbeiführen 
mußte. Aber diese Besserung trat keineswegs so schnell, wie man 
wohl ejrwarten möchte, ein. Wenn in der Kanzlei Pippius und Karls 
des Großen bereits gewisse Fortschritte im Gebrauch der Sprache sich 
geltend machen,^ so sind diese doch noch nicht sehr bedeutend; und 
sie hängen nicht sowohl mit dem allgemeinen Aufschwung der litte- 
rarischen Bildung als damit zusammen, daß erstens die Notare der 
ersten Karolinger nicht mehr Laien, wie die meroviugischen Kanzlei- 
beamten, sondern Geistliche, also mit kirchlichen Schriften und ihrer 
Sprache etwas mehr vertraut waren, und daß zweitens am Hofe der 
ersten Karolinger deutsch und nicht romanisch geredet wurde, also, 
wie schon bemerkt, der auf die Reinheit der Schriftsprache ungünstig 
einwirkende Einfluß der vulgären Umgangssprache etwas mehr zu- 
rücktrat. 

Ein größerer Fortschritt war erst zu erwarten, als einmal die 
junge Generation, die in den neu errichteten Schulen erzogen ward, 
so weit herangewachsen war, um in den Kanzleidienst des Hofes treten 
zu können, oder in Klöstern und Bistümern an dem Geschäft der 
Herstellung von Urkunden sich zu beteiligen, und als ferner jene 
grammatische und stilistische Reinigung, welcher schon in den Tagen 
Karls biblische und liturgische Texte unterzogen waren, auch auf die 
in den Kanzleien benutzten Urkundenformulare ausgedehnt wurde.- 
Beides aber geschah unter der Regierung Ludwigs des Frommen.^ 
Schon Helisachar, der erste Kanzler dieses Kaisers, besaß eine gewisse 
litterarische Bildung; der gelehrte Bischolf Frechulf von Lisieux be- 
zeichnet sich als seinen Schüler und ist durch ihn zur Abfassung 
seiner Weltchronik veranlaßt worden, deren ersten Teil er ihm wid- 
mete.'* Fridugis, sein Nachfolger, war ein Landsmann und bereits ein 

* Capit. 1, 79: cogtiovhmis in plerisque praefatis conscriptionibtis eorun- 
dem et sensus rectos et sermones incuUos. 

"^ Vgl. SicKEL, Acta 1, 151flf. 157 f., der besonders hervorhebt, daß die von 
einzelnen Notaren, z. B. von Wigbald und Rado, geschriebenen Diplome der 
ersten Karolinger eine etwas gebildetere Sprache aufweisen. 

^ Vgl. SiCKEL, Acta 1, 158 ff. 

* Ebert, Allg. Gesch. der Litteratur des Mittelalters 2, 380 f. Vgl. auch 
den interessanten Brief Helisachars, NA. 11, 564 ff., jetzt MG. Epp. 5 (Karol. 3), 
307 n. 6. 



Reform der Urkundensprache seit Karl dem Großen 843 



Schüler Alcuins, hat später vielleicht als Lehrer am Hofe gewirkt und 
ist selbst schriftstellerisch tätig gewesen.^ Er wurde nach Alcuius 
Tode (804) dessen Nachfolger als Abt von St. Martin zu Tours, und 
in einer, wie es scheint, vor 818 aufgezeichneten Liste von Mönchen 
dieses Klosters, dessen Schule damals die berühmteste und wirksamste 
des Frankenreiches war, finden wir eine Anzahl von Namen, die wir 
aus der Kanzlei Ludwigs des Frommen und Ludwigs des Deutschen 
kennen : Theoto, den Nachfolger des Fridugis im Kanzleramt, Hirmin- 
maris, der zur Zeit Ludwigs des Frommen unter den Notaren der Kanzlei 
besonders angesehen war, Adilleodus und Adebertus (Hadebert), die 
unter Ludwig dem Deutschen als Rekoguoszenten vorkommen,- Auf 
die Mönche aus der Schule von Tours folgen unter Ludwigs des 
Deutschen Kanzler Grimald Männer, die aus dessen Kloster Weißeu- 
burg stammen, das sich gleichfalls einer angeseheneu Schule erfreute, 
worauf dann gegen das Ende des 9. Jahrhunderts Männer aus der 
blühenden Schule von St. Gallen in den Dienst der deutschen Reichs- 
kanzlei eintreten;^ daß in diesem Kloster die Abfassung von Urkunden 
in den Bereich des Schulunterrichts hineingezogen war, steht für den 
Anfang des 10. Jahrhunderts fest. Und wie am Königshofe hervor- 
ragende Männer aus den ersten Unterrichtsanstalten des Reichs in der 
Kauzlei beschäftigt werden, so haben auch in den Provinzen namhafte 
Schriftsteller und Gelehrte es nicht unter ihrer Würde erachtet, an 
der Herstellung von Urkunden für ihre Kirchen sich mit eigener 
Hand zu beteiligen; im 9. Jahrhundert finden wir in Kloster Weißenburg 
keinen geringeren als Otfried, den Dichter der Evangelienharmonie,* 
in St. Gallen den berühmten Erfinder der Sequenzen Notker den Stammler,^ 



' SicKEL, Acta 1, 89; Simson, Jahrb. Ludwigs d. Frommen 2, 235 fi.; 
Wattenbach, G-eschichtsquellen 1 ^ 187 N. 3, mit weiteren Litteratnrangabeii. 

« MG. Libri confratem. S. Galli ed. Piper S. 13f. Sickel, KU. in d.r 
Schweiz S. 4 f. Schon den Witherius, der im letzten Lebensjahre Karls des 
Großen als außerordentlich korrekt schreibender Notar uns entgegentritt, hält 
SicKEL, KUiA. zu Lief. I Taf. 5, für ein Mitglied der Schule von Tours. Über 
Hadebert vgl. auch Sickel, zu KUiA. Lief. VII Taf. 7. 

3 Vgl. die Liste im Liber Confratern. S. Galli S. 71f. und Sickel, KU. in 
der Schweiz S. 5. 

* Zeuss, Cod. tradit. Wizenburg. n. 165. 204. 254; vgl. Praefatio S. V. 

5 Wärtmann 1, n. 465. 476. 546. 548. 549. 617. 618. 738. 758. 761. Für 
die Identität des in allen diesen Urkunden genannten Notker mit dem Stammler 
ist gegen die Zweifel Dammeets, FDG. 8, 327 ff., besonders Zeümer, NA. 8, 514 
N. 1, eingetreten, dem ich mich vollkommen anschließe. Auch der gewählte 
Stil jener Urkunden spricht entschieden für die Autorschaft Notkers; man vgl. 
Wendungen: si quis vero huic cartee contradictor emerserit (n. 548. 549), si de 



344 Italienische Urkundensprache im 9., 10. und 11. Jahrhundert 

in Fulda den angesehenen Geschichtschreiber Rudolf^ als Urkimden- 
schreiber tätig. 

Eben diese Männer aber nun waren zum Teil dieselben, welche 
sich um die Verbesserung der Formulare verdient gemacht haben. 
Es genügt hier, au schon früher ausgeführtes^ zu erinnern: an die 
Umarbeitung der Diplomformulare gleich im Beginn der Regierung 
Ludwigs des Frommen, wahrsclieinlich unter Leitung des Fridugis, 
an die jedenfalls in der Kanzlei Ludwigs des Frommen unter Fridugis 
entstandene Sammlung der Formulae imperiales, an die privaten For- 
muljirsammluiigen, die in verschiedeneu Teilen des Reichs, namentlich 
auch in 8t. Gallen, von dem eben erwähnten Notker dem Stammler 
verfaßt sind. An Mustern korrekter ürkuudensprache fehlt es in 
Deutschland für diejenigen, welche sich ihrer bedienen wollen, 
nicht mehr. 

Von einer Beeinflussung der Urkundensprache durch das Vulgär- 
latein kann in der Kanzlei Ludwigs des Frommen und seiner Nach- 
folger auf dem ostfränkischen Thron nicht mehr die Rede seiu.^ Und 
auch aus den deutschen Privaturkuudeu verschwinden im Laufe des 
9. Jahrhunderts die durch fremde Formulare in Gebrauch gekommenen 
vulgärlateinischen Formen so gut wie vollständig, und eine korrektere 
Behandlung der Sprache und des Stils tritt überall hervor.* 

Keineswegs so Yollständig und so durchgreifend war die Wirkung 
der vom karoliugischen Hofe ausgehenden litterarischen Reformbewegung 
auf dem Gebiete des ^alienis chejo. Urkundenwesens. Daß man in der 
päpstlichen Kanzlei noch zur Zeit Ludwigs des Frommen schlechter 
schrieb, als in derjenigen dieses Kaisers, haben wir schon oben ge- 
sehen.^ Aber noch bis in den Anfang des 11. Jahrhunderts hinein, 
vermochte man sich hier von dem Einfluß des vulgären Lateins nicht 
völlig zu emanzipieren. Prüfen wir die verhältnismäßig sehr geringe 
Anzahl päpstlicher Originalurkunden, die wir aus dieser Zeit besitzen, 



ade (aus dem Felde) non remearem (n. 761), aber auch schon in n. 465: ubi 
venatione jnscium fungitur. 

^ Diesen auch als Urkundeufälscher, vgl. Stengel, AfU. 5, 40 ff. 

2 S. oben Kap. XIII S. 232 ff. 

^ Die sehr seltenen vulgären Einzelfoi-meu in den Urkunden Ludwigs des 
Frommen (Sickel, Acta 1, 163) erklären sich zumeist aus nachlässiger Be- 
nutzung von Vorurkunden. 

* Eine Ausnahme machen nur einige Urkunden aus Grebietsteilen des 
deutschen Reiches mit romanischer Bevölkerung: Rätien, gewissen Gegenden 
Lothringens usw. Hier war die Zurückdrängung des Vulgärlateins schwieriger. 

5 S. 330 N. 1. 



Italienische Urkundensprache im 9., 10. und 11. Jahrhunderi 845 



auf ihre Sprache hin, so finden wir allerdings, namentlich in der 
zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, Stücke darunter, die völlig oder 
fast völlig korrektes Schriftlatein aufweisen, wie etwa das Privileg 
Benedicts III, für Corbie, das Xicolaus' I. für St. Denis, oder das 
Johanns Till, für Tournus.^ Aber dann tritt ein ofl'enbarer Rück- 
schlag ein. Schon in dem Privileg Stephans VI. für Neuenheerse von 
891 finden sich wieder eine Anzahl orthographischer Versehen, die 
auf die vulgäre Aussprache zurückzuführen sind,- und indem diese in 
den nächstfolgenden Urkunden sich noch vermehren, stoßen wir am 
Ausgang des 10. und im Anfang des 1 1 . Jahrhunderts auf Stücke, die 
einen ganz vulgärlateinischen Charakter tragen.^ In die Privilegien 
Silvesters II. und Johanns XVIII. für St. Cugat^ sind Güterverzeich- 
nisse mit durchaus spanischem Latein aufgenommen, ohne daß man 
die offenbar von selten des Klosters eingereichten Listen sprachlich zu 
korrigieren für nötig gefunden hätte; aber auch die in der päpstlichen 
Kanzlei konzipierten Sätze zeigen in der letzten Urkunde Formen wie: 
monasterium adquisüiirus erit, nulli umquani nostrorutn successorum 
presumat, aliqitii vim aut invasionem, a cocumque episcopo, ohtamus, 
Nobemhri. Damit vergleiche man in einem Privileg Sergius' IV. von 
1011:° constitutis [fiii constitidi), comis, ille saneiae aeclesiae, aniiuente 
summo regi, cum salinis et clihanis pisceis, ad sancto Martino coenobium, 
in eodeni cenohium, hordinis, qui eius fungimus vicem, in virtute (statt 
virtutem), in mense Novanher. Xoch unter Benedict VIII. steht es 
nicht besser; eine seiner letzten Urkunden" bietet noch Formen, wie 



' Jaffe-E. 2663. 2718. 3052. 

- Jaefe-L. 3468. Namentlich b für v: prebilegio (zweimal), decrebimus, 
sibe (zweimal), dann precipuae statt praecipue. In Jaffe-L. 3484 von Formosus 
findet man so pleres statt plebes u. a., aber auch schon ein ganz vulgäres Wort: 
fortiam faeere. Noch reicher an solchen Dingen ist das Privileg des Romanus 
für Gerona, Jaff^-L. 3516: hier liest mau reneravilis, immoviles, sea:sus, sta- 
vüimus, cum rafieum seu pascuarium, fortiam faeere, Hab eis, exigire, presum- 
mat, sciiat, octubrias. 

^ Aus der Zwischenzeit will ich nur auf Jaff^-L. 3714 (Johann XIII. für 
Bologna) aufmerksam machen: cum residissem, afftierunt religiosi§ prcsbifens, 
pro universos clericos, ut nullam dationem vel redditu publicis facerent a mag- 
num usqtie ad parvum, quod omnes filiis (nom. plur.). Das ist aus den ersten 
elf Zeilen des Druckes genommen, und damit vergleiche man die gleichzeitig 
am selben Ort in der Kanzlei des Kaisers ausgestellten Diplome! 

* Jaffe-L. 8927. 3956. " ^ Jaff^-L. 3976. 

s Jaffe-L. 4057 für Fulda vom Jahre 1024. Etwas besser ist die Sprache 
in dem Privileg Johanns XIX. für Grado, Pfluqk-Harttüng, Acta 2, 66, das 
zumeist nur orthographische Vulgarismen zeigt. Das ganz korrekte Privileg 
desselben für Naumburg, Jaffe-L, 4099, ist späte Fälschung. 



346 Italienische ürkundensprache im 9., 10. und 11. Jahrhundert 

aput conditore, ad mclioixm statu, liac (für ac), 'monasterio (acc. sing.), 
qvoquitia, cum curte atque puteum, cum, introito et exito per porta maiore, 
proihemus, tarn eis quas .... quam que \i. dgl. m., zeigt also nocli 
volle Abhängigkeit von der vulgären Redeweise. Erst unter Benedict IX. 
erfolgt die entscheidende Wendung, die wohl mit dem Eintritt des 
Petrus diaconus^ in die päpstliche Kanzlei zusammenhängt. Die Ori- 
ginalurkunden aus seiner Zeit zeigen eine durchaus korrekte Sprache, 
und die lange Amtsverwaltuug dieses Kanzlers unter den von Hein- 
rieh III. eingesetzten deutschen Päpsten hat dann dahin geführt, daß 
die Reform eine dauernde wurde. ^ Von da ab ist das Vulgärlatein, 
von ganz vereinzelten Ausnahmen^ abgesehen, aus der päpstlichen 
Kanzlei verschwunden. 

Auch die Urkunden der Könige Italiens im 9. und 10. Jahr- 
hundert haben sich nicht in demselben Maße wie die der deutschen 
Herrscher von der Beeinflussung durch die Vulgärsprache frei zu er- 
halten gewußt. Zwar sind die in der Kanzlei Ludwigs des Frommen 
umgearbeiteten Formulare auch für das Urkundenwesen seiner italieni- 
schen Nachfolger maßgebend gewesen, und alle in den königlichen 
Kanzleien angestellten Beamten waren der gereinigten Schriftsprache 
bis zu einem gewissen Grade mächtig. Aber doch nur bei wenigen 
von ihnen geht diese Beherrschung der Schriftsprache so weit, daß 
sie imstande gewesen wären, Vulgarismen ganz zu vermeiden, und in 
der großen Mehrzahl der Urkunden finden sich wenigstens vereinzelt 
alle jene Dinge wieder, die wir als Merkmale des italienischen Vul- 
gärlateins kennen gelernt haben.'* 



» S. Bd. 1, 224 f. 

* Sehr charakteristisch ist aber auch eine Äußerung in einer Urkunde 
Houorius" III. von 1225, GGN. 1902 S. 418 n. 1. Der Papst bestätigt ein Pri- 
vileg Alexanders II. no?t obstante, quod in ipso priritegio midtis loeis est in 
latinitate peccatum, sicut in antiquioribus privilegiis per manum tabellionum 
conscriptis frequentius inveiiitur. 

* Zu diesen rechne ich natürlich nicht die Urkunden von Päpsten, die 
außerhalb der päpstlichen Kanzlei hergestellt sind, s. Bd. 1, 226. 

* Ich gebe eine kleine Anzahl von Beispielen aus der neuen Ausgabe 
der Diplome Berengars I., Widos, Lamberts und einigen neueren Drucken von 
Urkunden ihrer Vorgänger und Nachfolger. — Vertauschung von ti und o: 
sohr häutig in eortis und corticella, dann aber auch in Diminutiven {rivolus, 
cartola, terrola usw.), oft auch in coltis et incoltis (z. B. B. I. 4. 129. W. 7. 12). 
Umgekehrt u für o: consuprinus B. I. 26. — Vertauschung von i und e: nio- 
lestari B. I. 66, pignerari, calunmiari B. I. 75, rohorari Hugo FDG. 10, 295, 
immer statt -re\ mehrfach qui für 2Maß.(z. B. Hugo und Lothar MIÜG. 7, 457 
Hugo und Lothar),^ umgekelirt fluvius quae B. I. 128, de loco quae, monasterium 



Italienische Urkundensprache im 9., 10. U7id 11. Jahrhundert 347 

Vollends bei den Notaren, die italienische Privatlirkunden 
schrieben, auch bei den Pfalz- und Königsnotaren, von~denen die Ge- 
richtsurkimden der Herrscher hergestellt wurden, bheb das Vulgär- 
latein im 9. und 10. Jahrhundert durchaus vorherrschend. Wirkte 
auf sie die in der Karolingerzeit im Frankenreich erfolgte Umarbei- 
tung der Formulare kaum ein, erhielten sich die bei den Langobarden 
üblich gewesenen Formulare bis tief in die deutsche Kaiserzeit hinein, 
gingen auch die Umarbeitungen, die später in ItaUen erfolgten, von 
Männern aus, die nur die Vulgärsprache völlig beherrschten,^ so war 

qrtae B. I. 25. 27, wohl wegen des für qiii und qtiae geltenden ital. ehi, ebenso 
wie wegen des ital. che. monasterium qui B. I. 41, hortum quod MIüG. 7, 
456 (L. III. 17). — Um-ichtig fortgelassenes oder hinzugefügtes/;: kubi iar übt 
FDG. 10, 299 Hugo, hac für ac B. I. 118, ae für hac B. I. ßCT Hugo FDG. 
10, '299, actenus B. I. 10, eredibus B. I. 86, oft ortus, orticellus, ortellus für 
hortus usw. — Fortgelassenes m: potestate B. I. 5, assotsii B. I. 19, posita 
B. I. 57 (immer statt des accus.), ob aniore B. I. 108 und öfter, munificcntia 
W. 10, violentia W. 18 und öfter (sehr häufig diese Erscheinung in Güter- 
verzeichnissen, die überhaupt minder sorgfältig behandelt zu werden pflegen). 
Umgekehrt w im Ablativ hinzugefügt : occasionem, mercedem B. I. 41, de eadevi 
cur fem B. I. 128, siib nostra defensicmem W. 11, ebenso im Dativ ituperatriei 
{coniugi) et consartem W. 4. 5. 7; im Nominativ hoc imperialem praeceptum Mühl- 
bacher- 1617, abhatissam "W. 10. — ^.<: fortgelassen: ad causas aiidienda B. I. 
30, ad fideiussores toUetido FDG. 10, 296 Hugo, legali diseeptatio W. 11, res 
illa (acc. plur.) MIÖG. 7, 457 Hugo und Lothar, ceteri (abl. plur.) B. I. 118; 
Johanne (nom. sing.) B. I. 10. Umgekehrt s unrichtig hinzugefügt: seiat se 
compositurtis B. I. 19, W. 18, alias res (nom. plur.) B. I. 27, Tarvisiensis{A2it. 
sing.) B. I. 52. — Fortgelassenes t: feci (statt fecit) B. I. 108. Detisdedi B. I. 
19. — Falsche Kasus : pro tempora B. I. 11 und öfter, cum filiis et filias et 
nepotis, eosdern servis et aneillis, cum, filias suas et possessiones illarum, ad i])sis 
servis B. I. 19, a presulis B. I. 24, ad termino B. I. 27, cum ipsas res B. I. 
108, pro remedium animae W. 18, eidem cenobii (dat.) W. 18, quidam noster 
abbate (nom.) Hugo FDG. 10, 295, cid fuerint illatas iniurias B. I. 17, — _Ac- 
tivum für Deponens und Masculinum für Neutrum : häufig hunc nostrum prae- 
ceptünT und Formen von larcjio statt larrjior\ inpertimus B. I. 118, ad eundem 
monasterium B. I. 55. — Bildungen auf -ora (s. oben S. 336 N. 1) fundoris et 
locisVf. 4. 5. 21. L. 4, fondorisW. 7. — Präpositionale Konstruktion statt des 
Genitivs: res de Dominico presbitero B. I. 20. — Fehler verschiedener Art: 
ingressi (nom. plur. von ingressus) B. I. 89, ad statt ab W. 10, succetrires 
FDG. 10, 312 Hugo und Lothar, venerabillimo Mühlbacher^ 1617; endlich 
zahlreiche Orthographika verschiedener Art, z. B. -ae statt -c als Adverbial- 
endung {voluntariae B.I. 34, assiduae B. I. 89), maßestati B. I. 91, actoritas B. 
I. 41. 118, eontraditio (statt -dictio) B. I. 46. 118, largietate W. 5, sexsus W. 
21 u. a. m. Sehr häufig begegnet man auch jetzt schon der in Italien später 
ganz gewöhnlichen Verdoppelung einfacher und Vereinfachung doppelter Kon- 
sonanten. 

* Vgl. FiCKER, It. Forsch. 1, 14 ff. Das von Ficker angeführte, ihm sflt- 
sam >ind auf einen zufälligen Mißgriff' zurückzugehen scheinende eorum oder 



348 Reform der italienischen Urkundensprache 



I 



andererseits, da die italieuisclieu Notare überwiegend dem weltlichen 
Stande angehörten, anch die karoliugische Reform der kirchlichen 
Schulen auf ihre Geschäftsspraehe nicht von großem Einfluß. Unter 
diesen Umständen kommen korrekt geschriebene italienische Notariats- 
urkunden bis ins 11. Jahrinmdert hinein so gut wie gar nicht vor; ^ 
ja diese Notare sind nicht einmal imstande, das Schriftlatein auch nur 
abschriftlich korrekt wiederzugeben und entstellen selbst kaiserUche 
Mandate oder Diplome, die ihnen vorgelegen haben und die sie in 
ihre Placita inserieren, durch Vulgarismen.^ So kann es denn nicht 
wundernehmen, daß auch die aus Italien stammenden Notare, die 
in der Kanzlei der deutschen Könige beschäftigt worden sind, bis in 
die Zeit Heinrichs II. und Konrads II. hinein, was die grammatische 
Korrektheit und die gewandte Beheri'schung der Sprache angeht, weit 
hinter ihren d^tschen Amtsgenossen zurückstehen.^ Erst in der 
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts macht sich, und zwar im mitt- 
leren Italien, in Tuscien und der Komagna, früher als im Norden 
und Süden der Halbinsel, eine Besserung der Sprache bemerkbar, die 
gewiß mit der Zunahme des schulmäßigen Rechtsstudiums seitens der 
Notare zusammenhängt,* und der auch die um eben dieselbe Zeit ein- 
'. — ji^^' — ^ ■ 

eorum' omnibus paruit rectum esse erklärt sich leicht aus der Vulgärapraehe, 
eorum = illorum, das wie das italienische loro auch für den Dativ eintritt; 
vgl. GrEYER, Arch. f. lat. Lexikographie 2, 35 ff. Aus dem eorum aber erklären 
sich dann die übrigen verkehrt angewandten Genitive. 

^ Selbstverständlich gilt das nur von Originalen. Abschriften sind sehr 
häufig, die mancher Codices, wie z. B. des Reg. Farfense oder des Codex Si- 
cardianus in Cremona, durchweg in bezug auf die Sprache einer eingreifen- 
de ^^rrektur unterworfen. ^ / 

^ Vgl. z. B. das kurze Mandat DO. I. 347 mit: in comitnhi Mediolanensis 
(also durch umgekehrte Schreibung hinzugefügtem s) und diffinihendum. 
Noch viel zahlreichere Vulgarismen enthält das längere DO. I. 247. 

/, ' Man vgl. etwa aus dem von dem Kanzleinotar HB geschriebeneu DH. 
11.^294 vom Jahre 1014: una cum . . abbaiissam Alpergam — cum oi?inibus 
sanctaemoniales ibi deo fam,ulantibus — omnia subtancia — per quod mana- 
sterium illud res habitas et adhuc in iure ipsiics monastaerii iusie 77iane>ites 
possint in futurum contineri — faeminarum — aeligant — alia omnia ad ins 
ipsius monasterii pertinentes — in iurae — decano (nom. sing.) — sanctae- 
monialaes inibi deo famulantibus — Alpergae abbaiissae suasque stiecessores seu 
sanctaemoniales inibi deo famulantibus. 

* Der Einfluß dieses Rechtsstudiums auf die Urkuudensprache tritt an- 
schaulich hervor beim Vergleich der beiden von Segnoritto 1076 geschriebenen, 
von Nordilus, einem gelehrten Richter der Markgräfin Beatrix, unterfertigten 
Urkunden, Ficker, It. Forsch. 4, 99 ff. n. 73. 74. Die erste ist wahrscheinlich 
von Nordilus (oder nach Fitting, Anfänge der Rechtsschule zu Bologna S. 86, 
von dem legis doctor Pepo) diktiert und sie sticht in bezug auf Grammatik, 



f- 






Charakteristik der reformierten Urkundensprache 349 



setzenden theoretischen Arbeiten auf dem Gebiet der Ars dictandi sowie 
die damit verbundenen Mustersammlungen zustatten kommen mußten.^ 
Demnächst hat in Unteritalien die Normanuenherrschaft die Urkunden- 
Sprache günstig beeinflußt, in Mittelitalien aber das Beispiel der deut- 
schen Eoichsbeamten, die wenigstens zum Teil ihre eigenen Notare 
hatten, in gleicher Weise gewirkt.^ So kommt es, daß im Laufe des 
12. Jahrhunderts die Fortschritte immer grüßer werden, und daß schon 
um seine Mitte die Schriftsprache auch in der italienischen Xotariats- 
urlainde durchaus die Herrschaft gewinnt, Vulgarismen aber nur noch 
vereinzelt und durch Nachlässigkeit vorkommen. Im 13. Jahrhundert, 
als die Ars notariatus sich zu einer festen und schulmäßig gelelirteii 
Disziplin ausgebildet hat, wird dann die Kenntnis der Schriftsprache, 
die man von der italienisch gewordenen Vulgärsprache nun ganz be- 
stimmt zu unterscheiden weiß, geradezu ein Erfordernis für die No- 
tare; schon im Jahre 1250 machen die Statuten von Bologna die 
Zulassung zur Zunft der Notare von einer Prüfung darin abhängig.^ 
Die somit in Deutschland früher und allgemeiner, in Italien später 
herrschend gewordene Schrift- und Kunstsprache, in der die Urkunden 
abgefaßt sind, ist nun freilich von der klassischen Latinität noch weit 
entfernt und beruht keineswegs, wie etwa die Sprache der Humanisten 
des 15. und 16. Jahrhunderts, lediglich auf einer toten Nachahmung 
ciceronianischen oder cäsarianischen Lateins. Indem sie die gewöhn- 
liche Sprache aller geschäftlichen Verhandln u gen ist, ist sie zugleich 
diejenige aller Wissenschaft und Kunst, diejenige des feineren ge- 
selligen Verkehrs. Man wendet nicht gezwungen an, was man müh- 
sam erlernt hat, sondern man bedient sich einer den Bedürfnissen der 
Zeit angemessenen Ausdrucksweise, die man sich selbst gebildet hat. 



Stil und Orthographie aufs vorteilhafteste von der zweiten ab. Nordilus' 
eigene versifizierte Unterschriften aber sind durchaus tadellos. 

^ Namentlich mag das formularium notariorum, das nach dem Zeugnis 
Späterer der große Bologneser Jurist Imerius im Anfang des 12. Jahrhunderts 
zusammengestellt hat, s. oben S. 256, von Einfluß gewesen sein. 

- Vgl. die zahlreichen Urkunden dieser Beamten bei Fickeb, It. Forsch. 
4 passim. 

3 Statuti di Bologna, ed. L. Fkati, 2 (Bologna 1869), 185 ff. Jeder, 
der als Notar approbiert zu werden wünscht, muß durch eine Prüfung vor 
vier anderen Notaren nachweisen, qualiter seiant seribere et qualiter legere 
seripturas, quas fecerint, litteraliier et mdgariter, et qtialiter latinare et dictare. 
Ähnliche Bestimmungen z. B. in den Statuten von Siena 1262 und in denen 
Peters II. von Savoyen (1263— 12G8). Über die Prüfung der päpsthchcn Ta- 
bellionen vgl. Baumoabten, Von der apostolischen Kanzlei S. lOf.; 30ff. 



350 Charakteristik der reformierten Urkundensprache 



und in der man sich mit Leichtigkeit bewegt.^ Während diese Sprache 
von gröberen Versehen in bezug auf die Grammatik, namentlich die 
Flexion im ganzen frei bleibt,^ geht sie in der Syntax vielfach ihre 
eigenen Wege; man denke nur an den Ersatz des Accusativus cum 
Infiniti\o durch Sätze mit quod, qualiter, quia nach den Verben des 
Sageus, durch Sätze mit ut nach iuheo\ an die vom klassischen La- 
tein vielfach abweichende Anwendung der Pronomina (?};sß als einfaches 
Demonstrativum , talis-qualis für is-qui, das Keflexivpronomen suus, 
se usw. auch da, wo es nicht auf das Subjekt des Satzes zu beziehen 
ist usw.); an die Häufigkeit präpositionaler Verbindungen, wo im 
klassischen Latein ein Kasus ohne Präposition genügt (z. B. donare ad 
aliquem, per praesens praeeeptum praecipimiis usw.); an die zahlreichen 
Gerundivkonstruktionen [praecipiendo iubemus) u. dgl. m.^ Zugleich be- 
schränkt sich die Sprache keineswegs ängstlich auf den lexikalischen 
Bestand der klassischen Latinität; vielmehr wird eine Fülle von Lehn- 
wörtern aus den romanischen Idiomen, aber auch aus dem deutscheu 
Wortschatz übernommen,* und aus den so übernommenen Stämmen 
oder auch aus lateinischen Stämmen bildet man nicht ohne Geschick 
mit Hilfe lateinischer Endungen immer neue Wörter für die neuen 



* Vgl. Wattenbach, Gesehichtsqu. 2®, 6, dessen Ausdrücke ich im vor- 
stehenden mehrfach wiederholt habe; Paulsen, Gesch. des gelehrten Unter- 
richts ^ S. 24 ff. 

2 Was freilich selbst in Urkunden der deutschen Abteilung der Reichs- 
kanzlei einzelne Germanismen (vgl. z. B. tale praediuin quäle ad nostras manus 
legitime perventum est, DH. II. 452) zu keiner Zeit ganz ausschließt. 

' Über die Consecutio temporum in der Latinität des 10. Jahrhunderts 
sollte nach Sickel, MIÖG. Erg. 2, 167 N. 1, eine besondere Arbeit von 
J. HuEMER in Aussicht stehen, die meines Wissen jedoch bis jetzt nicht er- 
schienen ist. 

* Ein freilich keineswegs vollständiges Verzeichnis solcher Lehnworte, 
romanischer und deutscher, gibt Schönemann, Diplomatik 1, 344ff. Aus jedem 
Glossar zu einem Urkundenbuch läßt es sich erweitern. Unter den lexikali- 
schen Hilfsmitteln für das Verhältnis dieser Worte steht obenan das Glossarium 
mediae et intimae latinitatis, conditum a Caeolo Dofresne domino De Gange 
mit Ergänzungen von Carpentier, Adelung u. a., herausgegeben von Henschel 
(Paris 1840—1850, 7 Bde.), neubearbeitet von L. Favre (Paris 1882ff.). Vgl. 
ferner Diefenbach, Glossarium Latino-Germanicum mediae et infimae aetatis 
(Frankfurt 1857) und Novum Glossarium (ebenda 1867); sodann die Glossaria 
germanica von Wächter (Leipzig 1736), Haltads (Leipzig 1758) und Scherz 
(ed. Obeeun, Straßburg 1781 — 1784, 2 Bde.) und das Glossarium diplo- 
maticum von Brinckmeier (Gotha 1850—1863, 2 Bde). Nützlich und ergiebig 
sind auch die Wort- und Sachregister zu den Diplomata-, Formulae-, Kapitu- 
larien- und Konstitutionenausgaben der Mon. Germ, bist. 



Sprachliche Kennzeichen der Herkunft der Urhmdenschreiher 351 



Begriffe, insbesondere des Eeclits, mit denen mau es zu tun 
hat.^ Indem nun zugleich zahlreiche lateinische Wörter ihre Be- 
deutung verändern, einen neuen technischen Sinn erhalten und 
dann wieder der Ausgangspunkt anderer Weiterbildungen werden,^ 
ist die Sprache imstande, ohne zu umständUchen Umsclireibungen 
ihre Zuflucht zu nehmen, allen Bedürfnissen gerecht zu werden, 
und sie kann in gewissem Sinne wirklich als eine lebende bezeichnet 
werden.^ 

Fast immer aber kann man auch jetzt noch aus ihrer Anwendung 
die Nationalität dessen, der sich ihrer bedient, erkennen. Insbesondere 
ist es im allgemeinen nicht schwer, z. B. in der Kanzlei der Könige, 
wälsche und deutsche Xotare zu unterscheiden.* Auch dön Italienern, 
die der Schriftsprache vollkommen mächtig sind und vor Vulgarismen 
in der Elexion sich sorgfältig zu hüten wissen, schlüpft doch sehr 
häufig eine oder die andere orthographische Eigentümlichkeit, etwa ein 
zuviel gesetztes oder unrichtig fortgelassenes h, ein donnus für domnus 
und dgl. aus der Feder; insbesondere aber bereitet ihnen die Ortho- 
graphie der deutschen Eigennamen eine Schwierigkeit, die sie nur 
selten so ganz zu überwinden wissen, daß ihre undeutsche Abkunft 
sich nicht verriete. Bis in das 11. Jahrhundert hinein lassen sich die 
italienischen Notare auch durch den eigentümlichen Charakter ihrer 
Schrift und vielfach auch durch die von ihnen gebrauchten Formeln 
von ihren deutschen Amtsgenossen unterscheiden; und es verdient be- 
sondere Beachtung, daß durch ihre Tätigkeit in der Keichskanzlei sich 
bisweilen in deutsche Urkunden Ausdrücke der italienischen Kechts- 
sp räche eingeschlichen haben, deren Erklärung denen, welche die 



^ Nur einige Beispiele mögen das veranschaulichen. Aus bannus werden 
die Composita heribannus, tciltbannus, die Verba bannire, forbannire; aus 
forestum {forestis, foreste): forestensis, forestarms, forestare, inforestare ', aus 
com: casale, casalinum, casella, casatus, casaticuvi usw.; aus beneßcium: betie- 
fieialis, beneficiarius, beneficiare, inbeneficiare u. a. m. 

^ So das in N. 1 angeführte beneficium oder placitutn mit den Weiter- 
bildungen placiiare, p/orc^Ya^io, complacitare, complaeitatio usw. 

^ Auf die Ausbildung eines neuen, kunstvollen rhetorischen Stiles und 
Satzbaues in der Kanzlei Karls IV. hat Bukdach nachdrücklich hingewie.sen 
und neue Untersuchungen darüber in Aussicht gestellt (Vom Mittelalter zur 
Reformation. Ankündigung der zweiten Auflage, Brunn, 1898). 

* Vgl. Mühlbacher, SB. der Wiener Akademie 92, 403; Sickel in MG. 
Diplom. 1, 86 ff.; BzD. 7, 89: KUiA. zu Lief. III, Taf. 20. 27; MIÖG. Erg. 2, 
103; Beessläu zu KUL\. Lief. II, Taf. 6; NA. 22, 141 ff.; Fanta, MIÖG. Erg. 2, 
553 ff.; Erben, MIÖG. 13, 580 ff. 



352 Sprachliche Kennzeichen der Herkunft der Urkundensckreiber 

Nationalität der Schreiber nicht kannten oder nicht beachteten, 
Schwierigkeiten bereitet hat.^ . 

Diejenigen Schreiber/ deren italienische Herkunft man erkannt 
hat, inn ihrer Sprache willen einem bestimmten Dialektgebiet des süd- 
lichen Königreichs zuzuweisen, ist bisher nicht versucht worden und 
wird schwerlich gelingen. Aussichtsvoller sind Untersuchungen, die 
sich darauf richten, die Herkunft deutscher Schreiber näher zu be- 
stimmen; wenigstens für die Unterscheidung derjenigen, die dem ober- 
und derjenigen, die dem niederdeutschen Sprachgebiet angehören, 
müßten, wie man erwarten sollte, die deutschen Namensformen auch 
in lateinischen Urkunden - ausreichende Anhaltspunkte bieten. Dennoch 
sind solche Untersuchungen nicht leicht, und Vorsicht ist bei ihnen 
geboten. Denn die im allgemeinen gewiß zutreffende Regel, daß jeder 
Deutsche im Mittelalter seine eigene Mundart schreibt, und daß daher 
aus den von ihm gebrauchten mundartlichen Sprachfornien seine Heimat 
sich bestimmt ermitteln läßt, erleidet doch gerade in bezug auf Ur- 
kundenschreiber, zumal solche, die einer Behörde, wie die Reichskanzlei 
war, angehören, gewisse Einschränkungen. Einmal kommt hier in Be- 
tracht, daß diese Schreiber Orts- und Personennamen gewiß nicht 
selten so wiedergegeben haben, wie sie dieselben in den ihnen über- 
gebenen Vorlagen, Vorurkunden, Akten, Konzepten, kurzen Notizen 
über Güterbestand und dgl., fanden, ohne deren Sprachformen in die 
ihrer eigenen Mundart oder ihrer eigenen Zeit umzusetzen.^ Sodann 
wird es als möglich zugegeben werden müssen, daß bei dem am wan- 
dernden Königshofe beschäftigten Schreibern, welche die verschiedensten 
Gegenden des Reichs in fast regelmäßigem Wechsel besuchten und so 
die verschiedensten Mundarten kennen lernen mußten, sich eine ge- 
wisse Toleranz gegen diese ausbildete, daß sie namentlich weniger be- 
kannte und schwieriger zu deutende Ortsnamen einfach so wieder- 
gaben, wie sie sie hörten. Endlich aber kann, auch wenn wir die von 
den Germanisten viel erörterte Frage, ob es wirklich am karolingi- 
schen und deutschen Königshofe eine offizielle Hof- und Schriftsprache 



' Vgl. z. B. was KUiA. zu Lief. II, Taf. 6 über aldiones in Urkunden für 
das Bistum Naumburg bemerkt worden ist. 

* Selbstverständlich sind auch hier nur die Originale, nicht Abschriften, 
als vollgültige Zeugnisse in Betracht zu nehmen. 

' Vgl. hierzu Schröder, MIÖG. 18, 15 ff., der aber meine schon in der 
ersten Auflage stehenden Bemerkungen hierüber nicht beachtet hat, wenn er 
zu glauben scheint, daß die Diplomatiker vor ihm mit diesem Umstände nicht 
gerechnet hätten. 



Sprachliche Kennzeichen der Herkunft der Urkundenschreiher 353 



gegeben habe, liier unerörtert lassen,^ dies jedenfalls nicht geleugnet 
werden, daß in der Reichskauzlei wenigstens für gewisse Namens- 
formen eine offizielle, rheinfränkisch-oberdeutsche- Schreibung vor- 
geschrieben war, und daß auch für andere Namen diese Mundart 
wenigstens bevorzugt wurde. In dieser Beziehung ist beweisend, daß 
für die Namen der Könige und ihrer Gemahlinnen aus dem sächsi- 
schen Hause nicht eine nieder-, sondern eine oberdeutsche Form die 
offizielle war, daß also in den Diplomen ausnahmslos Otto und wenig- 
stens durchaus überwiegend Heinricus, nicht Oddo und Henricus ge- 
schrieben wird, daß die Gemahlin Ottos I. in den Urkunden ihres 
Gemahls, ihres Sohnes und ihres Enkels regelmäßig x\.dal- oder Adel- 
heidis, nur sechsmal Athel- oder Athalheidis, nur je einmal Adalhetha 
und Adalheitha und niemals Athalhedis genannt wird,^ daß die angel- 
sächsische Gemahlin Heinrichs III. am Hofe ihres Schwiegervaters 
den heimischen Namen Gunhild mit dem neuen Chunigund vertauschte, 
daß weiter auch für die Kanzler und Erzkanzler in der weit über- 
wiegenden Mehrzahl der Fälle amtliche, und zwar oberdeutsche, 
Namensformen in den Urkunden angewandt werden.^ Besonders 



^ Vgl. Franz Pfeiffer, Freie Forschung S. 309 ff. ; Müllenhoff und 
Scherer, Denkmäler^, Vorrede S. XIVf., XVIf., XXXff.; Hecnzel, Zeitschr. f. 
österr. Gymnas. 1874 S. ITSff.; Scherer, ebenda 1875 S. 200ff., Anzeiger f. 
deutsches Altertum 1, 189; Rödioer, ebendaselbst 5, 41ff.; Scherer, Zoitschr. f. 
deutsches Altertum, N. F. 9, 474ff.; Paul, Gab es eine mhd. Schriftsprache? 
(Halle 1874); 0. Behaghel in der Baseler Festschrift zum Heidelberger Uni- 
versitätsjubiläum (Basel 1886) S. 43ff.; Socin, Schriftsprache und Dialekte im 
Deutschen nach Zeugnissen alter und neuer Zeit (Heilbronn 1888) S. 80ff. : 
Pischek, Zur Frage nach der Existenz einer mhd. Schriftsprache im ausgehen- 
den 13. Jahrhundert (Progr. Teschen 1892); Behaghel, Schriftsprache und 
Mundart (akad. Rede, Gießen 1896), 

■2 Athelheidis nur in DD. 0. I. 293. 299; DO. H. 82; DO. HI. 102; 
Athalheidis in DD. 0. HI. 34. IIb; Adalhetha in DO. II. 170; Adalheitha in 
DO. II. 213; endlich Adalheda in DO. III. 83. DO. I. 391 mit Adheleidis ist 
außerhalb der Kanzlei in St. Maximin bei Trier entstanden. In DO. I. 430 
Adelheida stehen die beiden ersten Buchstaben auf Rasur; der Schreiber, ein 
Niederdeutscher (er spricht von Hluthuuuicus rex), hat wahrscheinlich zuerst 
Ath- geschrieben, sich dann aber der offiziellen Form erinnert. Die Italiener 
in der Kanzlei wenden sehr verschiedene Formen an: Hadelehida, Hadelegida. 
Adalehida usw., brauchen aber immer die inedia dmtalis in der zweiten Silbe; 
Adheleida steht nur in DO. II. 305 neben Adeleida. 

' So unter Heinrich I. und Otto I. durchweg Poppo und nicht Bobbo, 
Fridericus oder Fridui-icus und nicht Frithericus, Frithuricus. Das th in 
letzterem Namen niu- in Abschriften, dann in DO. I. 85 (in Essen geschrieben, 
aber echt, vgl. DO. II. 49) und in den Originalen DD. 0. 1. 113. 130. 137, von 
denen die beiden ersten von ein und demselben sicher niederdeutschen, dag 
Breßlau, ürkundenlehre. 2. Aufl. II. 23 



354 SpracJUiche Kennzeichen der Herkunft der Urkundenschreiber 

deutlich aber erhellt das angedeutete Verhältnis aus einem Diplom 
Heinrichs I. für seine Gemahlin Mathilde vom Jahre 929.^ Die Ur- 
kunde ist von einem Manne mundiert, dessen Schrift sonst in der 
Kauzlei Heinrichs nicht nachweisbar ist und der dieser also sicher 
nicht als ständiger Beamter angehört hat. Infolgedessen ist es ihm 
widerfahren, eine Anzahl niederdeutscher oder halbniederdeutscher 
Namensformen zu gebrauchen; er schreibt ßü noslri Oddonis, Qiädi- 
lingaburg, Nordhusi, Tuderstedi. Sein Elaborat hat dann Simon, der 
die Kanzleigeschäfte leitete, revidiert, und er hat durch eigenhändige 
Korrektur alle jene niederdeutschen Formen beseitigt, also Ottonis, 
Quitilingahurg , Nordhuse, Tutersteti hergestellt. Daß unter Heinrich I. 
die Kanzlei die niederdeutschen Sprachformen prinzipiell verpönte, kann 
danach nicht bezweifelt werden. Selbstverständlich ist aber weder 
unter Heinrich I. noch unter seinen Nachfolgern dies Prinzip irgend- 
wie konsequent durchgeführt oder seine Beobachtung so wie in dem 
eben erwähnten Falle konsequent kontrolliert worden; und wenn auch 
nur selten in den Namen der Könige, ihrer Familienglieder, der Erz- 
kanzler und Kanzler, so doch in anderen Namen von Orten und Per- 
sonen finden sich in den Urkunden der nächsten Jahrhunderte nieder- 
deutsche Formen häufig genug. 



dritte von einem italienischen Schreiber herrührt. Bei Ludolf ist eine offiziell 
festgesetzte Schreibung nicht zu erkennen und man schwankt zwischen Liu- 
dolfus, Liudulfus und Liutolfus, Liutulfus. — Unter Otto II. ist Folgmarus 
häufiger als Folcmarus, Folclimarus kommt nur einmal vor fDO. II. 129). 
Neben Egbertus findet sich Ecgpertus in DO. II. 134, Egpertus in n. 139; 
beide Stücke sind außerhalb der Kanzlei entstanden. Hildiboldus und Hildi- 
baldus erscheinen ungefähr gleichberechtigt; erst unter Otto III. überwiegt die" 
letztere Form entschieden; Hildebaldus (-boldus) kommt sehr selten, Hildi- 
buldus einmal vor; Hilteboldus in DO. II. 311 hat ein nicht der Kanzlei an- 
gehöriger Mann geschrieben; Hildipaldus findet sich gar nicht: in DO. III. 
189 ist -baldus aus -paldus korrigiert. Ähnlich blieben die Verhältnisse auch 
im 11. Jahrhundert. — Die offizielle Festsetzung des Kanzlernamens ergibt 
sich auch aus dem Umstand, daß Abweichungen am ersten in den Anfängen 
der Amtszeit eines neuen Kanzlers vorkommen: so im 11. Jahrhundert Gunze- 
linus für Guntherius in DH. II. 169, vgl. NA. 22, 162 f., Khazo fiiPden 
italienischen Kanzler Kadelohus nur in dem von einem Beamten der deutschen 
Kanzlei hergestellten DK. IL 255, Eppo für den in St. 2191 zuerst genannten 
Kanzler Eberhard nur in den zwei Ürkk. St. 2192. 2193, Dietericus für den 
Kanzler Theodericus nur in dessen erster Urk. St. 2265, Hacelin ns für Hart- 
wicus nur in dessen erster Urkunde St. 2332, vgl. Steindorff 1, 34711'. Be- 
achtenswert ist in diesem Zusammenhange auch die viermalige Tilgung der 
Koseform Thiemo in DH. II. 221 und ihr Ersatz durch die Vollform Thietmarus. 
» DH. I. 20. 



StUcergleichuny 355 



Unter diesen Umständen wird ein Schluß auf die oberdeutsche 
Herkunft eines Kanzleibeaniten aus den Xamensfornien seiner Ur- 
kunden nur mit großer Vorsicht gemacht werden dürfen; auch wer 
ausschließlich oberdeutsche Formen gebraucht, kann möglicherweise 
durch den überwiegenden Kanzleibrauch dazu bestimmt worden sein, 
seiner eigenen Mundart, wenn sie davon abwich, sich zu entwöhnen; 
immerhin sind auch hier doch wenigstens gewisse Wahrscheinliclikeits- 
schlüsse möglich. Leichter wird man bisweilen niederdeutsche Abkunft 
eines Schreibers behaupten können; mit voller Sicherheit aber doch nur 
da, wo niederdeutsche Sprachformen in Namen vorkommen, die amt- 
lich oberdeutsch fixiert sind, oder wo sie in Urkunden, die in Ober- 
deutschland ausgestellt sind, bei Namen von Orten, die in Ober- 
deutschland liegen, begegnen, wo also jede Beeinflussung durch eine 
Vorlage oder durch die Mundart des Aufenthaltsortes der Kanzlei 
ausgeschlossen ist. Der Schreiber, der unter Otto I. den Namen des 
Erzkanzlers Friedrich von Mainz, für den die amtliche Schreibung 
Friduricus oder Fridericus feststeht, in zwei von ihm mundierten Ur- 
kunden Frithuricus lauten läßt,^ muß ebensowohl aus Niederdeutsch- 
land stammen, wie der Kanzleibeamte Heinrichs IV., der in einer 
von ihm selbst verfaßten und geschriebenen, in Franken ausgestellten 
Urkunde vom Jahre 1080 das schwäbische Kemsthal Ramesdal 
nennt.^ 

Lassen sich so aus genauerer Untersuchung der Urkundensprache 
mannigfache Anhaltspunkte gewinnen, die für ihr Verständnis und 
ihre Kritik von Wert sind, so ist nun eine derartige Untersuchung 
auch nach einer anderen Richtung hin ein bedeutendes Hilfsmittel der 
modernen Urkundenlehre geworden. Indem die Sprache, in der die 
Urkunden der nachkarolingischen Periode abgefaßt sind, von den Dik- 
tatoren, die sich mehr und mehr von den Formeln emanzipieren, mit 
einer gewissen Freiheit gehandhabt wird, wird sie in höherem Grade 
als etwa die auf bloßer Nachahmung der Alten beruhende Sprache 
der Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts zu individueller Aus- 
gestaltung fähig; man kann in zahlreichen Fällen stilistische An- 
gewohnheiten der einzelnen Diktatoren, in manchen sogar sehr be- 
stimmt ausgeprägte und eigentümUch entwickelte Stilarten unter- 
scheiden und mittels der Stilvergleichung mit mehr oder minder 



^ S. oben S. 353 N. 3. Dasselbe gilt von dem Schreiber der sechs ersten 
S. 353 N. 2 erwähnten Urkunden. 

2 St. 2824, vgl. Gondlach, Ein Diktator aus der Kanzlei Heinrichs IV. 

S. 92. 

23* 



356 SHlvergleiehung 



großer Sicherheit bestimmte Urkuudeugnippen einem und demselben 
Verfasser zuschreiben.^ 

Daß die Ötilvergleichung neuerdings, namentlich bei Unter- 
suchungen über gewisse Geschichtswerke der karolingischen Periode, 
in nicht immer methodischer und geschickter \\eise als Hilfsmittel 
der Kritik angewendet worden ist, hat ihren Wert überhaupt in einen 
gewissen Mißkredit gebracht und die Äußerung von Bedenken gegen 
die methodiscJie Zulässigkeit des Verfahrens hervorgerufen,- die, au 
sich nicht unberechtigt, dennoch ihrerseits leicht dazu führen könnten, 
um einzelner Mißgriffe willen die historische Forschung eines Hilfs- 
mittels, das bei richtiger Handhabung großen Nutzen bringen kann, 
ganz zu berauben. Es wird nötig sein, die richtige Methode der 
Stilvergleichung für das Gebiet der Urkundenlehre etwas näher zu 
besprechen. 

Es ist da zunächst hervorzuheben, daß in dieser Beziehung 
zwischen der .Sprache litterarischer Denkmäler und derjenigen der Ur- 



* Die Stilvergleichung, bei litterarischen Denkmälern schon lange bekannt 
und geübt, ist als Mittel der Urkundenkritik zuerst von Sickel in dem von 
ihm aufgestellten Programm für die neue Diplomata- Ausgabe NA. 1, 427 ff., 
vgl. besonders S. 465 ff., angewandt worden. Demnächst hat K. Rieger, KA. 
1, 509 ft., eine derartige Untersuchung über einen Diktator aus der Kanzlei 
Ottos I. und Ottos II. veröffentlicht, deren Resultate freilich durch die neueren 
Arbeiten Sickel s vielfach berichtigt sind. Weiter sind in der neuen Diplo- 
mata-Ausgabe und den dazu als Vorarbeiten, Erläuterungen und Exkurse in den 
MIÖG. und im NA. veröffentlichten Aufsätzen die Ergebnisse einer ganzen 
Reihe solcher Untersuchungen niedergelegt; auf andere ist im Texte zu den 
KUiA. Bezug genommen worden. Spezialarbeiten der Art liegen noch vor in 
GuNDLACHS Buch Über einen Diktator aus der Kanzlei Heinrichs IV. (Inns-. 
brück 1884), in mehreren der früher in Kap. VIII angeführten neueren Unter- 
suchungen über Bischofsurkunden (doch vgl. Bd. 1, 612ff.) und hier und da in 
anderen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, von denen hier nur noch die oft au- 
geführte Diplomatik der Immunitätsprivilegien von E. Stengel und die Unter- 
suchung über einen Diktator aus der Kanzlei Friedrichs I. in Erben s Buch 
über das Privilegium Friedrichs I. für das Herzogtum Österreich (Wien 1902) 
S. 5ff. hervorgehoben seien. Was v, Buchwald in seinem oft erwähnten Buch 
über IJischofs- und Fürstenurkundeu des Mittelalters in dieser Beziehung bei- 
bringt, weicht methodisch vielfach ab: beeinflußt durch v. Büchwalds mechani- 
sche Zählungsmethode ist auch Perlbach, Preußisch-polnische Studien (Halle 
1886), der indes viel um- und vorsichtiger zu Werke geht. 

^ Vgl. namentlich was E. Bernheim, Hist. Aufsätze dem Andenken an 
Georg Waitz gewidmet S. 91 ff., in dieser Beziehung ausgeführt hat. Dagegen 
Abel-Simson, Jahrb. Karls d. Gr. l'', 657. Theoretische Sätze über die Stil- 
vergleichung bei Schriftstellern, die Beachtung verdienen, hat Gundlach, Wer 
ist der Verfasser des Carmen de bello Saxonico S. 112 ff., vgl. auch seine 
Heldenlieder der deutschen Kaiserzeit 2, 757 ff., aufgestellt. 



Stilvergleichung 357 



künden ein erheblicher Unterschied besteht. Jene beruht zum guten 
Teil auf Entlehnungen aus anderen Autoren; Worte und Wortverbin- 
dungen, ja ganze Sätze, die man aus römischen Klassikern oder aus 
der Bibel, auch aus Schriftstellern der ersten christlichen Jahrhunderte 
geschöpft hat, sind den mittelalterlichen Autoren geläufig, werden von 
ihnen in der verschiedensten Weise, bald mit mehr, bald mit weniger 
Geschick angewandt und kehren überall wieder. So kann die Sprache 
verschiedener Autoren scheinbar große Verwandtschaft zeigen, die den 
Forscher irre fähren mag, wenn er ihren Grund nicht erkennt. In der 
Sprache der Urkunden dagegen sind klassische Zitate selten, selbst 
die Bibel wird nur wenig ausgebeutet, und wo man von einer An- 
führung Gebrauch macht, wird sie meist als solche ausdrücklich ge- 
kennzeichnet. Andererseits bedarf die Sprache der Urkunden keines 
großen Wortschatzes; es ist nur eine verhältnismäßig kleine Zahl von 
Gedanken, die in der Mehrzahl der Urkunden in AN'orte zu fassen 
sind. Dadurch erhält die Urkundensprache leicht etwas stereotypes, 
sowohl im allgemeinen bei den Urkunden eines bestimmten Zeit- 
abschnittes, wie bei den Urkunden eines Diktators im besonderen. 
Etwa so wie wir uns heute gewöhnen bei Worten, die wir täglich 
schreiben, z. B. der Datierung unserer Briefe oder unserer Xamens- 
unterschrift, an bestimmter Stelle stets einen bestimmten Schnörkel 
oder Federzug anzubringen, ebenso etwa gewöhnt sich der mittel- 
alterliche Diktator, der täglich dieselben oder ähnliche Gedanken aus- 
zudrücken hat, leicht daran, an bestimmter Stelle seiner immer nach 
gleichem Schema abgefaßten Urkunden stets bestimmte Worte zu ge- 
brauchen, während ein anderer Alaun an derselben Stelle ebenso 
ständig andere Worte zu gebrauchen liebt. Nicht der Gebrauch ge- 
wisser, allen Schriftstellern der Zeit geläufiger Worte, sondern ihre 
Verwendung in bestimmter Verbindung und an bestimmter Stelle der 
Urkunden ist demgemäß bei der auf diese angewandten Stilvergleichung 
in erster Linie in Betracht zu ziehen. 

Zur Erläuterung des Gesagten wird es genügen, auf einige Bei- 
spiele zu verweisen. Wenn mehrere Urkunden Ottos I. aus den 
Jahren 953 — 956 in der Arenga die Wendung de nostri statu regni 
tradare aufweisen,^ oder wenn in der Interventiousformel einer Anzahl 
von Stücken aus der Zeit Konrads 11. und Heinrichs III. fast gleicli- 
mäßig die Wendung ob minime detiegandam diledissimi N. petitionein 



^ DO. I. 169: quod nos pie et salubriter de nostri statu regni tractando. 
DO. I. 170: nos itaque de statu regni nostri regali niore ... tractantes. DO. 
I. 177: quod nos pie et salubriter de statu regni nostri tractando usw. 



35S Slilvergleichung 



wiederkehrt,^ oder wenn in einer großen Anzahl von Urkunden Hein- 
richs IV. die Corroboratio eingeleitet wird mit den Worten mius 
traditumis [donationis etc.) festem hanc paguiam {carlam, cariani prae- 
sentem usw.) scribi mssimus,^ so ist in keinem dieser Fälle eines der 
gebrauchten AVorte an sieh und aus der Verbindung, in der sie be- 
gegnen, losgelöst, derart individuell und eigentümlich, daß man aus 
ihm an und für sich auf eine bestimmte Persönlichkeit, die es allein 
gebrauchte, schließen dürfte. Dagegen berechtigen dieselben Worte, 
indem sie in dieser bestimmten und eigentümlichen Verl)indung au 
bestimmten Stellen der Texte in zeitlich nahestehenden Urkunden- 
gruppen vorkommen, allerdings zu einem derartigen Schlüsse. 

Um diesen aber sicher ziehen zu können, ist noch anderes er- 
forderlich. Einmal wird man nur in ganz besonders gearteten Fällen ^ 
aus einer einzigen derartigen Wendung Folgerungen auf die Autor- 
schaft eines Diktators ziehen dürfen; vielmehr werden solche in der 
Regel erst dann zulässig sein, wenn mehrere sprachlich individuelle 
Eigentümlichkeiten (die natürlich nicht sämtlich in sämtlichen Ur- 
kunden wiederzukehren brauchen) sich bei einem Diktator nachweisen 
lassen.^ Sodann aber müssen die Wendungen wirklich als individuell 
erkannt und nachgewiesen sein; wer solche Stilvergieichung vor- 
nimmt, muß, um sie als solche zu erkennen und nachzuweisen, den 
gesamten Sprachgebrauch der Urkunden einer Kanzlei, bzw. bei Ur- 
kunden, deren kanzleimäßiger Ursprung nicht von vornherein voraus- 
gesetzt werden kann, den gesamten Sprachgebrauch der Urkunden 
einer Zeit und Gegend für die Vergleichung heranziehen und daraus 



' DK. II. 171: ob minime denegmvlam düectissime prolis nostrc H. regis 
petieionem; DK.II. 222. 223: ob minime denegandam petitionem dilectissiniae con- 
iugis nostrae Gislae; DK. II. 184: ob minime denegayidum interventum dilectissi- 
mae coniugis nostrae Oislae-^ St. 2217: ob minime denegandam voluntatem 
fidelissimi fldelis nostri E. marchionis. Alle diese Stücke sind von dem 
Kanzleinotar ÜB verfaßt; vgl. aber unten N. 4. 

■^ Vgl. GuNDLACH, Ein Diktator S. 62 fF. 

' So z. B. wenn etwa in ein Diplom, das im übrigen einer Vorurkunde 
wörtlich nachgosehrieben ist, unter Abweichung vom Wortlaut der letzteren eine 
individuell gehaltene Wendung eingefügt ist. 

* Dabei ist dann aber auch in Betracht zu ziehen, daß solche individuelle 
Wendungen, nachdem sie zuerst von einem Mann aufgebracht sind, häufig 
von anderen, Amtsgenossen oder Schülern, nachgeahmt werden. So ist z. B. 
die oben (vgl. X. 1) besprochene Fassung der luterventionsformel, die dem ÜB 
eigentümlich war, in DK. II. 23B von einem anderen Kanzleinotar nachgeahmt 
worden. Manche ursprünglich individuelle Wendungen sind so später in den 
allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. 



Stilvergleichung. Bedeflguren 359 

feststellen, daß die einer bestimmten Urkundeugruppe zuzuweisenden 
Wendungen eben nur in dieser Gruppe vorkommen, und daß in 
anderen G-ruppeu an entsprecbeuden Stellen andersartige Wendungen 
begegnen. 

Zu solchen aus der Betrachtung des Sprachschatzes und der 
Phraseologie geschöpften Erwägungen kann dann unter günstigen Um- 
ständen die Beobachtung feinerer stilistischer Eigentümlichkeiten hinzu- 
treten. Dahin gehört z. B. die häufigere Anwendung gewisser Rede- 
figuren — oolores rlietorici nennt sie ein Schriftsteller des 11. Jahr- 
hunderts^ — , die zwar in litterarischen Schriftwerken des Mittelalters 
oft begegnen, zu denen aber die ihrer Natur nach trockene und ein- 
fache Ausdrucksweise der Urkundensprache nur selten Anlaß bietet, 
und die daher, wenn sie hier in Verbindung mit den eben besproche- 
nen Eigentümlichkeiten des Sprachgebrauchs auftreten, die aus diesen 
zu ziehenden Schlüsse aufs wirksamste unterstützen. So hebte z. B. 
Leo, Bischof von YercelU, den wir als Verfasser von Urkunden, 
Briefen und anderen Aktenstücken unter Otto III. und Heinrich IL 
und noch unter Konrad IL kürzlich kennen gelernt haben, die Rede- 
figur der Anaphora, die man im Mittelalter repetitio nannte;- und so 
ist die Redefigur der traductio, d. h. des Spieles mit bestimmten 
Worten und Begrifi'en, die, gleichsam wie ein Fangball hin- und her- 
geworfen, in einer Reihe aufeinander folgender Sätze oder Satzglieder 
immer aufgenommen und variiert worden, eine hervorstechende Eigen- 
tümlichkeit eines Diktators, der eine bedeutende Stellung in der 
Kanzlei Heinrichs IV. eingenommen hat.^ 



^ Mag. Onulf von Speyer, dessen so betitelte Schrift Wattenbach in den 
SB. der Berliner Akademie 1894 S. 361 ff. herausgegeben hat. 

- Vgl. die schon von Bloch, NA. 22, 63 f., angeführten Beispiele: cotidie 
contra leges agitur — cotidie legis sententia feriantur (MG. Const. 1, 22): quin 
legibus perdiderunt, legibus nosira sunt, et quia legibus nostra sunt, legibus 
damus (DH. IL 322''); malus thelonia capiat, malus mercata habeat (DO. III. 
383); merito obfuscatnur, merito dimergimur, merito rincimur (St. 1790). 

* Vgl. GuNDLACH, Ein Diktator Ö. 56 f. Man betrachte nur die Arenga 
von St. 2750: haee sola. . . ad coelum scala est, sine qua numquam ad deum 
scanditur, dilectio dei et proximi. Quae licet duplex sit, utpote in deum et 
proximum, in sola tarnen proximi dilectione utraque exhibenda iubetur, quia in 
hoc ipso, quod proximum diligimus, deum nos diligere monstramus. Qui euim 
fratrem quem videt non diligit, deum quem non videt quomodo potest diligere. 
Qua dilectione oynnibus quidem connectimur, sed his quos etiam per affectionein 
cognationis diligimus nsvr. — Die von Holder-Egoer, XA. 19, 405 ff., aus Schrift- 
steilem des 11. Jahrhunderts beigebrachten Beispiele der Traductio widerlegen 
die Ausführungen Gündlachs, soweit diese sich auf Urkunden und Briefe 
Heinrichs IV. beziehen, nicht. 



360 Stilvergleichung 



Ebenso bemerkenswert sind ferner gewisse Abweichungen von 
dem zu einer Zeit allgemein herrschenden Kanzleibrauch, die sich in 
einer kleinen Anzahl von Urkunden dieser Zeit finden, und deshalb 
nur auf individuelle Geptlogenheiten zurückgeführt werden können. 
Wenn z. B, in der Promulgatiousformel der Königsurkunden bis auf 
die Zeit Heinrichs IL regelmäßig die gegenwärtigen Getreuen oder 
Gläubigen, denen die königlichen Verfügungen kundgegeben werden, 
den zukünftigen vorangestellt werden.^ und wenn nun plötzlich unter 
Heinrich II. in den Jahren 1004 und 1005 eine Formel auftritt, in 
der die futuri den pi-acsentes vorangehen,- eine Formel, die dann wieder 
verschwindet und sich erst in der zweiten Hälfte der Regierung Kon- 
rads IL aufs neue einbürgert, so sind wir vollkommen berechtigt, die 
Diplome Heinrichs IL, in denen sie auftritt, einem und demselben 
Verfasser zuzuweisen. Und die gleiche Schlußfolgerung ist gestattet, 
wenn wir in einigen Urkunden Heinrichs IL an Stelle der sonst üb- 
lichen Partikeln quapropter, quocirca, idcireo, ideo usw., mit denen die 
Publikationsformel an die Arenga angeschlossen zu werden pflegt, 
Übergänge ganz anderer, unter sich aber übereinstimmender Art 
finden.^ 

Es versteht sich von selbst, daß die vorstehenden Bemerkungen 
den Gegenstand, den sie behandeln, nur streifen, aber nicht erschöpfen 
können. Es ist unmöglich, für alle dafür in Betracht zu nehmenden 
Gesichtspunkte ganz feste Regeln aufzustellen; hier wie bei allen 
wissenschaftlichen Untersuchungen hängt zuletzt doch das meiste von 
der Umsicht und dem Takte dessen, der sie anstellt, ab. 

Ist nun durch die Stilvergleichung erwiesen worden, daß mehrere 
Urkunden eines Ausstellers für verschiedene Empfänger, die unter sich 
nicht in näheren Beziehungen stehen, so daß also nicht die eine aus 
der anderen geschöpft sein kann, von einem und demselben Verfasser 
herrühren, so steht damit wohl fest, daß ihre Fassung in der Kanzlei 
des Ausstellers entstanden ist, aber es läßt sich damit noch nicht un- 



* Von der von Kehr, Urkunden Ottos III. S. 167 N. 3, für die Formel 
futuri et praesentcs angeführten Belegen ist DO. II. 53 außerhalb der Kanzlei 
verfaßt und in junger Abschrift überliefert, vgl. Wibel, NA. 29, 7 Li N. 1, 
DO. II. 56 •" Fälschung Schotts, DO. II. 131 in stark überarbeitetem Text 
überliefert und DO. II. 297 Fälschung aus dem Ende des 11. Jahrb., vgl. 
NA. 30, 152 ff. Es gibt also mit Ausnahme von DO. III. 240 (vgl. die folgende 
Note) dafür keinen zuverlässigen Beleg vor Heinrich II. 

2 DD. H. II. 98. 100. 115; dazu kommt das von Bloch, NA. 23, 145 ff., 
besprochene, von demselben Verfasser herrührende DO. III. 240. 

3 DD. H. II. 363. 366. 370. 371: vgl. Bloch, NA. 19, 621. 



Rhythmische Satzschlüsse. Chirsus 361 



bedingt, wie das bei der Schrift vergleichung möglich ist,^ die Echtheit 
der Urkunden selbst und in ihrem ganzen Umfange beweisen. Eine 
Urkunde, deren Diktat wir auf einen Kanzleischr.eiber zurückführen 
können, kann immer noch durch Interpolation oder Auslassung ent- 
stellt sein. Daß in ihr nicht ein dem Empfänger unbequemer Satz 
fortgelassen, daß nicht etwa das Verzeichnis geschenkter Güter im 
Interesse des Empfängers willkürlich erweitert und gefälscht ist, daß 
nicht andere Zusätze gemacht sind, die dem Empfänger neue Rechte 
und Ehren zuweisen, das läßt sich durch die bloße Stilvergleichuug 
niemals erweisen. Es ist also festzuhalten, daß der durch die Stil- 
vergleichung festgestellte Ursprung des Diktats mehrerer Urkunden in 
der Kanzlei eines Ausstellers zwar für alle mindestens die Benutzung 
echter Vorlagen, aber nicht unbedingt die vollständige Echtheit selbst 
erweist. - 

Wir haben in den vorangehenden Ausführungen besonders darauf 
hingewiesen, daß es bei Untersuchungen zum Zwecke der Stil- 
vergleichung erforderlich ist, das Individuelle und Persönliche in der 
Sprache einer Gruppe von Urkunden von dem zu unterscheiden, was 
zu einer bestimmten Zeit oder in einer bestimmten Kanzlei allgemein 
üblich oder gar durch Regeln vorgeschrieben war. In dieser Be- 
ziehung kommt natürlich in erster Reihe in Betracht, was sich über 
die Entwickelung der einzelnen Urkundenformeln sowohl des Protokolls 
wie auch des Kontextes feststellen läßt: wir werden darauf im nächsten 
Kapitel näher einzugehen haben. Außerdem aber gibt es auch sprach- 
liche Eigentümlichkeiten, die für bestimmte Zeiten charakteristisch sind 
und die zu diesen Zeiten auf die Gestaltung aller oder doch fast aller 
Urkundenformeln gleichmäßig einwirken. 

Die wichtigste und für die Urkundenlehre beachtenswerteste von 
diesen Eigentümhchkeiten ist die rhythmische Kadenz der Sätze und 
vorzüglich der Schlüsse [clausulae) von Sätzen oder Satzteilen, das, was 
man technisch im späteren Mittelalter als Cursus bezeichnete.-^ -' Den 



» S. oben S. 38 f. 

2 Vgl. Bloch, NA. 19, 605 f. 648 N. 2. 

^ Die grundlegende Untersuchung darüber ist der Aufsatz W. Meyebs, 
Die rhythmische lateinische Prosa, zuerst gedruckt GGA. 1893 n. 1, jetzt in 
dessen Gesammelten Abhandlungen zur mittellateinischen Rhythmik (Berlin 190.^) 
2, 236 ff. Außerdem vgl. Nordes, Gesch. der antiken Kuustprosa 2-, 909 ff.; 
Havet, La prose mctrique de Symraaque et les origines du cursus (Paris 1892); 
Valois, Etüde sur le rythme des bulles pontificales BEC. 42, 161 ff. 257 ff.; 
CouTüEE in der Revue des questions historiques 51 (N. S. 7), 253ft'.; Vacandakd, 



362 Rhythmische Satzschlüsse. Cnrsus 

Zusainmeuhang dieser rbythmischen Kadenz mit älteren Erscheinungen 
auf dem Gebiete der Metrik zu verfolgen, ist nicht unsere Aufgabe; 
wir beschränken uns auf die Betrachtung dessen, was für die mittel- 
alterliche Urkundensprache von Bedeutung ist. 

Seit dem Anfang des 5 Jahrhunderts läßt sich in der lateinischen 
Prosa sowohl bei den Schriftstellern wie in Urkunden und Briefen die 
Beobachtung fester Regeln über die Rh^^thmik der Satzschlüsse deutlich 
erkennen. Es kommt dabei nicht sowohl auf die Quantität der Silben, 
als vielmehr auf die Akzentuation an; und der wichtigste Grundsatz 
für diese Rhythmik ist der, daß am Ende von Sätzen oder Satzgliedern 
die beiden letzten betonten Silben durch mindestens zwei, unter Um- 
ständen durch drei oder vier unbetonte Silben getrennt werden 
müssen.^ Unter den auf Grund dieser Hauptregel möglichen Satz- 
schlüssen sind nun drei die wichtigsten und am meisten bevorzugten: 

1. der Satzschluß: ~ ^ ~, ~ ~ ^ ~ episcopi haberentur; epis- 

copos non debere. 

2. der Satzschluß: ~ ~, ~ x ~ consecräre deberet; esse 

non pösse. 

3. der Satzschluß: ~ ~, - — :. v^ ~ Christi fidelibus; argri- 

mento vel ördine.^ 
Dazu kommen drei Satzschlüsse freierer Übung, die aber ebenfalls 
gestattet waren und häufig angewendet wurden, allerdings öfter am 
Schlüsse von Satzteilen (also vor schwachen Interpunktionen) als am 
Schlüsse ganzer Sätze. Es sind dies: 

4. der Schluß: ~ ^ ~. ~ ~ cüpiduni fecit\ dicta sunt vere. 
- w ~, -c v^ ~ grdtia nöbilis\ grdtus et nöbilis. 
^ ~, ~ ~ -i- ~ paräri debuisset; grdtus ei ßdelis. 

Endlich kommen (7.), wenn auch nicht gerade sehr oft, Schluß- 
wörter von mehr als vier Silben vor. 

Von den eben entwickelten Regeln über die Satzschlüsse wird 
seit dem 5. Jahrhundert die Sprache der päpstlichen Kanzlei beherrscht; 
rhythmische Prosa dieser Art findet sich z. B. sowohl in den Briefen 
des Papstes Leo I.^ wie in den meisten Formularen des ältesten Teiles 

ebenda 78 (N. S. 34), 59 ff. und neuerdings Bükdach, SB. der Berliner Akademie 
1909 n. XIX mit weiteren Litteraturangaben 8. 525 N. 1. 

^ Ein Satzschluß wie regnäre fäciat in dem Briefe Leos III. (Alcuini epp. 
n. 127; MG. Epp. 4 [Kar. 2], 189), in dem zwischen den letzten beiden Ton- 
silben nur eine unbetonte steht, ist also regelwidrig. 

- Einsilbige Partikeln wie Tel, et, aber auch einsilbige Worte wie non 
gelten dabei als unbetont. 

^ Vgl. die Analyse eines Briefes Leos bei W. Meyer, Gesammelte Ab- 
handlungen 2, 272 ff. 



5. der Schluß 

6. der Schluß 



Rhythmische Satzsehlüsse. Cursus 363 



des Liber diurnus, der, wie wir gesehen haben, ^ in der päpstlichen 
Kanzlei als Mustersammlung für die Abfassung von Briefen und Ur- 
kunden benutzt wurde,- wie auch noch zu Anfang des 6. Jalirhunderts 
in den Briefen des Papstes Hormisda, die uns in der sog. CoUectio 
Avellana erhalten sind.^ Aber das Gesetz des rhythmischen Satzschlusses 
hat sich, wenigstens was die Papsturkunden und -briefe angeht, 
keineswegs dauernd behauptet. Schon im Registrum Gregors I. (590 
bis 604] finden sich neben zahlreichen Briefen, die noch rhythmisch 
korrekt gebaut sind, manche andere, in denen die gröbsten Verstöße 
gegen die Regeln des Satzschlusses begegnen.* Und die Papstbriefe 
des 9. Jahrhunderts zeigen vollends, daß diese Regeln vergessen waren; 
wenn auch hier noch mehrfach korrekte Satzschlüsse sich finden, so 
beruht das zum Teil wenigstens auf Zufall, zum Teil aber darauf, daß 
ältere Urkundenformeln sich bis in diese Zeit erhalten haben. An 
eine wirkliche Kenntnis der älteren Regeln und an ihre bewußte 
Beobachtung ist in dieser Zeit nicht mehr zu denken. 

Auch in der fränkischen Reichskanzlei sind die Gesetze des 
rhythmischen Satzschlusses nicht unbekannt gewesen. Daß sie noch 



^ S. oben S. 241 ff. 

'^ Man vgl. z. B. das Formular n. IX (ed. Sickel S. 8) mit den Clausulae : 
desolävit ecclesias — deflciente remdnserit — eonstringimur cogitdre — moderd- 
mine guberndte — rapidtur insidiis — cördi consiliu7n — antistitibus guber- 
ndndas — previdimus committendam — constitüimus ae miitajn — pössis existere 
— ciira dispönere — auetoritdte licentia)n — animdbus invigüa — pössis 
cxibeas: also neunmal der dritte und fünfmal der erste der obigen Schlüsse. 
Fehlerhafte Schlüsse sind in diesem Teil des Liber diurnus sehr selten; auf- 
gefallen ist mir in n. 15 — IG (ed. Sickel S. 12f.) die dreimal, allerdings nur vor 
schwachen Pausen, begegnende Clausula: dedicdri debeat, necesse fiierit, mole- 
stidrum inferant; sollten diese beiden Formulare jünger sein? 

^ Vgl. z. B. den Brief des Hormisda u. 202 (Corp. Script, eccl. Latin. 35, 
2, 661). Ich zähle unter 21 Clausulae 10 nach Schema 3, 6 nach Schema 2, 
3 nach Schema 1 und 2 nach Schema 5. Verstöße gegen die rhythmischen 
Gesetze kommen nicht vor. 

* Ich gebe nur ein paar herausgegriff"ene Beispiele. Reg. Greg. 5, 3: 
generäur scdndalum; 5,6: dmpörto, subito mörtuus est, magistro scribere\ 5,15: 
cörde häbeas; 5, 20: bmae mentis est, idöneus non est, necessitdte pötest, debet 
ddre; 5, 45: rectitüdinem et blandimcntwn, ddre stüdeat, niaiestas sölvit, inter nos 
pdx füerat, mlllo trepidet, atictoritdie dgai, fidem perdere. Vgl. etwa noch 3, 33: 
cogitdntes dicet, temporalem pdrent; 4, 10: süpples (oder supplebis) studio; 9, 
81: procul dubio naveritis; 9, 227: cördi quies est, contemplatiönis levai, 
quid mi'dta löquar, pdrumlöquor; 10, 15: oppressis debet, 7iüllus pötest, inimicos 
vivere, rationem reddo; 13, 2: percussiönem vdcat, veritdtis pldcet, meremur 
non vült irdsci, dinmonet ut invocetur, dgros exeat, damnatiönis pdrcat; 14, 4: 
mentis irritat; 14, 10: nüllo modo pdtimur. 



364 Rhythmische Satzschlüssc. Cursus 



in den Formiüareu Marculfs ^ beachtet Tverden, ist bereits früher be- 
merkt worden 2 und leicht zu erkennen;^ und auch in Künigsurkunden 
des 6. und 7. Jahrhunderts ist ihre Berücksichtigung zu konstatieren.* 
Durch die Vermittlung jeuer Formulare und der die Regeln beob- 
achtenden Vorurkuuden haben sich dann korrekte Satzschlüsse in den 
fränkischen Diplomen bis ins 8. und 9. Jahrhundert hinein erhalten, 
aber daß man auch damals noch die Gesetze des Satzschlusses selbst 
gekannt und mit Bewußtsein befolgt hätte, ist höchst unwahrschein- 
lich: Urkundenschreiber, die die gute Clausula: praesenfihus et futuris 
zu der ganz unkorrekten iam praeseniibiis quam et futuris entstellt 
haben,^ können von diesen Gesetzen keine Vorstellung mehr gehabt 
haben. 

Es wird noch weiterer Untersuchung bedürfen, von wo der An- 
stoß zu neuer Belebung der rhythmischen Gesetze am Ende des_ 
1 1. Jahrhunderts, der in der päpstlichen Kanzlei erkennbar ist, seinen 
Ausgang genommen hat.® Wir erfahren davon in der Zeit des Papstes 
Urban II. Als dieser im Jahre 1088 den Mönch von Monte Cassino 
Johannes von Gaeta, den späteren Papst Gelasius IL, an seinen Hof 
berief und ihn zum Kanzler der römischen Kirche ernannte, erteilte 
er ihm, wie berichtet wird, den Auftrag, den in Vergessenheit ge- 
ratenen Leoninischen Cursus in den Urkunden der römischen Kanzlei 



1 S. oben S. 229 ff. 

- Norden, Autike Kunstprosa 2^ 950. 

^ Vo-l. z. B. das Immunitätsformular, Form. Marculfi 1, 4. mit den Schlüssen: 
aüre benigna (2), mente perpendere (3), jmrtieipes non negäre (1), oräcotü confir- 
nidre (1), nöstri suggessit (2), emunitäte concessisset (6), ingredire non debeat (3), 
ostendedit relegendas (1), esse conservätum (6), celsitüditiem nöstratn (4), generd- 
liter eonfirmäre (1), confirmdsse eognüscite (3), füit coneessa (2), ergo mhevtus 
(2), omnimodis conserväur (1) usw. Unregelmäßig sind nur die Schlüsse in- 
gredire non presumdtis und perpetuo proficiat. Vgl. auch Havet, Oeuvres 1, 
315 N. 2 über Form. Marculfi 1. 1. 

* Vgl. Havet a. a. 0. S. 315 X. 1 über das Edikt Guntclu-amms, MG. Ca- 
pitul. 1, 11 f., und über das Diplom Dagoberts I. DM. 13. Was im Text gesagt 
ist, muß auch gegenüber der Bemerkung von Krusch, NA. 29, 250, aufrecht 
erhalten werden. Auch in dem mit DM. 13 gleichzeitigen Indiculus, MG. SS. 
Merov. 4, 572, sind die rhythmischen Regeln bei den Hauptschlüsseu durchaus 
beachtet. 

5 DM. 86. DKar. 6 und öfter. 

8 Die Anregung Caspars, NA. 36, 95 N. 1. 91 N. 1, daß der Ursprung der 
Stilreform in Monte Cassino gesucht werden möge, verdient Beachtung: aber in 
den beiden Musterbeispielen, die Albericus von Monte Cassino (s. oben S. 248 f.) 
für Kaiser- und Papsturkunden gibt, findet sie kaum einen Anhalt; die Haupt- 
schlüsse des sog. Cursus (s. unten S. 368) fehlen hier fast ganz. 



Theorie des Gursus 365 



wieder neu zu beleben.^ Es ist kaum zu bezweifeln, daß dabei ein 
Anschluß an die rhythmischen Gesetze beabsichtigt war, die, wie wir 
gesehen haben, in den Briefen des Papstes Leo I. beobachtet wurden ;2 
aber freilich befolgte die päpstliche Kanzlei diese Gesetze nicht ohne 
gewisse Veränderungen, von denen eine sogar dem eigentlichen Grund- 
gesetz der Prosarhythmik durchaus zuwiderlief.^ So gestaltete sich 
schon im 12. Jahrhundert die Sprache der Papsturkunden rhythmisch; 
dem Cursus zuliebe erlitten selbst die üblichen Formeln gewisse 
Umwandlungen; und wenigstens seit der Mitte des Jahrhunderts wird 
die häufige Vernachlässigung seiner Regeln geradezu als ein gewich- 
tiger Verdachtsgrund gegen die Echtheit eines päpstlichen Briefes an- 
gesehen werden können.* Wir hören sogar, daß die päpsthche Kanzlei 
sie noch unter Lucius III. geheim gehalten habe, um sie als ein Mittel 
zur Erkennung von Fälschungen verwerten zu können.^ 

Die Theorie des Cursus, wie sie sich in der päpstlichen Kanzlei 
gestaltet hatte, hat dann zuerst gleichsam offiziell Albertus de Morra, 
der von 1178 — 1187 als Kardinalpriester vom Titel S. Laurentii 
in Lucina Kanzler des römischen Stuhles unter den Päpsten 



* Liber pontif. ed. Düchesne 2, 311: Tunc jiapa litteratissimus et facun- 
dus fratrem lohafraem, viruni utique sapientein aeprovidtim . . . admovit suumquc 
cancellarium . . . constituit, ut per eloquentiam sibi a domino traditam antiqui 
leporis et elegantiae stilum in sede Romana iam pene omnem deperditum . . . 
reformaret ae Leoninum cursuni lueida velocitate reduceret. Düchesne, BEC. 
50, 161 ff., hat zuerst auf diese wichtige Stelle aufmerksam gemacht; vgl. dazu 
Caspar, NA, 36, 95f., und über die Zeit der Berufung Bd. 1, 239 N. 6. 

- Wenn W. Meyer a.a. 0. S. 267 gegen diese Annahme das Bedenken äußert, 
daß die Leoninischen Hexameter nicht nach Leo I. benannt sein können, weil 
Leo I., soviel wir wissen, keine Verse gemacht hat, so möchte ich dies Bedenken 
nicht als ausschlaggebend anerkennen. Es ist doch nicht nötig anzunehmen, 
daß die Leoninischen Hexameter nach demselben Leo genannt seien wie der 
Cursus Leoninus. Vgl. auch Norden, Geschichte der antiken Kunstprosa 2*, 
865 N. 1. 

' S. unten S. 367 N. 3. 

* So hat bereits Valois mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß in 
dem berufenen Schreiben Hadrians IV. vom 19. März 1158 (Jaff^-L. 10 393) 
schon die Vernachlässigung der Regeln des Cursus die Annahme der Echtheit 
ausschließt. Zu einem anderen, gleichfalls unechten Briefe desselben Papstes 
(Jaffe-L. 10 575) vgl. Scheffer-Boichoest, Gesammelte Schriften 1, 234 f. 

'" Das sagt Petrus von Blois, der es wissen konnte, in einer von Langlois 
(Notices et exti-aits 34, 2, 26) mitgeteilten Stelle seines Libellus de arte dic- 
tandi rhetorice: De distinccionum ßne sive terminacione, que cadencia nuncu- 
patur. Humsmodi fines vocatit notarii Romane curie cadencias, quas velut 
sanetuaria celantes nulli volutit penitus revelare; per it/as eiiim suas lileras ab 
adulterinis discernunt. 



366 Theorie des Cursus 



Alexander IIL, Lucius III. imd Urbau III. war und demnächst unter 
dem Xamen Gregor YIII. ihr Nachfolger auf dem päpstlichen Thron 
wurde, in einer eigenen, jedenfalls noch während seiner Amtszeit 
in der Kanzlei abgefaßten Abhandlung dargelegt, die unter dem 
Titel Forma dietandi, quam Rome notarios insiituit ynagister Albertus qui 
et Gregorius VIII. papa handschriftlich überliefert ist^ Danach ist sie 
auseinandergesetzt in einer Summa dictaminis,^ die handschriftlich in 
mehreren späteren Bearbeitungen vorliegt, von deren ältester Redak- 
tion aber ein Fragment, eben das, welches den Cursus behandelt, in 
derselben Handschrift, der wir die Forma dietandi Gregors VIII. ver- 
danken, dieser unmittelbar angefügt ist; ihr Verfasser ist ein Magister 
Transmundus, wahrscheinlich derselbe, der, während Albert von 
Morra Kanzler war, eine Zeitlang, vom Dezember 1185 bis zum 
März 1186 als stellvertretender Datar fungierte^ und zu den Notaren 
der römischen Kurie gehörte. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts 
hat dann der päpstliche Abbreviator Eichard von Poli, von dessen 
Formularsammlung wir früher sprachen,^ die Theorie des Cursus kurz 
wiederholt, und sie ist nun auch von anderen Lehrern der Ars die- 
tandi, Guido von Orleans, Laurentius von Rom, Pontius von der Pro- 
vence behandelt worden; auch die wahrscheinlich am Ausgang des 
13. Jahrhunderts an der Pariser Schule entstandene Poetria des Ma- 
gisters Johannes Anglicus widmet ihr einen kurzen Abschnitt, der im 
Druck vorliegt.^ 

Die Hauptsätze dieser Theorie des Cursus lassen sich folgender- 
maßen wiedergeben. Jedes zweisilbige Wort wird als Spondeus, jedes 
einsilbige als Halb-Spondeus bezeichnet. Ein dreisilbiges Wort wird 
Daktylus genannt, wenn es kurze Paeuultima, also den Ton auf der 
Antepaenultima hat; bei langer und deshalb betonter Paeuultima be- 
steht es aus anderthalb Spondeen. Mehrsilbige Worte sind entweder 
nur aus Spondeen und Halb-Spondeen, oder aus einem Daktylus und 
Spondeen oder Halb-Spondeen zusammengesetzt, je nachdem sie den 



* Es ist die Handschrift Ms. lat. n. 2820 der Pariser Nationalbibliothek, 
wo auf f. 58 nach Valois, BEC. 42, 167 (gegen Pertz, Arch. der Ges. 7, 43), 
von einer Hand des 12. Jahrhunderts die Abhandlung eingeti-agen ist. 

« Valois S. 168 ff. 
» S. Bd. 1, 247. 

* S. oben S. 265tf. Richard verlangt, daß der so/tYws et Ordinarius cursus 
in fine quarumlibet clausidarum befolgt werde. Die Stelle ist abgedruckt in 
den SB. der Münchener Akademie 1892 S. 508. 

5 QE. 9, 501. 



Theorie des Cursus 367 



Tun auf der Paenultiniii oder auf der Antepaenultima haben.^ ^^un stellt 
Gregor VIII. für den Anfang, für die Mitte und für das p]nde des 
Satzes verschiedene Regeln auf. 

Zu Anfang des Satzes können mehrere Spondeeu stehen. Ein 
Daktylus darf als erstes Wort des Satzes nur gebraucht werden, wenn 
auf ihn mehrere Spondeen folgen, als zweites Wort nur dann, wenn 
ein Spondeus oder anderthalb Spondeen vorangehen. Fehlerhaft ist 
die Anwendung mehrerer Daktylen hintereinander; nicht empfehlens- 
wert die Anwendung eines Daktylus zu Anfang eines Satzteiles uut^h 
einer stärkeren Interpunktion.^ 

In der Mitte des Satzes ist eine angemessene Mischung von Dac- 
tylen und Spondeen anzuempfehlen. Allgemeine Übereinstimmung 
besteht darüber, daß zwei Daktylen niemals unmittelbar aufeinander 
folgen dürfen. Dagegen dürfen bis zu fünf Spondeen hintereinander 
verwandt werden, während die unmittelbare Aufeinanderfolge einer 
größeren Zahl von Spondeen von einem eleganten Stilisten vermieden 
werden soll. Wie im einzelnen die Mischung erfolgen soll, darüber 
gehen die Vorschriften der späteren Theoretiker auseinander. 

Am wichtigsten aber sind die Regeln, die für das Ende von 
Sätzen oder größeren Satzteilen gelten. Am Schluß eines Satzes läßt 
Gregor A^III. nur zwei Endungen zu: entweder zwei Spondeeu, denen 
ein Daktylus vorangeht,^ oder ein Wort von anderthalb Spondeen, dem 

^ Demnach sind also, im Sinne der Theoretiker des Cursus, et, cum., j)er usw. 
Halb-Spondeeu, bonus, mihi, auclor usw. Spondeen, yraiia, dominus, liberos usw. 
Daktylen. Liberaliter besteht aus einem Spondeus und einem Daktylus, domi- 
nationem, aus drei Spondeen, inimicitiae aus anderthalb Spondeen und einem 
Daktylus usw. 

^ Gute Satzanfänge sind also: fidem, sicatn suspecfatn reddit; deus om- 
nium; magister niilitum; dominus et magister noster lesus Christus. Fehler- 
haft ist: negligens famuliis aliquis. Gut ist: inipudicae inatris nequitia cor- 
rumpit füiam; et rix potest pudieam facere, quam habuit impttdica; nicht em- 
pfehlenswert würde das zweite Satzglied sein, wenn es lautete: poterit enim 
vix facere pudicam, quam habuit impudica. — Spätere Theoretiker gehen noch 
weiter und verwerfen überhaupt Daktylen an den Satzanfängen; Pontius von der 
Provence läßt nur gewisse daktylische Konjunktionen, wie itaque, igitur, in- 
super usw., am Satzanfang zu und schi-eibt voi-, daß, wenn ein Satz mit einem 
Daktylus endet, der folgende unter allen Umständen mit mehreren Spondeen 
anfangen muß. 

* gaudia pervcnire; agere nimis dure: sufßciant ad volatum. — Das ist 
also der erste von den oben S. 362 aufgezählten Satzschlüssen. Aber indem 
am Ende des Satzes auch zwei zweisilbige Worte (nimis dure) zugelass(ni 
werden, wird gegen die Grundregel der Prosarhythniik, daß zwischen den beiden 
letzten betonten Silben mehr als eine unbetonte stehen muß, gröblich ver- 
stoßen. Trotzdem hat sich auch diese Schlußform völlig eingebürgert. 



368 Cursus in Papsturkunden 



anderthalb oder zwei Spundeen vorangehen,^ Die erste dieser En- 
dungen wird als cursus velox, die zweite als cursus planum bezeichnet; 
zu beiden fügte Transmundus eine dritte hinzu, die man cursus tardus 
{ecclesiasticus, durus) nannte: am Schluß des Satzes steht ein Daktylus, 
davor ein halber Spondeus, dem mindestens noch ein Spondeus, in der 
Eegel mehrere vorangehen.- Für das Ende ganzer Sätze wird der 
cursus velox am meisten empfohlen, neben ihm der cursus planus zu- 
gelassen, während der cursus tardus meistens dem Ende von Satzteilen 
zugewiesen wird. Endlich empfehlen verschiedene Diktatoren für das 
Ende des Satzes auch ein vielsilbiges spondeisches Wort.^ 

In der Praxis wurden in der päpstlichen Kanzlei weniger die für 
den Anfang und die Mitte als die für das Ende der Sätze und Satz- 
teile aufgestellten Regeln beobachtet. Nachdem dann die theoretischen 
Gesetze des Albert von Morra und des Transmund formuliert und den 
Notaren im Laufe der nächsten Jahre immer mehr geläufig geworden 
waren, sind sie im 13. Jahrhundert bis zur Thronbesteigung Niko- 
laus' IV. so konsequent beobachtet worden, daß am Schluß ganzer 
Sätze Endungen, die nicht einem der drei Cursus entsprechen, kaum 
vorkommen, daß sie auch am Schluß größerer Satzteile nicht häufig 
sind, und daß alle stehenden Formeln diesen Gesetzen entsprechend 
gestaltet werden. In dieser Zeit kann also, wie bereits angedeutet ist,"* 
der Cursus geradezu ein Hilfsmittel der Kritik werden; er kann zur 
Verbesserung fehlerhaft überlieferter Texte wertvolle Anhaltspunkte 
geben; und häufige Vernachlässigung seiner Gesetze wird als ein ge- 
wichtiger Verdachtsgrund gegen die Echtheit eines päpstlichen Briefes 
angesehen werden können.^ Seit dem Schluß des 13. Jahrhunderts 
tritt dann eine rückläufige Bewegung ein; die Gesetze des Cursus 
werden mit der Zeit in immer zunehmendem Maße vernachlässigt, 



^ audiri comiMllunt ; confidenter audebo. — Die letzten anderthalb Spondeen 
können auch aus zwei Worten bestehen: prudenter et caute. Auch können vor 
den letzten anderthalb Spondeen Worte von mehr als zwei Spondeen stehen: 
■intemerata vigorem, iucunditate letatnur, iurisdictionis appareut usw. Das ist 
also der zweite der oben S. 362 verzeichneten Schlüsse. 

* facta dirigentur in exitus; ille certe videtur operari iustitiam. Das ist 
also der dritte Schluß der Aufzählung S. 362. 

^ eorum cotnpositioni; vinculo excommunieationis. Diese Fälle gehören 
zum siebenten der oben S. 362 aufgezählten Schlüsse. 

* S. oben S. 365. 

* In der Zeit von Innocenz III. bis Honorius IV. will Valois so weit 
gehen, jeden Brief, in dem auch nur ein Satz fehlerhaft schließt, als verdächtig 
zu betrachten. 



I 



Ausbreitung des öursus 369 



bis mit dem Schluß des Mittelalters ihre Kenntnis gänzlich ver- 
schwindet. 

Diese Kenntnis ist aber keineswegs auf die päpstliche Kanzlei 
beschränkt geblieben, vielmehr hat sie sich seit der theoretischen 
Formulierung jener Regeln durch Gregor VIII. und ihrer weiteren 
Ausbildung durch zahlreiche Diktatoren über das ganze christliche 
Europa verbreitet. Wie in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts 
der Magister Ludolf, Notar Bischof Konrads IL von Hildesheim, die 
Anwendung des Cursus in allen Briefen verlangt,^ so bezeugt in der 
zweiten Hälfte desselben Johannes Anglicus, daß die Gesetze des Cursus 
— des Stilus Gregorianus, wie er ihn mit Rücksicht auf Gregor YIII. 
nicht unpassend nennt — in der Kanzlei des Papstes, der Kardinäle, 
Erzbischöfe, Bischöfe und an einigen anderen Höfen beobachtet 
würden.^ 

In der deutschen Reichskanzlei finden sich schon im 12. Jahr- 
hundert^ einzelne Spuren von seiner Kenntnis,* aber von einer kon- 
sequent durchgeführten Beobachtung seiner Regeln kann keine Rede 
sein; manche Kanzleibeamte, so z. B. ein in den ersten Jahrzehnten 
Eriedrichs I. vielbeschäftigter Diktator, der Wendungen wie successura 
posterüas, insigniri iussimus am Satzschluß gebraucht,^ aus denen sich 
durch einfachste Änderung der Wortstellung der cursus velox hätte 
herstellen lassen, können die rhythmischen Gesetze kaum gekannt 
haben, und auch solche Urkunden, die in einigen Satzschlüssen den 
Vorschriften des Cursus folgen, weichen in anderen wieder so auf- 



^ QE. 9, 3 70 f. Schon vor ihm, aber kürzer, macht der Verfasser der säch- 
sischen Summa prosarum, QE. 9, 213, alle Diktatoren auf den Cursus, den er 
stilits Romanus nennt, aufmerksam. Dagegen hat Buoncompagno (s. oben S. 259) 
gegen die Anwendung des Cursus heftig polemisiert; vgl. das von Schönbach, 
SB. der Wiener Akademie 145 (1902) n. IX S. 80, mitgeteilte Stück aus der 
Rhetorica antiqua. Dessen ungeachtet befolgt er selbst in seinen eigenen 
Schriften sehr oft die Gesetze des Cursus. 

2 QE. 9, 501. 

^ Wenn Erben, UL. S. 291 N. 4, schon in den Diktaten des Heribert A 
unter Otto III. bewußte Anwendung des Cursus, der damals in Rom nicht be- 
kannt war, erkennen will, so kann ich dem nicht folgen. Einzelne Beispiele 
des cursus velox in seinen Urkunden können dafür nichts beweisen, sie 
werden, da neben ihnen immer fehlerhafte Schlüsse in gi-ößerer Zahl begegnen, 
ebenso aut Zufall beruhen wie vereinzelte Reime, die nicht zur Annahme be- 
absichtigter Reimprosa berechtigen. 

* Vgl. was CuRSCHMANN, NA. 28, 430, nach meinen Beobachtungen über 
St. 3575. 4282 ausgeführt hat. 

^ St. 3753; vgl. über diesen Diktator Erben, Das Privilegium Friedrichs I. 
für das Herzogtum Österreich S. 5 ff. 

Breßlau, Urkundenlehre. 2. Aufl. II. 24 



370 Gursus in sixilianischen und deutschen Königsurkunden 



fallend ab, daß man den Zweifel daran, ob jene korrekten Schlüsse 
nicht bloß auf Zufall beruhen, schwer unterdrücken kann.^ 

Anders verhielt sieh die sizilianische Kanzlei des 12. Jahrhunderts. 
Daß auf ihr Urkundeuwesen überhaupt das der Päpste starken Ein- 
fluß ausgeübt hat, werden wir später noch öfter zu konstatieren haben; 
so befremdet es nicht, daß etwa seit der Zeit König Wilhelms IL der 
Cursus in den Diplomen und Mandaten Siziliens zur Herrschaft ge- 
langt und in denen Tankreds und Konstanzens ebenso regelmäßig wie 
in denen der Päpste angewandt wird.^ Daß die sizilianische Kanzlei 
Friedrichs IL sich diesem Brauche vollkommen angeschlossen hat, ist 
selbstverständlich, und von Sizilien aus ist der Cursus auch in die 
Urkunden der Eeichskanzlei eingedrungen, wo er schon unter Hein- 
rich VL öfter begegnet und seit den späteren Jahren Friedrichs IL 
die volle Herrschaft gewonnen hat.^ 



^ Das gilt vielleicht auch von den beiden Diplomen Friedrichs L St.40S8 und 
St. 4312, die Erben, UL. S. 291 N. 4, als Beispiele für Beobachtung der Cursus- 
regeln anführt. Liest man in St. 4088 (eommuniri) precepitnus (ety robordri, 
in St. 4312 (roborandam^ duxunus <(e/'> confirmdndam, und erwägt man, daß 
beide Male durch Fortlassung der von mir eingeklammerten, für den Sinn 
keineswegs erforderlichen Worte statt der inkorrekten Satzschlüsse cursus velox 
erzielt worden wäre, so wird man auch hier zweifeln können, ob bei den 
zahlreichen korrekten Schlüssen jener Diplome die Beobachtung der rhythmi- 
schen Gesetze wirklich beabsichtigt war. In St. 4205 wird der Cursus des 
Schlußsatzes, der übrigens, wenn wir den überlieferten Text beibehalten, 
nicht streng durchgeführt ist, auf sizilianischen Einfluß zurückgehen, vgl. NA. 
27, 762 N. 1. 

^ Vgl. K. A. Kehr, Die Urkunden der normannisch-sizilianischeu Könige 
S. 243 mit N. 1. Eigene Nachprüfung hat die Angaben Kehrs durchaus be- 
stätigt. 

* Man vergleiche eine Urkunde wie Wixkelmann, Acta 1, 329 n. 373, vom 
Jahre 1243 mit den Schlüssen von Sätzen und Satzteilen: 329, Z. 25 infideliuvt 
ad fideles — 27 ßdeliwn ampliätur — recipit incrementum — 28 höstium vi- 
cinorum — 29 humiliter supplicärint — 30 eximere dignaremur — 31 imperio 
teneäntur — 33 subicere deberemus — 35 benignius inclindii — 38 in äliquo 
teneäntur — 43 debeant respondcre — 330, 5 rebellibus tencbänhir — 9 plenius 
consulätur — 10 firmiter statuentes — 13 renire presümat — 15 iniuriam 
applicdnda — 17 iüssimus communiri. Die durchgänge Anwendung des cursus 
velox ist unverkennbar; nur einmal kommt eursits planus vor {venire presumat)\ 
kein Satzschluß des Kontextes verstößt gegen die Regeln des Cursus. — Oder 
den folgenden Erlaß Winkelmank, Acta 1, 330 n. 374: S. 330, 45 dihicide 
demonstrarunt (beachte die des Cursus wegen nötige Elision wie oben bei 
humiliter supplicärint) — 331, 1 tcmpora lonrjiöra — B rc'ciperet successörem — 
5 dtiximus liberdudos — 7 notitiam sunt perldta — 11 nö?ninis revocdvit — 
12 emulum pdeis nöstre — 14 prödiit tossicdta — 15 deditos invocämus — 16 
partieipes indefcssos — propensius exortdmur — 19 cülminis, confundäntur 



I 



A 



Eeimprosa 371 



Von dem stüiis Gregoriamis, alsu dtr rhythmisch kadenzierten 
Prosa, unterscheidet Johannes Anglicus neben zwei anderen Stihirten,^ 
deren eine wir schon beiläufig berührt haben, währeud die andere für 
uns nicht in Betracht kommt, den stilus Isidariamis, als dessen Muster 
er die auch unter dem Titel Soliloquia bekannte Schrift Isidors von 
Sevilla über die Synon^-ma bezeichnet, obwohl das, was nach der De- 
finition des Johannes diese Stilart charakterisiert, nämlich die Reim- 
prosa, in jener Schrift keineswegs konsequent durchgeführt ist. 

Daß die Reimprosa- bei der großen Beliebtheit, deren sie sich 
im 10. und 11. Jahrhundert erfreute und bei der häufigen Anwen- 
dung, die sie in historischen Schriften und anderen litterarischen 
Denkmälern fand, auch in die Urkundensprache eindrang, kann in 
keiner Weise wundernehmen.^ Nur muß man sich hüten, aus jedem 



20 benefieia pleniöra — 23 efficdciter quam libenter — 26 grdtiam indticdmur. 
Durchweg cursus velox. Geradezu verlangt wird die Beobachtung des cursus 
dehittis et ordinatus in der für die Reichskanzlei bestimmten, aus der Zeit 
Albrechts I. stammenden Summa curiae regis (Archiv für Österreich. Gesch. 14, 
31 7), in deren Formularen sich denn auch fastdurchweg der rj/rswsre/ox eingehalten 
zeigt. Ebenso ist z. B. in den Proverbia, die der Verfasser des Baumgarton- 
berger Formularbuches zum Schmuck der Urkunden zusammenstellt (ed. BXit- 
WALD S. 104 tf.), der cursus velox derart beobachtet, daß von 60 Sätzen nur drei 
einen seinen Regeln nicht entsprechenden Schluß zeigen. 

* Dem stilus TulUanus, bei dem es nicht auf Rhythmus, sondern auf dic- 
tionum et senteiitiarum coloratio ankommt fs. oben S. 359), und dem stilus 
Eilarianus, einer Spielerei, dem Bau eines ganzen Briefes nach dem Muster 
des hiiarianischen Hymnus Primo dierum onmiutn — quo mundus extat con- 
ditus, vgl. QE. 9, 501; Välois, BEC. 42, 186. 

' Mit ihr wird sich demnächst ein Buch von Karl Polheim beschäftigen, 
von dem mir während der Korrektur dieses Bogens eine nicht im Buchhandel 
befindliche Teilausgabe der drei ersten Kapitel und Korrekturbogen des vierten, 
die Reimprosa in den Urkunden behandelnden Kapitels durch die Freundlich- 
keit des Verfassers zugegangen sind. In der Annahme bewußter oder beab- 
sichtigter Reimprosa geht Polheim mehrfach weiter, als ich nach den folgenden 
Darlegungen für geraten oder gestattet halte. 

=• Am wenigsten darf man daraus mit v. Büchwald S. 44 f. auf „Sangbar- 
keit der Urkunden" und gar darauf schließen, „daß im 12. Jahrhundert in 
Norddeutschland die Urkunde schwerlich gesprochen, sondern rezitativisch ge- 
sungen sei, wie das in der Kirche üblich ist." Für diesen seltsamen Einfall 
läßt sich nicht das geringste anführen. Denn was v. Bccuwald über das Vor- 
kommen von Akzenten in den Urkunden oder die Verbindung von c und t 
durch eine „wellenförmige Ligatur" bemerkt, wird doch niemand, der etwas 
von Palaeographie versteht, als eine Stütze jener Ansicht betrachten: und 
wenn die Reime an und für sich in dieser Hinsicht etwas bewiesen, so müßten 
auch die Annal. Altahenses und die Komödien der Roswitha, um nur an diese 
beiden Werke zu erinnern, zum Singen bestinunt gewesen sein. Gegen Buch- 

24* 



372 Reimprosa 



Vorkommen von Reimen in Urkunden auf gewollte Reimprosa zu 
schließen.^ Denn da in der lateinischen Sprache die gleichen Kasus 
regelmäßig die gleichen Endungen haben, also z. B. alle Maskulina 
der zweiten Deklination im Genitiv Pluralis auf orum endigen, so 
müssen notwendig, so oft mehrere derartige Formen nebeneinander 
vorkommen, Reime entstehen; gewiß aber haben die Diktatoren der 
Reichskanzlei, die etwa niederschrieben: intervcntu fidelium nostrorum 
N. et N. venerahilium episcoporuni zumeist nicht im entferntesten be- 
absichtigt, sich der Reimprosa zu bedienen. Von Reimprosa kann 
nach der Natur der Sache, nach dem, was wir aus den in Reimprosa 
abgefiißteu Litteraturdenkmälern folgern, und nach dem ausdrücklichen 
Zeugnis des Johannes Anglicus^ zunächst nur da die Rede sein, wo 
die Reime sich am Schluß von Sätzen oder zueinander in Parallelis- 
mus stehenden Satzteilen finden. Aber auch ihr Vorkommen an dieser 
Stelle läßt, wenn es vereinzelt bleibt, noch keineswegs immer auf be- 
absichtigte Reimprosa schließen. Namentlich in gewissen Formeln, die 
aus zwei oder mehreren Gliedern bestehen, wie das in Urkunden so 
oft der Fall ist, war der Reim schwer zu vermeiden. Ein Diktator, 
der etwa eineArenga wie diese schrieb: si petifionibus fidelium nostro- 
rum annuerimus — non solum, regium morem decenter impletnus — 
verum etiam eosdem ad servüium proniptiores efficimus, oder eine Pro- 
mulgatio wie diese: notutn sit igiiur omnihus fidelibus nostris — prae- 
sentibus scilicet ac futuris, oder eine Corroboratio wie diese: quod ut 
verius credatur — diUgentiusqiie ab omnibus observetur^ mag die Reime, 
die er niederschrieb, gehört und nicht vermieden haben, aber er hat 
gewiß nicht — was bei wirklicher Reimprosa der Fall ist — seinen 
Sätzen um der Reime willen diese Gestalt gegeben. Ich spreche dem-, 
nach von beabsichtigter Reimprosa erst da, wo entweder die Reime am 



WALDS Einfall aber spricht einfach die Tatsache, daß in unseren Quellen 
hundert und aber hundert mal vom Verlesen, aber nie vom Singen der Ur- 
kunden die Rede ist. 

^ Auch in dieser Beziehung ist v. Bcchwald weit über das Ziel hinaus- 
geschossen. Wenn er z. B. S. 45 einen Satz wie diesen: quod nostri ministe- 
riales — de Medeheim et res fratres als „Knittelverse" bezeichnet, oder S. 34 in 
einer Pertinenzformel wie diese sive in villis sive in agris sive de sili-is extir- 
pandis Reimprosa erblicken will, so verkennt er einfach das Wesen dieser 
Redeweise — von Seltsamkeiten wie dem Tunreim donati und dem Tatenreim 
negleetionem (S. 34) und dgl. mehr ganz zu schweigen. 

^ QE. 9, 502: in stilo Ysidoriaiio . . . distinguuntur clausule similem ha- 
benies finem secundum leoninitatem vel consonantiam. 

^ PoLHEiM S. 90 f. will auch in der Korroborationsformel Reimprosa in 
weiterem Umfang annehmen, als ich zugeben kann. 



Reimprosa in Königsurkunden 373 



Schluß von Sätzen oder Satzteilen sich durch größere Partien der Ur- 
kunden hindurchziehen, oder wo sie an hestimmten Stellen der Ur- 
kunden einer Kanzlei während eines gewissen Zeitraums regelmäßig 
oder wenigstens sehr häufig vorkommen, oder endlich da, wo das Streben, 
Eeimworte an das Ende von Sätzen oder Satzteilen zu bringen, sich 
durch Abweichungen von der gewöhnlichen Ausdrucksweise, Formulie- 
rung und Wortstellung verrät. 

Legt man diese Beschränkung zugrunde, so finden sich in älterer 
Zeit, bis ins 10. Jahrhundert, höchstens ganz vereinzelte Beispiele von 
beabsichtigten Keimen und diese nur in Privaturkunden.' Erst im 
10. Jahrhundert werden sie dann in verschiedenen Gegenden häufiger,'^ 
bleiben aber zumeist noch auf Privaturkunden beschränkt;^ es kann 
geradezu als Anzeichen, daß eine Urkunde Ottos I. außerhalb der 
Kanzlei entstanden ist, angesehen werden, wenn sie eine offenbar mit 
Absicht gereimte Arenga aufweist."* Unter Otto III. lassen sich in 
einzelnen Kauzleidiktaten gereimte Arengen nachweisen,^ und unter 
Heinrich IL hat besonders ein niederlothringischer Notar (BxV), der 
freilich nur kurze Zeit in der Kanzlei tätig war, von der Reimprosa 
ausgedehnten Gebrauch gemacht, die sich bei ihm nicht bloß in den 
Arengen, sondern auch in anderen Teilen der Urkunden findet;^ 
Arengen, bei denen man an beabsichtigte Keime denken muß, kommen 



1 Vgl. Eedlich, MIÖG. 5, 48; Polheim S. 103flP. 

2 Beispiele bei Ficker, SB. der Wiener Akademie 73, 200; Polheim a.a.O. 
^ Sickel, KUiA. Text S. 160, macht auf zwei Diplome Lothars IL, 

MüHLBACHEB, Kcg.^ 1319 Und 1323, aufmerksam, in denen sich einige Reime 
finden. In dem letzteren hat in der Tat die Arenga am Anfang und am Endo 
Reime, die beabsichtigt zu sein scheinen, während ich bezweifle, ob das aucli 
von dem einen Reimpaar der Arenga des ersteren Diploms gilt und noch 
weniger in seiner von Polheim S. 96 angezogenen, ganz gewöhnlichen Korro- 
borationsformel Reimprosa erkennen möchte. 

* DO. L 11. 

* Von den Beispielen gereimter Arengen aus der Zeit Ottos III., die 
Kehr, Die Urkunden Ottos III. S. 167 N. 1 und Erben, UL. S. 291 N. 1 (vgl. 
auch Polheim S. 98 f.), anführen, kann ich nur die DD. 0. 111. 60 (Diktat des 
HA?), 164 (Diktat des HG), 237 (von einem Hilfsschreiber) und 315. 387 (von 
Heribert C) als sicher hierher gehörig anerkennen. In DO. III. 330. 399 ist 
Reimprosa kaum anzunehmen. — Sehr merkwürdig ist aber die Urkunde von 
1002 für S. Maria di Prataglia, DO. III. 423 (wiederliolt iu St. 2317), die zwar 
keine Reimprosa aufweist, deren Arenga aber aus drei Hexametern besteht: 
Si preeibus Christo famulantum noslra potesias Ännuat, hinc nobis victoria 
celitHs aucta Corporis atque salus anime quoque gaudia crescent. In der Aus- 
gabe ist das nicht angemerkt. 

8 Vgl. DD. H. IL 98. 99. 100. 102. 504. 



374 Reimprosa in Königsurkunden 

unter Heinrich aber auch sonst, wenn auch nicht eben häufig vor.^ 
In den Urkunden Kourads IL ist Reimprosa nicht so sicher nachzu- 
weisen;- jedenfalls war ihre Anwendung eingeschränkter als unter dem 
Vorgänger; und erst unter Heinrich III. gcAvann sie größere Bedeutung 
für die Urkunden der Reichskanzlei. Wir linden sie in ausgeprägter 
Gestalt nicht nur in zwei Urkunden für Kloster Niederaltaich, die im 
Kloster selbst entstanden sind, wo diese Redeweise bekanntlich beson- 
ders gepflegt wurde,^ sondern auch in einer Urkunde für Trier,* die 
von einem Kanzleinotar geschrieben ist, und in einer anderen für Be- 
san^on,^ deren Ursprung in der Kanzlei wenigstens nicht bestimmt 
geleugnet werden kann, sind größere Partien in sichtlich gewollter 
Reimi)rösa abgefaßt; vor allem aber zeigt sich ihre Beliebtheit darin, 
daß jetzt die Arengen zu gewissen Zeiten sehr häufig nicht nur in 
einem, sondern in zwei und selbst in drei Reimpaaren abgefaßt sind, 
so daß an beabsichtigtem Gebrauch dieser Kunstprosä hier nicht ge- 
zweifelt werden kann." Auch unter Heinrich IV. verschwindet sie nicht 
aus den Urkunden; ein schon oben^ erwähnter Beamter seiner Kanzlei 
hat nicht selten von ihr Gebrauch gemacht; doch tritt die Reimprosa 
weder unter ihm noch unter seinen Nachfolgern, unter denen sie sich 
noch bis ins 12. und vereinzelt bis ins 13. Jahrhundert nachweisen 
läßt,^ so bedeutsam hervor, wie das in der Zeit des zweiten salischen 

^ Vgl. z. B. außer dem auch sonst vielfach eigentümlich gestalteten DH. 
IL 34, in dem sich Reime durch den ganzen Text durchziehen, die DD. H. IL 
408. 445. 486. 

"^ Man vgl. etwa die Arengen der DD. K. IL 81. 82. 84. 205. 218. 229, 
in denen sich Reime finden, aber nicht in sehr ausgeprägter und regelmäßiger 
Art. In den von Polheim S. 99 angeführten DD. K. IL 198. 201 tritt die 
Reimprosa fast noch weniger deutlich hervor. 

* St. 2161. 2346. Vgl. Bresslaü, Jahrb. Kourads IL 2, 432 N. 1. Gerade 
St. 2846 zeigt sehr deutlich, wie um der Reimprosa willen abweichende Formen 
und Wortstellungen gewählt sind. 

* St. 2281. 
5 St. 2273. 

8 Vgl. z. B. St. 2175. 2178. 2179. 2182. 2185. 2187. 2188. 2211. 2214. 2243. 
2248. 2281, 2291. 2294. 2307. 2367. 2378. 2414. 2415. 2423. 2487. Mehrfach 
zeigt hier auch die Wortstellung, daß es sich um beabsichtigte Reime handelt, 
vgl. z. B. St. 2231. 2245; drei Reimpaare mit gekreuzten Reimen hat St. 2437. 
Die Areuga von St. 2372 vgl. man mit der von DO. III. 121, um die beab- 
sichtigten Reime zu erkennen. Aber auch wo nur ein Reimpaar vorhanden 
ist, tritt die Absicht zu reimen in dieser Zeit bisweilen durch die Wortstellung 
oder die Wahl der Ausdrücke deutlich hervor. 

^ S. 859 N. 3. 

® Einige Beispiele gibt Erben, UL. S.291 N.2; vgl. außerdem Ficker, SB. der 
Wiener Akademie 73, 202; BzU. 2, 494; Polheim S. lOOff. 



Reimprosa und gereimte Verse 375 

Herrschers der Fall ist. In Unteritalieu ist die Reimprosa in der siziliani- 
schen Kanzlei wenig angewandt wurden;' und auch in der päpstlichen 
Kanzlei hat sie niemals rechten Eingang gefunden.- 

Dagegen hat man in anderen Urkunden im 11. und mehr noch 
im 12. Jahrhundert allerdings sehr ausgedehnten Gebrauch von Reim- 
prosa und gereimten Versen gemacht. Finden wir in Südfrankreich 
im 11. Jahrhundert Arengen, die man als vollständige Gedichte be- 
zeichnen kann,^ so lieben es in Italien* besonders die gebildeten No- 
tare und Richter ihren Unterschriften eine versitizierte Form zu geben.^ 
So unterschreibt im 11. Jahrhundert Xordilus, ein Missus der Mark- 
gräfin Beatrix von Tuscien, mit leoninischen Herametern: Addo fidem 
dictis scribens ego Nordilus isiis, oder: Xordilus haec laudat, quae presetis 



^ Vgl. K. A. Kehr S. 243; doch vgl. dazu Polheim S. 129. 

- Ein Beispiel von 1066 (Jaffe-L. 4953) mit gereimter Sanctio führt 
FicKER a. a. 0. S. 200 an. Ein anderes ist Jaff^-L. 4149 (Clemens II. 
für Bamberg von 1047). Gereimt ist auch die Arenga von Jaff^i-L. 4158 
(1049). Polheim S. 130fi". will auch in der päpstlichen Kanzlei ausgedehnteren 
Gebrauch der Keimprosa annehmen. 

^ Eine Arenga von 27 Versen hat die Urkunde des Bonifacius von Reillane, 
Cart. de St. Victor 1, 419 n. 414. Mit einem Gedicht von 54 Versen beginnt 
1038 eine Urkunde des Erzbischofs Peter von Aix (ebenda 1, 311 n. 293), und 
dasselbe Gedicht, durch Weglassung von zwei und Einschiebung von elf anderen 
Versen etwas modifiziert, findet sich in einer Urkunde Erzbischof Raimbalds von 
Alles von c. 1040, ebenda 1, 411 n. 407. Besonders interessant sind Verse aus 
Apt in einer ungenügend datierten Urkunde Gallia christiana 1, c. 73 (vgl. 
dazu jetzt auch Polheim S. 126 N. 1): 

Facta est haec donatio 
Li Äptae diversorio 
Sexta luce sub lulio 
Regnante Christo domino. 
Rostagnus est signaculutn , 
Qui fecit hoc propatuluni, 
Mensur a dat tetrametruni , 
Scriptorem autem Fredolum. 

Zahlreiche Beispiele für Reimprosa und Verse in französischen Urkunden 
bringt Giry S. 450ff.; vgl. auch Erben S. 290 und Polheim S. 124 If. 

* In Deutschland ist ähnliches ganz selten. Doch findet sich in einer 
Unterschrift der Urkunde Heinrichs von Würzburg (DH. II. 174») ein leoni- 
nischer Hexameter: (Axxo) presbyter indignus subscripsi cordc benignus. 

* Gelegentlich unterschreibt sich auch wohl ein Bischof mit einem schlechten 
Vers, so etwa 1032 Hugo von Parma (Affö 2, 304): Res sit ut haec firma, 
feci presentia signa. Vgl. in Parma 1081 : Qiiod probat hie ordo, conßrmat 
acolithus Oddo; Affö 2, 338. 



376 Verse in italienischen Urkunden 

cartula momtrat;'^ ähnliche Verse finden sich dann im 12. Jahrhundert 
sehr häutig, So heißt es 1112 in Lucca: ludicis est signnm liicardi 
pollice picium; der Bologneser Notar Augelus unterzeichnet 1116 mit 
der Formel: 

Amjelus his metris causidicus ista peregi 

Notarii signo subscribens niore benigno;^ 

der Glossator Bulgarus wendet als Unterschrift an: 

Ro77iane legis ego Wido iahellio re.gis 

Hoc instrumentum scripsi ceu cetera centum;^ 

im Paduanischen schreibt ein Notar Ubert 

Notarius reclus pro more rogalus Vbertus 

Hanc cartam scripsis (so) precibiis rogatus amicis, 

ein anderer Adam: 

Hanc so'ipsi cartam firmaiam testibus Adam 
Qua stat eontractus ceu vidi sumque rogatus;^ 

in Nonantola sagt 1170 der Notar Rainer unter freier Benutzung der 
Verse des Wido Bulgarus: 

Raineriiis pinxit regisque tabellio finxit 

Hoc instrumentum ratione docetite scientum;^ 

in Lucca unterschreibt 1178 ein Notar Nicolaus mit dem selbstbewußten 
Verse: 

Has scripsit prudens Nicholaus iuris amator;^ 

und in Rom sagt 1198 ein Senatsschreiber: 

Concivis (actus Christo bona plurima nactus 
Boiani natus complevi scriba senatus;'' 



^ FiCKER, It. Forsch. 4, 100. 101 n. 73. 74. Zwei Verse stehen in einer 
Urkunde Mathildens von 1096: 

Et scriptor seriptis suhscripsi Pontius istis 

In Castro Pladena fuit haec dicta (data?) factaque Charta, 

Calmet, Preuves S. 505. 

2 Savioli 1", 160 und öfter. 

' Ebenda l^ 261 und öfter. 

* Gloria 2\ 402. 378. 390. 418 und öfter. 

^ TiRABOscHi, Nonantola 2, 295. 

^ Mem. e docum. Lucchesi 4'', 190. Ähnlich schreibt 1191 ein Rechts- 
gelehrter in Arezzo: His siibsignator suni legis Petrus amator, Pasqui, CD. 
Aretino 1, 386. 

' Vitale, Storia diplomatica de' senatori di Roma 1, 43. — Ein Teil 
dieser Verse ist schon von Brunner, ZR. S. 85 angeführt worden. 



Reimprosa in deutschen Privaturkunden 'M' 



in Trani endlich — um auch aus dem Süden ein Beispiel zu geben — 
dichtet 1169 ein Richter als Zeuge: 

Testis robustus iudex hie est Tresagustus^ 

Diese Beispiele sind leicht zu vermehren; erst im 13. Jahrhundert 
verschwindet diese Art von Poesie allmählich wieder aus der italieni- 
schen Xotariatsurkunde. In Deutschland- endUch ündet sich die Keim- 
prosa ganz allgemein, in Lothringen^ wie in Bayern,'* in Franken,^ 
in Schwaben'^ und in Sachsen, wo ihr Vorkommen namentlich l'iir das 
bremische Gebiet im 12. Jahrhundert in großem Umfang nachgewiesen 
ist.'' Als Hilfsmittel der Kritik aber wird die Reimprosa sowohl bei 
den königlichen wie bei anderen Urkunden angesichts der weiten Ver- 
breitung, deren sich diese Spielerei .erfreute, einerseits und der Will- 
kürlich keit und Unregelmäßigkeit ihrer Verwendung andererseits nur 
mit großer Vorsicht in Betracht gezogen werden dürfen. 

Neben dem mehr oder minder reinen oder entstellten Latein wurde 
im frühereu Mittelalter innerhalb der Gebiete, die für uns in Betracht 
kommen, nur noch das Griechische als Urkundensprache verwandt. 



' Diesen Vers und zahlreiche andere aus Süditalien hat Gakcki, Studi 
medievali 1, lOTff., •132flF. beigebracht; vgl. auch Federici, Arch. stör, della 
Soc. Romana 27, öOSff.; Winkelmann, NA. 5, 19. Der Zusammenhang zwischen 
Unterschriften in Versen und Anwendung der Minuskelschrift, den Gauufi 
festgestellt, aber nicht erklärt hat, ist keineswegs befremdlich; die Mitglieder 
der alten und festorganisierten Schreiberkollegieu von Neapel, Gaeta, Amalfi usw. 
haben wie an der hergebrachten Kursive, so auch an der alten Form der 
Unterschrift festgehalten und sich der neuen Mode nicht anbequemt. 

- Zahlreiche Beispiele aus allen Teilen des Reiches bei Polheim S. lUStf. 

^ Hierhin gehören die meisten Beispiele, die Ficker a. a. 0. S. 200 f. an- 
führt; besonders charakterisiert ist durch den Reim eine Trierer Urkunde von 
1036, Beyer 1, 359 n. 307. 

* Vgl. Redlich, MIÜG. 5. 48 f. 

^ Vgl. z.B. die Urkunde Embrieos von Würzburg von 1139 (Wirtbg. ÜB. 
2, 5 n. 309) mit fidelibus: presentibus, rocaius: dicatus, Adelberonis: prede- 
cessoris, cenobio: hoc modo. Dann tradiderunt: rogaverunt, inchoatum: cm- 
summatum, monasterio: patrocinio, pertingit: ascendit: deuccndit, habebant: sua- 
tinebant —pactum: actum, accepisse: dedisse, procederet: augesceret, vialiciosi: 
permoti — animati:,inflammati, obviavimus: sedavimus usw.) oder die Urkunde 
Günthers von Speyer von 1152, ebenda 2, 64 n. 339 u. a. m. 

* Einige Beispiele noch aus dem 13. Jahrhundert bei Schneider, Archivai. 
Zeitschr. 11, 7. Im 12. Jahrhundert zeichnen sich durch den ausgedehnten Ge- 
brauch von Reimprosa die Bd. 1, 12 N. 5 erwähnten Reichenauer Fälschungen 
aus. Über Eberhard von Fulda (Bd. 1, 12 N. 6) vgl. Polheim S. 106 ff. 

^ v. BccHWALD passim. Eine gereimte Arenga in einer deutsch abgefaßten 
Urkunde von 1290 aus Konstanz bespricht Bartsch, Germania 31, 442. 



378 Griechische Urkunden 



Wie diese Sprache bei den Römern lange Zeit im Umgang namentlich 
der gebildeten Klassen der hauptstädtischen Bevölkerung eine bedeu- 
tende Rolle spielte, ist hinlänglich bekannt und hier nicht näher zu 
erörtern; für uns ist es nur wichtig, zu konstatieren, daß sie auch im 
geschäftlichen Verkehr sowohl von Privatpersonen wie von staatlichen 
Behörden volle Anerkennung gefunden hatte. ^ Wie schon im ersten 
christlichen Jahrhundert die kaiserliche Kanzlei, das Bureau ab ejd- 
stulis, in eine griechische und eine lateinische Abteilung mit geson- 
dertem Beamtenpersonal zerfiel,^ so kennt noch das römische Staats- 
handbuch des beginnenden 5. Jahrhunderts zwar nicht für die west- 
liche, aber doch für die östliche Reichshälfte einen magisler episto- 
larum graecarum, der die Schreiben des Kaisers, die griechisch er- 
lassen zu werden pflegen, entweder selbst verfaßt, oder wenn sie 
ursprünglich lateinisch abgefaßt sind, ins Griechische überträgt.^ 
AVenigstens seit der Zeit Hadrians sind denn auch deutliche Spuren 
von griechisch erlassenen Reskripten und Konstitutionen der Kaiser 
namentlich in den Pandekten erhalten,'* und zahlreiche andere sind 
uns durch Inschriften oder durch die ägyptischen Papyrusfunde der 
neuesten Zeit bekannt.^ Es handelt sich dabei durchweg um Erlasse, 
die entweder an einzelne Personen oder an Behörden oder Gemeinden 
im Osten des Reiches adressiert sind. Die Zahl dieser griechischen 
Erlasse hat sich dann seit dem 4. Jahrhundert bedeutend vermehrt: 
freilich noch nicht unter Konstantin, der ebenso wie Diocletian, wenn 
nicht ausschließlich, so doch ganz vorzugsweise, das Lateinische als 
Geschäftssprache behandelt zu haben scheint, aber doch unter dessen 
Nachfolgern seit Julian. Bis ins 6. Jahrhundert bleibt dann das 
römische Geschäftsleben doppelsprachig: noch Justinians eigene Mutter-- 



* Vgl. DiRKSEN, Über den öfFentlichen Gebrauch fremder Sprachen bei den 
Römern (Civilistische Abhandlungen, Berl. 1820 1, iff.). 

* Hirschfeld, Die kaiserlichen Verwaltungsbeamten S. 320 t". 

^ Not. dignit. ed. Seeck S. 44, Or. 19, 2: magister epistolarum graecarum 
eas epistolas, qiiae graece solent emitti, aut ipse dictat, aiti latine dictatas trans- 
fert in graecum; vgl. Bd. 1, 185. 

* DiBKSEN a. a. 0. S. 46 ff. 

^ Vgl. Lafoscade, De epistulis aliisque titulis imperatorum magistratuum- 
que Romanorum, quas ab aetate Augusti usque ad Constantinura graece scriptas 
lapides papvrique servaverunt (Diss. Paris 1902); Faass, AfU. 1, 252ff. ; 257, 
dessen Angaben sich nach den neuesten Papyruspublikationen veiToUständigen 
ließen. Daß viele dieser griechischen Erlasse von den Empfängern aus dem 
Lateinischen übersetzt sind, ist allerdings sicher; vgl. Faass a. a. 0. S. 253 N. 12 
und die dort angeführte Litteratur. 



Griechische Urkunden 379 



Sprache war das Lateinische;^ und auch die innere \ eikehrssprache 
seiner Bureaus scheint noch das Lateinische gewesen zu sein.- Aber 
unter seinen späteren Erlassen, namentlich den nach der Publikation 
des zweiten Codex ausgegebenen Novellen, überwiegt die Zahl der 
griechischen bedeutend; und im ganzen sind nur noch die Novellen 
lateinisch abgefaßt, die entweder die lokalen Angelegenheiten lateinisch 
redender Länder betreffen oder den inneren Geschäftsgang der kon- 
stantinopolitanischen Behörden regeln.-"^ 

Unter den nächsten Nachfolgern des Justinian wurde nun — in 
natürlichem Zusammenhange mit dem allmählichen Verlust der meisten 
abendländischen Provinzen des rhomäischen Reiches — das Lateinische 
mehr und mehr aus dem oftiziellen Gebrauch bei den Behörden ver- 
drängt; etwa seit der Zeit des Kaisers Mauritius (582 — 602) war das 
Griechische die alleinige Sprache der Regierung, wurden die kaiser- 
lichen Erlasse nur noch griechisch publiziert. Seit das letztere nun 
aber die herrschende Geschäftssprache der byzantinischen Behörden 
war, drang es siegreich auch in die ehemals lateinischen Gebiete des 
Reiches ein, deren A'erbindung mit Byzanz von längerer Dauer war. 
Kam dabei in Rom das Griechische gar nicht, in Ravenna und seinem 
Bezirk nur in beschränkter Weise zur Anwendung,^ so fand es dagegen 
einen sehr ausgedehnten Gebrauch in den Teilen Unteritaliens, die 
von der langobardischen Eroberung nicht betroffen wurden. Aus- 
gehend von den Bureaus der kaiserlichen Statthalter und Beamten 



^ Vgl. BiENEK, Gesell, der Novellen Justinians S. 14. Die mit der Ab- 
kunft des Kaisers aus dem lateinisch redenden Illyricum zusammenhängende 
Tatsache erweist nicht nur sein eigenes Zeugnis, das Biener anführt (Nov. 7, 1 ; 
13, 1 ; 14G, 1), sondern auch der Umstand, daß die eigenhändige Unterschrift 
des Kaisers auch in den griechischen Novellen lateinisch abgefaßt ist (vgl. 
z. B. Nov. 7 an den Patriarchen von Konstantinopel, griechisch, aber mit der 
Unterschrift divinitas te servct per multos annos, sunetc ac religiosissime pa/er) 
und der andere, daß Justinians Siegel eine lateinische Inschrift hat, s. 
ScHLüMBEROER, SigiUographic Byzantine S. 418. 

^ Wenigstens die Datierung ist in die Registerbücher und vielleicht auch 
in die Originale stets lateinisch eingetragen worden, auch wenn der Text 
griechisch war. 

' BiENEU S. 17iF. Gegen die Annahme einzelner, die Novellen seien sämt- 
lich ursprünglich lateinisch abgefaßt und der griechische Text sei nur Über- 
setzung, vgl. BlENER S. 13. 20 f. 

* Lateinische Unterschriften mit griechischen Buchstaben finden sieh in 
einigen ravennatischen Papyrusurkunden des 6. Jahrhundei-ts, Marini S. 14:^, 
145. 186. An der ersten Stelle bezeichnet der Unterschreibende sich al.>i Nea- 
politaner, und in Neapel kommen solche Unterschriften häufiger vor, vgl. die 
Faksimiles Reg. Neap. Arch. Mon. 1, 1 tab. 1, 3; 1, 2 tab. 1, 1. 



380 Griechische Urkunden 



verbreitete es sich hier in immer weitere Kreise, wurde auch von der 
Geistlichkeit vielfach als Geschäftssprache verwandt und drang auch in 
den Gebrauch von Privatpersonen und Notaren ein.^ In Sizilien be- | 
hauptete das Griechische sich sogar unter der Herrschaft der Araber, 
welche die Insel im Anfang des 9. Jahrhunderts einnahmen, und war 
infolgedessen die bevorzugte Sprache der ersten normannischen Herr- 
scher des Landes;^ hier wüe in Apulien und Calabrien bheb es, frei- 
lich seit der Normannenzeit allmählich mehr und mehr gegen das 
Lateinische zurücktretend, bis ins 13. Jahrhundert^ in Übung, und eine 
sehr große Zahl griechischer Urkunden aus Unteritalien ist uns er- 
halten.'^ Ob aber das Griechische auch noch in der Kanzlei Kaiser 
Friedrichs II. vereinzelt angewandt worden ist, läßt sich nicht mit 
voller Sicherheit bestimmen; es sind uns allerdings vier griechische 
Briefe dieses Kaisers an den Despoten von Epirus Michael Komnenos 
und an den Kaiser von Nicaea Johannes Yatazes in einer Floren- 
tiner Handschrift erhalten;^ aber die Frage, ob wir Übersetzungen aus 



^ Über die ältere Meinung, daß das mittelalterliche Gnecliisch in diesen 
Gebieten griechischer Kolonisation eine direkte Fortsetzung des alten Helleni- 
schen sei, das auch durch die römische Eroberung niemals verdrängt worden 
wäre, vgl. Russi S. 178ff., und neuerdings auch K. A. Keur, S. 241, die sich 
dagegen erklären, sowie Ferrari (unten N. 4) S. 5 mit N. 4. 5; an dem by- 
zantinischen Ursprung dieses italienischen Griechisch ist nicht zu zweifeln. 
Auch die Ausführungen Tamassias, Atti del R. Istituto Veneto 66, 2, 73 ft. 
(1906/07), beweisen doch höchstens, daß sich einige griechische "Worte, ins- 
besondere der ßechtssprache, aus alter Zeit im Gebrauch der Kurialeu von 
Neapel erhalten haben. 

^ Über die griechischen und arabischen Urkunden der normannischea 
Könige Siziliens vgl. K. A. Kehr S. 233 ff. 

' Nur im Distrikt von Gallipoli erhielt sich das Griechische als Urkunden- 
sprache bis 1331, vgl. Garufi, Arch. stör. Ital. V, 22, 73ff. 

* Die beiden Hauptsammlungen dieser Urkunden sind: Trinchera, Sylla- 
bus graecarum membranarum, quae partim Neapoli in maiori tabulario et pri- 
maria bibliotheca, partim in Casinensi coenobio et Cavensi et in episcopali 
tabulario Neritino iam diu delitescentes usw., Neapel 1865, 336 Urkk. von ^«85 
bis 1331; und Cdsa, I diplomi Greci ed Arabi di Sicilia, Palermo 1868ff. 
Ältere Litteraturangaben bei Amari, Storia dei Musulmani di Sicilia 3, 201 ff., 
neuere bei K. A. Kehr S. 3 und bei Garufi a. a. O. S. 76; vgl. auch Ferrari, 
I documenti greci medievali di diritto privato dell' Italia meridionale (By- 
zantinisches Archiv Bd. 4) S. 3. — Vereinzelt haben sich griechische Urkunden 
auch in deutsche Archive veriiTt, vgl. ÜB. Bistum Lübeck 1 Taf. 2 das Faksi- 
mile einer griechischen Urkunde der Mönche von Grotta Ferrata 1279 für 
Bischof Burchard von Lübeck. 

^ Beste Ausgabe von Festa, Arch. stur. Ital. V, 13, Iff.; vgl. BF. 3811. 
3820. 3823. 3826; Phiupi'I S. 5f. 



Griechische Urkunden 88 1 



lateinischen oder Abschriften griechischer Originale vor uns haben, 
läßt sich kaum ganz sicher entscheiden ; ^ doch hat der letzte Heraus- 
geber nicht unerhebliche Gründe dafür geltend gemacht, daß sie von 
vornherein von einem der griechischen Sprache kundigen Italiener am 
Hofe Friedrichs in jener Sprache konzipiert worden seien.^ 

Selbstverständlich ist nun aber die griechische ürkundensprache 
des ]Mittelalters keineswegs die reine Schriftsprache der klassischen 
Periode; wie diese im Laufe der Zeit mannigfache Wandlungen er- 
litten und Einflüsse der Yulgärsprache erfahren hat, so ist sie in 
Italien insbesondere durch lateinische Elemente beeinflußt worden.^ 
Ein näheres Eingehen auf die Eigentümlichkeiten dieser griechischen 
Urkundensprache Italiens würde indes nur im Zusammenhang mit 
einer Betrachtung des gesamten b^^zantinischen ürkundenwesens mög- 
lich sein und liegt außerhalb des Planes dieses Werkes. Noch weniger 
kann hier ausführlicher von den arabischen oder bilinguen, griechisch- 
arabischen Urkunden geredet werden, die in Sizilien vereinzelt auch 
noch nach der Eroberung der Insel durch die Normannen vor- 
kommen.'* 

Während der Gebrauch des Griechischen in den Urkunden des West- 
reiches, wie wir sahen, schon vor dem Mittelalter beginnt, in den letzten 
Jahrhunderten desselben aber, wenigstens in den Gebieten, mit denen 
wir uns zu beschäftigen haben, wieder verschwindet, treten die natio- 

I nalen Yulgärsprachen erst in diesen letzten Jahrhunderten in den 
Urkunden auf, aber sie gewinnen dann immer mehr an Boden 

I gegenüber dem Lateinischen als der universalen Urkundensprache des 
Mittelalters. 

Erst verhältnismäßig spät tritt uns das Italienisch e als Ür- 
kundensprache entgegen. Nur auf der Insel Sardinien^ deren Ge- 
schicke seit dem Ende der byzantinischen Herrschaft von denen des 
Festlandes lange Zeit fast ganz geschieden waren, hat man sich schon 
im 11. Jahrhundert des heimischen Dialektes für die Abfassung von 



^ Gewiß nur Übersetzung ist der in das gi-iechische Instrument eines Be- 
amten eingereihte griechische Text von BF. 1532, den Wikkklmann, NA. 3, 
63", zitiert. 

^ Eine arabische Vollmacht für Gesandte nach Tunis hat Friedrich II. 
außerhalb der Kanzlei auf ein besiegeltes Blankett schreiben lassen. BF, 2803, 
vgl. Philippi S. 6. 

* Vgl. ßcssi S. 183; Spata, Le pergamene greche esistenti nel grande 
archivio di Palermo (Palermo 1861) S. 93ff.; K. A. Kehb S. 241; Ferkari S. 4. 

* Vgl. darüber K. A. Kehe S. 239 ff. 



1 Herausgegeben von Solmi, Ari;h. stör. Ital. V, 35, 281 ff. 

- Herausgegeben von Bi.ancard und Wescher mit Faksimile BEC. 35, 
256 ff. Vgl. 0. ScHüLTz-GoRA, Zeitschr. für romaq. Philologie 18, 144 ff. 

^ Herausgegeben von Solmi a. a. 0. Vgl. dessen eingehende und sorg- 
fältige Erläuterungen zu diesen sehr merkwürdigen Dokumenten, Arch. stör. 
Ital. V, 36, Iff. 

* Paoli, Programma S. 101 N. 4. 

^ MoNAci, Crestomazia italiana n. 9. 

* MoNACi a. a. 0. n. 13; Abbildung bei Monaci, Facsimili di autichi 
manoscritti per uso delle seuole di filologia neolatina tav. 21. Vgl. Paoli, 
Arch. stör. Ital. V, 5, 275 ff. 

' Vgl. Paoli, Miscellanca Fiorentinc d'crudizione o storia 1, 23 und Arch. 
Btor. Ital. V, 15, 306 ff. 

8 Vgl. Paoli, Arch. stör. Ital. V, 20, 120 ff. 



382 Vulgärsprachen in den Urkunden. Italienisch 

Urkunden bedient. Die älteste Urkunde in sardinischer Sprache, die 
wir kennen, stammt waiirsclieinlieli aus der Zeit von 1070 — 1080, ist 
aber nur in einer Abschrift des 15. Jahrhunderts erhalten.^ Gleich 
falls noch dem 11. Jahrliundert angehörig ist dann eine sardische, < 
in griechischen Buchstaben geschriebene Urkunde, deren Original, aus 
dem Kloster S. Victor stammend, sich jetzt in Marseille betindet;^ und 
aus dem 12. und 13. Jahrhundert hat sich eine große und furt- 
laufende Reihe von unzweifelhaften Originalurkunden in sardischer 
Sprache im erzbischüflichen Archiv zu Cagliari erhalten,^ die erst kürz- 
lich in zuverlässigen Texten bekannt geworden sind. Dagegen beginnt 
auf dem italienischen Festlande der Gebrauch der Vulgärsprache in 
den Urkunden nicht vor dem Ende des 12. Jahrhunderts. Daß schon 
in einzelnen Urkunden aus den Jahren 960, 961 und 964 italienische 
Zeugenaussagen wiedergegeben werden,* ist eine vereinzelte Erschei- 
nung und hat für die Urkundensprache selbst keine Bedeutung. Be- 
merkenswerter ist eine Urkunde aus Fabriano vom Jahre 1 1 86, in der 
ein Teil des Kontextes italienisch abgefaßt ist,^ und noch mehr eine 
Urkunde aus Piceno von 1193, die nach einer freilich nicht völlig ge- 
sicherten Annahme einen vollständigen, italienisch geschriebenen Pri- 
vatvertrag, eingeschoben in ein lateinisches Notariatsinstrument, ent- 
halten soll.'^ Im 13. Jahrhundert sind dann solche italienischen, pri- 
vaten und uubeglaubigten Aufzeichnungen über Rechtsgeschäfte, die 
man scriptae (ital. scritte) nannte, nicht mehr selten;'^ sollte aber eine 
solche Urkunde öffentlichen Glauben erhalten, so mußte sie von einem 
Notar transsumiert und mit einer Beglaubigungsformel versehen werden, 
die in lateinischer Sprache abgefaßt wurde: so wurde mit dem Testament 
der Gräfin Beatrix von Capraia vom Jahre 1278/9 nach ihrem Tode ver- 
fahren.^ Im 13. Jahrhundert beschäftigten sich auch die Lehrer der Ars 



Vulgärsprachen in den rrhindpn. Französisch 383 



dictandi mit der Vulgärsprache ; ^ und die Bologneser Statuten von 1250 
verlangten von denen, die sich um die Zulassung zum Notariat bewerben, 
den Nachweis ihrer Befähigung zu schriftlichem Ausdruck sowohl in 
der Vulgär-, d. h. in der italienischen, wie in der lateinischen Schrift- 
sprache.2 Aber wenn auch in den letzten Jahrhunderten des Mittel- 
alters der Gebrauch des Italienischen in den Urkunden erheblich zu- 
nahm, so ist er doch immer ein beschränkter geblieben. In der 
päpstlichen Kanzlei hat man im Mittelalter überhaupt nicht italienisch 
geschrieben; auch andere geistliche Würdenträger halten, wenn auch 
nicht in Briefen, so doch in Urkunden, zumeist an diesem Brauche 
fest; in den Kanzleien der italienischen I'ürsten und Städte ist die 
italienische Sprache erst im 15. Jahrhundert zu umfangreicherer An- 
wendung gekommen; und die öfifentlichen Notare haben das ganze 
Mittelalter hindurch das Lateinische ständig bevorzugt. 

Das Französische kommt als Urkundensprache für uns wesent- 
lich insofern in Betracht, als es in den westlichen Provinzen des 
iveiches, in den Gebieten von Ober- und Niederlothringen die Mutter- 
sprache eines beträchtlichen Teiles der Bevölkerung w'ar. Gerade in 
diesen romanischen Teilen des deutschen Reiches nun ist der Gebrauch 
der französischen Sprache im geschäftlichen Verkehr sehr früh üblich 
geworden. Die ältesten nordfranzösischen ^ Originalurkunden, die über- 
haupt erhalten sind, sind zwar auf französischem Boden, aber in der 
Nähe der Grenze, zu Douai und Tournai in den Jahren 1204 und 1206 
ausgestellt,^ aber ihnen folgt sehr bald eine jetzt im Privatbesitz befind- 



^ So besonders Guido Fäba, vgl. QE. 9, 187 ff.; Monaci, Rendiconti dell' 
acead. dei Lincei (Classe di scienze mor. stör, e filol. IV, 4*', 399 ff.; Gaüdenzi, 
Bullettino dell' Istituto stör. Italiano 14, 142ff. Daß die Kaufleute sich in 
ihrer Korrespondenz der italienischen Sprache bedienen, sagt auch liuoncom- 
pagno von Florenz, QE. 9, 173; er selbst aber kümmert sich um diese Schrift- 
stücke, die ornatum non requirunt, nicht. 

2 Vgl. oben S. 349 N. 3. 

^ Provencalische Stücke sind älter, hier aber nicht in Betracht zu ziehen. 

* Vgl. BoNNiEE, Etüde critiqüe des chartes de Douai, Zeitschr. für Roman. 
Philologie 13, 431ff.; 14, 66ff.; 298ff.; Abbildung der Urkunde von 1204 im Musee 
des archives departemeutales pl. 28 n. 58 und im Albnm Beige de diplomatique 
pl 27. Eine von Tailliar, Recueil d'actes du XII. et XIII. siecle en langue 
romane wallonne (Douai 1849), aus dem Archiv von Tournai herausgegebene 
Urkunde, angeblich von 1197, ist nach Giry S. 467 jetzt nicht auffindbar; 
überdies bezieht sie sich zwar auf ein Rechtsgeschäft von 1197, ist aber erst 
einige Jahre später geschrieben; vgl. NA. 21, .590 n. 166. — Die älteste Ori- 
ginalurkunde in französischer Sprache, die Giry in Tournai gesehen hat, ist 
vom Jahre 1206. 



384 Vulgär ,<fprachen in den Urkunden. Französisch 

liehe, in Metz ausgestellte Originalurkunde vom Jahre 1212.^ Gerade in 
diesem lothringischen Gebiete wird dann der schriftliche Gehrauch der 
französischen Sprache sehr schnell und sehr allgemein ühhch; in privat- 
rechtlichen Urkunden aus Metz ist sie schon seit dem Ausgang des 
ersten Viertels des 13. Jahrhunderts entschieden vor dem Lateinischen 
hevorzugt.^ Zur Anwendung in der deutschen Reichskanzlei ist das 
Französische durch die Thronbesteigung der lützelburgischen Kaiser 
gelangt. In der lützelburgischen Grafschaft war schon im 13. Jahr- 
hundert das Französische zwar nicht die Sprache der Mehrzahl der 
Bevölkerung, aber wohl diejenige des Hofes und infolgedessen auch 
der gräfüehen Kanzlei, soweit diese sich nicht des Lateinischen be- 
diente. Sie blieb denn auch, als das gräfliche Haus mit König Hein- 
rich VIL auf den deutschen Thron gelangte, die bevorzugte Hof- 
sprache; die Rechnungen des königlichen Haushalts und Schatzes und 
andere Aufzeichnungen der Hofbeamten wurden in ihr abgefaßt; aber 
in Urkunden des Königs wurde sie doch nur selten und eigentlich nur, 
wenn dieselben sein Stammland betrafen, angewandt. Und nicht 
anders stand es unter Karl IV., in dessen Anfängen es für die Graf- 
schaft Lützelburg eine eigene Nebenkanzlei gab, die sich mit Vorliebe 
der französischen Sprache bediente.^ 

Etwas später erst als das Französische tritt djs Deutsche in 
den Kreis der Urkundensprachen ein.^ Schon ziemlich früh allerdings 
ist die deutsche Sprache in Rechtsaufzeichnungen verwandt, denen 
man durch Besiegelung urkundliche Kraft verliehen hat. Wohl das 



» WiEQAND, BEC. 41 (1880), 393 fF. Das von Keuffer, Roman. Forschun- 
gen 8, 496, edierte Metzer Dokument, angeblich vom Jahre 1205, gehört, wie 
der Herausgeber selbst später erkannt hat (vgl. Jahrb. für Lothring. Gesch. 13, 
325 ff., woselbst eine Abbildung), vielmehr ins Jahr 1250. Einen Metzer 
Schreinsbrief vom Jahi-e 1204 erwähnt Wichmann, Die Metzer BannroUeu 
1 , XXVII; aber er ist nur abschriftlich erhalten. — Über andere nordfranzösische 
Urkunden des 13. Jahrhunderts vgl. Giuy S. 468^. 

- Vgl. WicnMANN, Die Metzer Bannrollen 1, XXVII und LIVff. , sowie 
die an der ersten Stelle erwähnten Ausgaben von Prost in der Nouvelle Revue 
de droit franc^ais et etrangor 4, 591 ff. (auch separat unter dem Titel Etüde 
sur le regime ancien de la propriete, Paris 1880) und de Wailly in den No- 
tices et extraits des manuscrits de la bibl. nationale Bd. 28 (Paris 1878). 
DE Waii.ly hat hier 384 lothringische Urkunden in französischer Sprache aus 
der Zeit von 1214 — 1300 herausgegeben. 

' S. Bd. 1, 546. Zwei französische Urkunden Karls IV. sind faksimiliert 
KUiA. Lief. V Taf. 2. 

* Vgl. Vancsa, Das erste Auftreten der deutschen Sprache in den Ur- 
kunden (Leipzig 1895). 



Vulgärsprachen in den Urkunden. Deutsch 385 



älteste Dokument dieser Art ist das von Erzbiscliof Konrad von Mainz 
(llGl— 1165 und wieder 1183—1200) festgestellte Formular für den 
Erfurter Judeneid ;i es ist in Bücherschrift mit Verzierung der Initial- 
buchstaben auf ein Pergamentblatt geschrieben, an dem das wohl er- 
haltene Siegel der Stadt Erfurt hängt. Die nächstälteste Rechtsauf- 
zeichnung in deutscher Sprache würde das Braunschweiger Stadtrecht 
sein, dessen Original mit dem Siegel Herzog Otto des Kindes ver- 
sehen ist, wenn es, wie der letzte Herausgeber ^ und andere mit ihm 
angenommen haben, ins Jahr 1227 gehörte. Doch sind gegen diese 
Ansetzung neuerdings überzeugende Gründe geltend gemacht worden, 
und es ist vielmehr eine Entstehung des deutschen Textes erst nach 
1250 wahrscheinlich.^ 

Sind Stücke, wie diese, keine eigentlichen Urkunden, so ist da- 
gegen das Mainzer Landfriedensgesetz Friedrichs II. vom August 1235 
wirklich in urkundliche Form gebracht worden. Allerdings hat man 
die in der Kauzlei hergestellte, offizielle und mit den üblichen ür- 
kundenformeln ausgestattete Ausfertigung dieses Landfriedens noch in 
lateinischer Sprache abgefaßt.'* Aber wie eine neuere Untersuchung^ 
nachgewiesen hat, ist dieser lateinische Text nicht der ursprüngliche, 
sondern teils Bearbeitung, teils Übersetzung eines älteren deutschen 
Textes, der während der Reichstagsverhandlungen über das Gesetz ent- 
standen ist. Und eben dieser deutsche Text*^ ist dann mit nicht sehr 
erheblichen Veränderungen wenige Tage später auf Grund einer offi- 
ziellen und wohl gleichfalls in der Kanzlei erfolgten Niederschrift, die 



* Ambesten gedruckt bei Müllenhoff und Scherer, Denkmäler P, S. 321 
n. 100. Or. im Staatsarchiv zu Magdeburg. — In Köln finden sich schon am 
Ende der fünfziger Jahre des 12. Jahrhunderts in der Laureuzpfarre Schreins- 
eintragungen, bei denen der Schreiber von der lateinischen in die deutsche 
Sprache übergeht, vgl. Hüniger, Schreinsurkundeu 1, 215. 

* Hänselmann, ÜB. Brauuschweig 1, 3. 

* Vgl. Fbensdokff, Über das Alter niederdeutscher Rechtsaufzeichnungen, 
Hans. Geschichtsbl. 6, 117 ff. Die ältesten schon ursprünglich deutsch ab- 
gefaßten Stadtrechtsaufzeichnungen sind nach Wäckeunagel und Frensdorfp 
das für Uhringen von 1253, das Basler Bischofs- und Dienstniannenrecht von 
1260—1262, die Rechtsmitteilung von Magdeburg nach Breslau von 1261 
(mitteldeutsch). 

^ Beste Ausgabe von Weiland, MG. Const. 2, 241 n. 196. 

'" Zeumer, Zeitschr. der Savignystiftung für Rechtsgesch. 36 (Germ. 23), 
61 ff. Derselbe, NA. 28, 437 ff. 

® Aus den verschiedenen Überlieferungen hat ihn Zecmer, NA. 28, 443 ff., 
hergestellt. Diese Ausgabe ist mit einigen Verbesserungen wiederholt MG. 
Const. 3, 275 ff. und (mit dem lateinischen Text) in Zeü.mer8 Quellensammlung 
zur Gesch. der deutschen Reichsverfassung ^ S. 68 ff. 

Breßlau, Urkundenlehre. 2. Auli. II. 25 



386 VulgärspracJien in den Urkunden. Deutsch 

allerdings der den Urkunden eigentümlichen Eingangs- und Schluß- 
formeln entbehrt haben muß, aber doch wohl irgendwie beglaubigt 
gewesen sein wird, in Mainz amtlifii bekannt gemacht worden.^ Fürsten 
und Stände verschaflfteu sich Abschriften des publizierten deutschen Textes; 
bald nachher, 1236 oder noch 1235, ließ Herzog Friedrich IL von 
Österreich diese deutsche Fassung zu einem österreichischen Landes- 
gesetze umarbeiten,- und der Vorgang war von solcher Bedeutung, 
daß auch in der Folge für die Landfriedensurkunden sehr bald die 
deutsche Sprache die vorherrschende wurde.^ 

Abgesehen von diesen, ist die älteste datierte deutsche Einzel- 
urkunde, die sich im Original erhalten hat,* ein Diplom Konrads IV. 
vom 25. Juli 1240, durch das ein Vergleich zwischen der Stadt Kauf- 
beuren und einem Herrn von Kemeuathen bestätigt wird.^ Auch 



' Chron. reg. Colon. 123.5: tibi {Maguntiae) f&re omnibuf: principibus reffni 
Teutotiici convenientibus pax iuratur, cetera iura stabiiiuiitur, nova statuuntur 
et Teutonico sermone in membrana scripta omnibus publicantur. Über die Aus- 
legung dieses Zeugnisses kann kein Zweifel bestehen. 

- Vgl. LüscHiN V. Ebexgrecth, NA. 25, 541 ff., und dazu Zeümer, Zeitschr. 
der Savignystiftung a. a. 0. S. 85 f. 

' Der bayrische Landfrieden von 1244 (MG. Const. 2, 570 n. 427) ist 
zwar noch lateinisch; aber auch von ihm muß es eine deutsche amtliche Aus- 
fertigung gegeben haben; im §33 heißt es: nidlus iudex iudicio sine prescripta 
forma presideat, und über for??ia ist übergeschrieben „tkeuionice^^. Im Strau- 
binger Landfrieden von 1256, der in deutscher Fassung erhalten ist (MG. 
Const. 2, 596 n. 438), wird in § 32 entsprechend gesagt: ez sol chain richter 
an dem gorihte sitzen, er hab den frid teusche bi im gescriben. Deutsch 
ist ferner der österreichische Landfrieden Ottokars von 1254 (MG. Const. 2. 
604 n. 440; über die Datierung s. Dopscn, MIÖG. 19, 160ff.); und als originale 
Kanzleiausfertigungen sind uns erhalten in zwei Exemplaren der bayrische" 
Landfrieden Rudolfs von Habsburg von 1281 (MG. Const. 3, 268 n. 278), 
in einem sein rheinischer Landfrieden aus dem gleichen Jahre (ebenda S. 280 
n. 280), während von dem fränkischen Landfrieden wiederum des gleichen 
Jahres nur Abschriften vorliegen (ebenda S. 280 n. 279); in sechs Original- 
ausfertigungen endlich besitzen wir den allgemeinen Landfrieden von 1287 
(ebenda S. 370 n. 390). Diese rudoltinischen Landfrieden gehen mit Ausnahme 
des bayrischen auf den Friedrichs IL von 1235 zurück. 

* Der von W. v. Mülinen (Anzeiger f. Schweizer. Gesch. 5 [1888], 230) 
publizierte Vertrag zwischen den Gebrüdern Ludwig, Johann und Konrad 
von Mülinen, angeblich aus dem Jahre 1221, ist in Wirklichkeit hund«'rt Jahre 
jünger, vgl. Seemüller, MIÖG. 17, 310 ff. 

5 BF. 4427, Faksimile KUiA. Lief. VI, Taf. 19. — Ist aber das Stück 
wirklich in der Kanzlei geschrieben? Nach PiriLippi, KUiA. Test S. 140, sollen 
noch andere Urkunden von demselben Schreiber herrühren, aber er selbst hat 
seine Notizen über Diplome Konrads IV. als „zum Teil flüchtig" bezeichnet 
und a. a. 0. hervorgehoben, daß die Invokation (vgl. aber dagegen BF. 4443) und 



Ausbreitung der deutschen Sprach p in den Urkunden 387 



datierte Privaturkundeu iu deutscher Sprache sind vor dieser Zeit 
nicht nachweisbar; was man früher als solche angesehen hat, ins- 
besondere eine Urkunde des Grafen Rudolf von Habsburg von 1217, 
die lange als das älteste Dokument in deutscher Sprache galt, hat 
sich als späte Übersetzung erwiesen. Nur ein einziges Originaldoku- 
ment, ein Teiluugsvertrag zwischen den Grafen Albrecht IV. und Ru- 
dolf III. von Habsburg, dem die Daten fehlen, kann dem erwähnten 
Diplom Konrads IV. den Rang streitig macheu und ist wahrsclieinlich 
eine Anzahl von Monaten älter als jenes. ^ 

Der Gebrauch der deutscheu Sprache iu den Urkunden hat sich 
dann iu den nächsten zwei Jahrzehnten nur sehr zögernd verbreitet, 
in Süd- und Westdeutschland aber noch etwas schneller, als im 
Norden und im Osten des Reiches. • Die Grenzlande gehen auch hier 
voran :^ aus der Grafschaft Holland haben wir städtische Keuren für 
Gravezande und Middelburg von den Jahren 1246 und 1204, aus 
Flandern eine Urkunde der Schöffen von Bouchaute von 1249,^ aus 
dem niederrheinischen Gebiet einen Vertrag der Erzbischöfe von K(')ln 
und Trier mit dem rheinischen Pfalzgrafen von 1248; die älteste deutsche 
Urkunde des Elsaß stammt aus dem Jahre 1261; in der Schweiz ist in der 
Gegend von Zürich schon 1248 deutsch geurkuudet worden, und 1251 
haben Luzern und Bern einen deutsch abgefaßten Vertrag ab- 
geschlossen. In Schwaben beginnen die deutschen Urkunden mit 
einem Vertrage zwischen dem Bistum Konstanz und den Herren von 
Lupfen vom Jahre 1251;^ in Bayern dagegen — abgesehen von zwei 



die von der Norm abweichende Schreibung des Königsnamens auffällig seien. 
Vgl. auch Väncsa S. 78 N. 6, der meinen schon in der ersten Auflage dieses 
Werkes ausgesprochenen Zweifel teilt, ohne ihn zu erwähnen. 

^ Kopp, Geschichtsbl. aus der Schweiz 1, ö3, mit Faksimile; Fontes rer. 
Beraensium 2, 181. Hier wird mit Kücksicht auf die Besiegclung die Zeit vom 
Februar 1238 bis März 1239 als Entstehungszeit angenommen. Dagegen ist die 
mehrfach, vgl. zuletzt Socin, Schriftsprache und Dialekte S. 51 N. 2, angeführte 
Augsburger Verkaufsurkunde aus der Zeit Bischof Embrichos (1063 — 1077; die 
Angabe bei Socin „vom Jahre 1070" ist ungenau) offenbar nur Übersetzung, 
wenngleich alt. 

- Ich folge im nachstehenden den Zusammenstellungen bei Vancsa S. 27 ff., 
wo auch die P>elege gegeben sind; doch vgl. N. 3. 

* Serrure, Geschiedeuis der Nederlandsche en Fraansche letterkunde iu 
het graafschap Vlaauderen (Gent 1855) S. 88; Faksimile im Album Beige de 
diplomatique pl. 28. Dies Stück ist Vancsa entgangen. 

* Eine Anzahl deutscher Urkunden aus Schwaben seit 1253 hat neuer- 
dings F. Wilhelm in den Münchener Texten Heft 4 (München 1912) heraus- 
gegeben. 

25* 



388 Ausbreitung der deuisclien Sprache in den Urkunden 

vereinzelt diistehenden Füllen aus den fünfziger Jahren — erst 
zwanzig Jahre später; in Österreich — wiederum abgesehen von einem 
vereinzelten Falle des Jahres 1248 — seit 1263. Auch der fränki- 
sche Mittelrhein bleibt etwas zurück; hier hat man erst etwa seit 1270 
angefangen deutsch zu Urkunden, während im östlichen Franken wie 
in Thüringen Urkunden in der Landessprache erst im letzten Jahr- 
zehnt des 13., in Meißen und Obersachsen — mit Ausnahme von 
Freiberg, das um einige Jahre vorangeht — sogar erst im Anfange 
des 1 4. Jahrhunderts auftreten. Westfalen hat aus dem Ende des 

13. Jahrhunderts nur ein vereinzeltes Beispiel einer deutschen Urkunde 
aufzuweisen, häufiger werden solche erst mit den dreißiger Jahren des 

14. Jahrhunderts. Norddeutschland endlich ist, abgesehen von den 
braunschweigischen, brandenburgischen und mecklenburgischen Ge- 
bieten, wo einige deutsche Urkunden schon im letzten Jahrzehnt des 
13. Jahrhunderts auftreten, im allgemeinen erst im folgenden Jahr- 
hundert langsam und zögernd zur Anwendung der deutschen Ur- 
kundensprache übergegangen. In Süd- und Westdeutschland etwa um 
1300, in Mitteldeutschland um 1330, in Niederdeutschland um 1350 
ist der Sieg der deutschen Urkundensprache gegenüber der lateini- 
schen entschieden.^ 

Aus der Reichskanzlei sind deutsche Urkunden nach jenem Diplom 
Konrads IV. erst wieder unter Eudolf von Habsburg hervorgegangen.^ 
Unter ihm sind außer Landfriedensinstrumenten und königlichen Hof- 
gerichtsurkunden insbesondere Stadtrechtsprivilegien sowie Sühnen und 
Schiedssprüche in deutscher Sprache ausgestellt worden, d. h. also 



' Vgl. Vancsa S. 104. — Über die Einführung der deutschen Sprache 
als Geschäftssprache bei den kölnischen Schreinen vgl. Keussen, Mitteil, aus 
d. Stadtarchiv von Köln 15, 45 ff. 

^ Ausnahmslos in deutscher Sprache abgefaßt sind seit Rudolf die Ur- 
kunden des königlichen Hofgerichts; und es mag damit vielleiclit zusammen- 
hängen, daß Johann von Victring (ed. Schneider, 1, 269) behauptet, Rudolf habe 
bestimmt quod propter eo?n)nunem intelligencAani obsciire latinitatis privilegia 
et litter e de cetero vulgariter conscribantur ; quod patet ex eo, quod ante sua 
tempora nulle littere vulgariter Scripte rcperimiiur de negociis vel contractibus 
quibuscunique. Vgl. in der Rezension A (Schneider a. a. 0. S. 221): decretum 
in hiis curiis (von 1275) fuit, ui privilegia vulgariter conscribantur, quia lati- 
nitatis difßcultas prrures et dubia maxima pariebat et laycos decipiebat. Wenn 
auch die Nachricht in dieser Allgemeinheit zweifellos irrig ist, so wäre doch 
nicht ganz unmöglich, daß die Anwendung der deutschen Sprache in den Ur- 
kunden des Hofgerichts auf einer Anordnung des Königs beruhte. Sciineidek 
a. a. 0. S. 221 N. 4 meint, Johann habe an Ottokar v. 13101 ff. (MG. Deutsche 
Chroniken 5, 173 f.) gedacht, der Rudolf sich gegen den Gebrauch der lateini- 
schen Sprache auf dem Reichstage erklären läßt. 



Ausbreitung der deutschen Sprache in den Urkunden 389 

solche Stücke, die unter dem Einfluß von privaten Vorurkuiiden 
standen oder auf deren Abfassung die Empfänger, sei es durch Her- 
stellung des Diktats, sei es durch Anfertigung auch der Reinschrift, 
die dann in der Kanzlei nur besiegelt wurde, einwirkten. Dazu kamen 
dann Pfandbriefe, Kaufl)riefe und andere Urkunden über einfache 
Eechtsgeschäfte, und allmählich dehnte sich die Anwendung der deut- 
schen Sprache auf eine immer größere Zahl von Urkunden aus, so 
daß schon unter Albrecht fast in allen Gruppen von Königsurkunden 
deutsch geschriebene vorkommen. Ein bemerkenswerter, aber leicht 
erklärlicher Rückschritt trat un